Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       Karl Marx/Friedrich Engels
       
       Die letzte britische Regierung [23]
       
       ["New-York Daily Tribune" Nr. 4321 vom 23. Februar 1855,
       Leitartikel]
       Bei der  Erwähnung des  Amtsantritts der  Regierung Lord  Palmer-
       stons, der,  wie wir  überzeugt sind,  eine kurze  und nicht sehr
       glanzvolle Laufbahn  bevorstehen wird, scheint es nicht unpassend
       zu sein, einen Blick auf die Geschichte ihrer Vorgängerin zu wer-
       fen, von der man schwer sagen kann, ob in dem zukünftigen Bericht
       über sie die Großartigkeit ihrer anfänglichen Ansprüche, die fol-
       genschwere Bedeutung der Geschehnisse, an denen sie mit beispiel-
       loser Unfähigkeit  beteiligt war,  oder die Schmach ihres Sturzes
       besonders gekennzeichnet werden wird.
       Man wird  sich erinnern,  daß Lord  Aberdeen und  seine Koalition
       durch die Abstimmung, die am 16. Dezember 1852 das Derby-Ministe-
       rium stürzte,  ins Amt  kam. Disraeli  blieb bei einer Abstimmung
       über sein  Budget, unter dem Vorwand, daß die von ihm vorgesehene
       Ausdehnung  der  Haussteuer  und  des  allgemeinen  Bereichs  der
       direkten Besteuerung  nicht  mit  den  Grundsätzen  der  gesunden
       politischen Ökonomie  der Whigs  und Peeliten [11] übereinstimme,
       in einer  Minderheit von  19 Stimmen.  In Wirklichkeit  wurde die
       Abstimmung jedoch  durch die  Irische Brigade  [24]  entschieden,
       deren  Motive,   wie  wohl   bekannt  ist,  von  weit  geringerer
       theoretischer Natur  sind; und  selbst  die  sog.  Liberalen  und
       liberalen Konservativen  mußten ihre Worte durch ihre Taten Lügen
       strafen, als  sie in  ihrem eigenen  Budget viele  der Vorschläge
       Disraelis und  die meisten  seiner  Argumente  wiederholten.  Auf
       jeden Fall  wurden die  Tories hinausgeworfen,  und nach  einigen
       Kämpfen und fruchtlosen Versuchen wurde diese Koalition gebildet,
       durch die,  der Londoner  "Times" zufolge,  England  jetzt  "beim
       Beginn  des   politischen  Millenniums"   angelangt  war.  Dieses
       Millennium dauerte  genau zwei  Jahre und  einen Monat; es endete
       unter der allgemeinen Entrüstung des britischen
       
       #23# Die letzte britische Regierung
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       Volkes mit  völligem Mißerfolg  und Fiasko. Dieselbe "Times", die
       den Regierungsantritt  "aller Talente  "  als  den  Beginn  eines
       Millenniums verkündet  hatte, war  ausgerechnet diejenige, die am
       meisten zu ihrem Sturz beitrug.
       Die "Talente"  kamen am 10. Februar 1853 mit dem Parlament zusam-
       men. Sie  wiederholten von  neuem das  gleiche Whig-Programm, das
       Lord John  Russell schon  einmal 1850  eröffnet und das dann sehr
       bald zum  Sturz des  Ministeriums geführt hatte. An die Hauptauf-
       gabe, die  Parlamentsreform, war vor der "nächsten Session" nicht
       zu denken.  Vorläufig sollte das Land mit weniger wichtigen, doch
       häufigeren und  praktischeren administrativen Reformen zufrieden-
       gestellt werden,  wie die Gesetzreform, Eisenbahnregulationen und
       Verbesserungen im  Erziehungswesen. Der  Rücktritt Lord John Rus-
       sells vom  Ministerium für Auswärtiges, in dem er durch Lord Cla-
       rendon ersetzt  wurde, war  die erste  der Änderungen, die dieses
       talentierte Ministerium  charakterisieren und  die alle  mit  der
       Einrichtung neuer  Stellen, neuer  Pfründe und neuer Gehälter für
       ihre treuen  Anhänger endeten. Eine Zeitlang war Russell Mitglied
       des Kabinetts  ohne eine  andere Funktion als die des Führers des
       Unterhauses und  ohne Gehalt;  doch er  suchte sehr bald um letz-
       teres nach und wurde schließlich mit einer schönen runden Jahres-
       summe in  den Rang  und Titel des Präsidenten des [Privy] Council
       1*) erhoben.
       Am 24. Februar brachte Lord John seine Bill zur Aufhebung der jü-
       dischen Rechtsunfähigkeit  ein, die  zu nichts führte, da sie vom
       Oberhaus unterdrückt wurde. Am 4. April folgte er dieser mit sei-
       ner Bill  über Erziehungsreform.  Beide Bills  waren so  zahm und
       harmlos, wie  man es  von einer Regierung der Nichtstuer erwarten
       konnte. Inzwischen  entdeckte Palmerston  in seiner  Stellung als
       Innenminister die  neue Pulververschwörung,  die  große  Kossuth-
       Hale-Raketenaffäre 2*).  Man wird  sich erinnern,  daß Palmerston
       Herrn Haies Raketenfabrik durchsuchen und eine Anzahl Raketen und
       Zündsätze beschlagnahmen  ließ. Von  dieser  Angelegenheit  wurde
       viel Aufhebens gemacht, und als man sie am 15. April im Parlament
       behandelte, gab Palmerston ihr durch seine geheimnisvolle Sprache
       noch größere  Bedeutung. Doch  aus einem Punkt machte er kein Ge-
       heimnis: er  gab sich  ebenso offen, wie es Sir James Graham 1844
       anläßlich der  Öffnung der  Briefe Mazzinis [25] getan hatte, als
       den Hauptinformator  der kontinentalen  Polizei hinsichtlich  der
       Flüchtlinge zu  erkennen. Schließlich mußte die Sache von dem ed-
       len Informator  jedoch aufgegeben  werden, da  man Herrn Haie nur
       anklagen konnte, in einer gesetzwidrigen Nähe der Vororte Londons
       die Fabrikation  explosiver Stoffe  betrieben zu  haben; und  das
       große Komplott, ganz Europa in die Luft
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       1*) [Geheimen] Rates - 2*) siehe Band 9 unserer Ausgabe, S. 83-85
       
       #24# Karl Marx/Friedrich Engels
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       zu sprengen,  wurde auf eine einfache strafbare Übertretung poli-
       zeilicher Reglements reduziert!
       Jetzt kam  Russell wieder  an die Reihe. Am 31. Mai beleidigte er
       in einer  Rede im  Parlament die Katholiken [26] - die Leute, die
       ihn ins Amt gebracht hatten -, und das auf eine solche Weise, daß
       die irischen Mitglieder des Ministeriums sofort zurücktraten. Das
       war mehr, als die "starke Regierung" aushalten konnte. Die Unter-
       stützung durch  die Irische  Brigade war die wichtigste Grundlage
       ihrer Existenz, und dementsprechend mußte Aberdeen in einem Brief
       an eines  der irischen  Mitglieder sich  von seinem  Kollegen ab-
       grenzen und Russell im Parlament seine Worte zurücknehmen.
       Das Hauptmerkmal dieser Sitzung war die Ostindienbill, in der die
       Regierung vorschlug, ohne eine wesentliche Verbesserung des indi-
       schen Verwaltungssystems vorzunehmen, die Charte der Ostindischen
       Kompanie für  zwanzig Jahre  zu verlängern.  Das war selbst solch
       einem Parlament  zu viel  und mußte aufgegeben werden. Die Charte
       sollte jährlich  durch das Parlament gekündigt werden können. Sir
       Charles Wood,  der ehemalige  stümperhafte Schatzkanzler des Rus-
       sell-Kabinetts, zeigte  jetzt seine  Fähigkeiten in  dem Board of
       Control 1*)  oder Indian  Board 2*). Alle die vorgeschlagenen Re-
       formen beschränkten  sich auf  einige wenige kleine Veränderungen
       von zweifelhafter  Wirkung im  Rechtssystem und auf Eröffnung der
       Zivildienste und  der wissenschaftlichen  Militärstellen für  die
       öffentliche Konkurrenz.  Doch diese Reformen waren lediglich Vor-
       wände; der  eigentliche Kern  der Bill war folgender: Sir Charles
       Wood bekam  sein Gehalt  als Präsident  des Board  of Control von
       1200 Pfd.  St. auf 5000 Pfd. St. erhöht; statt der von der Kompa-
       nie gewählten  24 Indiendirektoren  sollte es nur 18 geben, für 6
       von ihnen hat die Regierung das Ernennungsrecht, ein Patronatszu-
       wachs, der  um so  weniger zu verachten war, als die Gehälter der
       Direktoren von  300 Pfd. St. auf 900 Pfd. St. erhöht wurden, wäh-
       rend der  Vorsitzende und  der stellvertretende  Vorsitzende 1000
       Pfd. St.  bekommen sollten. Mit dieser Verschwendung öffentlicher
       Gelder nicht  zufrieden, sollte der Generalgouverneur von Indien,
       der früher  zugleich Gouverneur von Bengalen war, jetzt einen be-
       sonderen Gouverneur  für diese  Präsidentschaft unter sich haben,
       während eine  neue Präsidentschaft  mit einem neuen Gouverneur am
       Indus geschaffen  werden sollte.  Jeder dieser  Gouverneure mußte
       natürlich seinen Council 3*) haben, und die Sitze in diesen Coun-
       cils sind gewiß überbezahlte und luxuriöse Pfründe. Wie glücklich
       müßte Indien  sein, daß es endlich nach unverfälschten Whig-Prin-
       zipien regiert wird.
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       1*) Kontrollbehörde (für  indische Angelegenheiten) - 2*) Indien-
       behörde - 3*) Rat
       
       #25# Die letzte britische Regierung
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       Dann kam das Budget. Diese glänzende finanzielle Kombination ist,
       zusammen mit  Herrn Gladstones  Plan für die Aufhebung der Natio-
       nalschuld, in  der "Tribüne"  so vollständig  dargestellt  worden
       1*), daß  es unnötig  ist, seine Hauptzüge im einzelnen aufzuzäh-
       len. Viele  waren dem Budget Disraelis entnommen, das so sehr die
       sittliche Entrüstung Gladstones hervorgerufen hatte; nichtsdesto-
       weniger waren  die Reduktion der Teesteuer und die Ausdehnung der
       direkten Besteuerung  beiden  Budgets  gemeinsam.  Einige  seiner
       wichtigsten Bestimmungen  wurden dem großen Finanzmann aufgedrun-
       gen, nachdem er wiederholt im Parlament mit seiner Opposition da-
       gegen niedergestimmt worden war; so die Aufhebung der Steuern auf
       Zeitungsanzeigen und  die  Ausdehnung  der  Erbschaftssteuer  auf
       Grundeigentum. Die Reform des Patentsystems 2*), während der Dis-
       kussion mehrere Male umgeändert, mußte fallengelassen werden. Das
       Budget, das mit den Prätensionen eines vollständigen Systems vor-
       getragen wurde,  verwandelte sich  im Verlauf  der Debatte in ein
       wirres Mixtum  compositum unzusammenhängender  kleiner Items, die
       kaum den  hundertsten Teil des Geredes wert waren, das sie verur-
       sachten.
       Über die  Reduktion der  Staatsschuld brach  Gladstone noch voll-
       ständiger zusammen. Dieser mit noch größeren Prätensionen als das
       Budget vorgebrachte  Plan brachte  als Ergebnis die Schaffung von
       2 1/2 prozentigen  Schatzkammerbonds an Stelle der einprozentigen
       Schatzkammerscheine, wodurch  das Publikum 1 1/2 p.c. des Gesamt-
       betrages verlor;  das Ergebnis  war die  Notwendigkeit, die ganze
       Summe der  Schatzkammerscheine und zugleich 8 Millionen Südseeak-
       tien1271 zum größten Nachteil für die Öffentlichkeit zurückzuzah-
       len, und die totale Pleite der Schatzkammerbonds,die niemand neh-
       men will.  Durch diese wunderbare Anordnung konnte Herr Gladstone
       am 1.  April 1854  den Bestand  der Schatzkammer mit Befriedigung
       von 7 800 000 Pfd. St. des Vorjahres auf 2 800 000 Pfd. St. redu-
       ziert sehen, wodurch der zur Verfügung stehende Fonds des öffent-
       lichen Schatzamtes  direkt am Vorabend eines Krieges um 5 Millio-
       nen vermindert  wurde. All das angesichts der Geheimkorrespondenz
       Sir H[amilton] Seymours, durch welche die Regierung ein Jahr vor-
       her gewußt  haben muß,  daß ein  Krieg mit  Rußland unvermeidlich
       war.
       Die neue auf die irischen Grundherren und Pächter bezügliche Bill
       [28], unter  Lord Derby von dem Tory [Joseph] Napier eingebracht,
       geht im  Unterhaus wenigstens  mit einigen Zeichen der Zustimmung
       von seiten  der Regierung durch; die Lords warfen sie wieder hin-
       aus, und  Aberdeen erklärte  am 9. August seine Befriedigung über
       dieses Ergebnis. Die Deportationsbill
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       1*) Siehe Band 9 unserer Ausgabe, S. 58-61 - 2*) d.h. des Schank-
       steuersystems
       
       #26# Karl Marx/Friedrich Engels
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       [29], die  Navigationsbill u.a.,  die zum  Gesetz erhoben wurden,
       hatte man vom Derby-Kabinett geerbt. Die Bills über parlamentari-
       sche Reform,  über Reform  der nationalen  Erziehung und  beinahe
       alle Bills  über die Gesetzreform mußten vertagt werden. Die bri-
       tischen Whigs  scheinen es  als Unglück  zu betrachten, wenn eine
       ihrer Maßnahmen  diesem Schicksal  entgehen sollte.  Die  einzige
       Bill, die durchkam und die man als rechtmäßigen Besitz dieser Re-
       gierung ansehen  kann, ist  die große  Droschkenakte, die am Tage
       nach ihrer  Annahme geändert  werden mußte,  da die Droschkenkut-
       scher allgemein  rebellierten. "Alle  die Talente"  konnten nicht
       einmal eine Droschkenregulation erfolgreich verwirklichen.
       Am 20.  August 1853  entließ Palmerston  das  Parlament  mit  der
       Versicherung, daß das Volk wegen der orientalischen Schwierigkei-
       ten beruhigt sein könne: die Evakuierung der Fürstentümer sei ga-
       rantiert durch  "sein Vertrauen in die Ehre und den Charakter des
       russischen Kaisers,  die ihn  dazu bewegen  würden, seine Truppen
       [freiwillig] aus  den Fürstentümern zurückzuziehen"! Am 3. Dezem-
       ber wurde  bekannt, daß  die türkische  Flotte von den Russen bei
       Sinope vernichtet worden war. Am 12. sandten die vier Mächte eine
       Note nach  Konstantinopel, in  der in Wirklichkeit weit mehr Kon-
       zessionen von  der Pforte  verlangt wurden als in der vergangenen
       Note der  Wiener Konferenz [30]. Am 14. telegraphierte die briti-
       sche Regierung  nach Wien,  daß die  Affäre von  Sinope nicht als
       Hindernis für die Fortsetzung der Negotiationen betrachtet werde.
       Palmerston stimmte dem ausdrücklich zu; doch am nächsten Tag trat
       er zurück  - anscheinend  wegen einiger Differenzen, die Russells
       Reformbill betrafen,  in Wirklichkeit, um das Publikum glauben zu
       machen, daß  er wegen der Außen- und Kriegspolitik zurückgetreten
       sei. Nachdem  sein Zweck erreicht worden war, trat er einige Tage
       später wieder  in das Kabinett ein und vermied so alle unangeneh-
       men Erklärungen im Parlament.
       Im Jahre  1854 wurde  das Schauspiel  mit dem Rücktritt eines der
       Junior Lords des Schatzamtes, Mr. Sadleir, eröffnet, der auch der
       Regierungsmakler der  Irischen Brigade war. Skandalöse Enthüllun-
       gen in  einem irischen  Gerichtshof beraubten die Regierung eines
       ihrer Talente.  Hinterher kamen neue skandalöse Dinge an den Tag.
       Mr. Gladstone, der tugendhafte Gladstone, versuchte, einem seiner
       Verwandten, seinem  eigenen Sekretär,  einem gewissen Lawley, der
       nur als ein Mensch, der aus Rennwetten ein Geschäft macht und als
       Börsenspieler bekannt ist, den Gouverneurposten für Australien zu
       verschaffen; aber  zum Glück  kam die  Sache sehr bald heraus. In
       gleicher Art  stand derselbe Gladstone in unangenehmer Verbindung
       mit dem  Laster, als ein gewisser O'Flaherty, ein Mann, der unter
       ihm angestellt und von ihm
       
       #27# Die letzte britische Regierung
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       auf seinen Posten gesetzt worden war, mit einer bedeutenden Summe
       öffentlicher Gelder  flüchtig wurde.  Ein anderes Individuum, mit
       dem Namen Hayward, schrieb ein dickleibiges Pasquill ohne litera-
       rischen oder wissenschaftlichen Wert gegen Disraeli und wurde von
       Gladstone mit einem Posten in der Armenverwaltung belohnt.
       Das Parlament kam Anfang Februar zusammen. Am 6. kündigte Palmer-
       ston eine  Bill für  die Schaffung  der Miliz  in Irland  und  in
       Schottland an;  doch da der Krieg tatsächlich am 27. März erklärt
       wurde, betrachtete  er es  als seine  Pflicht, sie nicht vor Ende
       Juni einzubringen.  Am 13.  brachte Russell seine Reformbill ein,
       um sie  zehn Wochen  später "mit  Tränen in den Augen", auch weil
       der Krieg  erklärt worden  war, zurückzuziehen.  Im März  brachte
       Gladstone sein  Budget vor, wobei er lediglich bat um "die Summe,
       die hinreicht,  um die 25 000 Mann, die im Begriff sind, die bri-
       tische Küste zu verlassen, wieder dahin  z u r ü c k z u b r i n-
       g e n".   Dank seiner Kollegen ist er jetzt dieser Mühe enthoben.
       In der  Zwischenzeit hat  der Zar  durch die Veröffentlichung der
       Geheimkorrespondenz [31]  die Kabinette  Frankreichs und Englands
       gezwungen, den  Krieg zu  erklären. Diese  geheime Korrespondenz,
       die mit einer der Depeschen Russells vom 11. Januar 1853 beginnt,
       bewies, daß  zu jener  Zeit die  britischen Minister  sich völlig
       über die  aggressiven Absichten  der Russen klar waren. Alle ihre
       Behauptungen über  die Ehre  und den  Charakter Nikolaus' und die
       friedliche und  gemäßigte Haltung Rußlands sahen jetzt aus wie so
       viele schamlose  Unwahrheiten, die  nur erfunden  wurden, um John
       Bull zu täuschen.
       Am 7. April hielt Lord Grey - der eine starke innere Berufung für
       den Posten des Kriegsministers verspürte, um die Disziplin in der
       Armee so  zu untergraben,  wie er  die Loyalität in beinahe jeder
       britischen Kolonie während seiner früheren Kolonialverwaltung un-
       tergraben hatte  - eine Philippika gegen die jetzige Organisation
       des Kriegsdepartements.  Er forderte die Vereinigung aller seiner
       Ämter unter  einem Kriegsminister.  Diese Rede  gab den Ministern
       eine Gelegenheit,  durch Trennung  des Kriegsministeriums von dem
       Kolonialministerium  im  Juni  eine  neues  Kriegsministeramt  zu
       schaffen. Dadurch wurde alles in ebenso fehlerhaftem Zustande be-
       lassen wie  bisher, wobei  lediglich ein  neues Amt und ein neues
       Gehalt geschaffen  wurden. Diese ganze Parlamentssitzung kann man
       so zusammenfassen:  sieben Hauptbills  wurden eingebracht;  davon
       fielen durch:  die Bill für die Änderung des Niederlassungsgeset-
       zes [32], für öffentliche Erziehung in Schottland und für die Än-
       derung der  parlamentarischen Eidformeln  [33] - eine andere Form
       der Bill für die Rechte der Juden; drei andere wurden zurückgezo-
       gen: die Bill für Verhinderung von Wahlbestechungen, die Bill für
       die Umgestaltung des Zivildienstes
       
       #28# Karl Marx/Friedrich Engels
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       und die  Reformbill; eine Bill passierte: die für Reform der Uni-
       versität zu  Oxford, aber  in einem  scheußlich verstümmelten Zu-
       stand.
       Wir brauchen  hier nicht  auf die Kriegführung und die diplomati-
       schen Bemühungen  der Koalition  einzugehen. Sie  sind jedem noch
       frisch im  Gedächtnis. Das Parlament, das sich am 12. August ver-
       gangenen Jahres  vertagte, kam  im Dezember  wieder zusammen,  um
       schnellstens zwei  Maßnahmen von höchster Dringlichkeit zu bewil-
       ligen: die  Bill über  die Fremdenlegion und die Bill, welche der
       Miliz erlaubt,  als solche im Ausland freiwilligen Dienst zu tun.
       Beide sind  bis heute  auf dem  Papier geblieben. Inzwischen sind
       die Nachrichten  über den verheerenden Zustand der britischen Ar-
       mee in  der Krim  eingetroffen. Die  Empörung der  Öffentlichkeit
       wurde erregt;  die Tatsachen waren offenkundig und unbestreitbar;
       Minister mußten  an ihren  Rücktritt denken. Das Parlament kam im
       Januar zusammen, Roebuck kündigte seine Motion an, Lord John Rus-
       sell verschwand  sofort, und  eine Niederlage, wie sie in der Ge-
       schichte des Parlaments keine Parallele findet, stürzte "alle Ta-
       lente" nach einer Debatte von nur wenigen Tagen.
       Großbritannien kann sich mancher schäbigen Regierung rühmen, doch
       ein so schäbiges, armseliges, gieriges und zugleich so anmaßendes
       Kabinett wie  das "aller  Talente" hat noch niemals bestanden. Es
       begann mit  unbändigem Prahlen,  lebte von Haarspalterei und Nie-
       derlagen und endete in so vollständiger Schande, wie es überhaupt
       menschenmöglich ist.
       Geschrieben am 1. Februar 1855.
       
       Aus dem Englischen.

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