Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       Friedrich Engels
       
       Eine Schlacht bei Sewastopol [114]
       
       ["New-York Daily Tribune" Nr. 4358 vom 7. April 1855]
       Unsere Zeitung bringt heute morgen die offiziellen französischen,
       englischen und  russischen Berichte  über eine  Schlacht zwischen
       den Gegnern  vor Sewastopol.  Dieses ziemlich  wichtige  Ereignis
       macht unsererseits in Ergänzung zu den offiziellen Dokumenten ei-
       nige Worte der Erklärung und des Kommentars notwendig.
       Ungefähr vor  einem Monat  waren wir auf Grund der im allgemeinen
       erfolgreichen Ausfälle  der Russen  zu der Schlußfolgerung gekom-
       men, daß  die Laufgräben  bis zu  einem Punkt vorgeschoben worden
       waren, wo die Kräfte des Belagerten sich denen des Belagerers die
       Waage halten 1*); mit anderen Worten, die Laufgräben waren einan-
       der so nahe, daß es den Russen durch einen Ausfall möglich wurde,
       in jeden  Teil der  Laufgräben Kräfte zu bringen, die denjenigen,
       die die  Alliierten in  der ersten oder den ersten beiden Stunden
       herbeischaffen können,  zumindest gleich  sind. Da  ein oder zwei
       Stunden vollständig  ausreichen, um  das Erdwerk zu zerstören und
       die Kanonen  einer Batterie  zu  vernageln,  war  die  natürliche
       Folge, daß  die Alliierten ihre Approchen nicht über diesen Punkt
       hinaus vortreiben konnten. Seit dieser Zeit war die Belagerung zu
       einem Stillstand gekommen, bis die Ankunft von drei französischen
       Brigaden (eine  von der 8. und zwei von der 9. Division) es ihnen
       erlaubte, einen  Teil der englischen Infanterie abzulösen und die
       Wachen der  Trancheen zu verstärken. Gleichzeitig gab die Ankunft
       der Generale  Niel und  Jones von den Geniekorps den Belagerungs-
       operationen neue Lebhaftigkeit, und sie machten die Fehler wieder
       gut, die  hauptsächlich der  Eigensinn des französischen Generals
       Bizot und die numerische Schwäche
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 53/54
       
       #151# Eine Schlacht bei Sewastopol
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       der britischen Infanterie veranlaßt hatten. Neue Approchen wurden
       jetzt aufgeworfen,  besonders auf  der englischen  Seite, wo eine
       Parallele eröffnet  ward, ungefähr  300 Yards  von den russischen
       Werken auf  dem Hügel von Malachow. Einige von den neuerrichteten
       Batterien gingen so weit vor nach der Seite von Inkerman, daß sie
       einem Teil  der russischen Batterien in den Rücken gekommen wären
       oder sie  enfiliert hätten,  sobald  ihr  Feuer  eröffnet  werden
       konnte. Gegen  diese neuen  Linien haben  die Russen gerade einen
       Vorstoß unternommen,  der mit ungewöhnlicher Geschicklichkeit und
       Kühnheit ausgeführt wurde.
       Die russischen  Linien, wie  jede Karte zeigt, erstrecken sich in
       einem halbrunden Bogen um die Stadt, von dem oberen Ende der Qua-
       rantäne-Bucht bis  zum inneren  Kriegshafen und  von hier bis zur
       Spitze der  Kilen-buchta. Diese  letztere ist  eine kleine Bucht,
       die durch  die Ausläufer einer tiefen Schlucht gebildet wird, ei-
       ner Schlucht,  die sich  von der  Großen Bucht  oder Sewastopoler
       Bucht bis  hinauf zu  dem Plateau hinzieht, wo die Alliierten ihr
       Lager haben.  Auf der  westlichen Seite dieser Schlucht erstreckt
       sich eine  Reihe von Höhen hin, die die russischen Linien bilden;
       die beträchtlichste  dieser Höhen ist der Hügel von Malachow, der
       durch seine  beherrschende Position den Schlüssel des ganzen rus-
       sischen rechten Flügels bildet. Auf der Ostseite der Schlucht und
       der Kilen-buchta  befindet sich  eine andere  Anhöhe, die, völlig
       unter dem Feuer der russischen Batterien und ihrer Kriegsschiffe,
       solange außer  dem Bereich  der Alliierten  blieb, als  sie nicht
       völlig die  Verbindung zwischen Sewastopol und Inkerman abschnei-
       den konnte  - eine Verbindung, die ihrerseits geschützt war durch
       das Feuer der Forts und Batterien der Nordseite des Hafens. Seit-
       dem aber  die Alliierten im Osten und Südosten von Malachow Posi-
       tionen für  Batterien gefunden  hatten, die die russischen Linien
       im Rücken  und auf  der Flanke  bedrohten, erhielt jener neutrale
       Hügel Wichtigkeit.  Die Russen sandten daher in der Nacht vom 21.
       Februar eine  Partie Arbeiter  dorthin, um eine Redoute darauf zu
       errichten 1*),  die von  ihren Ingenieuren im voraus geplant war.
       Am Morgen  sahen die  Alliierten den langen Graben und den Beginn
       der Brustwehr  dahinter. Sie  scheinen völlig außerstande gewesen
       zu sein, deren Bedeutung zu verstehen; sie begnügten sich deshalb
       damit, sich  nicht darum  zu kümmern.  Den nächstfolgenden Morgen
       jedoch war  die Redoute,  wenigstens in  ihren Umrissen,  beinahe
       fertig, obgleich  es sich  zeigte, daß das Profil, d.h. die Tiefe
       des Grabens und die Stärke der Brustwehr, noch immer sehr unvoll-
       kommen war.  Jetzt entdeckten die Alliierten, daß dieses Werk be-
       wunderungswürdig
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       1*) die Redoute Selenginsk
       
       #152# Friedrich Engels
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       lag, um  ihre eigenen  enfilierenden Batterien  zu enfilieren, so
       gut wie  nutzlos zu  machen. Die Ingenieure erklärten, daß dieses
       Werk um jeden Preis genommen werden müsse. Canrobert organisierte
       daher unter  dem größten  Geheimnis eine  Sturmkolonne, bestehend
       aus ungefähr 1000 Zuaven und 3000 Seetruppen. Da die Befehle erst
       zu einer  späten Stunde gegeben werden konnten und unerwartet wa-
       ren, verging einige Zeit, bis die Truppen auf dem Rendezvousplatz
       versammelt waren, und es war 2 Uhr morgens (24. [Februar]) gewor-
       den, bevor  sie zum  Sturm aufbrechen  konnten, die Zuaven an der
       Spitze. Ein  kurzer Marsch  brachte sie  bis auf  20 Yards an den
       Graben heran.  Wie gewöhnlich bei Angriffen, war kein Schuß abzu-
       feuern; die  Soldaten hatten die Perkussionshütchen von ihren Ge-
       wehren zu nehmen, um nutzloses und zeittötendes Feuern zu verhin-
       dern. Plötzlich  erschollen einige  russische  Kommandorufe;  ein
       starkes Korps Russen im Innern der Redoute erhob sich vom Grunde,
       legte seine Büchsen an auf der Spitze der Brustwehr und warf eine
       Salve in  die Angriffskolonne. Durch die Dunkelheit und durch die
       wohlbekannte eingefleischte Gewohnheit der Soldaten, in Verschan-
       zungen immer  direkt über die Brustwehr zu schießen, konnte diese
       Salve nur  sehr geringe  Wirkung auf  die enge Spitze der Kolonne
       gehabt haben. Die Zuaven, kaum aufgehalten durch die abschüssigen
       Seiten des unvollendeten Grabens und Walls, waren in einem Augen-
       blick in  der Redoute und stürzten mit dem Bajonett auf ihre Geg-
       ner los.  Ein fürchterliches Handgemenge fand statt. Nach einiger
       Zeit bemächtigten  sich die  Zuaven der  Hälfte der  Redoute, und
       später überließen  die Russen sie ihnen gänzlich. Unterdes hatten
       die Seesoldaten,  die den  Zuaven in  kurzer Entfernung  folgten,
       entweder ihren Weg verloren oder machten aus einem anderen Grunde
       halt auf  dem Rande  des Hügels. Hier wurden sie auf jeder Flanke
       von einer  russischen Kolonne  angegriffen, die sie nach verzwei-
       feltem Widerstand den Hügel hinuntertrieb. Während oder kurz nach
       dem Kampf muß der Tag angebrochen sein; die Russen zogen sich ei-
       lig vom  Hügel zurück und ließen die Redoute in der Hand der Zua-
       ven, auf  die nun  die ganze russische Artillerie, die auf diesen
       Punkt gerichtet  werden konnte,  ihr Feuer  eröffnete. Die Zuaven
       warfen sich einen Augenblick nieder, während einige Büchsenschüt-
       zen, die  sie begleitet hatten, an den Malachow-Werken heraufkro-
       chen und  versuchten, auf  die  russischen  Kanoniere  durch  die
       Schießscharten zu  feuern. Aber  das Feuer war zu stark, und bald
       hatten sich die Zuaven zurückzuziehen auf der Seite nach Inkerman
       zu, wo  sie gegen  die Batterien  meistens gedeckt waren. Sie be-
       haupten, alle ihre Verwundeten mitgenommen zu haben.
       Dieses kleine  Gefecht war von den Zuaven und einem General Monet
       mit großer  Tapferkeit und  von den  Russen mit  großer  Meister-
       schaft, verbunden
       
       #153# Eine Schlacht bei Sewastopol
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       mit ihrer üblichen Zähigkeit, ausgeführt worden. Sie setzten sich
       aus den beiden Regimentern von Selenginsk und Wolhynien zusammen,
       deren Stärke  nach mehreren Kampagnen nicht mehr als 500 Mann pro
       Bataillon oder  insgesamt 4000  Mann betragen haben kann. General
       Chruschtschow kommandierte sie.
       Ihre Veranstaltungen waren so trefflich, daß die Franzosen erklä-
       ren, der  ganze Angriffsplan  habe ihnen bekannt sein müssen. Die
       Attacke auf  die Seesoldaten war ganz und fast augenblicklich er-
       folgreich, während  ihr Rückzug aus der unvollendeten Redoute zur
       Wirkung hatte, daß die unglücklichen und nicht unterstützten Zua-
       ven einem  überwältigenden Feuer  ausgesetzt waren, das schweigen
       mußte, solange der Kampf innerhalb der Redoute währte.
       General Canrobert  fand, daß  diese Niederlage  auf seine Truppen
       eine sehr  große Wirkung  hatte. Ihre Ungeduld; die sich bei ver-
       schiedenen Gelegenheiten bemerkbar gemacht hatte, brach jetzt mit
       voller Gewalt  hervor. Die  Soldaten forderten die Erstürmung der
       Stadt. Das  Wort Verrat,'  die ewige  Entschuldigung für eine von
       den Franzosen erlittene Niederlage, wurde laut ausgesprochen, und
       ohne sichtlichen  Grund wurde  General Forey sogar namentlich als
       derjenige bezeichnet,  der dem  Feind die geheimen Beschlüsse des
       französischen Kriegsrates  verraten habe.  Canrobert war  so ver-
       wirrt, daß  er in einem Zuge einen Tagesbefehl schrieb, in dem er
       die ganze Affäre als einen glänzenden, wenn auch relativen Erfolg
       hinstellte, und  eine Note an Lord Raglan, in der er einen sofor-
       tigen Sturm vorschlug, den Lord Raglan natürlich ablehnte.
       Die Russen haben ihrerseits ihre neue Redoute behauptet und waren
       seitdem mit  ihrer Vollendung beschäftigt. Diese Position ist von
       großer Wichtigkeit.  Sie sichert  die Kommunikation  mit Inkerman
       und die  Ankunft von  Zufuhren von  dieser Seite. Sie bedroht die
       ganze Rechte  der Belagerungswerke  der Alliierten, indem sie sie
       in die Flanke nimmt und neue Approchen erforderlich macht, um sie
       zu paralysieren.  Doch vor allem zeigt sie die Fähigkeit der Rus-
       sen, nicht  nur ihren Grund und Boden zu behaupten, sondern sogar
       darüber hinaus  vorzustoßen. In  der zweiten  Hälfte des  Februar
       schoben sie  aus ihrer  neuen Redoute Laufgräben von Konterappro-
       chen gegen  die alliierten  Werke vor.  Die Berichte geben jedoch
       nicht die genaue Richtung dieser Werke an. Auf jeden Fall beweist
       die Anwesenheit  der beiden  Linienregimenter in  Sewastopol, daß
       die Garnison, die bisher nur aus Seesoldaten und Matrosen bestan-
       den hat,  bedeutend verstärkt  worden und  für jede  Eventualität
       stark genug ist.
       Es wird  jetzt berichtet,  daß um den 10. oder 11. März die Alli-
       ierten in  der Lage sein würden, das Feuer ihrer, Batterien gegen
       die russischen Verteidigungsstellungen
       
       #154# Friedrich Engels
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       eröffnen zu  können. Doch  wie kann  man erwarten,  daß  bei  den
       Hilfsquellen der  Russen und  den Schwierigkeiten  der Alliierten
       die erste  Bedingung erfüllt  wird, nämlich zu erreichen, daß das
       Feuer der  Belagerer dem  der Belagerten überlegen sein wird, und
       so überlegen,  daß sie  die russischen  Batterien  zum  Schweigen
       bringen, bevor  die Engländer und Franzosen ihren Munitionsvorrat
       erschöpft haben?  Aber wir  wollen sogar annehmen, daß dieses Re-
       sultat erzielt  wird. Nehmen wir sogar an, daß die Russen in die-
       sem entscheidenden  Moment versäumen  würden, die  Positionen von
       Inkerman und Balaklawa zu attackieren. Nehmen wir an, daß die er-
       ste russische  Linie gestürmt  und sogar  erobert wird. Was dann?
       Vor den  stürmenden Kolonnen  werden sich neue Verteidigungsstel-
       lungen, neue  Batterien, starke, in kleine Zitadellen verwandelte
       Gebäude erheben, zu deren Vernichtung neue Batterien erforderlich
       sind. Ein  Hagel von Traubenladungen und Gewehrfeuer wird sie zu-
       rücktreiben, und alles, was sie tun können, ist, die erste russi-
       sche Linie zu halten.
       Dann folgt  die Belagerung der zweiten und dann der dritten Linie
       - wobei die zahlreichen kleineren Hindernisse nicht erwähnt sind,
       welche die  russischen Pioniere,  wie wir sie jetzt kennengelernt
       haben, nicht  verfehlt haben  werden, im  Innern des ihnen anver-
       trauten Raumes zu errichten. Und während dieser Zeit werden Nässe
       und Hitze und Hitze und Nässe, die einander abwechseln, auf einem
       Boden, der  mit den  animalischen Verwesungsstoffen von Tausenden
       von Menschen  und Pferden  durchtränkt ist,  unbekannte und uner-
       hörte Krankheiten  hervorrufen.  Gewiß  wird  die  Seuche  ebenso
       innerhalb wie  außerhalb der Stadt herrschen, aber wer weiß, wel-
       che Partei als erste vor ihr kapitulieren wird?
       Der Frühling  wird schreckliche  Dinge für diese kleine Halbinsel
       von fünf zu zehn Meilen mit sich bringen, wo drei der größten Na-
       tionen Europas  einen zähen Kampf ausfechten; und Louis Bonaparte
       wird reichlichen  Grund haben,  sich zu  gratulieren, wenn  seine
       große Expedition beginnt, reiche Früchte zu bringen.
       Geschrieben um den 23. März 1855.
       
       Aus dem Englischen.

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