Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


       zurück

       #297#
       -----
       Karl Marx
       
       Briefe von Napier - Roebucks Komitee
       
       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 277 vom 18. Juni 1855]
       London, 15.  Juni. Sir  Charles Napier  eröffnet eine  Reihe  von
       Briefen über die Baltische Flotte mit folgender Nr. 1 [175]:
       
       "Man fragt,  warum unser Geschwader in der Ostsee das letzte Jahr
       nichts  Nennenswertes  tat,  dieses  Jahr  wahrscheinlich  wieder
       nichts tun wird? Die Frage ist leicht beantwortet, nämlich dahin,
       w e i l  Sir James Graham sich nicht um die Pläne bekümmerte, die
       ich ihm  vergangenen Juni  einsandte, und  von denen er nichts zu
       wissen vorgab;  ferner, weil  die Admiralität ihre Aufmerksamkeit
       den Plänen  versagte, die  ich ihr  letzten September  einsandte.
       Wäre Admiral Dundas ausgerüstet worden mit den Vorrichtungen, auf
       die ich  hinwies, so  hätte Sweaborg  jetzt schon bombardiert und
       wahrscheinlich zerstört sein können. Statt das zu tun, verschwen-
       deten sie  ungefähr eine  Million in  eisernen, fliegenden Batte-
       rien, die nur mühsam schwimmen und, wenn in die Ostsee geschickt,
       wahrscheinlich nie  zurückkehren werden;  und  dies,  nachdem  zu
       Portsmouth der  Beweis geliefert  war, daß  68pfünder sie auf die
       Entfernung von  400 Yards  zerstören würden,  während jeder weiß,
       daß sie  auf 800  Yards Entfernung  Granitwälle nicht beschädigen
       können. Wäre dasselbe Geld in Mörserschiffen ausgelegt worden, so
       stände etwas  zu erwarten;  oder wäre  nur die  Hälfte des Geldes
       verbraucht worden  zur Ausführung  der Pläne Lord Dundonalds, die
       er mir  mitgeteilt hat,  so zweifle ich nicht, sie würden zum Er-
       folge geführt  haben im  Baltischen wie  im Schwarzen Meer. Meine
       Zeit wird kommen, und bald, wo ich imstande sein werde, das ganze
       Betragen des  Sir James  Graham gegen  mich bloßzulegen.  Er  ist
       überführt worden  durch Herrn  Duncombe" (in der Bandiera-Angele-
       genheit [268]), "Privatbriefe geöffnet zu haben. Er versuchte den
       Makel für den Tod des armen Kapitäns Christie auf Herrn Layard zu
       werfen, und  ich habe ihn angeklagt, meine Briefe verdreht zu ha-
       ben. Den  Beweis zu  führen, hindert  man mich unter dem Vorwand,
       daß  die  Veröffentlichung  dem  Feinde  Information  verschaffen
       würde. Dieser  Vorwand wird  bald verschwinden, und das Land soll
       erfahren, welche Mittel der ehrenwerte Baronet gebrauchte, um Ad-
       miral Berkeley  und Admiral  Richards zu verleiten, Instruktionen
       zu unterzeichnen,
       
       #298# Karl Marx
       -----
       die, wenn  ausgeführt, den  Verlust der königlichen Flotte verur-
       sacht haben würden. Das Land soll kennenlernen, ob der Erste Lord
       der Admiralität  die Macht  hat, Privatbriefe  eines Offiziers in
       öffentliche zu  verdrehen, und  ihn dann  zu verhindern, dasselbe
       mit den Briefen des Ersten Lords zu tun. Sir Ch. Napier."
       
       Roebucks Komitee  versammelte sich  gestern wieder, zum 49. Male,
       um zu  einem Beschluß  über den dem Unterhause abzustattenden Be-
       richt zu kommen. Nach vierstündiger Debatte vermochten seine Mit-
       glieder ebensowenig  ihre Ansichten auszugleichen wie in den frü-
       heren Sitzungen.  Sie vertagten  sich wieder  bis Montag,  in der
       "Hoffnung", endlich den Schluß ihrer Prozedur anzeigen zu können.
       Die "Administrativreform-Assoziation"  [140]  hielt  gestern  ein
       großes Meeting  im Drury-Lane-Theater  ; aber,  wohlgemerkt, kein
       ö f f e n t l i c h e s,  sondern ein  T i c k e t m e e t i n g,
       ein Meeting,  wozu nur  die mit  Einlaßkarten Begnadeten  Zutritt
       hatten. Die  Herren waren also vollständig ungeniert, "au sein de
       leur famille"  1*). Sie  waren eingestandenermaßen versammelt, um
       der "öffentlichen  Meinung" Luft zu machen. Um aber die öffentli-
       che Meinung  vor Luftzug  von außen  zu schützen,  war eine halbe
       Kompanie Konstabler aufgestellt an den Toren des Drury-Lane. Wel-
       che delikat  organisierte öffentliche  Meinung, die nur unter dem
       Schutze von Konstablern und Einlaßkarten öffentlich zu sein wagt!
       Das Meeting,  vor allen  anderen, war  eine Demonstration für La-
       yard, der  heute  abend  endlich  seinen  Reformantrag  ins  Haus
       bringt.
       In einem  vorgestern abgehaltenen  öffentlichen Meeting  zu  New-
       castle-upon-Tyne denunzierte  David Urquhart  "das  verräterische
       Ministerium und das schwachsinnige Parlament".
       Über die  von den  Chartisten nun  in den Provinzen vorbereiteten
       Meetings ein andermal. [176]
       Während so  von verschiedenen Seiten und verschiedenen Standpunk-
       ten die  Kritik des  Bestehenden ausgeübt  wird, hat Prinz Albert
       die Gelegenheit eines Essens im Trinity-House [177] an den Haaren
       ergriffen, um die Stellung des Hofes der allgemeinen Fermentation
       gegenüber auszusprechen. Auch er hat eine Panazee für die Krisis.
       Sie heißt:  "patriotisches, selbstverleugnendes  Vertrauen in das
       Kabinett!" Der  Despotismus des  Kabinetts könne, meint Prinz Al-
       bert, das  konstitutionelle England allein befähigen, Rußland ein
       Paroli zu bieten und mit dem nordischen Despotismus Krieg zu füh-
       ren. Die  Kontraste, die er zwischen England und Rußland zog, wa-
       ren weder  schlagend noch  glücklich. Zum  Beispiel: Die  Königin
       habe nicht  die Macht,  Truppen auszuheben, noch habe sie irgend-
       welche Truppen zur Verfügung,
       
       #299# Roebucks Komitee
       -----
       außer denen,  die ihren freiwilligen Dienst anböten! Prinz Albert
       vergißt, daß  die Königin ungefähr 30 Millionen Pfd. St. zur Ver-
       fügung hat,  um Truppen  zu   k a u f e n.   Seit  wann  ist  die
       Z w a n g s a r b e i t     produktiver  als  die    L o h n a r-
       b e i t?   Was würde  man von einem Manchester Fabrikanten sagen,
       der sich über die Konkurrenz der Moskowiter Fabrikanten beklagte,
       weil er  selbst nur Arbeiter zur Verfügung habe, die ihren Dienst
       freiwillig anböten!  Statt  hervorzuheben,  daß  der  Kaiser  von
       Rußland klar  und bestimmt  den Zweck  seines  "heiligen"  Kriegs
       seinem Volk  von den Kanzeln verkünden läßt, während England seit
       zwei Jahren  einen Krieg  führt, von  dem der  Premierminister im
       Parlament gesteht,  "niemand könne  seinen    G e g e n s t a n d
       angeben", klagt Prinz Albert, daß
       
       "die Regierung  der Königin   k e i n e  M a ß r e g e l  für die
       Fortsetzung des  Krieges ergreifen  könne, worüber sie sich nicht
       vorher im Parlament erklärt habe"!
       
       Als wenn Roebucks Komitee nicht erst eingesetzt worden,  n a c h-
       d e m   zwei Dritteil  der englischen  Armee geopfert  waren! Als
       wenn die  Wiener Konferenzen  [17] nicht  erst debattiert worden,
       n a c h d e m  sie geschlossen waren! Faktisch fand keine einzige
       Erklärung: über  keine einzige Kriegsmaßregel im Parlament statt,
       außer Russells  polternder  und  unprovozierter  Ankündigung  der
       Sewastopolexpedition, die  offenbar nur  bezweckte,  dem  Peters-
       burger  Kabinett  zeitgemäße  Warnung  zu  geben!  Und  wenn  die
       Blockade debattiert wurde, geschah es nicht, weil das Ministerium
       diese Maßregel  ergriff, sondern  weil es  sie proklamierte, ohne
       sie zu  ergreifen. Prinz  Albert, statt  zu klagen, daß die Krone
       durch parlamentarische  Intrigen gezwungen  worden, sich in einem
       Krieg gegen  Rußland die  Diktatur eines eingestandenermaßen rus-
       senfreundlichen und  notorisch friedlichen Kabinetts aufbürden zu
       lassen, klagte  umgekehrt, daß eine ungünstige Abstimmung im Par-
       lament die  Königin "zwinge,  ihre konfidentiellen Diener zu ent-
       lassen". Statt  mit Recht  zu klagen, daß Fehler, Schwächen, Nie-
       derträchtigkeiten, die in Rußland Generale, Minister und Diploma-
       ten für Sibirien reif machen würden, in England höchstens einiges
       gleichgültiges Geschwätz in der Presse und im Parlament nach sich
       ziehen, klagt Prinz Albert umgekehrt, daß
       
       "kein Mißgriff,  wie unbedeutend  auch immer,  stattfinden,  kein
       Mangel, keine  Schwäche existieren  kann, die nicht sofort denun-
       ziert, manchmal  selbst übertrieben  würde,  mit  einer  Art  von
       krankhafter Genugtuung".
       
       Diese krankhaft  gereizten Expektorationen placierte Prinz Albert
       in einem  Toast auf  seinen langjährigen  Feind, Lord Palmerston.
       Aber Palmerston  versteht sich nicht auf Großmut. Er benutzte so-
       fort die falsche
       
       #300# Karl Marx
       -----
       Stellung, die  der Prinz  eingenommen, um  sich ihm gegenüber auf
       die Brust  zu schlagen  und laut zu beteuern: "Ich bin gezwungen,
       zu erklären,  daß das  englische Volk uns die großmütigste Unter-
       stützung hat  angedeihen lassen." Er ging weiter. Er erklärte ge-
       radezu, er besitze "das Vertrauen" des englischen Volkes. Er wies
       die zudringlichen  Ermahnungen des  Prinzen an  das Volk  ab.  Er
       machte dem  Volk den  Hof, nachdem  der Prinz ihm den Hof gemacht
       hatte. Er  hielt es nicht einmal der Mühe wert, mit einem Kompli-
       ment an  die Krone zu antworten. Prinz Albert hatte sich zum Pro-
       tektor  des   Ministeriums  aufwerfen   wollen  und   darum   die
       "Unabhängigkeit" des  Kabinetts vom  Parlament und  Volk  prokla-
       miert; Palmerston  antwortet, indem  er  die  "Abhängigkeit"  der
       Krone vom Kabinett konstatiert.

       zurück