Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Friedrich Engels
Aus Sewastopol [145]
["New-York Daily Tribune" Nr. 4401 vom 28. Mai 1855, Leitartikel]
Die Post, die hier Sonnabend abend mit der "America" angekommen
ist, gibt uns erneut die Möglichkeit, unseren Lesern einen gewis-
sen Überblick über die Kriegslage auf der Krim zu geben, obwohl
der immer noch widerspruchsvolle und unbestimmte Charakter sowohl
der offiziellen Berichte als auch der Zeitungskorrespondenzen un-
sere Aufgabe nicht leicht macht. Es steht fest, daß der Mißerfolg
von Wien [146] im Lager der Alliierten bei Sewastopol von ver-
stärkter Wachsamkeit und Aktivität begleitet wurde und daß das
Bombardement - obwohl man sagen kann, daß es am 24. April ein-
gestellt worden ist - in den folgenden Tagen dennoch nicht gerade
schwächer war. Trotzdem läßt sich schwer sagen, was für Vorteile
eigentlich erreicht worden sind; ein Berichterstatter behauptet
sogar, daß die russischen vorgeschobenen Werke, Selenginsk,
Wolhynsk und Kamtschatka, ebenso wie die Schützengräben in Front
der ganzen Linie von den Verteidigern geräumt worden sind [147].
Da dies offensichtlich das Günstigste ist, was die Alliierten
erreichen konnten, wollen wir zunächst annehmen, es sei wahr.
Andere Korrespondenten berichten, daß die Franzosen die
Flagstaff-Bastion selbst gestürmt und sich dort verschanzt haben,
aber diese Nachricht verdient keinen Glauben. Es ist nichts
weiter als eine dumme Übertreibung der Affäre vom 21. April, als
die Franzosen durch Sprengen von Minen einen vorgeschobenen
Laufgraben vor dieser Bastion zogen. 1*)
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1*) In der "Neuen Oder-Zeitung" Nr. 217 vom 11. Mai 1855 wurde an
Stelle dieses Absatzes folgender Text gegeben: "Die Eröffnung der
telegraphischen Kommunikation von Balaklawa nach London und Paris
hat, soweit das Publikum beteiligt ist, bisher nur dazu gedient,
größere Verwirrung in das ihm mitgeteilte Material zu bringen.
Die englische Regierung veröffentlicht nichts oder höchstens ei-
nige unbestimmte Versicherungen über erreichte Erfolge; die
französische Regierung veröffentlicht Depeschen
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Wir wollen weiterhin annehmen, daß es stimmt, daß die Russen auf
ihre ursprüngliche Verteidigungslinie zurückgeworfen sind, ob-
gleich es sehr auffallend bleibt, daß Berichte über die Einnahme
des Berges Sapun und des Mamelon durch die Alliierten bisher noch
fehlen. Gesetzt aber auch, die Redouten auf diesen Hügeln befän-
den sich nicht länger in den Händen der Russen, so kann niemand
leugnen, daß sie große Vorteile von ihnen gezogen haben. Sie ha-
ben den Sapun vom 23. Februar und die Mamelon-Kamtschatka-Redoute
vom 12. März bis Ende April gehalten, während welcher Zeit die
Laufgräben der Alliierten entweder enfiliert oder anhaltendem
Feuer in der Front ausgesetzt waren, während der Schlüssel der
ganzen Position - Malachow - vollständig durch sie geschützt
wurde während der fünfzehntägigen Kanonade. Nachdem die Russen
sie so gut genutzt hatten, konnten sie deren Verlust verschmer-
zen.
Die verschiedenen Nachtattacken, bei denen sich die Alliierten
der russischen Schützengräben und Konterapprochen bemächtigten,
brauchen hier ebensowenig beschrieben zu werden wie der Ausfall
der Russen, den diese unternahmen, um sie wieder zurückzugewin-
nen. Derartige Operationen sind von keinem taktischen Interesse,
es sei denn für solche Leute, die das Gelände aus persönlicher
Erfahrung kennen; sie werden hauptsächlich durch den Verstand,
die Kühnheit und Beharrlichkeit der Subalternoffiziere und Solda-
ten bestimmt. In diesen Eigenschaften sind die Engländer und
Franzosen den Russen überlegen, und demzufolge haben sie ihre
Stützpunkte an einigen Stellen nahe der russischen Werke gut be-
hauptet. Die Entfernung zwischen den Gegnern ist hier und dort
reduziert auf die Weite von Handgranaten, d.h. zu 20 oder 30
Yards von dem russischen gedeckten Wege oder von 40-60 Yards von
dem Hauptwalle. Die Russen behaupten, die Belagerer
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unter dem Namen Canrobert, aber so beschnitten und verfälscht,
daß es fast unmöglich ist, irgend etwas aus ihnen zu entnehmen.
Zum Beispiel: Die Bastion, wogegen der französische Hauptangriff
gerichtet ist, hieß bisher unabänderlich Flagstaff-Bastion oder
Bastion du Mât. Jetzt erfahren wir, große Vorteile seien davonge-
tragen worden gegen die Zentral-Bastion, dann gegen Bastion Nr.
4. Nach langem Vergleichen mit früheren Berichten, besonders auch
russischen, stellt sich heraus, daß noch fortwährend von unserer
alten bekannten, der Bastion du Mât, aber unter verschiedenen Ti-
teln und Nomenklaturen die Rede ist. Diese Art Mystifikation ist
durchaus tendenziell und so gewissermaßen auch 'providentiell'.
Aber wenn der Telegraph dem Publikum nicht zugute kommt, hat er
unstreitig einiges Leben in das alliierte Heerlager gebracht. Es
kann nicht bezweifelt werden, daß die ersten Depeschen, die Can-
robert empfing, gemessenen Befehl erteilten, mit größerer
Entschiedenheit zu handeln und um jeden Preis irgendwelche Er-
folge zu gewinnen. Ein nicht offizieller Bericht behauptet, daß
alle vorgeschobenen Werke, Selenginsk, Wolhynsk und Kamtschatka,
ebenso wie die Schützengräben in Front der ganzen Linie von den
Russen geräumt worden sind."
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seien 30 Sashen 1*) oder 60 Yards von ihm entfernt. Das ist be-
sonders der Fall in Front der Flagstaff-Bastion, der Zentral-Ba-
stion und des Redan, wo das Gelände tote Winkel bildet mit Ver-
tiefungen, die so gelegen sind, daß die russischen Kanonen nicht
genügend unter die Horizontale gerichtet werden können, um die
Geschosse dort einschlagen zu lassen. Da die russische Artillerie
keineswegs zum Schweigen gebracht worden ist, sind die Kommuni-
kationen mit diesen Vertiefungen und ihre Umwandlung in ein voll-
ständiges System von Laufgräben eine sehr schwierige Angelegen-
heit, und die Alliierten werden das Flankenfeuer der Russen recht
heftig zu spüren bekommen. Indes, solange die Batterien der Alli-
ierten an 400 oder 500 Yards hinter den vorgeschobenen Laufgräben
sich befinden, ist nicht einzusehen, wie sie so ausgesetzte Posi-
tionen zu behaupten erwarten gegen plötzliche und mit genügender
Stärke unternommene Ausfälle; und nach dem anerkannten Mißlingen
des Bombardements wird es Zeit kosten, bis neue und weiter vorge-
schobene Batterien ins Spiel gebracht werden können.
Dieses plötzliche Vorrücken der Alliierten direkt bis zum Fuße
der russischen Festungswälle steht zwar im Gegensatz zu ihrer
bisherigen Trägheit und Unentschlossenheit, befindet sich aber
dennoch ganz im Einklang damit. In der Führung dieser Belagerung
hat es nie weder System noch wirkliche Konsequenz gegeben; und da
eine Belagerung im wesentlichen eine systematische Operation ist,
in der jeder erreichte Schritt auf die Gefahr hin, sich sonst als
nutzlos zu erweisen, sofort zu neuem Vorteil ausgebaut werden
muß, ist es klar, daß die Alliierten das nach dem denkbar
schlechtesten Plan betrieben haben. Ungeachtet der Enttäuschung,
die in den Köpfen der Generale der Alliierten Platz griff, als
sie den Schauplatz zum erstenmal sahen, ungeachtet der Irrtümer,
die im vergangenen Herbst begangen wurden während der ersten Be-
lagerung, hätten sie doch größere Fortschritte machen können.
Lassen wir die Nordseite der Stadt völlig außer acht, wie die Ge-
nerale der Alliierten es selbst getan haben. Sie hatten sich ein
für allemal entschlossen, die Südseite abgesondert anzugreifen
und Gefahr zu laufen, an eine Stelle zu kommen, die durch eine
für sie unzugängliche Festung beherrscht wird. Aber hier ergibt
sich eine Alternative: entweder fühlten sich die Generale der Al-
liierten stark genug, um die Südseite einzunehmen, und dann müs-
sen sie jetzt zugeben, daß sie in einem unverzeihlichen Irrtum
waren; oder sie fühlten sich zu schwach, und weshalb sorgten sie
dann nicht für Verstärkung? Es kann jetzt nicht geleugnet werden,
daß ein Fehler dem andern in dieser "denkwürdigen und beispiello-
sen" Belagerung gefolgt ist. Die Härte des
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1*) altes russisches Längenmaß = 2,336 m
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Winterquartiers scheint sowohl der Armee als auch den Generalen
einen Geist unüberwindlicher Schläfrigkeit, Apathie und Trägheit
eingeflößt zu haben. Als die Russen im Februar kühn aus ihren Li-
nien hervorkamen und im Vorgehen neue bildeten, hätte es ihnen
ein ausreichender Ansporn sein müssen, ihre ganze Energie aufzu-
bieten; doch Canrobert konnte diese sehr ernste Warnung zu keinem
anderen Zweck benutzen als dem, den Eifer der Zuaven durch eine
Attacke zu dämpfen, die - wie er von vornherein wußte - zu nichts
Gutem führen konnte. Die Arbeit in den Laufgräben wurde wieder
aufgenommen, aber mehr, um gedeckte Wege für Sturmkolonnen zu
bilden, als die Batterien näher an den Feind zu schieben. Selbst
nachdem man sechs Monate vor der Festung verbracht hat, zeigt
jede Handlung, daß kein definitiver Plan verfolgt wurde, kein
Punkt für eine Generalattacke ins Auge gefaßt, ja, daß sogar die
alte fixe Idee, Sewastopol durch einen Coup de main 1*) zu neh-
men, immer noch in den Köpfen der Alliierten vorherrschte, die
jeden vernünftigen Vorschlag durchkreuzte und jeden Versuch eines
systematischen Vorgehens zunichte machte, und das wenige, was ge-
tan wurde, wurde dreimal langsamer wie reguläre Belagerungsopera-
tionen durchgeführt, wobei die Inkonsequenz und das Fehlen eines
Planes, die das Ganze kennzeichneten, ihm nicht einmal die Sie-
gesgewißheit verliehen, die solchen regulären Operationen inne-
wohnt. 2*)
Aber alles wurde erwartet von dem Wiedereröffnen des Feuers. Das
war die hauptsächliche Entschuldigung für jedes Zögern und
Nichtstun. Obgleich es schwer ist, zu sagen, was von diesem
großen Ereignis erwartet wurde - von Batterien auf 600-1000 Yards
von ihrem Angriffsgegenstand entfernt -, so wurde das Feuer doch
endlich eröffnet. Ungefähr 150 Schüsse per Kanone die ersten zwei
oder drei Tage, dann 120 Schüsse, dann 80, dann 50, schließlich
30, wonach die Kanonade suspendiert ward. Der Effekt war kaum
sichtbar,
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1*) Handstreich - 2*) In der "Neuen Oder-Zeitung" wurde an Stelle
dieses Absatzes folgender Text gegeben: "Selbst dies plötzliche
Vorrücken der Alliierten bildet nur einen Ring in der Kette von
planlosen Einfallen, die diese Belagerung auszeichnen - wo bunt
durcheinanderlaufen regelmäßige Blockade, gewaltsamer Angriff,
Träume von coups de main. Dem ersten Bombardement vom 17. Oktober
bis 5. November war schon der Beschluß der Alliierten vorausge-
gangen, keine Rücksicht auf die Nordseite der Stadt zu nehmen und
einen abgesonderten Angriff auf die Südseite zu unternehmen, d.h.
die Gefahren zu laufen, sich in einen Platz hineinzuwagen, der
durch eine für sie uneinnehmbare Befestigung beherrscht bliebe.
Dann zeichnete sich schon das erste Bombardement aus durch Zer-
splitterung des Feuers auf einer enormen Linie, statt es auf
einen oder zwei Punkte zu konzentrieren. Die fünf Monate zwischen
dem ersten und zweiten Bombardement wurden nicht dazu benutzt,
Hauptpunkte des Angriffs auszufinden, sondern nur um den ur-
sprünglichen Fehler, den gleichmäßigen Angriff von allen Punkten
eines enormen Halbkreises, im Detail und möglichst schläfrig aus-
zuarbeiten."
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außer in den unbrauchbar gewordenen Kanonen und ausgeleerten Ma-
gazinen der Alliierten. Eine fünftägige Kanonade mit voller Wucht
würde den Russen mehr Schaden getan und den Alliierten mehr Chan-
cen des Erfolgs eröffnet haben als fünfzehn Tage eines Feuers,
das mit großer Wut begann und ebenso schnell erschlaffte, wie es
begonnen hatte. Aber wie konnten die Alliierten in der Lage sein,
diese günstigen Umstände zu nutzen, nachdem ihre Munition ver-
schossen und ihre Kanonen unbrauchbar geworden waren? Ebensowenig
wie jetzt, während die Russen in einer weit besseren Lage sind
als damals, da sie sehen, wie das Feuer nachläßt und es ihnen er-
spart bleibt, von einem Hagel von 50000 Geschossen pro Tag an
fünf aufeinanderfolgenden Tagen überschüttet zu werden. Diese
Verlängerung der Kanonade durch Abschwächung ihrer Intensivkraft
ist eine so große und unerklärliche Abweichung von allen Kriegs-
regeln, daß politische Gründe dem zugrunde liegen müssen. Als das
Feuer der ersten beiden Tage die Erwartungen der Alliierten ent-
täuscht hatte, muß die Notwendigkeit, wenigstens den Schein einer
Kanonade während der Wiener Konferenz [30] aufrechtzuerhalten, zu
dieser sinnlosen Verschwendung von Munition geführt haben.
Die Kanonade endigt, die Wiener Konferenzen sind suspendiert, der
Telegraph ist vollendet. Zugleich folgt ein Szenenwechsel. Be-
fehle langen von Paris an, rasch und entscheidend zu handeln. Das
alte System des Angriffs wird aufgegeben; Stürme im kleinen, Lo-
gierungen durch Minenexplosionen, Kampf mit Büchsen und Bajonet-
ten folgen dem resultatlosen Gebrüll - der Artillerie. Vorgescho-
bene Punkte werden gewonnen und selbst behauptet gegen einen er-
sten Ausfall der Belagerten. Aber falls nicht Batterien in kurzer
Entfernung von den russischen Linien errichtet und zu heiß für
die Belagerten gemacht werden, ist nichts gewonnen. Die vorge-
schobenen Posten können nicht gehalten werden ohne große und täg-
lich wiederholte Verluste und ohne regelmäßig wiederkehrende Ge-
fechte mit zweifelhaftem und schwankendem Ausgang. Und gesetzt
selbst, daß diese Batterien der zweiten und dritten Parallele er-
richtet werden sollen, daß es für ihr Eröffnen nötig war, die
Russen erst aus ihren Schützengräben zu verjagen - wie lange wird
es währen, bis diese neuen Batterien Kanonen genug erhalten ha-
ben, um erfolgreich das Feuer der Russen zu erwidern, das während
der zwei Bombardements dem der Alliierten die Stange hielt? Je
näher Batterien den feindlichen Werken rücken, desto destrukti-
veres Kreuzfeuer kann auf sie konzentriert werden und desto be-
schränkter wird der Raum für die Aufstellung von Kanonen; in an-
dern Worten, desto gleicher wird das Feuer des Angriffs dem Feuer
der Verteidigung, es sei denn, daß letzteres zuvor zum
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Schweigen gebracht durch die entfernteren Batterien, wovon hier
nicht die Rede ist.
Wie war es dann aber den Russen möglich, den Attacken der Alli-
ierten so erfolgreich zu widerstehen? Erstens infolge der Fehler
und der Unentschlossenheit der Verbündeten selbst; zweitens in-
folge der Tapferkeit der Garnison und der Geschicklichkeit des
leitenden Ingenieurs, Oberst Todtleben, drittens durch die natür-
liche Stärke der Position. Denn man muß zugeben, daß die Position
tatsächlich stark ist. Die schlechten Landkarten, die bis vor
sehr kurzer Zeit die einzig erreichbaren waren, stellten Sewasto-
pol als eine am unteren Teil eines Abhangs gelegene und von den
Höhen im Hintergrund beherrschte Stadt dar; aber die neuesten und
besten Landkarten beweisen, daß die Stadt auf mehreren abgerunde-
ten, isolierten Hügeln steht, die vom Abhang des Plateaus durch
Schluchten getrennt sind; diese Hügel beherrschen tatsächlich in
gleicher Weise sowohl die Stadt wie auch das Plateau. Dieser Cha-
rakter des Geländes scheint das Zögern, die Festung im vergange-
nen September im Sturm zu nehmen, völlig zu rechtfertigen; offen-
bar war er den Generalen der Alliierten zu imponierend erschie-
nen, so daß sie nicht einmal den Versuch unternahmen, den Feind
zu veranlassen, zu zeigen, welche Kräfte er zur Verteidigung auf-
bieten könnte. Der russische Ingenieur hat sich diesen natürli-
chen Vorteil soweit wie möglich zunutze gemacht. Wo Sewastopol
auch immer einen dem Plateau zugewandten Abhang hat, sind zwei
und selbst drei Batteriereihen errichtet worden, eine über der
anderen, die Verteidigungsstärke verdoppelnd und verdreifachend.
Solche Batterien sind auch in anderen Festungswerken errichtet
worden (z.B. am Abhang des Mont-Valérien bei Paris), aber sie
werden von den Ingenieuren, die sie als Granatenfallen bezeich-
nen, nicht allgemein gebilligt. Sie bieten dem Belagerer wirklich
ein größeres Ziel, dessen Salven die darunter- oder darüberlie-
gende Batterie treffen können, wenn sie die verfehlen, auf die
gezielt wurde, und sie werden aus diesem Grunde der ' Verteidi-
gung stets größere Verluste zufügen. Aber wo eine Festung wie Se-
wastopol nicht einmal eingeschlossen ist, gilt ein solcher Nach-
teil nichts, verglichen mit der enormen Stärke, die sie dem Ver-
teidigungsfeuer verleiht. Nach dieser Belagerung Sewastopols
glauben wir, diese Granatenfallen recht wenig beanstanden zu kön-
nen. Für Festungen ersten Ranges, die mit großen Vorräten verse-
hen und schwer einzuschließen sind, können sie dort, wo das Ge-
lände ihnen günstig ist, zum größten Vorteil genutzt werden. Ab-
gesehen von diesen Granatenfallen sind die Russen auch in anderer
Hinsicht von der üblichen Ingenieursroutine abgewichen. Den ver-
alteten Systemen der Bastionsbefestigungen entsprechend, würden
15 oder 17 Bastionen zu wenig
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gewesen sein, um die Festung einzukreisen und würden sie nur sehr
schlecht verteidigt haben. Statt dessen gibt es auf vorgelagerten
Höhen nur sechs Bastionen, während die Kurtinen, die sie mitein-
ander verbinden, in winkelbildende Linien gebrochen sind, um so
mit einem von dem der Bastionen unabhängigen Flankenfeuer aufwar-
ten zu können, und von diesen vorspringenden Stellungen aus be-
streichen schwere Geschütze das vordere Gelände. Diese Kurtinen
sind fast auf ihrer ganzen Länge mit Kanonen bestückt, was wie-
derum eine Neuerung bedeutet, denn die Kurtinen in üblichen Ba-
stions-Befestigungen sind im allgemeinen nur für besondere Fälle
mit ein bis zwei Kanonen bestückt, und die ganze Feuerverteidi-
gung wird den Bastionen und Ravelins übertragen. Ohne auf weitere
technische Details einzugehen, wird man aus dem oben Gesagten er-
sehen können, daß die Russen ihre Möglichkeiten bestens genutzt
haben und daß die Alliierten - falls sie jemals in den Besitz der
Flagstaff- oder der Malachow-Bastion kommen sollten - sicher sein
können, auf eine zweite und eine dritte Verteidigungslinie zu
stoßen, die zu bezwingen sie ihre ganze Findigkeit einzusetzen
haben werden.
Geschrieben um den 8. Mai 1855.
Aus dem Englischen.
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