Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       Friedrich Engels
       
       Der Verlauf des Krieges
       
       ["New-York Daily Tribune" Nr. 4366 vom 17. April 1855,
       Leitartikel]
       Während die Diplomaten in Wien zusammengekommen sind, um über das
       Schicksal Sewastopols zu verhandeln, und die Alliierten unter den
       bestmöglichen Bedingungen  versuchen, Frieden zu schließen, gehen
       die Russen  auf der Krim überall wieder zur Offensive über, wobei
       sie sich die Fehler ihrer Gegner sowie ihre eigene zentrale Posi-
       tion im Lande zunutze machen. Wenn man sich der Prahlereien erin-
       nert, mit  denen die  Alliierten ihre Invasion begonnen haben, so
       erscheint die  Lage der Dinge recht merkwürdig und wirkt wie eine
       ungeheure Satire  auf menschlichen Dünkel und Torheit. Aber trotz
       dieser seiner  komischen Seite  ist das  Drama im Grunde zutiefst
       tragisch; wir  laden deshalb  unsere Leser  wiederum ein zu einer
       ernsthaften Betrachtung  der Tatsachen,  wie sie sich aus unseren
       letzten Nachrichten  ergeben, die  wir  Sonntag  morgen  mit  der
       "America" erhalten haben [122].
       Zu Eupatoria  sitzt Omer  Pascha nun  faktisch fest auf der Land-
       seite. Ihre  Überlegenheit an Kavallerie erlaubt den Russen, ihre
       Piketts und Vedetten nahe an die Stadt zu legen, die Umgegend mit
       Patrouillen zu durchstreifen, die die Zufuhren abschneiden und im
       Fall eines ernstlichen Ausfalls auf ihre Infanterie zurückfallen.
       So, wie wir vermuteten 1*), tun sie alles, eine überlegene türki-
       sche Streitkraft mit vielleicht nicht mehr als einem Viertel oder
       einem Drittel ihrer Anzahl in Schach zu halten [123]. Omer Pascha
       harrt auf  die Ankunft von Kavallerieverstärkungen und war in der
       Zwischenzeit im französisch-englischen Lager, seine Alliierten zu
       unterrichten, daß  er für den Augenblick nichts tun könne und daß
       eine Verstärkung  von einigen  10 000 französischen Soldaten sehr
       wünschenswert sei.  Zweifelsohne, aber nicht minder wünschenswert
       für Canrobert  selbst, der bereits entdeckt haben muß, daß er zur
       selben Zeit  zuviel und  auch zuwenig Truppen zur Verfügung hat -
       zuviel für  die bloße  Fortführung der  Belagerung als solche und
       für die Verteidigung
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 121-123
       
       #170# Friedrich Engels
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       der Tschornaja; aber nicht genug, um von der Tschornaja hervorzu-
       brechen, die Russen ins Innere zu treiben und das Nordfort einzu-
       schließen. Die  Detachierung von  10000 Mann nach Eupatoria würde
       die Türken  nicht befähigen, mit Erfolg ins Feld zu rücken; zumal
       ihre Abwesenheit  die französische  Armee gerade  dann  schwächen
       würde, wenn  sie zusammen  mit den im Frühjahr eintreffenden Ver-
       stärkungen ins Feld rücken sollte.
       Mit der  Belagerung sieht  es zur  Zeit recht  trostlos aus.  Die
       Nachtattacke der  Zuaven am  24. Februar  war in ihren Resultaten
       sogar noch verheerender, als wir vor einer Woche berichteten. 1*)
       Aus Canroberts  eigener Depesche geht hervor, daß er selbst nicht
       verstand, was er vorhatte, als er diese Attacke befahl. Er sagt:
       
       "Da der  Zweck der  Attacke nun  erreicht war,  zogen sich unsere
       Truppen zurück,  weil niemand daran denken konnte, daß wir uns an
       einem Punkt festsetzen könnten, der so vollständig unter feindli-
       chem Feuer lag."
       
       Aber was für ein Zweck war denn erreicht? Was war da zu tun, wenn
       die Stellung  nicht gehalten  werden konnte?  Absolut nichts. Die
       Zerstörung der  Redoute war  nicht vollendet und konnte unter dem
       feindlichen Feuer  auch nicht  vollendet worden sein, selbst wenn
       die Zuaven, wie der erste Bericht vorgab, für kurze Zeit das Werk
       gänzlich genommen  hatten. Aber  das war nie der Fall; der russi-
       sche Bericht stellt das ganz entschieden in Abrede, und Canrobert
       besteht auch  auf nichts  dergleichen. Aber  was  bezweckte  dann
       diese Attacke?  Einfach folgendes: Da Canrobert sah, daß sich die
       Russen in  einer Position  etablierten, die die Belagerer in eine
       sehr schwierige und zugleich erniedrigende Lage brachte, schickte
       er ohne  Überlegung, ohne  sich auch  nur die Mühe zu machen, den
       möglichen Ausgang der Affäre zu prüfen, seine Truppen zum Angriff
       vor. Das  war eine  völlig sinnlose Metzelei, die ein Schandfleck
       auf Canroberts  militärischer Reputation  bleiben wird. Wenn sich
       überhaupt eine  Entschuldigung finden  läßt, so  liegt sie nur in
       der Annahme,  daß die  französischen Truppen den Sturm nicht mehr
       erwarten konnten  und der  General ihnen  deshalb einen  leichten
       Vorgeschmack eines  solchen Sturms  geben wollte. Aber diese Ent-
       schuldigung  diskreditiert   Canrobert  ebenso  wie  der  Angriff
       selbst.
       Bei der  Affäre am Malachow bewiesen die Russen ihre Superiorität
       zu Lande unmittelbar vor ihren Defensivwerken. Das auf dem Hügel-
       kamm gelegene  und von  den Zuaven  vergeblich angegriffene  Werk
       wird von  ihnen nach  dem Regiment, das es verteidigt, die Selen-
       ginsk-Redoute genannt.  Sie machten sich sofort daran, ihren Vor-
       teil auszubauen und die so gewonnene
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 152/153
       
       #171# Der Verlauf des Krieges
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       Siegesgewißheit zu  nutzen. Selenginsk  wurde erweitert  und ver-
       stärkt, Kanonen  wurden hinaufgebracht,  obwohl sie durch schwer-
       stes Feuer  der Belagerer  hindurch mußten,  und  Konterapprochen
       wurden von  dort aus angelegt, wahrscheinlich, um vor der Redoute
       ein oder  zwei kleinere  Werke zu errichten. Ebenso ist auf einem
       anderen Platze, in der Front der Kornilow-Bastion, eine Reihe von
       neuen Redouten aufgeworfen worden, 300 Yards weiter als die alten
       russischen Befestigungswerke.  Auf Grund  früherer britischer Be-
       richte scheint  eine solche  Maßnahme recht  erstaunlich, denn es
       war uns  immer gesagt  worden, die Alliierten hätten ihre eigenen
       Laufgräben in  einer geringeren Entfernung von den russischen Li-
       nien aufgeworfen.  Aber wie  wir vor ungefähr einem Monat aus be-
       ster kriegswissenschaftlicher  Quelle feststellen  konnten, waren
       die französischen Linien noch einige 400 Yards von den russischen
       Vorwerken entfernt'  und die  britischen sogar  doppelt so  weit.
       Jetzt endlich,  im Brief vom 16. März, gesteht der "Times"-Korre-
       spondent, daß  selbst an letzteren Daten die britischen Trancheen
       noch 600 bis 800 Yards entfernt waren, und daß  i n  d e r  T a t
       d i e   B a t t e r i e n,   d i e   i m   B e g r i f f   s t e-
       h e n,   a u f   d e n   F e i n d   z u   s p i e l e n,  d i e-
       s e l b e n   s i n d ,   d i e   i h r   F e u e r   a m  V e r-
       g a n g e n e n   1 7.   O k t o b e r  e r ö f f n e t e n!  Das
       also ist  der große  Fortschritt in  der  Belagerung  -  das  das
       Voranstoßen der  Laufgräben, das  zwei Dritteilen  der britischen
       Armee das Leben gekostet hat!
       Unter diesen Umständen war Platz genug vorhanden in dem Zwischen-
       raum zwischen  den beiden Batterielinien zur Errichtung der neuen
       russischen Werke;  aber dennoch bleibt es ein Unternehmen sonder-
       gleichen, das  kühnste und  geschickteste, das  je eine belagerte
       Garnison unternommen  hat. Es läuft auf nichts anderes hinaus als
       auf das  Eröffnen einer  neuen Parallele gegen die Alliierten auf
       einer Distanz  von 300-400  Yards von ihren Werken; auf eine Kon-
       terapproche auf der größten Stufenleiter gegen die Belagerer, die
       dadurch mit  einemmal in  die Defensive  geworfen werden, während
       die erste wesentliche Bedingung einer Belagerung die ist, daß die
       Belagerer die Belagerten in die Defensive werfen. So hat sich das
       Blatt völlig gewendet, und die Russen sind stark im Aufstieg.
       Was für Fehler und phantastische Experimente die russischen Inge-
       nieure unter  Schilder bei Silistria auch immer gemacht haben mö-
       gen, hier  bei Sewastopol haben die Alliierten es augenscheinlich
       mit einem  ganz anderen Menschenschlag zu tun. Die genaue und ra-
       sche Orientierung,  die unverzügliche, kühne und fehlerfreie Aus-
       führung, die  die russischen  Ingenieure beim Aufwerfen ihrer Li-
       nien um Sewastopol an den Tag gelegt haben, die unermüdliche Auf-
       merksamkeit, mit der jeder schwache Punkt geschützt wurde, sobald
       der Feind  ihn entdeckt  hatte, die  ausgezeichnete Anordnung der
       Feuerlinie,
       
       #172# Friedrich Engels
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       die es möglich macht, auf jeden gegebenen Punkt des Frontgeländes
       ein dem Belagerer überlegeneres Feuer zu konzentrieren - die Vor-
       bereitung einer  zweiten, dritten und vierten Fortifikationslinie
       hinter der  ersten -,  mit einem  Wort, die  ganze Führung dieser
       Verteidigung war klassisch. Das letzte offensive Vorrücken am Ma-
       lachow-Hügel und  vor der  Kornilow-Bastion  findet  in  der  Ge-
       schichte der  Belagerungen nicht  ihresgleichen und stempelt ihre
       Urheber zu  erstklassigen Größen  auf ihrem  Gebiet. Es  ist  nur
       recht und  billig, hinzuzufügen,  daß Oberst  Todtleben, Chef des
       Ingenieurwesens in  Sewastopol, eine  verhältnismäßig  unbekannte
       Gestalt im  russischen Kriegsdienst ist. Aber wir dürfen die Ver-
       teidigung Sewastopols nicht für ein typisches Beispiel der russi-
       schen Ingenieurkunst  halten. Der  Durchschnitt von Silistria und
       Sewastopol kommt den wahren Verhältnissen näher.
       Sowohl auf  der Krim  als auch  in England und Frankreich beginnt
       man nun  - wenn  auch nur  allmählich -  zu entdecken,  daß keine
       Chance vorhanden  ist, Sewastopol  im Sturm  zu nehmen. In dieser
       peinlichen Verlegenheit  hat sich  die Londoner  "Times" an  eine
       "hohe kriegswissenschaftliche  Autorität" gewandt  und  erfahren,
       daß das einzig Vernünftige sei, die Offensive zu ergreifen entwe-
       der durch  Überschreiten der Tschornaja und Bewirken einer Verei-
       nigung mit den Türken unter Omer Pascha, sei es vor oder nach ei-
       ner Schlacht  gegen die  russische Observationsarmee,  oder durch
       eine Diversion  nach Kaffa, die die Russen zwingen würde, sich zu
       zersplittern. Da  die alliierte  Armee nun  110 000-120 000  Mann
       zählt, so müssen solche Bewegungen in ihrer Gewalt sein. Nun weiß
       niemand besser  als Canrobert  und Raglan,  daß ein Überschreiten
       der Tschornaja  und eine  Vereinigung mit Omer Paschas Armee sehr
       wünschenswert wäre;  aber wie wir schon immer wieder bewiesen ha-
       ben 1*),  gibt es unglücklicherweise auf den Höhen vor Sewastopol
       die 110 000  bis 120 000 Mann der Alliierten gar nicht und hat es
       auch nie  gegeben. Am  1. März  ging ihre  Zahl nicht  über 90000
       dienstfähige Mann  hinaus. Was  aber eine  Expedition nach  Kaffa
       betrifft, so könnten die Russen nichts Besseres wünschen, als die
       alliierten Truppen  nach drei verschiedenen Punkten 60-150 Meilen
       von dem  Zentralpunkt entfernt zerstreut zu sehen, während sie an
       keinem der  zwei Punkte, die sie nun innehaben, hinreichend stark
       sind, um  die Aufgabe  vor ihnen zu lösen! Offensichtlich hat die
       "hohe kriegswissenschaftliche  Autorität" der "Times" einen Bären
       aufgebunden, wenn  sie ihr  ernstlich den Rat gibt, sich für eine
       Neuauflage der Eupatoria-Expedition einzusetzen!
       Geschrieben um den 30. März 1855.
       
       Aus dem Englischen.
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       1*) Siehe z.B. vorl. Band, S. 76/77

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