Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       #18#
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       Karl Marx/Friedrich Engels
       
       Aus dem Parlamente - Vom Kriegsschauplatz
       
       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 53 vom 1. Februar 1855]
       London, 29.Januar.  Unsere Beurteilung  des englischen Parlaments
       findet sich heute bestätigt in der englischen Presse.
       
       "Das Parlament  von England", sagt der "Morning Advertiser" [20],
       "hat sich  wieder versammelt und trennte sich in der ersten Nacht
       unter Gelächter,  das widerwärtiger als der Spaß eines Idioten am
       Sarge seines Vaters."
       
       Auch die "Times" kann nicht umhin, zu bemerken:
       
       "Es gibt  sicher wenige,  die nach  Durchlesung der  Debatten vom
       Freitag nicht  von einer  melancholischen Empfindung übermeistert
       werden. Sie wird sich bei näherer Analyse in die Überzeugung auf-
       lösen, daß  unsere Legislatur,  zusammenberufen bei der dringend-
       sten Gelegenheit zur Erwägung der ernstesten Fragen, die wichtig-
       sten Gegenstände  Nebendingen nachsetzt und persönlichen und Par-
       teiinteressen die Stunden widmet, die ausschließlich der verzwei-
       felten Lage unserer Krimarmee gebühren."
       
       Bei dieser  Gelegenheit rät die "Times" denn auch, Palmerston zum
       Premierminister zu  machen, weil  er zum  Kriegsminister "zu alt"
       sei. Dieselbe  "Times" riet,  die Krimexpedition zu einer Jahres-
       zeit und  mit einer  Truppenstärke zu  unternehmen, die, nach dem
       Zeugnis von  Sir Howard Douglas, dem größten militärischen Kriti-
       ker Englands, ihr Mißlingen fast garantierten.
       Zur Charakteristik  der Freitagsitzung noch ein kleiner Nachtrag.
       Obgleich Roebuck  durch sein  seit Jahren  chronisches Leiden ge-
       zwungen ward,  seine Rede  nach 10 Minuten abzubrechen und abrupt
       seinen Antrag  zu stellen,  hatte er Zeit genug gefunden, die fa-
       tale Frage zu formulieren: Wir haben 54 000 Mann wohlausgerüstete
       Truppen nach  dem Orient  gesandt. Davon  existieren noch 14 000.
       Was ist aus den 40 000 geworden, die  f e h l e n?  Und wie
       
       #19# Aus dem Parlamente - Vom Kriegsschauplatz
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       antwortete der  Kriegsminister 1*)  Sidney Herbert, der große Pa-
       tron der  englischen Pietisten, der Traktarianer [14]? Das System
       tauge nichts.  Aber wer  widerstand vor  wenigen Monaten, als die
       Trennung des  Ministeriums  f ü r  den Krieg vom Kolonialministe-
       rium durchgesetzt  wurde, jeder  gründlichen Reform  des Systems?
       Sidney Herbert  und seine Kollegen. Sidney Herbert, nicht zufrie-
       den, sich  hinter "das  System" zu  retten, klagt die Kommandeurs
       der Brigaden  und Regimenter  völliger Untüchtigkeit  an. Wer das
       System kennt,  weiß auch,  daß diese  Kommandeurs nichts  mit der
       Verwaltung, also  auch nichts mit der Mißverwaltung zu tun haben,
       die jetzt eingestandenermaßen eine Musterarmee geopfert hat. Aber
       der  fromme  Herbert  hat  noch  nicht  genug  mit  dem  Beichten
       f r e m d e r   Sünden. Die englischen Soldaten seien unbeholfen.
       Sie wüßten  sich nicht  selbst zu  helfen. Tapfer seien sie, aber
       stupid.
       
       "Zuschlagen, da sind sie respektabel,
       Denken gelingt ihnen miserabel." [21]
       
       Er, Sidney  Herbert, und  seine Kollegen  seien lauter  verkannte
       Genies. Kann man sich wundern, daß Herberts Predigt den wunderli-
       chen Drummond  aufrief und ihm die Frage in den Mund legte, ob es
       nicht Zeit sei, die Konstitution zu suspendieren und einen Dikta-
       tor für  England zu  ernennen? Vernon Smith, der Ex-Whigminister,
       gab schließlich  der allgemeinen  Konfusion den  klassischen Aus-
       druck, indem  er erklärte: Er wisse nicht, was die Motion eigent-
       lich wolle,  noch was er selbst solle, noch ob ein neues Ministe-
       rium im  Entstehen begriffen, noch ob das alte je existiert habe,
       und darum  wolle er  nicht für  die Motion  stimmen. Die  "Times"
       glaubt indes,  daß die Motion heute abend durchgehn werde. Am 26.
       Januar 1810  wurde bekanntlich Widerstand geleistet im englischen
       Parlament gegen  Lord Porchesters  Antrag auf Niedersetzung eines
       Untersuchungskomitees über  die Walcheren-Expedition [22]. Ähnli-
       cher Widerstand  am 26. Januar 1855. Am 29. Januar 1810 passierte
       die Motion,  und England  ist ein Land der historischen Präzeden-
       zien.
       Die bloße  Annahme der  Friedensunterhandlungen erlaubte Rußland,
       soviel Truppen  von der Observationsarmee an der österreichischen
       Grenze zu  entziehen, als  in 2  Monaten oder 10 Wochen wiederer-
       setzt werden  können, d.h.  mindestens 60 000  - 80 000 Mann. Wir
       wissen nun, daß die gesamte ehemalige (russische) Donauarmee auf-
       gehört hat,  als solche  zu existieren, da sich das 4. Korps seit
       Ende Oktober in der Krim befindet, das 3. dort in den letzten Ta-
       gen des  Dezember anlangte und der Rest des 5. Korps nebst Kaval-
       lerie und Reserven auf dem Marsch dahin begriffen ist. Die neue
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       1*) Hier der  Secretary at  War (Staatssekretär für das Kriegswe-
       sen)
       
       #20# Karl Marx/Friedrich Engels
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       Verteilung dieser Truppen, die am Bug und Dnestr zu ersetzen sind
       durch Truppen  von der Westarmee (stationiert in Polen, Wolhynien
       und Podolien), und die Tatsache, daß zudem Teile des 2. Korps und
       der Reservekavallerie ebenfalls nach der Krim marschieren, erklä-
       ren, selbst ohne Rücksicht auf alle anderen diplomatischen Neben-
       zwecke, hinreichend,  warum Rußland  keinen Augenblick  zauderte,
       die Unterhandlungen  auf der sog. "Basis" wiederaufzunehmen. Zwei
       bis drei  Monate Zeit sind von entscheidender Wichtigkeit für es,
       weil seine  auf der  langen Linie  von Kalisch  nach Ismail  zer-
       streute Armee  ohne Verstärkungen  nicht länger  fähig  ist,  der
       wachsenden Zahl der ihr gegenüberstehenden österreichischen Armee
       zu widerstehen.  Um dies  näher zu zeigen, geben wir folgende aus
       den möglichst besten Quellen geschöpfte und die russische Streit-
       kraft eher   ü b e r-   als  u n t e r schätzende  Übersicht über
       die Stärke  und Stellung der russischen großen aktiven Armee, die
       bestimmt ist,  gegen den Süden und Westen Europas zu agieren. Sie
       bestand ursprünglich aus 6 Armeekorps, jedes von 48 Bataillons, 2
       Korps auserlesener  Truppen (Garden und Grenadiere), jedes 36 Ba-
       taillons stark,  nebst einer  verhältnismäßig starken  Anzahl von
       Kavallerie, regelmäßiger  und unregelmäßiger, und Artillerie. Die
       russische Regierung rief dann die Reserven ein, um das 4., 5. und
       6. Bataillon der auserlesenen Truppen und das 5. und 6. Bataillon
       der anderen  Armeekorps zu formieren. Bald darauf fügte sie durch
       neue Truppenaushebungen  ein 7.  und 8.  Bataillon jedem Regiment
       hinzu, so  daß die Anzahl der Bataillons für die Linienkorps ver-
       doppelt und  für die  auserlesenen Truppen  mehr  als  verdoppelt
       wurde.
       Diese Streitkräfte  können annäherungsweise  veranschlagt  werden
       wie folgt:  G a r d e n  u n d  G r e n a d i e r e  - die ersten
       4 Bataillons  pro Regiment  = 96  Bataillons zu  900 Mann = 86400
       Mann, dito  die letzten  4 Bataillons  pro Regiment,  dito zu 700
       Mann =  67 200 Mann, 1. und 2.  K o r p s  (noch nicht engagiert;
       - die  ersten vier Bataillons pro Regiment = 96 Bataillons zu 900
       Mann =  86 400 Mann.  Die letzten  4 Bataillons pro Regiment = 96
       Bataillons zu  700 Mann  = 67 200 Mann. 3., 4., 5., 6.  K o r p s
       - die  ersten 4  Bataillons pro  Regiment = 192 Bataillons zu 500
       Mann =  96 000 Mann;  die letzten 4 Bataillons pro Regiment = 192
       Bataillons zu  700  Mann  =  134 400  Mann.    K o r p s    v o n
       F i n n l a n d   - 14 400  Mann. [Gesamtzahl]  = 784  Bataillons
       [mit] 552 000  Mann.   K a v a l l e r i e   (reguläre) -  80 000
       Mann.   K a v a l l e r i e   (irreguläre) -  46 000 Mann.   A r-
       t i l l e r i e  - 80 000 Mann. Gesamtzahl 758 000 Mann. Die Ver-
       luste fielen bisher nur auf die 96 aktiven Bataillons des 3., 4.,
       5. und 6. Korps.
       Nach Abzug  der 1.  Division des 5. Korps, die am Kaukasus steht,
       bleiben 750 000  Mann, die nun folgendermaßen disloziert sind. An
       den Ufern des Baltischen Meeres die Baltische Armee unter General
       Sievers, bestehend aus
       
       #21# Aus dem Parlamente - Vom Kriegsschauplatz
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       dem Finnischen  Korps und den Reserven der Garden, Grenadiere und
       des 6. Korps, zusammen mit Kavallerie usw. ungefähr 135 000 Mann,
       wovon ein Teil rohe Rekruten und kaum organisierte Bataillons. In
       Polen und  an der  Grenze von  Galizien, von Kalisch bis Kamenez,
       die Garden,  Grenadiere, das  1. Korps,  die 2.  Division des  6.
       Korps, einige  Reserven der Grenadiere und des 1. Korps nebst Ka-
       vallerie und Artillerie, ungefähr 235 000 Mann. Dies ist der aus-
       erlesenste Teilderrussischen Armee, kommandiert von [Michail Dmi-
       trijewitsch] Gortschakow.  In Bessarabien und zwischen Dnestr und
       Bug zwei  Divisionen des  2. Korps  und ein Teil seiner Reserven,
       ungefähr 60 000 Mann. Diese bildeten einen Teil der Armee des We-
       stens. Als  aber die Donauarmee nach der Krim gesandt wurde, wur-
       den sie,  um deren  Stelle einzunehmen,  von der  Westarmee deta-
       chiert und  stehen nun der österreichischen Armee in den Fürsten-
       tümern gegenüber  unter dem  Kommando des  Generals Panjutin. Für
       die Verteidigung der Krim bestimmt: 3. und 4. Korps, 2 Divisionen
       des 6.  Korps und  Reserven nebst 1 Division sowohl des 2. als 5.
       Armeekorps auf  dem Marsche,  alles zusammen  mit  Kavallerie  an
       170 000 Mann  unter Menschikow. Der Rest der Reserven und neu ge-
       bildeten Bataillons, besonders des 1., 2., 3., 4., 5. Korps, wird
       neu organisiert als große Reservearmee durch General Tscheodajew.
       Sie ist  konzentriert im Innern von Rußland, ungefähr 150000 Mann
       stark. Wie viele davon nach Polen oder dem Süden marschieren, ist
       unbekannt.
       Während Rußland also Ende vergangenen Sommers weniger als 500 000
       Mann an den westlichen Grenzen seines Reiches musterte, von Finn-
       land bis  zur Krim,  zählt es jetzt 600 000 Mann, außer einer Re-
       servearmee von  150 000 Mann.  Trotzdem ist  es  schwächer  gegen
       Österreich als  damals. Damals,  August und September, standen in
       Polen und  Podolien 270 000  Russen, während  die Armee am Pruth,
       Dnestr, der  Donau ungefähr  80 000 Mann betrug, zusammen 350 000
       Mann, die  zusammen gegen Österreich operieren konnten. Jetzt nur
       noch 295000  Mann, während  Österreich ihnen 320000 direkt entge-
       genstehen hat und sie mit 70000-80000 in Böhmen und Mähren unter-
       stützen kann.  Rußland kann  daher   i n  d i e s e m  A u g e n-
       b l i c k e   keine Offensivoperation wagen, was in einem offenen
       Land wie  Polen, ohne  große Flußlinien zwischen den zwei Armeen,
       gleichbedeutend ist mit der Notwendigkeit, sich auf eine haltbare
       Position zurückzuziehen.  Griffe Österreich  jetzt an,  so  müßte
       sich die  russische Armee in zwei Hälften spalten, wovon die eine
       auf Warschau,  die andere  auf Kiew  retirieren  müßte,  zwischen
       beiden die  unzugänglichen Moräste  des Polesje,  die vom Bug zum
       Dnepr reichen.  Daher   i n   d i e s e m   A u g e n b l i c k e
       Zeitgewinn entscheidend  für Rußland. Daher seine "diplomatischen
       Erwägungen".

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