Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
zurück
#33#
-----
Karl Marx
Der Sturz des Ministeriums Aberdeen
["New-York Daily Tribune" Nr. 4316 vom 17. Februar 1855]
London, Freitag, 2. Februar 1855 In der ganzen Geschichte der Re-
präsentatiwerfassung hat noch niemals ein Ministerium so schimpf-
lich abtreten müssen wie das gepriesene Kabinett "aller Talente"
in England. In die Minderheit kann jeder einmal kommen, aber mit
305 Stimmen gegen 148, also mit mehr als zwei zu eins zu unter-
liegen, und das in einer Versammlung wie im Unterhaus von Groß-
britannien, diese Auszeichnung blieb derPlejade der genialen
Köpfe vorbehalten, die ce cher 1*) Aberdeen anführte.
Kein Zweifel, das Kabinett wußte, daß seine Tage gezählt waren,
sobald das Parlament zusammentrat. Die skandalösen Vorgänge auf
der Krim, der vollständige Zusammenbruch der Armee, die Hilflo-
sigkeit aller derer, die an der Führung des Krieges beteiligt wa-
ren, die Entrüstung im Lande, genährt durch die Ausfälle der
"Times", die offenbare Entschlossenheit John Bulls, endlich zu
erfahren, wer zu tadeln sei, oder wenigstens seinen Zorn an dem
einen oder andern auszulassen - alles das mußte dem Kabinett be-
weisen, daß die Zeit gekommen war, sein Haus zu bestellen.
Drohende Anfragen und Motionen wurden sofort in großer Zahl an-
gekündigt; vor allem drohte die Motion des Herrn Roebuck über die
Einsetzung einer Kommission zur Untersuchung der Führung des
Krieges und der Tätigkeit aller Personen, die irgendwie für seine
Leitung verantwortlich waren. Das brachte die Dinge sogleich zur
Entscheidung. Lord John Russells politisches Fingerspitzengefühl
ließ ihn sofort begreifen, daß diese Motion trotz der Minderhei-
ten [36] adoptiert werden würde, und ein Staatsmann wie er, der
mehr Minderheiten als Lebensjahre aufzuweisen hat, konnte es sich
-----
1*) dieser liebe
#34# Karl Marx
-----
nicht gut leisten, nochmals überstimmt zu werden. Dementsprechend
hielt Lord John Russell mit der ihm eigenen Kleinmütigkeit und
rabulistischen Gemeinheit - Eigenschaften, die während seiner
ganzen Laufbahn sichtbar sind hinter einer Hülle von wichtigtue-
rischer Geschwätzigkeit und konstitutioneller Engstirnigkeit -
"Vorsicht für den besseren Teil der Tapferkeit" [37] und machte
sich aus seinem Amte fort, ohne auch nur seine Kollegen hiervon
zu benachrichtigen. Obgleich er ein Mann ist, der schwerlich er-
warten kann, irgendwo vermißt zu werden, scheint es dennoch, daß
"alle Talente" durch seinen plötzlichen Rücktritt völlig aus der
Fassung gebracht wurden. Einmütig verdammte die englische Presse
den kleinen Staatsmann, aber was hatte das zu bedeuten? Die ganze
Presse und alle ihre Verdammungsurteile konnten dem ministeriel-
len Drunter und Drüber kein Ende bereiten; und in diesem Zustand
der Desorganisation, als der Herzog von Newcastle vom Kriegs-
ministerium zurücktrat und Lord Palmerston es noch nicht in Be-
sitz genommen hatte, mußte das Kabinett Herrn Roebucks schreckli-
cher Motion gegenübertreten.
Herr Roebuck ist ein kleiner Advokat, der ein ebenso drolliger
wie harmloser kleiner Whig wäre wie Lord John Russell, hätte er
nur in seiner parlamentarischen Laufbahn mehr Erfolg gehabt. Aber
dem ci-devant 1*) Anwalt ohne Praxis und jetzigen parlamentari-
schen Salbader blieb es trotz seiner ganzen Pfiffigkeit und Ge-
wandtheit versagt, irgendwie nennenswertes politisches Kapital
anzuhäufen. Obgleich er gewöhnlich als eine Art geheimer und ver-
traulicher Zuträger jedes Whig-Ministeriums auftrat, glückte es
ihm nie, jene Stellung zu erlangen, die, das höchste Ziel aller
britischen Liberalen, einen "Posten" sichert. Getäuscht in seinen
süßesten Hoffnungen, unterschätzt von seiner eigenen Partei, ver-
höhnt von seinen Gegnern, fühlte unser Freund Roebuck, daß in
seiner Brust die Milch der frommen Denkungsart allmählich sauer
zu werden begann, und wurde nach und nach zum gehässigsten, unge-
selligsten, unangenehmsten und aufgebrachtesten kleinen Köter,
der je im Sitzungssaal eines Parlaments gebelfert hat. In dieser
Eigenschaft diente er nacheinander allen, die sich seiner zu be-
dienen wußten, ohne je Ansprüche auf die Dankbarkeit oder Achtung
irgendeiner Partei zu erwerben; und niemand wußte besseren Nutzen
aus ihm zu ziehen als unser alter Freund Palmerston, zu dessen
Benefiz er wieder am 26. vorigen Monats auftreten mußte.
Herrn Roebucks Motion konnte so, wie sie tatsächlich war, in ei-
ner Versammlung wie das britische Unterhaus, kaum irgendwelchen
Sinn haben.
-----
1*) ehemaligen
#35# Der Sturz des Ministeriums Aberdeen
-----
Jeder weiß, wie schwerfällig, träge und zeitraubend die Kommis-
sionen des Unterhauses arbeiten; eine Untersuchung der Führung
dieses Krieges durch eine solche Kommission hätte nicht den ge-
ringsten praktischen Zweck, denn ihre Resultate kämen um viele
Monate zu spät, um noch etwas gutzumachen - vorausgesetzt, daß
bei der Untersuchung überhaupt etwas Gutes herauskäme. Nur in
einer revolutionären, diktatorischen Versammlung, wie es etwa der
französische Nationalkonvent von 1793 war, könnten solche
Kommissionen Gutes tun. Aber da ist die Regierung selbst nichts
anderes als eine solche Kommission; ihre Vertreter sind die
Kommissäre der Versammlung selbst, und daher würden in einer
solchen Versammlung derartige Motionen überflüssig sein. Dennoch
hatte Herr Sidney Herbert nicht ganz unrecht, als er darauf
hinwies, die Motion habe einen etwas unkonstitutionellen Charak-
ter (sicher ganz unabsichtlich seitens des Herrn Roebuck), und
als er mit der an ihm gewohnten historischen Genauigkeit fragte,
ob das Unterhaus gesonnen sei, Kommissäre nach der Krim zu
senden, so wie es das D i r e k t o r i u m (sic! 1*)) gegen-
über General Dumouriez getan habe. Nebenbei sei eins bemerkt:
diese selbe köstliche Chronologie läßt das Direktorium (gestiftet
1795) Kommissäre zu Dumouriez senden, die von diesem General be-
reits 1793 arretiert und an Österreich ausgeliefert worden waren.
Diese Chronologie bildet ein würdiges Seitenstück zu der Ver-
wirrung in Zeit und Raum, die in allen Taten des Herrn Sidney
Herbert und seiner Kollegen vorherrscht. Um aber auf Herrn Roe-
bucks Motion zurückzukommen, so diente der erwähnte Formfehler
darin einer Unmenge von Stellenjägern als Vorwand, nicht dafür zu
stimmen und sich für jede mögliche Kombination frei zu halten.
Und doch war die Mehrheit gegen die Minister so überwältigend
groß!
Die Debatte selbst zeichnete sich besonders durch die Streitig-
keiten aus, die die verschiedenen Departements der Regierung un-
tereinander ausfochten. Jeder suchte die Schuld auf den andern zu
schieben. Sidney Herbert, der Staatssekretär für das Kriegswesen,
sagte, die ganze Schuld liege am Transportdienst; Bernai Osborne,
Sekretär der Admiralität, erklärte, nur das verderbte, morsche
System der Horse Guards [38] sei die Ursache des ganzen Unheils;
Admiral Berkeley, einer der Lords der Admiralität, gab Herrn Her-
bert ziemlich deutlich den Rat, sich an die eigene Nase zu fassen
etc. Im Oberhaus wurden zur selben Zeit ähnliche Liebenswürdig-
keiten zwischen dem Kriegsminister, dem Herzog von Newcastle, und
dem Oberbefehlshaber, Viscount Hardinge, ausgetauscht. Herrn Her-
berts Position wurde in der Tat durch Lord John Russell außeror-
dentlich erschwert, der bei der Erklärung
-----
1*) so! wirklich so!
#36# Karl Marx
-----
über seinen Rücktritt zugab, daß alles, was die Presse über den
Zustand der Krimarmee gesagt hatte, dem Wesen nach richtig und
die Lage der Truppen "schrecklich und herzzerreißend" sei. Darauf
blieb Sidney Herbert nichts übrig, als die Tatsachen ohne Murren
zuzugeben und eine Reihe außerordentlich lahmer und teilweise un-
begründeter Entschuldigungen vorzubringen. Er mußte die völlige
Unfähigkeit und Desorganisation der militärischen Verwaltung so-
gar ganz ausdrücklich zugestehen. Es war uns verhältnismäßig
leicht gelungen, sagte Herbert, 240 000 Tonnen der verschieden-
sten Vorräte und eine zahlreiche Armee nach einer Reise von drei-
tausend Meilen bis nach Balaklawa zu bringen - und nun folgt eine
feurige Aufzählung all der Uniformen, Zelte, des Proviants und
sogar der Luxusartikel, die der Armee im Überfluß geschickt wur-
den. Aber ach, nicht in Balaklawa brauchte man die Dinge, sondern
sechs Meilen weiter aufwärts im Lande. Dreitausend Meilen weit
konnte man alle diese Vorräte transportieren, aber dreitausen-
dundsechs - unmöglich! Die Tatsache, daß sie sechs Meilen weiter
gebracht werden mußten, hat alles zuschanden gemacht!
Immerhin hätte seine um Nachsicht bittende Haltung etwas Mitleid
für ihn erwecken können, wären nicht die Reden von Layard, Staf-
ford und seinem eigenen Kollegen Gladstone gewesen. Die beiden
ersteren Unterhausmitglieder waren erst kürzlich von einer Reise
nach dem Osten zurückgekehrt; sie hatten mit eigenen Augen gese-
hen, was sie erzählten. Und weit davon entfernt, nur das zu wie-
derholen, was die Zeitungen bereits veröffentlicht hatten, brach-
ten sie Beispiele von Vernachlässigung, verkehrter Verwaltung und
Unfähigkeit, beschrieben sie Greuelszenen, die bei weitem alles
bisher bekannt gewordene übertrafen. Pferde wurden auf Segel-
schiffen von Varna nach Balaklawa transportiert, ohne daß es Fut-
ter für sie gab; Tornister machten fünf- oder sechsmal die Reise
von der Krim nach dem Bosporus, indes die Soldaten hungerten,
froren und durchnäßt waren wegen des Fehlens der in den
Tornistern befindlichen Kleidungsstücke. "Rekonvaleszenten"
wurden zum aktiven Dienstauf die Krim zurückgeschickt, während
sie noch zu schwach waren, auf ihren Füßen zu stehen; die Kranken
und Verwundeten waren in Skutari wie auch in Balaklawa und auf
den Transportschiffen einer schändlichen Vernachlässigung, dem
Mangel und dem Schmutz ausgesetzt. Alles dies ergab ein Bild,
demgegenüber die Schilderungen der "eigenen Korrespondenten" oder
der Privatbriefe aus dem Osten vollständig verblassen.
Um die entsetzliche Wirkung dieser Schilderungen zu verwischen,
mußte die weise Selbstgefälligkeit des Herrn Gladstone in die
Bresche springen, und zum Unglück für Sidney Herbert zog er alle
Eingeständnisse zurück, die seine Kollegen am ersten Abend der
Debatte gemacht hatten. Roebuck hatte
#37# Der Sturz des Ministeriums Aberdeen
-----
Herbert geradezu gefragt: Sie sandten 54 000 Mann aus England
weg, jetzt sind nur 14 000 unter Waffen; was ist aus den übrigen
40 000 geworden? Herbert antwortete Roebuck einfach, indem er
daran erinnerte, daß einige von ihnen schon in Gallipoli und
Varna gestorben seien; er habe nie die allgemeine Richtigkeit der
angegebenen Ziffern der Toten und Kampfunfähigen in Zweifel ge-
stellt. Gladstone zeigt sich nun aber besser informiert als der
Staatssekretär für das Kriegswesen und stellt "laut Datum der zu-
letzt eingegangenen Berichte" fest, die Zahl der Truppen betrage
nicht 14 000, sondern 28 200 Mann, außer den 3000 bis 4000 See-
soldaten und Matrosen, die am Land dienen. Gladstone hütet sich
selbstverständlich, zu verraten, "welches Datum diese letzten Be-
richte" tragen. Aber angesichts der beispiellosen Faulheit, die
in allen Instanzen und besonders im Brigade-, Divisions- und Ge-
neralstab herrscht und in dem verspäteten Eintreffen der Verlust-
listen zum Ausdruck kommt, sind wir wohl berechtigt, anzunehmen,
daß die wunderbaren Berichte des Herrn Gladstone etwa das Datum
des 1. Dezember 1854 tragen und noch eine große Zahl von Leuten
aufführen, die in den auf dieses Datum folgenden sechs Wochen
durch schlechtes Wetter und Überanstrengung endgültig aufgerieben
wurden. Gladstone scheint wirklich jenen blinden Glauben an offi-
zielle Dokumente zu haben, den er bei früheren Anlässen vom Pu-
blikum für seine Finanzaufstellungen erwartete.
Ich will keine längere Analyse der Debatte anstellen. Außer einer
Menge von Dii minorum gentium 1*) sprach noch Disraeli, ebenfalls
Walpole, der letzte Tory-Minister des Innern, und endlich Palmer-
ston, der "edelmütig" für seine verleumdeten Kollegen eintrat.
Nicht ein Wort hatte er während des ganzen Verlaufs der Debatte
gesagt, ehe er sich nicht vergewissert hatte, wohin der Kurs
gehe. Dann, und erst dann erhob er sich. Die Gerüchte, die durch
ihre Zuträger zur Ministerbank gebracht wurden, die allgemeine
Stimmung des Hauses machten eine Niederlage gewiß - eine Nieder-
lage, die seine Kollegen ruinieren, ihm aber nichts anhaben
konnte. Obzwar er scheinbar mit den übrigen abtreten mußte, so
war er doch seiner Position so sicher, war er so überzeugt, durch
ihren Rücktritt zu profitieren, daß er es fast als eine Höflich-
keitspflicht empfand, sie hinauszugeleiten. Und dieser Pflicht
entledigte er sich durch seine Rede unmittelbar vor der Abstim-
mung.
Palmerston hat in der Tat die ihm zu Gebot stehenden Mittel ge-
schickt ausgenutzt. Gelegentlich der Affäre Pacifico [39] zum
"wahrhaft englischen Minister" erklärt, hat er diese Rolle seit-
her stets zu spielen verstanden, und zwar in einem solchen Maße,
daß John Bull trotz aller erstaunlichen
-----
1*) niederen Göttern
#38# Karl Marx
-----
Enthüllungen sich jedesmal an eine fremde Macht verkauft wähnte,
sobald Palmerston das Auswärtige Amt verließ. Durch Lord John
Russell in höchst unzeremonieller Weise aus diesem Amt vertrie-
ben, erzwang er von diesem kleinen Mann durch Drohungen Still-
schweigen über den Grund jener Vertreibung, und von diesem Augen-
blick an wandte sich dem "wahrhaft englischen Minister" neues In-
teresse zu, als dem unschuldigen Opfer ehrgeiziger und unfähiger
Kollegen, als dem Mann, den die Whigs verraten hatten. Nach dem
Sturz des Derby-Ministeriums wurde er ins Ministerium des Innern
gesteckt, eine Stellung, die ihn neuerdings als Opfer erscheinen
ließ. Man konnte den großen Mann nicht entbehren, den alle haß-
ten, und da man ihm keine angemessene Stellung geben wollte, so
wurde er mit einem Posten abgespeist, der eines solchen Genies
völlig unwürdig war. So dachte John Bull und ward immer stolzer
auf seinen Palmerston, als er sah, wie dieser echt englische Mi-
nister in seiner untergeordneten Stellung sich geräuschvoll betä-
tigte, sich mit Friedensrichtern herumschlug, mit Droschkenkut-
schern herumzankte, das Kanalisationsamt tadelte, seine Redekraft
an dem Patentsystem 1*) erprobte, sich mit der Frage der großen
Rauchplage herumbalgte, die Zentralisation der Polizei anstrebte
und den Beerdigungen innerhalb der Stadtgrenzen ein Ende setzte.
Der echte englische Minister! Seine Richtschnur, seine Informa-
tionsquelle, seine Schatzkammer für neue Maßregeln und Reformen
waren die nie endenwollenden "Paterfamilias" 2*)-Briefe in der
"Times". Natürlich freute sich darüber niemand mehr als Paterfa-
milias, der das Ebenbild der Mehrheit aller Wähler aus der engli-
schen Bourgeoisie ist und deren Abgott nun Palmerston wurde.
"Seht, was ein großer Mann auf einem kleinen Posten machen kann!
Wann hätte je vorher ein Minister des Innern sich mit der Ab-
schaffung solcher Übelstände abgegeben!" Dabei aber wurden weder
die Droschken verbessert noch der Rauch unterdrückt, noch die in-
nerhalb der Stadt befindlichen Friedhöfe beseitigt, noch die Po-
lizei zentralisiert, noch irgendeine dieser großen Reformen aus-
geführt - aber das lag beileibe nicht an Palmerston, sondern nur
an seinen mißgünstigen und dickköpfigen Kollegen! Und bald wurde
diese Geschäftigkeit, diese Sucht, sich in fremde Angelegenheiten
zu mischen, als Beweis großer Energie und Tatkraft angesehen. Und
dieser unbeständigste aller englischen Staatsmänner, der niemals
weder eine Verhandlung noch eine Bill im Parlament zu einem
befriedigenden Resultat führen konnte, dieser Politiker, der sich
nur zum Zeitvertreib betätigt und dessen Maßnahmen immer damit
enden, daß man sie sanft einschlafen läßt - dieser selbe Palmer-
ston wurde zum einzigen Mann ausposaunt,
-----
1*) d.h. Schanksteuersystem - 2*) "Haus-" oder "Familienvater"
#39# Der Sturz des Ministeriums Aberdeen
-----
auf den sein Land sich in schwierigen Fällen verlassen könne. In
Wahrheit trug er selbst ein gut Teil zu dieser marktschreie-
rischen Reklame bei. Nicht zufrieden damit, Mitbesitzer der
"Morning Post" [40] zu sein, wo er tagtäglich als der künftige
Retter seines Landes gepriesen wurde, mietete er auch noch Gesel-
len wie den Chevalier Wikoff, die seinen Ruhm in Frankreich und
Amerika verbreiten mußten, bestach er vor einigen Monaten die
"Daily News" [41], indem er ihr telegraphische Depeschen übermit-
telte und sonstige nützliche Winke gab, und hatte seine Hand in
der Leitung fast jedes Londoner Blattes. Die schlechte Führung
des Krieges führte jene schwierige Lage herbei, in der er auf den
Ruinen der Koalition groß, unerreicht und unerreichbar sich zu
erheben beabsichtigte. In diesem entscheidenden Moment ver-
schaffte er sich die rückhaltlose Unterstützung der "Times". Wie
er das zuwege brachte, welchen Vertrag er mit Herrn Delane ab-
schloß, können wir natürlich nicht sagen. Aber am Tage nach der
Abstimmung rief die ganze Londoner Tagespresse, mit der einzigen
Ausnahme des "Herald" [42], einstimmig nach Palmerston als Pre-
mier; und wir nehmen an, er dachte, jetzt das Ziel seiner Wünsche
erreicht zu haben. Zum Unglück hat die Königin von dem wahrhaft
englischen Minister zu viel gesehen und wird ihm nicht nachgeben,
wenn sie es verhindern kann.
Karl Marx
Geschrieben am 2. Februar 1855.
Aus dem Englischen.
zurück