Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Karl Marx
Mitteilungen aus der englischen Presse
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 139 vom 23. März 1855]
London, 20. März. Der Herzog von Newcastle verordnete die Rückbe-
rufung Lord Lucans; Lord Panmure veröffentlichte Raglans Schrei-
ben gegen ihn, und Lord Hardinge, der fabelhafte Connetable 1*)
der englischen Armee, verweigerte ihm Untersuchung und Kriegsge-
richt. Trotz der Opposition zweier Ministerien, des Oberfeldherrn
in der Krim und des Chefs der Horse Guards [38] zu London, bewies
Lord Lucan durch seine gestrige, ausführliche Auseinandersetzung
im Hause der Lords, daß nicht er, sondern Raglan allein für das
Opfer der leichten Kavallerie bei Balaklawa [3] verantwortlich
und daß die Ministerien Aberdeen und Palmerston, um den gefügi-
gen, schwachsinnigen und lenkbaren Feldherrn in der Krim zu ret-
ten, dem Mißvergnügen des Publikums Lord Lucan als Beute hinwar-
fen. Das öffentliche Ungeheuer mußte abgespeist werden. Entschei-
dend in dieser Frage ist ein halb vollendeter Brief, gefunden auf
der Leiche des Generals Cathcart, gerichtet an seine Gemahlin und
datiert vom 2. November, 3 Tage vor der Schlacht bei Inkerman
[111] und 8 Tage nach der Kavalleriecharge bei Balaklawa. In die-
sem Briefe heißt es wörtlich:
"Weder Lord Lucan noch Lord Cardigan waren zu tadeln, sondern um-
gekehrt, denn sie gehorchten Befehlen."
Die "Times" in einem Artikel über die Wiener Konferenzen [30],
läßt heute die charakteristische Randglosse fallen, daß, sollte
der Kongreß ernst werden, die Hauptschwierigkeiten von türkischer
Seite zu gewärtigen [seien]. Dem Sultan, nicht dem Zar, würden
innerhalb der Grenzen der vier Punkte [8] die Hauptkonzessionen
abzupressen sein.
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1*) Konnetabel, (Kron)feldherr
#140# Karl Marx
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Vorgestern mystifizierte die "Times" ihr Publikum wieder einmal
mit der "authentischen" Anzeige, daß vor dem 19. März die große
Kanonade und der schließliche Sturm auf Sewastopol zweifelsohne
stattgefunden. Woher diese plötzliche Wendung von verzweifelnder
Hoffnungslosigkeit zu sanguinischem Aberglauben? Die "Times" be-
gann ihren Krimfeldzug gegen die gestürzte Koalition und ihr
"Ceterum censeo", daß ein Untersuchungskomitee not tue, in dem-
selben Augenblicke, wo Gladstone ihr Monopol bedrohte durch den
Vorschlag, die Stempelsteuer abzuschaffen und das Gewicht der
Zeitungen, die für einen Penny durch die Post befördert werden
sollten, auf 4 Unzen zu beschränken - weniger als das Gewicht ei-
nes Exemplars der "Times" beträgt. Sobald Gladstone gestürzt war,
nahm sein Nachfolger, Sir G[eorge] C[ornewall] Lewis, die Bill
zurück, und die "Times", hoffend, er werde alles beim alten be-
lassen, verwandelte plötzlich ihre schwarzgallige Ansicht von der
Krim in ein bewegliches Panorama, strahlend von Hoffnung in Er-
folgen, und worin selbst die Armee wieder agiert, deren Leichen-
rede sie vor drei Monaten hielt. Heute ist ihre Ansicht wieder
verdüstert, weil gestern Sir G.C. Lewis wider alle Erwartung
ebenfalls eine Bill zur Abschaffung der Zeitungsstempelsteuer
eingebracht hat. Haß des retrospektiven Revueschreibers gegen
frische Neuigkeiten! ruft die "Times" aus. Lewis war bekanntlich
Herausgeber der "Edinburgh Review".
Wir kommen auf die Bill zurück, sobald sie im Detail dem Unter-
hause vorliegt, bemerken aber einstweilen, daß sie ein Zugeständ-
nis an die Manchester School [45] der das Verdienst bleibt, uner-
müdlich für Durchführung der freien Konkurrenz im Gebiet der
Presse agitiert zu haben. Die Konzession des Ministeriums Palmer-
ston an die Manchester School ist eine Captatio benevolentiae für
den Fall der Auflösung des Unterhauses und parlamentarischer Neu-
wahlen.
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