Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       #309#
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       Karl Marx/Friedrich Engels
       
       Der lokale Krieg - Debatte der Administrativreform -
       Bericht des Roebuck-Komitees usw.
       
       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 287 vom 23. Juni 1855]
       London, 20.  Juni. Der  l o k a l e  K r i e g,  den Bonaparte im
       "Constitutionnel" proklamiert,  ist ein  Krieg im Schwarzen Meer,
       und sein  Zweck ist  die Vernichtung der angeblich russischen Su-
       prematie im  Schwarzen Meer  - eine Suprematie, die sich, wohlge-
       merkt, zur  See hie  bewährt hat,  selbst nicht gegen die Türken.
       Wie steht  die Sache in diesem Augenblick? Von Konstantinopel bis
       zur Donau auf der einen Seite und rings um die zirkassischen Ufer
       bis nach  Balaklawa und  Eupatoria ist die ganze Küste den Händen
       der Russen  entrissen. Nur  noch Kaffa und Sewastopol halten aus,
       das eine  hart bedrängt,  das andere so gelegen, daß es nachgeben
       muß, sobald  es ernsthaft  bedroht wird.  Noch mehr.  Die Flotten
       schäumen den Binnensee von Asow ab, ihre leichten Schiffe dringen
       vor bis Taganrog, und jeder wichtige Platz wird von ihnen bombar-
       diert. Kein Teil der Küste bleibt in den Händen der Russen, außer
       der Strich  von Perekop  nach  der  Donau,  ungefähr  1/15  ihrer
       Besitzungen an  dieser Küste. Gesetzt, Kaffa und Sewastopol seien
       nun auch  gefallen, die  Krim im Besitz der Alliierten, was dann?
       Rußland wird  nicht den Frieden schließen, wie es bereits prokla-
       miert hat.  Es wäre  Tollheit. Es  hieße die  Schlacht  aufgeben,
       nachdem die Avantgarde zurückgeworfen ist, in dem Augenblicke, wo
       das Hauptkorps auf dem Kampfplatz erscheint. Was bleibt den Alli-
       ierten ihrerseits  zu tun? Man sagt uns, sie können Odessa, Cher-
       son, Nikolajew zerstören. Sie können weitergehen, eine starke Ar-
       mee bei  Odessa landen,  es befestigen  gegen jede beliebige Zahl
       von Russen und dann je nach den Umständen handeln. Sie können au-
       ßerdem Truppen nach dem Kaukasus detachieren, die russische Armee
       in Georgien  und den  andern transkaukasischen Besitzungen (unter
       General Murawjow)  aufreiben und  das Russische  Reich von seinen
       südasiatischen Besitzungen abschneiden. Und
       
       #310# Karl Marx/Friedrich Engels
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       wenn Rußland noch immer nicht Frieden schließt? Rußland kann kei-
       nen Frieden  schließen, solange  sich der  Feind auf seinem Grund
       und Boden  befindet. Seit  150 Jahren  hat es nicht einen Frieden
       geschlossen, wodurch es verloren hätte. Selbst Tilsit verschaffte
       ihm einen  Zuwachs an  Territorium, und  dieser Friede  ward  ge-
       schlossen, bevor  noch ein  Franzose den russischen Boden betrat.
       Alexander II., eben erst auf den Thron gelangt, kann nicht einmal
       versuchen, was selbst für Nikolaus gefahrdrohend gewesen wäre. Er
       kann nicht  plötzlich mit  der Reichstradition  brechen. Gesetzt,
       die Krim  sei erobert und mit 50 000 Alliierten garnisoniert, der
       Kaukasus und  alle Besitzungen  im Süden seien von Russen reinge-
       fegt, eine  alliierte Armee  halte die  Russen im Schach am Kuban
       und am  Terek, Odessa  sei genommen und in ein verschanztes Lager
       mit einer  Armee von 100 000 Mann verwandelt, Nikolajew, Cherson,
       Ismail zerstört  oder von den Alliierten besetzt - wollen die Al-
       liierten sich  dann darauf beschränken, ihre Positionen zu halten
       und es auf die Ermüdung der Russen ankommen zu lassen? Ihre Mann-
       schaften in  der Krim  und dem Kaukasus werden rascher vor Krank-
       heiten wegschmelzen, als sie ersetzt werden können. Ihre Hauptar-
       mee zu Odessa müßte von den Flotten genährt werden, denn das Land
       hundert Meilen um Odessa produziert nichts. Wo sie sich außer ih-
       rem Lager  herauswagten, wären  sie den Neckereien der Russen und
       namentlich der Kosaken ausgesetzt. Letztere zur Schlacht zu zwin-
       gen, wäre  unmöglich. Ihr  Vorteil wäre  stets, die Alliierten in
       das Innere  des Landes  nach sich  zu ziehen. Jedes Vorrücken der
       Alliierten würden  sie beantworten  mit einem  langsamen Rückzug.
       Zudem können große Armeen nicht lange untätig in einem verschanz-
       ten Lager gehalten werden. Krankheit und stufenweiser Fortschritt
       von Indisziplin und Demoralisation würden die Alliierten zu einem
       entscheidenden Schritte  zwingen. Es  geht  also  nicht  an,  die
       Hauptpunkte der  Küste zu besetzen und abzuwarten, bis die Russen
       es nötig  finden, nachzugeben.  Es wäre  auch militärisch falsch.
       Zur Beherrschung  einer Küste genügt es nicht, die Hauptpunkte zu
       halten. Nur der Besitz des Binnenlandes garantiert den Besitz der
       Küste. Ein  Etablissement auf  der Südküste von Rußland würde Um-
       stände hervorrufen,  die die alliierten Streitkräfte zwängen, ins
       Innere des  Landes vorzurücken. Aber hier beginnen die Schwierig-
       keiten. Bis  zu den Grenzen der Gouvernements von Podolien, Kiew,
       Poltawa, Charkow  ist das Land meist unbebaute Steppe, sehr dürf-
       tig bewässert,  nichts liefernd  als Gras,  und selbst das nicht,
       nachdem die  Sonnenhitze es aufgetrocknet hat. Werden Odessa, Ni-
       kolajew und  Cherson als  Operationsbasis genommen,  wo  ist  der
       G e g e n s t a n d,   wogegen die  Alliierten ihre Anstrengungen
       zu richten  [haben]? Es  zeigt sich keiner als Moskau, 700 Meilen
       entfernt und  500 000 Mann  erheischend, um darauf loszumarschie-
       ren.
       
       #311# Der lokale Krieg - Debatte der Administrativreform
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       Aber alles das unterstellt nicht nur strenge Neutralität, sondern
       selbst moralische  Unterstützung von  seiten Österreichs.  Und wo
       ist die?  Preußen und Österreich erklärten 1854 das Vorrücken der
       Russen über  den Balkan  für einen  Casus belli. Warum nicht 1856
       ein Vorrücken  der Franzosen  auf Moskau oder selbst Charkow? Man
       muß keinen  Augenblick vergessen, daß jede Armee, die vom Schwar-
       zen Meer  nach dem  Innern von  Rußland marschierte,  ihre Flanke
       ebensosehr Österreich  aussetzt wie eine russische Armee, die von
       der Donau  aus in  die Türkei vordrängt und daher, auf eine gege-
       bene Entfernung, ihre Kommunikationslinien und ihre Operationsba-
       sis, d.h.  ihre Existenz selbst, von der Gnade Österreichs abhän-
       gig macht. Und unter solchen Umständen sollten die alliierten Ar-
       meen in  wilder Gänsejagd  den Russen  ins Innere nachtreiben? Es
       ist Unsinn, reiner Unsinn, aber die notwendige Konsequenz von Bo-
       napartes letztem  Plan "lokaler Kriegführung". Eine unerbittliche
       Dialektik treibt  den "lokalen  Krieg" in  allen Punkten über die
       vorgesetzte  örtliche  Schranke  hinaus  und  verwandelt  ihn  in
       "großen" Krieg,  aber ohne  die Voraussetzungen,  die Bedingungen
       und die Mittel des großen Krieges. Indes bleibt der letzte "Plan"
       Bonapartes wichtig.  Er ist  das Eingeständnis, daß andere Mächte
       auf den  Schauplatz treten  müssen, um den Krieg gegen Rußland zu
       führen, und daß das restaurierte Kaisertum sich zur Ohnmacht ver-
       dammt sieht,  einen Krieg  gegen Rußland, der nur in europäischem
       Maßstab geführt  werden kann,  in lokalem Maßstab zu führen. Alle
       grotesken Metamorphosen, die [wie] die "idées napoléoniennes" 1*)
       [117] in  dem restaurierten Kaisertum untergingen, werden überbo-
       ten von  der Verwandlung  des napoleonischen Kriegs gegen Rußland
       in einen "lokalen Krieg".
       In der  D e b a t t e  ü b e r  d i e  A d m i n i s t r a t i v-
       r e f o r m,   die heute  abend wieder  aufgenommen wird, bot das
       Amendement, das Bulwer im Namen der Tories stellte, der Regierung
       Gelegenheit, die  "Administrativen" [140] mit einer Majorität von
       7 gegen  1 zu  schlagen. Was  die Debatte durchgängig charakteri-
       sierte,  war  der    S u b a l t e r n b e a m t e n c h a r a k-
       t e r,   über den  sie sich keinen Augenblick erhob. Details über
       Favoritismus  und  Nepotismus,  Untersuchungen  über  das  "beste
       Examen", Grollen über zurückgesetztes Verdienst - alles war klein
       und kleinlich.  Man glaubte  die Beschwerdeschrift  eines  Unter-
       försters an  ein hochlöbliches Regierungskollegium zu hören. Auch
       Aberdeen hatte  seine Reform der Bürokratie in petto, versicherte
       Gladstone. Auch  Derby, versicherte  Disraeli. Nicht  minder mein
       Ministerium, versicherte Palmerston. Die Cityherren brauchen sich
       also nicht in Bewegung zu setzen, um unsere Büros zu reformieren,
       zu informieren, zu reorganisieren. Gar zu gütig!
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       1*) "napoleonischen Ideen"
       
       #312# Karl Marx/Friedrich Engels
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       In ihren  frühern Agitationen  überrumpelte die  englische  Bour-
       geoisie die  regierende Kaste  und zog  die Masse  als Chor  nach
       sich, weil sie in ihrem Programm weit über ihren wirklichen Zweck
       hinausging. Diesmal  wagt sich  das Programm  nicht einmal zu der
       Höhe des wirklichen Zwecks hinauf. Ihr versichert der Reihe nach,
       daß ihr  nicht den  Sturz der  Aristokratie, sondern  nur freund-
       schaftlich mit  uns die Regierungsmaschine ausflicken wollt! Very
       well! Freundschaft  für Freundschaft!  Wir wollen  für  euch  die
       Administration reformieren  - natürlich innerhalb ihrer traditio-
       nellen Grenzen.  Die "Administrativreform"  ist kein  Streitpunkt
       zwischen Klasse und Klasse, wie ihr beteuert. Es handelt sich nur
       um die "Sache", um "wohlgemeinte" Reformen. Als ersten Beweis eu-
       rer guten  Meinung verlangen  wir, daß ihr uns selbst die Details
       überlaßt, und  es handelt  sich nur um Details. Wir selbst müssen
       am besten  wissen, wie  weit wir gehen können, ohne unsere Klasse
       zu gefährden,  ohne daß  die Administrativreform aus Versehen ein
       Streitpunkt zwischen  Klasse und  Klasse wird und ihren menschen-
       freundlichen Charakter einbüßt. Die reformierende Bourgeoisie ist
       genötigt, auf  diese ironische  Sprache aristokratischer   B o n-
       h o m i e   einzugehen, weil  sie selbst  eine falsche Sprache zu
       den Massen spricht. Die Aristokratie, Ministerium und Opposition,
       Whigs und  Tories  täuschten  sich  keinen  Augenblick  über  das
       Verhältnis der  Administrativreformer zur  Masse. Sie wußten, daß
       die Agitation gescheitert war, ehe sie sich noch im Parlamente zu
       produzieren Gelegenheit  fand. Und wie sollten sie sich täuschen?
       Obgleich die  Reform-Assoziation nur Auserwählte zu ihrem Meeting
       im Drury-Lane[-Theater]  zuließ, obgleich  ihre Audienz zwei- und
       dreifach gesichtet  war, blieb  ihre Furcht  vor einem  populären
       Antrag oder auch nur einer unreglementsmäßigen Rede so übermäßig,
       daß der  Präsident  bei  Eröffnung  des  Meetings  erklärte,  die
       Audienz sei  nur da,  um' die  "Anreden der  im Programm angekün-
       digten Redner  zu hören",  keine "Anträge"  würden zur Abstimmung
       vorgeschlagen, es  könnten "daher  auch keine  Amendements einge-
       bracht werden"  und es könne "keine Zufügung zur Liste der einge-
       schriebenen Redner" stattfinden. Eine  s o l c h e  Agitation ist
       in der Tat nicht geeignet, der zähen englischen Oligarchie zu im-
       ponieren und Zugeständnisse abzupressen.
       Der   B e r i c h t  d e s  R o e b u c k - K o m i t e e s,  der
       vorgestern im  Unterhaus verlesen  wurde, hüllt  seine Pointen in
       breiten und  schwächlichen Wortschwall. Er enthält ängstlich for-
       mulierten Tadel  der verschiedenen  Detachements, wie  der Ordon-
       nanz, des  Kommissariats, des  medizinischen Departements usw. Es
       verdammt Palmerston  wegen seiner  Verwaltung der  Miliz und  das
       ganze Koalitionsministerium  wegen des  bedachtlosen Leichtsinns,
       womit es  die Expedition von Sewastopol unternahm. Da das Komitee
       während des Zeugenverhörs
       
       #313# Bericht des Roebuck-Komitees
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       überall vermied,  die letzten  Gründe der ungeheuren Mißgeschicke
       zu erfahren, ist es natürlich auch im Bericht gezwungen, zwischen
       ganz allgemeinem  Tadel der  politischen Häupter und ins einzelne
       sich verlierendem Makel der administrativen Werkzeuge die Schwebe
       zu halten.  Im ganzen  hat das  Komitee seinen Zweck erfüllt, als
       Sicherheitsventil gegen  den Hochdruck  der öffentlichen  Leiden-
       schaft zu dienen.
       Die Tagespresse  stößt einen Schrei der Entrüstung gegen den rus-
       sischen "Meuchelmord"  bei Hangö  aus. Daß  indes Schiffe mit der
       Friedensflagge zum Sondieren mit dem Senkblei und zum Ausspionie-
       ren russischer  Positionen von  den Engländern  mißbraucht worden
       sind, z.B.  bei Sewastopol und Odessa, gesteht der "Morning Chro-
       nicle" zu.

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