Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       Friedrich Engels
       
       Der Feldzug in der Krim [148]
       
       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 221 vom 14. Mai 1855]
       London, 11.  Mai. Die Ungeduld der französischen Armee hat Canro-
       bert gezwungen,  den Operationsplan der Alliierten auszuplaudern.
       Die 25 000 Mann der Reservearmee sollen nach der Krim übergesetzt
       werden; 30 000-40 000  Mann mehr  - Franzosen  und Piemontesen  -
       sollen folgen.  Sobald die Reservearmee angelangt ist, werden die
       Franzosen ins Feld rücken, die Tschornaja überschreiten, die Rus-
       sen angreifen,  wo immer  sie ihnen begegnen, eine Verbindung mit
       Omer Paschas Truppen irgendwo in der Nähe der Alma und Katscha zu
       bewirken suchen und dann nach Umständen handeln. Unterdessen sol-
       len die Dampfer der Flotten Kaffa und Kertsch angreifen und, wenn
       es ihnen  gelingt, sich ihrer zu bemächtigen, diese Plätze halten
       als mögliche  Pivots oder  Stützpunkte für  die aktive  Armee  im
       Felde. Das  ist in der Tat der einzig mögliche Plan für die Alli-
       ierten, den  Krimfeldzug zu einem erfolgreichen Schlüsse zu brin-
       gen. Aber  solche Aktion  im freien  Felde erfordert  bedeutendes
       Übergewicht der Streitkräfte auf seiten der Alliierten. Ohne das-
       selbe können sie keinen entscheidenden Vorteil über die russische
       Observationsarmee davonzutragen  erwarten. Wie  verhält  es  sich
       denn mit der Bilanz der Streitkräfte in diesem Augenblick?
       Die Franzosen  haben in  der Krim  9 Divisionen  Infanterie und 1
       Brigade Kavallerie  (Chasseurs d'Afrique  1*)). Zu  7000 Mann per
       Division gibt  dies eine  Infanterie von  63 000 Mann, nebst 1500
       Kavallerie.  Die  Engländer  haben  5  Divisionen  Infanterie  zu
       höchstens 6000 Mann jede und 1 Division Kavallerie von 2000 Mann.
       Außerdem befindet sich dort eine Division türkischer
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       1*) für den Dienst in Afrika bestimmte leichte Reiterei
       
       #214# Friedrich Engels
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       Infanterie zu  etwa 6000  Mann. Man  füge hinzu  die französische
       Reservearmee, von  der nicht  mehr als  20 000 Bajonette,  einge-
       schlossen die  am 3.  Mai gelandeten  4000 Piemontesen,  nach der
       Krim gebracht  werden können  zu der  von Canrobert für Eröffnung
       des Feldzugs  festgesetzten Zeit. Die Gesamtkräfte der Alliierten
       vor Sewastopol ergeben dann folgendes Resultat:
       
       Französische Infanterie 83 000, Kavallerie 1500
       Englische       dgl.    30 000,     dgl  . 2000
       Türkische       dgl.     6 000
                               -----------------------
       Gesamtzahl: Infanterie 119 000, Kavallerie 3500
       
       Die Komposition  der französischen Reservearmee zu Konstantinopel
       ist wenig  bekannt. Wir  wissen daher nicht, ob irgendwelche neue
       Kavallerie in  diesem Augenblick  nach der  Krim gebracht  werden
       kann. Höchstens  wird der Zuwachs von Kavallerie, mit dem sie den
       Feldzug eröffnen  können, 2000 Mann betragen, so daß ihre Gesamt-
       kavallerie auf  5500 stiege. Um die Belagerung fortzuführen, sind
       mindestens ebensoviel  Truppen notwendig,  als jetzt  mit  dieser
       Aufgabe beschäftigt sind, nämlich 46 000 Mann (4 französische Di-
       visionen zu  7000 Mann  jede und  drei englische zu 6000). Hierzu
       kommen die Matrosen, die Truppen, die mit der Bewachung von Bala-
       klawa, der  Linie von Befestigungen bis Inkerman betraut sind und
       zugleich eine  Reserve für  das Belagerungskorps  bilden. Niedrig
       geschätzt, betragen  sie 12 000  Mann, darunter  einbegriffen die
       obenerwähnten 6000  Türken. Die  Matrosen und Seesoldaten zu 4000
       geschätzt, sind  54 000 Mann von der Gesamtzahl von 119 000 abzu-
       ziehen, so daß verwendbar bleiben für Feldoperationen 65 000 Mann
       Infanterie und  5500 Kavallerie, zusammen etwas über 70 000 Mann.
       Außerdem ist in Anschlag zu bringen: Omer Paschas Korps bei Eupa-
       toria, ungefähr  35 000 Mann Infanterie und 3000 oder 4000 Kaval-
       lerie. Hiervon  müssen 15 000  zurückbleiben  als  Besatzung  des
       Platzes, so  daß Omer Pascha wahrscheinlich ins Feld rücken würde
       mit 20000 Mann Infanterie, 4000 Kavallerie, in allem 24000.
       Totalsumme daher  der alliierten Streitkräfte für  F e l d o p e-
       r a t i o n e n  in 2 geteilten Korps:
       
                              Infanterie   Kavallerie   Gesamtzahl
       
       Armee vor Sewastopol     65 000        5500        70 500
       Armee vor Eupatoria      20 000        4000        24 000
                                --------------------------------
                                85 000        9500        94 500
       
       Nehmen wir den niedrigsten Anschlag, den die  R u s s e n  selbst
       von ihren  gegenwärtigen Streitkräften  in der Krim geben, so er-
       halten wir 120 000 Mann
       
       #215# Der Feldzug in der Krim
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       Infanterie und  20 000 Mann  Kavallerie. Davon  abzuziehn für die
       Verteidigung von  Sewastopol 50 000  Mann, nämlich 26 000 für die
       Südseite und  2400 für  das Nordfort  und das  befestigte  Lager.
       Bleiben verwendbar  für das Feld 70 000 Infanterie und 20 000 Ka-
       vallerie. Es  ist unmöglich, die Zahl der Feldartillerie auch nur
       annähernd zu  bestimmen. Indes die Schwierigkeit für die Alliier-
       ten, sich  Pferde zu verschaffen, und das große Verhältnis, worin
       Kanonen jede russische Armee begleiten, erlauben kaum einen Zwei-
       fel, daß  die Russen  ihren Gegnern  in Artillerie überlegen sein
       werden. Ebenso  klar ist die Überlegenheit der Russen in Kavalle-
       rie.  Was   die  Infanterie  betrifft,  so  sind  die  Alliierten
       v e r e i n t   darin den Russen überlegen, aber jedes ihrer zwei
       Operationskorps für  sich ist  schwächer. Der  größte Vorteil der
       Russen jedoch  ist ihre  Position. Postiert  auf dem Dreieck zwi-
       schen der  Alma, Sewastopol  und Simferopol, halten sie im Norden
       gegen Omer  Pascha die verschanzte Stellung an jenem Flusse, ver-
       teidigungsbar mit  15 000 Mann  Infanterie in  der Front, während
       eine Flankenbewegung der russischen Kavallerie die Türken von Eu-
       patoria abzuschneiden  droht. Sollte Omer Pascha daher selbst bis
       zur Alma vorrücken, so wird er nie fähig sein, sie zu überschrei-
       ten, bevor  die Anglo-Franzosen die Russen nach Simferopol gewor-
       fen und  sie so  gezwungen haben,  die Alma aufzugeben. In diesem
       Falle könnte  eine Vereinigung  der beiden  Korps  bewerkstelligt
       werden. Das Vorrücken der anglo-französischen Armee ist daher die
       Grundbedingung allen  Erfolgs. Dieses Vormarschieren aber der Al-
       liierten kann schwerlich anders stattfinden als auf dem Wege nach
       Mackenzies-Pacht. Der Weg hier entlang nach der Alma und Simfero-
       pol ist  verteidigt durch eine doppelte Reihe von Verschanzungen,
       die erste  auf dem  die Tschornaja  überhängenden Bergrücken, die
       zweite auf  der Nordseite einer Bergschlucht, die von der Felsen-
       kette in der Nähe von Mackenzies-Pacht bis zum Kopfe der Sewasto-
       polbucht niederläuft.  Diese zweite  und Hauptlinie der Verteidi-
       gung, etwa  nur zwei englische Meilen ausgedehnt, soll sehr stark
       verschanzt sein,  und hier wird für die Alliierten die erste ent-
       scheidende Aktion  zu fechten  sein, eine Aktion, die entscheiden
       wird, ob sie auf dem Herakleatischen Chersones gefangen, gesperrt
       zu bleiben oder in das Innere des Landes vorzudringen haben. Vor-
       teilhaft für  die Russen  ist die schmale Front, in der die Alli-
       ierten hier agieren müssen. Würden die Russen hier geschlagen und
       ihre Position  genommen, dann bleibt ihnen nichts übrig, als sich
       auf den  Belbek zurückzuziehen und diese Linie gegen die Alliier-
       ten zu  halten, während  ein detachiertes  Korps an  der Alma die
       Türken in Schach hielte. Selbst wenn hier geschlagen, würden ihre
       Überlegenheit an  Kavallerie und  die schlechten Transportmittel,
       die den Alliierten nicht erlauben, auf einer größeren Entfernung
       
       #216# Friedrich Engels
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       von der  Küste zu  leben, ihnen  gestatten, sich aus dem Bereiche
       der Alliierten  zurückzuziehen. Ihre  Rückzugslinie läge  auf der
       Verlängerung ihres  linken Flügels,  was allerdings eine sehr un-
       vorteilhafte Position.  Wahrscheinlich indes,  daß die Russen von
       Anfang an   v e r s u c h e n   werden,  die  Alliierten  an  der
       Tschornaja zu  beschäftigen, ihre Hauptkraft aber auf Omer Pascha
       zu werfen,  um ihn  mit Kavallerie  zu umzingeln und zu erdrücken
       und dann  sich mit ihrer Gesamtkraft gegen die Anglo-Franzosen zu
       kehren.

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