Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Karl Marx
Zur Ministerkrise
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 59 vom 5. Februar 1855]
London, 2. Februar. Gestern abend vertagte sich das Unterhaus
wieder, nachdem Palmerston die formelle Anzeige, von der Resigna-
tion des Ministeriums gemacht.
Im Oberhause hielt Aberdeen die Leichenrede des "Kabinetts aller
Talente". Er habe sich dem Antrage Roebucks widersetzt, nicht
weil seine Administration die Untersuchung scheue, sondern weil
der Antrag die Konstitution verletze. Aberdeen vermeidet jedoch,
dies historisch zu illustrieren in der Art seines Freundes Sidney
Herbert, der das Unterhaus fragte, ob es gesonnen, das französi-
sche Direktorium (gestiftet 1795) nachzuahmen, das Kommissäre
ausgesandt habe, um Dumouriez zu arretieren - Kommissäre, die be-
kanntlich 1793 von Dumouriez an Österreich ausgeliefert wurden
[34]. Solche Gelehrsamkeit vermeidet der schottische Than. Sein
Kabinett, versichert er, könne nur gewinnen durch ein Unter-
suchungskomitee. Er geht weiter. Er antizipiert das Resultat der
Untersuchung in einem Panegyrikus seiner selbst und seiner Kolle-
gen, erst des Kriegsministers, dann des Schatzkanzlers, dann des
Marineministers, endlich des Ministers der auswärtigen Angelegen-
heiten. Jeder an seinem Posten sei groß gewesen - ein Talent. Was
Englands militärische Position betreffe, so sei die Lage der
Krimarmee zwar verdrießlich, aber Bonaparte habe Europa erzählt,
daß die französische Armee aus 581 000 Mann bestehe; er habe zu-
dem eine neue Aushebung von 140 000 Mann verfügt. Sardinien habe
dem Lord Raglan 15 000 treffliche Truppen zur Disposition ge-
stellt. Sollten die Friedensunterhandlungen in Wien sich zer-
schlagen, so sei ihnen der Beistand einer großen Militärmacht mit
einer Armee von 500 000 Mann gesichert.
Der schottische Than leidet jedenfalls nicht an demselben Fehler
wie der große Ökonom und Geschichtsschreiber Sismondi, der mit
einem Auge, wie
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er selbst erzählt, alles schwarz sah. Aberdeen sieht mit beiden
Augen rosenfarben. So entdeckt er in diesem Augenblicke in allen
Distrikten von England blühenden Wohlstand, während Handelsleute,
Fabrikanten und Arbeiter an einer großen Handelskrise zu leiden
vorschützen. Von dem attischen Salz, das schon Lord Byron am
schottischen Than rühmte [35], schüttet er folgendes Quantum auf
seinen Antagonisten, Lord Derby:
"Meine Lords! Was das Land jetzt erheischt, ist eine starke Admi-
nistration. Wie diese zu bilden, sei nicht an ihm, zu sagen. Das
öffentliche Gerücht habe zuversichtlich behauptet, Lord Derby
habe von Ihrer Majestät Befehl erhalten, die Bildung einer Admi-
nistration zu unternehmen. Da er ihn indes auf seinem Platze
sehe, so vermute er, daß dies nicht der Fall sei und das öffent-
liche Gerücht irre."
Um die attische Feinheit dieser Erklärung zu verstehen, ist es
nötig, Lord Derbys Antwort gegenüberzustellen:
"Der edle Graf Aberdeen unterschätze die Quelle, von wo er seine
Nachricht herleite. Nicht das öffentliche Gerücht, sondern er
selbst" (Derby) "habe, bevor er sich zum Hause der Lords begeben,
Aberdeen persönlich unterrichtet über den Ruf, den er von der Kö-
nigin erhalten. Das öffentliche Gerücht, das den edlen Grafen zum
Glauben verleitet, es sei möglich, daß er" (Derby) "eine Zusam-
menkunft mit Ihrer Majestät gehabt, sei daher eine Redeformel,
vom edlen Grafen gebraucht von wegen seiner gewöhnlichen Ängst-
lichkeit, sich vor Übertreibung zu wahren und jeden Teil seines
Rechtshandels unparteiisch darzulegen."
Bei dieser Gelegenheit erklärt Derby denn auch, daß der augen-
blickliche Stand der Parteien und die gegenwärtige Lage des
Hauses der Gemeinen ihm nicht erlaubt hätten, die Bildung eines
Ministeriums zu übernehmen.
Für das Auditorium des Oberhauses und die edlen Pairs selbst
verdrängten die Erklärungen des Kriegsministers, des Herzogs von
Newcastle, und das Gemälde, das er vom Innern der "einträchtigen
Familie" entwarf, nicht nur das Interesse an der Krimarmee, son-
dern selbst das an der ministeriellen Krise. Die Auseinanderset-
zung Lord John Russells im Unterhause zwänge ihn - sagt der Her-
zog von Newcastle -, sich über seine persönliche Stellung im ge-
stürzten Kabinett auszusprechen. Russells Geschichtserzählung sei
weder vollständig noch treu gewesen. Er habe insinuiert, als ob
er bei der Trennung des Kriegs- vom Kolonialministerium nur dem
"heftigen Wunsche" Newcastles widerstrebend nachgegeben, als er
in die Übertragung des Kriegsministeriums auf den Herzog einwil-
ligte. Als diese Trennung im Ministerrate beschlossen worden,
habe er (Newcastle) vielmehr erklärt: "Was ihn persönlich be-
treffe, sei er durchaus bereit, irgendeines oder keines der bei-
den Departements zu übernehmen." Er erinnere sich nicht, daß Rus-
sell
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je den Wunsch ausgesprochen, Lord Palmerston das Kriegsministe-
rium zu übertragen, wohl aber, daß Russell selbst es einmal über-
nehmen wollte. Er (Newcastle) habe nie daran gedacht, ihm hier im
Wege zu stehen. Er habe das Kriegsministerium übernommen mit dem
vollen Bewußtsein, daß im Falle des Gelingens ihm nicht das Ver-
dienst zugeschrieben, im Falle des Mißlingens aller Tadel auf ihn
gewälzt werden würde. Er habe es aber für seine Pflicht gehalten,
von diesem undankbaren Posten der Gefahr und der Schwierigkeiten
nicht zu desertieren. Das sei, was einige seine "Arroganz", was
Lord Russell in vornehm protektierender Weise seinen "löblichen
Ehrgeiz" genannt. Lord Russell habe absichtlich dem Hause der Ge-
meinen folgende Stelle aus einem Briefe Aberdeens an den edlen
Lord vorenthalten:
" Ich habe Ihren Brief dem Herzog v[on] Newcastle und Sidney Her-
bert mitgeteilt. Beide, wie zu erwarten, drangen lebhaft in mich,
solche Anordnungen in bezug auf ihre Posten zu treffen, wie sie
am nützlichsten für den öffentlichen Dienst geglaubt würden."
Er (Newcastle) habe bei der Gelegenheit dem Grafen Aberdeen noch
mündlich erklärt:
"Geben Sie dem Lord Russell keinen Vorwand, aus dem Kabinett aus-
zutreten. Widerstehen Sie ja nicht seinem Wunsche, mich vom Amte
zu entfernen. Verfahren Sie mit mir, wie es das Beste des öffent-
lichen Dienstes erheischt."
Lord John Russell habe im Hause der Gemeinen geheimnisvoll auf
die Irrtümer hingewiesen, die er an Aberdeen schriftlich denun-
ziert habe. Er habe sich wohl gehütet, die betreffenden Stellen
zu verlesen. Die erste betreffe die Nichtabsendung des 97. Regi-
ments von Athen nach der Krim, aber der Minister des Auswärtigen
hätte die Entblößung Athens von englischen Truppen für unzulässig
und gefährlich erklärt. Was seinen zweiten Irrtum betreffe, die
Unterlassung einer Sendung von 3000 Rekruten, so habe Lord Raglan
protestiert gegen die weitere Zufuhr so junger und undiszipli-
nierter Soldaten. Außerdem habe es damals durchaus an Transport-
dampfern gefehlt. Diese zwei angeblichen Irrtümer - das sei al-
les, was Russell ausgeheckt, der mit seinen Kollegen sich in Ba-
deplätzen erholt, während er (Newcastle) während des ganzen Jah-
res 1854 auf seinem Posten ausgehalten und geschanzt habe. Übri-
gens habe Russell ihm selbst am 8. Oktober in bezug auf die
"Irrtümer" schließlich geschrieben: "Sie haben alles getan, was
zu tun möglich war, und ich hege sanguinische Erwartungen vom Er-
folge."
Aberdeen habe übrigens dem gesamten Kabinettsrat Russells Vor-
schlag wegen der Personal V e r ä n d e r u n g e n vorgelegt.
Er sei einstimmig verworfen worden. Am 13.Dezember habe er
(Newcastle) im Hause der Lords seine
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Verwaltung in ausführlicher Rede verteidigt; am 16. Dezember habe
Russell dem Aberdeen erklärt, daß er seine Ansichten geändert und
seinen Wunsch bezüglich des Stellenwechsels aufgegeben habe. Maß-
regeln und Vorschläge zur Reform der Kriegsadministration habe
Russell nie gemacht, mit zwei Ausnahmen. Drei Tage vor seiner Re-
signation und Roebucks Antrage fand Kabinettsrat statt. Russell
schlägt vor, den Versammlungen der Chefs aller militärischen De-
partements, die seit einiger Zeit im Büro des Ministers f ü r
den Krieg stattfanden, einen formellen und offiziellen Charakter
zu geben. Russells Vorschlag wurde angenommen. Kurz darauf sandte
Russell einen schriftlichen Antrag ein, der außer der schon im
Kabinettsrat bewilligten Neuerung nur zwei Vorschläge enthielt:
1. Ein oberstes Büro zu stiften, mit dem Minister für den Krieg
an der Spitze, das das Ordonnanzbüro absorbieren und die ganze
Zivilverwaltung der Armee kontrollieren solle; 2. zwei höhere Of-
fiziere, außer den bisherigen Chefs der Kriegsdepartements, zu
diesem obersten Büro hinzuzuziehen. Russell erklärte im Unter-
hause, er habe allen Grund gehabt zu glauben, daß seine
"schriftlichen Vorschläge" verworfen würden. Dies war falsch.
Vorschlag Nr. 1 wurde von Newcastle angenommen; Vorschlag Nr. 2
wurde zurückgewiesen, unter anderem, weil der "Generalkommissär",
den Russell zuziehen wollte, schon seit Jahren eine mythische
Person ist, nicht mehr in der englischen Armee existiert. So habe
Russell nie einen Vorschlag gemacht, der nicht angenommen worden
sei. Übrigens habe er (Newcastle) dem Grafen Aberdeen schon am
23.Januar erklärt, daß, wie immer das Parlament entscheiden möge,
für oder gegen das Ministerium, er aus dem Ministerium austreten
werde. Nur wollte er nicht den Schein haben, auszureißen, bevor
das Parlament sein Urteil gefällt.
Lord John Russell, dessen ganzes Leben, wie der alte Cobbett
sagt, nur eine Reihe von "falschen Vorwänden zum Leben" war, ist,
wie Newcastles Rede zeigt, nun auch auf falsche Vorwände hin ver-
storben.
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