Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       Karl Marx
       
       Russells Entlassung
       
       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 333 vom 20. Juli 1855]
       London, 17. Juli. Russells Entlassung, freiwillig oder gezwungen,
       das pariert  Bulwers Antrag,  wie Bulwer  den Antrag Roebucks pa-
       riert hat.  Diese Ansicht,  die wir  in unserer Korrespondenz vom
       11. Juli 1*) aussprachen, ist durch die gestrige Unterhaussitzung
       vollständig bestätigt  worden. Es  ist ein  altes Whig-Axiom, daß
       "Parteien gleich  Schnecken sind,  bei denen der Schwanz den Kopf
       bewegt". Das jetzige Whig-Kabinett ist aber vielmehr ein Polypen-
       kabinett; es  scheint zu  gedeihen durch  Amputation. Es überlebt
       den Verlust seiner Glieder, seines Kopfes, jedes Dings, nur nicht
       den seines  Schweifes. Russell war zwar nicht das Haupt des Kabi-
       netts, aber  er war  der Kopf der Partei, die das Kabinett bildet
       und von  ihm repräsentiert  wird. Bouverie, der Vizepräsident des
       Board of Trade 2*), repräsentiert den Schweif des Whig-Polyps. Er
       entdeckte, daß der Whig-Körper geköpft werden müsse, um den Whig-
       Rumpf am  Leben zu  erhalten, und teilte diese Entdeckung Palmer-
       ston mit  im Namen  und im  Auftrage des  Whig-Schweifes. Russell
       versicherte diesem  Schweif gestern  seine "Verachtung". Disraeli
       quälte Bouverie  mit einer "Physiologie der Freundschaft" und ei-
       ner Naturbeschreibung  der verschiedenen  Arten, worin  das  Gat-
       tungswesen, bekannt  unter dem  Namen "Freund",  sich absonderte.
       Bouveries Rechtfertigungsversuch endlich, er und der Schweif hät-
       ten Russell  abgestoßen, um Russell zu retten, vollendet das Gen-
       rebild dieser Partei von Stellenjägern.
       Wenn so  der naturgemäße  Kopf der Whig-Partei amputiert ist, ist
       ihr usurpiertes Haupt, Lord Palmerston, desto fester an den Rumpf
       angewachsen. Nach  Aberdeens und  Newcastles  Sturz  benutzte  er
       Gladstone, Graham und Herbert, um die Erbschaft des Koalitionska-
       binetts anzutreten. Nach Gladstones,
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       1*) Siehe vorl.  Band S. 352/353 - 2*) Handels- und Verkehrsmini-
       steriums
       
       #363# Russells Entlassung
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       Grahams und  Herberts Austritt  benutzte er Lord John Russell, um
       ein reines  Whig-Kabinett zu  bilden. Schließlich  benutzt er den
       Whig-Schweif, um  Russell zu  eskamotieren und so Alleinherrscher
       im Kabinett  zu werden. Alle diese Metamorphosen waren ebensoviel
       Stufen zur Bildung eines reinen Palmerston-Kabinetts. Wir ersahen
       aus Russells  Erklärungen, daß er Palmerston wiederholt seine Re-
       signation antrug,  aber jedesmal von ihm überredet wurde, sie zu-
       rückzunehmen. Ganz  in derselben  Weise überredete Palmerston das
       Aberdeen-Kabinett, Roebucks  Untersuchungskomitee zu  widerstehen
       bis aufs äußerste. Beidemal mit demselben Erfolg und zu demselben
       Zwecke.
       Bulwers Antrag  knüpfte er  so direkt  an Russell  an, daß er von
       selbst ins  Wasser fiel,  sobald das Corpus delicti, Russell, aus
       dem Kabinett verschwand. Bulwer war daher gezwungen, zu erklären,
       er ziehe  seinen Antrag  zurück. Er konnte indes nicht der Versu-
       chung widerstehen,  die Rede zu halten, die seinen Antrag begrün-
       den sollte.  Er vergaß, daß der Antrag fehlte, der seine Rede be-
       gründete. Palmerston  benutzte diese  unglückliche Situation.  Er
       warf sich  sofort in Gladiatorenstellung, nachdem der Kampf abge-
       sagt war.  Er wurde  ungezogen, polternd,  renommierend, zog sich
       aber dadurch  eine Züchtigung von der Hand Disraelis zu, die, wie
       sein Mienenspiel zeigte, selbst ihn, den vollendeten Komödianten,
       die gewohnte  zynische Fassung  verlieren ließ. Das Wichtigste in
       Disraelis Replik war jedoch folgende Erklärung;
       
       "Ich weiß,  daß die  Ansichten, die  Lord Russell  von Wien heim-
       brachte, günstig  aufgenommen wurden, nicht nur von einer Majori-
       tät, sondern  von der   G e s a m t h e i t   s e i n e r  K o l-
       l e g e n,    und  daß  nur    U m s t ä n d e,    d i e    s i e
       n i c h t  a n t i z i p i e r t  h a t t e n,  die herzliche und
       einstimmige Annahme  des Plans  des edlen Lords verhinderten. Ich
       mache diese  Erklärung nicht  ohne genügende Autorität. Ich mache
       sie mit  derselben Überzeugung, womit ich 6 Wochen früher von der
       zweideutigen Sprache  und dem  ungewissen Betragen  der Regierung
       sprach, deren Richtigkeit nachfolgende Ereignisse bewiesen haben.
       Ich mache  sie mit  der Überzeugung,  daß selbst vor dem Schlüsse
       dieser Session der Beweis für diese Behauptung sich in den Händen
       des Hauses befinden wird."
       
       Die "Umstände",  worauf Disraeli  eben anspielt, waren, wie er im
       Verlauf seiner  Rede erklärt, "die Schwierigkeiten, die von fran-
       zösischer Seite  gegenübergestellt wurden".  Disraeli deutet  an,
       daß die  für parlamentarischen  Gebrauch bestimmte  Korrespondenz
       Ciarendons im  Widerspruch steht  mit den  geheimen Instruktionen
       des Ministeriums. Er schloß seine Rede mit folgenden Worten:
       
       "Ein Glaube existiert im Lande, daß Schuld in der Leitung unserer
       Angelegenheiten vorherrscht.  Ein auswärtiges Dokument erscheint"
       (Buols Rundschreiben), "die
       
       #364# Karl Marx
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       Aufregung im  Volke wächst, es denkt, es spricht, seine Repräsen-
       tanten im  Hause stellen Fragen. Was geschieht? Der Hervorragend-
       ste eurer Staatsleute wagt nicht der Kontroverse zu begegnen, die
       solche Fragen  aufwerfen. Er  verschwindet in  mysteriöser Weise.
       Aber wer  wagt ihr zu begegnen? Der erste Minister der Krone, der
       das Haus heute nacht angeredet hat in Akzenten und in einer Spra-
       che, die  durchaus seiner Stellung und der Veranlassung unwürdig,
       die mich  überzeugt haben,  daß, wenn die Ehre und Interessen des
       Landes länger  seiner Leitung  anvertraut  bleiben,  es  nur  ge-
       schieht, um  die erstere  zu degradieren  und  die  letzteren  zu
       v e r r a t e n."
       
       Roebuck überbot Disraeli in Heftigkeit der Sprache. "Ich verlange
       zu wissen,  wer nun die Verräter im Kabinett sind?" Erst Aberdeen
       und Newcastle.  Dann Graham  und Gladstone und Herbert. Dann Rus-
       sell. Wer ist der sequens 1*)?
       Unterdes ist die Stellung des Mannes, der die Koalition im gehei-
       men beherrscht  hat, wie  er das  Ministerium jetzt offiziell be-
       herrscht, ziemlich  gesichert. Sollte vor Schluß der Session noch
       irgendein Mißtrauensvotum passieren, was nicht wahrscheinlich, so
       löst er das Parlament auf. Unter allen Umständen hat er sechs Mo-
       nate vor sich, um die auswärtige Politik Englands unumschränkt zu
       leiten, nicht einmal belästigt von dem Geräusch und den Scheinge-
       fechten des Unterhauses.
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       1*) folgende

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