Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       Friedrich Engels
       
       Aus Sewastopol [196]
       
       ["New-York Daily Tribune" Nr. 4439 vom 12. Juli 1855]
       Im Gegensatz  zu den  Erwartungen der  Öffentlichkeit bringt  die
       Post der "Pacific", die gestern morgen angekommen ist, keinen de-
       taillierten Bericht  über die Niederlage der Alliierten bei Sewa-
       stopol am  18. Juni.  Wir haben, das ist wahr, einige nackte Auf-
       stellungen über  die Zahl  der Toten  und Verwundeten  in  dieser
       Schlacht, die  wir unten kurz kommentieren. Doch statt der erwar-
       teten Depeschen  haben wir  wenigstens den  detaillierten Bericht
       des Generals  Pélissier über  die Eroberung  des Mamelons und der
       Steinbrüche. Doch  selbst dieser ist nicht derart, daß er die Li-
       nie der Militärpolitik des Mannes sehr genau nachweist, der jetzt
       faktisch die 200 000 alliierten Truppen auf der Krim kommandiert.
       Wir müssen eher den negativen als den positiven Beweisen glauben,
       wenn wir zu einem Schluß über diesen Gegenstand kommen wollen. Um
       zu erraten,  was Pélissier  zu tun  gedenkt, müssen  wir nicht so
       sehr auf  das sehen,  was er  tut, sondern auf das, was er zu tun
       unterläßt. Doch  lassen Sie  uns wieder der Einnahme des Mamelons
       zuwenden; sie  weist einige  Züge auf,  die der Untersuchung wert
       sind.
       Der 6.  und 7. Juni waren einer Kanonade auf der ganzen Linie der
       alliierten Batterien  gewidmet. Aber  während auf  der linken At-
       tacke (Flagstaff-Bastion bis zu der Quarantäne-Bastion) diese Ka-
       nonade bloße  Demonstration blieb,  war sie ernst gemeint auf der
       rechten Attacke  (Redan bis  Berg Sapun).  Hier wurden die russi-
       schen Außenwerke  einem besonders heftigen Feuer unterworfen. Als
       ihr Feuer hinreichend zum Schweigen gebracht schien und ihre Ver-
       teidiger hinreichend  geschwächt, wurde am Abend des 7. der Sturm
       befohlen. Die  Franzosen hatten  zwei verschiedene  Positionen zu
       nehmen, zwei  Plateaus bildend,  voneinander getrennt durch einen
       Hohlweg; die  Engländer ein  Plateau mit  einem Hohlweg auf jeder
       Seite. Die  Weise, wie die beiden Armeen sich zum Sturm vorberei-
       teten, war  charakteristisch für ihre eigentümlichen Befähigungen
       und Traditionen. Die Franzosen setzten ins Werk
       
       #333# Aus Sewastopol
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       vier Divisionen,  zwei für jede besondere Attacke. So wurden zwei
       Divisionen gegen den Grünen Mamelon (Kamtschatka-Redoute) konzen-
       triert und  zwei andere  gegen den  Berg Sapun;  jede Attacke mit
       zwei Brigaden in getrennten Kolonnen in der Front für den Angriff
       und zwei Brigaden in Reserve. Achtzehn Bataillone hatten daher zu
       chargieren und  achtzehn zu  unterstützen -  insgesamt wenigstens
       28 000-30 000 Mann. Diese Disposition stimmt ganz mit den Regula-
       tionen und  Traditionen der  französischen Armee,  die bei großen
       Chargen immer  in Kolonnen  angreift und manchmal in etwas zu un-
       fügigen. Die  Engländer, wenn  ebenso formiert, würden zwei Divi-
       sionen für den ihnen zufallenden Teil der Arbeit erheischt haben;
       zwei Brigaden für den Angriff und zwei für die Reserve. Aber treu
       ihrem eigenen  System, detachierten  sie für  die Charge ungefähr
       1000 Mann  oder ungefähr  zwei Bataillone - kaum die Hälfte einer
       französischen Brigade.  Sie hatten  zweifelsohne starke Reserven,
       wandten aber  trotzdem nur  einen Mann  an, wo die Franzosen drei
       Mann verbraucht hätten. Dies ist eine Konsequenz teils des briti-
       schen Systems, in Linien statt in Kolonnen anzugreifen, und teils
       der großen  Zähigkeit des britischen Soldaten in Defensivpositio-
       nen. Diese  1000 britischen Soldaten wurden selbst nicht alle auf
       einmal losgelassen;  erst chargierten  200 und  nahmen die russi-
       schen Werke;  dann wurden  weitere  200  als  Verstärkung  ausge-
       schickt; der  Rest folgte  in derselben  Weise; und  dann hielten
       1000 britische Soldaten, einmal etabliert in der russischen Posi-
       tion, sie  gegen sechs aufeinanderfolgende Angriffe und unter dem
       fortwährenden Front-  und Enfilierfeuer der russischen Werke. Als
       der Morgen  anbrach, war über die Hälfte ihrer Zahl tot oder ver-
       wundet; aber der Platz gehörte ihnen, und einige von ihnen hatten
       hier und  da die  Russen bis in den Redan verfolgt. Dies war eine
       Waffentat, wie  sie keine  1000 Franzosen erreicht haben konnten.
       Aber die  passive Ausdauer  des britischen  Soldaten unter  Feuer
       kennt kaum  eine Grenze, und wenn, wie in dieser Nacht, das Hand-
       gemenge die  Form seines Lieblingsvergnügens, der Straßenboxerei,
       annimmt, dann  ist er  in seinem eigenen Element und wird zu eins
       gegen sechs mit dem größten Vergnügen der Welt loshauen.
       Was die französische Attacke betrifft, gibt uns General Pélissier
       lange Aufzählungen  der in  ihr engagierten Brigaden und Regimen-
       ter, und  er hat für jedes von ihnen ein anerkennendes Wort; aber
       seine Darlegungen  über die respektiven Positionen und Linien der
       Attacke jeder  Kolonne sind durchaus undeutlich, während sein Be-
       richt über  den Fortgang  der Aktion fast unverständlich ist, und
       eine Angabe  der Verluste  fehlt ganz.  Durch Vergleichung dieses
       offiziellen Bulletins mit anderen Berichten können wir entnehmen,
       daß die  Franzosen den  Mamelon beim  ersten Ausfall  nahmen, den
       sich zurückziehenden
       
       #334# Friedrich Engels
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       Russen bis  nach der  Malachow-Bastion nachfolgten, hier und dort
       eindrangen, von  den Russen  zurückgeworfen wurden,  den  Mamelon
       wieder verloren,  sich hinter ihm in einem Halbzirkel aufstellten
       und nach  einem neuen Angriff schließlich Besitz davon ergriffen.
       Auf der  anderen Seite der Kilen-balka wurde die Wolhynsk-Redoute
       mit geringem Verlust weggenommen; der Kampf um die Selenginsk-Re-
       doute, die  hinter ihr liegt, war ernsthafter, aber nicht zu ver-
       gleichen mit  dem um  den Mamelon. Infolge der übertriebenen Zahl
       von Truppen, die Pélissier auf die angegriffenen Punkte warf, und
       der unfügigen  Kolonnen, die die Franzosen so gebildet haben müs-
       sen, muß  ihr Verlust  sehr bedeutend gewesen sein. Die Tatsache,
       daß darüber  kein offizieller  Bericht gegeben  wurde, genügt, um
       das zu  beweisen. Wir  sollten annehmen, daß 1500-2000 Mann nicht
       übertriebene Zahlen sind.
       Die Russen  waren in  eigentümliche Umstände geraten. Sie konnten
       diese Außenwerke  nicht mit zahlreicher Mannschaft garnisonieren,
       da dies  sie sicherer Vernichtung durch die feindliche Artillerie
       ausgesetzt hätte, selbst bevor der Sturm versucht worden wäre. So
       konnten sie  nur ein  Minimum von Verteidigern in diesen Redouten
       halten und mußten sich auf das beherrschende Feuer ihrer Artille-
       rie vom  Malachow und  Redan verlassen, ebenso wie auf die Aktion
       ihrer Reserven in der Festung. Sie hatten zwei Bataillone - unge-
       fähr 800  Mann -  im Mamelon.  Doch die Redouten einmal genommen,
       kamen sie nie wieder in diese zurück, um sich richtig darin fest-
       zusetzen. Sie  entdeckten, daß  eine belagerte Armee sehr schnell
       eine Position  verlieren, aber nicht einfach wiedergewinnen kann.
       Die Mamelon-Redoute  war zudem  so kompliziert in ihrer Konstruk-
       tion -  durch Traversen  und Blenden, die eine Art von Impromptu-
       Kasematten bildeten  -, daß,  obgleich wohlgedeckt gegen Artille-
       rie, ihre  Garnison beinahe  hilflos war gegen einen Sturm, indem
       jede Abteilung  kaum hinreichte,  eine Kanone  zu beherbergen und
       einen Mann zum Dienst derselben. Sobald daher das Geschütz demon-
       tiert war,  hatte die  Infanterie, bestimmt  zur Verteidigung des
       Werkes gegen  einen Sturm,  keinen Raum für eine Position, von wo
       sie wirken konnte auf die Sturmkolonnen durch gleichzeitiges Feu-
       ern in  Masse. Aufgebrochen  in kleine Détachements, unterlag sie
       dem Ungestüm  der Angreifenden  und bewies von neuem, daß, wo sie
       nicht in großen Massen fechten kann, die russische Infanterie we-
       der den Franzosen an Intelligenz oder raschem Blick noch den Eng-
       ländern an verzweifeltem Bulldoggenmut gleichkommt.
       Dem Engagement  des 7. folgte eine zehntägige Pause, während wel-
       cher Laufgräben vollendet und verbunden, Positionen der Batterien
       abgesteckt  und   Kanonen  und  Munition  herbeigebracht  wurden.
       Zugleich wurden  zwei Reconnaissancen  in das  Innere des  Landes
       vorgenommen. Die erste nach
       
       #335# Aus Sewastopol
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       Baidar, 12  Meilen von Balaklawa, auf dem Wege nach der Südküste,
       war nur  eine vorläufige; die zweite gegen Aitodor, 6 Meilen über
       Tschorgun an der Tschornaja, wurde in der rechten Richtung vorge-
       nommen. Aitodor  liegt auf dem erhobenen Landstrich, der nach dem
       Tal des  oberen Belbek führt, wo allein, wie wir lange zuvor kon-
       statiert 1*),  die russische Position bei Inkerman wirksam umgan-
       gen werden  kann. Aber  eine Kolonne  zur Reconnaissance dahin zu
       senden und  diesem Schritt  nicht auf dem Fuße nachzufolgen durch
       Besetzung des  Landstrichs mit  Gewalt und  sofort Operationen zu
       beginnen -  was heißt  das, außer dem Feind Warnung zu geben, von
       welcher Seite  er bedroht  ist. Nun kann es sein, daß das Land um
       Aitodor sich  unzugänglich erwies  - doch  wir bezweifeln es; und
       selbst in  diesem Falle  wäre die Intention eines Flankenmarsches
       zur Umgehung  des Feindes  zu klar durch dies Manöver angedeutet.
       Wenn dieser  Flankenmarsch  lediglich  als  Scheinangriff  dienen
       könnte, wäre  es gut  so; doch  wir sind  überzeugt, daß  er  zur
       Hauptbewegung gemacht werden muß, und deshalb sollte darauf nicht
       hingewiesen werden,  bevor nicht  die Alliierten wirklich die Ab-
       sicht haben, ihn zu unternehmen.
       Statt jedoch diese schwache Demonstration im Felde weiter zu ver-
       folgen, versuchte  General  Pélissier  etwas  ganz  anderes.  Der
       18.Juni, der Tag von Waterloo [188], sah die englischen und fran-
       zösischen Truppen  Schulter an Schulter marschierend, um die rus-
       sischen Linien  auf der rechten Attacke zu stürmen. Die Engländer
       attackierten den Redan, die Franzosen den Malachow. So sollte Wa-
       terloo gerächt  werden; doch  unglücklicherweise ging  die  Sache
       schief.  Sie  wurden  beide  nach  einem  fürchterlichen  Blutbad
       zurückgeschlagen. Die  offiziellen Listen geben ihre Verluste mit
       ungefähr 5000 an, doch wegen des bekannten Mangels an Wahrhaftig-
       keit in den französischen Angaben neigen wir dazu, sie um 50 Pro-
       zent höher  anzuschlagen. Da  keine Einzelheiten bekannt geworden
       sind, müssen die taktischen Züge dieser Schlacht für jetzt völlig
       beiseite gelassen  werden. Was  wir jetzt in Betracht ziehen kön-
       nen, ist ihre strategische und politische Natur.
       Pélissier wird von der gesamten Presse Europas als ein Mann ange-
       sehen, der nicht durch den Telegraphen aus Paris kommandiert wer-
       den will, sondern der fest entschlossen seinem eigenen Urteil ge-
       mäß handelt.  Wir haben  Gründe gehabt,  diese besondere  Art der
       Hartnäckigkeit zu  bezweifeln; und die Tatsache seines Versuches,
       Waterloo "edelmütig" zu rächen, d.h. durch einen gemeinsamen Sieg
       der Franzosen  und der Engländer, bestätigt unseren Zweifel voll-
       ständig. Der  Gedanke einer  solchen Tat  konnte nur  von  Seiner
       Majestät, dem  Kaiser der Franzosen, kommen - dem großen Anhänger
       der Jahrestage,
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 231-235
       
       #336# Friedrich Engels
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       dem Manne,  der in  keinem Jahr den 2. Dezember [49] vorübergehen
       lassen kann,  ohne irgendeinen  außerordentlichen Trick zu versu-
       chen; dem Manne, der vor der Pairskammer erklärt hat, es sei sein
       spezieller Beruf,  Waterloo zu rächen. Es kann kein Zweifel daran
       bestehen, daß  Pélissier die  strengste Order hatte, die Schlacht
       von Waterloo durch einen glänzenden Jahrestag zu feiern. Die Art,
       in der  er es ausgeführt, ist der einzige Teil der Angelegenheit,
       für den er verantwortlich ist.
       Der Sturm auf die Linien der Redoute von Karabelnaja muß, wie wir
       mehr als  je überzeugt  sind, als  grober Fehler bewertet werden.
       Doch bevor  wir den Mann gründlich kennen, werden wir fortfahren,
       Pélissier die  Gunst aller Umstände zuzuschreiben, die bei dieser
       Entfernung von  dem Kampfplatz  einen Zweifel  gestatten könnten.
       Nun kann  es sein,  daß die  sanitären Verhältnisse auf dem Hera-
       kleatischen Chersones  - eine  Sache, auf die wir seit langem die
       Aufmerksamkeit gelenkt  haben - so schlecht sind, daß eine eilige
       Beendigung der  Operationen auf  diesem kleinen Stück Erde höchst
       wünschenswert wäre. Die Ausdünstungen der verwesenden Leichen von
       25 000 Menschen  und 10 000  Pferden sind solcherart, daß sie auf
       die Gesundheit  der Armee  während des Sommers gefährlich einwir-
       ken. Von  den anderen dort angesammelten Abscheulichkeiten wollen
       wir gar nicht reden. Vielleicht denkt Pélissier, daß es in kurzer
       Zeit möglich  sei, die Russen aus der Südseite zu vertreiben, den
       Platz vollkommen  zu zerstören,  nur wenige  Leute zu  seiner Be-
       wachung zu  belassen und das Feld dann mit einer starken Armee zu
       nehmen. Wir machen diese Unterstellung, weil wir es vorziehen, in
       den Handlungen eines alten Soldaten wenigstens einige vernünftige
       Motive zu  sehen. Doch  wenn das  der Fall  ist, dann  hat er die
       Stärke des  Platzes falsch  eingeschätzt. Wir  sagten vorhin, daß
       jeder Versuch, den Erfolg des 7. gegen die Stadt selbst entschie-
       den zu  verfolgen, vereitelt werden würde 1*); unsere Meinung ist
       durch die  Ereignisse  bestätigt  worden.  Wir  sagten,  daß  der
       Schlüssel zu  Sewastopol im Norden Inkermans läge; das Engagement
       des 18. scheint es zu beweisen.
       Somit sind  wir bereit, zuzugeben, daß General Pélissier sich von
       vollständig logischen  Betrachtungen leiten  ließ, als  er  einen
       Sturm auf  Karabelnaja einem  Vorrücken im Felde vorzog; doch wir
       müssen zur  gleichen Zeit  zugeben, daß  die Menschen  an Ort und
       Stelle sehr  geneigt sind,  geringere Fakten  zu Prämissen  ihrer
       Folgerungen zu  machen, und  daß Pélissier durch den Mißerfolg am
       18. überführt zu sein scheint, dieser Schwäche nachgegeben zu ha-
       ben; denn  wenn es Charakterstärke zeigt, zähe an einer vorgenom-
       menen Sache festzuhalten, so zeigt es doch zugleich eine Schwäche
       an Intellekt,
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 289/290
       
       #337# Aus Sewastopol
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       dieser Sache  auf Umwegen zu folgen, nur weil sie einmal begonnen
       worden ist. Pélissier würde recht haben, wenn er versuchte, Sewa-
       stopol auf  alle Fälle  zu nehmen; doch er hat offensichtlich un-
       recht, wenn  er nicht  sieht, daß der nächste Weg nach Sewastopol
       über Inkerman  führt und  die dortige russische Armee diese Stel-
       lung verteidigt.
       Wenn die Alliierten nicht sehr darauf bedacht sind, aus ihrer Su-
       periorität Nutzen  zu ziehen,  werden sie  sich in kurzer Zeit in
       einer sehr  unangenehmen Lage  befinden. Die  Notwendigkeit, ihre
       Kräfte in  der Krim  zu verstärken,  ward seit langem von Rußland
       gefühlt. Die  Komplettierung der  Reservebataillone der regulären
       Armee und  die Aushebung und Organisation der Opoltschenie in 200
       Bataillonen, wie besonders die Reduktion der österreichischen Ob-
       servationsarmee auf 180 000 Mann - wobei der Rest entweder in den
       Urlaub entlassen  oder im  Innern des Imperiums stationiert wurde
       -, bieten nun hierzu Gelegenheit, das zu tun. Infolgedessen wurde
       zu Odessa  eine Reservearmee gebildet, wovon ungefähr 25 000 Mann
       bei Nikolajew  stationiert sein sollen, 12-15 Tagemärsche von Se-
       wastopol. Auch  zwei Divisionen  Grenadiere sollen  sich auf  dem
       Marsch von  Wolhynien befinden. Um die Mitte Juli, und vielleicht
       früher, können daher die Russen ihre numerische Superiorität wie-
       dergewonnen haben, falls nicht ihre jetzt vor den Alliierten ste-
       henden Truppen  entscheidende Niederlagen in der Zwischenzeit er-
       leben. Wir sind in der Tat darüber informiert, daß weitere 50 000
       Franzosen nach  Toulon und Marseille zur Verschiffung marschieren
       ; aber diese kommen sicher zu spät und können wenig mehr tun, als
       die Lücken ausfüllen, die Schlacht und Krankheit (jetzt wieder in
       dem alliierten Lager erscheinend) in den Reihen verursachen.
       Die Operationen  in dem Asowschen Meer haben den Russen eine Ver-
       sorgungsquelle zerstört;  doch da der Dnepr weit mehr als der Don
       das natürliche  Tor für  die russischen  Getreidebezirke ist, be-
       steht kein  Zweifel daran, daß große Mengen davon sich in Cherson
       befinden -  mehr als  die Russen  in der  Krim für ihre Ernährung
       brauchen. Daher  ist der  Transport nach  Simferopol  nicht  sehr
       schwierig. Wer  immer von  der Asowexpedition eine ernste und so-
       fortige Wirkung für die Versorgung Sewastopols erwartet, befindet
       sich in einem großen Irrtum.
       Obgleich sich  die Waage seit einiger Zeit zugunsten der Alliier-
       ten geneigt  hat, so kann sie jetzt wieder ins Gleichgewicht kom-
       men oder  sich sogar  zu ihren  Ungunsten senken. Der Krimfeldzug
       ist noch  bei weitem nicht entschieden, wenn die Russen unverzüg-
       lich handeln.
       Geschrieben um den 29. Juni 1855.
       
       Aus dem Englischen.

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