Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       #305#
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       Karl Marx
       
       Eine sonderbare Politik
       
       ["New-York Daily Tribune" Nr. 4437 vom 10. Juli 1855,
       Leitartikel]
       In seinem  Buch über  den "Congrès  de Vienne"  klagt der Abbé de
       Pradt mit  Recht diesen tanzenden Kongreß, wie er von dem Fürsten
       de Ligne  genannt wurde,  an, die Grundlage für die russische Su-
       prematie in Europa gelegt und dazu noch seine Sanktion gegeben zu
       haben.
       
       "So aber",  ruft er  aus, "ist geschehen, daß der Krieg der Unab-
       hängigkeit Europas  gegen Frankreich mit der Unterwerfung Europas
       durch Rußland  schloß. Das  war der Mühe nicht wert, sich für ein
       solches Ergebnis so anzustrengen." [180]
       
       Da der  Krieg gegen Frankreich zugleich ein Krieg gegen die Revo-
       lution, ein  antijakobinischer Krieg  war, führte er natürlich zu
       einer Verschiebung des politischen Einflusses vom Westen nach dem
       Osten, von  Frankreich nach  Rußland. Der  Wiener Kongreß war der
       natürliche Sproß  des antijakobinischen  Krieges, der Wiener Ver-
       trag das legitime Produkt des Wiener Kongresses und die russische
       Suprematie das natürliche Kind des Wiener Vertrages. Deshalb kann
       man  der   Masse  der  englischen,  französischen  und  deutschen
       Schriftsteller nicht  gestatten, alle  Schuld den  Preußen  zuzu-
       schreiben, weil  Friedrich Wilhelm  III. durch seine blinde Erge-
       benheit gegenüber  dem Kaiser  Alexander und  durch die kategori-
       schen Weisungen  an seine  Botschafter, in allen wichtigen Fragen
       mit Rußland  zusammenzugehen, die  schlau  angelegten  Pläne  des
       schändlichen Triumvirats - Castlereagh, Metternich und Talleyrand
       - durchkreuzte,  gegen russische  Eingriffe in die Rechte anderer
       gesicherte territoriale  Barrieren zu  errichten und  dadurch die
       unliebsamen, aber  unvermeidlichen Konsequenzen des Systems abzu-
       wehren, das  sie dem  Kontinent  so  beflissen  auferlegt  haben.
       Selbst solch  einem skrupellosen  Konklave war  es nicht gegeben,
       die Logik der Ereignisse zu verfälschen.
       
       #306# Karl Marx
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       Da Rußlands Übergewicht in Europa nicht von dem Wiener Vertrag zu
       trennen ist, kann ein Krieg gegen diese Macht, wenn nicht von An-
       fang an  die Aufhebung  des Vertrages  verkündet wird, nichts an-
       deres sein  als eine  bloße Verknüpfung  von Betrug, Spitzbüberei
       und geheimem  Einverständnis. Der  gegenwärtige Krieg wird jedoch
       nicht mit dem Ziel unternommen, den Wiener Vertrag aufzuheben; er
       wird vielmehr geführt, ihn durch die zusätzliche Einbeziehung der
       Türkei in  das Protokoll von 1815 zu konsolidieren. Davon erhofft
       man, daß  das konservative Tausendjährige Reich anbrechen und die
       vereinigte Anstrengung  der Regierungen  es erlauben  wird,  sich
       ausschließlich der  "Beruhigung" der europäischen Meinung zu wid-
       men. Aus  den folgenden bemerkenswerten Stellen, aus dem Pamphlet
       des preußischen  Marschalls Knesebeck  übersetzt, "betreffend die
       Gleichgewichtslage Europa's  beim Zusammentritt  des Wiener  Gon-
       gresses" [181]  wird man ersehen, daß selbst zur Zeit dieses Kon-
       gresses die  Hauptakteure sich  vollkommen bewußt  waren, daß die
       Erhaltung der  Türkei ein  ebensolcher integrierender Bestandteil
       ihres "Systems" ist wie die Teilung Polens.
       
       "Die Türken  in Europa! Was haben euch denn die Türken getan? Sie
       sind ein  kräftiges biederes  Volk. Seit  Jahrhunderten ruhig bei
       sich, wenn  ihr sie nur ungestört laßt. Es ist Vertrauen auf sie;
       haben sie  je euch hintergangen, sind sie nicht redlich, offen in
       ihrer Politik?  Tapfer und  kriegerisch zwar;  ja, aber  aus mehr
       denn einer  Ursache ist  dies heilsam und gut. Sie sind die beste
       Vormauer gegen  das Andringen  der asiatischen Übervölkerung; und
       gerade dadurch, daß sie einen Fuß in Europa haben, halten sie je-
       nes Andringen  ab. Würden  sie weggetrieben,  würden  sie  selbst
       drängen. Denkt  sie euch einmal fort. Was würde entstehen? Entwe-
       der würde  Rußland oder  Österreich jene Länder bekommen oder ein
       besonderer griechischer  Staat dort  gegründet werden.  Wollt ihr
       also Rußland  noch mächtiger  machen, auch  von dieser Seite euch
       den Koloß auf den Hals ziehen? Seid ihr noch nicht zufrieden, daß
       es seinen  Fuß von  der Wolga  zum Nemen,  vom Nemen zur Weichsel
       vorgeschoben hat und jetzt ihn wahrscheinlich bis zur Warthe set-
       zen wird!  Und wenn  dies nicht  ist, wollt ihr Österreichs Kraft
       die Richtung  nach Asien  geben und  es dadurch für die Erhaltung
       des Zentrums,  für den Andrang von Westen schwach oder gleichgül-
       tig machen? Ruft euch nur die Lage der Vorzeit, Johann Sobieskis,
       Eugen Savoyens  und  Montecucculis  Zeiten  zurück.  Wodurch  hat
       Frankreich zuerst Feld über Deutschland gewonnen als dadurch, daß
       Österreichs Kraft  immer gegen  das Andringen von Asien Front ma-
       chen mußte? Wollt ihr diesen Zustand wieder herbeiführen und noch
       vermehren dadurch, daß ihr es Asien näher bringt?
       Einen eigenen  griechischen oder  byzantinischen 1*)  Staat  also
       gründen! Würde dies die Lage Europas bessern? Würde nicht bei der
       Schlaffheit, in die dies Volk" (die Griechen) "versunken ist, Eu-
       ropa im Gegenteil immer unter den Waffen sein müssen,
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       1*) Bei Knesebeck fehlen die Worte: oder byzantinischen
       
       #307# Eine sonderbare Politik
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       um es  gegen die  wiederkommenden Türken  zu schützen? Würde Ruß-
       lands Einfluß auf diesen Staat durch Religion, Handelsverkehr und
       Interesse nicht  immer Griechenland  nur zu  Rußlands Kolonie ma-
       chen? Laßt  die Türken  also lieber, wo sie sind, und erweckt die
       unruhige Kraft nicht, wenn sie ruht.
       Aber, ruft  ein wohlmeinender  Philanthrop, die  Menschheit  wird
       dort gemißhandelt! der schönste Teil der Erde, das alte Athen und
       Sparta, ist von Barbaren bewohnt!
       Es ist  wahr, mein  Freund; die  Menschheit wird jetzt oder wurde
       bis vor  kurzem 1*)  dort stranguliert; aber sie wird auch ander-
       wärts noch gekantschut, geprügelt, gegeißelt und verkauft. Ehe du
       änderst, bedenke, ob du auch bessern würdest, ob Kantschu, Korpo-
       ralstock und  griechische Falschheit  leichter in ihren Streichen
       sein werden  als die seidene Schnur und ein Ferman von den Türken
       2*)? Schaffe  mir also  erst jene Dinge und den Sklavenhandel aus
       Europa und  beruhige dich über die Rauheit des Türken. Seine Rau-
       heit hat  Kraft, sein Glaube gibt Mut, und wir brauchen Kraft und
       Mut, um  ruhig den  Moskowiter bis zur Warthe sich vorschieben zu
       sehen.
       Die Türken also sollen erhalten werden, die Polen aber untergehen
       als Nation? Ja, nichts anders.
       Was Kraft  zu stehen  hat, besteht, wo alles morsch ist, das ver-
       geht. Und so ist es. Man frage sich nur, was würde bestehen, wenn
       die polnische Nation in ihrem natürlichen Charakter 3*) selbstän-
       dig erhalten  würde? Sauferei,  Völlerei, Kriecherei,  Verachtung
       alles Besseren  und jedes  anderen Volkes, hohnsprechender Dünkel
       aller Ordnung  und Sitte, Verschwendung, Liederlichkeit, Verkäuf-
       lichkeit, Pfiffigkeit,  Falschheit, wüstes  Leben vom  Palast bis
       zur Hütte  - das  ist das  Element, darin der Pole besteht. Dafür
       singt er  sein Lied,  spielt Geige und Gitarre, küßt sein Mädchen
       und säuft  aus ihrem  Schuh, zieht  seinen Säbel, streicht seinen
       Knebelbart, besteigt  sein Roß,  zieht in den Krieg mit Dumouriez
       und Bonaparte oder mit irgend jemand anderem auf Erden 4*), über-
       nimmt sich  in Branntwein und Punsch, rauft sich mutig mit Freund
       und Feind, mißhandelt sein Weib und seinen Bauern, verkauft seine
       Güter, zieht  ins Ausland,  bringt die  halbe Welt in Aufruhr und
       schwört bei  Kosciouszko und Poniatowski: dies solle nicht unter-
       gehen, so wahr er ein Pole ist.
       Hier habt  ihr, was  ihr erhalten  wollt, wenn ihr davon sprecht:
       Polen muß wiederhergestellt werden.
       Ist eine solche Nation 5*) wert zu bestehen? Ist ein solches Volk
       reif zu einer Verfassung? Eine Verfassung setzt Ordnungssinn vor-
       aus, denn sie tut nichts als ordnen, als jedem Gliede der Gesell-
       schaft seinen Platz anweisen, wohin es gehört. Darum bestimmt sie
       die Stände,  aus denen der Staat bestehen soll, und jedes Standes
       Platz, Rang,  Ordnung, Rechte  und Pflichten,  sowie den Gang der
       Staatsmaschine und  die Hauptzüge  seiner Verwaltung.  Ordne  nun
       einmal jemand  an, wo  niemand Ordnung will. Schon ein polnischer
       König (Stefan Báthory) rief aus: Polen! - nicht der Ordnung, -
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       1*) Bei Knesebeck: jetzt dort gespießt - 2*) bei Knesebeck fehlen
       die Worte: von den Türken - 3*) bei Knesebeck: als polnisches We-
       sen - 4*) bei Knesebeck: und allen Aventuriers der Erde - 5*) bei
       Knesebeck: ein solches Wesen
       
       #308# Karl Marx
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       ihr kennt  keine; nicht  der Regierung,  - ihr ehret keine; einem
       bloßen Glücke habt ihr eure Erhaltung zu danken.'
       Und so  ist es  noch. Unordnung, wüstes Leben, ist des Polen Ele-
       ment. Nein,  laßt diese Menschen den Durchgang unter dem Kantschu
       machen, die  Vorsehung will  es so,  und der Himmel weiß, was dem
       Menschen frommt!
       Für jetzt also, kein Polen mehr!"
       
       So sollen also die Ansichten des alten Marschalls Knesebeck durch
       den gegenwärtigen  Krieg verwirklicht  werden, durch einen Krieg,
       der für  die Erweiterung  und Konsolidierung des Wiener Vertrages
       von 1815  geführt wird.  Während der  ganzen Restaurationsperiode
       und der  Julimonarchie in Frankreich war der Wahn verbreitet, Na-
       poleonismus bedeute  die Aufhebung  des Wiener Vertrages, der Eu-
       ropa unter  die offizielle  Vormundschaft Rußlands und Frankreich
       unter die  "surveillance publique"  1*) Europas  gestellt  hatte.
       Jetzt beweist  der gegenwärtige  Imitator seines Onkels, verfolgt
       von der  unerbittlichen Ironie seiner fatalen Lage, der Welt, daß
       Napoleonismus Krieg  bedeutet, nicht  um Frankreich   v o n   dem
       Wiener Vertrag  zu befreien,  sondern um auch die Türkei dem Ver-
       trag zu  unterwerfen. Krieg im Interesse des Wiener Vertrages und
       unter dem Vorwand, die Macht Rußlands in Schach zu halten!
       Das ist die wahre "idée napoléonienne" [117] 2*) in der Interpre-
       tation der  Resurrektionisten in  Paris. Da  die Engländer stolze
       Alliierte des  zweiten Napoleons  sind, fühlen sie sich natürlich
       befugt, mit  den Aussprüchen  des alten Napoleon so umzugehen wie
       sein Neffe  mit seinen  Ideen. Wir sollten deshalb nicht erstaunt
       sein, bei einem neueren englischen Autor (Dunlop) [182] zu lesen,
       Napoleon habe vorhergesagt, daß der nächste Kampf mit Rußland die
       große Frage  mit einschließen  würde, ob  Europa "konstitutionell
       oder kosakisch"  sein soll.  Vor den Tagen des Lower Empire [174]
       soll Napoleon  gesagt haben: "republikanisch oder kosakisch". Die
       Welt jedoch lebt und lernt.
       Und weil  die "Tribüne"  die Glorie  des Wiener Vertrages und des
       europäischen "Systems",  das darauf  fußt, zu würdigen weiß, wird
       sie der Untreue an der Sache des Menschenrechtes und der Freiheit
       bezichtigt!
       Geschrieben am 19. Juni 1855.
       
       Aus dem Englischen.
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       1*) "öffentliche Aufsicht" - 2*) "napoleonische Idee"

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