Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


       zurück

       #341#
       -----
       Karl Marx
       
       Die Aufregung gegen die Verschärfung der Sonntagsfeier
       
       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 307 vom 5. Juli 1855]
       London, 2.  Juli. Die  Anti-Sonntags-Bill-Demonstration wurde ge-
       stern im  Hyde Park  wiederholt, auf größerer Stufenleiter, unter
       drohenderen Auspizien,  mit ernsteren  Folgen. Die düstere Aufre-
       gung, die heute in London herrscht, ist des Zeuge.
       In den  Plakaten, die zur Wiederholung des Meetings aufforderten,
       war gleichzeitig  die Einladung enthalten, sich Sonntag um 10 Uhr
       morgens vor  dem Hause  des frommen  Lord Grosvenor zu versammeln
       und ihn  auf seinem Kirchgang zu begleiten. Der fromme Herr hatte
       indes schon  am Sonnabend  London in einem Privatwagen - um inko-
       gnito zu  reisen -  verlassen. Wie er von Natur mehr dazu berufen
       ist, andere  zu Märtyrern  zu machen, als selbst Märtyrer zu wer-
       den, hatte  schon sein  Rundschreiben in  allen Zeitungen Londons
       bewiesen, worin  er einerseits  an seiner Bill festhält, anderer-
       seits zu  zeigen sich  abmüht, daß  sie sinn-,  zweck- und bedeu-
       tungslos sei.  Sein Haus  blieb den  ganzen Sonntag besetzt nicht
       mit Psalmsingern,  sondern mit  Konstablern,  200  an  der  Zahl.
       Ebenso das  seines Bruders,  des durch  seinen Reichtum berühmten
       Marquis von Westminster.
       Sir Richard  Mayne, der Chef der Londoner Polizei, hatte am Sonn-
       abend  die   Mauern  Londorfs  mit  Plakaten  beklebt,  worin  er
       "v e r b o t",   nicht nur  ein Meeting  im Hyde Park abzuhalten,
       sondern auch  sich in  "großen Massen" dort zu versammeln und ir-
       gendwelche Zeichen  des Beifalls oder Mißfallens kundzugeben. Re-
       sultat dieser  Ukase war,  daß selbst  nach dem Bericht des Poli-
       zeizirkulars schon  um halb 3 Uhr 150 000 Menschen aus  a l l e n
       Ständen und  jeden Alters  im Park auf- und abwogten und daß nach
       und nach  die Menschenmasse  zu Dimensionen anschwoll, die selbst
       für London  riesenhaft und  ungeheuerlich war. Nicht nur erschien
       London in  Massenaufgebot; es  bildete von neuem die Menschenspa-
       liere an  den beiden  Seiten des  Fahrwegs, längs der Serpentine,
       nur dichter und tiefer als am vergangenen Sonntag. Wer aber nicht
       erschien, war  die Hautevolee.  Im ganzen zeigten sich vielleicht
       20 Wagen,  davon die Mehrzahl kleine Gigs und Phaetons, die unbe-
       lästigt
       
       #342# Karl Marx
       -----
       passierten, während  ihre stattlichem, weitbäuchigern, hochbocki-
       gern und  mehr galonierten  Brüder mit den alten Ausrufen begrüßt
       wurden und mit dem alten Tönebabylon, dessen Schallwellen diesmal
       die Luft  auf eine  Meile im Umkreis erzittern machten. Die Poli-
       zei-Ukase waren  widerlegt durch  die Massenversammlung  und  ihr
       tausendmündiges Lungenexerzitium. Die Hautevolee hatte den Kampf-
       platz vermieden  und durch  ihre Abwesenheit die Souveränität der
       vox populi anerkannt.
       Es war 4 Uhr geworden, und die Demonstration schien aus Mangel an
       Nahrungsstoff in  harmlose Sonntagsvergnügung  zu verpuffen. Aber
       das war  nicht die  Rechnung der Polizei. Sollte sie unter allge-
       meinem Gelächter  abziehen, wehmütigen  Scheideblick werfend  auf
       ihre eignen Plakate, die am Portal des Parks in großen Buchstaben
       zu lesen  waren? Zudem  waren ihre  Großwürdenträger zugegen, Sir
       Richard Mayne  und die  Oberintendanten Gibs  und Walker  hoch zu
       Roß, die  Inspektoren Banks,  Darkin, Brennan  zu Fuß.  800  Kon-
       stabler waren  strategisch verteilt,  großenteils in Gebäuden und
       Ambuskaden versteckt. Stärkere Abteilungen waren stationsweise an
       benachbarten  Orten   zum  Zuzug  aufgestellt.  Die  Wohnung  des
       Hauptaufsehers  des  Parks,  das  Pulvermagazin  und  die  Gebäu-
       lichkeiten der  Rettungsgesellschaften,  alle  gelegen  an  einem
       Punkte, wo  der Fahrweg  längs der  Serpentine in einen Pfad nach
       Kensington Gardens  übergeht, waren  in improvisierte Blockhäuser
       verwandelt, mit starken Polizeibesatzungen, zur Unterbringung von
       Gefangenen und  Verwundeten eingerichtet.  Droschken standen auf-
       gepflanzt an  der Polizeistation  von Vine Street, Piccadilly, um
       nach dem  Kampfplatz zu  fahren und  von dort die Besiegten unter
       sicherem Geleit  abzuholen. Kurz,  die Polizei  hatte einen Feld-
       zugsplan entworfen, "energischer", wie die "Times" sagt, "als ir-
       gendeiner, von  dem wir noch in der Krim gehört haben". Die Poli-
       zei bedurfte  blutiger Köpfe und Verhaftungen, um nicht ohne Mit-
       telglied aus  dem Erhabenen  in das Lächerliche zu fallen. Sobald
       sich daher  die Menschenspaliere  mehr gelichtet  und die  Massen
       ferner ab vom Fahrweg in verschiedenen Gruppen auf den ungeheuren
       Räumen des  Parks verteilt  waren, faßten ihre Chefs Posto in der
       Mitte des  Fahrwegs, zwischen den beiden Spalieren, und erteilten
       von ihren  Rossen herab  wichtigtuende Befehle  rechts und links.
       Angeblich zum Schutze der vorbeipassierenden Wagen und Reiter. Da
       aber Wagen  und Reiter ausblieben, also nichts zu beschützen war,
       begannen sie  "unter falschen  Vorwänden" einzelne Individuen aus
       der Masse  herausgreifen und  verhaften zu  lassen, nämlich unter
       dem Vorwand,  sie seien pickpockets (Taschendiebe). Als diese Ex-
       perimente zahlreicher  wurden und  der Vorwand  nicht mehr  Stich
       hielt, ein  einziger Schrei  durch die  Massen lief,  brachen die
       versteckten Konstablerkorps aus ihren
       
       #343# Die Aufregung gegen die Verschärfung der Sonntagsfeier
       -----
       Ambuskaden hervor,  ließen ihre  Knüppel aus der Tasche springen,
       schlugen blutige Köpfe, rissen hier und da ein Individuum aus der
       Menge (im ganzen sind 104 so verhaftet worden) und schleppten sie
       nach den  improvisierten Blockhäusern.  Die linke Seite des Fahr-
       wegs ist  nur durch  einen schmalen Strich vom Wasser der Serpen-
       tine getrennt.  Durch ein Manöver drängte ein Polizeioffizier mit
       seiner Schar  die Zuschauer  hier dicht an den Rand des flüssigen
       Elements und  drohte ihnen  mit einem  Kaltwasserbad. Ein Indivi-
       duum, um  dem Polizeiknüppel  zu  entrinnen,  schwamm  durch  die
       Serpentine ans  andre Ufer; ein Polizist setzte ihm aber "mit ei-
       nem Boot  nach,  erwischte  ihn  und  brachte  ihn  triumphierend
       zurück.
       Wie hatte sich die Physiognomie der Szene verwandelt seit letztem
       Sonntag! Statt  der Staatskarossen  schmutzige Droschken, die von
       der Polizeistation zu Vine Street nach den improvisierten Gefäng-
       nissen im Hyde Park und von hier nach der Polizeistation auf- und
       abfuhren. Statt  der Lakaien  auf dem  Bocke ein Konstabler neben
       dem versoffenen Droschkenkutscher. Statt der eleganten Herren und
       Damen im Innern der Wagen Gefangene mit blutenden Köpfen, zerzau-
       stem Haar,  entblößt, mit  zerrissenen Kleidern, bewacht von kon-
       fiszierten Gestalten,  aus dem irischen Lumpenproletariat in Lon-
       doner Polizisten gepreßt. Statt der wedelnden Fächer der sausende
       Lederknüttel (der  Truncheon des  Konstablers). Die  herrschenden
       Klassen hatten am vergangenen Sonntag ihre fashionable Physiogno-
       mie gezeigt,  diesmal zeigten  sie ihre  Staatsphysiognomie.  Der
       Hintergrund der freundlich grinsenden alten Herren, der modischen
       Stutzer, der vornehm-hinfälligen Witwen, der in Kaschmir, Strauß-
       federn, in  Diamant- und  Blumengirlanden duftenden Schönen - war
       der Konstabler,  mit dem  wasserdichten Rock, dem schmierigen Öl-
       hute und  dem Truncheon.  Es war  die Kehrseite der Medaille. Die
       Masse hatte  sich vergangenen  Sonntag die  herrschende Klasse in
       individueller Erscheinung  gegenüber. Diesmal  erschien  sie  als
       Staatsgewalt, Gesetz, Truncheon. Diesmal war Widerstand Insurrek-
       tion, und der Engländer muß lange und langsam geheizt werden, ehe
       er insurgiert.  Daher im ganzen die Gegendemonstration beschränkt
       auf Auszischen,  Ausgrunzen, Auspfeifen der Polizeifuhrwerke, auf
       isolierte und schwache Versuche zur Befreiung der Gefangenen, vor
       allem auf  passiven Widerstand  in phlegmatischer  Behauptung des
       Kampfplatzes.
       Charakteristisch war  die Rolle,  die  die  Soldaten,  teils  der
       Garde, teils  dem 66.  Regiment angehörig,  in diesem  Schauspiel
       übernahmen. Sie  waren zahlreich  vertreten. Ihrer zwölf, Garden,
       einige mit  Krimmedaillert  dekoriert,  befanden  sich  in  einer
       Gruppe von  Männern, Weibern und Kindern, worauf die Polizeiknüp-
       pel spielten. Ein alter Mann stürzte zu Boden, von einem
       
       #344# Karl Marx
       -----
       Schlag getroffen.  "Die Londoner  Stiffstaffs" (Schimpfnamen  für
       die Polizei)  "sind schlimmer,  als die Russen bei Inkerman [111]
       waren", rief einer der Krimhelden. Die Polizei legte Hand an ihn.
       Er ward  sofort befreit unter dem lauten Ruf der Menge: "3 cheers
       für die  Armee!" Die Polizei hielt es für ratsam, sich zu entfer-
       nen. Unterdessen  war eine  Anzahl Grenadiere  hinzugekommen, die
       Soldaten bildeten  eine Truppe  und, umwogt  von der Masse, unter
       dem Ruf:  "Es lebe  die Armee, nieder mit der Polizei, nieder mit
       der Sonntagsbill!" stolzierte sie im Park auf und nieder. Die Po-
       lizei stand unschlüssig, als ein Sergeant von der Garde erschien,
       sie wegen  ihrer Brutalität  laut zur  Rede stellte, die Soldaten
       beschwichtigte und  einige von  ihnen überredete, ihm zur Kaserne
       zu folgen, um ernstere Kollisionen zu vermeiden. Die Mehrzahl der
       Soldaten aber  blieb zurück  und machte mitten unter dem Volke in
       ungemessenen Ausdrücken ihrer Wut gegen die Polizei Luft. Der Ge-
       gensatz zwischen Polizei und Armee ist alt in England. Dieser Au-
       genblick, wo  die Armee  das "pet child" (das verwöhnte Kind) der
       Massen, ist sicher nicht geeignet, ihn abzuschwächen.
       Ein alter  Mann, namens Russell, soll infolge der erhaltenen Wun-
       den heute gestorben sein; ein halbes Dutzend Verwundeter befindet
       sich im  St. George's  Hospital. Während der Demonstration wurden
       wieder verschiedene  Versuche zur  Abhaltung partieller  Meetings
       gemacht. In  einem derselben,  bei Albert Gate, außerhalb des von
       der Polizei  ursprünglich besetzten  Teils des Parks, harangierte
       ein Anonymus sein Publikum ungefähr wie folgt:
       
       "Männer von Alt-England! Erwacht, erhebt euch von eurem Schlummer
       oder fallt  für immer: Leistet jeden Sonntag Widerstand gegen die
       Regierung! Geht zur Kirchenbill, wie ihr heute getan habt. Fürch-
       tet nicht, die euch zustehenden Rechte herauszufordern, schüttelt
       vielmehr die  Fesseln oligarchischer  Unterdrückung  und  Gewalt-
       herrschaft ab.  Wenn nicht,  so werdet ihr unwiederbringlich nie-
       dergeworfen werden.  Ist es nicht eine Schande, daß die Einwohner
       dieser großen  Metropole, der  größten in der zivilisierten Welt,
       ihre Freiheiten den Händen eines Lord Grosvenor oder eines Mannes
       wie Lord Ebrington überantworten sollen! Seine Herrlichkeit fühlt
       das Bedürfnis,  uns in die Kirche zu treiben und uns durch Parla-
       mentsakt religiös  zu machen. Das ist ein vergeblich Unternehmen.
       Wer sind  wir, und  wer sind  sie! Betrachtet  den  gegenwärtigen
       Krieg. Wird  er nicht  geführt auf  Kosten und  mit dem  Blut der
       produktiven Klassen? Und was tun die unproduktiven? Sie verhunzen
       ihn."
       
       Redner und Meeting ward natürlich von der Polizei unterbrochen.
       In Greenwich,  in der Nähe des Observatoriums, hielten die Londo-
       ner ebenfalls  ein Meeting  von 10 000-15 000 Personen. Ebenfalls
       von der Polizei unterbrochen.

       zurück