Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       Karl Marx
       
       Die Aufregung außerhalb des Parlaments
       
       
       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 229 vom 19. Mai 1855]
       London, 16. Mai. Das Grollen der bürgerlichen Opposition über die
       Abstimmung im  Oberhause bei Gelegenheit von Ellenboroughs Motion
       ist ein  Symptom von Schwäche. Sie mußte umgekehrt die Verwerfung
       der Motion als einen Sieg feiern. Das Oberhaus, den hohen Rat der
       Aristokratie zwingen,  sich in  öffentlicher und  feierlicher De-
       batte mit der bisherigen Art der Kriegführung zufrieden zu erklä-
       ren, Palmerston  als ihren Vorkämpfer und Repräsentanten laut an-
       zuerkennen und  bloße fromme  Wünsche für  administrative Reform,
       für jede  Art von  Reform, definitiv zu verwerfen - welch günsti-
       geres Resultat  konnten die   F e i n d e   d e r    A r i s t o-
       k r a t i e   von Ellenboroughs  Motion erwarten?  Sie mußten vor
       allem das  Haus der  Lords, das  letzte Bollwerk  der  englischen
       Aristokratie, zu  diskreditieren suchen.  Und sie klagen, daß das
       Haus der  Lords eine  vorübergehende Popularität auf Kosten nicht
       seiner Privilegien, sondern des bestehenden Kabinetts verschmäht?
       Daß der  "Morning Herald"  klagt, das Tory-Organ, das Organ aller
       Vorurteile "unserer  unübertrefflichen Konstitution",  ist in der
       Ordnung. Für  den "Morning  Herald" war  es tröstliche  Aussicht,
       nachdem die  Whig-Oligarchen während anderthalb Jahrhunderten als
       Freunde des  Bürgertums und des "liberalen Fortschritts" fungiert
       haben, nun  die Rolle wechseln und wieder anderthalb Jahrhunderte
       durch die   T o r i e s   mit  der Rolle  der  "aristokratischen"
       Vertreter des Bürgertums und des "liberalen Fortschritts" betraut
       zu sehen.  Der "Morning  Herald" hat  ein Recht zu klagen, gutes,
       volles Recht.  Aber die  bürgerliche Opposition? Bildete sie sich
       etwa ein,  eine gemäßigte  Demonstration der Citykaufleute reiche
       hin,  um  die  Aristokratie  zum  Selbstmord,  zur  Abdankung  zu
       zwingen? Aber die Wahrheit ist, daß die Bourgeoisie ein Kompromiß
       wünscht, daß sie Nachgiebigkeit auf der andern Seite erwartet, um
       selbst nachgiebig  sein zu  können, daß  sie, wenn möglich, einen
       wirklichen Kampf
       
       #225# Die Aufregung außerhalb des Parlaments
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       vermeiden möchte.  Sobald der  Kampf wirklich  wird, drängt  sich
       "die Million",  wie sie  die "niedern" Klassen nennen, mit in die
       Arena, nicht  nur als  Zuschauer, nicht  nur als  Schiedsrichter,
       sondern als Partei. Und das möchte die Bourgeoisie um jeden Preis
       umgehen. Es  war ein ähnlicher Grund, der die Whigs von 1808-1830
       aus dem  Kabinett entfernt hielt. Sie wollten ihre Gegner heraus-
       werfen um  jeden Preis, nur nicht zu dem Preis wirklicher Konzes-
       sionen an  die Bourgeoisie,  ohne deren Beistand die Tories nicht
       herauszuwerfen waren,  nur nicht zu dem Preis einer Parlamentsre-
       form. Wir  haben gesehen, in welch zweideutiger, achselzuckender,
       reservierender, ironisch-nichtssagender  Weise  Ellenborough  und
       Derby sich  zu Parteigängern der bürgerlichen Administrativreform
       aufwarfen, zugleich mit Händen und Füßen ihre angeblichen Bundes-
       genossen abwehrend. Wir wollen nun andererseits sehen, wie ängst-
       lich-perfid die  reformierenden Handelsherren der City erst jeden
       Gegensatz von seiten der Chartisten zu prävenieren und ihr Still-
       schweigen vorläufig zu sichern suchten, um sie dann aus den ihnen
       freiwillig eingeräumten  Stellungen herauszueskamotieren.  In dem
       Falle der  Tories nicht  mehr wie dem der Citykaufleute überwiegt
       die Furcht  und Abneigung  vor  dem  angeblichen  Alliierten  die
       Feindschaft gegen  den angeblichen Gegner. Der Sachverlauf war in
       kurzem dieser.
       Die Administrative  Reform-Assoziation [140] fürchtete Opposition
       von seiten  der Chartisten,  die in zwei großen Meetings, wie der
       Leser sich  erinnern wird, in St. Martins Hall und Southwark "die
       Nationale und konstitutionelle Assoziation" aus dem Feld geschla-
       gen und  zum Rückzug  von dem  selbstgewählten Terrain  gezwungen
       hatten. Am 26. April sandten sie Herrn James Acland (früher Anti-
       Corn-Law Lecturer 1*) in die Wohnung von Ernest Jones, wo er sich
       als "Gesandter"  der Administrativreform-Assoziation  ankündigte,
       die auf die Unterstützung der Chartisten rechne, da es ihr Wunsch
       sei, die "Klassengesetzgebung" zu vernichten und eine Volksregie-
       rung einzuführen.  Er lud Ernest Jones zu einer Zusammenkunft für
       den nächsten Tag mit dem Komitee der besagten Administration ein.
       Jones erklärte,  er sei  nicht kompetent, im Namen der chartisti-
       schen Partei  zu antworten.  Er müsse die Zusammenkunft ablehnen,
       bis er  das Londoner Verwaltungskomitee der Chartisten [150], das
       sich nächsten Sonntag versammele, konsultiert habe.
       Sonntag abend,  den 29.  April, teilte Jones die ganze Angelegen-
       heit dem  Chartistenkomitee mit. Er wurde bevollmächtigt, die Un-
       terhandlung weiter  zu führen.  Den folgenden  Morgen hatte Jones
       eine Zusammenkunft mit Herrn Ingraham Travers, dem Leiter der Ci-
       tybewegung, der persönlich
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       1*) Propagandist gegen die Korngesetze
       
       #226# Karl Marx
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       Herrn James  Acland als  autorisierten Agenten und Repräsentanten
       seiner Partei  akkreditierte. Herr  I. Travers versicherte Jones,
       man beabsichtige,  eine Volksregierung zu gründen. Die Resolutio-
       nen,  wie  sie  in  der  "Times"  gedruckt,  seien  nur    v o r-
       l ä u f i g;   über die  Mittel zum  Ziele sollte  erst das  Ver-
       waltungskomitee entscheiden,  das in dem London-Tavern-Meeting zu
       wählen sei.  Die Chartisten,  als Beweis  ihrer Sympathie für die
       Sache der  Administrativreform, sollten  einen Sprecher ernennen,
       der sie  bei dem  Meeting vertrete.  Dieser solle vom Präsidenten
       aufgerufen werden,  um eine der Resolutionen zu unterstützen. Die
       Chartisten sollten  ferner einen Repräsentanten ernennen, der auf
       dem Tavern-Meeting, auf Vorschlag des provisorischen Komitees der
       Citykaufleute,  zum   permanenten  Mitglied  des  Verwaltungsaus-
       schusses der  Reform-Assoziation ernannt  werden würde.  Es  ward
       endlich übereingekommen,  daß, da  Zulassung nur  auf Karten  hin
       stattfand, die Chartisten den gebührenden Anteil an diesen Karten
       erhalten sollten.  Jones schlug  ab, diese Angelegenheit auf bloß
       mündlicher Verabredung  beruhen zu  lassen,  und  erklärte  Herrn
       Ingraham [Travers],  er müsse  alle  erwähnten  Punkte  in  einem
       Briefe an das Verwaltungskomitee der Chartisten vorschlagen.
       Das geschah. Der Brief, strotzend von Beteuerungen, traf ein. In-
       des, als die Zeit zur Übersendung der Eintrittskarten herangekom-
       men, trafen  nur 12 Karten ein. Auf die Klage des Chartistenkomi-
       tees wegen  Wortbruchs entschuldigte  man sich  damit, daß  keine
       Karten übriggeblieben.  Indes, wenn  das  Chartistenkomitee  zwei
       seiner Mitglieder  an die  Tore der  Tavern stationieren  wollte,
       sollten sie  Vollmacht erhalten,  wen immer  sie wünschten,  auch
       ohne Einlaßkarten  zuzulassen. Die  Herren Slocombe  und  Workman
       wurden zu  diesem Behufe von den Chartisten erwählt und erhielten
       ihre Vollmachten  von Herrn Travers. Um allen Verdacht zu entfer-
       nen, sandte  die Administrativreform-Assoziation noch am Tage des
       Meetings, einige Stunden vor seiner Eröffnung, einen Spezialboten
       mit einem  Briefe an Jones, um ihn zu erinnern, daß der Präsident
       ihn auffordern  werde, die 4. Resolution zu unterstützen, und daß
       er dem  Meeting zum  Mitglied des  Verwaltungsausschusses  vorge-
       schlagen werden  würde in seiner Eigenschaft als Repräsentant der
       Chartisten.
       Eine Stunde  ungefähr vor Eröffnung des Meetings waren große Mas-
       sen von Chartisten vor der Tavern versammelt. Sobald die Tore er-
       öffnet, wurde  den Herren  Slocombe und  Workman verboten, irgend
       jemand ohne  Karten zuzulassen.  Acht Karten  wurden  widerwillig
       ausgeteilt, um   A u f s c h u b   z u  v e r s c h a f f e n  in
       einem Augenblicke,  wo der  Andrang von außen ernsthaft zu werden
       schien. Der Aufschub wurde benutzt, um eine in einer Nebenstraße
       
       #227# Die Aufregung außerhalb des Parlaments
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       bereitstehende Abteilung Polizei einzuschieben. Von diesem Augen-
       blick ward  niemand mehr zugelassen außer "den bekannten Kaufleu-
       ten und Bankiers". Ja, Leute in  A r b e i t e r t r a c h t,  in
       den bekannten  Samtjacken, wurden abgewiesen, selbst wenn sie mit
       Einlaßkarten versehen waren. Um die in der Straße harrende Arbei-
       termasse zu  täuschen, wurden die Türen plötzlich geschlossen und
       Zettel angeschlagen  des Inhalts:  "Die Halle  ist voll.  Es kann
       niemand mehr  herein." Zu  dieser Zeit  war aber  die Halle  noch
       nicht halb  gefüllt, und  "Gentlemen", die in ihren Wagen vorfuh-
       ren, wurden  zugelassen durch  die Fenster  und vermittels  einer
       Hintertür durch  die Küche. Die Arbeitermasse zerstreute sich ru-
       hig, da  sie von  dem Verrat  nichts ahnte. Obgleich Ernest Jones
       während des  Meetings sein  "Plattformticket" vorwies,  wurde  er
       nicht zur  Tribüne und  natürlich noch  weniger zum  Sprechen zu-
       gelassen. Die  Assoziation hatte zwei Zwecke erreicht - die Oppo-
       sition der  Chartisten zu  verhindern und  auf die  Masse in  der
       Straße als   i h r e n   A n h a n g   zeigen zu können. Aber sie
       sollte auch nur in der Straße als Statist figurieren.
       Ernest Jones,  in einem  Aufruf an die Arbeiter Englands, erzählt
       den Verlauf  dieser Intrigenkomödie  und wirft der Administrativ-
       reform-Assoziation den  Fehdehandschuh hin  im Namen  der Charti-
       sten. [151]

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