Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Friedrich Engels
Kritik des napoleonischen "Moniteur"-Artikels [128]
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 177 vom 17. April) 855]
London, 14. April. Das Publikum, selbst in Frankreich, scheint
hinter die Mysterien der Belagerung von Sewastopol gekommen zu
sein. Louis Bonaparte daher, in seiner Eigenschaft als Redakteur
en chef 1*) des "Moniteur", hat wieder einen langen Leitartikel
über diesen Gegenstand losgelassen. Verschiedene Zwecke sollen
damit erreicht werden : im allgemeinen das Publikum zu trösten
über den Nichterfolg des Unternehmens; im besondern die Verant-
wortlichkeit für den Fehlschlag von den Schultern des Nachfolgers
Napoleons abzuwälzen; im einzelnen auf das Brüsseler Pamphlet
[91] zu antworten. In jenem halb vertraulichen, halb würdevollen
Stil, charakteristisch für den Mann, der gleichzeitig für die
französischen Bauern und die europäischen Kabinette schreibt,
wird eine Art Geschichte des Feldzugs gegeben mit angeblichen
Gründen für jeden Schritt. Das Dokument ist im höchsten Grade un-
politisch, weil es über alle Maßen schwach und unzureichend ist.
Indes muß der "pressure from without" 2*) bedenklich stark sein,
wenn Bonaparte in dieser Weise vorzutreten und sich selbst zu
verteidigen hat.
Nach einer schleppenden Einleitung wird ein Teil der Instruktio-
nen, die S[ain]t-Arnaud beim Beginn des Feldzuges erhielt, mitge-
teilt und auseinandergesetzt, warum die alliierten Truppen zuerst
nach Gallipoli gebracht wurden. Die Russen, heißt es, konnten die
Donau bei Rustschuk überschreiten und, die Linien von Varna und
Schumla umgehend, den Balkan passieren und auf Konstantinopel
marschieren. Von allen Gründen, die für die Landung bei Gallipoli
sprechen sollten, ist dies der schlechteste. Erstens ist Rust-
schuk eine F e s t u n g und nicht eine offene Stadt, wie der
erlauchte Herausgeber des "Moniteur" sich einzubilden scheint. Es
erinnert dies an den
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1*) Chefredakteur - 2*) "Druck von außen"
#185# Kritik des napoleonischen "Moniteur"-Artikels
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historischen Schnitzer, den der "Moniteur" neulich in seinem Ne-
krolog des Kaisers Nikolaus beging, worin u. a. der Vertrag mit
Adrianopel [19] mit dem Vertrag von Kütschük-Kainardschi [119]
verwechselt wird. Was die Gefahr eines solchen russischen Flan-
kenmarsches betrifft, so mag daran erinnert werden, daß eine tür-
kische Armee von 60 000 Mann, fest etabliert zwischen 4 starken
Festungen, nicht ungestraft zurückgelassen werden konnte, ohne
ein starkes Korps zu ihrer Beschäftigung zu detachieren; daß die-
ser Flankenmarsch die Russen in den Bergschluchten des Balkans
dem Schicksal Duponts bei Baylen und Vandammes bei Kulm aussetzte
[129] und daß sie im besten Fall nur 25 000 Mann nach Adrianopel
bringen konnten. Wer eine solche Armee als gefährlich für Kon-
stantinopel betrachtet, kann sich eines Besseren belehren aus den
Werken des Majors Moltke über den Russisch-Türkischen Krieg von
1828/1829 [130]. Hören wir weiter. Falls Konstantinopel nicht ge-
fährdet war, sollten die Alliierten einige Divisionen nach Varna
vorschieben, um jeden Versuch auf eine Belagerung von Silistria
zurückzuweisen. Dies geschehen, boten sich zwei weitere Operatio-
nen dar: in der Nähe von Odessa landen oder sich der Krim bemäch-
tigen. Beide waren von den alliierten Generalen auf dem Fleck in
Erwägung zu ziehn. Die Instruktionen enden mit einigen gesunden
militärischen Ratschlägen in der Form von Maximen und Apophtheg-
men:
"Haltet euch stets von dem unterrichtet, was der Feind tut. Hal-
tet eure Truppen zusammen, teilt sie nicht; aber wenn ihr sie
teilen müßt, richtet es so ein, daß ihr sie auf einem gegebenen
Punkt in 24 Stunden wieder vereinigen könnt etc."
Alles dies in der Tat sehr wertvolle Regeln des Betragens, aber
so fürchterlich abgedroschen, so unbeschreiblich gemeinplätzlich,
daß man sofort schließen muß, St-Arnaud habe in den Augen seines
Meisters für einen vollkommenen Ignoranten gegolten, um solch
guten Rates zu bedürfen. Und plötzlich brechen die Instruktionen
unerwartet damit ab:
"Sie besitzen mein volles Vertrauen, Marschall! Gehen Sie, denn
ich bin sicher, daß unter Ihrer erfahrenen Leitung der französi-
sche Adler neuen Ruhm erbeuten wird."
Was den Hauptpunkt betrifft, die Krimexpedition, so gesteht Bona-
parte, daß sie sein Favoritplan war und daß er später mit Bezug
auf sie einen zweiten Pack Instruktionen an St-Arnaud sandte.
Aber er leugnet, den Plan in seinem Detail ausgearbeitet und ins
Hauptquartier gesandt zu haben. Ihm zufolge blieb den Generalen
offen, die Landung bei Odessa vorzuziehen. Zum Beweis wird eine
Stelle aus diesen neuen Instruktionen mitgeteilt. Bonaparte
schlägt
#186# Friedrich Engels
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darin eine Landung bei Feodosia (Kaffa) vor in Anbetracht des si-
chern und geräumigen Ankerplatzes, den es biete für die Flotten,
die stets die Operationsbasis der Armee bilden müßten. Was eine
Operationsbasis ist, hatte er schon in der ersten Instruktion dem
berühmten Marschall auf das weitläufigste und elementarste ver-
ständlich zu machen gesucht. Von diesem Punkte - Kaffa - sollte
die Armee auf Simferopol marschieren, die Russen auf Sewastopol
werfen, vor dessen Wällen wahrscheinlich eine Schlacht stattfin-
den würde, und schließlich Sewastopol belagern. "Unglücklicher-
weise" wurde dieser Plan nicht befolgt von den alliierten
Generalen! Dieser "unglückliche" Umstand ist um so glücklicher,
als er Bonaparte erlaubt, die ganze Verantwortlichkeit für die
verdrießliche Affäre abzuschütteln und auf die Schultern der
Generale abzuwälzen. Der Plan, mit 60 000 Mann bei Kaffa zu
landen und von da auf Sewastopol zu marschieren, ist in der Tat
originell. Als allgemeine Regel angenommen, daß die Offensivkraft
einer Armee in feindlichem Lande wenigstens in demselben
Verhältnisse abnimmt, worin die Entfernung von ihrer Ope-
rationsbasis zunimmt, wieviel Mann würden die Alliierten nach Se-
wastopol gebracht haben nach einem Marsche von mehr als 120 Mei-
len? Wieviel Mann hätten in Kaffa zurückgelassen werden müssen?
Wie viele, um Zwischenpunkte zu behaupten und zu befestigen? Wie
viele, um Transporte zu beschützen und das Land zu säubern? Nicht
20 000 Mann hätten unter den Wällen einer Festung konzentriert
werden können, die dreimal diese Zahl zu ihrer bloßen Blockade
erheischt. Wenn Bonaparte je selbst in den Krieg zieht und ihn
nach diesen Prinzipien führt, so wird jedenfalls dieselbe Familie
den erstaunlichsten Antagonismus in der Kriegsgeschichte reprä-
sentieren. 1*) Was das sichere Ankern bei Kaffa betrifft, so weiß
jeder Matrose im Schwarzen Meer und zeigt jede Schiffskarte, daß
Kaffa eine offene Reede mit Schutz bloß gegen Nord- und Westwinde
ist, während die gefährlichsten Stürme im Schwarzen Meere von
Südost- und Südwestwinden drohen. So z.B. der Sturm vom 14. No-
vember. Hätten die Flotten damals bei Kaffa vor Anker gelegen, so
wären sie unstreitig auf die Windseite geworfen worden.
Nun kommt der schwierigste Teil des Werkes. Louis Bonaparte
selbst, wie er glaubt, hat die Verantwortlichkeit, die das Brüs-
seler Pamphlet auf ihn wirft, glücklich abgewälzt. Aber er geht
nicht, Raglan und Canrobert zu opfern. Demgemäß, um die Tüchtig-
keit besagter Generale zu beweisen, wird
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1*) In der "New-York Daily Tribune" Nr. 4377 vom 30. April 1855
wird dieser Satz folgendermaßen gebracht: "Wenn Bonaparte je
selbst in den Krieg zieht und ihn nach diesen Prinzipien führt,
so kann er ebensogut sofort im Hotel Mivarts, London, sich Quar-
tier bestellen, denn er wird niemals Paris wiedersehen."
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eine Skizze der Belagerungskunst entworfen. Diese Skizze jedoch
dient nur dazu, zu zeigen, wie Sewastopol n i c h t genommen
werden muß, denn sie wickelt sich ab mit der Versicherung, daß
alle diese Regeln unanwendbar auf Sewastopol waren.
"Zum Beispiel", heißt es, "in einer gewöhnlichen Belagerung, wo
eine Front angegriffen wird, würde die Länge der letzten Paral-
lele ungefähr 300 mètres 1*) betragen und die Gesamtlänge der
Laufgräben nicht über 4000 mètres. Hier hingegen beträgt die Aus-
dehnung der Parallele 3000 mètres und die gesamte Linearlänge der
Laufgräben 41000 mètres."
Richtig, aber das gerade ist die Frage: Partim ist diese enorme
Ausdehnung der Attacke beliebt worden, während alle Umstände die
größtmögliche Konzentration des Feuers auf einem oder zwei be-
stimmten Punkten geboten? Die Antwort ist:
"Sewastopol ist nicht wie eine andere Festung. Es hat einen nur
seichten Graben, keine gemauerten Eskarpes, und diese Verteidi-
gungswerke sind ersetzt durch Abattis 2*) und Palisaden. So
konnte unser Feuer nur schwache Wirkung auf die Erdbrustwehren
machen."
Da dies nicht für Marschall St-Arnaud geschrieben sein kann, der
vielleicht daran geglaubt hätte, muß es ausschließlich zum Behuf
und Besten der französischen Bauernschaft geschrieben sein, denn
jeder Unteroffizier in der französischen Armee wird über solchen
Galimathias lachen. Palisaden, wenn nicht auf dem Grunde eines
Grabens oder wenigstens außerhalb des Gesichtskreises des Fein-
des, sind sehr bald niederkartätscht. Abattis können in Brand ge-
steckt werden. Sie müssen sich am Fuße der Glacis befinden, un-
gefähr 60-80 Yards von den Brustwehren, weil sie sonst dem Feuer
der Kanonen im Wege stehen. Wo das Holz für diese Abattis -
lange, auf den Grund gelegte Bäume, mit den zugespitzten Zweigen
nach dem Feinde gekehrt, das Ganze fest zusammen verbunden -, wo-
her dies Holz in diesem holzlosen Lande kommen sollte, ver-
schweigt der "Moniteur" 3*). Daß Palisaden ein Fortschritt gegen
gemauerte Eskarpen sind, ist sicher neu; denn diese hölzernen
Wehren können sehr leicht in Brand gesteckt werden und erlauben
so einen Sturm, sobald die Kanonen des Feindes zum Stillschweigen
gebracht sind.
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1*) Meter - 2*) Verhaue - 3*) In der "New-York Daily Tribune"
folgt hier der Satz: "Das Fehlen gemauerter Eskarpen hat nichts
mit der langwierigen Belagerung zu tun, denn selbst nach der Dar-
stellung des 'Moniteur' kommen sie erst dann ins Spiel, nachdem
die Bresche legenden Batterien auf der Spitze des Glacis eta-
bliert sind - eine Position, von der die Alliierten noch weit
entfernt sind."
#188# Friedrich Engels
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Schließlich erfahren wir, soll das oben beleuchtete Exposé bewei-
sen, daß die alliierten Generale getan haben, was möglich war,
ja, mehr als unter den gegebenen Umständen von ihnen zu erwarten
war, ja, sich sogar mit Ruhm bedeckt haben. Schlimm für den Ruhm,
der b e w i e s e n werden muß und s o bewiesen wird! Wenn
die Herren Generale Sewastopol nicht einschließen konnten, wenn
sie die russische Observationsarmee nicht vertreiben konnten,
wenn sie noch nicht in Sewastopol sind - nun, so liegt das nur
daran, daß sie nicht stark genug waren! In der Tat, sie sind es
nicht. Aber wenn sie es nicht waren, wer ist verantwortlich für
diesen g r ö ß t e n a l l e r F e h l e r? Niemand als Bona-
parte. Das ist der notwendige Schluß, wozu der Leitartikel des
"Moniteur" führte. Welchen Eindruck er in Paris hervorgebracht,
zeigt folgender Auszug aus dem Briefe des sonst so servilen Pari-
ser Korrespondenten der "Times":
"Manche Personen betrachten diesen Artikel bloß als Vorwort zur
gänzlichen Räumung der Krim. In einem Legitimistenzirkel sagt
man: Man ließ uns Krieg à la Napoleon erwarten; aber es scheint,
wir sollen nun einen Frieden à la Louis-Philippe haben. Auf der
andern Seite herrschen Eindrücke ähnlicher Art in den Gemütern
der arbeitenden Klasse des Faubourg 1*) Saint Antoine. Sie legen
den Artikel als ein offenes Eingeständnis ohnmächtiger Schwäche
aus."
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1*) Vorortes
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