Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Friedrich Engels
Napoleons Kriegspläne
["New-York Daily Tribune" Nr. 4431 vom 2. Juli 1855, Leitartikel]
Die französische Regierung hat es wiederum für richtig befunden,
in den Spalten des Pariser "Constitutionnel" [170] der Weltöf-
fentlichkeit eine weitere Andeutung zu geben über die Art, wie
der Krieg in den nächsten Monaten fortgeführt werden soll. Diese
Exposés werden jetzt nicht nur modern, sondern auch periodisch;
und obwohl sie einander widersprechen, geben sie dennoch eine
ziemlich gute Vorstellung von den günstigen Möglichkeiten, die im
gegebenen Moment der französischen Regierung offenstehen. Alles
in allem bilden sie eine Sammlung aller möglichen Feldzugspläne
Louis Bonapartes gegen Rußland. Als solche verdienen sie einige
Aufmerksamkeit, weil mit ihnen das Schicksal des Zweiten Kaiser-
reiches und die Möglichkeit einer nationalen Wiedergeburt
Frankreichs verbunden ist.
Es scheint also, daß es mit 500 000 Österreichern und 100 000
Franzosen an der Weichsel und am Dnepr keinen "grande guerre" 1*)
geben soll und auch keine allgemeine Erhebung jener "unter-
drückten Minderheiten", die ständig nach dem Westen schauen.
Ungarische, italienische und polnische Armeen erscheinen nicht
auf den Zauberruf des Mannes, der die Römische Republik [171] zu
Fall gebracht hatte. Das alles gehört der Vergangenheit an.
Österreich hat gegenüber dem Westen seine Pflicht getan. Auch
Preußen. Auch die ganze Welt. Jeder ist mit jedem zufrieden. Die-
ser Krieg ist alles andere als ein großer Krieg. Er ist nicht be-
stimmt, die Glorie der alten Kämpfe der Franzosen gegen die Rus-
sen zu erneuern, obwohl das gerade Pélissier in einer seiner De-
peschen beiläufig sagt. Die französischen Truppen werden nicht
nach der Krim geschickt, um höchsten Siegesruhm einzuheimsen, sie
sind
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1*) "großen Krieg"
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einfach dort, um Polizeidienste zu tun. Die Frage, die eine Ent-
scheidung erheischt, ist von einer rein lokalen Bedeutung: die
Suprematie über das Schwarze Meer - und sie wird gerade in dem
betreffenden Raum gelöst werden. Es wäre töricht, dem Krieg ir-
gendwelche größeren Dimensionen zu geben. "Ehrerbietig, aber be-
stimmt" werden die Alliierten jeden Versuch der Russen, auf dem
Schwarzen Meer und an seinen Küsten Widerstand zu leisten, nie-
derschlagen; und wenn das geschehen ist - ja, dann werden sie
oder Rußland oder alle beide selbstverständlich Frieden schlie-
ßen.
Somit ist wieder eine der bonapartistischen Selbsttäuschungen
zerstört worden. Die Träume vom Rhein als der Grenze Frankreichs,
von der Erwerbung Belgiens und Savoyens sind verflogen, und eine
nüchterne Bescheidenheit von ungewöhnlichem Ausmaß ist an ihre
Stelle getreten. Wir kämpfen nicht darum, Frankreich wieder in
die Stellung einzusetzen, die ihm in Europa zukommt. Weit davon
entfernt. Wir kämpfen nicht einmal für Zivilisation, wie wir noch
vor kurzem zu sagen pflegten. Wir sind zu bescheiden, um etwas
von solcher Größe anzustreben. Wir kämpfen um - nun ja, wir kämp-
fen um nichts weiter als die Auslegung des dritten Punktes des
Wiener Protokolls! Dieser Sprache bedient sich jetzt Seine Kai-
serliche Majestät Napoleon III., durch die Huld des Heeres und
dank der Toleranz Europas Kaiser der Franzosen.
Und worauf läuft dies alles hinaus? Man sagt uns, der Krieg würde
zwecks Lösung einer Frage von rein lokaler Bedeutung geführt und
könnte durch rein lokale Mittel zu einem erfolgreichen Abschluß
gebracht werden. Nehmt Rußland die tatsächliche Suprematie über
das Schwarze Meer, und das Ziel wird erreicht sein. Seid ihr ein-
mal der Beherrscher des Schwarzen Meeres und seiner Küsten, hal-
tet fest, was ihr erobert habt, und Rußland wird sehr bald nach-
geben. Das ist der letzte von all den vielen vom Hauptquartier in
Paris entworfenen Feldzugsplänen. Wir gehen dazu über, ihn ein
wenig näher zu betrachten.
Wir wollen die Dinge so nehmen, wie sie zur Zeit stehen. Die
ganze Küste von Konstantinopel bis zur Donau auf der einen Seite
und rund um die tscherkessische Küste, Anapa, Kertsch, Balaklawa
bis Eupatoria auf der anderen Seite, ist den Russen entrissen
worden. Kaffa und Sewastopol sind die einzigen Punkte, die sich
noch behaupten; der eine schwer bedrängt, der andere so gelegen,
daß er aufgegeben werden muß, sobald er ernsthaft bedroht wird.
Das ist noch nicht alles: Die alliierten Flotten durchfurchen das
Asowsche Meer; ihre leichten Schiffe sind bis nach Taganrog ge-
kommen und haben jeden bedeutenden Ort angegriffen. Von keinem
Teil der Küste kann man sagen, daß er in den Händen der Russen
verbleibt, ausgenommen
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der Landstrich vom Perekop bis zur Donau oder ungefähr der fünf-
zehnte Teil ihrer Besitzungen an dieser Küste. Nun wollen wir so-
gar annehmen, daß Kaffa und Sewastopol gefallen sind und sich die
Krim in den Händen der Alliierten befindet. Was dann? Daß Rußland
in dieser Situation keinen Frieden schließen wird, hat es bereits
laut verkündet. Es wäre wahnsinnig, wenn es das täte. Es hieße
die Schlacht aufgeben, nachdem ihre Avantgarde genau in dem Mo-
ment zurückgeworfen wurde, da ihre Hauptkräfte herankommen. Was
können die Alliierten also tun, nachdem sie sich um einen unge-
heuren Preis diese Vorteile gesichert haben?
Sie können, sagt man uns, Odessa, Cherson, Nikolajew zerstören;
sie können sogar eine große Armee in Odessa landen, sich dort so
befestigen, daß sie sich gegen jede beliebige Anzahl Russen be-
haupten können, um dann entsprechend den Umständen zu handeln.
Ferner können sie Truppen nach dem Kaukasus detachieren und fast
die ganze russische Armee vernichten, die unter General Murawjow
Georgien und die anderen transkaukasischen Länder verteidigt.
Nehmen wir an, alle diese Dinge werden vollbracht; und wiederum
fragen wir, was soll werden, wenn Rußland auch danach sich wei-
gert, was es bestimmt tun wird, unter diesen Umständen Frieden zu
schließen? Man darf nicht vergessen, daß Rußland sich nicht in
der gleichen Lage befindet wie Frankreich oder England. England
kann es sich leisten, einen schäbigen Frieden zu schließen. In
der Tat, sobald John Bull der Aufregungen und der Kriegssteuern
überdrüssig ist, wird er nur darauf aus sein, aus dieser Klemme
herauszukriechen und seine teuren Alliierten sich selbst zu über-
lassen. Englands wirkliche Macht und Kraftquelle liegen nicht ge-
rade in dieser Richtung. Auch Louis Bonaparte mag sich in einer
Lage befinden, wo er einen ruhmlosen Frieden einem Krieg bis aufs
Messer vorziehen dürfte. Denn man darf nicht vergessen, daß in
einer hoffnungslosen Sache bei solch einem Abenteurer die Chance,
seine Herrschaft um weitere sechs Monate zu verlängern, jede an-
dere Rücksicht überwiegt. Es ist sicher, daß im entscheidenden
Moment die Türkei und Sardinien mit ihren eigenen kläglichen Res-
sourcen sich selber überlassen sind. Soviel wenigstens ist gewiß.
Jedoch k a n n Rußland, ähnlich wie das alte Rom, feinen Frie-
den schließen, solange sich der Feind auf seinem Territorium be-
findet. Rußland hat in den vergangenen hundertfünfzig Jahren nie-
mals Frieden geschlossen, bei dem es Land verlor. Sogar Tilsit
vergrößerte sein Gebiet, und der Friede von Tilsit [172] wurde
geschlossen, noch bevor auch nur ein einziger Franzose seinen Fuß
auf russischen Boden gesetzt hatte. Frieden zu schließen, während
eine große Armee auf russischem Boden vordringt, einen Frieden,
der einen Gebietsverlust mit sich bringt oder zumindest eine Be-
schränkung der
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Souveränität des Zaren in seinem eigenen Herrschaftsbereich,
würde zugleich den Bruch mit einer hundertfünfzigjährigen Tradi-
tion bedeuten. Einen solchen Schritt kann man nicht von einem Za-
ren erwarten, der neu auf dem Thron und neu für das Volk ist und
dessen Handlungen von einer mächtigennationalen Partei besorgt
bewacht werden. Ein solcher Frieden könnte nicht geschlossen wer-
den, bevor nicht alle Offensiv- und (vor allem) D e f e n s i v-
kräfte Rußlands eingesetzt und zu leicht befunden worden sind.
Dieser Tag wird ohne Zweifel kommen, und Rußland wird genötigt
sein, sich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern; aber das
wird durch andere Feinde als Louis Bonaparte und Palmerston
geschehen und im Ergebnis weit entscheidenderer Kämpfe als der
"lokalen" Exekution, die in seinen Schwarzmeer-Besitzungen
betrieben wird. Doch nehmen wir an, die Krim sei erobert und von
50 000 Alliierten besetzt, der Kaukasus und alles, was weiter
südlich liegt, von russischen Truppen gesäubert, eine alliierte
Armee halte die Russen am Kuban und am Terek in Schach, Odessa
sei genommen und in ein befestigtes Lager verwandelt, in dem sich
- sagen wir - 100 000 englisch-französische Soldaten befinden,
und Nikolajew, Cherson, Ismail seien vernichtet oder von den Al-
liierten besetzt. Wir wollen sogar annehmen, daß außer diesen
"lokalen" Kämpfen irgendwelche mehr oder minder wichtigen Resul-
tate in der Ostsee erzielt worden seien, obwohl auf Grund der uns
zur Verfügung stehenden Information es schwer zu sagen ist, worin
diese bestehen könnten. Was dann?
Werden sich die Alliierten darauf beschränken, ihre Positionen zu
halten und die Kräfte der Russen zu zermürben? Ihre Soldaten wer-
den auf der Krim und im Kaukasus durch Krankheit schneller dahin-
schwinden, als sie ersetzt werden können. Ihre Hauptarmee, z.B.
bei Odessa, wird durch die Flotte versorgt werden müssen, da das
Land hundert Meilen weit um Odessa nichts hervorbringt. Die rus-
sische Armee mit ihren Kosakenabteilungen, die in diesen Steppen
brauchbarer sind als irgendwo anders, wird, wenn sie nicht ir-
gendwo in der Umgebung der Stadt eine dauernde Stellung beziehen
kann, die Alliierten immerzu behelligen, sobald sie sich außer-
halb ihrer Verschanzungen zeigen. Unter solchen Umständen ist es
nicht möglich, die Russen zu zwingen, eine Schlacht zu liefern;
ihr großer Vorteil wird immer darin bestehen, daß sie die Alli-
ierten in das Innere des Landes locken können. Auf jeden Vor-
marsch der Alliierten antworten sie mit einem langsamen Rückzug.
Dennoch kann man keine große Armee für eine längere Zeit in Un-
tätigkeit in einem befestigten Lager halten. Die allmähliche Zu-
nahme von Unordnung und Demoralisierung würde die Alliierten zu
irgendeiner entschlossenen Handlung zwingen. Auch Krankheiten
würden ihnen den Boden zu heiß werden lassen. Mit einem Wort: Die
Hauptpunkte an der Küste zu
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besetzen und dort den Augenblick abzuwarten, bis Rußland es für
nötig halten wird, zu kapitulieren, ist ein Spiel, das niemals
aufgeht. Drei Chancen stehen gegen eine, daß die Alliierten als
erste dieses Spiels überdrüssig und die Gräber ihrer Soldaten an
den Küsten des Schwarzen Meeres bald in die Hunderttausende gehen
werden.
Es wäre auch ein militärischer Fehler. Um eine Küste zu beherr-
schen, genügt es nicht, ihre Hauptpunkte zu besitzen. Allein der
Besitz des inneren Landes sichert die Beherrschung der Küste. Wie
wir gesehen haben, zwingen gerade Umstände, die sich aus ihrer
Festsetzung an der Küste Südrußlands ergeben, die Alliierten, in
das Innere des Landes vorzudringen. Und hier beginnen die Schwie-
rigkeiten. Bis zu den Grenzen der Gouvernements von Podolien,
Kiew, Poltawa, Charkow bildet das Land eine fast unangebaute,
sehr dürftig bewässerte Ebene, auf der nur Gras wächst, und nach
der Sommerglut nicht einmal das. Angenommen, Odessa, Nikolajew,
Cherson werden zur Operationsbasis gemacht, auf welches Objekt
der Operation könnten dann die Alliierten ihre Anstrengungen
richten? Es gibt nur wenige Städte, und diese liegen weit ausein-
ander, keine von so erheblicher Bedeutung, daß ihre Besetzung der
Operation einen entscheidenden Charakter verleihen wird. Bis Mos-
kau gibt es keinen solchen entscheidenden Punkt, und Moskau ist
700 Meilen entfernt. Für einen Marsch nach Moskau würden 500000
Mann benötigt, aber wo sollten sie herkommen? Die Sachlage ist
natürlich die, daß auf diese Weise der "lokale" Krieg niemals ein
entscheidendes Resultat erzielen kann; und wir trauen dem Louis
Bonaparte nicht zu, mit seiner ganzen üppigen strategischen Phan-
tasie einen anderen Weg zu finden.
All diese Pläne setzen jedoch nicht nur die strikte Neutralität,
sondern auch die moralische Unterstützung Österreichs voraus.
Aber auf wessen Seite steht diese Macht im gegenwärtigen Augen-
blick? 1854 erklärten Österreich und Preußen, sie würden ein Vor-
dringen der russischen Armee auf dem Balkan als einen Casus belli
gegen- Rußland betrachten [173]. Wo ist die Garantie, daß sie
1856 einen französischen Vormarsch auf Moskau oder sogar auf
Charkow nicht als einen Grund zum Krieg gegen die Westmächte an-
sehen? Wir dürfen nicht vergessen, daß jede Armee, die vom
Schwarzen Meer in das Innere Rußlands vordringt, eine ebenso
ungedeckte Flanke gegenüber Österreich haben wird wie eine
russische Armee, die von der Donau her in die Türkei eindringt,
und daher wird bei einer bestimmten Entfernung ihre Verbindung
mit der Operationsbasis, d.h. ihre Existenz selbst, von der Gnade
Österreichs abhängen. Um Österreich zu beruhigen, wenn auch nur
auf einige Zeit, muß es gekauft werden durch die Übergabe
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Bessarabiens an seine Truppen. Einmal am Dnestr, wird Odessa von
der österreichischen Armee so vollkommen beherrscht werden, als
wäre diese Stadt von den Österreichern besetzt. Könnte unter sol-
chen Umständen die alliierte Armee eine so törichte Verfolgung
der Russen in das Innere ihres Landes wagen? Das wäre Unsinn!
Aber - erinnern wir uns - dieser Unsinn ist die logische Folge
von Louis Bonapartes letztem Plan einer "lokalen Kriegführung".
Der erste Plan für den Feldzug war der "grande guerre" im Bündnis
mit den Österreichern. Er hätte die französische Armee gegenüber
der österreichischen ebenso zahlenmäßig unterlegen und faktisch
abhängig gemacht, wie das jetzt bei dem englischen Heer gegenüber
dem französischen der Fall ist. Er hätte die revolutionäre In-
itiative an Rußland gegeben. Louis Bonaparte konnte keines von
beiden tun. Österreich weigerte sich zu handeln, der Plan wurde
fallengelassen. Der zweite Plan war der "Krieg der Nationalitä-
ten". Dieser würde einen Sturm zwischen den Deutschen, Italie-
nern, Ungarn auf der einen Seite und die slawische Erhebung auf
der anderen hervorgerufen haben, was sofort auf Frankreich zu-
rückgewirkt haben müßte und das Lower Empire [174] Louis Bonapar-
tes in kürzerer Zeit zerstört hätte, als man zu seiner Errichtung
gebraucht hatte. Der falsche "eiserne Mann", der sich für Napo-
leon ausgibt, schreckte davor zurück. Der dritte und bescheiden-
ste von allen Plänen ist der "lokale Krieg um lokale Ziele".
Seine Absurdität fällt sofort in die Augen. Wieder müssen wir
fragen: Was nun? Übrigens ist es viel leichter, Kaiser der Fran-
zosen zu werden, wobei alle Begleitumstände dies begünstigen, als
als solcher zu handeln, auch wenn sich Seine Majestät durch lan-
ges Einstudieren vor dem Spiegel mit der theatralischen Seite der
Angelegenheit vollkommen vertraut gemacht hat.
Geschrieben um den 15. Juni 1855.
Aus dem Englischen.
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