Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       Karl Marx
       
       Mitteilungen verschiedenen Inhalts
       
       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 297 vom 29. Juni 1855]
       London, 26.  Juni. In  der gestrigen  Unterhaussitzung erhob sich
       Herr Otway:
       
       "Bezweckt Lord Palmerston irgendwelche Maßregeln zu ergreifen, um
       Lord Grosvenor zur Zurücknahme seiner Sunday Trading Bill zu ver-
       anlassen?" (Allgemeine cheers 1*).)
       
       Lord Palmerston:
       
       "Wenn mein  edler Freund"  (Grosvenor) "diese  allgemeinen cheers
       gehört hat,  denke ich,  wird er geneigt sein, sich nach ihnen zu
       richten." (Cheers.)
       
       Man sieht, die Massendemonstration im Hyde Park hat das Unterhaus
       eingeschüchtert. Es  läßt die  Bill fallen und macht bonne mine à
       mauvais jeu 2*). Die "Times" nennt die Sonntagsszene im Hyde Park
       "einen großen  Akt vergeltender Justiz", die Bill ein Produkt der
       "Klassengesetzgebung", "eine  Maßregel  organisierter  Heuchelei"
       und erlustigt sich über "die parlamentarische Theologie".
       Mit Bezug auf das Hangö-Massacre zeigt der Erste Lord der Admira-
       lität, Sir  Charles Wood, an, er habe heute Depeschen vom Admiral
       Dundas erhalten. Dadurch seien durch das Feuer der Russen getötet
       worden 5 Seeleute und der finnische Kapitän, verwundet und gefan-
       gengenommen 4  Seeleute und  2 Finnen, gefangengenommen ohne Ver-
       wundung 3 Offiziere, 4 Seeleute und 2 Finnen. Admiral Dundas habe
       einen Brief an den Gouverneur von Helsingfors gerichtet, die Tat-
       sachen konstatiert  und in entschiedenster Weise remonstriert ge-
       gen den abscheulichen Akt, auf ein Boot
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       1*) Beifall - 2*) gute Miene zum bösen Spiel
       
       #329# Mitteilungen verschiedenen Inhalts
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       unter Friedensflagge  zu feuern.  Er habe  eine Antwort erhalten,
       worin der  Gouverneur  den  Akt  entschuldige  und  gewissermaßen
       r e c h t f e r t i g e.   Er erkläre, ihrer eignen Aussage gemäß
       hätten Offiziere  und  Soldaten  die  Friedensflagge    n i c h t
       g e s e h e n.   Sie seien  erbittert gewesen, weil bei verschie-
       denen  a n d e r e n  G e l e g e n h e i t e n  Schiffe die rus-
       sische Flagge aufgezogen hätten und in Zeitungen berichtet stehe,
       wie englische  Schiffe   a n d e r s w o   die Friedensflagge be-
       nutzt hätten,  um mit dem Senkblei zu sondieren. Die ganze Recht-
       fertigung beschränkt sich also auf die Kurzsichtigkeit der russi-
       schen Soldaten  und Offiziere.  Jedenfalls ist es ein Zeichen der
       Zivilisation, daß russische Soldaten Zeitungen lesen und von Zei-
       tungsberichten "erbittert" werden.
       Die  A d m i n i s t r a t i v e n  [140] haben ein neues Meeting
       im Drury-Lane[-Theater]  für morgen angekündigt. Wie früher: Mee-
       ting mit Einlaßkarten und vorherbestellten Rednern. Pontius Pila-
       tus  fragte:   Was  ist  Wahrheit?  Palmerston  fragte:  Was  ist
       V e r d i e n s t?   Die Administrativen  haben geantwortet: Ver-
       dienst ist,  was ein Mann jährlich verdient. Demgemäß haben diese
       Reformer eine  Umwandlung in  ihrer innern Organisation vorgenom-
       men. Früher  wurden die  Mitglieder des  Generalkomitees - in der
       Tat selbsterwählt  - einer Scheinwahl durch allgemeine Abstimmung
       der Assoziation  unterworfen. Nun  wird selbstredend Mitglied des
       Generalkomitees, wer  50 und  mehr Pfund  Sterling jährliche Sub-
       skription zahlt. Früher wurde die Zehn-Guineen- und die Eine-Gui-
       nee-Klausel für  hinreichend erachtet,  um die  "Bewegung"  gegen
       plebejische Zudringlichkeit  zu schützen.  Jetzt werden die Zehn-
       Guineen-Herren nicht  mehr für hinreichend "respektabel", und die
       Ein-Guinee-Personen völlig  als "Mob"  betrachtet. Es heißt wört-
       lich in den Plakaten, die das Meeting anzeigen:
       
       "Zulassung nur  auf Eintrittskarte,  die von Mitgliedern erhalten
       werden kann.  Subskribenten von 50 Pfund und mehr sind Mitglieder
       des Generalkomitees,  Subskribenten von  zehn Guineen  und  einer
       Guinée sind Mitglieder der Assoziation."
       
       Die Rechte  der Mitglieder  innerhalb der  Assoziation sind  also
       durch eine gleitende Skala von Guineen auskalkuliert. Die nackte,
       unverbrämte Herrschaft  der Guineen  ist brutal  proklamiert. Die
       Cityreformer haben  ihr Geheimnis  ausgeplaudert. Welche Agitato-
       ren! Die letzten Zeiten waren ihnen zudem nicht günstig. Drummond
       warf ihnen  offen im  Parlament "systematische  Immoralität"  und
       "Korruption" vor.  Und welche  Illustrationen der  Reinheit ihrer
       Klasse folgten  sich Schlag auf Schlag, wie auf ein Kommandowort!
       Erst bringt  das "Lancet" (medizinische Zeitschrift) Beweise, daß
       die Verfälschung und Vergiftung aller Waren und Lebensmittel sich
       keineswegs auf  Kleinkrämer beschränkt,  sondern  vom  Großhandel
       prinzipiell betrieben
       
       #330# Karl Marx
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       wird. Dann  verlautet, daß "respektable" Cityfirmen falsche dock-
       warrants 1*) zirkuliert haben. Endlich der große fraudulente, mit
       direktem Diebstahl  an deponierten  Sicherheiten verbundene Bank-
       rutt der  Privatbank von  Strahan, Sir  Jones Paul  und Bates. In
       letzterem Falle hat die Aristokratie dem "administrativen" Talent
       der Cityherren  huldigen gelernt,  denn die Bank "administrierte"
       vor allen  aristokratische Guineen. Palmerston ist Dulder, so der
       Marquis von Clanricarde, und Admiral Napier hat beinahe sein gan-
       zes Vermögen  eingebüßt. Die  K i r c h e  ist auch um viel irdi-
       sches Hab  gekommen, da die Herren Strahan, Paul und Bates in ei-
       nem  besonderen  Geruch  der  Heiligkeit  standen,  Meetings  zur
       "Heidenbekehrung" in Exeter Hall gelegentlich präsidierten, unter
       den ersten  Subskrihenten der  Gesellschaft für  "die Verbreitung
       der Bibel" figurierten und sich im Vorstande des "Vereins zur Re-
       form von  Verbrechern" befanden.  Ihr Glaube  hatte ihnen  Kredit
       verschafft. Sie  waren die  Lieblingsbank geistlicher  Herren und
       freier Stiftungen.  Aber ihr  "administratives" Talent hat nichts
       verschont, von Witwen- und Waisengeldern bis zu den Sparpfennigen
       von Matrosen  hinab.  Warum  sie  nicht  zur  Administration  der
       "Staatsgelder" zulassen, nach der sie jetzt die Hand ausstrecken?
       
       "Es zeigen sich jetzt", ruft wehmütig die "Daily News", das Organ
       par excellence  der Cityreformer, "Symptome unter uns, die bewei-
       sen, daß keine Zeit zu verlieren, um einen Fall von dem hohen un-
       moralischen Tone unter den industriellen Klassen vorzubringen."
       
       Die Krise  der Herren Strahan und Komp. hat natürlich einen "Run"
       des Publikums auf die Kassen der City-Privatbanken hervorgerufen,
       die bis dahin für ungleich respektabler galten als die Aktienban-
       ken.  Schon   sehen  sich  die  großen  Privatbankiers  genötigt,
       "öffentlich" sich  zur wechselseitigen  periodischen Einsicht  in
       den Bestand  der bei  ihnen deponierten Sicherheiten aufzumuntern
       und ebenso ihre Kunden zur augenscheinlichen Besichtigung der ih-
       nen anvertrauten  Effekten  durch  die  "Times"  einzuladen.  Ein
       andrer Umstand, der den reformierenden Cityherrn durchaus ungele-
       gen kommt,  ist folgender:  Einer ihrer Könige, Rothschild, steht
       bekanntlich als  ihr erwählter  Repräsentant an  der Schwelle des
       Unterhauses, ohne  in das  Allerheiligste zugelassen  zu  werden,
       weil er  nicht den  "Eid eines wahren Christen" [33] schwören und
       Lord  John   Russell,   sein   Kollege,   die   Judenbill   nicht
       "realisieren" will.  Nun erhebt sich gestern Duncombe, hat ausge-
       spürt, daß  einem Parlamentsakt  von 1782 gemäß jeder Deputierte,
       der einen Lieferungsköntrakt mit der
       
       #331# Mitteilungen verschiedenen Inhalts
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       Regierung  n a c h  seiner Wahl geschlossen, seines Sitzes im Un-
       terhause verlustig geht, daß Rothschild die letzte Anleihe von 16
       Millionen Pfd.  St. übernommen, und zeigt daher an, daß er morgen
       abend die  Ausschreibung einer  neuen Citywahl  beantragen werde.
       Noch mehr.  Malins folgt  Duncombe auf  dem Fuße nach und kündigt
       einen ähnlichen  Antrag gegen   L i n d s a y  an, der in der Re-
       formdebatte von Sir Charles Wood offen angeklagt sei, Lieferungs-
       kontrakte für  Schiffe mit  der Regierung  geschlossen zu  haben,
       während er als Parlamentsmitglied sitzt und saß. Der Inzident ist
       nicht  nur  wichtig  wegen  der  kompromittierten  Personen,  ein
       Citymagnat und  ein Cityreformmagnat! Er ist wichtig, weil er dem
       Publikum ins  Gedächtnis ruft,  daß Pitt, Perceval und Liverpool,
       die sich über den Akt von 1782 hinwegsetzten, gerade in den Groß-
       würdenträgern der  City, den Kontrahenten von Anleihen und Liefe-
       rungen für  die Regierung  in und  außerhalb des  Parlaments ihre
       Grundpfeiler fanden.  Diese Finanzaristokratie - damals korrupter
       wie unter Louis-Philippe - war die Seele des Antijakobinerkriegs.
       Während sie  seine  goldenen  Hesperiden-äpfel  pflückte,  demon-
       strierte sie der Nation in berüchtigten Citymeetings, daß
       
       "sie Geld und Blut opfern müsse, um die gebenedeiten Komforts un-
       srer heiligen  Religion vor den altarschänderischen Franzosen und
       sich selbst  vor der  düstern Verzweiflung  des Atheismus zu ret-
       ten".
       
       So, zur ungelegensten Zeit, wird die Nation erinnert, daß die ge-
       gen die  Oligarchie rebellierende  City das  Treibhaus war, worin
       dieselbe Oligarchie großwuchs und ihre üppigsten Blüten trieb.

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