Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Karl Marx
Pianori - Mißstimmung gegen Österreich
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 219 vom 12. Mai 1855]
London, 9. Mai. "Morning Chronicle", "Advertiser", "Daily News"
etc. enden alle ihre Philippiken gegen den Meuchelmörder Pianori
mit mehr oder minder scheuen Wendungen gegen die Nummer des
"Moniteur", die den Anklageakt gegen Pianori veröffentlicht
gleichzeitig mit dem Dekret, das dem ehemaligen französischen Un-
teroffizier und jetzigen Brüsseler Ladenhüter Cantillon das Napo-
leonische Legat von 10 000 Francs auszuzahlen verordnet, den Lohn
seines an Wellington versuchten Meuchelmordes. Am drolligsten
wendet und krümmt sich der von Profession ernsthafte "Chronicle".
Napoleon III., meint er, müsse nicht wissen von dieser sonderba-
ren und in diesem Augenblicke so taktlosen Huldigung Napoleons I.
Der Name "Cantillon" müsse sich durch einen Lapsus pennae 1*) in
die sittenreinen Spalten des "Moniteur" verirrt haben. Oder ein
übereifriger Subalternbeamter habe auf seine Faust Cantillon mit
den 10 000 Francs dotiert usw. Der würdige "Chronicle" scheint
sich einzubilden, daß die französische Bürokratie nach dem Muster
der englischen eingerichtet ist, wo allerdings, wie wir aus dem
letzten Verhör vor dem parlamentarischen Untersuchungskomitee
sehn, ein Subalterner in dem Board of Ordnance 2*) auf seine
Faust eine gewisse Sorte von Raketen, hinter dem Rücken seiner
Vorgesetzten und zum Belauf von Tausenden von Pfunden, bestellen
kann, oder wo, wie Palmerston dem Unterhaus erklärt, diplomati-
sche Aktenstücke dem Parlament wochenlang vorenthalten werden
müssen, weil die "Person", die im Ministerium des Auswärtigen mit
Übersetzung solcher Dokumente betraut ist, am Schnupfen oder
Rheumatismus leidet.
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1*) Schreibfehler - 2*) Feldzeugamt
#211# Mißstimmung gegen Österreich
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Seit einigen Tagen sucht die Londoner Presse von ihrer Bewunde-
rung Österreichs zurückzukommen und ihr Publikum auf einen jähen
Übergang in einer entgegengesetzten Tonart vorzubereiten. Wie ge-
wöhnlich müssen "our own correspondents" 1*) das Eis brechen. So
läßt sich der "Morning Chronicle" von Berlin schreiben:
"Kein positiver Akt der Täuschung oder formellen Wortbruchs kann
dem preußischen Kabinett zur Last gelegt werden. Sind die westli-
chen Kabinette getäuscht worden, so war es ihr eigner Fehler oder
derer, die das Geschäft haben, ihnen die Augen zu öffnen. Aber
kann dasselbe von Österreich gesagt werden? War sein Betragen so
unverhüllt wie das Preußens? Letzteres hat den westlichen Mächten
allen Schaden getan, der in seiner Macht war, offen und unver-
hüllt. Es trotzt und verlacht uns ohne Maske oder Rückhalt. Das
erstere hat kokettiert mit England und Frankreich während 20 Mo-
naten, uns im geheimen ausgelacht, Hoffnungen hervorgerufen offi-
ziell und privatim, von Kommission zu Kommission uns gelockt,
Versicherungen des formellsten Charakters gegeben, und, wie lange
vorhergesagt von denen, die nicht geblendet durch übertriebenes
Vertrauen, steht nun auf dem Sprung, uns im Stich zu lassen,
falls wir nicht Friedensbedingungen annehmen, möglichst vorteil-
haft für Rußland und durchaus schädlich für Frankreich und Eng-
land. In der Tat! Nachdem Österreich Rußland als Schild am Pruth
gedient und Gortschakow befähigt hat, fast seine ganze Streit-
kraft von Bessarabien nach der Krim zu detachieren, tritt es nun
vor und besteht auf einem Frieden, der die Dinge lassen soll, wie
sie sind. Wenn das alles ist, was wir von österreichischer
Freundschaft zu erwarten haben, dann, je eher die Maske weggewor-
fen wird, desto besser."
Andrerseits läßt sich die "Times" aus Wien berichten:
"Baron Heß, der Oberkommandant des 3. und 4. Armeekorps, hat neu-
lich ein Memorandum aufgesetzt und seinem kaiserlichen Herrn
überreicht, worin bewiesen wird, daß, unter gegenwärtigen Umstän-
den, es nicht ratsam für Österreich sei, Rußland den Krieg zu er-
klären. Man wird wahrscheinlich ein Geschrei gegen mich erheben,
daß ich in so öffentlicher Weise einen so delikaten Gegenstand
berühre, aber nach meiner Meinung ist es ein Dienst für England
und Frankreich, ihnen zu sagen, daß sie auf ihre eignen Hilfs-
quellen rechnen müssen und Österreichs Beistand kaum zu erwarten
ist. Hätte es Preußen und den Bund bereden können, seine linke
Flanke mit einer Armee von 100 000 Mann zu decken, so würde es,
trotz der vielen Hindernisse, die sich entgegenstellten, wahr-
scheinlich seit lange sich verpflichtet haben, die Offensive ge-
gen Rußland zu ergreifen. Die Argumente, die Baron Heß in seinem
Memorandum entwickelt, sind nicht positiv bekannt, aber die rus-
sischgesinnten Österreicher, in solchen Materien stets am besten
unterrichtet, versichern, daß sie sich ungefähr auf folgendes be-
laufen: Die Westmächte haben zur Evidenz bewiesen, daß sie ihre
eigenen Gesamtmittel wie die der Türkei erheischen, um gegen die
Russen in der Krim standzuhalten.
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1*) "unsere eigenen Korrespondenten"
#212# Karl Marx
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Es wäre daher höchst unklug auf Seiten Österreichs, falls es
nicht den Beistand des Deutschen Bundes sichern kann, sich in
einen Krieg mit Rußland einzulassen. Es ist von allen Seiten an-
erkannt, daß letzteres eine Armee von 250000 Mann, mit Einschluß
der Garden und Grenadierkorps, in Polen stehen hat, und da sie
hier in dem Rayon von sieben der stärksten Festungen des Russi-
schen Reiches postiert ist, kann keine wenigstens doppelt so
starke Streitkraft Vorteile über sie davonzutragen erwarten.
Ebenso soll der zerrüttete Zustand der Finanzen in Betracht gezo-
gen sein; Frankreichs Unfähigkeit, Österreich 100 000 Mann zur
Verfügung zu stellen; die bloßgelegte Hilflosigkeit der briti-
schen Regierung; der wenige Verlaß auf Preußen usw. Letzte Woche
kam noch ein neuer Grund hinzu, die Vergänglichkeit der Dinge im
allgemeinen, die Ungewißheit eines Menschenlebens im besondern
und das Dilemma, worein Österreich gestellt wäre, sollte irgend
etwas dem Louis-Napoleon zustoßen, während es sich in einem
Kriege mit Rußland befände!"
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