Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       Karl Marx
       
       Zur Reformbewegung
       
       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 237 vom 24. Mai 1855]
       London, 21. Mai. Sämtliche Londoner Blätter veröffentlichen heute
       eine Adresse der Cityreformer oder vielmehr ihres Verwaltungsaus-
       schusses an  das "Volk von England". Der Stil des Aktenstücks ist
       trocken, geschäftsmäßig,  nicht ganz so hochfliegend wie die Han-
       delszirkulare, die  periodisch von  derselben Stelle  ausgehn und
       Kaffee, Tee, Zucker, Gewürze und andere Produkte der Tropenländer
       in mehr  oder minder geschmackvoll arrangierten Phrasengeflechten
       der Welt  zum Verkauf auslegen. Die Assoziation verspricht, Mate-
       rialien zu  einer förmlichen  Physiologie der  verschiedenen  Re-
       gierungsdepartements zu  liefern und sämtliche Mysterien von Dow-
       ning Street  [153], der erbweisheitlichen Downing Street, zu ent-
       hüllen. Das ist, was sie verspricht. Sie verlangt ihrerseits, daß
       die Wahlkörper von England, statt wie bisher von den aristokrati-
       schen Klubs aufgedrängte, frei nach ihrem Herzen gewählte und nur
       durch ihr  Verdienst empfohlene  Kandidaten in das Parlament sen-
       den. Sie  erkennt also  die bestehenden privilegierten Wahlkörper
       als normal  an, dieselben  Wahlkörper, von denen sie gesteht, daß
       ihre Bestechlichkeit,  ihre Abhängigkeit von ein paar Klubs, ihre
       Unselbständigkeit die  Geburtsstätte des jetzigen Unterhauses und
       darum der jetzigen Regierung sind. Sie will diese exklusiven Kör-
       perschaften nicht  auflösen, nicht  einmal erweitern, sondern nur
       moralisieren. Warum  dann nicht  gleich der Oligarchie selbst ins
       Gewissen reden,  statt sie  mit Abschaffung  ihrer Privilegien zu
       bedrohen? Es  muß jedenfalls  eine  leichtere  Arbeit  sein,  die
       oligarchischen Häupter  zu bekehren  als die oligarchischen Wahl-
       körper. Die Cityassoziation möchte offenbar eine antiaristokrati-
       sche Bewegung  hervorrufen, aber eine Bewegung  i n n e r h a l b
       der Grenzen des  l e g a l e n  (wie Guizot es nannte), des offi-
       ziellen England. Und wie gedenken sie den faulen Sumpf
       
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       dieser Wahlkörper  aufzustürmen? Wie sie zur Emanzipation von In-
       teressen und Gewohnheiten zu treiben, die sie zu Vasallen von ein
       paar vornehmen  Klubs machen und zu Grundpfeilern der regierenden
       Oligarchie? Durch eine Physiologie von Downing Street? Nicht ganz
       so. Sondern  auch durch  D r u c k  v o n  a u ß e n,  durch Mas-
       senmeetings und  dergleichen. Und  wie wollen  sie die nichtoffi-
       zielle, die  nicht wahlfähige  Volksmasse in  Bewegung setzen, um
       auf den  privilegierten Kreis  der Wahlkörper zu wirken? Dadurch,
       daß sie  sie einladen,  auf die  Volks-Charte [77]  (die im Grund
       nichts enthält  als  die  Forderung  des    a l l g e m e i n e n
       W a h l r e c h t s   und die  Bedingungen, worunter es allein in
       England eine  Wahrheit werden  kann) zu verzichten und die Privi-
       legien dieser  nach dem Geständnis der Cityreformer selbst in der
       Verwesung begriffenen  Körperschaften anzuerkennen. Die Cityasso-
       ziation hat  das Beispiel der "finanziellen und parlamentarischen
       Reformer" vor sich. Sie weiß, daß diese Bewegung, an deren Spitze
       Hume, Bright,  Cobden, Walmsley,  Thompson  standen,  gescheitert
       ist, weil  sie an  die Stelle  der  Volks-Charte  die  sogenannte
       "Kleine Charte"  [78] setzten,  weil sie bloß Konzessionen an die
       Volksmasse machen,  bloß ein Kompromiß mit ihr schließen wollten.
       Und sie  bilden sich  ein,  o h n e  Konzession zu erreichen, was
       jene   t r o t z   der Konzession  nicht erreichen  konnten? Oder
       folgern sie  aus der  Antikorngesetzbewegung, daß es möglich ist,
       das englische  Volk für partielle Reformen in Bewegung zu setzen?
       Aber der Gegenstand jener Bewegung war sehr allgemein, sehr popu-
       lär, sehr  handgreiflich. Das  Symbol  der  Anti-Corn-Law  League
       [137] war  bekanntlich ein großes und breites Laib Brot im Gegen-
       satz zum  Diminutivbrot der  Protektionisten. Ein  Laib Brot, na-
       mentlich im  Hunger jähre  1846, spricht natürlich einen ganz an-
       dern Volksdialekt  als eine "Physiologie von Downing Street". Wir
       brauchen nicht  an ein bekanntes Büchlein zu erinnern - "Die Phy-
       siologie der  City" [154].  Hier wird haarscharf gezeigt, daß, so
       gut die Herren ihr eignes Geschäft treiben mögen, sie in der Ver-
       waltung   g e m e i n s c h a f t l i c h e r  Geschäfte, wie al-
       ler   A s s e k u r a n z g e s e l l s c h a f t e n,  mehr oder
       minder das  Muster der  offiziellen Downing Street treu befolgen.
       Ihre Verwaltung  der   E i s e n b a h n e n  mit den schreienden
       Prellereien, Schwindeleien  und der  totalen Vernachlässigung für
       Sicherheitsvorkehrung, ist  so berüchtigt, daß mehr als einmal in
       der Presse,  im Parlament  und außerhalb des Parlaments die Frage
       aufgeworfen wurde, ob die Eisenbahnen nicht unter direkte Staats-
       kontrolle zu  stellen und  den Händen  der Privatkapitalisten  zu
       entziehen [seien]!  Die Physiologie  der Downing Street wird also
       nichts "tun", wie die Engländer sagen. "This will not do, sir!"

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