Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Karl Marx
Oberhaussitzung
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 228 vom 19. Mai 1855]
London, 15. Mai. Die Galerien des Hauses der Lords waren gestern
nachmittag schon vor Eröffnung der Sitzung vollgepfropft. Es war
ein Spektakelstück angezeigt - Lord Ellenboroughs Motion und eine
reguläre Schlacht zwischen den Ins und Outs 1*). Zudem war es pi-
kant, mit eignen Augen anzuschauen, wie die erblichen Gesetzma-
cher die Rolle von Kreuzfahrern g e g e n die Aristokratie
spielen würden. Die Aufführung war schlecht. Die Schauspieler
fielen beständig aus der Rolle. Das Stück begann mit dem Drama
und endete mit der Farce. Während des Scheingefechts wurde nicht
einmal die Illusion, die künstlerische Illusion gewahrt. Den ed-
len Kämpfern sah man auf den ersten Blick an, daß sie nicht nur
sich selbst, sondern sogar die Waffen, womit sie kämpften, wech-
selseitig unversehrt zu erhalten suchten.
Soweit die Debatte sich um die Kritik der bisherigen Kriegführung
drehte, erhob sie sich nicht auf die Höhe des ersten besten Deba-
ting-Club 2*) von London, und es wäre reine Zeitverschwendung,
sich hier einen Augenblick aufzuhalten. Mit wenigen Strichen aber
wollen wir andeuten, wie die edlen Lords als Vorkämpfer der admi-
nistrativen Reform, als Gegner des aristokratischen Regierungsmo-
nopols und als Echo der Citymeetings sich gebarten. "Der rechte
Mann an den rechten Platz!", rief Lord Ellenborough. Und zum Be-
weis, wie dem Verdienste und nur dem Verdienste seine Kronen ge-
bühren, führte er an, wie e r (Ellenborough) und Lord Hardwicke
im Oberhaus säßen, weil i h r e V ä t e r sich durch eignes
Verdienst den Weg in das Pairshaus gebahnt. Es war dies, wie es
scheint, gerade umgekehrt eine Instanz, wie man durch f r e m-
d e s Verdienst, das seiner Väter, es für Lebenszeit nicht nur
zu einem
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1*) (denen, die im Amt, im Ministerium, und denen, die nicht im
Amt sind) Regierung und Opposition - 2*) Debattierklubs
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Posten, sondern gar zur Würde eines Gesetzgebers von England
bringen kann. Und welches waren die V e r d i e n s t e, wo-
durch der Lord-Chief justice of the Queens Bench 1*), der alte
Ellenborough, und Herr Charles Yorke, der Vater Lord Hardwickes,
sich den Weg ins Oberhaus bahnten? Die Historie ist instruktiv.
Der verstorbene Ellenborough, englischer Advokat, dann Richter,
wußte sich in den unter Pitt und Nachfolgern schwebenden Preßpro-
zessen, Verschwörungsprozessen, Mouchardprozessen den Ruf eines
Jeffreys en miniature zu verschaffen. Unter seiner Leitung er-
langte die SpezialJury in England einen Ruf, wie ihn selbst die
"jurés probes et libres" 2*) unter Louis-Philippe nie besessen.
Das war das V e r d i e n s t des alten Ellenborough, und das
bahnte ihm den Weg ins Haus der Lords. Was Herrn Charles Yorke,
den Vorfahren Lord Hardwickes, betrifft, so läuft er dem alten
Ellenborough den Rang ab in bezug auf das V e r d i e n s t.
Dieser Charles Yorke, zwanzig Jahre lang Parlamentsmitglied für
Cambridge, war einer der Auserwählten, denen Pitt, Perceval und
Liverpool überließen "to do the dirty work for them" 3*). Jede
der "loyalen" Schreckensmaßregeln jener Zeit fand in ihm ihren
Pindar. In jeder Petition gegen den offen betriebenen Stellenver-
kauf im Hause der Gemeinen erkannte er "jakobinische Umtriebe".
Jede Motion gegen das schamlose Sinekurenwesen zu einer Zeit, wo
der Pauperismus in England zur Welt kam, denunzierte Charles
Yorke als Attentat auf "die gesegneten Komforts unserer heiligen
Religion". Und bei welcher Gelegenheit feierte dieser Charles
Yorke seine Himmelfahrt ins Oberhaus? Im Jahre 1810 hatte die
Walcheren-Expedition [22] ähnliche Wirkungen in England hervorge-
bracht wie im Jahre 1855 die Krimexpedition. Lord Porchester
stellte im Unterhause den Antrag, ein Untersuchungskomitee nie-
derzusetzen. Charles Yorke opponierte heftig, sprach von Ver-
schwörungen, Erregung von Unzufriedenheit u. dgl. Nichts-
destoweniger ging Porchesters Antrag durch. Aber nun beschloß
Yorke, dem Publikum die Untersuchungsakten zu entziehen, indem
er, auf ein altes, albernes Parlamentsprivilegium gestützt, dar-
auf bestand, daß die öffentlichen Tribünen von Zuhörern und Be-
richterstattern gesäubert würden. Das geschah. Ein Herr Gale Jo-
nes, Präsident eines Londoner Debating-Club, veröffentlichte dann
eine Anzeige, worin es hieß, daß in der nächsten Sitzung des
Klubs die Verletzung der Preßfreiheit und die grobe Beschimpfung
der öffentlichen Meinung durch Charles Yorke zur Diskussion kom-
men würde. Charles Yorke ließ den Gale Jones nun wegen Beleidi-
gung eines Parlamentsmitglieds und Bruchs der "Privilegien des
Parlaments" vor das Unterhaus
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1*) Präsident des Oberhofgerichts - 2*) "ehrlichen und freien Ge-
richte" - 3*) "die schmutzige Arbeit für sie zu tun"
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zitieren, von wo er, im Widerspruch mit allen englischen Geset-
zen, ohne weiteres, ohne Untersuchung, ohne Verweisung an einen
Richter, in das Newgate-Gefängnis transportiert wurde, "dort ge-
fangengehalten zu werden, s o l a n g e es den Gemeinen be-
liebe". Während Charles Yorke diese Heldentaten verrichtete, gab
er sich große Airs 1*) von Unabhängigkeit. Er handle nur als bie-
derer "Landedelmann", als des "Königs Freund", als "loyaler Anti-
jakobiner". Es verflossen indes nicht 3 Wochen, seit er die Gale-
rie hatte schließen lassen, als bekannt wurde, daß er unterdes
dem Ministerium Perceval seine Rechnung eingesandt und die le-
benslängliche Sinekure eines Teller of the Exchequer 2*) (ähnlich
wie die "des Wächters vom grünen Wachse"), d.h. eine lebensläng-
liche Pfründe von jährlich 2700 Pfd. St. sich erhandelt hatte.
Wegen Annahme dieser Sinekure mußte Charles Yorke sich einer Neu-
wahl vor seinen Konstituenten von Cambridge unterziehen. Auf dem
Wahlmeeting ward er mit Zischen, Grunzen, faulen Äpfeln und Eiern
begrüßt und sah sich genötigt, auszureißen. Zum Schadenersatz er-
hob ihn Perceval in die Pairswürde. So ward Charles Yorke in
einen Lord metamorphosiert und so, lehrt Lord Ellenborough den
Lord Palmerston, muß das Verdienst sich seine Bahn brechen können
in einem wohlgeregelten Staatshaushalt. Diese höchst naiven und
charakteristischen Lapsus linguae 3*) abgerechnet, hielt sich
Ellenborough , der eine unverkennbare Ähnlichkeit mit dem Ritter
von der traurigen Gestalt besitzt, mehr in der Phraseologie der
Citymeetings.
Sein Freund Derby bemühte sich, selbst die rein rhetorische Kon-
zession einzuschränken. Er wies das Gerücht ab, sich mit Layard
alliiert zu haben. Er, dessen ganzes Talent in der Diskretion be-
steht, klagte Layard der Indiskretion an. Es sei viel Wahres in
den Ansichten der Citymänner, aber sie seien zu extravaganten
(!!) Schlußfolgerungen fortgegangen. Ein Minister müsse seine
Kollegen im Parlament suchen und nicht nur im Parlament, sondern
in der Partei, der er angehöre, und nicht nur in dieser Partei,
sondern unter dem Kreise der parlamentarisch einflußreichen Män-
ner seiner Partei. Innerhalb dieses Kreises allerdings solle die
Fähigkeit entscheiden, und das sei bis jetzt oft versäumt worden.
Der Fehler, meinte Derby, liege in der Parlamentsreform von 1831.
Man habe die "faulen Flecke", die "rotten boroughs" vertilgt, und
gerade diese faulen Flecke hätten die gesunden Staatsmänner Eng-
lands geliefert. Sie hätten es einflußreichen Männern möglich ge-
macht, talentvolle, aber unbemittelte junge Leute ins Parlament
und von da in den Staatsdienst zu bringen. Also selbst nach Lord
Derby ist eine Administrationsreform möglich ohne Parlamentsre-
form - nur Parlamentsreform
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1*) Anschein - 2*) Zahlmeisters der Schatzkammer - 3*) Schnitzer
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im umgekehrten Sinne, Restauration der "faulen Flecke". Die Klage
Derbys scheint nicht ganz begründet, wenn man erwägt, daß 85
Sitze im Hause der Gemeinen noch immer einigen 60 kleinen "rotten
boroughs" angehören (in England allein), von denen keines über
500 Einwohner zählt und einige zwei Deputierte ernennen.
Lord Panmure, im Namen des Ministeriums, brachte die Oberhausde-
batte auf ihren wahren Punkt. Ihr wollt, stotterte er, das Ge-
schrei außerhalb der Parlamentsmauern exploitieren, um uns aus
dem Ministerium heraus-und euch selbsthineinzudeklamieren. Warum
bildete Derby kein Ministerium vor 3 Monaten, als er den Auftrag
der Königin erhielt? Ja, erwiderte Derby schmunzelnd, vor 3 Mona-
ten! Seit 3 Monaten haben sich die Dinge geändert. Lord Palmer-
ston war vor 3 Monaten der homme à la mode 1*), der große, der
unentbehrliche Staatsmann. Palmerston hat sich ausgespielt, und
nun ist die Reihe an uns.
Die Debatte im Oberhause hat gezeigt, daß hier auf keiner Seite
der Stoff ist, um Männer daraus zu schneiden. Was aber das Unter-
haus betrifft, so bemerkte Ellenborough mit Recht, daß es abge-
droschen, daß es seinen Kredit verloren hat und daß der politi-
sche Einfluß nicht mehr i n n e r h a l b, sondern a u ß e r-
h a l b des Hauses zu suchen ist.
Die Debatten im Oberhause zeigten klar die mala fides 2*) der
aristokratischen Opposition, die die bürgerliche Bewegung gleich-
zeitig zu eskamotieren und als Mauerbrecher gegen das Ministerium
zu benutzen gedenkt. In einem folgenden Briefe werden wir Gele-
genheit haben, ebenso die mala fides der Cityreform gegen die Ar-
beiterklasse zu beweisen, mit der sie ganz ebenso zu spielen ge-
denken wie die aristokratische Opposition mit ihnen. Man würde
daraus den Schluß ziehen, daß die jetzige Bewegung in England
durchaus komplizierter Natur ist und, wie wir früher andeuteten,
gleichzeitig zwei entgegengesetzte und feindliche Bewegungen in
sich einschließt.
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1*) begehrte Mann - 2*) schlechten Absichten
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