Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Friedrich Engels
Von der Krim [166]
["New-York Daily Tribune" Nr. 4424 vom 23. Juni 1855,
Leitartikel]
Die Post, die am Donnerstag in den späten Abendstunden mit der
"Asia" angekommen ist, machte es uns möglich, gestern General Pé-
lissiers Depesche über den am 22. Mai abends vor Sewastopol
stattgefundenen Kampf sowie einen authentischen Bericht zu veröf-
fentlichen über den Vormarsch der Alliierten nach dem Ort Tschor-
gun, der am 25. erreicht wurde. Etwa 25000 Mann unter Canrobert
überschritten die Tschornaja und besetzten, nachdem sie die rus-
sischen Vorposten aus ihren Stellungen von den Höhen, die un-
mittelbar über dem rechten Ufer hervorragen, vertrieben hatten,
die an diesem Flüßchen verlaufende Linie. Da die Russen nicht be-
absichtigten, hier eine Schlacht zu liefern, wichen sie natürlich
zurück, um alle ihre Streitkräfte auf der starken Linie zwischen
Inkerman und der östlich davon gelegenen Felsenkette zu konzen-
trieren. Durch diesen Vormarsch konnten die Alliierten den Umfang
des von ihnen besetzten Territoriums fast verdoppeln - wodurch
sie den Raum gewannen, den ihre verstärkten Streitkräfte dringend
benötigten - und sich den Weg öffnen in das Baidartal, was sich
als sehr nützlich erweisen mag. Der erste Schritt zur Wiederauf-
nahme der Feldoperationen war erfolgreich, und ihm müßten Aktio-
nen von größerer Bedeutung folgen.
Was das Gefecht vom 22. Mai anbetrifft, so war der Schauplatz des
Kampfes der Abschnitt zwischen der Quarantäne-Bucht und der Zen-
tralbastion, der Bastion Nr. 5 der Russen. Der Kampf war sehr
heftig und blutig. Wie wir jetzt aus Pélissiers Bericht erfahren,
haben die Russen den ganzen Raum von der Spitze der Quarantäne-
Bucht bis zum Friedhof und von da bis zur Zentralbastion mit de-
tachierten Werken und Schützengräben versehen, obwohl nach dem
von der britischen Admiralität herausgegebenen offiziellen Plan
der Befestigungsanlagen dieses wichtige Gelände völlig mit Tran-
cheen durchzogen
#275# Von der Krim
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ist. Doch stellt es sich jetzt heraus, daß, sobald die Flagstaff-
Bastion und die Zentralbastion ernsthaft bedroht und die sie ver-
teidigenden Außenwerke von den Franzosen erobert waren, die Rus-
sen dieses Stück Boden in ein einziges großes Befestigungswerk
verwandelt haben. In wenigen Nächten wurden lange Linien von mit-
einander verbundenen Brustwehren aufgeworfen, die das ganze Ge-
biet einschlössen, und so ein großer place d'armes oder Ver-
teidigungsraum geschaffen, in dem Truppen gefahrlos konzentriert
werden konnten, um jeder französischen Attacke in die Flanke zu
fallen oder sogar starke Ausfälle gegen die Flanken der vorge-
schobenen französischen Werke zu wagen. Pélissier kannte aus Er-
fahrung die Schnelligkeit, mit der die Russen solche Bauwerke
ausführen, und die Zähigkeit, mit der sie ihre einmal vollendeten
Befestigungen verteidigen. Er überfiel sie sofort. Am 22. Mai
abends wurde eine Attacke in zwei Kolonnen vorgetragen. Die linke
Kolonne setzte sich in den russischen Trancheen an der Spitze der
Quarantäne-Bucht fest und befestigte den eroberten Platz; auch
die rechte Kolonne gelangte in den Besitz der vorgeschobenen
Trancheen, war aber unter dem heftigen Feuer des Feindes nicht
imstande, sich festzusetzen, und mußte sich bei Tagesanbruch zu-
rückziehen. In der darauffolgenden Nacht wurde der Versuch mit
stärkeren Kolonnen wiederholt und ein voller Erfolg erzielt. Der
ganze befestigte Abschnitt wurde erobert und durch das Hinüber-
tragen der Schanzkörbe von der einen Seite des Laufgrabens nach
der anderen gegen die Russen gesichert. Wie es scheint, haben die
Franzosen in dieser Aktion mit der größten Tapferkeit gekämpft
und so etwas wie ein Wiedererwachen jener alten furia francese
1*) gezeigt, die sie in vergangenen Zeiten so berühmt machte,
obwohl man zugeben muß, daß die Behauptung des Generals
Pélissier, sie hätten gegen eine Übermacht ankämpfen müssen,
etwas nach Prahlerei aussieht.
Hinsichtlich der dritten Bombardierung der Stadt, die nach einer
Mitteilung, die wir aus Halifax erhalten haben, am 6. begonnen
haben soll und der am 7. die Erstürmung und Eroberung des Mamelon
und der Weißen Zitadelle 2*) folgte, enthält die Post, die die
"Asia" gebracht hat, keine neuen Nachrichten, und wir können un-
seren Bemerkungen vom vergangenen Mittwoch nichts hinzufügen. Je-
doch wurde uns bekannt, daß aus dem Heere Omer Paschas 25000 Mann
von Eupatoria nach dem Chersones transportiert wurden; offen-
sichtlich beabsichtigen die Alliierten Feldoperationen, da man,
wäre eine weitere Bombardierung und ein Sturm geplant, diese Tür-
ken besser in ihren früheren Stellungen gelassen hätte. Er
scheint aber auch, daß die alliierte Armee für einen Feldzug in
das Innere der Halbinsel sehr unzureichend
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1*) kriegerischen Ungestüms der Franzosen - 2*) die Redouten Se-
lenginsk und Wolhynsk
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mit Transportmitteln und Vorräten ausgerüstet ist. Es ist mög-
lich, daß Pélissier, in der Erwartung dieser Hindernisse, be-
schlossen hat, die Truppen zu beschäftigen, indem er die aktiven
Operationen zur Belagerung der Stadt nicht dazu erneuert, um
jetzt tatsächlich Sewastopol zu stürmen, sondern um die
M o r a l der Soldaten aufrechtzuerhalten.
Nach dem Verhalten Pélissiers seit der Übernahme des Kommandos
scheint es sicher zu sein, daß er entschlossen ist, sich aus-
schließlich von seinem eigenen Urteil leiten zu lassen und von
all den Plänen und Projekten keine Notiz zu nehmen, die Louis Bo-
napartes Phantasie ausbrüten möchte. In Paris scheint jetzt das
Plänemachen für Krimfeldzüge eine moderne Beschäftigung zu sein.
Sogar der alte Marschall Vaillant hat einen oder zwei Pläne ge-
schickt, aber Pélissier telegraphierte sofort, wenn Vaillant
seine Pläne für so gut halte, so solle er doch lieber nach der
Krim kommen und sie selber ausführen. Wie dieser energische, aber
starrköpfige und brutale Kommandeur vorgehen wird, werden wir
sehr bald sehen. Jedenfalls wird er im alliierten Lager sehr bald
ein schönes Gezänk hervorrufen, wenn es wahr ist, was wir ange-
deutet sehen, daß er den britischen, türkischen und sardinischen
Stabschefs "Befehle" geschickt hat, ohne sich auch nur die Mühe
zu machen, die betreffenden Kommandeure von ihrem Inhalt zu in-
formieren. Denn bisher wurde nicht ein einzelner General, sondern
der aus allen Befehlshabern bestehende Kriegsrat als oberste
Macht betrachtet. Stellen Sie sich den alten Feldmarschall Lord
Raglan unter dem Kommando eines einfachen französischen General-
leutnants vor!
In der Zwischenzeit sind die Russen nicht müßig. Die "abwartende"
Position, in die Österreich zurückgefallen ist, und die Ankunft
von Reserven und neuen Aushebungen aus dem Inneren des Landes ha-
ben Rußland die Möglichkeit gegeben, neue Truppen nach der Krim
zu senden. Außer mehreren Kavalleriedivisionen befinden sich be-
reits das 3., 4., 5. und 6. Infanteriekorps dort. Jetzt ist das
2. Infanteriekorps, das schon vor sechs Wochen auf der Krim gewe-
sen sein soll, wirklich aus Wolhynien nach dem Kriegsschauplatz
abgegangen, gefolgt von der dem Grenadierkorps beigegebenen 7.
leichten Kavalleriedivision. Das ist ein ziemlich sicheres Zei-
chen dafür, daß die Infanterie und Artillerie des Grenadierkorps
die nächsten sein werden, die nach der Krim marschieren; und in
der Tat, sie sind bereits auf dem Wege nach Wolhynien und Podo-
lien, um dort das 2. Korps zu ersetzen. Mit diesem 2. Korps, das
unter dem Befehl des Generals Panjutin steht, der in Ungarn die
russische Division befehligte, die der Armee Haynaus beigegeben
war, werden außer Artillerie und leichter Infanterie 49 Infante-
riebataillone auf die Krim gebracht werden - insgesamt etwa
50 000-60 000 Mann -, denn zweifelsohne
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ohne ist dieses Korps, das noch nicht eingesetzt war, auf volle
Kriegsstärke gebracht worden. Die Truppenteile des 2.Korps werden
nacheinander vom 15. Juni bis zum 15. Juli auf dem Kriegsschau-
platz ankommen, in einer Zeit, in der sehr wahrscheinlich ent-
scheidende Operationen durchgeführt werden, und sie können somit
in der bevorstehenden Krimkampagne eine sehr wichtige Rolle spie-
len.
Der Monat Juni muß irgendeine Entscheidung in diesem Krimkrieg
bringen. Ehe der Juni oder höchstens der Juli vergangen ist, wird
entweder die russische Feldarmee die Krim verlassen haben, oder
die Alliierten werden gezwungen sein, ihren eigenen Rückzug vor-
zubereiten.
Geschrieben um den 8. Juni 1855.
Aus dem Englischen.
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