Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       Karl Marx/Friedrich Engels
       
       Zur Debatte über Layards Antrag - Der Krieg in der Krim
       
       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 279 vom 19. Juni 1855]
       London, 16.  Juni. Die  Debatte über  Layards Antrag ward gestern
       nicht zum  Schluß gebracht,  sondern auf Montag abend vertagt. So
       vertagen wir einstweilen die Charakteristik derselben.
       Ein Inzident  in der  Sitzung des Unterhauses verdient Erwähnung.
       Während der  Verhandlungen über  die Wiener  Konferenz [17] hatte
       Palmerston fallenlassen,  daß die  Peeliten [11] die Feststellung
       gewisser Friedensbedingungen  zur Bedingung  ihres  Eintritts  in
       sein Kabinett gemacht. Russell hat eben diese Bedingungen in Wien
       verteidigt. Otway forderte nun gestern eine Erklärung von Palmer-
       ston, ob  er an Friedensbedingungen festhalte, die von den Peeli-
       ten ausgegangen,  also von  einer Partei, geständig, im Interesse
       Rußlands zu  handeln? Gladstone erhob sich und verlangte, daß der
       Redner, der  ihn und  seine Freunde  des  V e r r a t s  anklage,
       zur Ordnung gerufen werde. Der Ordnungsruf erfolgte. Otway jedoch
       wiederholte seine Charakteristik der Peeliten und seine Interpel-
       lation an  Palmerston. Palmerston,  wie hergebracht,  lehnte jede
       Antwort ab.  Die Friedensbedingungen  hingen  natürlich  von  den
       Kriegsereignissen ab.  Was die Peeliten angehe, so hätten sie na-
       mentlich mit  ihm ausgedungen,  daß eine "gewisse" Bedingung, die
       er verschweigen  müsse, nicht zur conditio sine qua non des Frie-
       dens gemacht  werde. Gladstone,  in Antwort auf Palmerston, leug-
       nete seinerseits,  je mit Palmerston über die Friedensbedingungen
       unterhandelt zu  haben. Anders vielleicht sein Freund Graham. Üb-
       rigens protestiere  er gegen  Palmerstons System,  auf der  einen
       Seite affektierter offizieller Zurückhaltung, auf der andern ver-
       steckter Andeutung,  zweideutiger Anspielung  und halber  Mittei-
       lung. Das Ministerium möge offen heraussprechen oder ganz schwei-
       gen. Gladstone  administrierte Palmerston diese Lektion mit gebe-
       nedeiter Bitterkeit.
       Die französische Regierung hat im "Constitutionnel" ein neues Ex-
       posé
       
       #302# Karl Marx/Friedrich Engels
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       über die  Kriegführung in den nächsten Monaten gegeben. Diese Ex-
       posés sind  jetzt nicht  nur modisch, sondern auch periodisch ge-
       worden. Obgleich in innigem Widerspruch mit sich selbst, sind sie
       wertvoll als Enthüllung über "alle möglichen" Feldzugspläne Louis
       Bonapartes gegen  Rußland. Sie sind wertvoll, sofern sie das Ver-
       schwinden einer  bonapartistischen Illusion nach der andern doku-
       mentieren. Der erste Plan war der des "großen Kriegs" vermittelst
       der  österreichischen  Allianz,  mit  500 000  Österreichern  und
       100 000 Franzosen  an der  Weichsel und dem Dnepr. Der Plan würde
       der französischen  Armee dasselbe  numerisch untergeordnete  Ver-
       hältnis zur  österreichischen angewiesen haben, das die Engländer
       in der  Krim neben  den Franzosen einnehmen. Es würde Rußland die
       revolutionäre Initiative eingeräumt haben. Österreich verweigerte
       zu handeln. Der Plan fiel. Der zweite Plan war der "Krieg der Na-
       tionalitäten", die  allgemeine Erhebung  der "Unterdrückten,  die
       beständig nach  dem Westen blicken". Er würde einen Sturm herauf-
       beschworen haben  zwischen Deutschen,  Italienern, Ungarn auf der
       einen und  der slawischen  Insurrektion auf der anderen Seite. Er
       würde, auf  Frankreich zurückschlagend, dem "zweiten" Kaiserreich
       sein Ende  gedroht haben. Der nachgemachte "Mann von Eisen" bebte
       zurück. Der  Plan fiel. Alles dies ist nun vorbei. Österreich hat
       seine Pflicht  getan, Preußen  hat seine Pflicht getan, alle Welt
       hat ihre Pflicht getan, und Bonaparte ist bei dem dritten und be-
       scheidensten Plane  angelangt. "Lokaler Krieg für lokale Zwecke."
       Die französischen Truppen in der Krim kämpfen nicht für Ruhm, sie
       erfüllen bloßen  Polizeidienst. Die schwebende Frage ist rein lo-
       kal:  Ü b e r l e g e n h e i t  i m  S c h w a r z e n  M e e r,
       und hier  an Ort und Stelle ist sie zu erledigen. Dem Kriege wei-
       tere Dimensionen zu geben, wäre Torheit. "Respektvoll, aber fest"
       werden die Alliierten jeden Versuch der Russen, im Schwarzen Meer
       zu widerstehen, niederschlagen, und dann werden sie oder die Rus-
       sen oder beide von ihnen Frieden machen. Von den großen Redensar-
       ten ist nichts zurückgeblieben, nicht einmal die Phrase der Zivi-
       lisation, nichts  als der  Kampf für den dritten Punkt des Wiener
       Protokolls  [8].     K r i e g    m i t    n u r    l o k a l e m
       Z w e c k,   bemerkt das  imperatorische 1*)  Orakel,   k ö n n e
       m i t  n u r  l o k a l e n  M i t t e l n  g e f ü h r t  w e r-
       d e n.  Nehmt den Russen nur die Überlegenheit im Schwarzen Meer!
       Wir werden  im nächsten Briefe nachweisen, daß, nachdem Bonaparte
       vom "großen  Krieg" auf  den "Krieg  der Nationalitäten"  und vom
       "Krieg der  Nationalitäten" auf  den "lokalen  Krieg für  lokalen
       Zweck mit lokalen Mitteln" herabgekommen, der letztere Krieg beim
       "Absurden" ankommt.
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       1*) In der "Neuen Oder-Zeitung": imperialistische

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