Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Friedrich Engels
Zur Kritik der Vorgänge in der Krim
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 265 vom 11. Juni 1855]
London, 8. Juni. Die Ankunft von drei französischen Reservedivi-
sionen zu den zwei sardinischen Divisionen machte es den Alliier-
ten unmöglich, sich länger in die engen Grenzen des Herakleati-
schen Chersones festzubannen. Am 25. Mai, kurz nach Übernahme des
Kommandos durch General Pélissier, sandten sie daher 20 000-
25 000 Mann nach der Tschornaja, besetzten die Linie dieses Flus-
ses und verjagten die russischen Vorposten von ihren Positionen
auf den Höhen, die das rechte Ufer des Flusses überhangen. Man
wird sich erinnern, daß wir vor länger als einem Monat darauf
hinwiesen 1*), daß diese vorgeschobenste Verteidigungslinie der
Russen nicht ihr wahres Schlachtfeld sei und daß sie daher, statt
diesen Grund zu behaupten und eine Schlacht auf dieser Linie an-
zunehmen, ihn wahrscheinlich beim ersten ernsthaften Angriff auf-
geben würden, um alle ihre Kräfte zu konzentrieren auf der star-
ken Linie zwischen Inkerman und der Hügelreihe im Osten dieses
Platzes. Dies ist nun geschehen. Durch dies Vorrücken haben die
Alliierten die Ausdehnung des von ihnen besetzten Areals beinahe
verdoppelt und sich ein Tor zum reichen Tal von Baidar eröffnet,
was sehr nützlich für die Folge werden kann. Indes ist bisher der
erlangte Vorteil nicht rasch und tätig verfolgt worden. Nach der
ersten Bewegung trat sofort wieder Stockung ein. Mangel an Trans-
portmitteln mag hierzu gezwungen haben. Uneinigkeit zwischen al-
liierten Heerführern wird als eine Ursache angeführt. Das am 6.
Juni wieder eröffnete Bombardement von Sewastopol, das Bombarde-
ment Nr. 3, erregt den Verdacht, als sei bezweckt, nach einer
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1*) Siehe vorl. Band, S. 215/216
#279# Zur Kritik der Vorgänge in der Krim
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Episode wieder zum alten Schlendrian zurückzukehren. Doch mag das
Bombardement mit Feldoperationen kombiniert sein. Eine notwendige
Maßregel (vgl. Nr. 241 der N.O-Z. 1*)) ist jedenfalls endlich er-
griffen worden - der Transport einiger 20000 Türken unter Omer
Paschas persönlichem Kommando von Eupatoria nach dem Chersones.
Die alliierte Armee ist so zu vollen 200000 Mann angeschwellt.
Mit solcher Streitkraft können die aktiven Operationen sicher be-
gonnen werden, sobald die Organisation der Zufuhren und Trans-
portmittel das Feld zu ergreifen erlaubt. Hier aber scheinen
große Schwierigkeiten zu überwinden.
Die zweite Affäre, die in der Geschichte der Hauptarmee zu erwäh-
nen, ist der Kampf zwischen der Quarantäne-Bai und der Zentralba-
stion (Nr. 5 der Russen). Er war hartnäckig und blutig. Die Rus-
sen, wie wir jetzt aus General Pélissiers Bericht sehen, hielten
allen Grund und Boden von dem Kopfe der Quarantäne-Bai bis zum
Kirchhof und von da bis zur Zentralbastion vermittelst detachier-
ter Werke und Schützengruben, obgleich selbst der offizielle bri-
tische Admiralitätsplan der Belagerungswerke über diesen ganzen
wichtigen Raum hin französische Befestigungswerke hinphantasiert.
Sobald die Flagstaff-und Zentralbastionen ernsthaft bedroht und
die sie beschützenden Außenwerke von den Franzosen genommen wa-
ren, verwandelten die Russen diese weitläufige Strecke in ein
einziges großes Werk. In einigen Nächten wurden lange Linien mit-
einander verbunden, Brustwerke aufgeworfen, die den ganzen Grund
einschlössen und so einen geräumigen place d'armes bilden soll-
ten, d.h. einen beschützten Platz, wo die Truppen in Sicherheit
konzentriert werden konnten, um auf den Flügeln irgendeiner fran-
zösischen Attacke zu agieren oder auch starke Ausfälle auf die
Flanken der vorgeschobenen französischen Werke zu unternehmen.
Pélissier, um den Russen nicht Zeit zu lassen, ihren Plan auszu-
führen, beschloß, sofort über sie herzufallen, während ihre Erd-
arbeiten noch nicht vollendet. Am Abend des 22. Mai wurde ein An-
griff in zwei Kolonnen gemacht. Die linke Kolonne etablierte sich
in den russischen Laufgräben am Kopfe der Quarantäne-Bai und be-
wirkte hier eine Logierung; die rechte Kolonne bemächtigte sich
auch der vorgeschobenen Laufgräben, mußte aber vor dem heftigen
Feuer des Feindes sich bei Tagesanbruch wieder zurückziehen. Am
folgenden Abend wurde der Versuch erneut mit stärkeren Kolonnen
und vollständigem Erfolg. Das ganze Werk wurde weggenommen und
gegen die Russen gekehrt durch Übersiedelung der Schanzkörbe von
der einen Seite des Laufgrabens nach der entgegengesetzten. In
dieser Aktion scheinen die Franzosen wieder mit der
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1*) Siehe vorl. Band, S. 242
#280# Friedrich Engels
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bekannten furia francese 1*) gefochten zu haben, obgleich zu ge-
stehen, daß die Art, wie Pélissier die zu überwindenden Schwie-
rigkeiten schildert, nicht ohne Anflug von Marktschreierei ist.
Die Expedition nach dem Asowschen Meere ist bekanntlich mit dem
vollständigsten Erfolg gekrönt worden. Eine Flottille, zumeist
bestehend aus den leichten Kriegsdampfschiffen beider Flotten,
bemannt mit 15000 britischen, französischen und türkischen Solda-
ten, ergriff, ohne Widerstand zu finden, Besitz von Kertsch, Je-
nikale und der Seestraße, die in das Asowsche Meer führt. In die-
sen Binnensee vordringend, erschienen die Dampfschiffe vor Berd-
jansk, Genitschesk und Arabat und zerstörten oder zwangen die
Russen zu zerstören große Vorräte von Getreide und Munition, eine
Anzahl von Dampfschiffen und nahe an 200 Transportschiffe. Es
glückte ihnen, bei Kertsch Gortschakows Briefe an den Kommandeur
dieses Platzes aufzufangen. Der russische Oberfeldherr klagt über
Mangel an Provisionen in Sewastopol und dringt auf rasche Sendung
frischer Zufuhren. Es zeigt sich nun, daß der Asowsche See wäh-
rend dieses ganzen Feldzuges der Hauptkanal war, auf welchem die
Russen in der Krim ihre Vorräte erhielten, und daß 500
S e g e l s c h i f f e zu ihrem Transport verwandt wurden. Da
die Alliierten bisher nur 200 Segelschiffe gefunden und zerstört
haben, müssen die 300 übrigen sich höher oben bei Taganrog oder
Asow befinden. Eine Schwadron von Dampfern ist daher nach ihnen
ausgeschickt worden. Der Erfolg der Alliierten ist um so wichti-
ger, als er die Russen zwingt, alle Vorräte auf langsamer und un-
sicherer Landfuhre über Perekop zu schicken oder über das Innere
des Faulen Sees, und ihre Hauptniederlagen bei Cherson oder Be-
rislaw am Dnepr zu bilden, in Positionen, bei weitem ausgesetzter
als die am Kopfe des Asowschen Meeres. Der beinahe widerstands-
lose Erfolg dieser Expedition ist der größte Vorwurf für die
Kriegführung der Alliierten. Wenn solche Resultate jetzt zu er-
reichen in 4 Tagen, warum wurde die Expedition nicht im September
oder Oktober des vergangenen Jahres entsendet, zu einer Zeit, wo
ähnliche Unterbrechungen der russischen Verbindungslinie den
Rückzug ihrer Armee von der Krim und die Übergabe Sewastopols
herbeiführen konnten?
Die Landtruppen, die diese Expedition begleiten, sind bestimmt,
die Dampfer im Notfalle zu beschützen, die weggenommenen Plätze
mit Garnisonen zu versehen und gegen die russischen Kommunikatio-
nen zu agieren. Ihr Hauptkorps scheint bestimmt, im Feld zu han-
deln als bloßes fliegendes Korps, ausfallend, wenn immer Gelegen-
heit ist, einen raschen Schlag zu
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1*) kriegerischen Ungestüm der Franzosen
#281# Zur Kritik der Vorgänge in der Krim
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führen, in seine Verschanzungen retirierend, unter den Schutz der
Schiffskanonen, und selbst sich wieder einschiffend im schlimm-
sten Fall, wenn von einer weit überlegenen feindlichen Streit-
kraft bedroht. Wenn dies sein Zweck, so kann es wichtige Dienste
leisten, und 15000 Mann sind nicht zu viel für solchen Dienst.
Ist es dagegen bestimmt, als selbständiges Korps mit eigner Ope-
rationsbasis zu handeln, eine ernsthafte Flankenbewegung gegen
die Russen zu unternehmen und zu versuchen, ernsthaft das Innere
der Krim zu bedrohen, so sind 15 000 Mann, geschwächt durch Deta-
chements, für solche Operation viel zu wenig und laufen große Ge-
fahr abgeschnitten, von überlegenen Streitkräften umringt und
vernichtet zu werden. Gegenwärtig wissen wir nur, daß sie bei
Kertsch gelandet und damit beschäftigt, es nach der Landseite hin
in Verteidigungszustand zu setzen. Nachdem die Russen Sudschuk
Kaie freiwillig geräumt, bleibt Anapa die einzige Festung in ih-
ren Händen an der zirkassischen Küste. Es ist von Natur ein sehr
starker Platz und jetzt außerdem gut befestigt. Wir zweifeln, daß
die Alliierten für diesen Augenblick einen Angriff darauf unter-
nehmen. Sollten sie es tun, so begehen sie einen großen Fehler,
wenn nicht schleunigen Erfolgs gewiß. Sie würden Truppen zer-
streuen, die der größten Konzentration bedürfen, und Kräfte an
neuen Angriffsgegenständen verschwenden, bevor die alten gesi-
chert.
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