Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       Karl Marx
       
       Ein Skandal in der französischen Legislativen -
       Drouyn de Lhuys' Einfluß - Zustand der Miliz
       
       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 163 vom 7. April 1855]
       London, 3. April. Man schreibt uns aus Paris:
       
       "Im bonapartistischen  Corps  Législatif  1*)  kam  es  zu  einer
       S z e n e,  die nicht bis zur englischen Presse gedrungen ist. In
       der Debatte  über das Remplacementsgesetz [125] sprang Granier de
       Cassagnac auf - nach der Rede von Montalembert - und schwatzte in
       seiner Wut  aus der Schule. Wenn dies Gesetz erst in Kraft tritt,
       sagte er, wird die Armee werden, was sie sein sollte, der Ordnung
       und dem Kaiser ergeben, und wir werden nie mehr den schimpflichen
       Anblick von  Soldaten sehen,  die die Flinten umdrehn" (soldats à
       baïonnettes renversées). "Dieser Schluß einer Rede, worin das Ja-
       nitscharentum offen  als Ideal für die Armee gepredigt wurde, er-
       regte selbst in  d i e s e r  Versammlung lautes Murren, und Gra-
       nier mußte  niedersitzen. Ein anderer Legislativer sprang auf und
       geißelte Granier.  Der Skandal  war so groß, daß selbst Morny den
       Cassagnac" (Guizot  nannte ihn bekanntlich, als er noch sein Win-
       kelblättchen, den  "Globe", redigierte  : le  roi des drôles 2*))
       "auffordern mußte,  sich zu  erklären. Granier  tat  f ö r m l i-
       c h e   A b b i t t e   mit dem  größten Kleinmut und trug selbst
       darauf an,  daß dieser  Zwischenfall  im  'Moniteur'  mit  Still-
       schweigen übergangen  werde. Die  Sitzung war so stürmisch wie in
       den schönsten Tagen der Louis-Philippeschen Deputiertenkammer."
       
       "Das britische  Publikum", sagt  der heutige "Morning Chronicle",
       "ist zum  Schlüsse gekommen,  daß Herr  Drouyn de Lhuys nach Wien
       gereist ist,  um als eine Art von Ohrenbläser oder Flügelschläger
       auf Lord  John Russell  zu wirken,  dessen Verhalten bisher weder
       seinen eignen  Landsleuten noch  unsern Alliierten  Genüge  getan
       hat. Der edle Lord ist berüchtigt für seine Einfälle und Ausfälle
       von Patriotismus  und Liberalismus, für seinen extremen öffentli-
       chen Geist, solange er in der Opposition ist oder politisches Ka-
       pital machen  muß, und  für sein  Zusammenklappen, sobald die un-
       mittelbare Notwendigkeit  vorüber. Etwas  der Art scheint ihm bei
       der gegenwärtigen
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       1*) Gesetzgebenden Körper  -  2*) den  König  der  durchtriebenen
       Kerle
       
       #177# Drouyn de Lhuys' Einfluß - Zustand der Miliz
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       Gelegenheit passiert  zu sein,  und das Volk beginnt zu murren...
       Seit der  Anwesenheit des  Herrn Drouyn  de Lhuys zu London macht
       sich ein  mehr entschiedener  Ton in  hohen Zirkeln bemerkbar. Es
       hat selbst  verlautet, daß seine Mission so weit erfolgreich war,
       daß die  friedlichen Aspirationen des Lord John Russell offiziell
       durchkreuzt worden  sind, und  daß   u n s e r   M a n n    v o n
       E n e r g i e"  (Palmerston) "widerstrebend seine Einwilligung zu
       einem Ultimatum  gegeben, das  Rußland wahrscheinlich mit Verach-
       tung zurückweisen wird."
       
       Die englische Armee ist verschwunden, und die englische Miliz ist
       im Verschwinden  begriffen. Die  Miliz, die  unter Lord Derby ge-
       schaffen wurde  durch die Parlamentsakte von 1852, sollte gesetz-
       lich unter  gewöhnlichen Umständen  nicht über  28 Tage  in jedem
       Jahre einberufen  werden. Im  Falle eines Invasionskrieges jedoch
       oder eines  anderen großen  und unmittelbaren Anlasses sollte sie
       für permanenten  Dienst einverleibt  werden können.  Durch Parla-
       mentsakte von  1854 dagegen  waren alle  nach dem  12.  Mai  1854
       Angeworbenen verpflichtet,  so lange  zu dienen,  als  der  Krieg
       währe. Die  Frage ward  nun aufgeworfen, wie es sich mit den Ver-
       pflichtungen der  unter der  Akte von 1852 Angeworbenen verhalte!
       Die Kronsyndici  erklärten, sie hielten diese Kategorie ebenfalls
       zu permanentem Dienst während des Krieges verpflichtet. Lord Pan-
       mure, im Widerspruch mit dieser juristischen Entscheidung, erließ
       vor einigen  Wochen eine Verordnung, wonach alle vor der Akte von
       1854 Angeworbenen  austreten können,  dagegen eine  Prämie von  1
       Pfd. St.  erhalten, wenn sie sich neu für fünf Jahre einschreiben
       lassen. Da  gegenwärtig die  Prämie für Rekruten, die für 2 Jahre
       in die reguläre Armee treten, 7 Pfd. St. in der Infanterie und 10
       Pfd. St. in der Kavallerie beträgt, war die Prämie von nur 1 Pfd.
       St. für fünfjährigen Dienst in der Miliz das unfehlbarste Mittel,
       letztere aufzulösen.  Lord Palmerston,  der beinahe  ein Jahr mit
       Einberufung der  Miliz gezögert,  scheint sie  sobald wie möglich
       wieder loswerden  zu wollen.  Demgemäß erfahren  wir, daß  in den
       letzten vierzehn  Tagen ein Milizregiment nach dem andern von 2/3
       bis 5/8 seiner Mannschaft verloren hat. So sind in dem ersten Re-
       giment der  Somerset-Miliz 414 Mann von 500 ausgeschieden, in der
       North-Durham-Miliz 770  von 800,  in der  Leicester-Miliz 340 von
       460, in der Suffolk-Artillerie 90 von 130 usw.

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