Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Karl Marx
Aus dem Parlamente
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 335 vom 21. Juli 1855]
London, 18. Juli. Auf die stürmische, lärmende, geräuschvolle
Nachtsitzung des Unterhauses vom 16. Juli folgte notwendig eine
Reaktion von Mattigkeit, Abspannung und Erschlaffung. Das Mini-
sterium, mit den Geheimnissen parlamentarischer Pathologie ver-
traut, rechnete auf diese Verstimmung, um jede Abstimmung über
Roebucks Motion zu verhindern, und nicht nur die Abstimmung, son-
dern die Debatte selbst. Kein Mitglied des Ministeriums sprach
vor Mitternacht, kurz vor Schluß der Sitzung, obgleich einen Au-
genblick eine Pause im Hause eintrat, die die Minister zu
Erklärungen einlud, und trotz wiederholter Aufforderung von allen
Seiten des Hauses. Das Kabinett verharrte in stoischem Schweigen
und überließ es den Repräsentanten des Marquis von Exeter, dem
Repräsentanten des Lord Ward und ähnlichen Stellvertretern von
Pairs unter den Gemeinen, das ehrenwerte Haus in jenen langweili-
gen Schlamm zu versenken, den Dante in seinem "Inferno" zur ewi-
gen Residenz der Indolenten macht [202]. Es lagen zwei Amende-
ments zu Roebucks Antrag vor, das Amendement General Peels und
das des Obersten Adair, beide von Kriegern gestellt, beide in
Flankenmärsche verlaufend. Peels Amendement verlangt, daß das
Haus die "vorläufige Frage" [203] votiere, d.h. weder für noch
gegen den Hauptantrag, jede Antwort auf Roebucks Frage ablehnend.
Oberst Adair verlangt Billigung der "Politik, die die Expedition
nach Sewastopol entworfen" und Aufforderung, "in dieser Politik
auszuharren". Er pariert also Roebucks Zensur wegen der schlech-
ten Ausführung mit einem Lobe für den guten Ursprung der Krimex-
pedition.
Das Kabinett enthielt sich jeder Erklärung darüber, welches der
Amendements es zum ministeriellen erhebe. Es schien dem Hause den
Puls fühlen zu wollen, um sich entweder mit General Peel in eine
Frage ohne Antwort
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oder mit Oberst Adair in eine Antwort ohne Frage zu flüchten.
Endlich schien das Haus in jenen Halbschlaf versenkt, dem Palmer-
ston auflauerte. Nun sandte er das unbedeutendste Mitglied des
Kabinetts vor, Sir Charles Wood, der Peels Amendement für das mi-
nisterielle erklärte. Palmerston, unterstützt von dem Schrei:
"Abstimmung, Abstimmung!" auf den ihm befreundeten Bänken, erhob
sich und "hoffte, daß das Haus sofort zur Entscheidung kommen
werde". Er glaubte Roebuck geburkt 1*) und selbst der Ehre einer
"großen Debatte", eines parlamentarischen Turniers beraubt zu ha-
ben. Aber nicht nur Disraeli widersetzte sich der Abstimmung.
Bright, mit jenem massiven Ernst, der ihn auszeichnet, erhob
sich:
"Die Regierung habe offenbar gewünscht, die vorliegende Frage
wegzueskamotieren und sich darum bis Mitternacht jeder Erklärung
enthalten. Der Gegenstand sei der wichtigste, der je dem Hause
der Gemeinen vorgelegen. Wenn die Debatte eine ganze Woche währe,
könne das nur zum Vorteil des Landes gereichen."
Palmerston, so gezwungen, die V e r t a g u n g der Debatte an-
zunehmen, mußte seinen ursprünglichen Feldzugsplan aufgeben. Er
hat eine Niederlage erlebt.
Roebucks Rede hatte das große Verdienst der Kürze. Einfach und
klar resümierte er, nicht als Advokat, sondern als Richter, wie
ihm als Präsidenten des Untersuchungskomitees geziemte, die Mo-
tive seines Urteilsspruchs. Er hatte offenbar mit derselben
Schwierigkeit zu kämpfen, die der alliierten Flotte das Einlaufen
in den Hafen von Sewastopol verbietet - mit den v e r s u n k e-
n e n S c h i f f e n, den Aberdeens, Herberts, Gladstones,
Grahams etc. Nur über sie weg konnte er zu Palmerston und den
anderen ü b e r l e b e n d e n Mitgliedern des Koalitions-
kabinetts gelangen. Sie versperrten den Zugang zu dem jetzigen
Kabinett. Roebuck suchte sich ihrer mit Komplimenten zu er-
ledigen. Newcastle und Herbert seien ihres Amtseifers wegen zu
beloben, ebenso Graham. Was sie im übrigen gesündigt aus mangeln-
der Einsicht, sei durch ihre Verjagung aus Downing Street [153]
gezüchtigt. Es handelt sich nur darum, die unbestraften Sünder
heimzusuchen. Das sei die eigentliche Tendenz seines Antrages.
Palmerston speziell griff er an, nicht nur als Mitschuldigen,
sondern im besonderen als Verwalter der Miliz. Roebuck, um seinen
Antrag in die traditionell parlamentarischen Schranken einzuzwän-
gen, brach ihm offenbar die Pointe ab. Die Argumente auf seiten
der ministeriellen Sekundanten waren so schwächlichen Gehalts,
daß die einschläfernde Form, worin sie entwickelt wurden, förm-
lich wohltuend wirkte. Die Zeugenaussagen sind unvollständig,
riefen die einen. Ihr bedroht uns mit Ostrazismus,
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1*) (von: to burke unterdrücken) unterdrückt
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die anderen. Die Sache ist schon lange her, meinte Lord Cecil.
Warum nicht nachträglich Sir R[obert] Peel verdammen? Jedes Mit-
glied des Kabinetts ist im allgemeinen für die Schritte des Kabi-
netts verantwortlich, aber keiner im besonderen. So der
"liberale" Phillimore. Ihr gefährdet die französische Allianz,
ihr konstituiert euch als Jury über den Kaiser der Franzosen! So
Lowe (von der "Times") und in seinem Gefolge Sir James Graham.
Graham, als der Mann des reinen Gewissens, erklärt sich selbst
unzufrieden mit General Peels reiner Negative. Er besteht auf ei-
nem "Schuldig" oder "Unschuldig" des Hauses. Er begnügt sich
nicht mit dem "not proven" (nicht bewiesen), womit schottische
Gerichtshöfe zweideutige Kriminalfälle beseitigen. Wollt ihr in
der Tat den überlebten und unparlamentarischen "Anklagezustand"
(impeachment [204]) wiederherstellen? Die Presse, die öffentliche
Meinung, ist an allem schuld. Sie zwang die Minister zur Ex-
pedition, zur ungelegenen Zeit, mit unzureichenden Mitteln. Wenn
ihr das Ministerium verurteilt, so verurteilt das Haus der Gemei-
nen, das hinter ihm stand! Endlich Sir Charles Woods Apologie.
Wenn Roebuck selbst den Newcastle und Herbert und Graham ent-
schuldigt, wie kann er u n s anschuldigen? Wir waren
n i c h t s, und wir sind verantwortlich für n i c h t s. So
Wood in seinem "nichts durchbohrenden Gefühl".
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