Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       Karl Marx
       
       Die Administrativreform-Assoziation [ð Die Charte]
       
       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 261 vom 8. Juni 1855]
       London, 5.  Juni. Die  Administrativreform-Assoziation [140]  hat
       einen Sieg  in Bath  davongetragen. Ihr  Kandidat, Herr Tite, ist
       mit großer  Majorität zum Parlamentsmitglied erwählt worden gegen
       den Tory-Kandidaten.  Dieser Sieg,  auf dem Terrain des "legalen"
       Landes erfochten,  wird heute  von  den  liberalen  Blättern  als
       großes Ereignis  gefeiert. Die Bulletins über den "Poll" 1*) wer-
       den mit  nicht geringerer Ostentation veröffentlicht als die Bul-
       letins über  die unblutigen  Erfolge im  Asowschen Meer. Bath und
       Kertsch! ist die Tagesparole. Was die Presse verschweigt, Reform-
       blätter wie  Antireformblätter, Ministerielle und Opposition, To-
       ries, Whigs  und Radikale,  sind die Niederlagen und Enttäuschun-
       gen, die die Administrativreform-Assoziation in den letzten Tagen
       erlebt, in London, in Birmingham und in Worcester. Allerdings er-
       eignete sich der Kampf diesmal nicht auf dem abgemessenen Terrain
       einer privilegierten Wahlkörperschaft. Noch waren seine Resultate
       geeignet, Triumphruf  auf Seite  der Gegner der Cityreformer her-
       vorzurufen.
       Das erste  wirklich  ö f f e n t l i c h e  Meeting (d.h. Meeting
       o h n e   Einlaßkarten), das  die Reform-Assoziation  zu   L o n-
       d o n  abhielt, fand vergangnen Mittwoch in Marylebone statt. Ge-
       gen die  Resolutionen der Cityreformer wurde von einem Chartisten
       das Amendement gestellt,
       
       "daß die  von  den  Citymen  vertretene  Geldaristokratie  ebenso
       schlecht sei wie die Grundaristokratie; daß sie unter dem Vorwand
       von Reformen  nur anstrebe,  auf den  Rücken des Volks in Downing
       Street zu klimmen, dort Ämter, Gehalte und Würden mit den Oligar-
       chen zu  teilen; daß die Charte mit ihren 5 Punkten [77] das ein-
       zige Programm der Volksbewegung sei".
       Der Vorsitzende  des Meetings,  einer von  den  City-Illuminaten,
       brachte eine  Reihe von  Bedenklichkeiten vor,  erst, ob er über-
       haupt das Amendement
       
       #267# Die Administrativreform-Assoziation - Die Charte
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       zur Abstimmung bringen, dann, ob er erst über die Resolution oder
       das Amendement  stimmen lassen,  schließlich   w i e   er stimmen
       lassen solle. Das Auditorium, müde seiner Unschlüssigkeiten, tak-
       tischen Erwägungen und mißliebigen Manöver, erklärte ihn unfähig,
       weiter zu  präsidieren, rief  Ernest Jones  statt seiner  auf den
       Chair 1*),  und stimmte  dann mit  ungeheurer Majorität gegen die
       Resolution und  für das  Amendement. Zu  Birmingham hatte die Ci-
       tyassoziation ein  öffentliches Meeting  in der  Stadthalle unter
       Vorsitz des  Mayor veranstaltet.  Gegen ihre Resolution wurde ein
       ähnliches Amendement  gestellt wie  in London.  Der Mayor verwei-
       gerte indes  definitiv, das Amendement zur Abstimmung zu bringen,
       falls nicht das Wort "Charte" durch ein minder anstößiges ersetzt
       werde. Oder  er werde  den  Präsidentenstuhl  verlassen.  An  die
       Stelle des Wortes "Charte" wurde daher substituiert: "Allgemeines
       Wahlrecht und Abstimmen durch Ballot". In dieser veränderten Fas-
       sung ging  das Amendement  durch mit einer Majorität von 10 Stim-
       men. Zu  Worcester, wo die Cityreformers ein öffentliches Meeting
       veranstaltet, war  der Sieg der Chartisten und die Niederlage der
       Administrativen noch  vollständiger. Die "Charte" wurde hier ohne
       weiteres proklamiert.
       Der höchst mißliche Erfolg dieser großen Meetings zu London, Bir-
       mingham und  Worcester hat die Administrativen bestimmt, in allen
       größeren und  volksreicheren Städten  Petitionen zur Unterschrift
       bei Gesinnungsverwandten zirkulieren zu lassen, statt der öffent-
       lichen Appelle  an die vox populi. Die vielseitige Verbindung der
       Citynotabilitäten mit den Handelsherren im Vereinigten Königreich
       und der  Einfluß dieser Herren über ihre Kommis, Warehousemen 2*)
       und "kleineren"  Handelsfreunde wird  sie zweifelsohne befähigen,
       ganz im  stillen hinter  dem Rücken der Welt diese Petitionen mit
       Namen zu  füllen und  sie dann an das "ehrenwerte Haus" zu senden
       mit der  Etikette:   S t i m m e    d e s    V o l k e s    v o n
       E n g l a n d.  Ihr Irrtum besteht nur darin, wann sie die Regie-
       rung einzuschüchtern  denken, mit  so zusammengebettelten, zusam-
       menintrigierten, zusammengeschlichenen  Unterschriften.  Die  Re-
       gierung hat  mit ironischer  Selbstgenugtuung  gesehen,  wie  die
       Administrativen vom  t h e a t r u m  m u n d i  3*) weggepfiffen
       worden sind.  Ihre Organe  schweigen einstweilen,  teils weil sie
       sonst die  Erfolge des Chartismus registrieren müßten, teils weil
       die regierende  Klasse sichbereits mit dem Gedanken trägt, an die
       Spitze der  "Administrativen" zu treten, sollte die Volksbewegung
       zudringlich werden.  Sie behalten  sich ein  "Mißverständnis" vor
       für den  Augenblick solcher Gefahr: das Mißverständnis, die Admi-
       nistrativen künftig  einmal als  die Wortführer der Massen zu be-
       trachten. Solche Mißverständnisse bilden
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       1*) Stuhl des Vorsitzenden - 2*) Magazinverwalter - 3*) Weltthea-
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       #268# Karl Marx
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       den Hauptwitz  der "historischen"  Entwicklung Englands, und nie-
       mand ist  vertrauter mit  ihrer Handhabung  als die  freisinnigen
       Whigs.
       Die  C h a r t e  ist ein sehr lakonisches Aktenstück und enthält
       außer  der   Forderung  des     a l l g e m e i n e n    W a h l-
       r e c h t s  nur folgende 5 Punkte, ebensoviel Bedingungen seiner
       Ausübung: 1.  Abstimmen durch  Bailot (Kugelung);  2.   k e i n e
       Eigentumsqualifikation für  Parlamentsmitglieder ; 3. Zahlung der
       Parlamentsmitglieder; 4.  jährliche Parlamente;  5. gleiche Wahl-
       bezirke. Nach  den Experimenten,  die  das    a l l g e m e i n e
       W a h l r e c h t   1848 in  Frankreich untergraben  [161],  sind
       Kontinentale leicht  geneigt, die  Wichtigkeit und  Bedeutung der
       englischen  C h a r t e  zu unterschätzen. Sie übersehen, daß die
       Gesellschaft in  Frankreich zu  zwei Dritteln aus Bauern und über
       ein Drittel  aus Städtern  besteht, während  in England  mehr als
       zwei Drittel  in den  Städten und weniger als ein Drittel auf dem
       Lande haust.  In England  müssen die  Resultate  des  allgemeinen
       Wahlrechts also in demselben  u m g e k e h r t e n  Verhältnisse
       zu seinen  Resultaten in  Frankreich stehen wie Stadt und Land in
       den  beiden   Reichen.  Hieraus   ist  erklärlich  der  diametral
       entgegengesetzte Charakter,  den die  Forderung  des  allgemeinen
       Wahlrechts in  Frankreich und England angenommen hat. Dort war es
       die Forderung  der politischen Ideologen, woran jeder "Gebildete"
       sich mehr  oder minder,  je nach seinen Überzeugungen, beteiligen
       konnte. Hier  bildet es  die breite Unterscheidungslinie zwischen
       Aristokratie und  Bourgeoisie auf  der einen und den Volksklassen
       auf der andern Seite. Dort gilt es als eine politische, hier gilt
       es als  eine soziale  Frage. In  England hat  die  Agitation  des
       allgemeinen Wahlrechts  eine geschichtliche  Entwickelung  durch-
       laufen, bevor  es zum  Schibboleth der Masse wurde. In Frankreich
       wurde es   e r s t   eingeführt  und begann   d a n n  seinen ge-
       schichtlichen Kursus.  In Frankreich  scheiterte die  Praxis,  in
       England die  Ideologie des  allgemeinen Wahlrechts. In den ersten
       Jahrzehnten dieses  Jahrhunderts, mit  Sir Francis  Burdett,  mit
       Major Cartwright,  mit Cobbett,  hatte das  allgemeine  Wahlrecht
       noch ganz  den unbestimmten  idealistischen Charakter, der es zum
       frommen Wunsche aller Teile der Bevölkerung machte, die nicht di-
       rekt zu den regierenden Klassen gehörten. Für die Bourgeoisie war
       es in  der Tat  nur ein  exzentrischer verallgemeinender Ausdruck
       für das,  was sie  in der  Parlamentsreform von 1831 erlangt hat;
       Nach 1838  hatte die Forderung des allgemeinen Wahlrechts in Eng-
       land nicht  ihren realen,  spezifischen Charakter angenommen. Be-
       weis: Hume  und O'Connell waren Mitunterzeichner der Charte. 1842
       verschwanden die  letzten Illusionen.  Lovett machte damals einen
       letzten, aber  vergeblichen Versuch, das allgemeine Wahlrecht als
       g e m e i n s a m e   Forderung der sogenannten Radikalen und der
       Volksmassen zu  formulieren.[162i Seit  diesem Momente  existiert
       kein Zweifel mehr über den
       
       #269# Die Charte
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       Sinn des  allgemeinen Wahlrechts.  Ebensowenig über seinen Namen.
       Es ist  die  C h a r t e  der Volksklassen und bedeutet Aneignung
       der politischen  Macht als Mittel zur Verwirklichung ihrer sozia-
       len Bedürfnisse. Das allgemeine Wahlrecht, in Frankreich 1848 als
       Losungswort allgemeiner  Verbrüderung, ist  in England  daher als
       Kriegsparole verstanden.  Dort war der nächste Inhalt der Revolu-
       tion das  allgemeine Wahlrecht;  hier ist  der nächste Inhalt des
       allgemeinen Wahlrechts  die Revolution.  Wenn man  die Geschichte
       des allgemeinen  Wahlrechts in  England durchläuft, wird man fin-
       den, daß es in demselben Maße seinen idealistischen Charakter ab-
       streift, wie  sich hier die moderne Gesellschaft mit ihren unend-
       lichen Gegensätzen  entwickelt, Gegensätze,  wie  sie  der  Fort-
       schritt der Industrie erzeugt.
       Neben den ganz- und halboffiziellen Parteien, wie neben den Char-
       tisten, macht  sich in  England noch eine Clique von "Weisen" be-
       merkbar, ebenso  unzufrieden mit der Regierung und den herrschen-
       den Klassen  wie mit  den Chartisten.  Was wollen die Chartisten?
       rufen sie  aus. Die  parlamentarische Allmacht erhöhen und erwei-
       tern, indem sie sie zur Volksmacht erheben. Sie brechen nicht den
       Parlamentarismus, sie  erheben ihn  zu einer  höhern Potenz.  Das
       Wahre ist,  das Repräsentativwesen zu brechen! Ein Weiser aus dem
       Morgenlande, David  Urquhart, steht  an der Spitze dieser Clique.
       David will zum Common Law (gemeinen Recht) von England zurückkeh-
       ren. Er  will das  Statute Law (das geschriebene Gesetz) in seine
       Grenzen zurückweisen. Er will lokalisieren, statt zu zentralisie-
       ren. Er  will "die  alten echten  Rechtsquellen  angelsächsischer
       Zeit" aus  dem Schutt  wieder hervorgraben.  Dann werden  sie von
       selbst springen und das umliegende Land bewässern und befruchten.
       Aber David ist wenigstens konsequent. David will auch die moderne
       Teilung der Arbeit und die Konzentration des Kapitals auf den al-
       ten angelsächsischen  oder noch  lieber orientalischen  Stand zu-
       rückführen. Geborner  Hochschotte,  adoptierter  Tscherkesse  und
       Türke aus  freier Wahl,  ist er fähig, die Zivilisation mit allen
       ihren Geschwüren  zu verurteilen  und von  Zeit zu Zeit selbst zu
       beurteilen. Aber  er ist nicht fade wie die Sublimen, die die mo-
       dernen Staatsformen  von der  modernen Gesellschaft  trennen, die
       von lokaler  Selbständigkeit fabeln,  zusammen mit  Konzentration
       der Kapitalien,  von individueller  Einzigkeit zusammen mit anti-
       individualisierender Teilung  der Arbeit. David ist ein rückwärts
       gewandter Prophet, antiquarisch verzückt im Hinblick von Alt-Eng-
       land. Er muß es daher in der Ordnung finden, daß Neu-England vor-
       übergeht und ihn stehenläßt, wie dringend überzeugt er auch rufen
       mag: "David Urquhart ist der einzige Mann, der euch retten kann!"
       So noch vor einigen Tagen auf einem Meeting in Stafford.

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