Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


       zurück

       #368#
       -----
       Friedrich Engels
       
       Perspektiven des Krieges
       
       ["New-York Daily Tribune" Nr. 4459 vom 4. August 1855,
       Leitartikel]
       Nach  unseren   letzten  Meldungen  war  ein  Stillstand  in  den
       Kriegsoperationen auf  der Krim  eingetreten. Keine Sturmversuche
       mehr; die  Kanonen sind  beinahe verstummt,  und würde  nicht das
       Büchsenfeuer beständig  zwischen den zwei Verschanzungslinien ge-
       wechselt, schöben die Alliierten ihre Position durch Minieren und
       Sappen nicht  auf den  Malachowhügel vor  und machten  die Russen
       nicht gelegentliche  Ausfälle, so könnte man die Feindseligkeiten
       für suspendiert  halten. Es  ist dies  die Stille,  die dem Sturm
       vorhergeht. Aller  Wahrscheinlichkeit nach  hat sich  bereits bei
       Sewastopol eine  Schlacht abgespielt,  wilder  als  bei  Inkerman
       [111], dem Grünen Mamelon oder dem Sturme vom 18. Juni.
       Der Monat August muß zu einem gewissen Punkt den Ausgang der Kam-
       pagne entscheiden. Um diese Zeit wird der größte Teil, wenn nicht
       die gesamten  russischen Verstärkungen,  angelangt sein,  während
       die Reihen  der Alliierten durch Krankheit gelichtet sein müssen.
       Behaupten sie  sich auf  dem Plateau  des Chersones,  so wird das
       schon viel  sein. Die  Einnahme der  Südseite von  Sewastopol für
       dieses Jahr ist eine Vorstellung, die jetzt selbst vor der engli-
       schen Presse  aufgegeben wurde.  Ihnen ist  nur die  Hoffnung ge-
       blieben, die  Stadt Stück  für Stück niederzuwerfen, und wenn sie
       es durchsetzen,  mit derselben  Eile vorzugehen  wie bisher, wird
       die Belagerung  in ihrer  Dauer die  von Troja  erreichen. Es ist
       durchaus kein  Grund für der: Glauben vorhanden, daß sie ihr Werk
       in beschleunigter  Geschwindigkeit vollbringen  werden, denn  wir
       sind jetzt  so gut wie offiziell unterrichtet, daß das bisher be-
       folgte fehlerhafte System hartnäckig fortgesetzt werden soll. Der
       Krim-Korrespondent des  Pariser "Constitutionnel",  ein Mann  von
       hohem Rang  in der französischen Armee - man glaubt, daß es Gene-
       ral Regnault de
       
       #369# Perspektiven des Krieges
       -----
       Saint-Jean-d'Angely, Kommandant der Garden ist -, hat klar ausge-
       sprochen, das Publikum könne sich die Mühe sparen, sich in Speku-
       lationen über  eine Kampagne  im freien  Feld und  die eventuelle
       Einschließung der  Nordseite von Sewastopol zu ergehen. Unter den
       gegenwärtigen Umständen,  sagt er, könne das nicht geschehen ohne
       Aufhebung der Belagerung und ohne Überlassung des ganzen Plateaus
       an die  Russen. Es sei daher entschieden worden, so hart als mög-
       lich auf  die einmal  angegriffene Position  loszuhämmern, bis zu
       ihrer völligen  Zerstörung. Nun,  auf  die  Ankündigungen  dieses
       Briefes kann  man sich  stützen, da jeder Grund vorhanden ist, zu
       glauben, nicht nur, daß der französische Kaiser sie billigt, son-
       dern selbst,  daß er  jeden Bericht  aus dieser  Quelle  vor  dem
       Drucke revidiert.  Dabei ist  Regnault  einer  seiner  speziellen
       Günstlinge.
       Was die Folge von alledem sein muß, ist leicht vorherzusagen. Die
       russische Armee in und um Sewastopol besteht jetzt aus dem 3. und
       4. Korps,  aus zwei  Divisionen des  5. und einer Division des 6.
       Korps, außer  Seesoldaten, Matrosen, lokalen Truppen, Kosaken und
       Kavallerie, die  eine bewaffnete  Streitmacht von 180 Bataillonen
       bilden oder von 90 000 Mann Infanterie und 30 000 Mann Artillerie
       und Kavallerie, nebst etwa 40 000 Kranken und Verwundeten. Selbst
       der französische "Moniteur" schätzt ihre Effektivkraft unter Waf-
       fen auf  110 000 Mann.  Nun befinden  sich das ganze 2. Korps (50
       Bataillone, 32  Schwadronen, 96  Kanonen) und zwei Grenadierdivi-
       sionen mit einer Division Kavallerie (24 Bataillone, 32 Schwadro-
       nen, 72  Kanonen) auf  dem Marsch oder schon in der Nähe Sewasto-
       pols. Sie repräsentieren eine additionelle Streitkraft von 55 000
       Mann Infanterie, 10 000 Mann Kavallerie und Kosaken und 5000 Mann
       Artillerie. Die Russen werden so bald eine Streitmacht von minde-
       stens 175 000  Mann konzentriert  haben, oder  beträchtlich mehr,
       als den  Alliierten übrigbleiben  kann nach  ihren jüngsten  Ver-
       lusten durch  Kämpfe und  Seuchen. Daß  die Russen  so fähig sein
       werden, wenigstens  ihr bisheriges  Terrain zu behaupten, ist si-
       cher das  mindeste, was man von ihnen erwarten kann, besonders da
       sie beständig  die durch  Anstrengungen erschöpften  Truppen  der
       Garnison durch frische ablösen können.
       Die Alliierten auf der anderen Seite haben keine Chance, ähnliche
       Verstärkungen zu  erhalten. Sie zählen jetzt 21 Divisionen Infan-
       terie (12  französische, 4 englische, 3 türkische und 2 piemonte-
       sische) oder  ungefähr 190 Bataillone, 3 Divisionen Kavallerie (1
       französische, 1  englische und  1  türkische)  oder  ungefähr  60
       Schwadronen und eine entsprechende Zahl von Kanonen. Da aber ihre
       Bataillone und  besonders ihre  Schwadronen sehr  stark gelichtet
       sind durch die Verluste der Kampagne, wird ihre Gesamtkraft
       
       #370# Friedrich Engels
       -----
       nicht 110 000  Mann Infanterie,  7500 Mann  Kavallerie und 20 000
       bis 25 000   1*)  Mann Artillerie, Train und Dienstunfähige über-
       schreiten. Wenn  die Kräfte der beiden kämpfenden Parteien jetzt,
       vor der  Ankunft der  russischen Verstärkungen,  sich so nahe das
       Gleichgewicht halten, muß die Waage sich offenbar gegen die Alli-
       ierten neigen, sobald jene anlangen. Alle eingetroffenen Verstär-
       kungen der  Alliierten und  die jetzt  nachgeschickt werden, sind
       bloß Detachements  von den  Depots, um die engagierten Bataillone
       und Schwadronen  aufzufüllen, und sind nicht sehr stark, wenn wir
       den Behauptungen  der Presse Glauben schenken. Jedoch sollen drei
       Divisionen nach  Marseille und Toulon marschieren, wo sich Dampf-
       boote konzentrieren, während in England die für die Krim bestimm-
       ten Regimenter  den Befehl erhalten haben, sich für die unmittel-
       bare Verschiffung  bereitzuhalten. Sie werden ungefähr eine Divi-
       sion Infanterie  und eine  Division Kavallerie  zählen. So  mögen
       während der  Monate August  und September  nach und nach ungefähr
       33000 Mann Infanterie mit vielleicht 2500 Mann Kavallerie und Ar-
       tillerie auf  der Krim anlangen; aber dies alles hängt sehr stark
       davon ab,  wie schnell  ihr Abtransport  erfolgt. Auf  jeden Fall
       werden die  Alliierten wieder  einmal zahlenmäßig unterlegen sein
       und können  wieder auf dem Plateau eingezwängt werden, wo sie den
       letzten traurigen  Winter verbrachten.  Ob es  den Russen diesmal
       gelingen wird, sie aus diesem festen Schlupfwinkel zu vertreiben,
       wagen wir  nicht zu entscheiden. Aber ihr eigenes Terrain zu hal-
       ten, ist  offenbar alles, was die Alliierten erwarten können, au-
       ßer wenn sie Verstärkungen in einem wirklich gigantischen Ausmaße
       erhielten. Somit  verspricht der  Krieg reduziert  zu werden  auf
       eine Reihe  von ergebnislosen  blutigen Treffen,  in  denen  jede
       Seite Tag  für Tag  frische Truppenteile ausschicken wird, um dem
       Feind im  Handgemenge zu  begegnen, sei  es auf  den  Wällen  der
       Stadt, den Brustwehren der Laufgräben oder den eskarpierten Anhö-
       hen um  Inkerman und  Balaklawa. Es  kann keine  Lage feindlicher
       Armeen ersonnen  werden, wo größerer Blutverlust zu unwichtigeren
       Resultaten führt, als von solchen Kämpfen zu erwarten ist.
       Es gibt  jedoch eine  Chance, daß  etwas Entscheidendes eintritt.
       Wenn es  die Russen fertigbringen könnten, außer den schon heran-
       gebrachten Truppen  noch weitere 50000 Mann heranzubringen, um so
       ihrer Armee  ein unumstößliches  Übergewicht zu  sichern, könnten
       sie den Alliierten ernste Niederlagen beibringen und sie so zwin-
       gen, sich  wieder einzuschiffen. Um diese Möglichkeit zu beurtei-
       len, müssen wir die Kräfte betrachten, die die
       -----
       1*) In der  "Neuen Oder-Zeitung"  werden die Zahlen 30 000-35 000
       angegeben (siehe vorl. Band, S. 375)
       
       #371# Perspektiven des Krieges
       -----
       Russen an  ihrer ganzen  ausgedehnten Grenze unter Waffen halten.
       Die Krimarmee,  einschließlich der  obenerwähnten  Verstärkungen,
       berechneten wir  mit ungefähr 175 000 Mann. Im Kaukasus, wo außer
       den lokalen  Truppenteilen und  den Kosaken die 16. und 17. Divi-
       sion engagiert  sind, mögen sie etwa 60 000 Mann haben. In Bessa-
       rabien haben  sie, wie  gesagt wird, 60 000 Mann unter dem Befehl
       von Lüders;  man kann  annehmen, daß  diese Truppen hauptsächlich
       aus kombinierten  Bataillonen und  Reserven bestehen, da sich nur
       eine Division  Infanterie des  5. Korps dort befindet und niemals
       etwas mitgeteilt  worden ist,  daß Truppen  des 1.  oder 2. Korps
       dorthin marschiert wären. In Polen und Wolhynien würden zwei Gar-
       dedivisionen, eine  Grenadierdivision, zwei Divisionen des 1. Ar-
       meekorps und verschiedene Reserven verbleiben - zusammen ungefähr
       160 000 Mann.  Der größere  Teil der  Reserven und  ein Teil  der
       Garde sind  an der Ostsee in folgender Weise konzentriert: 50 000
       Mann unter  Sievers in den deutschen baltischen Provinzen, 30 000
       Mann unter Berg in Finnland und 50 000 Mann unter Rüdiger als Re-
       servearmee in  und um  St. Petersburg;  alles  zusammen  ungefähr
       585 000 Mann.  Der Rest  der  russischen  Streitkräfte,  ungefähr
       65 000 Mann,  befindet sich im Innern des Landes; somit würde die
       gesamte bewaffnete  Streitkraft 650 000  Mann ausmachen.  Berück-
       sichtigt man  die in  Rußland durchgeführten gewaltigen Aushebun-
       gen, so erscheint diese Zahl keineswegs übertrieben.
       Nun, es  ist klar,  daß zu dieser vorgeschrittenen Jahreszeit die
       Russen keine  ernsthafte Gefahr  einer Landung an der Ostseeküste
       zu befürchten haben und daß eine allgemeine Verschiebung der hier
       befindlichen verschiedenen  Abteilungen nach  dem Süden  erfolgen
       könnte, um so - sagen wir - 30 000 Mann freizubekommen, die durch
       Opoltschenzen oder  andere Truppen  aus dem Innern des Landes er-
       setzt werden.  Diese 30 000 Mann würden, wenn sie nach Polen gin-
       gen in  diesem Lande  eine gleiche Anzahl Truppen freisetzen, und
       wenn die  Österreicher ihre  Armee an der Grenze auf die harmlose
       Stärke von  70 000 oder 80 000 reduziert haben werden, was in der
       nächsten Zukunft  geschehen soll,  könnten weitere  30 000-40 000
       Mann von  der polnischen  Armee eingespart werden. So könnten die
       Truppen für  eine solche  Verstärkung gefunden  werden, die  jede
       Möglichkeit ausschließen  würde, daß  die Alliierten  jemals  die
       Krim allein beherrschen, und diese Verstärkung könnte gegen Mitte
       Oktober auf den Kriegsschauplatz gebracht werden. Doch taucht die
       Frage auf,  ob es  der Regierung möglich sein wird, eine so große
       Truppenzahl während  des Winters  zu verpflegen, besonders jetzt,
       da das  Asowsche Meer von russischen Schiffen geräumt worden ist.
       Was das  anbetrifft, haben wir keine ausreichenden Daten, um eine
       Meinung
       
       #372# Friedrich Engels
       -----
       auszusprechen; aber  wenn das getan werden kann und man griffe zu
       dieser Maßnahme,  könnten die Alliierten genausogut die den Hafen
       von Balaklawa  umgebenden Felsen beschießen als die Wälle von Se-
       wastopol, die  direkt und  indirekt  von  einer  Streitkraft  von
       250 000 Mann verteidigt werden.
       Bisher haben  300000 Österreicher  Rußland an  der Flanke  seiner
       Verbindungslinie mit  der Krim  in Schach  gehalten. Laßt Rußland
       einmal diese Fessel loswerden, und die Alliierten werden bald ge-
       wahr werden, mit welch einer Macht sie es zu tun haben. Sie haben
       zugelassen, daß  die Zeit verstrich, als sie, indirekt von Öster-
       reich unterstützt,  Sewastopol hätten  erobern können.  Jetzt, da
       Rußland von  dieser Seite  sicher zu  sein beginnt und es nur mit
       den Alliierten zu tun hat, ist es zu spät.
       Geschrieben um den 20. Juli 1855.
       
       Aus dem Englischen.

       zurück