Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Friedrich Engels
Napoleons letzter Schwindel [112]
["New-York Daily Tribune" Nr. 4358 vom 7. April 1855,
Leitartikel]
"Wenn Krösus den Halys überschreitet, wird er ein großes Reich
zerstören!" Diese Antwort des Orakels von Delphi an den lydischen
König könnte jetzt mit gleicher Berechtigung Louis Bonaparte für
seine Exkursion nach der Krim mitgegeben werden. Es ist nicht das
Russische Reich, sondern sein eigenes Reich, das durch diese
Reise bestimmt ist, zerstört zu werden.
Eine außergewöhnliche, anomale Lage ruft anomale Notwendigkeiten
hervor. Jeden anderen an seiner Stelle würde man für einen Narren
halten, unternähme er diesen Ausflug, bei dem die Chancen zehn zu
eins gegen ihn stehen. Louis Bonaparte muß sich dieser Tatsache
völlig bewußt sein und ist gezwungen, dennoch zu gehen. Er ist
der Urheber der ganzen Expedition, er hat die alliierten Armeen
in ihre gegenwärtige, nicht beneidenswerte Lage gebracht und ist
vor ganz Europa verpflichtet, sie wieder herauszubringen. Es ist
seine erste militärische Tat, und von ihrem Ausgang wird sein Ruf
als General wenigstens für einige Zeit abhängen-. Für den Erfolg
der Kampagne haftet er mit keinem geringeren Pfand als mit seiner
Krone.
Es gibt außerdem weniger wichtige Gründe, die ebenfalls dazu bei-
tragen, diese gewagte Reise zu einer Staatsnotwendigkeit zu ma-
chen. Die Soldaten im Osten haben bei mehr als einer Gelegenheit
gezeigt, daß sie in ihren Hoffnungen auf militärischen Ruhm für
das neue Reich bitter enttäuscht wurden. Bei Varna und Basard-
schik wurden die Paladine des nachgeäfften Karls des Großen von
ihren eigenen Truppen mit der Bezeichnung "Affen" begrüßt. "+ bas
les singes! Vive Lamoricière!" 1*) war der Schrei der Zuaven, als
sie von S[ain]t-Arnaud und Espinasse in die bulgarische Wüste ge-
schickt
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1*) "Nieder mit den Affen! Es lebe Lamoricière!"
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wurden, um an Cholera und Fieber zu sterben. Jetzt stellen die
Truppen nicht mehr nur den Ruhm und die Popularität der verbann-
ten Generale den Kommandeuren von zweifelhaftem Ruf, die jetzt
die französische Armee führen, gegenüber. Das sonderbare Betragen
des jungen Napoleon-Jérôme, als er im Osten war [113], hat bei
den alten algerischen Soldaten das ganz andere Verhalten der
Prinzen von Orléans in Afrika wieder ins Gedächtnis gerufen, die,
was auch sonst gegen sie gesagt werden könnte, immer an der
Spitze der Truppen standen und ihre Pflicht als Soldaten erfüll-
ten. Der Kontrast zwischen dem jungen Aumale und dem jungen Napo-
leon war gewiß stark genug, um die Soldaten zu dem Ausspruch zu
veranlassen: Wenn die Orléans noch an der Macht wären, wären die
Prinzen mit uns in den Laufgräben und teilten die Gefahren und
Strapazen mit uns; und doch trugen sie nicht den Namen Napoleons!
So s p r e c h e n die Soldaten, und was kann man tun, um sie
zum Schweigen zu bringen? Der Mann, dem "es erlaubt ist, die Uni-
form eines Divisionsgenerals zu tragen", hat es fertiggebracht,
den militärischen Traditionen, die mit dem Namen Napoleons ver-
bunden sind, einen Makel anzuhängen; die übrigen Mitglieder der
Familie sind alles sehr ruhige Zivilisten, Naturforscher, Prie-
ster oder aber ausgesprochene Abenteurer; der alte Jérôme kann
wegen seines Alters nicht in Betracht gezogen werden, und da
seine kriegerischen Taten von früher keinen großen Glorienschein
um sein Haupt weben, muß Louis-Napoleon eben selber gehen. Dann
war auch das Gerücht von der Krimreise in den entlegensten Ne-
stern Frankreichs bekannt und von der Bauernschaft begeistert be-
grüßt worden; und es war die Bauernschaft, die Louis-Napoleon zum
Kaiser gemacht hatte. Die Bauernschaft ist überzeugt, daß ein
Kaiser, den sie selbst auf den Thron gesetzt hat und der den Na-
men Napoleons trägt, in der Tat ein Napoleon redivivus 1*) sein
müsse. In ihren Augen ist sein Platz an der Spitze der Truppen,
die, von ihm geführt, mit den Legionen der großen Armee wettei-
fern werden. Wenn Sewastopol noch nicht eingenommen ist, so nur,
weil der Kaiser noch nicht dorthin gegangen ist; laßt ihn erst an
Ort und Stelle sein, und die Wälle der russischen Festung werden
in den Staub sinken wie die Mauern Jerichos. Louis-Napoleon kann
also jetzt nicht mehr, auch wenn er wollte, sein Versprechen zu-
rücknehmen, da das Gerücht von seiner Reise nun einmal aus-
gesprengt wurde.
Demzufolge wird alles vorbereitet. Den zehn Divisionen, die sich
jetzt in der Krim befinden, werden vier neue nachgeschickt, wovon
zwei im Beginn der Kampagne eine Reservearmee zu Konstantinopel
bilden sollen. Eine dieser
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1*) wiedererstandener Napoleon
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Divisionen wird aus der kaiserlichen Garde bestehen, eine andere
aus den vereinigten Elitekompanien oder den Grenadieren und Vol-
tigeurs 1*) der Pariser Armee. Die zwei andern Divisionen (11.
und 12.) werden bereits verschifft oder konzentriert zu Toulon
und Algier. Diese frischen Verstärkungen werden die französische
Truppenstärke auf der Krim auf ungefähr 100 000 oder 110 000 Mann
bringen, während gegen Ende April die 15 000 Piemontesen und
zahlreiche britische Verstärkungen eintreffen werden. Doch es ist
kaum zu erwarten, daß die Alliierten in der Lage sein werden, die
Kampagne im Mai mit einer Armee von 150 000 Mann zu eröffnen. Der
Zustand des Herakleatischen Chersones, der in einen großen und
völlig verwilderten Begräbnisplatz verwandelt wurde, ist derar-
tig, daß mit dem Eintreten des heißen und feuchten Wetters das
Ganze eine Brutstätte aller möglichen Seuchen werden muß. Und
wieviel Truppen auch immer sich dort aufhalten sollten, sie wer-
den weit furchtbareren Verlusten durch Krankheit und Tod ausge-
setzt sein als je zuvor. Es gibt keine Chance für die Alliierten,
aus ihrer Position mit einer aktiven Armee vorzustoßen, bevor
alle ihre Verstärkungen eingetroffen sind, und das wird irgend-
wann um die Mitte des Monats Mai sein, wenn die Epidemie bereits
ausgebrochen ist.
Im günstigsten Falle müssen die Alliierten 40 000 Mann vor der
Südseite Sewastopols zurücklassen und werden 90 000-100 000 Mann
zur Verfügung haben für eine Expedition gegen die russische
Feldarmee. Wenn sie nicht sehr gut manövrieren und die Russen
keine ernsten Fehler begehen, wird diese Armee, wenn sie vom
Chersones hervorrückt, erst die Russen schlagen und sie aus Sim-
feropol zurückdrängen müssen, bevor sie sich mit den Türken bei
Eupatoria vereinigen kann. Wir wollen jedoch annehmen, daß diese
Verbindung ohne Schwierigkeiten hergestellt werden wird; die Ver-
stärkung, die die Türken diesem buntscheckigen Korps von Franzo-
sen, Engländern und Piemontesen höchstens geben können, wird
20 000 Mann betragen, die nicht sehr geeignet sind für eine,
Schlacht auf offenem Felde. Alles miteinander würde das eine Ar-
mee von ungefähr 120 000 Mann ausmachen. Wie eine solche Armee in
einem Lande leben soll, das von den Russen selber verwüstet
wurde, arm an Getreide ist und dessen Hauptreichtum, das Vieh,
die Russen bestrebt sein werden, nach dem Perekop zu treiben,
kann man sich schwer vorstellen. Der geringste Vormarsch würde
ausgedehnte Fouragierung und zahlreiche Detachements benötigen,
um die Flanken und die Kommunikationen zur See zu sichern. Die
russische irreguläre Kavallerie, die bislang keine Gelegenheit
zum Eingreifen gehabt hatte, wird
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1*) Füsilieren
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dann beginnen, sie mit ihren Operationen zu zermürben. In der
Zwischenzeit werden auch die Russen ihre Verstärkungen erhalten
haben. Die Offenkundigkeit, mit der die französischen Bewaffnun-
gen während der letzten sechs Wochen betrieben wurden, machte es
den Russen möglich, ihre Maßnahmen rechtzeitig zu treffen. Es
kann kein Zweifel daran bestehen, daß gegenwärtig zwei oder drei
russische Divisionen entweder der wolhynischen und der bessarabi-
schen Armee oder der neugebildeten Reserven auf dem Marsch sind,
um dort das Gleichgewicht zu behaupten.
Jedoch das größte Detachement, das von der alliierten Armee
bereitgestellt werden muß, müssen die Kräfte sein, die Sewastopol
von der Nordseite einzuschließen haben. Für diesen Zweck werden
20 000 Mann abgezogen werden müssen, und ob dann der Rest ihrer
Streitkräfte, die durch Versorgungsschwierigkeiten gebunden sind
und durch endlose Reihen von Fuhrwerken mit Kriegsmaterialien und
Proviant behindert sein müssen, ausreichen wird, um die russische
Feldarmee aus der Krim zu vertreiben, ist sehr zweifelhaft.
Soviel ist gewiß, die Lorbeeren, durch die Louis Bonaparte sich
den Namen eines Napoleon der Krim zu erwerben gedenkt, hängen
ziemlich hoch und werden nicht so leicht zu pflücken sein. Jedoch
alle bisher erwähnten Schwierigkeiten sind rein lokalen Charak-
ters. Der Haupteinwand gegen diese Art der Kriegführung in der
Krim ist im Grunde der, daß sie ein Viertel der verfügbaren
Kräfte Frankreichs auf einen kleinen Kriegsschauplatz wirft, wo
selbst die größten Erfolge nichts entscheiden. Es ist diese ab-
surde Starrköpfigkeit in bezug auf Sewastopol, die in eine Art
von Aberglauben ausartet, Erfolgen, aber auch Rückschlägen, fik-
tiven Wert beimißt, die den großen fundamentalen Fehler dieses
ganzen Planes bildet. Und es ist dieser, den Ereignissen in der
Krim zugesprochene, fiktive Wert, der mit verdoppelter Kraft auf
den unglückseligen Urheber dieses Planes zurückfällt. Für Alexan-
der ist Sewastopol bei weitem nicht Rußland, doch für Louis Bona-
parte ist die Unmöglichkeit, Sewastopol zu nehmen, der Verlust
Frankreichs.
Geschrieben um den 23. März 1855.
Aus dem Englischen.
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