Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       Karl Marx
       
       Aus dem Parlamente - [Debatten über Preußen im Haus der Lords]
       
       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 141 vom 24. März 1855]
       London, 21.  März. In  der gestrigen Sitzung des Hauses der Lords
       brachte Lord  Lyndhurst, der alte Kollege von Liverpool und Cast-
       lereagh, seine  längst angekündigte  Motion "über  das Verhältnis
       Preußens zur  Wiener Konferenz [30]" vor. Zwei Umstände, bemerkte
       er, hätten  in letzter  Zeit dieser Frage neues Interesse verlie-
       hen: Die  Botschaft des  sterbenden Kaisers  von Rußland  an  den
       preußischen Hof,  das  Manifest  Alexanders  II.,  worin  er  die
       Politik Peters,  Katharinens, Alexanders  und  seines  Vaters  zu
       vollenden verspricht.  Wie Rußland  selbst die preußische Politik
       auffasse, möge man aus folgenden Auszügen einer geheimen Depesche
       ersehen, die  Pozzo di  Borgo kurz  vor Ausbruch  des Krieges von
       1828/29 an Nesselrode gerichtet. Es lautet hier u.a.:
       
       "Wenn Rußland zu Zwangsmaßregeln gegen die Türkei greife, sei al-
       ler Grund, zu glauben, daß Preußen ihm in keiner Weise opponieren
       werde, sondern  umgekehrt, Preußens  Haltung, zugleich  frei  und
       freundlich, wird  als mächtiges Hindernis auf andere Staaten wir-
       ken und  sie zur  Annahme von Resultaten bringen entsprechend der
       Würde und  den Interessen  Rußlands. Es  wird notwendig sein, das
       Berliner Kabinett zu einem gewissen Umfang in dieses Vertrauen zu
       ziehen und  es zu  überzeugen, daß die Rolle, die wir Preußen an-
       weisen, dazu  beitragen wird, die glückliche Vertraulichkeit zwi-
       schen den beiden Souveränen und den beiden Höfen zu vermehren."
       
       War es  möglich, ruft  Lyndhurst aus, in mehr prophetischem Geist
       die Richtung zu antizipieren, die der preußische Hof in den letz-
       ten 6  oder 12  Monaten verfolgt hat? Preußen habe allerdings die
       Protokolle vom  5. Dezember,  13. Januar  und 9.  April mitunter-
       zeichnet. Der Zweck dieser Protokolle war, die Räumung der Donau-
       fürstentümer herbeizuführen und Garantien zum Schutz der Unabhän-
       gigkeit des Sultans und der Integrität
       
       #142# Karl Marx
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       der Türkei zu erhalten. Habe der preußische Hof diesem Zwecke ge-
       mäß gehandelt?  Bei Gelegenheit  der Anleihe  von  30  Millionen]
       T[a]l[e]rn für militärische Operationen habe Baron Manteuffel er-
       klärt: Preußen  habe seine  Meinung über die russische Politik in
       den obenerwähnten Protokollen dahin ausgesprochen, daß ein großes
       Unrecht begangen  worden; aber es betrachte sich nicht verpflich-
       tet, weiterzugehen  und aktiv teilzunehmen. Sei diese Sprache die
       einer großen  Nation? Und sei Preußen nicht zum Schutz der Türkei
       ausdrücklich verpflichtet  durch die  Verträge von 1840 und 1841?
       Baron Manteuffel  habe hinzugesetzt,  die Unabhängigkeit Deutsch-
       lands oder  deutscher Interessen  seien nicht in dem Zwist invol-
       viert und Preußen daher nicht verpflichtet, irgendwelche Opfer zu
       bringen. Baron Manteuffel habe aber selbst in einem anderen Doku-
       mente das Gegenteil konstatiert. Übrigens, wenn der Zar sich ein-
       mal Konstantinopels bemächtigt, werde es überflüssig sein, ferner
       von deutscher  Unabhängigkeit und  deutschen Interessen  zu spre-
       chen. Sie  müßten dann  einer  überwiegenden  Macht  unterliegen.
       Nachdem Lord  Lyndhurst dann  noch angespielt  auf die Entlassung
       des Kriegsministers  Bonin, auf  des Gesandten Bunsen Zurückberu-
       fung von  London und  auf das  Abwehren einer Antwortsadresse der
       preußischen Kammern  auf die  Thronrede, kommt er "zu dem zweiten
       Akt dieses  politischen Dramas". Nach Verlauf einer geraumen Zeit
       habe Österreich  für geeignet  gehalten, von  Rußland die Räumung
       der Donaufürstentümer zu fordern. Diese Forderung ward aufgesetzt
       und nach  Berlin zum  Unterzeichnen geschickt.  Von Berlin wurden
       Gegenvorschläge nach  Wien gesandt,  durchaus unzureichend,  aber
       Zeitverlust verursachend,  sofern sie  den Alliierten zur Prüfung
       mitgeteilt werden  mußten. Rußland unterdes habe die Fürstentümer
       geräumt, jedoch  einen Teil aus militärischen Gründen besetzt ge-
       halten und erklärt, sich ganz auf der Defensive halten zu wollen.
       Preußen habe  sich dann von der Konföderation zurückgezogen, weil
       Rußland allen vernünftigen Ansprüchen genügt habe. Von diesem Au-
       genblicke habe Preußen alles aufgeboten, die Pläne Österreichs zu
       vereiteln. Zu  diesem Behuf  habe es, großenteils mit Erfolg, dem
       Bundestag und den einzelnen deutschen Staaten Vorschläge gemacht.
       Zur selben  Zeit dankte Rußland zwei deutschen Staaten öffentlich
       für ihre  Weigerung, sich den Alliierten anzuschließen. Er (Lynd-
       hurst) komme  jetzt zum  dritten und  letzten Akt des Dramas. Die
       Alliierten hätten  eine Zusammenkunft  für den  8. August zu Wien
       festgesetzt gehabt, um zu entscheiden, was von Rußland als Grund-
       lage jeder  vorläufigen Negotiation zu verlangen [sei]. Da sei in
       der herkömmlichen  Weise Preußen  Anzeige gemacht  und diese mehr
       als einmal  wiederholt worden.  Preußen habe  nicht  ausdrücklich
       verweigert, beizuwohnen, in der Tat sich aber nicht bei der
       
       #143# Aus dem Parlamente - Debatten über Preußen
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       Konferenz eingefunden.  Infolge seiner Abwesenheit hätten die Al-
       liierten, statt  ein Protokoll aufzusetzen, eine Note unterzeich-
       net, die  als Grundlage  künftiger Unterhandlung  die vier Punkte
       [8] niedergelegt.  Diese vier  Punkte seien  dann Rußland zur An-
       nahme vorgelegt  worden, das  verweigert, sie anzunehmen. Preußen
       seinerseits veröffentlichte  und zirkulierte  ein Dokument, worin
       es Einwendungen gegen die vier Punkte erhob. Ebenso fuhr es fort,
       auf dem  Bundestag und  bei den einzelnen deutschen Höfen den An-
       schluß der  kleinen deutschen  Staaten an  die Alliierten zu hin-
       dern. Nach  Abschluß des  Vertrags vom 2.Dezember'7) wird Preußen
       mitgeteilt, daß  Raum für seine Adhäsion gelassen worden. Preußen
       schlug ab,  beizutreten, erklärte  sich aber  bereit, abgesondert
       ähnliche Verträge  mit Frankreich und England einzugehen. Von dem
       Augenblicke, wo  letztere diesen  Vorschlag annahmen,  habe es in
       verschiedenen Negotiationen  und verschiedenen  Vorschlägen zahl-
       lose  Modifikationen   verlangt,  von   denen  sicher   war,  daß
       Frankreich und  England sie verwerfen mußten. Wenn er (Lyndhurst)
       von  Preußen  spreche,  so  meine  er  das    o f f i z i e l l e
       Preußen. Er  wisse, daß die preußische Nation der großen Mehrzahl
       nach antirussisch  gesinnt sei.  Unbegreiflich sei,  wie Preußen,
       nachdem es  verweigert, dem  Vertrag vom 2. Dezember beizutreten,
       verlangen könne, zu den Wiener Verhandlungen zugezogen zu werden.
       Er hoffe,  die alliierten  Mächte würden  unter  keinem  Vorwande
       einen  preußischen   Geschäftsführer   zulassen.   Geschehe   das
       Gegenteil, so  würde Rußland  statt einer  zwei Stimmen  auf  dem
       Wiener Kongreß  besitzen.  Die  preußische  Diplomatie  sei  seit
       Friedrich dem  Großen unveränderlich  geblieben. Er  erinnere  an
       1794, an  die Zeit  kurz vor und nach der Schlacht von Austerlitz
       etc.
       Lord Clarendon:  Er wolle  sich darauf beschränken, einige Lücken
       auszufüllen in  bezug auf  die Mitteilungen, die zwischen England
       und Preußen  stattgehabt. Nachdem  das russische Kabinett die Be-
       dingungen der  Alliierten verworfen, wurde eine Konferenz der re-
       spektiven Bevollmächtigten zusammengerufen, die indes nicht abge-
       halten werden  konnte, weil  der Repräsentant der preußischen Re-
       gierung nicht  beiwohnen wollte. Später habe ihm zwar der preußi-
       sche Gesandte  zu London erklärt, seine Regierung wolle ihrem Be-
       vollmächtigten  in   Wien  die   verlangte  Erlaubnis  geben.  Er
       (Clarendon) habe jedoch erklärt: "Es sei zu spät." Die Korrespon-
       denz zwischen  Preußen und  Österreich habe  Rußland gedient. Vor
       der Zeichnung des Vertrages vom 2. Dezember sei Preußen schon zum
       Zutritt eingeladen  worden, aber  vergeblich. Preußen  habe  ver-
       langt, unbedingt  zur neuen  Konferenz zugelassen zu werden, weil
       sie eine  Fortsetzung der frühern Konferenz, die noch nicht been-
       digt, und  von der es sich keineswegs zurückgezogen. In bezug auf
       das letztere  verwies die  englische Regierung  auf die Tatsache,
       daß bei einer
       
       #144# Karl Marx
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       frühern Gelegenheit  keine  Konferenz  stattfinden  konnte,  weil
       Preußen nicht  beiwohnen wollte, obgleich wiederholt gebeten. Die
       neue Konferenz sei auch durchaus keine Fortsetzung der alten, da,
       als Österreich im Oktober und November Frankreich und England er-
       suchte, sie  wieder aufzunehmen,  geantwortet wurde, daß die Zeit
       für Protokolle  und Konferenzen vorbei, daß aber, wenn Österreich
       eine Kriegsverpflichtung  mit ihnen eingehe, sie zusehen wollten,
       ob Friede  ausführbar sei.  Dies habe zum Vertrag vom 2. Dezember
       geführt. Man  sei  später  bereit  gewesen,  Spezialverträge  mit
       Preußen einzugehen.
       
       "Aber Preußen  zu erlauben,  alle Privilegien in Anspruch zu neh-
       men, ohne irgendeine Gefahr zu teilen, es unbedingt zu einer Kon-
       ferenz zuzulassen,  die in  Frieden enden,  aber  auch  zu  einem
       Kriege auf  größerer Stufenleiter  führen kann, ohne seine Erklä-
       rung, was seine Absichten oder seine Politik, ohne daß es mit uns
       eine unmittelbare  oder eventuelle  Verbindung eingeht,  ohne  zu
       wissen, ob  es in  die Konferenz  kommt als  Neutraler, als Feind
       oder als Freund - das ist absolut unmöglich."
       
       Die später von Preußen abgesandten Spezialmissionen seien in Lon-
       don und  Paris gleich freundlich aufgenommen worden, hätten indes
       bisher zu  nichts geführt.  Indes betrachte  er die Verhandlungen
       nicht als  abgebrochen. Erst vor drei Tagen seien neue Vorschläge
       gemacht worden. Unglücklicherweise jedoch seien die Wiener Konfe-
       renzen eröffnet  worden, während  Preußen durch seinen eignen Akt
       ausgeschlossen blieb.  Eine große  Macht wie  Preußen dürfe  sich
       nicht in engster deutscher Verschlossenheit halten. Man habe wie-
       derholt gegen  diese Haltung remonstriert. Die beständige Antwort
       sei, daß  Frieden die Politik Preußens. Seine Politik sei aber in
       der Tat weder "europäisch, noch deutsch, noch russisch", mehr ge-
       eignet, Österreich zu durchkreuzen, als Rußland in Schach zu hal-
       ten. Trotz  alledem könne  Preußen nicht  lange in der Isolierung
       verharren, sobald  große europäische  Interessen auf  dem  Spiele
       stehen. Es  könne nicht  auf Rußlands Seite treten im Widerspruch
       mit dem  Nationalgefühl in Preußen und Deutschland. Auf der Seite
       Rußlands gegen  Österreich wisse  es wohl, daß es in Abhängigkeit
       von ersterem  geraten werde. Es wolle nicht auf Seite Österreichs
       treten. Es  habe im  Gegenteil eine  unfreundliche Haltung  gegen
       Österreich eingenommen.
       
       "Ich sage  daher, daß  Preußen sich  in  einer  vereinsamten  und
       falschen Position  befindet. Dies  mag genugtuend  sein für seine
       Feinde, aber  es wird tief bedauert von seinen Alliierten und den
       Patrioten seiner eigenen Bevölkerung."
       
       Es würden,  versicherte er  schließlich, keine  Anstrengungen ge-
       spart werden, um Preußens Mitwirkung zu gewinnen.
       
       #145# Aus dem Parlamente - Debatten über Preußen
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       Im Unterhause interpellierte Lord W[illiam] Graham den Premiermi-
       nister:
       
       "ob der österreichische Gesandte von Lord Clarendon eine Erläute-
       rung verlangt  wegen der  von Sir  Robert Peel bei seiner Neuwahl
       geäußerten Worte,  daß kein  Abschluß der östlichen Frage befrie-
       dige ohne die Wiederherstellung von Polen und Ungarn?"
       
       Lord Palmerston,  statt irgendeiner Antwort auf diese Frage, gra-
       tulierte sich erst, daß Sir Robert Peel eine Stelle in seiner Ad-
       ministration angenommen. Was Ungarn betreffe, so wisse Österreich
       seit langem,  daß England  seine Trennung vom Kaiserstaat als ein
       großes europäisches  Unglück betrachten würde, da der Kaiserstaat
       als Gesamtkörper  im Zentrum  von Europa ein wesentliches Element
       des  Gleichgewichts   der  Mächte   sei.  Was   Polen  angehe   -
       (beträchtliches Gelächter  ward hier  erregt  durch  eine  kleine
       Pause in  Palmerstons Antwort  und die  sonderbare Art,  womit er
       seine Rede  wieder aufnahm)  -, so  sei es seine Ansicht, daß das
       Königreich Polen,  wie jetzt konstituiert und wie jetzt besessen,
       eine fortwährende  Drohung für Deutschland sei. Indes Stipulatio-
       nen wegen  einer Neugestaltung  Polens bildeten  keinen Teil  der
       Punkte, worüber  gegenwärtig in Wien verhandelt werde. Indes hät-
       ten England  und Frankreich  sich vorbehalten,  je nach Umständen
       oder den  Ereignissen des  Kriegs den  vier  Punkten,  auf  deren
       Grundlage man  jetzt unterhandle,  andre Stipulationen hinzuzufü-
       gen, die  ihnen für  die künftige  Sicherheit Europas  wesentlich
       scheinen möchten.

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