Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Karl Marx
Zur Geschichte der Agitationen
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 215 vom 10. Mai 1855]
London, 7. Mai. Zur Zeit großer Agitationen in England verstand
die City von London niemals, sich in der Avantgarde zu befinden.
Ihr Anschließen an eine Agitation bewies bisher nur, daß der
Zweck der Agitation erreicht, zum Fait accompli geworden war. So
mit der R e f o r m b e w e g u n g, worin Birmingham die In-
itiative ergriff. So mit der A n t i - C o r n - L a w - B e-
w e g u n g [137], die von Manchester aus geleitet wurde. Eine
Ausnahme bildet die Bank-Restriktionsakte von 1797 [138]. Mee-
tings der Bankiers und Kaufleute der City von London erleichter-
ten Pitt damals, der Bank von England die Fortsetzung der Bar-
zahlungen zu v e r b i e t e n - n a c h d e m die Bankdirek-
toren ihm wochenlang vorher eröffnet, daß die Bank am Rande des
Bankerutts schwebe und nur durch einen Coup d'état, durch Zwangs-
kurs der Banknoten, zu retten sei. Die Umstände erheischten da-
mals nicht mehr Resignation von seiten der Bank von England, sich
die Barzahlung v e r b i e t e n zu lassen, als von seiten der
Citykaufleute, deren Kredit mit dem der Bank stand und fiel,
Pitts Verbot zu unterstützen und dem Landmann zu empfehlen. *)
Die Rettung der Bank von England war die Rettung der City. Daher
damals ihre "patriotischen" Meetings und ihre "agitatorische"
Initiative. Die Initiative, die die City in diesem Augenblick
ergriffen hat, durch ihre letzten Sonnabend in der London Tavern
und der
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*) Es ist unglaublich, daß noch in den modernsten Geschichten der
Nationalökonomie das damalige Benehmen der City als Beweis von
englischem Patriotismus zitiert wird. Es ist noch unglaublicher,
daß Herr v[on] Haxthausen in seinem Werke über Rußland (3. Band,
1852) so leichtgläubig ist, zu behaupten, Pitt habe durch seine
Suspendierung der Barzahlungen der Bank das Geld in England fest-
gehalten. [139] Was mag einem Manne, der solchen Glauben besitzt,
nun erst in Rußland aufgebunden worden sein? Und was wollen wir
gar von der Berliner Kritik denken, die an Herrn v[on] Haxthausen
mit Haut und Haar glaubt und zum Beweis dessen ihn
ab s c h r e i b t!
#201# Zur Geschichte der Agitationen
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Guildhall abgehaltenen Meetings, durch Bildung einer "Assoziation
für die administrative Reform" [140] hat das Verdienst der Neu-
heit, das in England seltene Verdienst, keine Präzedenz zu besit-
zen. Außerdem wurde in diesen Meetings weder gegessen noch ge-
trunken, was ebenfalls neu ist in den Annalen der City, deren
"Schildkrötensuppen-Patriotismus" schon von Cobbett verewigt
ward. Endlich war es neu, daß die Meetings der Citykaufleute in
"London Tavern" und "Guildhall" zur Geschäftszeit abgehalten wur-
den, bei hellem Licht und Tag. Die gegenwärtige Geschäftsstockung
mag etwas mit diesem Phänomen zu tun haben, wie sie überhaupt ein
Ferment in der Gärung des Citygeistes bilden mag, und ein wesent-
liches Ferment. Bei alldem kann die Wichtigkeit dieser Citybewe-
gung nicht abgeleugnet werden, so sehr man sich auch im Westend
abmüht, sie niederzulächeln. Die bürgerlichen Reformblätter -
"Daily News", "Morning Advertiser", "Morning Chronicle" (letzte-
res gehört seit einiger Zeit in diese Kategorie) - suchen ihren
Gegnern, die "große Zukunft" der Cityassoziation zu demonstrie-
ren. Sie übersehen das Näherliegende. Sie haben nicht begriffen,
daß sehr wesentliche, sehr entscheidende Punkte durch die bloße
Tatsache dieser Meetings bereits entschieden sind: 1. Der Bruch
zwischen der herrschenden Klasse a u ß e r h a l b und der
regierenden Klasse i n n e r h a l b des Parlaments; 2. eine
Dislokation der bisher in der Politik tonangebenden Elemente der
Bourgeoisie; 3. die Entzauberung Palmerstons.
Layard hat bekanntlich seine Reformvorschläge für heute abend im
Unterhause angekündigt. Das Unterhaus hat ihn bekanntlich vor un-
gefähr einer Woche niedergezischt, ausgepfiffen, angegrunzt. Die
Prinzen der englischen Kaufmannswelt in der City antworteten in
ihren Meetings mit krampfhaften Lebehochs für Layard. Er war der
Held des Tages in London Tavern und Guildhall. Die cheers 1*) der
City sind die provozierende Antwort auf die groans 2*) des Un-
terhauses. Zeigt sich das Unterhaus heute abend eingeschüchtert,
so ist seine Autorität hin, so dankt es ab. Erneuert es seine
groans, so werden die gegnerischen cheers um so lauter gellen.
Und aus den "Abderiten" [141] ist bekannt, zu welchen Tatsäch-
lichkeiten die Rivalität zwischen cheers und groans hinführt. Die
Citymeetings waren eine direkte Herausforderung des Unterhauses,
ähnlich wie in dem ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts die Wahl
von Sir Francis Burdett durch Westminster.
Bisher stand bekanntlich die Manchesterschule [45] mit ihren
Brights und Cobdens an der Spitze der Bewegung der englischen
Bourgeoisie. Die Fabrikherren von Manchester sind jetzt durch die
Handelsherren der City verdrängt.
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1*) Beifall - 2*) Zischen
#202# Karl Marx
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Ihr orthodoxer Gegensatz gegen den Krieg überzeugte die Bour-
geoisie, die in England keinen Augenblick stillstehen kann, daß
sie momentan wenigstens den Beruf, sie anzuführen, verloren ha-
ben. Die Herren von Manchester können in diesem Augenblick ihre
"Hegemonie" nur noch behaupten, indem sie die Herren von der City
überbieten. Diese Rivalität zwischen den zwei bedeutendsten Frak-
tionen der Bourgeoisie, tatsächlich verkündet durch die Citymee-
tings, wovon die Brights und Cobdens ausgeschlossen wurden und
sich selbst ausschlössen, verkündet Gutes für die Volksbewegung.
Schon können wir als Beweis anführen, daß der Sekretär des Ci-
tykomitees einen Brief an die Chartisten in London gerichtet und
sie ersucht hat, ein Mitglied für ihren beständigen Ausschuß zu
ernennen. Ernest Jones ist zu diesem Behuf von den Chartisten
kommittiert worden. Die Kaufmannschaft steht natürlich nicht in
so d i r e k t e m Gegensatz zu den Arbeitern wie die Fabrikan-
ten, die Millocracy, und so können wenigstens für den Beginn
g e m e i n s c h a f t l i c h e Schritte geschehen, die zwi-
schen Chartisten und Manchestermen unmöglich waren.
Palmerston, dies ist die letzte große Tatsache der Citymeetings,
ist zum erstenmal von der wichtigsten Wahlkörperschaft des Landes
ausgezischt und ausgepfiffen worden. Der Zauber seines Namens ist
für immer gebrochen. Was ihn in der City in Verruf brachte, war
nicht seine russische Politik, die älter ist als der Dreißigjäh-
rige Krieg [142]. Es war der saloppe Hohn, der prätentiöse Zynis-
mus, es waren vor allem die "schlechten Witze", womit er die
furchtbarste Krise, die England je erlebt hat, zu kurieren affek-
tiert. Das empörte die bürgerlichen Gewissen, so sehr es in dem
verkommenen Hause der "Gemeinen" zog.
Administrative Reform m i t einem Parlament, wie es jetzt kon-
stituiert ist, jeder erkennt das Unlogische dieser frommen Wün-
sche auf den ersten Blick. Aber wir haben in unserm Jahrhundert
reformierende Päpste erlebt. [143] Wir haben Reformbanketts er-
lebt mit Odilon Barrots an der Spitze. [144] Kein Wunder dann,
daß die Lawine, die Alt-England wegspülen wird, zunächst als
Schneeball erscheint in der Hand von reformierenden Citykaufleu-
ten.
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