Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Karl Marx
Die Aussichten in Frankreich und England
["New-York Daily Tribune" Nr. 4375 vom 27. April 1855]
London, Dienstag, 10. April 1855 Erlauben Sie mir, nach einer
längeren Pause meine Korrespondenz in der "Tribüne" wieder aufzu-
nehmen.
Gestern und heute werden höchstwahrscheinlich die beiden ersten
entscheidenden Tage der Wiener Konferenz [30] sein, da sie am 9.
in Gegenwart des Herrn Drouyn de Lhuys eröffnet werden sollte und
gleichzeitig erwartet wurde, daß der russische Botschafter seine
Instruktionen wegen des dritten und vierten Punktes bekommen hat.
Die Reise des Herrn Drouyn de Lhuys wurde von Anfang an an sämt-
lichen Börsen als sicheres Friedenssymptom in den Himmel gehoben.
Es wurde gesagt, daß ein so hervorragender Diplomat sicherlich
nicht persönlich an den Verhandlungen teilnehmen würde, wäre er
nicht seines Erfolges sicher. Was die "hervorragende Qualität"
dieses Diplomaten anbelangt, so ist sie von einer sehr sagenhaf-
ten Natur und existiert hauptsächlich nur in den von ihm bezahl-
ten Zeitungsartikeln, durch die er sich zu einem zweiten Talley-
rand erheben läßt, als ob seine langjährige Karriere unter Louis-
Philippe nicht schon seit langem seine "hervorragende" Mittelmä-
ßigkeit etabliert hätte. Der wahre Grund seiner Reise ist aber
der: Lord John Russell hat es durch seine allbekannte Unkenntnis
der französischen Sprache binnen wenigen Wochen fertiggebracht,
die Alliierten in Konzessionen zu verwickeln, die er gewiß nie-
mals machen wollte und die zurückzuziehen außerordentlich schwer
sein dürfte. Lord Johns Französisch ist die Art des typischen
John Bull, so wie es "Mylord" in "Fra Diavolo" [126] spricht und
in anderen ehedem in Frankreich populären Stücken. Es fängt mit
den Worten "Monsieur l'aubergiste" 1*) an und endigt mit den Wor-
ten "très bien" 2*). Versteht er nur die Hälfte von dem, was man
zu ihm spricht, so
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1*) "Herr Gastwirt" - 2*) "sehr gut"
#179# Die Aussichten in Frankreich und England
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hat er die Genugtuung in dem Bewußtsein, daß andere Leute von
dem, was er von sich gibt, noch weniger verstehen. Gerade aus
diesem Grund schickte ihn aber sein Freund und Rivale Lord Pal-
merston nach Wien, erwägend, daß ein paar grobe Fehler auf diesem
Schauplatz genügen dürften, um dem armen kleinen John endgültig
das Genick zu brechen. Und so ist es auch wirklich gekommen. Mei-
stens konnte er nicht verstehen, wovon die Rede war, und eine
jede rasche und unerwartete Interpolation Gortschakows oder Buols
entlockte dem unglückseligen diplomatischen Debütanten unfehlbar
ein verlegenes "très bien". So konnte es geschehen, daß Rußland
und bis zu einem gewissen Grade auch Österreich die Behauptung
aufstellen konnten, daß in einigen Punkten, wenigstens soweit sie
England betreffen, bereits eine Übereinstimmung erzielt sei, die
der arme Lord John niemals zuzugestehen die Absicht hatte.
Selbstverständlich hatte Palmerston dagegen nichts einzuwenden,
solange die Schuld seinen unglücklichen Kollegen trifft. Doch
kann es Louis Bonaparte nicht zulassen, auf diese Weise zum Frie-
den überlistet zu werden. Um dieser Art von Diplomatie einen Rie-
gel vorzuschieben, hat die französische Regierung sich daher
plötzlich entschlossen, die Dinge zur Entscheidung zu bringen.
Sie stellte ein Ultimatum auf, mit dem Drouyn de Lhuys nach Lon-
don ging, wo er die Zustimmung der britischen Regierung erlangte,
und das er dann mit sich nach Wien nahm. Man kann ihn daher jetzt
als den gemeinsamen Vertreter von Frankreich und England betrach-
ten, und es ist nicht daran zu zweifeln, daß er diese Stellung im
besten Interesse seines Herrn ausnützen wird. Und da das einzige
und ausschließliche Interesse Louis Bonapartes darin besteht,
k e i n e n Frieden zu schließen, ehe er nicht neuen Ruhm und
neue Vorteile für Frankreich errungen und ehe nicht der Krieg
seinen Zweck als "moyen de gouvernement" 1*) voll und ganz er-
füllt hat, wird es klar, daß Drouyns Mission, weit entfernt da-
von, eine friedliche zu sein, im Gegenteil nichts anderes be-
zweckt, als eine Fortdauer des Krieges unter jedem nur halbwegs
schicklichen Vorwand zu sichern.
Bei der Bourgeoisie Frankreichs und Englands ist dieser Krieg
entschieden unpopulär. Bei der französischen war er es von allem
Anfang an, denn diese Klasse stand seit dem 2. Dezember [8] stets
in voller Opposition zur Regierung des "Retters der Gesell-
schaft". In England war die Bourgeoisie geteilt. Die große Masse
hat ihren Nationalhaß von den Franzosen auf die Russen über-
tragen. Obgleich John Bull gerne selbst in Indien hie und da ein
kleines Annexionsgeschäft vornimmt, so denkt er gar nicht daran,
anderen Nationen zu erlauben, in anderen Gegenden dasselbe zu
tun, wenn diese England oder
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1*) "Mittel der Verwaltung"
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seinen Besitzungen beunruhigend nahe sind. Rußland war das Land,
das in dieser Hinsicht schon längst seinen eifersüchtigen Argwohn
erregte. Der ins Ungeheure anwachsende britische Handel nach der
Levante und über Trapezunt nach Innerasien macht die freie
Schiffahrt durch die Dardanellen zu einem Punkt von höchster
Wichtigkeit für England. Es kann nicht zulassen, wie Rußland nach
und nach die Donauländer aufsaugt, deren Wert als Kornkammer be-
ständig wächst, und ebensowenig kann es erlauben, daß Rußland die
Schiffahrt auf der Donau sperrt. Russisches Getreide spielt be-
reits eine übermächtige Rolle in der britischen Konsumtion; eine
Annexion der kornproduzierenden Nachbarländer durch Rußland würde
Großbritannien von ihm und den Vereinigten Staaten ganz abhängig
machen und diese beiden Länder in Regulatoren des Getreidemarktes
der ganzen Welt verwandeln. Außerdem zirkulieren in England ei-
nige unbestimmte und alarmierende Gerüchte über Rußlands Vordrin-
gen in Zentralasien; diese Gerüchte werden von daran interessier-
ten indischen Politikern und erschreckten Phantasten aufgegriffen
und durch die allgemeine geographische Unkenntnis von dem briti-
schen Publikum gläubig hingenommen. Als daher Rußland seine
Aggression gegen die Türkei begann, brach der nationale Haß ele-
mentar hervor, und nie war vielleicht ein Krieg so populär wie
dieser. Die Friedenspartei [108] mußte zeitweilig schweigen, und
die Masse ihrer eigenen Mitglieder ließ sich sogar von der allge-
meinen Strömung mitreißen. Wer aber den Charakter der Engländer
kennt, der mußte wissen, daß diese Kriegsbegeisterung nicht von
langer Dauer sein konnte, wenigstens soweit die Bourgeoisie in
Betracht kam. Sobald die Wirkung des Krieges auf ihre Taschen in
Form von Steuern sich fühlbar machte, siegte natürlich der kauf-
männische Verstand über den Nationalstolz, und die Einbuße unmit-
telbarer persönlicher Profite wog natürlich schwerer als die Ge-
wißheit des allmählichen Verlustes großer nationaler Vorteile.
Die Peeliten [11], dem Kriege abhold nicht so sehr aus wahrer
Friedensliebe als aus Beschränktheit und Zaghaftigkeit, die alle
großen Krisen und jede entschiedene Aktion verabscheut, boten al-
les auf, schleunigst den großen Moment herbeizuführen, wo jeder
britische Kaufmann und Fabrikant bis auf den letzten Heller sich
berechnen konnte, was ihn persönlich der Krieg per annum 1*)
kosten würde. Herr Gladstone, die vulgäre Idee einer Anleihe
verschmähend, verdoppelte sofort die Einkommensteuer und stellte
die Finanzreform ein. Sofort zeigte sich das Resultat. Die
Friedenspartei erhob wieder ihr Haupt. Herr Bright erkühnte sich,
mit dem an ihm wohlbekannten Feuer und mit Zähigkeit gegen die
herrschende Stimmung aufzutreten, bis es
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1*) pro Jahr
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ihm gelang, die Industriedistrikte für sich zu gewinnen. In Lon-
don ist die Stimmung zwar immer noch mehr für den Krieg; aber so-
gar hier ist der Einfluß der Friedenspartei sichtbar. Auch darf
man nicht vergessen, daß die Friedensgesellschaft niemals zu ir-
gendeiner Zeit irgendwelchen nennenswerten Einfluß in der Haupt-
stadt hatte. Trotzdem nimmt ihre Agitation in allen Teilen des
Landes zu, und ein zweites Jahr verdoppelter Einkommensteuer,
dazu eine Anleihe - denn diese wird jetzt als unvermeidlich ange-
sehen -, und die letzte Spur kriegerischen Geistes unter den ge-
werbe- und handeltreibenden Klassen ist ausgerottet.
Ganz anders liegt der Fall bei der Masse des Volkes in beiden
Ländern. Die Bauernschaft in Frankreich war seit 1789 der
heißeste Verfechter des Krieges und des Kriegsruhms. Dieses Mal
sind die Bauern sicher, nicht viel von der Bedrängnis des Krieges
zu spüren; denn in einem Lande, wo der Grund und Boden unter den
kleinen Eigentümern unendlich zersplittert ist, befreit die Aus-
hebung zu Kriegsdiensten nicht nur die Ackerbau treibenden Di-
strikte von überschüssigen Arbeitskräften, sondern sie gibt auch
noch jedes Jahr einigen 20000 jungen Menschen Gelegenheit, ein
rundes Sümmchen Geld dadurch zu verdienen, daß sie sich als
Stellvertreter anwerben lassen. Nur ein langwieriger Krieg würde
schwer empfunden werden. Kriegssteuern darf der Kaiser den Bauern
nicht auferlegen, wenn er nicht Krone und Leben riskieren will.
Sein einziges Mittel, den Bonapartismus unter ihnen zu erhalten,
besteht darin, sie von Kriegssteuern zu befreien und dadurch ihre
Gunst zu erkaufen, und so mögen sie noch mehrere Jahre von dieser
Art der Bedrückung frei bleiben.
Ähnlich liegt der Fall in England. In der Landwirtschaft herrscht
gewöhnlich Überfluß an Arbeitskräften, und aus ihnen rekrutiert
sich die Hauptmasse des Militärs, das erst in einer späteren Pe-
riode des Krieges einen starken Zusatz aus dem Rowdytum der
Städte bekommt. Als der Krieg begann, befand sich der Handel in
einem leidlich guten Zustand, und manche gute landwirtschaftliche
Verbesserung wurde verwirklicht; daher war diesmal die Zahl der
bäuerlichen Rekruten eine geringere als sonst, und das städtische
Element ist in der gegenwärtigen Miliz entschieden das vorherr-
schende. Aber schon die geringe Zahl der Eingezogenen genügte,
die Löhne günstig zu beeinflussen, und die Sympathie der Dorfbe-
wohner begleitet stets die Soldaten, die aus ihrer Mitte kommen
und die sich nun in Helden verwandeln. Die direkte Besteuerung
berührt nicht die kleinen Farmer und Arbeiter, und ehe die Er-
höhung der indirekten Steuern sich für sie fühlbar macht, müssen
erst einige Kriegsjahre verstrichen sein. Unter diesen Leuten ist
die Kriegsbegeisterung stärker als sonstwo, und es gibt wohl kein
Dorf, wo nicht ein neues Bierhaus
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mit dem Schild "Zu den Helden von der Alma" oder einer ähnlichen
Aufschrift sich fände und wo nicht in fast jedem Hause wunderbare
Farbendrucke mit Darstellungen von der Alma, von Inkerman, der
Attacke bei Balaklawa und Bilder von Lord Raglan und anderen die
Wände zieren. Wenn aber in Frankreich das große Übergewicht der
Kleinbauern (vier Fünftel der ganzen Bevölkerung) und ihr eigen-
artiges Verhältnis zu Louis-Napoleon ihren Stimmen ein solches
Gewicht verleihen, so hat in England das Landvolk, das nur ein
Drittel der Bevölkerung bildet, kaum irgendeinen Einfluß, außer
als Anhängsel und Nachläufer der aristokratischen Grundeigentü-
mer.
Die industrielle Arbeiterbevölkerung nimmt in beiden Ländern fast
die gleiche besondere Stellung in bezug auf diesen Krieg ein.
Sowohl die britischen wie auch die französischen Proletarier sind
von einem edlen Nationalgeist erfüllt, obgleich sie sich mehr
oder weniger von den veralteten nationalen Vorurteilen frei ge-
macht haben, die der Bauernschaft beider Länder eigen sind. Sie
haben wenig unmittelbares Interesse an dem Krieg, es sei denn,
daß die Siege ihrer Landsleute ihrem nationalen Stolze schmei-
cheln und daß der Verlauf des Krieges, der von den Franzosen
tollkühn und vermessen, von den Engländern zaghaft und stumpfsin-
nig geführt wird, ihnen eine gute Gelegenheit gibt, gegen die be-
stehenden Regierungen und herrschenden Klassen zu agitieren. Die
Hauptsache für sie ist es aber: Dieser Krieg, der mit einer kom-
merziellen Krise zusammenfällt - deren erste Anfänge sich eben
bemerkbar machten -, der von Köpfen und Händen geleitet wird, die
ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind und der gleichzeitig europäi-
sche Dimensionen annimmt, wird und muß Ereignisse heraufbeschwö-
ren, die die proletarische Klasse in den Stand setzen werden,
jene Stellung wieder einzunehmen, die sie durch die Junischlacht
1848 in Frankreich verlor [127]. Und das gilt nicht allein für
Frankreich, sondern auch für das ganze Mitteleuropa, einschließ-
lich England.
In Frankreich kann in der Tat kein Zweifel darüber herrschen, daß
jeder neue revolutionäre Sturm früher oder später die Arbeiter-
klasse zur Macht bringen muß. In England nehmen die Dinge rasch
eine ähnliche Wendung. Da ist eine Aristokratie, die den Krieg
weiterzuführen wünscht, aber dazu nicht fähig ist, und die sich
durch die schlechte Kriegführung im vergangenen Winter völlig
kompromittiert hat. Da ist eine Bourgeoisie, die diesen Krieg
nicht weiterzuführen wünscht, aber der Krieg kann jetzt nicht
beendet werden; indem sie alles dem Frieden opfert, tut sie da-
durch ihre Unfähigkeit kund, England zu regieren. Sollten die Er-
eignisse die eine dieser beiden Klassen mit ihren zahlreichen
Fraktionen ausschalten und die andere nicht ans Ruder kommen las-
sen, so bleiben bloß zwei Klassen, denen die Macht
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zufallen kann: Die Kleinbourgeoisie, die Klasse der kleinen
Gewerbetreibenden, deren Mangel an Energie und Entschiedenheit
sich bei jeder Gelegenheit zeigte, wo sie berufen war, von Worten
zu Taten überzugehen, und die Arbeiterklasse, der man beständig
vorwarf, sie zeige viel zuviel Energie und Entschiedenheit, wenn
sie sich anschickte, als Klasse zu handeln.
Welche dieser Klassen wird also diejenige sein, die England aus
dem jetzigen Kampf und aus allen Verwicklungen hinausführt, die
im Zusammenhang mit ihm entstehen?
Karl Marx
Geschrieben am 10. April 1855.
Aus dem Englischen.
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