Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Karl Marx
Prinz Alberts Toast - Zeitungsstempel
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 283 vom 21. Juni 1855]
London, 18. Juni. Mit der Veröffentlichung der Rede Prinz Alberts
und der Gegenrede Palmerstons waren einige auffällige Umstände
verbunden. Die Reden wurden gehalten in Trinity-House [177],
Sonnabend, den 9. Juni. Die Tagesblätter erwähnten am folgenden
Montag nur im Vorbeigehen das jährliche Essen der Trinity-Brüder-
schaft, ohne beim Toast des Prinzen Albert zu verweilen. Erst
Mittwoch, den 13. Juni, brachte die "Daily News" und Donnerstag,
den 14. Juni, die "Times" den Toast und den Dank für den Toast.
Es stellt sich jetzt heraus, daß die Veröffentlichung ein Streich
Lord Palmerstons war, der auf Kosten seines königlichen Beglück-
wünschers die eigene Popularität herzustellen denkt. Prinz Albert
gewahrt nun auf eigene Unkosten, wohin das "selbstaufopfernde
Vertrauen" in den edelen Vicomte führt, ein Vertrauen, das er dem
Lande so zudringlich anempfahl. Der folgende Auszug aus "Reynolds
Wochenblatt" [178] mag zeigen, wie der Toast des Prinzen Albert
von der Mehrheit der Wochenpresse aufgenommen wird. Reynolds
Blatt, wohlgemerkt, besitzt eine Zirkulation von 2 496 256 Ko-
pien. Nach einer ausführlichen Kritik heißt es u.a.:
"Der königliche Zensor behauptet, daß jede Schwäche, jeder Mangel
denunziert und oft selbst übertrieben wird mit einer Art von
k r a n k h a f t e r G e n u g t u u n g! Die Geduld des eng-
lischen Volkes ist sprichwörtlich. Gleich Isaschar mag es vergli-
chen werden mit einem Esel, niedergedrückt unter zwei Lasten -
Wucher und Landmonopol; aber dieser Tadel des Prinzengemahls ist
der insolenteste und tödlichste Insult, den selbst Engländer zu
ertragen haben. K r a n k h a f t e G e n u g t u u n g! Das
heißt, das englische Volk hätte eine krankhafte Genugtuung in der
Betrachtung der fürchterlichen Leiden, denen Verrat und aristo-
kratischer Schwachsinn unsere heroischen Soldaten ausgesetzt ha-
ben - krankhafte Genugtuung, von Österreich düpiert worden zu
sein - krankhafte Genugtuung in der Verschwendung von 40 000 000
Pfd. St. und dem Verluste von 40 000 der bravsten Krieger -
krankhafte Genugtuung, das Mißtrauen des Alliierten, dem wir zu
helfen vorgaben, und die Verachtung des Feindes, den wir zu züch-
tigen
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wünschen, hervorgerufen zu haben! Aber die Anklage ist nicht nur
insolent und insultierend, sie ist zugleich falsch und verleumde-
risch im höchsten Grade. Was immer die Fehler des englischen Vol-
kes sein mögen, und der Himmel weiß, sie sind zahlreich, sie
schöpfen keine G e n u g t u u n g aus dem Elend ihrer Soldaten
und Matrosen und der Schmach, die auf den Charakter der Nation
gehäuft worden. Ausnahmen bilden allerdings prinzliche Deutsche,
aristokratische Verräter und ihre verabscheuungswürdigen und
ekelhaften Parasiten... Wir sind indes willig zuzugestehen, daß
es sehr schwierig ist für einen trägen und fleischigen Sybariten
und Federbettsoldaten, etwas von den Leiden und Prüfungen wirkli-
cher Soldaten und Matrosen zu verstehen... In einem Punkt jedoch
stimmen wir mit dem königlichen Krieger überein: Der K o n-
s t i t u t i o n a l i s m u s ist ein enormer sham 1*) - eine
durchaus schwerfällige, stümperhafte, unfügige und nachteilige
Regierungsform. Aber der Prinz irrt in seiner Voraussetzung, daß
es außer dem Despotismus keine andere Alternative gibt. Wir
ersuchen ihn, sich zu erinnern, daß so ein Ding wie der Republi-
kanismus existiert - eine Alternative, zu der diese Nation mögli-
cherweise flüchten kann und in deren Richtung, wie wir glauben,
der Strom der öffentlichen Meinung hinstrebt, statt zum unbe-
schränkten Despotismus, den der martialische Prinz herbei-
wünscht."
Soweit "Reynolds [Weekly Newspaper]".
Der neue Akt für die A b s c h a f f u n g d e s Z e i-
t u n g s s t e m p e l s hat letzten Sonntag die königliche
Bestätigung erhalten und wird am 30. Juni in Kraft treten. Danach
ist der Zeitungsstempel nur noch erheischt für Kopien, die
f r e i per Post übersandt werden sollen. Von den Londoner Ta-
gesblättern ist der "Morning Herald" das einzige, das angezeigt
hat, daß es seinen Preis von 5 auf 4 d. heruntersetzt. Von den
Wochenblättern dagegen haben schon eine größere Anzahl, wie
"Lloyd's" [179], "Reynolds", "People's Paper" usw., eine Herab-
setzung von 3 auf 2 d. angezeigt. Ein neues Londoner Tageblatt,
der "Courier and Telegraph", in dem Format der "Times", kündigt
sich zu 2 d. an. Von n e u e n Wochenblättern zu 2 d. sind bis-
her in London ausgegeben worden: "The Pilot" (katholisches
Blatt); die "Illustrated Times" und Mr. Charles Knight's: "Town
and Country Paper". Endlich haben die Herren Willet und Ledger
ein wöchentliches Londoner Pennypaper (1 d.) angekündigt. Be-
deutender jedoch ist die Revolution, die die Abschaffung der
Stempelsteuer in der Provinzialpresse hervorgerufen. Zu Glasgow
allein werden 4 neue tägliche Pennypapers erscheinen. Zu Liver-
pool und Manchester werden sich die bisher nur wöchentlich oder
halbwöchentlich erscheinenden Blätter in Tageblätter zu 3, 2 und
1 d. verwandeln. Die Emanzipation der Provinzialpresse von Lon-
don, die Dezentralisation des Journalismus war in der Tat der
Hauptzweck der Manchesterschule [45] in ihrem zähen und langjäh-
rigen Feldzuge gegen den Zeitungsstempel.
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1*) Schwindel
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