Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Friedrich Engels
Der Krimkrieg
["New-York Daily Tribune" Nr. 4411 vom 8. Juni 1855, Leitartikel]
Während wir schreiben, müssen die Feldoperationen in der Krim
begonnen haben, von denen wir vor einigen Tagen als in Vorberei-
tung stehend sprachen. 1*) Mit diesen Operationen tritt der
Krieg, soweit er auf die Halbinsel beschränkt ist, in ein neues
und wahrscheinlich entscheidendes Entwicklungsstadium. Die rasche
Ankunft der piemontesischen und französischen Reserven und beson-
ders die plötzliche Veränderung, in deren Resultat Canrobert sein
Kommando mit dem über ein einziges Korps vertauschte, während Pé-
lissier den Oberbefehl übernimmt, sind sichere Anzeichen dafür,
daß die Zeit gekommen ist für eine Änderung in der Taktik der Al-
liierten.
Was eine allgemeine Beschreibung des Geländes angeht, auf das der
Schauplatz der Operationen verlegt werden soll, und eine allge-
meine Übersicht über die Kräfte, die jetzt engagiert werden, so
verweisen wir auf unseren vorigen Artikel. Man wird sich erin-
nern, daß die Hauptposition der russischen Observationsarmee, die
die Verbindung mit der Nordseite Sewastopols aufrechterhält, auf
dem Plateau zwischen Inkerman und der Stelle liegt, wo die Straße
von Balaklawa nach Simferopol den Bergkamm kreuzt, der die Täler
der Tschornaja und des Belbek voneinander trennt. Diese Position
- von großer natürlicher Stärke - haben die Russen vollständig
verschanzt. Sie dehnt sich ungefähr vier Meilen zwischen der
Spitze der Bucht von Sewastopol und der unzugänglichen Gebirgs-
kette aus, und die Russen werden in der Lage sein, dort minde-
stens 50 000 oder 60 000 Mann Infanterie und Artillerie zu kon-
zentrieren, was für die Verteidigung vollauf genügt.
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1*) Siehe die deutsche Variante im vorl. Band, S. 213-216
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Diese Position in der Front zu attackieren, würde eine große zah-
lenmäßige Überlegenheit erfordern und furchtbare Opfer mit sich
bringen; indessen können sich die Alliierten weder das eine noch
das andere leisten. Selbst wenn es ihnen gelänge, die Verschan-
zungen zu erobern, wären ihre Verluste so schwer, daß sie nicht
imstande wären, die Kampagne energisch weiterzuführen. Sie müssen
deshalb versuchen, eine Anzahl Russen von dort abzuziehen und
Wege zu finden, sie zu umgehen. Zu diesem Zwecke war die myste-
riöse Expedition nach Kertsch unternommen worden. Ungefähr 15 000
Mann der Alliierten wurden eingeschifft, zogen vor den Augen der
Russen an Jalta vorbei, segelten nach Kertsch und wieder zurück.
Warum sie nicht den Versuch machten zu landen, wird mit einem te-
legraphischen Befehl aus Paris zu erklären versucht. Auf alle
Fälle muß dieser bloße Ersatz für eine Demonstration als ein völ-
liges Fiasko bezeichnet werden; keinen General, der bei Sinnen
ist, würde man veranlassen können, seine Truppen für die Durch-
führung einer Expedition zu teilen, die nicht einmal wagt, auch
nur den Anschein eines Gefechtes zu liefern. Ein Angriff auf
Kaffa, selbst wenn man ihn im Hauptquartier erwogen hatte,
scheint schließlich auch aufgegeben worden zu sein. Truppen nach
Eupatoria zu bringen, um von diesem Punkt aus vorzubrechen,
konnte nicht in Frage stehen, denn sonst wären die piemontesi-
schen und französischen Reserven sofort dort hingeschickt worden.
Und da es weder an der Küste zwischen Balaklawa und Kaffa noch
zwischen Sewastopol und Eupatoria einen anderen Hafen oder eine
gute Reede gibt, scheint man schließlich den Gedanken aufgegeben
zu haben, die Russen zur See zu umgehen; es bleibt also nichts
anderes übrig, als sie zu Lande zu umgehen, was sich - wie wir
bereits festgestellt haben - als eine äußerst schwierige Opera-
tion erweisen muß.
Es gibt außer der von den Russen besetzten Straße oberhalb von
Inkerman nur noch eine andere Heerstraße, die von Balaklawa nach
Simferopol führt. Sie verläuft längs der Südküste bis nach
Aluschta, wo sie ins Landinnere einbiegt, führt in einer Höhe von
2800 Fuß über dem Meeresspiegel über die Berge östlich des Tscha-
tyr-Dag oder des Zeltberges, des höchsten Berges auf der Krim,
und steigt durch das Tal des Salgir, des Hauptflusses der Krim,
nach Simferopol hinab. Von Balaklawa nach Aluschta sind es vier,
von Aluschta nach Simferopol drei Tagemärsche - insgesamt etwa 95
englische Meilen. Da es aber keine Nebenstraßen gibt, auf denen
die Truppen in mehreren parallelen Kolonnen marschieren könnten,
müßte die ganze Armee auf dieser einen Straße in einer enorm aus-
einandergezogenen Kolonne vorrücken, wobei sie wenigstens vier
oder fünf Tage lang in einem ununterbrochenen Strom marschieren
müßte. In der Nähe von Aluschta und auf dem Paß gibt es
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einige alte Befestigungen, und wir können sicher sein, daß man
den Paß selbst stark verschanzt vorfinden wird. Statt sieben Tage
würde die Armee vielleicht zwölf benötigen, ehe überhaupt der Paß
des Tschatyr-Dag überquert werden könnte - Zeit genug für die
Russen, das Korps anzugreifen, das für die Sicherung der Belage-
rung zurückbleibt, oder mit dem größeren Teil ihrer Streitkräfte
gegen den Feind zu ziehen und von den Hügeln aus, wenn er aus dem
Engpaß hervorbricht, mit überlegenen Kräften ihm zu begegnen,
während leichte, bewegliche, auf den Fußpfaden an der Oberen
Katscha und der Alma vorgeschickte Kolonnen sich auf seine Flanke
und auf seine Nachhut werfen würden. Der größte Fehler einer
Flankenbewegung über Aluschta würde jedoch das völlige Fehlen ei-
ner Operationsbasis sein. Die offene Reede von Aluschta läßt den
Gedanken, diesen Ort auch nur in eine vorübergehende Basis zu
verwandeln, nicht zu; so kann, sogar bevor Aluschta passiert
wird, die russische leichte Infanterie, die auf den durch die
Berge führenden Fußpfaden herabkommt, die Verbindung mit Bala-
klawa durchaus wirksam unterbrechen.
Daher kann der Marsch über Aluschta schwerlich unternommen wer-
den. Das Risiko überwiegt bei weitem die möglichen Vorteile. Es
gibt jedoch einen anderen Weg, die Russen zu umgehen. Wenn beim
Marsch über Aluschta alle Vorteile, die den Alliierten die große
Straße bietet, in bedeutendem Maße dadurch aufgewogen werden, daß
die Russen die Fußpfade für Attacken ausnutzen können, warum
könnten den Alliierten dann nicht die gleichen Fußpfade zum glei-
chen Vorteil gereichen? Das würde ein völlig anderes Operieren
mit sich bringen. In diesem Falle würden die Alliierten die
Hauptmasse ihrer Feldtruppen, einschließlich des Korps, das dazu
bestimmt ist, die Nordseite Sewastopols zu blockieren, direkt ge-
genüber dem russischen Lager oberhalb Inkermans aufstellen und
damit ihre Gegner zwingen, die große Masse ihrer Truppen in den
Verschanzungen festzuhalten. Inzwischen würden Zuaven, Chasseure,
leichte Infanterie, britische Schützen und sogar die berittenen
Chasseurs d'Afrique 1*), und auch was an Gebirgsartillerie aufzu-
bringen ist, in ebenso viele Kolonnen formiert werden, wie es
Fußpfade gibt, die vom Baidartal und von der Südküste in der Nähe
Alupkas, 30 Meilen von Balaklawa, in die Täler des Belbek und der
Katscha führen. Ein Nachtmarsch würde genügen, um die Truppen,
die die äußerste linke Flanke der Russen umgehen müssen, über das
Baidartal zur Südküste zu bringen, wo sie der Feind nicht mehr
erreichen kann. Ein weiterer Tagemarsch würde sie nach Alupka
bringen. Oberhalb von Alupka zieht sich die
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1*) für den Dienst in Afrika bestimmte leichte Reiterei
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steile Gebirgskette des Jaila-Gebirges hin, das auf seinem nörd-
lichen Abhang ungefähr 2000 Fuß über dem Meeresspiegel eine Hoch-
ebene bildet, die gutes Weideland für Schafe bietet; die Hoch-
ebene steigt über felsige Abgründe in die engen Täler der Flüß-
chen Bijuk Usen und Usen Basch herab, die bei ihrem Zusammenflie-
ßen den Fluß Belbek bilden. Drei Fußpfade führen zu diesem Pla-
teau in der Nähe von Alupka hinauf und münden in die Täler der
beiden Flüßchen Usen. Dieses ganze Gelände ist für eine Infante-
rie wie die Zuaven und Chasseure, die sich in Afrika an Gebirgs-
kriegen weit schwierigerer Art gewöhnt haben, durchaus wegsam.
Vom Tal der Oberen Tschornaja, besser bekannt unter dem Namen
Baidartal, führen wenigstens zwei Fußpfade zum Tal des Oberen
Belbek, und schließlich geht ein Pfad von der Straße nach Bala-
klawa und Simferopol kurz vor dem Bergpaß ab und überquert den
Kamm drei Meilen südöstlich der Mackenzie-Pacht und führt unmit-
telbar zur linken Flanke der verschanzten Positionen der Russen.
Wenn diese Pfade auch noch so beschwerlich sind, so müssen sie
doch für die französischen leichten Truppen aus Afrika passierbar
sein. "Wo eine Ziege gehen kann, kann auch ein Mensch gehen; wo
ein Mensch, da auch ein ganzes Bataillon; wo ein ganzes Bataillon
durchkommt, können mit einiger Mühe auch ein oder zwei Pferde
durchkommen, und schließlich wird es auch vielleicht gelingen,
ein Feldgeschütz durchzubringen." Wir sollten uns wirklich nicht
wundern, wenn diese auf den Landkarten markierten, ausgetretenen'
Schafswege und Fußpfade sich sogar als Landstraßen erweisen, als
schlechte zwar, aber doch als ganz brauchbar für eine Flankenbe-
wegung, bei der sogar Artillerie die Kolonnen begleiten kann. In
diesem Falle sollte die Umgehung mit möglichst starken Kräften
durchgeführt werden, und dann werden die Russen, sogar ohne einen
ernsthaften Frontalangriff, bald gezwungen sein, ihre Verschan-
zungen aufzugeben. Aber falls diese Pfade für Feldgeschütze nicht
passierbar sind (Raketen und Gebirgshaubitzen kommen überall
durch), werden die Umgehungsabteilungen sich in einfache bewegli-
che Kolonnen verwandeln, so weit sie können die russischen Trup-
pen aus den oberen Tälern des Belbek hinausdrängen, ins Tal der
Katscha eindringen, die Nachhut der Russen bedrohen, ihre Verbin-
dungen unterbrechen, ihre Konvois vernichten, zuverlässige Nach-
richten sammeln, das Land rekognoszieren und so viele russische
Detachements wie möglich auf sich ziehen, bis die Straße, die die
wenigsten Schwierigkeiten bietet, soweit wegsam gemacht worden
ist, daß die Artillerie passieren kann. Dann könnte man ihnen
starke Kräfte nachsenden und die russische Nachhut so ernstlich
bedrohen, daß eine Räumung der Verschanzungen erzwungen wird. Wir
glauben nicht, daß ein Vordringen bloß von Infanterie und leich-
ter Kavallerie über diese Berge an der linken Flanke und
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im Rücken der Russen eine solche Wirkung erzielen kann, da sie
die russischen Kommunikationen nicht ernsthaft bedrohen könnten,
ohne in ein Gelände hinabzusteigen, wo die Artillerie ihre volle
Wirkung wiedererlangt und dadurch jener Seite das Übergewicht si-
chert, die es in Besitz nimmt. Aber es besteht kein Zweifel dar-
über, daß mit einiger Findigkeit die Artillerie in die Lage ver-
setzt werden kann, den Umgehungskolonnen zu folgen. Bei Jena
[152] zeigte Napoleon, was man mit einem einfachen Fußpfad machen
kann, der sich einen steilen Hügel hinaufwindet; innerhalb von
fünf Stunden war der Weg für Kanonen breit genug gemacht, die
Preußen wurden von der Flanke her attackiert, und der Sieg am
nächsten Tag war gesichert. Und wo eine Krimarba 1*) durchkommt,
kommt auch ein Feldgeschütz durch; einige der in Frage kommenden
Fußpfade, besonders jene, die von der Tschornaja zu dem Belbek
führen, scheinen solche alten' Landwege für die Arbas zu sein.
Aber um solch eine Bewegung auszuführen, ist die erste Bedingung,
über genügend Kräfte zu verfügen. Die Russen werden sicherlich
zahlenmäßig im Vorteil sein und das Gelände besser kennen. Er-
steres kann durch ein kühnes Vorgehen Omer Paschas von Eupatoria
nach der Alma wettgemacht werden. Wenn die russische Superiorität
in der Kavallerie es ihm auch nicht gestatten wird, sich schnell
oder weit vorwärtszubewegen, so kann er dennoch, wenn er gut ma-
növriert und seine Kommunikationen gut sichert, den Fürsten Gort-
schakow zwingen, mehr Infanterie gegen ihn einzusetzen. Aber sich
auf eine derartige Nebenoperation zu verlassen, wäre für die Al-
liierten eine zu unsichere Sache. Um also das Vorrücken von Bala-
klawa zu bewerkstelligen wäre es für sie am besten, ein oder zwei
Tage vor dem wirklichen Angrif einige 20 000 Türken nach dem
Chersones zu überführen (was sie getan haben, wie wir vor einiger
Zeit berichteten 2*)), wo sie doppelt soviel wert wären als in
Eupatoria. Das würde ihnen die Möglichkeit geben, einschließlich
der etwa 6000 Mann starken Kavallerie mit nahezu 110 000 Mann die
Russen zu attackieren, ihnen ungefähr 65 000-75 000 Mann
(einschließlich 15 000 bis 20 000 Mann von der Garnison der Nord-
seite) und 10 000 Mann Kavallerie entgegenstellen zu können. Aber
sobald das Umgehungskorps beginnt, die linke Flanke und die Nach-
hut der Russen zu bedrohen, werden die Kräfte, die man ihm entge-
genstellen würde, verhältnismäßig schwach sein, da die Detache-
ments von der Nordseite sich nicht der Gefahr aussetzen könnten,
von ihrem um die Zitadelle gelegenen verschanzten Lager abge-
schnitten zu werden; und daher würden die Alliierten, da sie in
der Lage sind, ihre
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1*) Krimkarren - 2*) dieser Satz wurde offensichtlich von der Re-
daktion der "New-York Daily Tribune" eingefügt.
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ganze verfügbare Feldarmee überall dort, wo sie wollen, einzuset-
zen, sehr überlegen sein. In diesem Falle also könnten sie mit
Sicherheit auf Erfolg rechnen; aber wenn sie ohne Hilfe die Rus-
sen attackieren und das zahlenmäßige Verhältnis beider Armeen,
wie sie aus zuverlässiger Quelle angegeben werden, stimmt, haben
sie nur geringe Chancen auf Erfolg. Ihr Flankenkorps wäre zu
schwach und könnte von den Russen völlig unbeachtet bleiben, die
ihrerseits durch einen kühnen Ausfall aus ihren Linien die ge-
schwächten Alliierten den Abgrund hinunter in die Tschornaja
treiben könnten.
Man hält auch ein anderes Manöver der Alliierten für möglich:
einen unmittelbaren Sturm auf die Südseite Sewastopols. Es heißt
sogar, daß aus Paris ein unbedingter Befehl telegraphiert worden
sei, diesen Sturm zu unternehmen, und daß Canrobert resignierte,
weil er es nicht verantworten konnte, eine Bewegung auszuführen,
die seiner Meinung nach den Verlust von 40000 Mann bedeutet
hätte. Nach dem zu urteilen, was wir von den militärischen Ideen
Louis Bonapartes kennengelernt haben, die er durch sein Ein-
greifen in die gegenwärtige Kampagne zur Schau stellt, ist es
durchaus nicht unglaubhaft, daß ein solcher Befehl erteilt worden
sein könnte. Aber es ist noch weniger wahrscheinlich, daß selbst
ein so verwegener Sabreur wie Pélissier die Ausführung eines
solchen Befehls auf sich genommen hätte. Im vergangenen Monat
müssen die französischen Soldaten eine recht gute Vorstellung da-
von erhalten haben, auf welchen Widerstand sie bei einem Sturm
stoßen werden. Und eine Operation, die nicht ohne den Verlust von
etlichen 40 000 Mann ausgeführt werden kann, das sind mehr als
ein Drittel der gesamten für den Sturm verfügbaren Armee, hat ge-
wiß sehr wenig Aussicht auf Erfolg. Pélissier mag zwar darauf er-
picht sein, den Marschallstab aufzuheben, der den Händen Canro-
berts entglitten ist, aber wir zweifeln sehr, ob er Bonapartist
genug ist, sein Glück und seinen Ruf gegen eine solche Übermacht
aufs Spiel zu setzen. Aber selbst wenn wir annehmen, daß der
Sturm erfolgreich war, daß nicht nur die erste Verteidigungsli-
nie, sondern auch die zweite Linie genommen wurde, daß selbst die
Barrikaden, die mit Schießscharten versehenen Häuser und die Ba-
racken der Verteidiger, die den Zugang zu den Küstenforts ver-
sperren, daß auch diese Küstenforts genommen worden sind und die
ganze Südseite in die Hände der Alliierten gefallen ist, bei ei-
nem Verlust von, sagen wir, nur 30 000 gegenüber einem Verlust
von 20 000 Russen - was dann? Die Alliierten würden 10000 Mann
mehr als die Russen verloren haben, der befestigte Platz müßte
augenblicklich aufgegeben werden, und der Feldzug würde sogar
noch schwieriger werden als vorher.
Aber es gibt ein Moment, das sogleich den Gedanken an einen
unmittelbaren Generalsturm ausschließt. Auf Grund halbamtlicher
Berichte hatten wir
#237# Der Krimkrieg
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uns nur um der Polemik willen in einem früheren Artikel über die
Belagerung 1*) veranlaßt gesehen, einzuräumen, daß die Russen aus
ihren neuen Außenwerken vor Sewastopol vertrieben worden seien.
Gleichzeitig wiesen wir darauf hin, daß wir allen Grund hätten,
die Richtigkeit solcher Berichte anzuzweifeln, da die Alliierten
jeden Erfolg dieser Art laut und unmißverständlich verkündet hät-
ten. Jetzt wissen wir positiv von russischer Seite, daß die
Kamtschatka- (der Mamelon), Selenginsk- und Wolhynsk-Redouten
noch in ihrem Besitz sind, während Berichte aus dem Lager der Al-
liierten das nicht nur bestätigen, sondern auch zugeben, daß die
Belagerten weitere Außenwerke aufgeworfen haben. Das Übergewicht,
das die Alliierten gewonnen haben, indem sie ihre vorgeschobenen
Approchen näher an die Festung heranschoben, ist also von den
Konterapprochen der Russen völlig aufgewogen worden, und die Li-
nie, auf der die beiden Seiten mit gleichen Kräften einander be-
gegnen können, ist noch weit vom Hauptgraben entfernt. Ein Sturm
ist aber nur ratsam, wenn die Linie, an der die Stärke des An-
greifers bei üblichen Belagerungsoperationen der des Verteidigers
gleich ist, im Hauptgraben verläuft. Es ist klar, daß sonst die
Sturmkolonnen niedergeworfen und aufgerieben würden, ehe sie noch
den Rand der Brustwehr erreichen könnten. Solange also die Russen
nicht über den Hauptgraben zurückgetrieben werden können, wird es
unmöglich sein, den hinter diesem Hauptgraben gelegenen Hauptwall
zu stürmen. Was die zweite hinter diesem Graben errichtete Linie
anbelangt, kann gegenwärtig überhaupt keine Rede davon sein, sie
zu nehmen.
Es ist möglich, daß eine Chance besteht für den Erfolg eines
Teilangriffes auf die linke oder Stadtseite auf dem Abschnitt der
Quarantäne-Bastion bis zur Flagstaff-Bastion, wo die Hauptattacke
der Franzosen vorgetragen wird. Aber in dieser Hinsicht hält uns
die Politik der französischen Regierung völlig im dunkeln, soweit
es die Ausdehnung und Stärke der russischen Außenwerke angeht,
und die neuesten russischen Nachrichten, die in letzter Zeit alle
durch den Telegraphen übermittelt wurden, enthalten keine be-
stimmte und detaillierte Darstellung. Die Russen geben jedoch
selbst zu, daß die französischen Werke bei der Flagstaff-Bastion
dicht am Hauptwall liegen und dort eine Mine hochgegangen ist,
wenn auch ohne irgendwelche bedeutenden Resultate. Hier könnte
also ein lokaler Sturm von Erfolg sein, aber auf Grund der her-
vorspringenden Lage dieser Bastion und des beherrschenden Gelän-
des dahinter (die russische Jasonowski-Redoute 2*)) ist es sehr
zweifelhaft, ob irgend etwas durch die Eroberung dieser Bastion
gewonnen würde,
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1*) Siehe vorl. Band, S. 203 - 2*) im englischen Text: "the Rus-
sian Garden Battery" (die russische Gartenbatterie)
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die von den übrigen Befestigungswerken durch ein oder zwei Quer-
wälle in ihrem Rücken isoliert worden sein muß, wodurch die stür-
menden Kolonnen daran gehindert werden, sich dort festzusetzen,
oder wenigstens daran, weiter vorzudringen.
Ob nun der Sturm versucht wird oder Feldoperationen unternommen
werden, die Alliierten werden mit beträchtlichen Schwierigkeiten
zu kämpfen haben. Aber auf jeden Fall nähert sich die schläfrige
Art der Kriegführung ihrem Ende, die seit der Ankunft der Alli-
ierten vor Sewastopol betrieben wird, und aufregende Ereignisse
sowie Operationen von wirklichem militärischem Interesse können
jetzt erwartet werden.
Geschrieben am 2I.Mai 1855.
Aus dem Englischen.
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