Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Friedrich Engels
Die Affäre vom 23. März [131]
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 179 vom 18. April 1855]
London, 15. April. Die Belagerung von Sewastopol schleppt sich
voran, langsam, langweilig, leer an Ereignissen und Entscheidun-
gen, kaum hier und da belebt durch einige resultatlose Scharmüt-
zel oder desultorische Angriffe, worin die letzte immer die Kopie
der vorletzten und das Original der nachfolgenden ist. Mit Aus-
nahme der Überlegenheit, die die Verteidigung im Ingenieurdepar-
tement entwickelt, bieten sicher wenige Feldzüge von gleicher
Dauer das Schauspiel gleicher Mittelmäßigkeit in den kommandie-
renden Offizieren auf beiden Seiten.
Die französischen und englischen offiziellen Berichte über die
Affäre vom 23. März liegen uns vor; einen detaillierten russi-
schen Bericht haben wir noch nicht gesehen. Wie gewöhnlich sind
die Berichte der alliierten Generale in so künstlerisches Halb-
dunkel gehüllt, daß wir nichts Bestimmtes aus ihnen ersehen kön-
nen. Mit Hilfe von englischen Privatbriefen und Zeitungskorre-
sponzen lassen sich indes die Hauptumrisse des Ereignisses wie-
derfinden. Die r e c h t e A t t a c k e der Alliierten, ge-
richtet gegen die südöstliche Front von Sewastopol, ist vorwärts
geschoben bis zu 600 Yards von der ersten russischen Linie ver-
mittels 3 Linien von Approchen oder Zickzacks, die an ihren Enden
durch die sog. zweite Parallele miteinander verbunden sind. Über
diese hinaus werden die 3 Zickzacks weitergerückt, obgleich lang-
sam und unregelmäßig; dies ist bezweckt, sie durch eine dritte
Parallele zu verbinden und auf der Zentralapproche einen Waffen-
platz zu bilden oder einen gedeckten Platz, geräumig genug, um
eine Reserve zu beherbergen. Von den 3 Approchen befindet sich
die mittlere in der Hand der Engländer, während die rechte und
linke von den Franzosen besetzt ist. Diese zwei Flankenapprochen
sind weiter vorgestoßen als die zentrale, so daß hier die franzö-
sischen Laufgräben dem Platze
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ungefähr 50 Yards näher sind als die von den Engländern eingenom-
mene Position.
Am 23. März vor Tagesanbruch rückten beträchtliche russische
Streitkräfte, ungefähr 12 Bataillons, von der Stadt auf die Bela-
gerungswerke vor. Wohl wissend, daß die Laufgräben mit völliger
Vernachlässigung der herkömmlichen und vorschriftsmäßigen Vorkeh-
rungen konstruiert worden, daß ihre Flanken weder hinreichend
eingezogen noch durch Redouten verteidigt sind, daß folglich ein
kühner Stoß auf die extremen Flanken der Parallele in die Lauf-
gräben führen muß, begannen die Russen ihren Angriff mit einer
plötzlichen und raschen Bewegung, wodurch die östlichen und west-
lichen Extremitäten der Parallele umgangen wurden. Ein Frontan-
griff beschäftigte die Laufgrabenwache und ihre Reserven, während
die überflügelnden Kolonnen, trotz dem tapferen Widerstand der
Franzosen, in die Werke hinabstiegen und den Laufgraben fegten,
bis sie bei der durch die Briten verteidigten Zentralposition an-
langten. Die britischen Linien, gesichert vor ernsthafter Beunru-
higung in der Front, wurden nicht belästigt, bis die auf der
Rechten und Linken stattfindende Fusillade einen Teil ihrer Re-
serven herbeigerufen hatte, und selbst dann war der Frontangriff
nicht von großer Heftigkeit, da die Stärke des Ausfalles in den
überflügelnden Kolonnen konzentriert war. Aber auch diese hatten
infolge des großen Umfanges des Laufgrabens, den sie bereits
überrannt, ihr erstes Feuer verloren, und als sie bei den Briten
ankamen, hatten ihre Offiziere beständig die Chance des schließ-
lichen Rückzuges im Auge zu halten. Der Kampf erreichte daher
sehr bald den Punkt, wo beide Teile ihren Grund behaupten, und
das ist der Moment, wenn ein ausfallendes Détachement an sichere
Retirade denken muß. Das taten die Russen. Ohne einen ernsthaften
Versuch, die Briten aus ihrer Position zu bringen, hielten sie
das Gefecht aufrecht, bis die Mehrzahl ihrer Truppen sich Sewa-
stopol bedeutend genähert hatte, und dann riß ihre Arrieregarde
aus, heftig verletzt durch die französischen und britischen Re-
serven.
Die Russen müssen erwartet haben, viele Kanonen, beträchtliche
Munition und anderes Kriegsmaterial in der zweiten Parallele zu
finden. Dies zu zerstören, kann der einzige Zweck ihres Ausfalls
gewesen sein. Aber sie fanden fast nichts von alledem und gewan-
nen so nichts durch den Ausfall, außer der Sicherheit, daß sie
noch fähig sind, in dieser Entfernung von ihren eigenen Linien,
in der ersten oder zweiten Stunde eines Ausfalls, und bevor die
feindlichen Reserven sich versammeln können, die stärkste Front
zu zeigen. Dies ist etwas wert, kaum aber die Verluste eines sol-
chen Ausfalles. Der materielle Schaden, den sie den Belagerungs-
werken zugefügt, war in einem oder zwei Tagen wieder gutgemacht,
und der durch diesen Ausfall hervorgebrachte
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moralische Effekt ist auf Null zu setzen. Da jeder Ausfall in
einen Rückzug endet, so halten sich die Belagerer stets für die
Sieger. Falls der Verlust der Belagerten nicht unverhältnismäßig
gering im Vergleich mit dem der Belagerer, ist der moralische Ef-
fekt im Durchschnitt mehr ermutigend für die letzteren als für
die ersteren.
In diesem Falle, da Canrobert und Raglan mehr denn je eines
scheinbaren Erfolgs bedürftig waren, kam ihnen dieser Ausfall mit
seinen Diminutiv-Früchten und seinem schließlichen hastigen Rück-
zug ungemein gelegen. Die französischen Truppen schreiben sich
besonders hoch an, den Feind bis dicht an die Linien von Sewasto-
pol verfolgt zu haben. Dies ist indes in ähnlichen Umständen
nicht so schwierig, da die Kanonen des Platzes nicht spielen kön-
nen aus Furcht, die eignen Truppen zu treffen. Die Briten ihrer-
seits, während sie mit Stillschweigen über ihre ausnahmsweise
zurückgeschobene Position weggehn, die ihnen mehr den Charakter
einer Reserve geben als den eines Truppenkorps in erster
Schlachtlinie, renommieren wieder - diesmal aber mit weniger
Grund als je zuvor - mit ihrer eignen Unbesiegbarkeit und dem un-
beugsamen Mut, der dem britischen Soldaten verbietet, auch nur
einen Zollbreit zu weichen. Die britischen Offiziere in den Hän-
den der Russen, aufgegriffen aus der Mitte dieser unbeugsamen
Soldaten und sicher nach Sewastopol beordert, Oberst Kelly u.a.,
wissen, was all dieser Cant 1*) auf sich hat.
Unterdes fahren die großen Strategiker der britischen Presse
fort, mit bedeutender Emphase zu erklären, daß, bevor an einen
Sturm auf Sewastopol zu denken, die neu von den Russen
errichteten Außenwerke durchaus genommen werden müssen; und sie
hoffen, daß dies bald sich ereignen werde. Ihre Behauptung ist
sicher ebenso wahr wie gemeinplätzlich, aber die Frage ist,
w i e sie zu nehmen, wenn die Alliierten nicht einmal deren
Vollendung unter den Augen ihrer eigenen Batterien verhindern
konnten? Der Angriff auf Selenginsk (auf dem Berg Sapun) zeigte
klar genug, daß ein solches Werk mit großen Opfern an Leben in
Besitz genommen werden kann für einen Augenblick, aber es ist
schwer zu sagen, mit welchem Nutzen, wenn es nicht einmal während
der zu seiner Zerstörung nötigen Zeit behauptet werden kann. Die
Tatsache ist, daß diese neuen Werke, die einen integrierenden
Teil des russischen Verteidigungssystems bilden, die auf den
Flanken und im Rücken durch die russische Hauptlinie beherrscht
sind, nicht genommen werden können, außer wenn dieselben Mittel
gegen sie wie gegen die Hauptlinie angewandt werden. Approchen
müssen bis zu einer passenden
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1*) Scheinheiligkeit
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Entfernung vorgeschoben, bedeckte Parallelen mit Waffenplätzen
vollendet, Batterien, um die russische Hauptlinie zu engagieren,
errichtet und armiert werden, bevor an einen Angriff auf diese
Außenwerke und Bemächtigung derselben ernstlich gedacht werden
kann. Die "Times", am lautesten in ihrem Schrei nach Wegnahme
dieser Außenwerke, vergaß nur die neue Methode mitzuteilen, wo-
durch diese schwierige Aufgabe in ein paar Stunden zu lösen, was
sie zuversichtlich ankündigte. Kaum hatte sie ihre sanguinischen
Hoffnungen verraten, als ein Brief ihres Krim-Korrespondenten
eintraf, der die neuen russischen Außenwerke nicht nur für unein-
nehmbar erklärt, sondern zugleich für bloßen ersten Grenzstein
eines beabsichtigten weitern Vorrückens russischer Contre-Appro-
chen. Die Schützengräben in Front der Mamelon-Redoute (von den
Russen Kamtschatka genannt) sind miteinander verbunden worden
durch einen regelmäßigen Laufgraben und bilden so eine neue Ver-
teidigungslinie. Zwischen der Mamelon-Redoute und der Selenginsk-
Redoute (auf Berg Sapun) ist ein anderer Laufgraben gegraben, der
3 Seiten eines Quadrats bildet und einen Teil der französischen
Approchen enfiladiert. Soviel ist klar, daß ein vollständiges Sy-
stem vorgeschobener Posten von den Russen bezweckt ist, um Mala-
chow auf beiden Seiten in der Front zu decken und vielleicht
schließlich sich in den Laufgräben der Alliierten festzusetzen.
Sollte ein solcher Versuch gelingen, so wären die Belagerungsli-
nien auf dieser Seite der Attacke durchbrochen. Während die Alli-
ierten in den letzten 6 Monaten nur ihren Grund behauptet und
ihre Batterien eher verstärkt als vorgerückt haben, sind die Rus-
sen in einem einzigen Monat bedeutend auf sie vorgerückt und rüc-
ken noch vor. Gewiß! Manche Verteidigung war glorreicher als die
von Sewastopol, aber es ist unmöglich, seit der Belagerung von
Troja, in den Annalen des Kriegs eine Belagerung aufzuweisen, so
zusammenhanglos, ideenlos und ruhmlos wie die Belagerung von Se-
wastopol.
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