Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Karl Marx
Ein Meeting
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 141 vom 24. März 1855]
London, 20. März. Der "Morning Advertiser" hatte seit Monaten
daran gearbeitet, eine Agitationsgesellschaft unter dem Namen
"Nationale und konstitutionelle Assoziation" ins Leben zu rufen
zum Behufe des Sturzes des oligarchischen Regimes. Nach vielen
Vorarbeiten, Aufrufen, Subskriptionen etc. war endlich für ver-
gangenen Freitag ein öffentliches Meeting nach London Tavern zu-
sammenberufen. [110] Es sollte der Geburtstag der neuen vielange-
kündigten Assoziation sein. Lange vor Eröffnung des Meetings war
die große Halle dicht mit Arbeitern besetzt, und die selbstge-
wählten Führer der neuen Bewegung, als sie endlich erschienen,
fanden nur mit Mühe Platz auf der Plattform. Herr James Taylor,
zum Präsidenten ernannt, verlas Briefe von Layard, Sir de Lacy
Evans, Wakley, Sir James Duke, Sir John Shelley und andern, die
ihre Sympathien mit den Zwecken der Assoziation versicherten,
gleichzeitig aber die Einladung, persönlich zu erscheinen, unter
verschiedenen Vorwänden ablehnten. Dann Verlesung einer "Adresse
an das Volk". Schlaglichter werden darin geworfen auf die Krieg-
führung im Orient und die Ministerialkrisis. Folgt die Erklärung,
"daß praktische Männer von jeder Klasse, b e s o n d e r s
a b e r d e r M i t t e l k l a s s e, die nötigen Attribute
zur Übernahme der Regierung besitzen".
Diese ungeschickte Anspielung auf die besondern Ansprüche der
Mittelklasse ward mit lautem Zischen empfangen.
"Der Hauptzweck dieser Assoziation", heißt es weiter, "wird sein,
das aristokratische Monopol der Regierungsgewalt und Stellen zu
zerstören, das so unheilvoll für die besten Interessen des Landes
ist. Zu den Nebenzwecken gehöre die A b s c h a f f u n g d e r
g e h e i m e n D i p l o m a t i e. Es werde die besondere
Mission der Gesellschaft sein, sich an
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die Wahlbürger des Vereinigten Königreichs zu wenden und sie zu
warnen, sorglich zuzusehen, welchen Händen sie die Hilfsquellen
und Freiheiten des Landes anvertrauten und namentlich ihre Stim-
men dem Scheinwesen der Aristokratie und des Reichtums und ihren
Kreaturen nicht ferner zu geben."
Herr Beales erhob sich hierauf und befürwortete in ausführlicher
Rede den ersten Antrag:
"Der gefährliche Stand der öffentlichen Angelegenheiten und die
offenbare Hoffnungslosigkeit jeder Besserung unter dem gegenwär-
tigen oligarchischen System, das die Funktionen der Regierung
usurpiere, Stellen und Privilegien monopolisiere, Schmach und Un-
glück dem Land zuziehe, ernötigten eine Vereinigung des Volkes,
um die Fortdauer des alten Systems zu brechen... Es solle daher
eine Gesellschaft gebildet werden unter dem Namen der Nationalen
und konstitutionellen Assoziation."
Herr Nicholay, eins der Lichter von Marylebone, unterstützte den
Antrag. Ebenso Apsley Pellatt, Parlamentsmitglied:
"Das Volk werde an sein Werk der Regierungsreform gehen mit der
Bestimmtheit, Mäßigung, Ausdauer und Entschlossenheit der Ironsi-
des 1*) des Cromwell. Die Wahlkörper von England hätten es in ih-
rer eignen Hand, jeden Mißbrauch zu berichtigen, wenn sie sich
entschlössen, ehrliche Männer g r a t i s ins Parlament zu
schicken; aber sie könnten nie erwarten, ehrlich repräsentiert zu
sein, wenn ein Mann wie Lord Ebrington nur zu einem Kostenbelauf
von 5000 Pfd. St. von Marylebone ins Parlament käme, während sein
unglücklicher Rivale 3000 Pfd. St. gespart hätte."
Herr Murrough, Parlamentsmitglied, trat nun vor, war aber nach
beträchtlicher Opposition gezwungen, Platz zu machen dem George
Harrison (Arbeiter und Chartist von Nottingham).
"Diese Bewegung", sagte Harrison, "sei ein Versuch der Mittel-
klasse, die Regierung in ihre eignen Hände zu bekommen, unter
sich Stellen und Pensionen zu verteilen und eine schlimmere
Oligarchie ins Leben zu rufen als die jetzt bestehende."
Er verlas dann ein Amendement, worin er gleichmäßig die Grund-
und Geldaristokratie als Feinde des Volks denunzierte und er-
klärte, das einzige Mittel, die Nation zu regenerieren, sei die
Einführung der Volks-Charte [77] mit ihren 5 Punkten: allgemeines
Stimmrecht, Abstimmen durch Kugeln, gleiche Wahldistrikte, jähr-
liche Parlamente, Wegfallen der Eigentumsqualifikation.
Ernest Jones (der Chartistenchef, einer hocharistokratischen Fa-
milie angehörig) unterstützte das Amendement und bemerkte u.a.:
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1*) (eisenfeste Männer; hier:) eisernen Dragoner
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"Das Volk würde seine eigne Position zerstören, unterstützte es
diese Bewegung der Mittelklasse, sich der Macht und der Stellen
zu bemächtigen. Auf der Plattform befänden sich zweifelsohne
viele hungrige Premierminister" (cheers 1*)), "viele Stellenjäger
in partibus 2*)" (cheers). "Das Volk müsse sich jedoch nicht al-
liieren mit den Brights und den Cobdens und den Geldinteressen.
Nicht die Grundaristokratie, sondern das Geldinteresse habe sich
einem humanen Fabrikgesetze widersetzt, habe die Bill gegen die
stoppage of wages (Abzüge vom nominellen Arbeitslohn) verworfen,
habe das Durchgehen eines guten Assoziationsgesetzes verhindert,
und es sei das Geld- und Fabrikinteresse, die vor allem das Volk
niederzuhalten und zu entwürdigen strebten. Er seinerseits sei
jeden Augenblick bereit, sich einer Bewegung anzuschließen, deren
Zweck, den Einfluß des Herzogs von Devonshire etc. zu brechen,
aber er wolle es nicht tun, um in ihre Stelle den des Herzogs von
Fabrikstaub und die Lords von der Spindel zu setzen." (Cheers und
Gelächter.) "Man habe gesagt, die Arbeiterbewegung, die Charti-
stenbewegung sei tot. Er erkläre hier den Herren Reformern von
der Mittelklasse, daß die Arbeiterklasse lebendig genug sei, um
jede Bewegung zu töten. Sie würden der Mittelklasse nicht erlau-
ben, sich zu bewegen, falls sie sich nicht entschließe, die
Volks-Charte und deren 5 Punkte in ihr Programm aufzunehmen. Sie
soll sich nicht selbst täuschen. Eine Wiederholung der alten Täu-
schungen sei außer Frage."
Nach einiger weitern Diskussion, mitten unter beträchtlichem Auf-
ruhr, versuchte der Präsident, sich des Amendements zu entledigen
durch die Erklärung, es sei kein Amendement; er sah sich jedoch
veranlaßt, seinen Entschluß zu ändern. Das Amendement wird ge-
stellt und ging durch mit einer Majorität von wenigstens 10 zu 1,
unter lautem Beifallsruf und Schwenken der Hüte. Der Präsident,
nachdem er erklärte, das Amendement sei durchgegangen, konsta-
tierte unter lautem Gelächter, er glaube nach wie vor, die Majo-
rität der gegenwärtigen Personen sei für Gründung der
"Konstitutionellen und nationalen Vereinigung". Sie werden daher
mit ihrer Organisation vorangehen und später einen andern Appell
ans Publikum richten - andeutend, obgleich versteckt, daß, um
künftig Opposition zu vermeiden, nur mit Mitgliedschaftskarten
versehene Personen zugelassen würden. Die Chartisten, im besten
Humor, bekomplimentierten den Präsidenten mit einem Dankvotum,
und das Meeting trennte sich.
Man kann nicht leugnen, daß die Logik auf Seite der Chartisten,
selbst vom Standpunkt der öffentlich proklamierten Prinzipien der
Assoziation, war. Sie will die Oligarchie stürzen. Durch Appell
vom Ministerium an das Parlament. Aber was ist das Ministerium?
Die Kreatur der parlamentarischen Majorität. Oder sie will das
Parlament stürzen durch Appell an die Wahlkörper.
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1*) Beifall - 2*) ohne Amt
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Aber wer ist das Parlament? Der freigewählte Repräsentant der
Wahlkörper. Bleibt also nur Erweiterung der Wahlkörper. Verwei-
gert man, sie durch Annahme der Volks-Charte zu den Dimensionen
des Volkes selbst auszuweiten, so gesteht man, daß man die alte
Aristokratie durch eine neue zu ersetzen strebt. Der bestehenden
Oligarchie gegenüber möchte man im Namen des Volks sprechen;
zugleich aber vermeiden, daß das Volk in eigner Person erscheint,
wenn man es ruft.
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