Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Karl Marx
Die britische Armee
["New-York Daily Tribune" Nr. 4364 vom 14. April 1855,
Leitartikel]
Wir haben jetzt den Bericht von mehr als einem Dutzend Sitzungen
des berühmten vom Unterhaus ernannten Komitees vor uns, das den
Zustand der britischen Armee in der Krim untersuchen soll. Zeugen
aus den verschiedensten Gesellschaftssphären sind verhört worden,
von dem Herzog von Cambridge bis nach unten, und ihre Aussagen
stimmen erstaunlich überein. Alle Zweige der Administration haben
Revue passiert, und alle sind nicht nur mangelhaft, sondern in
einem skandalösen Zustand befunden worden. Der Armeestab, das me-
dizinische Departement, das Lieferantendepartement, das Kommissa-
riat, der Transportdienst, die Spitalverwaltung, die Gesundheits-
und Disziplinarpolizei, die Hafenpolizei von Balaklawa sind alle
miteinander ohne eine Stimme der Opposition verurteilt.
Aber so schlecht, wie jedes Departement für sich betrachtet war,
entwickelte sich die ganze Glorie des Systems nur im Kontakt und
Zusammenwirken aller. Die Regulationen waren so schön arrangiert,
daß, sobald sie, als die ersten Truppen in der Türkei landeten,
in Kraft traten, niemand wußte, wo seine Autorität beginne oder
wo sie ende, oder in irgendeiner Sache an wen sich wenden; und
deshalb schob jeder aus heilsamer Furcht vor der Verantwortung
alles von seinen Schultern auf die irgendeines anderen. Unter
diesem System waren die Spitäler Schauplätze abscheulicher
Brutalität. Nachlässigkeit und Indolenz wirkten sich am schlimm-
sten auf die Kranken und Verwundeten an Bord der Transportschiffe
und nach ihrer Ankunft an ihrem Bestimmungsplatz aus. Die aufge-
deckten Tatsachen sind unglaublich; tatsächlich ereignete sich
nichts Schauderhafteres auf dem Rückzug von Moskau. Und doch pas-
sierten diese Dinge wirklich bei Skutari, im Angesicht Konstanti-
nopels, einer großen Stadt mit allen Ressourcen an Tätigkeit und
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materiellem Komfort. Es geschah nicht auf einem hastigen Rückzug,
die, Kosaken auf den Fersen der Flüchtigen, ihnen die Zufuhren
abschneidend, sondern infolge einer teilweise erfolgreichen Kam-
pagne, in einem vor jedem feindlichen Angriff gesicherten Platze,
im großen Zentraldepot, wo Großbritannien seine Vorräte für seine
Armee aufgehäuft. Und die Urheber all dieser Schrecken und Greuel
sind keine hartherzigen Barbaren. Sie sind, jeder von ihnen, bri-
tische Gentlemen von guter Herkunft, gut erzogen und mild, phil-
anthropisch und religiös veranlagt. In ihrer persönlichen Eigen-
schaft waren sie ohne Zweifel bereit und willens, alles zu tun;
in ihrer offiziellen Stellung war es ihre Pflicht, kühl und mit
verschränkten Armen alle diese Scheußlichkeiten mit anzusehen,
sich dessen bewußt, daß dieser Fall in keiner der Regulationen
Ihrer Majestät enthalten wäre, die sie selbst beträfen! Eher sol-
len tausend Soldaten zugrunde gehen, als gegen die Regulationen
Ihrer Majestät zu verstoßen. Und Tantalus gleich hatten die Sol-
daten zu sterben, im Angesicht, ja im Gerüche der Komforts, die
ihnen ihr Leben retten konnten. Kein Mann an Ort und Stelle besaß
die Energie, das Netzwerk der Routine zu durchbrechen, auf seine
eigene Verantwortlichkeit zu handeln, wie die Bedürfnisse es ge-
boten, und den Reglements zum Trotze. Nur eine einzige Person
wagte das zu tun, und zwar ein Weib, Miss Nightingale. Nachdem
sie sich einmal versichert, daß die nötigen Dinge aufgelagert wa-
ren, wählte sie eine Anzahl handfester Gesellen und beging in der
Tat einen richtigen Einbruch in die Lagerhäuser der Königin! Die
alten Weiber in Autorität zu Konstantinopel und Skutari waren
Feiglinge bis zu einem Grade, der unglaublich scheinen würde,
hätten wir nicht ihr eigenes offenes Zugeständnis. Einer von ih-
nen, Dr. Andrew Smith, eine Zeitlang Chef der Spitäler, ward be-
fragt, ob in Konstantinopel keine Fonds vorhanden zum Ankauf oder
kein Markt für die Beschaffung vieler der nötigen Dinge.
"O ja!", antwortete er. "Aber nach vierzigjähriger Routine und
Plackerei daheim, versichere ich Ihnen, daß ich einige Monate
durch kaum die Idee fassen konnte, daß ich in der Tat Fonds zu
meiner freien Verfügung gestellt hatte!"
Die schwärzesten Beschreibungen der Zustände, die sowohl in den
Zeitungen wie in Parlamentsreden gegeben werden, werden durch die
Wirklichkeit weit übertroffen, wie sie uns jetzt unterbreitet
wird. Einige der empörendsten Tatsachen waren aufs Tapet gebracht
worden, doch selbst diese erscheinen nun in einem noch düstereren
Lichte. Obgleich das Bild bei weitem noch nicht vollständig ist,
können wir doch genug davon erkennen, um das Ganze zu beurteilen.
Abgesehen von den hinausgesandten Krankenschwestern gibt es in
diesem Bilde nicht einen einzigen mildernden Zug. Eine Gruppe
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ist so schlecht und so dumm wie die andere, und wenn das Komitee
in seinem Bericht den Mut aufbringt, das auszusprechen, was die
Beweise besagen, dann wird es in Verlegenheit kommen, in der eng-
lischen Sprache die Worte zu finden, die stark genug sind, um
seine Verdammung auszudrücken.
Angesichts dieser Enthüllungen ist es unmöglich, ein heftiges Ge-
fühl des Unwillens und der Verachtung zu unterdrücken, nicht nur
gegenüber den unmittelbaren Schuldigen, sondern vor allem gegen
die Regierung, welche diese Expedition arrangiert hat und die die
Schamlosigkeit besaß, die in die Augen springenden Tatsachen zu
Fiktionen zu erklären. Wo bleibt jetzt diese große Koalition "all
der Talente", diese Plejade von Staatsmännern, mit deren Amtsan-
tritt das goldene Zeitalter über England aufgehen sollte? Whigs
und Peeliten [11], Russelliten und Palmerstonianer, Iren und Eng-
länder, Liberal-Konservative und Konservativ-Liberale -, sie alle
haben untereinander ge-gehökert und geschachert, und jeder, der
auf einen Posten gesetzt wurde, entpuppte sich als ein altes Weib
oder als ein erschrecklicher Dummkopf. Diese Staatsmänner waren
so sicher, daß die Maschine, die sie seit dreißig Jahren gehand-
habt haben, trefflich arbeiten würde, daß sie sogar nicht einmal
eine Person mit außerordentlichen Vollmachten für unvorhergese-
hene Umstände hinschickten; unvorhergesehene Umstände können na-
türlich unter einer gut funktionierenden Regierung nie vorkommen!
Diese britischen Minister, subaltern von Natur und aus Gewohn-
heit, haben, plötzlich auf Kommandoposten gestellt, England die
größte Schande gebracht. Da ist der alte Raglan, der sein Leben
lang ein erster Beamter bei Wellington war; ein Mann, dem niemals
erlaubt wurde, auf eigene Verantwortung zu handeln; ein Mann, der
dazu erzogen war, genau das zu tun, was ihm befohlen wurde, bis
er 65 Jahre alt geworden war; und dieser Mann wird ganz plötzlich
ernannt, eine Armee gegen den Feind zu führen und alle Fragen so-
fort und selbständig zu entscheiden! Und ein schönes Durcheinan-
der hat er dabei angerichtet. Wankelmütigkeit, Mutlosigkeit, völ-
liger Mangel an Selbstvertrauen, Festigkeit und Initiative cha-
rakterisieren jeden seiner Schritte. Wir wissen jetzt, wie klein-
mütig er sich im Kriegsrat benahm, als der Krimfeldzug beschlos-
sen wurde. Von einem prahlerischen Lumpenkerl wie S[ain]t-Arnaud
ins Schlepptau genommen zu werden, den der alte Wellington mit
einem trockenen ironischen Wort für immer zum Schweigen gebracht
hätte! Dann dieser zaghafte Marsch nach Balaklawa, seine Hilflo-
sigkeit bei der Belagerung und während der Leiden des Winters,
als er nichts Besseres zu tun wußte, als sich zu verbergen. Dann
gibt es den Lord Hardinge von ebenso subalternem Charakter, der
die Armee hier im Lande kommandiert. Obwohl er ein alter Soldat
ist, könnte man aus seiner Verwaltung und aus der Art, wie er sie
im Oberhaus
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verteidigt, schließen, daß er sich niemals außerhalb seiner Ka-
sernen oder seiner Kanzlei befunden hat. Wenn man sagt, daß er
absolut kein Verständnis hat für die allerwichtigsten Bedürfnisse
einer aktiven Armee, oder daß er zu faul war, sich diese wieder
ins Gedächtnis zu rufen, ist das die günstigste Meinung, die man
von seinem Fall haben kann. Dann kommen Peels Sekretäre - Card-
well, Gladstone, Newcastle, Herbert und tutti quanti 1*). Sie
sind wohlerzogene, gut aussehende Gentlemen, deren elegantes Be-
nehmen und Vornehmheit der Gefühle ihnen nicht erlauben, eine Sa-
che grob zu behandeln oder auch nur mit einem Anschein von Ent-
scheidung in den Angelegenheiten dieser Welt zu handeln. "In Er-
wägung ziehen" ist ihre Redewendung. Sie ziehen alles in Erwä-
gung. Sie wollen jede Sache in Erwägung ziehen. Sie ziehen jeden
in Erwägung, durch welches In-Erwägung-Ziehen sie annehmen, von
jedem in Erwägung gezogen zu werden. Alles bei ihnen muß rund und
glatt sein. Nichts ist widerwärtiger als die eckigen Formen, die
Kraft und Energie bezeichnen.
Diese milden, wahrheitsliebenden und frommen Gentlemen verleugne-
ten schamlos alle von der Armee kommenden Berichte darüber, daß
sie durch die schlechte Führung ruiniert werde, da sie von der
Perfektion ihrer Regierung a priori überzeugt waren und die beste
Autorität für diese Dementis hatten; und als die Angelegenheit
beharrlich weiterging, und als die offiziellen Berichte vom
Kriegsschauplatz sie sogar zwangen, Teile dieser Erklärung zuzu-
geben, klangen in ihren Dementis nach wie vor Schärfe und Zorn
hervor. Ihre Opposition gegen Roebucks Antrag auf eine Untersu-
chung ist das skandalöseste Beispiel des öffentlichen Beharrens
bei der Unwahrheit. Die Londoner "Times", Layard, Stafford und
selbst ihr eigener Kollege Russell beschuldigen sie der Lüge,
doch sie blieben dabei. Das ganze Unterhaus mit einer Zweidrit-
telmehrheit beschuldigte sie der Lügen, doch sie blieben nach wie
vor dabei. Jetzt stehen sie überführt vor dem Komitee Roebucks,
doch soviel wir wissen, bleiben sie immer noch dabei. Doch ihr
Beharren ist jetzt zu einer Sache von geringer Bedeutung gewor-
den. Die in ihrer ganzen schrecklichen Realität der Welt ent-
hüllte Wahrheit wird unvermeidlich zu einer Reform am System und
in der Verwaltung der britischen Armee führen.
Geschrieben am 28. März 1855.
Aus dem Englischen.
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1*) ihnen ähnliche
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