Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Karl Marx/Friedrich Engels
Russells Resignation - Über die Angelegenheiten in der Krim [201]
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 327 vom 17. Juli 1855]
London, den 14. Juli. In unserer vorletzten Korrespondenz 1*) be-
handelten wir Lord John Russells Resignation, freiwillig oder ge-
zwungen, als ein Fait accompli. Sie ist gestern nachmittag er-
folgt, und zwar ist es eine s y n t h e t i s c h e Resigna-
tion, freiwillig und gezwungen zugleich. Palmerston nämlich trieb
den stellenhungrigsten Teil der Whigs, unter der Führung Bou-
veries, zu einer subalternen Erneute. Sie erklärten, für Bulwers
Antrag stimmen zu müssen, falls Lord John nicht resigniere. Dem
war nicht zu widerstehen. Nicht zufrieden mit dieser Hochtat,
sammelte der treulose Whig-Mob im Lobby 2*) des Unterhauses Un-
terschriften für eine Petition an Palmerston, er solle die Köni-
gin bestimmen, Russells schon eingereichte Resignation zu akzep-
tieren. Russell schöpft aus diesen niedrigen Manövern jedenfalls
eine Genugtuung - eine Partei nach seinem Vorbilde geschaffen zu
haben.
Die Resignation des Mannes, der, wie Urquhart sagt, "seine Hände
hinter dem Rücken zu halten pflegt, um sich selbst einen morali-
schen Halt zu geben ", würde kaum einen Einfluß auf die Fortdauer
des Kabinetts ausüben, griffe die Majorität des Unterhauses nicht
gierig nach jedem Vorwand, der ihr erlaubt, das Schicksal der
Auflösung aufzuschieben. Und Auflösung des Hauses ist unzertrenn-
lich von der Annahme des Bulwerschen Antrages. Bliebe Palmerston
trotz des Mißtrauensvotums, so müßte er auflösen; folgte ihm
Derby nach, so müßte der ebenfalls auflösen. Das Haus scheint
kaum geneigt, sich auf dem Altar des Vaterlandes zu opfern.
Sir George Grey hat eine Kommission zur Untersuchung der Polizei-
brutalitäten niedergesetzt. Sie besteht aus den Recorders 3*) von
London, Liverpool und Manchester und wird nächsten Dienstag ihre
Sitzung eröffnen.
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1*) Siehe vorl. Band, S. 352/353 - 2*) Vorhalle, Foyer -
3*) höchsten Kriminalrichtern
#359# Über die Angelegenheiten in der Krim
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Wenn Zeit Geld ist im Handel, ist Zeit Sieg im Kriege. Den gün-
stigen Augenblick entschlüpfen lassen, den Augenblick, wenn eine
überlegene Macht auf den Feind geworfen werden kann, ist der
größte Fehler, der in der Kriegführung möglich. Der Fehler wird
verdoppelt, wenn nicht in der Defensive begangen, wo die Folgen
der Vernachlässigung wieder gutzumachen, sondern in der Offen-
sive, in einem Invasionskriege, wo solche Unaufmerksamkeit den
Verlust der Armee nach sich ziehen mag. Dies alles sind Gemein-
plätze, von denen jeder Fähndrich weiß, daß sie sich von selbst
verstehen. Und dennoch wird gegen keine andere Regel der Strate-
gie oder Taktik so oft gesündigt, und es scheint, als ob General
Pélissier, der stürmische Mann der Tat, der "Marschall Vorwärts"
der Krimarmee, dazu berufen sei, an seiner Person diese gemein-
plätzliche Vernachlässigung von Gemeinplätzen zu veranschauli-
chen.
Der Weg zu Sewastopol führt über Inkerman nach der Nordseite der
Festung. Pélissier und sein Stab wissen das besser wie irgend je-
mand. Aber um die Nordseite zu gewinnen, muß die alliierte Armee
mit ihrer Hauptkraft ins Feld rücken, die Russen schlagen, die
Nordseite einschließen und ein Korps detachieren, um die russi-
sche Feldarmee sich fernzuhalten. Der günstige Augenblick hierzu
war gekommen, als das sardinische Korps und die Türken unter Omer
Pascha anlangten. Die Alliierten waren damals bedeutend stärker
als die Russen. Aber nichts der Art geschah. Die Expedition nach
Kertsch und dem Asowschen Meere ward unternommen und ein Sturm
nach dem andern versucht. Die Feldoperationen beschränkten sich
auf Rekognoszierungen und eine Ausdehnung des Lagers bis zur Öff-
nung in das Tal von Baidar. Jetzt endlich wird der angebliche
Grund dieser Untätigkeit verraten: es f e h l e a n T r a n s-
p o r t m i t t e l n, und nach fünfzehnmonatlicher Kampagne
seien die Alliierten so festgeschmiedet an die See, an Kamysch
und Balaklawa, wie je zuvor! Das ist in der Tat unübertrefflich.
Die Krim ist kein wüstes Eiland irgendwo am Südpol. Sie ist ein
Land, dessen Nahrungsquellen sicher erschöpft werden können, das
aber stets fähig bleibt, eine Masse von Viehfutter, Zugtieren und
Karren zu liefern, wenn Geschick und Kühnheit vorhanden sind, sie
zu nehmen. Ängstliche und träge Bewegungen vor- und rückwärts in
dem Umkreis von einigen englischen Meilen um die Tschornaja sind
natürlich nicht die Mittel, ihrer habhaft zu werden. Aber selbst,
wenn wir die Kamele, Ponys und Arbas 1*) der Krim ganz außer acht
lassen, bleibt eine Fülle von Transportmitteln an den
europäischen und asiatischen Küsten des Schwarzen Meers, Dampf-
schiffen in zweitägiger Fahrt
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1*) Karren
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zugänglich. Warum werden sie nicht requiriert für den Dienst der
Alliierten? 1*) Die Russen haben ihnen in der Tat hinreichende
Lektionen gegeben, wie sie agieren müßten. Das 3., 4. und 5. Ar-
meekorps nebst verschiedenen Reservedivisionen wurden nach der
Krim transportiert zu einer Zeit, wo die Alliierten daran ver-
zweifelten, Proviant von Balaklawa nach den Laufgräben zu beför-
dern. Die Truppen wurden zum Teil auf Wagen über die Steppen ge-
fahren, und der Mangel an Nahrungsmitteln scheint ein schreiender
unter ihnen gewesen zu sein. Und doch ist das Land um Perekop in
einem Halbzirkel von 200 Meilen nur dünn bewohnt. Aber die Hilfs-
quellen der entfernteren Provinzen wurden in Kontribution ge-
setzt, und es ist sicher schwerer, Wagen von Jekaterinoslaw,
Poltawa, Charkow etc. den Russen nach der Krim zu schicken, als
Transportmittel von Anatolien und Rumelien für die Alliierten in
der Krim zu beschaffen. Jedenfalls ließ man die Eroberung der
Krim bis nach Simferopol unter dem Vorwand mangelnder Transport-
mittel sich entschlüpfen. Jetzt stehen die Sachen anders. Die
Russen haben eine Reservearmee für die Krim zwischen Odessa und
Cherson gebildet. Die Stärke dieser Armee können wir nur nach den
Detachierungen von der Westarmee berechnen - bestehend aus dem
ganzen 2. Armeekorps und zwei Divisionen Grenadiere. Dies macht
zusammen 5 Divisionen Infanterie (82 Bataillons), 1 Division Ka-
vallerie (32 Schwadronen) und 80 Kanonen. Infanterie und Kavalle-
riereserven kommen hinzu. Mit Berechnung aller Verluste während
des Marsches kann daher die zwischen Odessa und Perekop ver-
sammelte und für die Krim bestimmte Armee auf ungefähr 70000 bis
80000 Mann angeschlagen werden. Die Avantgarden ihrer Kolonnen
müssen
1*) Die "New-York Daily Tribune" Nr. 4452 vom 27. Juli 1855
bringt an Stelle dieses Satzes folgenden Text: "Warum werden sie
nicht für den Dienst der Alliierten gepreßt? Wir sagen gepreßt,
denn das Pressen, allgemein Requirierung genannt, ist die eigent-
liche Art, sie zu erlangen. Spanische Maultiertreiber und bulga-
rische Arbeiter zu einem hohen Preis zu beschäftigen, geht nicht
an, und in einem Lande wie die Türkei schon gar nicht. Ein Regi-
ment Kavallerie, das die Küsten Anatoliens säubert, würde sehr
bald Hunderte von Fahrzeugen und Tausende von Tieren mit der not-
wendigen Fourage zusammenbringen. Der Krieg wird wegen der Türken
fortgesetzt, und Transportmittel liefern ist das mindeste, was
man von ihnen verlangen kann. In jedem kontinentalen Krieg erwar-
tet man das gleiche von dem Land, in dem die Armeen operieren.
Mit den Türken delikater umzugehen ist doppelt absurd; wenn die
Türken nicht für ihre Alliierten zu arbeiten haben, werden sie
für ihre Paschas arbeiten, die sie viel schlechter behandeln. Das
mag ihnen nicht gefallen, aber es gefällt ihnen auch nicht, sich
für ihre Paschas abzuplacken, und wenn sie sich nicht der Diszi-
plin und der Ordnung fügen werden, so wird eine kleine Anwendung
des Kriegsrechts sie bald auf die Beine bringen, da die Paschas
sie immer unter einem ähnlichen Recht halten. Es ist vollkommen
lächerlich, daß die alliierten Generale in der Reichweite solcher
Ressourcen noch immer darüber klagen, daß sie sich aus Mangel an
Transportmitteln nicht fortbewegen können,"
#361# Über die Angelegenheiten in der Krim
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um diese Zeit schon Perekop passiert haben, und vor Ende Juli
werden sie den Alliierten fühlbar werden.
Was haben die Alliierten nun diesen Verstärkungen entgegenzuset-
zen? Ihre Reihen werden wieder gelichtet von Cholera und Fieber
nicht minder als durch die verschiedenen Sturm versuche. Die bri-
tischen Verstärkungen kommen trag heran - sehr wenige Regimenter
segeln in der Tat ab. Die 13000 Mann, die wir vor einiger Zeit
abreisen ließen 1*), weisen sich als ministerieller Puff aus. Die
französische Regierung ihrerseits erklärt, sie beabsichtige keine
frischen Divisionen zu versenden, sondern nur Detachements von
den Depots, um die auf dem Kriegsschauplatz verursachten Lücken
auszufüllen. Kommen diese Verstärkungen rechtzeitig an, so rei-
chen sie kaum hin, die alliierte Armee auf die Stärke zu bringen,
die sie im Juni besaß, d.h. auf 200 000 Mann, Türken und Sardi-
nier eingeschlossen. Wahrscheinlich bringen sie es auf nicht mehr
als 180 000 Mann, denen Anfang August mindestens 200 000 Russen
gegenübersteben werden, in guten Positionen, im Kommando des Lan-
des in ihrem Rücken und im Besitze der Südseite von Sewastopol
als eines Brückenkopfes. Würde die alliierte Armee unter diesen
Umständen wieder auf das enge Plateau hinter der Tschornaja ein-
gezwängt, so müßte letzteres sich unter der Wucht einer solchen
Menschenmasse in einen Kirchhof verwandeln. 2*)
Noch ist die Zeit für Ergreifung des Feldes nicht verloren. Der
beste Moment ist zwar vorüber, aber trotzdem würde ein kühnes
Vorrücken selbst jetzt noch der alliierten Armee einen weiteren
Existenzraum sichern. Aber es scheint nicht, als ob sie diese
Chance zu benutzen dächten.
Zur Rechtfertigung Pélissiers mag schließlich angeführt werden,
daß die öffentliche Meinung hier wie zu Paris in der Einmischung
Louis Bonapartes, des Generals aus der Ferne, den Erklärungsgrund
aller Misere des zweiten Krimfeldzugs sucht und findet. 3*)
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1*) Siehe vorl. Band, S. 320 - 2*) Die "New-York Daily Tribune"
bringt an Stelle dieses Satzes folgenden Text: "Dann stehen die
Chancen so, daß die Alliierten auf das Plateau hinter der Tschor-
naja zurückgetrieben werden, unfähig, sich vor- oder rückwärts zu
bewegen und mit einer so zahlreichen Armee, daß sie dieses enge
Stück Boden in eine Brutstätte für Krankheiten verwandeln würden.
Und dann wird Pélissier seinen Mangel an Energie und Entschieden-
heit in bezug auf den Vormarsch ins Feld bereuen und seinen Über-
schuß an Energie in bezug auf die Erstürmung der Festung." -
3*) Die "New-York Daily Tribune" bringt an Stelle dieses Satzes
den Absatz: "Zur Rechtfertigung Pélissiers muß jedoch angeführt
werden, daß die öffentliche Meinung in Paris und allgemein in Eu-
ropa die Hauptschuld Louis Bonaparte zur Last legt. Dieser un-
glückselige Möchtegern-General soll sich in alles und jedes
eingemischt haben. Die Angelegenheit ist noch nicht ganz klar,
aber in Kürze muß die Art der Einmischung dieses ehrgeizigen
Abenteurers in die Krimschen militärischen Operationen geklärt
sein, und wir werden dann wissen, wo die Schuld für diese unge-
heuren Fehler zu suchen ist."
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