Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Karl Marx
Kirchliche Agitation - [Eine Demonstration im Hyde Park]
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 295 vom 28. Juni 1855]
London, 25. Juni. Alt und historisch ist die Lehre, daß überlebte
gesellschaftliche Mächte nominell noch im Besitz aller Attribute
der Gewalt, nachdem ihr Daseinsgrund längst unter ihren Füßen
weggemodert - fortvegetierend, weil unter den Erben schon Hader
über den Antritt der Hinterlassenschaft ausgebrochen, bevor der
Totenzettel gedruckt und das Testament eröffnet ist -, sich vor
dem letzten Todeskampf noch einmal zusammenfassen, aus der Defen-
sive in die Offensive übergehen, herausfordern statt auszuwei-
chen, und extremste Schlüsse aus Prämissen zu ziehen suchen, die
nicht nur in Frage gestellt, sondern schon verurteilt sind. So
jetzt die englische Oligarchie. So die K i r c h e, ihre Zwil-
lingsschwester. Unzählig sind die Versuche innerhalb der Staats-
kirche, der hohen und der niedern, sich zu reorganisieren, die
Versuche, sich mit den Dissidenten [193] auszugleichen und so der
profanen Masse der Nation gegenüber eine kompakte Macht herzu-
stellen, rasch aufeinanderfolgend die religiösen Zwangsmaßregeln
- der fromme Graf Shaftesbury, früher bekannt als Lord Ashley,
konstatierte jammernd im Oberhaus, daß in England allein 5 Mil-
lionen durchaus nicht nur der Kirche, sondern dem Christentum
entfremdet seien. "Compelle intrare" 1*), antwortet die Staats-
kirche. Sie überläßt es Lord Ashley und ähnlichen dissentieren-
den, sektiererischen und überreizten Frömmlern, die Kastanien aus
dem Feuer zu ziehen, die sie zu essen gedenkt.
Erstes religiöses Zwangsmittel war die Beer Bill 2*), die alle
öffentlichen Vergnügungsorte an Sonntagen schloß, mit Ausnahme
von 6 bis 10 Uhr abends. Sie wurde in einem dünnen Hause am
Schluß der Sitzung durchgeschmuggelt, nachdem die Frommen die Un-
terstützung der großen Bierwirte von London
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1*) "Nötige sie, hereinzukommen" - 2*) Bierbill
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dadurch erkauft, daß sie ihnen die Fortdauer des Patentsystems,
d.h. des Monopols der großen Kapitalien, garantiert hatten. Dann
kam die Sunday Trading Bill 1*), die jetzt in dritter Lesung
durch die Gemeinen gegangen und deren einzelne Klauseln eben im
Komitee des ganzen Hauses debattiert worden. [194] In dieser
neuen Zwangsmaßregel war wieder die Stimme des großen Kapitals
gesichert, weil nur Kleinkrämer am Sonntag handeln und das große
Warenhaus durchaus bereit ist, die Sonntagskonkurrenz der kleinen
Butike parlamentarisch aus dem Wege zu räumen. In beiden Fällen
Verschwörung der Kirche mit dem Monopol des Kapitals, aber in
beiden Fällen religiöse Strafgesetze gegen die niedern Klassen
zur Beruhigung des Gewissens der vornehmen Klassen. Die Beer Bill
traf ebensowenig die aristokratischen Klubs, wie die Sunday Tra-
ding Bill vornehme Sonntagsbeschäftigungen trifft. Die Arbeiter-
klasse empfängt ihren Arbeitslohn spät am Sonnabend; nur für sie
existiert daher der Sonntagshandel. Nur sie ist gezwungen, am
Sonntag ihre kleinen Einkäufe zu machen. Nur gegen sie ist daher
die neue Bill gerichtet. Im 18. Jahrhundert sagte die französi-
sche Aristokratie: Für uns Voltaire, für das Volk die Messe und
der Zehnte. Im 19. Jahrhundert sagt die englische Aristokratie:
Für uns die frömmelnde Phrase, für das Volk die christliche Pra-
xis. Die klassischen Heiligen des Christentums kasteiten
i h r e n Leib für das Seelenheil der Masse; die modernen, ge-
bildeten Heiligen kasteien den L e i b d e r M a s s e für
ihr eignes Seelenheil.
Dieses Bündnis einer liederlichen, verfallenden und genußsüchti-
gen Aristokratie mit der Kirche, gestützt auf schmutzige Profit-
Kalküls von Biermagnaten und monopolisierenden Großkrämern, rief
gestern eine M a s s e n d e m o n s t r a t i o n im Hyde Park
hervor, wie London sie seit dem Tode Georgs IV., des "ersten
Gentleman von Europa", nicht mehr erlebt hat. Wir waren Zuschauer
von Beginn bis zum Schlüsse, und wir glauben nicht zu übertrei-
ben, wenn wir versichern, daß g e s t e r n i m H y d e
P a r k d i e e n g l i s c h e R e v o l u t i o n b e-
g o n n e n h a t. Die letzten Nachrichten aus der Krim bil-
deten ein wesentliches Ferment dieser "unparlamentarischen'',
"außerparlamentarischen" und "antiparlamentarischen" Demonstra-
tion.
Lord Robert Grosvenor, der Urheber der Sonntagshandelsbill, hatte
dem Einwurf, sein Gesetz sei nur gegen die armen, nicht gegen die
reichen Klassen gerichtet, mit den Worten geantwortet:
"Die Aristokratie enthalte sich, in großem Maßstab ihre Diener
und ihre Pferde sonntags zu beschäftigen."
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1*) Bill über den Sonntagshandel
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In den letzten Tagen der vergangenen Woche war an allen Mauern
Londons folgendes großgedruckte, v o n d e n C h a r t i-
s t e n ausgehende Plakat zu lesen:
"N e u e S o n n t a g s b i l l zur Beseitigung von Zeitungen,
Rasieren, Rauchen, Essen und Trinken und aller Arten von Nahrung
und Erholung, leiblicher oder geistiger, die augenblicklich noch
vom a r m e n V o l k genossen werden. E i n M e e t i n g
i n f r e i e r L u f t von Handwerkern, Arbeitern und den
n i e d e r e n S t ä n d e n der Hauptstadt wird im Hyde Park
abgehalten werden, am Sonntag nachmittag, um zu sehen, wie reli-
giös die Aristokratie den Sabbat beobachtet und wie ängstlich sie
ist, ihre Diener und Pferde an diesem Tage nicht ins Werk zu set-
zen. Siehe Lord Robert Grosvenors Rede. Das Meeting ist zusammen-
berufen für 3 Uhr an der rechten Seite der Serpentine (Flüßchen
im Hyde Park) nach den Kensington Gärten zu. Kommt! Und bringt
eure Weiber und Familien mit euch! Damit sie profitieren von dem
Beispiel, das ihre 'Besseren' geben!"
Man muß nämlich wissen, daß, was Longchamps für die Pariser, der
Weg im Hyde Park längs der Serpentine für die englische Hautevo-
lée ist - der Platz, wo sie am Nachmittage, namentlich sonntags,
ihre Prunkkarossen und ihren Putz Revue passieren lassen und ihre
Rosse tummeln, gefolgt von Lakaienschwärmen. Man wird aus dem
obigen Plakat ersehen, wie der Kampf gegen Pfäfferei denselben
Charakter annimmt wie jeder ernstliche Kampf in England, den Cha-
rakter des K l a s s e n k a m p f e s von arm gegen reich,
Volk gegen Aristokratie, der "niederen" gegen die "besseren"
Ränge.
Um 3 Uhr waren auf dem angesagten Platze, auf dem rechten Ufer
der Serpentine, auf den ungeheuern Wiesen des Hyde Park, ungefähr
50 000 Menschen versammelt, die nach und nach durch Zugänge auch
vom linken Ufer zu wenigstens 200 000 anschwollen. Man sah klei-
nere Menschenknäuel von einem Punkt auf den andern fortgeschoben.
Die zahlreich aufgestellten Konstabler suchten offenbar den Urhe-
bern des Meetings zu entziehen, was Archimedes verlangte, um die
Welt aus den Angeln zu heben, einen festen Standpunkt. Endlich
faßte ein größerer Haufen Posto, und Bligh, der Chartist, kon-
stituierte sich als Präsident auf einer kleinen Anhöhe in der
Mitte des Haufens. Er hatte kaum seine Harangue begonnen, als Po-
lizeiinspektor Banks an der Spitze von 40 knüttelschwingenden
Konstablern ihm erklärte, der Park sei k ö n i g l i c h e s
Privateigentum, und man dürfe hier kein Meeting abhalten. Nach
einigen Pourparlers, worin Bligh ihm zu demonstrieren suchte, die
Parks seien Eigentum des Publikums, und worin Banks erwiderte, er
habe gemessenen Befehl, ihn zu arretieren, wenn er auf seinem
Vorhaben beharre, unter ungeheurem Gebrüll der umstehenden Masse,
rief Bligh:
"Ihrer Majestät Polizei erklären, daß der Hyde Park königliches
Privateigentum und daß Ihre Majestät dem Volke ihren Grund und
Boden nicht zu seinen Meetings leihen will. Vertagen wir uns da-
her nach Oxford Market."
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Unter dem ironischen Ruf: "God save the Queen!" entstrahlte sich
der Knäuel, um nach Oxford Market zu pilgern. Unterdes aber war
Finlen, Mitglied des Zentralchartistenkomitees [195], an einen
fernstehenden Baum gestürzt, Massen folgten ihm, umschlossen ihn
in einem Nu in einem so engen und dichten Zirkel, daß die Polizei
den Versuch aufgab, bis zu ihm vorzudringen.
"Wir sind 6 Tage in der Woche geknechtet, das Parlament will uns
noch das bißchen Freiheit am siebenten rauben. B u ß e wollen
sie tun, nicht an sich, sondern an uns, diese mit augenverdrehen-
den Pfaffen koalitionierten Oligarchen und Kapitalisten, für den
gewissenlosen Mord, womit sie die Kinder des Volks in der Krim
geopfert haben."
Wir verließen die Gruppe, um uns einer andern zu nähern, wo ein
Redner, der Länge nach auf den Boden gestreckt, in dieser hori-
zontalen Situation seine Audienz harangierte. Plötzlich erscholl
es von allen Seiten: "Hin zum Fahrweg, hin zu den Karossen!" Un-
terdes hatte der Insult auf Equipagen und Reiter schon begonnen.
Die Konstabier, die beständig Zuzüge aus der Stadt erhielten,
trieben die Spaziergänger weg von dem Fahrweg. Sie trugen so dazu
bei, auf beiden Seiten des Wegs dichte Menschenspaliere zu bil-
den, von Apsley-House Rotten-Row hinauf der Serpentine entlang
bis nach Kensington Garden, mehr als eine Viertelstunde in der
Ausdehnung. Das Publikum bestand zu etwa 2/3 aus Arbeitern, zu
1/3 aus Mitgliedern der Mittelklasse, alle mit Weibern und Kin-
dern. Die Schauspieler wider Willen, elegante Herrn und Damen,
"Gemeine und Lords" in hohen Staatskarossen, galonierte Diener-
schaft vorn und hinten, einzelne ältliche, von Portwein erhitzte
Herrn zu Pferde, passierten diesmal nicht Revue. Sie liefen
Spießruten. Ein Babylon aller höhnenden, provozierenden, übel-
klingenden Laute, an denen keine Sprache so reich wie die engli-
sche, umwogte sie bald von beiden Seiten. Da das Konzert improvi-
siert war, fehlte es an Instrumenten. Der Chor mußte daher von
seinen eignen Organen Gebrauch machen und sich auf Vokalmusik be-
schränken. Und ein diabolisches Konzert war es von grunzenden,
zischenden, pfeifenden, schnarrenden, knurrenden, murrenden, quä-
kenden, gellenden, ächzenden, rasselnden, quirksenden, knirschen-
den Tönen. Eine Musik, Menschen rasend zu machen und Steine zum
Bewußtsein zu bringen. Sonderbares Gemisch dazu von Ausbrüchen
echten altenglischen Humors und lang verhaltener kochender Wut.
"Go to the church!" (Geht zur Kirche!) war der einzige artiku-
lierte Laut, der sich unterscheiden ließ. Eine Lady streckte be-
schwichtigend ein orthodox-eingebundenes Prayerbook (Gebetbuch)
aus der Equipage hervor. "Give it to read to your
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horses!" (Gebt es euren Pferden zu lesen!), donnerte das tausend-
stimmige Echo zurück. Wenn die Pferde scheu wurden, bäumten,
bockten, ausrissen, Lebensgefahr ihrer eleganten Last drohte, er-
hob sich das Hohngeschrei lauter, drohender, unerbittlicher. Edle
Lords und Ladies, u.a. die Gräfin Granville, Frau des Ministers
und Präsidenten des Geheimen Rates, wurden gezwungen, auszustei-
gen und Gebrauch von ihren eigenen Füßen zu machen. Wenn ältliche
Gentlemen vorbeiritten, deren Tracht, namentlich der Hut mit
breiten Krempen, besondere Ansprüche auf Vollkommenheit im Glau-
ben kundgab, erlöschten alle Wuttöne, wie auf ein Kommando, in
unauslöschlichem Gelächter. Einem dieser Gentlemen riß die Geduld
aus. Er machte, wie Mephistopheles, eine unanständige Gebärde, er
streckte die Zunge dem Feinde entgegen. "He is a wordcatcher! a
parliamentary man! He fights with his own weapons!" (Er ist ein
Wortdrescher, ein Parlamentler, er kämpft mit seinen eigenen Waf-
fen!) erscholl es von der einen Seite des Weges. "He is a Saint!
he is psalm singing!" (Er ist ein Heiliger, er singt Psalmen!)
war die Antistrophe von der andern Seite. Unterdes hatte der me-
tropolitane 1*) elektrische Telegraph allen Polizeistationen an-
gekündigt, eine Erneute im Hyde Park stehe bevor, und sie auf das
Kriegstheater verordnet. In kurzen Zwischenräumen marschierte da-
her eine Polizeiabteilung nach der andern durch das doppelte Men-
schenspalier von Apsley-House nach Kensington Garden durch, je-
desmal empfangen mit dem Volksliede:
"Where are gone the geese?
Ask the police!"
(Wo sind die Gänse hin?
Fragt die Polizei!),
mit Anspielung auf einen notorischen Gänsediebstahl, den ein
Konstabler vor kurzem in Clerkenwell verübt. Drei Stunden währte
dieser Spektakel. Nur englische Lungen sind einer solchen Parfor-
cetour fähig. Während der Aufführung hörte man in den verschie-
denen Gruppen: "Dies ist nur der Anfang!" "Das ist der erste
Schritt!" "Wir hassen sie!" usw. Während auf den Gesichtern der
Arbeiter Wut zu lesen war, sahen wir nie vorher in den Physiogno-
mien der Mittelklassen ein so wohlgefälliges, selbstzufriedenes
Lächeln sich abspiegeln. Kurz vor Schluß steigerte sich die Hef-
tigkeit der Demonstration. Stöcke wurden gegen die Karossen ge-
schwungen, und die unendliche Lautdissonanz kam zu Wort in dem
Ausruf: "You rascals!" (Ihr
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1*) hauptstädtische
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Schurken!). Eifrige Chartisten und Chartistinnen durchwühlten
während der drei Stunden die Massen und teilten ihnen Druckzettel
aus, worauf in großen Buchstaben zu lesen:
"Reorganisation des Chartismus! Ein großes öffentliches Meeting
wird in dem literarischen und wissenschaftlichen Institut Friar
Street, Doktor Commons, nächsten Dienstag, den 26. Juni, abgehal-
ten werden zur Wahl von Abgeordneten zu einer Konferenz für die
Reorganisation des Chartismus in der Hauptstadt. Keine Eintritts-
karten."
Die Londoner Presse bringt heute im Durchschnitt nur einen kurzen
Bericht über das Ereignis im Hyde Park. Noch keine Leitartikel,
mit Ausnahme von Lord Palmerstons "Morning Post".
"Ein Schauspiel", sagt sie, "im höchsten Grad schmählich und ge-
fährlich, hat im Hyde Park stattgefunden, eine offene Verletzung
des Gesetzes und des Anstandes - eine illegale Einmischung durch
physische Gewalt, mit der freien Aktion der gesetzgebenden Ge-
walt. Die Szene darf sich nächsten Sonntag nicht wiederholen, wie
gedroht worden ist."
Zugleich aber erklärt sie den "fanatischen" Lord Grosvenor für
den einzig "verantwortlichen" Urheber des Unfugs und den Heraus-
forderer der "gerechten Erbitterung des Volkes " ! Als ob das
Parlament nicht Lord Grosvenors Bill in drei Lesungen angenommen!
Hat er etwa auch "durch physische Gewalt auf die freie Aktion der
Legislatur" eingewirkt?
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