Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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KARL MARX
Lord John Russell [209]
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Geschrieben vom 25. Juli bis 12. August 1855.
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I
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 347 vom 28. Juli 1855]
London, 25.Juli. Es ist ein altes Whig-Axiom, das Lord John Rus-
sell zu zitieren liebte, daß "Parteien den Schnecken gleichen,
bei denen es der Schwanz ist, der den Kopf bewegt". Schwerlich
ahnte ihm, daß der Schweif, um sich zu retten, das Haupt abschla-
gen werde. Wenn nicht das Haupt des "letzten der Whig-Kabinetts",
war er unstreitig das Haupt der Whig-Partei. Burke sagte einmal:
"Die Zahl der Güter, Landsitze, Schlösser, Waldungen usw., die
dem englischen Volke von den Russells abgepreßt worden, sei völ-
lig unglaublich" (quite incredible). [210]
Unglaublicher würde der Ruf sein, den Lord John Russell genießt,
und die hervorragende Rolle, die er seit länger als einem Vier-
teljahrhundert zu spielen gewagt, böte nicht die "Zahl der Gü-
ter", die seine Familie usurpiert hat, den Schlüssel zum Rätsel.
Während seines ganzen Lebens schien Lord John nur nach
S t e l l e n zu jagen und an den erjagten Stellen so verstockt
festzuhalten, um jeden Anspruchs auf M a c h t verlustig zu ge-
hen. So 1836-1841, wenn ihm die Stelle des Führers der Gemeinen
zugefallen war. So 1846 bis 1852, als er sich Premierminister
nannte. Der Schein von Gewalt, der ihn als Leiter einer staats-
schatz-stürmerischen Opposition umgab, verschwand jedesmal mit
dem Tage, wo er zur Macht kam. Sobald er aus einem Out 1*) ein In
2*) wurde, war es aus mit ihm. Bei keinem anderen englischen
Staatsmanne ward je in demselben Grade die Macht zur Ohnmacht.
Aber kein anderer wußte auch je so seine Ohnmacht zur Macht zu
erheben.
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1*) (der nicht im Amt, nicht im Ministerium ist) Oppositionellen
- 2*) (im Amt, im Ministerium befindlicher) Regierungsmitglied
#384# Karl Marx
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Außer vom Einfluß der herzoglich Bedfordschen Familie, deren jün-
gerer Sohn Lord John, war die Scheingewalt, über die er peri-
odisch verfügte, unterstützt von dem Mangel aller Eigenschaften,
die im allgemeinen einen Menschen befähigen, über andere Menschen
zu herrschen. Seine diminutive Ansicht von allen Dingen teilte
sich wie durch Ansteckung andern mit und trug mehr dazu bei, das
Urteil seiner Hörer zu verwirren, als die genialste Verdrehung
vermocht hätte. Sein wahres Talent besteht in der Fähigkeit, al-
les, was er berührt, auf seine eigenen zwergartigen Dimensionen
zu reduzieren, die Außenwelt auf einen infinitesimal kleinen Maß-
stab zusammenzuziehen und in einen vulgären Mikrokosmos von sei-
ner eigenen Erfindung zu verwandeln. Sein Instinkt, das Großar-
tige zu verkleinern, wird nur übertroffen von seiner Kunst, das
Kleinliche groß aussehn zu machen.
Lord John. Russells ganzes Leben war ein Leben auf falsche Vor-
wände - falsche Vorwände von Parlamentsreform, falsche Vorwände
von Religionsfreiheit, falsche Vorwände von Freihandel. So auf-
richtig war sein Glauben in das Genüge falscher Vorwände, daß er
es für durchaus tunlich hielt, nicht nur britischer Staatsmann
auf falsche Vorwände zu werden, sondern auch Dichter, Denker und
Geschichtschreiber auf falsche Vorwände. Nur so ist es möglich,
Rechenschaft abzulegen von der Existenz solcher Lappalien wie
seine Tragödie "Don Carlos, oder die Verfolgung" oder sein
"Versuch einer Geschichte der englischen Regierung und Konstitu-
tion von der Herrschaft Heinrichs VII. bis zur Jetztzeit" oder
seine "Memoiren über die Angelegenheiten Europas seit dem Frieden
von Utrecht" [211]. Der egoistischen Enge seines Gemüts bietet
jeder Gegenstand nichts als eine T a b u l a r a s a 1*), wo-
rauf es ihm freisteht, seinen eigenen Namen zu schreiben. Seine
Meinungen hingen nie von der Realität der Tatsachen ab, sondern
für ihn hängen die Tatsachen selbst von der Ordnung ab, worin er
sie in Redensarten rangiert. Als Redner hat er nicht einen erwäh-
nenswerten Einfall hinterlassen, nicht eine tiefe Maxime, keine
solide Beobachtung, keine gewaltige Beschreibung, keinen schönen
Gedanken, keine lebendige Anspielung, kein humoristisches Ge-
mälde, keine wahre Empfindung. Die "zahmste Mittelmäßigkeit", wie
Roebuck in seiner Geschichte des Reformministeriums gesteht
[212], überraschte seine Zuhörer, selbst als er den größten Akt
seines öffentlichen Lebens beging, als er seine sogenannte Re-
formbill ins Haus der Gemeinen brachte. Er besitzt eine eigentüm-
liche Manier, seinen trocknen, schleppenden, monotonen, auktio-
närartigen Vortrag zu verbinden mit schülerhaften Illustrationen
aus der Historie und mit einem gewissen feierlichen Kauderwelsch
über "die
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1*) unbeschriebenes Blatt
#385# Lord John Russell - I
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Schönheiten der Konstitution", die "allgemeinen Freiheiten des
Landes", die "Zivilisation" und den "Fortschritt". In wirkliche
Wärme fällt er nur, wenn nicht persönlich gereizt oder von seinen
Gegnern aus der geheuchelten Haltung von Arroganz und Selbstge-
nüge in alle Symptome leidenschaftlicher Schwäche hineingesta-
chelt. Man ist in England allgemein übereingekommen, seine zahl-
losen Fehlsprünge aus einer gewissen instinktiven Raschheit zu
erklären. In der Tat ist auch diese Raschheit nur falscher Vor-
wand. Sie reduziert sich auf die unvermeidliche Reibung von Aus-
flüchten und Notmitteln, die nur für die gegenwärtige Stunde be-
rechnet sind, mit der ungünstigen Konstellation der folgenden
Stunde. Russell ist nicht instinktiv, sondern berechnend; aber
klein, wie der Mann, ist seine Berechnung - stets nur Behelf für
die nächste Stunde. Daher beständige Schwankungen und Winkelzüge,
rasche Avancen, schmähliche Retiraden, herausfordernde Worte,
weislich wieder verschluckt. Stolze Pfänder schäbig ausgelöst
und, wenn sonst nichts helfen will, Tränen und Schluchzen, um die
Welt zu erweichen. Daher kann sein ganzes Leben betrachtet werden
entweder als ein systematischer sham 1*) oder als ein un-
unterbrochener Schnitzer.
Es mag wunderbar erscheinen, daß irgendein öffentlicher Charakter
solche Armeen von totgebornen Maßregeln, erschlagenen Projekten
und abortierten Schemas überlebt hat. Aber wie der Polyp durch
Amputation gedeiht, so Lord John Russell durch Abortion. Die
Mehrzahl seiner Pläne wurde nur vorgebracht zu dem Behuf, den
Mißmut seiner Alliierten, der sog. Radikalen, zu besänftigen,
während ein Einverständnis mit seinen Gegnern, den Konservativen,
ihm das "Burken" 2*) dieser Pläne sicherte. Seit den Tagen des
reformierten Parlaments, wer könnte eine einzige seiner "weiten
und liberalen Maßregeln", seiner "großen Reform-Abschlagzahlun-
gen" nennen, von deren Schicksal er das Schicksal seines Kabi-
netts abhängig gemacht hätte? Umgekehrt. Was mehr als alles an-
dere beitrug, sein Ministerium zu halten und zu verlängern, war
das Vorschlagen von Maßregeln zur Befriedigung der Liberalen und
ihre Zurücknahme zur Befriedigung der Konservativen. Es gibt Pe-
rioden in seinem Leben, wo Peel ihn absichtlich am Ruder hielt,
um nicht gezwungen zu sein, Dinge zu t u n, von denen er wußte,
daß Russell nur s c h w a t z e n werde. In solchen Epochen ge-
heimen Einverständnisses mit dem offiziellen Gegner entwickelte
Russell Frechheit gegen seine offiziellen Verbündeten. Er ward
tapfer - auf falsche Vorwände..
Wir werden auf seine Leistungen von 1830 bis jetzt einen Rück-
blick werfen. Das verdient dieses G e n i e d e r A l l t ä g-
l i c h k e i t.
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1*) Schwindel - 2*) "Unterdrücken"
#386# Karl Marx
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II
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 359 vom 4. August 1855]
London, 1. August.
"Wenn ich ein Maler wäre", sagte Cobbett, "dort würde ich die
englische Konstitution hinstellen, unter dem Bild einer alten Ei-
che, verfault an der Wurzel, ihre Wurzel tot, ihr Stamm hohl,
wackelnd an der Grundlage, hin- und hergeworfen von jedem Wind-
stoß, und hier würde ich Lord John Russell hinsetzen, in der Per-
son eines Zaunkönigs, bemüht, alles in Ordnung zu bringen, indem
er nach einem Rest von Insektchen auf der halbvermoderten Rinde
eines der niedrigsten Zweige pickt. Einige vermuten sogar, daß er
an den Knospen nagt, unter dem Vorwand, die Rinde von schädlichen
Insekten zu säubern."
So diminutiv waren Russells Reformversuche in seiner antediluvia-
nischen Periode von 1813-1830, aber diminutiv, wie sie waren, wa-
ren sie nicht einmal aufrichtig. Er schwankte keinen Augenblick,
sie zu verleugnen, auf den bloßen Geruch eines Ministerpostens.
Seit 1807 hatten die Whigs vergeblich nach Teilnahme an der
steuerverzehrenden Funktion geschmachtet, als 1827 die Bildung
von Cannings Kabinett, mit dem sie in bezug auf Gegenstände des
Handels und der auswärtigen Politik zu sympathisieren vorschütz-
ten, ihnen die lang gesuchte Gelegenheit zu bieten schien. Rus-
sell hatte damals eine seiner Zaunkönig-Motionen für parlamenta-
rische Reform auf der Tagesordnung stehen, als Canning seinen fe-
sten Entschluß erklärte, bis zum Ende seines Lebens jeder Parla-
mentsreform zu widerstehen. Auf stand Lord John, seine Motion
zurückzuziehen.
"Parlamentsreform", sagte er, "sei eine Frage, worüber große Ver-
schiedenheit der Ansicht unter denen herrsche, die sie verteidig-
ten, und die Führer der Whigs seien stets unwillig gewesen, sie
als Parteifrage anzuerkennen. Es sei nun das Utztemal, daß er
diese Frage vorbringe."
Er endete seine Rede mit der insolenten Erklärung: "Das Volk wün-
sche die Parlamentsreform nicht länger." Er, der stets renommiert
hatte mit seiner geräuschvollen Opposition gegen Castlereaghs be-
rüchtigte 6 Zwangsakte von 1819 [213], enthielt sich nun aller
Abstimmung über einen Antrag Humes für den Widerruf einer dieser
Akte, die einen Mann lebenslänglicher Transportation aussetzte
für jede Druckschrift, worin auch nur d i e T e n d e n z ge-
funden werde, eines der Häuser des Parlaments der Verachtung aus-
zusetzen.
#387# Lord John Russell - II
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So, am Schlüsse der ersten Periode seines parlamentarischen Le-
bens, finden wir Lord John Russell seine mehr als zehnjährigen
Reformbekenntnisse Lügen strafend und völlig übereinstimmend mit
Horace Walpoles, dieses Prototyps der Whigs, Äußerung gegenüber
Conway:
"Populäre Bills werden nie ernsthaft vorgeschlagen, sondern stets
nur als Parteiinstrument, aber nicht als ein Pfand für die Ver-
wirklichung solcher extravaganten Ideen!"
Es war also keinenfalls Russells Fehler, wenn er, statt die Re-
formmotion im Mai 1827 zum l e t z t e n M a l e vorzubringen,
sie 4 Jahre später, am 1. März 1831, in der Gestalt der berühmten
Reformbill zu wiederholen hatte. Diese Bill, worauf er noch immer
seinen Anspruch auf die Bewunderung der Welt im allgemeinen und
Englands im besondern gründet, hatte ihn keineswegs zum Verfas-
ser. In ihren Hauptzügen, dem Aufbrechen des größern Teiles der
Wahl-Boroughs 1*), der Zufügung der Grafschaftsmitglieder, dem
Wahlrecht für Copyholders, Leaseholders [214] und 24 der bedeu-
tendsten englischen Handels- und Fabrikstädte, war sie eine Kopie
der Bill, die Graf Grey (der Chef des Reformministeriums von
1830) 1797, wenn in der Opposition, dem Hause der Gemeinen vorge-
legt, aber weislich vergessen hatte, als er sich 1806 im Kabinett
befand. Es ist dieselbe Bill, oberflächlich modifiziert. Welling-
tons Vertreibung aus dem Kabinett, weil er sich gegen Parlaments-
reform erklärt, die französische Julirevolution, die drohenden
großen politischen Unionen, von den Mittel- und Arbeiterklassen
in Birmingham, Manchester, London usw. gebildet, der Bauernkrieg
in den Ackerbaugrafschaften, der rote Hahn, der in den fruchtbar-
sten Distrikten Englands sein Feuer umhertrug [215] - alle diese
Umstände zwangen die Whigs, irgendeine Reformbill vorzuschlagen.
Sie gaben nach, verdrießlich, zögernd, nach vergeblich wiederhol-
ten Versuchen, ihre Stellen durch ein Kompromiß mit den Tories zu
sichern. Sie wurden daran verhindert zugleich durch die furcht-
bare Haltung des Volks und die starre Unversöhnlichkeit der To-
ries. Kaum war indes die Reformbill zum Gesetz erhoben und in
Praxis getreten, als, um Brights Worte zu gebrauchen (vom 6. Juni
1849), das Volk "zu fühlen begann, daß es geprellt war".
Nie vielleicht hat eine mächtige und allem Anschein nach erfolg-
reiche Volksbewegung sich in winzigere Scheinresultate verlaufen.
Nicht nur wurden die Arbeiterklassen von allem politischen Ein-
fluß ausgeschlossen, die Mittelklassen selbst entdeckten bald,
daß es nicht Redefigur war, wenn Lord Althorp, die Seele des Re-
formkabinetts, seinen Tory-Gegnern zurief:
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1*) Wahlflecken
#388# Karl Marx
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"Die Reformbill sei die aristokratischste Maßregel, die jemals
der Nation geboten worden."
Die neue Landrepräsentation überwog weit den den Städten
eingeräumten Zuwachs von Stimmen. Dies Stimmrecht, das den Päch-
tern 1*) auf Kündigung gegeben wurde, machte die Grafschaften
noch vollständiger zu Werkzeugen der Aristokratie. Die Unter-
schiebung von Hausbesitzern, deren Haus jährlich 10 Pfd. St.
trägt für die Zahler von Schoß und Zoll, entzog einem großen Teil
der städtischen Bevölkerung ihr Stimmrecht. Die Verleihung und
Entziehung des Wahlrechts war im ganzen berechnet nicht auf Ver-
mehrung des Einflusses der Mittelklassen, sondern auf Ausschlie-
ßung des Tory- und Förderung des Whig-Einflusses. Durch eine
Reihe der außerordentlichsten Winkelzüge, Pfiffe und Betrügereien
wurde die Ungleichheit der Wahlbezirke erhalten, das ungeheure
Mißverhältnis zwischen Zahl der Repräsentanten und Bevölkerung
und Wichtigkeit der Wahlkörperschaften wiederhergestellt. Wenn
ungefähr 56 faule Flecken, jeder mit einer Handvoll Einwohnern,
aufgehoben, wurden ganze Grafschaften und volkreiche Städte in
faule Flecken verwandelt. John Russell gesteht selbst in einem
Briefe an seine Wähler von Stroud "über die Prinzipien der Re-
formbill" (1839), daß das "10-Pfund-Stimmrecht durch Regulationen
aller Art gefesselt und die jährliche Registration der Wahlfähi-
gen zu einer Quelle von Schikanen und Unkosten gemacht" ward. Wo
Einschüchterung und traditioneller Einfluß nicht verewigt werden
konnten, wurden sie ersetzt durch Bestechung, die, seit dem
Durchgehn der Reformbill, der Eckstein der britischen Konstitu-
tion wurde. Dieses war die Reformbill, deren Trompete Russell
war, ohne ihr Urheber zu sein. Die einzigen Klauseln, die erwie-
senermaßen seiner Erfindung geschuldet werden, sind die Klausel,
die von allen Freeholders [216], mit Ausnahme der Geistlichen,
einjährigen Besitz ihres Grundstücks erheischt, und die andere
Klausel, wodurch Tavistock, der "faule Flecken" der Familie Rus-
sell, seine Privilegien unversehrt erhält.
Russell war nur subalternes Mitglied des Reformministeriums (von
1830 bis November 1834), nämlich Zahlmeister der Armee ohne
Stimme im Kabinett. Er war vielleicht der unbedeutendste unter
seinen Kollegen, aber trotz alledem der jüngste Sohn des einfluß-
reichen Herzogs von Bedford. Man kam daher über ein, ihm die Ehre
der Einführung der Reformbill in das Haus der Gemeinen zu über-
lassen. Ein Hindernis stand diesem Familienarrangement im Wege.
Während der Reformbewegung vor 1830 hatte Russell stets
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1*) In der "New-York Daily Tribune" Nr. 4479 vom 28. August 1855
folgen hier die Worte: "die jährlich einen Pachtvertrag von 50
Pfd. St. zahlen"
#389# Lord John Russell - III
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figuriert als "Henry Broughams little man" (Heinrich Broughams
kleiner Mann). Russell konnte die Reformbill nicht zum Vortrag
überlassen werden, solange Brougham neben ihm im Unterhause saß.
Das Hindernis wurde beseitigt, indem man den eitlen Plebejer ins
Haus der Lords auf den Wollsack [217] warf. Da die bedeutendem
Mitglieder des ursprünglichen Reformkabinetts bald ins Oberhaus
traten (so Althorp 1834), ausstarben oder zu den Tories übergin-
gen, fiel Russell nicht nur das Gesamterbe des Reformministeriums
zu, sondern er galt bald für den Vater des Kindes, bei dem er zur
Taufe gestanden hatte. Er gedieh auf den falschen Vorwand, der
Verfasser einer Reformbill zu sein, die selbst eine Verfälschung
und eine Eskamotage war. Sonst zeichnete er sich während der
Jahre 1830-1834 nur durch die ärgerliche Bitterkeit aus, womit er
jeder Untersuchung der Pensionsliste widerstand.
III
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 363 vom 7. August 1855]
London, 3. August. Wir kehren zur C h a r a k t e r i s t i k
R u s s e l l s zurück. Wir werden länger bei ihm verweilen,
einmal weil er d e r k l a s s i s c h e R e p r ä s e n-
t a n t d e s m o d e r n e n W h i g g i s m u s, dann, weil
seine Geschichte, wenigstens nach einer Seite hin, d i e
G e s c h i c h t e d e s r e f o r m i e r t e n P a r l a-
m e n t s bis zur Jetztzeit einschließt.
In seiner Bevorwortung der Reformbill machte Russell in bezug auf
das B a l l o t (Wahl durch Kugelung) und k u r z e P a r-
l a m e n t e - die Whigs haben bekanntlich die einjährigen
Parlamente Englands 1694 in dreijährige und 1717 in siebenjährige
verwandelt - folgende Erklärung:
"Es unterliegt keinem Zweifel, daß das B a l l o t viel Empfeh-
lungswertes für sich hat. Die zu seinen Gunsten vorgebrachten
Gründe sind so scharfsinnig und schlagend wie irgendwelche, die
ich je in bezug auf irgendeinen Streitpunkt vorbringen hörte. In-
des muß das Haus sich hüten, zu einem übereilten Beschluß zu kom-
men... Die Frage der k u r z e n P a r l a m e n t e ist von
der äußersten Wichtigkeit. Ich überlasse es einem andern Mitglied
des Hauses, sie künftig vorzubringen, da ich meinen großen Vor-
wurf nicht mit Details überhäufen darf."
Am 6. Juni 1833 behauptete er,
"sich enthalten zu haben der Beantragung dieser zwei M a ß r e-
g e l n, um eine Kollision mit dem Hause der Lords zu vermeiden,
obgleich M e i n u n g e n (!) tief in seiner Brust
#390# Karl Marx
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wurzelnd. Er sei überzeugt, daß sie wesentlich für das Glück, den
Wohlstand und die Wohlfahrt des Landes seien." (Man hat hier
zugleich ein Beispiel von seiner Art Rhetorik.)
Infolge dieser "tiefgewurzelten Überzeugung" zeigte er sich wäh-
rend seiner ganzen ministeriellen Laufbahn als beständigen und
unerbittlichen Feind des Bailots und kurzer Parlamente. Zur Zeit,
wo diese Erklärungen gemacht wurden, dienten sie als doppelter
Notbehelf. Sie beschwichtigten die mißtrauischen Demokraten des
Unterhauses; sie verschüchterten die widerspenstigen Aristokraten
des Oberhauses. Sobald sich indes Russell des neuen Hofes der Kö-
nigin Victoria versichert hatte (siehe Broughams Antwort auf Rus-
sells Brief an die Wähler von Stroud, 1839) und sich nun einen
unsterblichen Stelleneigentümer dünkte, trat er hervor mit seiner
Erklärung vom November 1837, worin er "die extreme Länge, wozu
die Reformbill fortgegangen", damit rechtfertigte, daß sie die
Möglichkeit jeden Weitergehens absperre.
"D e r Z w e c k der Reformbill", sagte er, "war, d a s
Ü b e r g e w i c h t d e s G r a n d e i g e n t u m s i n-
t e r e s s e s z u v e r m e h r e n, und sie war gemeint als
die p e r m a n e n t e L ö s u n g einer großen konstitutio-
nellen Frage."
Kurz, er trat hervor mit seiner Abschlußerklärung, die ihm den
Titel "Finality-John" eintrug. Es war ihm indes nicht mehr Ernst
mit der "Finality" 1*), dem Stehenbleiben, als mit dem Weiterge-
hen. Es ist wahr. Er widersetzte sich 1848 Humes Parlamentsre-
form-Antrag. Mit der vereinten Macht der Whigs, Tories und Peeli-
ten [11] schlug er Hume wieder, als dieser 1849 eine ähnliche Mo-
tion stellte, mit einer Majorität von 268 gegen 82. Kühn gemacht
durch die konservative Reserve, forderte er trotzig heraus:
"Als wir die Reformbill entwarfen und vorschlugen, wünschten wir
die Repräsentation dieses Hauses den andern Staatsgewalten
a n z u p a s s e n und es in Harmonie mit der Konstitution zu
halten. Herr Bright und seine Meinungsgenossen sind so
a u ß e r o r d e n t l i c h e n g g e i s t i g, ihre Ur-
teilskraft und ihr Verstand sind in so enge Schranken gebannt,
daß es förmlich unmöglich ist, ihnen die großen Prinzipien be-
greiflich zu machen, worauf unsere Vorfahren die Konstitution des
Landes begründet haben, und die wir, ihre Nachfolger, in Demut
bewundern und nachzuahmen suchen. Das Haus der Gemeinen, in den
17 Jahren, die seit der Reformbill verflossen, hat alle gerechten
Erwartungen befriedigt. Das bestehende System, obgleich einiger-
maßen unregelmäßig, wirkt gut und gerade wegen seiner Regelwid-
rigkeit gut."
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1*) "Abschluß"
#391# Lord John Russell - III
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Da Russell indes 1851 eine Niederlage erlitt bei Gelegenheit von
Locke Kings Motion, das Wahlrecht in den Grafschaften auf Besit-
zer zu einem Jahresertrag von 10 Pfd. St. auszudehnen -, da er
sich selbst gezwungen sah, für einige Tage zu resignieren, leuch-
tete seinem "weitgeistigen" Verstände plötzlich die Notwendigkeit
einer n e u e n R e f o r m b i l l ein. Er verpfändete sich
dem Hause, sie einzubringen. Er verschwieg, worin seine
"Maßregel" bestehen sollte, aber er stellte einen Wechsel auf sie
aus, z a h l b a r i n d e r n ä c h s t e n S i t z u n g
d e s P a r l a m e n t s.
"Der Anspruch des gegenwärtigen Ministeriums auf die Stelle, die
es einnimmt", erklärte damals die "Westminister Review", das Or-
gan der mit Russell verbündeten sog. Radikalen, "war zum Stich-
wort des Hohnes und des Vorwurfs geworden, und schließlich, als
sein Sturz und die Vernichtung seiner Partei unvermeidlich
schien, rückte Lord John heraus mit dem Versprechen einer neuen
Reformbill für 1852. Haltet euch am Posten, ruft er, bis zu jener
Frist, und ich werde eure Sehnsucht durch eine breite und libe-
rale Reformmaßregel befriedigen."
1852 schlug er in der Tat eine Reformbill vor, diesmal seiner ei-
gensten Erfindung, aber von so wunderlich liliputanischen Umris-
sen, daß weder die Konservativen es der Mühe wert hielten, sie
anzugreifen, noch die Liberalen, sie zu verteidigen. Jedenfalls
bot der Reformabort dem kleinen Mann den Vorwand, als er endlich
vom Ministerium scheiden mußte, seinem siegreichen Nachfolger,
dem Grafen Derby, einen skythischen Pfeil im Fliehen zuzuschleu-
dern. Er machte seinen Exit mit der pomphaften Drohung, daß er
"auf der A u s d e h n u n g d e s W a h l r e c h t s
b e s t e h e n w e r d e". Die Ausdehnung des Wahlrechts war
ihm nun zur "Herzenssache" geworden. Kaum aus dem Kabinett her-
ausgeworfen, lud dieses Kind des Notbehelfs, jetzt von seinen ei-
genen Anhängern "Foul weather Jack" (Schlecht-Wetter-Hans) be-
namst, zu seiner Privatresidenz in Chesham Place die verschie-
denen Fraktionen ein, aus deren Ehe das schwächliche Ungeheuer
der Koalition entsprang. Er vergaß nicht, nach den
"außerordentlich enggeistigen" Brights und Cobdens zu schicken,
in feierlicher Versammlung vor ihnen seine eigene Weitgeistigkeit
abzubitten, und ihnen einen neuen Wechsel auf einen "größern"
Reformbetrag auszustellen. Als Mitglied des Koalitionskabinetts,
1854, belustigte er die Gemeinen mit einem abermaligen Reformpro-
jekt, wovon er wußte, daß es bestimmt sei, eine andere Iphigenie,
von ihm, einem anderen Agamemnon, zum Frommen eines andern Troja-
zuges geopfert zu werden. Er vollführte das Opfer in dem melodra-
matischen Stile Metastasios, die Augen gefüllt mit Tränen, die
indes trockneten, sobald der "gehaltlose" Sitz, den er im Kabi-
nett einnahm, durch eine armselige Intrige gegen Herrn Strutt,
einen seiner
#392# Karl Marx
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eigenen Parteigänger, vertauscht war mit der Kabinettspräsiden-
tenschaft, Gehalt 2000 Pfd. St.
Der zweite Reformplan sollte sein fallendes Kabinett stützen, der
dritte das Tory-Kabinett fällen. Der zweite war eine Ausflucht,
der dritte eine Schikane. Den zweiten richtete er so ein, daß
niemand zugreifen wollte; den dritten brachte er vor in einem Au-
genblick, wo niemand zugreifen konnte. In beiden bewies er, daß,
wenn ihn das Schicksal zum Minister, die Natur ihn zum Kes-
selflicker bestimmt hat, wie den Christopher Sly [218]. Selbst
von der ersten und allein verwirklichten Reformbill begriff er
nur den oligarchischen Kniff, nicht den historischen Pfiff.
IV
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 365 vom 8. August 1855)
London, 4. August. Mit dem Ausbruch des Anti-Jakobinerkrieges be-
gann der Einfluß der Whigs in England in eine Periode der Ebbe zu
treten, die tiefer und tiefer fiel. Sie wandten daher ihre Augen
nach Irland, beschlossen, es in die Waagschale zu werfen, und
schrieben auf ihr Parteibanner: Irische Emanzipation. Als sie
1806 für einen Augenblick zur Regierung kamen, legten sie in der
Tat eine kleine irische Emanzipationsbill dem Hause der Gemeinen
vor, brachten sie durch die zweite Lesung und zogen sie dann
freiwillig wieder zurück, um dem bigotten Idiotismus Georgs III.
zu schmeicheln. 1812 suchten sie sich dem Prinzregenten (später
Georg IV.), wenn auch umsonst, als die einzig möglichen Werkzeuge
der Aussöhnung mit Irland aufzudrängen. Vor und während der Re-
formagitation krochen sie vor und um O'Connell, und die
"Hoffnungen Irlands" dienten ihnen als mächtige Kriegsmaschine.
Dennoch, bei der ersten Versammlung des ersten reformierten Par-
laments, bestand der erste Akt des Reformministeriums in einer
Kriegserklärung gegen Irland, in der "brutalen und blutigen" Maß-
regel der "Zwangsbill", die Irland dem Standrecht unterwarf 1*).
Die Whigs erfüllten ihre alten Versprechen "mit Feuer, Gefängnis,
Transportation und selbst mit Tod". O'Connell wurde verfolgt und
verurteilt wegen Aufstandes. Indessen hatten die Whigs die
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1*) In der "New-York Daily Tribune" wird das Ende dieses Satzes
so gebracht: "... in einer Erklärung des Bürgerkrieges gegen Ir-
land, in einer 'brutalen und blutigen Maßregel', der Zwangsbill,
der 'Bill über das Tribunal der Roten Röcke', nach der in Irland
an Stelle der Richter und Geschworenen Offiziere eingesetzt wur-
den."
#393# Lord John Russell - IV
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Zwangsbill gegen Irland nur eingebracht und nur durchgebracht auf
die ausdrückliche Verpflichtung hin, eine andere Bill, eine Bill
über die englische Staatskirche in Irland vorzulegen. Diese Bill
- hatten sie sich weiter verpflichtet - solle eine Klausel ent-
halten, die gewisse Ü b e r s c h ü s s e aus den Einkünften
der Staatskirche in Irland zur Verfügung des Parlaments stelle.
Das Parlament seinerseits solle über sie verfügen im Interesse
Irlands. Die Wichtigkeit dieser Klausel bestand in der Anerken-
nung des Prinzips, daß das Parlament die Macht zur Expropriation
der Staatskirche besitzt - ein Prinzip, wovon Lord John Russell
um so sicherer überzeugt sein sollte, als das ganze ungeheure
Vermögen seiner Familie aus ehemaligen Kirchengütern besteht. Die
Whigs versprachen, mit jener Kirchenbill zu stehen oder zu fal-
len. Sobald aber die Zwangsbill votiert war, zogen sie unter dem
Vorwande, eine Kollision mit dem Hause der Lords zu vermeiden,
die obenerwähnte Klausel, die einzige, die ihrer Kirchenbill Wert
gab, zurück. Sie überstimmten und schlugen ihren eigenen Vor-
schlag. Dies geschah 1834. Gegen E n d e desselben Jahres je-
doch schien ein elektrischer Stoß die irischen Sympathien der
Whigs neu belebt zu haben. Sie hatten nämlich vor Sir Robert Peel
im Herbst 1834 das Kabinett räumen müssen. Sie waren auf die
Oppositionsbänke zurückgeschleudert. Und sofort finden wir unsern
John Russell eifrig tätig am Aussöhnungswerk mit Irland. Er war
Hauptagent in den Negotiationen zum Lichfield-House-Vertrag [97],
der Januar 1835 abgeschlossen wurde. Die Whigs überlassen darin
dem O'Connell die Patronage (Vergebung von Ämtern etc.) in Ir-
land, während O'Connell ihnen die irischen Stimmen innerhalb und
außerhalb des Parlaments sichert. Aber ein V o r w a n d war
nötig zur Vertreibung der Tories aus Downing Street [153]. Rus-
sell, mit charakteristischer "Unverschämtheit", wählte die
K i r c h e n e i n k ü n f t e Irlands als Schlachtfeld, und
als Kampfparole dieselbe K l a u s e l - unter dem Namen A p-
p r o p r i a t i o n s k l a u s e l berüchtigt geworden -, die
er und seine Kollegen vom Reformministerium s e l b s t kurz
vorher zurückgezogen und aufgeopfert hatten. Peel wurde in der
Tat geschlagen unter der Parole der "Appropriations-klausel". Das
Melbourne-Kabinett ward gebildet, und Lord John Russell in-
stallierte sich als Minister des Innern und Führer des Hauses der
Gemeinen. Jetzt pries er sich selbst, einerseits wegen seiner
geistigen Festigkeit, weil er, obgleich nun im Amte, fortfahre,
an seinen M e i n u n g e n über die Appropriationsklausel
festzuhalten; andrerseits wegen seiner moralischen Mäßigung, weil
er davon abstehe, auf diese Meinungen hin zu h a n d e l n. Nie-
mals hat er sie aus Worten in Handlungen übersetzt. Als Premier-
minister, 1846, siegte seine moralische Mäßigung so weit über
seine geistige Festigkeit, daß er auch die "Meinung" verleugnete.
Er kenne, rief er aus, keine fataleren
#394# Karl Marx
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Maßregeln als solche, die die Staatskirche in ihrer substantiel-
len Wurzel, ihren Einnahmen, bedrohten.
Im Februar 1833 denunzierte John Russell im Namen des Reformmini-
steriums die irische R e p e a l a g i t a t i o n [98].
"Ihr wirklicher Zweck", rief er den Gemeinen zu, "sei, das verei-
nigte Parlament ohne Umstände über den Haufen zu werfen und an
die Stelle von König, Lords und Gemeinen des Vereinigten König-
reichs ein Parlament zu setzen, dessen Leiter und Haupt O'Connell
wäre."
Im Februar 1834 wurde die Repealagitation abermals in der Thron-
rede denunziert, und das Reformministerium schlug eine Adresse
vor, um
"in der feierlichsten Weise zu erklären, daß es der unwiderrufli-
che Beschluß des Parlaments sei, die legislative Union der drei
Königreiche unverletzt und ungestört aufrechtzuerhalten".
Kaum aber auf die Oppositions-Sandbänke verschlagen, erklärte
John Russell:
"Was die Repeal der Union betreffe, so unterliege dieser Gegen-
stand dem Amendement und der Frage wie jeder andere Akt der Le-
gislatur",
also nicht mehr noch minder als jede Bierbill.
Im März 1846 stürzt John Russell Peels Verwaltung durch eine Ko-
alition mit den Tories, die die Abtrünnigkeit ihres Führers von
den Korngesetzen zu züchtigen brannten. Den Vorwand lieh Peels
irische "Waffenbill", gegen die Russell, sittlich entrüstet, un-
bedingten Protest einlegte. Er wird Premier. Sein erster Akt be-
steht darin, dieselbe "Waffenbill" zu beantragen. Er blamiert
sich indes nutzlos. O'Connell hatte eben Monstermeetings gegen
Peels Bill heraufbeschworen, er hatte Petitionen von 50 000 Un-
terschriften zeichnen lassen; er befand sich zu Dublin, von wo er
alle Springfedern der Agitation spielen ließ. King Dan (König
Dan, der populäre Titel Daniel O'Connells) verlor Reich und
Rente, wenn er in diesem Augenblicke als Russells Mitschuldiger
erschien. Er gab daher dem kleinen Mann drohend Notiz, seine Waf-
fenbill sofort zurückzuziehen. Russell zog sie zurück. O'Connell,
wie er trotz seines geheimen Spiels mit den Whigs meisterhaft
verstand, fügte ihrer Niederlage die Demütigung hinzu. Damit kein
Zweifel übrigbleibe, auf w e s s e n G e h e i ß der Rückzug
geblasen werde, zeigte er zu Dublin den Repealern in der Conci-
liation-Hall die Rücknahme der Waffenbill am 17. August an, an
d e m s e l b e n Tage, wo John Russell sie dem Hause der Gemei-
nen anzeigte. 1844 denunzierte Russell den Sir Robert Peel, weil
er "Irland mit Truppen gefüllt und das Land nicht regiere, son-
dern militärisch besetze".
#395# Lord John Russell - V
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1848 besetzte Russell Irland militärisch, verhing die Hochver-
ratsakte über es, proklamierte die Suspension der Habeaskorpus-
akte [219] und renommierte mit den "energischen Maßregeln"
Ciarendons. Auch diese Energie war falscher Vorwand. In Irland
standen auf der einen Seite die O'Connelliten und die Pfaffen, im
geheimen Einverständnis mit den Whigs; auf der andern Smith
O'Brien und seine Anhänger. Letztere waren einfach dupes 1*), die
das Repealspiel für ernst hielten und darum ein spaßhaftes Ende
nahmen. Die von Russells Regierung ergriffnen "energischen
Maßregeln" und ins Werk gesetzten Brutalitäten waren daher nicht
durch die Umstände geboten. Sie bezweckten, statt der Behauptung
der englischen Herrschaft in Irland, die Verlängerung des Whig-
Regimes in England.
V
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 369 vom 10. August 1855]
London, 6. August. Die K o r n g e s e t z e wurden 1815 in
England eingeführt, weil Tories und Whigs übereingekommen waren,
ihre Grundrente durch eine Steuer auf die Nation zu erhöhen. Es
wurde dies nicht nur dadurch erreicht, daß die Korngesetze - die
Gesetze gegen Korneinfuhr vom Ausland - in manchen Jahren die Ge-
treidepreise künstlich steigerten. Die Durchschnittsperiode von
1815-1846 betrachtet, war vielleicht noch wichtiger die Illusion
der Pächter, Korngesetze seien imstande, die Getreidepreise unter
allen Umständen auf einer a priori bestimmten Höhe zu halten.
Diese Illusion wirkte auf die Pachtkontrakte. Um sie beständig
aufzufrischen, finden wir das Parlament beständig mit neuen und
verbesserten Ausgaben des Korngesetzes von 1815 beschäftigt.
Zeigten sich die Kornpreise widerspenstig, fielen sie trotz der
Diktate der Korngesetze, so wurden parlamentarische Komitees er-
nannt, um die Ursachen der "agricultural distress" (der Not in
den Agrikulturdistrikten) zu erforschen. Die "agricultural
distress" beschränkte sich, soweit sie Gegenstand der Parlaments-
untersuchungen war, in der Tat nur auf das Mißverhältnis zwischen
den Preisen, die der Pächter für den Boden dem Grundeigentümer
zahlte, und den Preisen, wozu er seine Bodenprodukte dem Publikum
verkaufte - auf das M i ß v e r h ä l t n i s z w i s c h e n
G r u n d r e n t e u n d G e t r e i d e p r e i s e n. Sie
war also einfach zu lösen durch Herabsetzung der Grundrente, der
Einnahmequelle der Grundaristokratie. Statt
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1*) Betrogene; Angeführte
#396# Karl Marx
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dessen zog letztere natürlich vor, auf legislativem Wege die Ge-
treidepreise "herabzusetzen"; ein Korngesetz wurde verdrängt
durch ein anderes leicht modifiziertes; die Fehlwirkung ward aus
unwesentlichen Details erklärt, die ein neuer Parlamentsakt kor-
rigieren könne. Wenn so der Preis des Getreides unter gewissen
Umständen, ward der Preis der G r u n d r e n t e unter allen
Umständen über dem natürlichen Niveau erhalten. Da es sich hier
um "die heiligsten Interessen" der Grundaristokratie handelte, um
die bare Einnahme, waren ihre beiden Fraktionen, Tories und
Whigs, gleich willig, "die Korngesetze" als ü b e r ihren
Parteikampf erhabene Fixsterne zu verehren. Die Whigs widerstan-
den sogar der Versuchung, liberale "Ansichten" über diesen Gegen-
stand zu hegen, um so mehr, als damals die Aussicht fern schien,
durch Wiedergewinnung der Erbpacht auf den Regierungsposten al-
lenfallsige Ausfälle in der Grundpacht zu decken. Beide Fraktio-
nen, um sich die Stimme der Finanzaristokratie zu sichern, vo-
tierten das Bankgesetz von 1819, wodurch Staatsschulden, die in
depreziiertem Gelde kontrahiert waren, in vollgültigem verzinst
werden mußten. Die Nation, die vielleicht 50 Pfd. St. geliehen
erhalten, hatte 100 wieder zu zahlen. So wurde die Zustimmung der
Finanzaristokratie zu den Korngesetzen erhandelt. Fraudulöse
Steigerung der Staatsrente für fraudulöse Steigerung der Grund-
rente - so lautete das Abkommen zwischen Finanzaristokratie und
Grundaristokratie. Man wird dann nicht erstaunt sein, wenn Lord
John Russell in den Parlamentswahlen von 1835 und 1837 alle
K o r n g e s e t z r e f o r m als schädlich, absurd, unprak-
tisch und unnötig verketzert. Von Anbeginn seiner ministeriellen
Karriere verwarf er jeden solchen Vorschlag, erst vornehm, dann
leidenschaftlich. In seiner Verteidigung hoher Kornzölle ließ er
Sir Robert Peel weit hinter sich. Die Aussicht auf Hungersnot in
den Jahren 1838 und 1839 vermochte weder ihn noch die übrigen
Mitglieder des Melbourne-Kabinetts zu erschüttern. Was nicht der
Notzustand der Nation, vermochte der Notzustand des Kabinetts.
Ein Defizit im Staatsschatze von 7 500 000 Pfd. St. und Palmer-
stons auswärtige Politik, die einen Krieg mit Frankreich herbei-
zuführen drohte, veranlaßten das Haus der Gemeinen, auf Peels An-
trag ein Mißtrauensvotum über das Melbourne-Kabinett zu verhän-
gen. Dies ereignete sich am 4. Juni 1841 Die Whigs, stets ebenso
gierig, nach Stellen zu haschen, als unfähig, sie auszufüllen,
und unwillig, sie aufzugeben, versuchten, obgleich vergeblich,
ihrem Schicksal durch eine Auflösung des Parlaments zu entrinnen.
Da erwachte in John Russells tiefer Seele die Idee, die Anti-
Korngesetz-Agitation zu eskamotieren, wie er geholfen hatte, die
Reformbewegung zu eskamotieren. Er erklärte sich daher plötzlich
zugunsten eines "mäßigen fixen Zolles" statt der gleitenden Zoll-
skala - Freund, wie er
#397# Lord John Russell - V
-----
ist, von "mäßiger" politischer Keuschheit und von "mäßigen" Re-
formen. Er entblödete sich nicht, durch die Straßen Londons zu
paradieren in einer Prozession der Regierungs-Wahlkandidaten, von
Standartenträgern begleitet, die auf ihren Stangen zwei Brote
aufgespießt hatten, in schreiendem Kontrast miteinander, das eine
ein Zwei-Pence-Brot mit der Überschrift "Peel Laib", und das an-
dere Ein-Shilling-Brot mit der Überschrift "Russell Laib". Die
Nation ließ sich indes diesmal nicht täuschen. Sie wußte aus Er-
fahrung, daß die Whigs Brote versprachen und Steine zahlten.
Trotz Russells lächerlichem Faschingszug gab die Neuwahl der
Whig-Regierung eine Minorität von 76. Sie mußte endlich ihr Lager
aufbrechen. Russell rächte sich an dem schlechten Dienst, den ihm
der mäßige fixe Zoll 1841 geleistet, dadurch, daß er im Jahre
1842 Peels "gleitende Skala" ruhig zum Gesetz kristallisieren
ließ. Er verachtete nun den "mäßigen fixen Zoll"; er drehte ihm
den Rücken; er ließ ihn fallen, ohne ein Wort über ihn fallenzu-
lassen.
Während der Jahre 1841-1845 wuchs die Anti-Corn-Law League [137]
zu kolossalen Dimensionen. Der alte Vertrag zwischen Grundaristo-
kratie und Finanzaristokratie sicherte die Korngesetze nicht län-
ger, da die industrielle Bourgeoisie mehr und mehr, statt der Fi-
nanzaristokratie, zum leitenden Bestandteil der Mittelklassen ge-
worden war. Für die industrielle Bourgeoisie aber war die Ab-
schaffung der Korngesetze Lebensfrage. Verminderung der Produkti-
onskosten, Erweiterung des auswärtigen Handels, Vermehrung des
Profits, Verminderung der Haupteinnahmequelle und darum der Macht
der Grundaristokratie, Steigen der eignen politischen Macht - die
Korngesetz-Repeal der industriellen Bourgeoisie. Im Herbst 1845
fand sie furchtbare Verbündete in der Kartoffelkrankheit in Ir-
land, der Getreideteuerung in England und einer Mißernte im größ-
ten Teil von Europa. Sir Robert Peel, eingeschüchtert von den
drohenden Konjunkturen, hielt daher Ende Oktober und in den er-
sten Wochen des November 1845 eine Reihe von Kabinettssitzungen,
worin er die Suspension der Korngesetze vorschlug und selbst auf
die Notwendigkeit ihres definitiven Widerrufs anspielte. Ein Ver-
zug in den Entschließungen des Kabinetts ward durch den hartnäc-
kigen Widerstand seines Kollegen Stanley (jetzt Lord Derby) ver-
ursacht.
John Russell, damals, zur Zeit der Parlamentsferien auf einer
Vergnügungsreise in Edinburgh, erhielt Wind von den Vorgängen in
Peels Kabinett. Er beschloß, den durch Stanley verursachten Ver-
zug zu benutzen, Peel in einer populären Position zu antizipie-
ren, sich selbst den Schein zu geben, als habe er Peel bestimmt,
und so dessen voraussichtliche Tat allen moralischen Gewichts zu
berauben. Demgemäß richtete er den 22.November 1845 von Edinburgh
aus an seine Citywähler einen Brief voll ärgerlicher und bösarti-
ger
#398# Karl Marx
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Anspielungen auf Peel, unter dem Vorwand, die Minister säumten zu
lange, zu einem Entschluß über den irischen Notstand zu kommen.
Die periodische Hungersnot Irlands in den Jahren 1831, [18]35,
[18]37 und [18]39 hatte nie vermocht, Russells und seiner Kolle-
gen Glauben an die Korngesetze zu erschüttern. Aber jetzt war er
ganz Feuer. Selbst ein so ungeheurer Unstern wie die Hungersnot
zweier Nationen beschwor vor die Augen des kleinen Mannes nichts
als Visionen von Mausefallen für den Rivalen "am Posten". In sei-
nem Briefe suchte er das wirkliche Motiv seiner plötzlichen Be-
kehrung zum Freihandel unter folgendem Armensünderbekenntnis zu
verstecken:
"Ich gestehe, daß über den Gegenstand im allgemeinen meine An-
sichten im Laufe von 20 Jahren eine große Veränderung erfahren
haben. Ich pflegte der Ansicht zu sein, daß Korn eine Ausnahme
bilde zu den allgemeinen Regeln der politischen Ökonomie; aber
Beobachtung und Erfahrung haben mich überzeugt, daß wir uns
j e d e r E i n m i s c h u n g in die Zufuhr von Nahrungsmit-
teln zu enthalten haben."
In d e m s e l b e n Brief warf er Peel vor, sich noch
n i c h t in die Zufuhr von Nahrungsmitteln nach Irland einge-
mischt zu haben. Peel fing den kleinen Mann in seiner eigenen
Falle. Er resignierte, hinterließ der Königin aber ein Billett,
worin er Russell seine Unterstützung versprach, falls dieser die
Abschaffung der Korngesetze durchzuführen übernehme. Die Königin
entbot Russell zu sich und forderte ihn zur Bildung eines neuen
Kabinetts auf. Er kam, sah - und erklärte sich u n f ä h i g
selbst m i t der Unterstützung seines Rivalen. So hatte er die
Sache nicht gemeint. Für ihn war sie nur f a l s c h e r
V o r w a n d, und man drohte, ihn beim Worte zu nehmen! Peel
trat wieder ein und schaffte die Korngesetze ab. Die Tory-Partei
ward durch seinen Akt zerbrochen und aufgelöst. Russell verband
sich mit ihr, um Peel zu stürzen. Dies seine Ansprüche auf den
Titel "Freihandelsminister", womit er noch vor einigen Tagen im
Parlament prunkte.
VI
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 377 vom 15. August 1855]
London, 12. August. Wir kehren noch einmal zu Lord John Russell
zurück, um seine Charakteristik abzuschließen. Im Beginn seiner
Laufbahn erwarb er eine Art von Namen auf den Vorwand der Tole-
ranz und am Ende seiner Laufbahn auf den Vorwand der Bigotterie;
das eine Mal durch seine Motion für "Repeal der Test- und Korpo-
rationsakte", das andere Mal durch seine
#399# Lord John Russell - VI
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"Ecclesiastical Titles Bill" (Bill über geistliche Titel) [220].
Die Test- und Korporationsakte hinderte Dissenter an der Über-
nahme von Staatsämtern. Sie war längst toter Buchstabe geworden,
als Russell im Jahre 1828 seinen bekannten Repealantrag stellte.
Er verteidigte ihn auf den Grund, daß er überzeugt sei, "der Wi-
derruf der Akte werde die Sicherheit der Staatskirche vermehren".
Ein gleichzeitiger Schriftsteller berichtet uns: "Niemand war
mehr erstaunt über das Durchgehen des Antrags, als der Antrag-
steller selbst." Das Rätsel löst sich einfach durch die Bemer-
kung, daß das Tory-Ministerium ein Jahr später (1829) selbst die
katholische Emanzipationsbill vorschlug, also durchaus wünschen
mußte, vorläufig der "Test- und Korporationsakte" entledigt zu
sein. Im übrigen haben die Dissenter nichts von Lord John erhal-
ten außer Versprechen, sooft er sich in der Opposition befand. Im
Ministerium widersetzte er sich selbst der Aufhebung der Kirchen-
steuer (church rates).
Sein A n t i p a p s t g e s c h r e i ist indes noch charakte-
ristischer für die Hohlheit des Mannes und die Kleinheit seiner
Motive. Wir haben gesehen, daß er in den Jahren 1848 und 1849 die
Reformanträge seiner eignen Alliierten durch eine Vereinigung der
Whigs mit den Peeliten und Tories niederschlug. So abhängig von
der konservativen Opposition, war sein Ministerium sehr hin-
fällig, schwankend geworden im Jahre 1850, als die päpstliche
Bulle zur Errichtung einer römisch-katholischen Hierarchie in
England und die Ernennung des Kardinals Wiseman zum Erzbischof
von Westminster eine oberflächliche Aufregung unter dem heuchle-
rischsten und albernsten Teil des englischen Volks hervorrief.
Russell, auf jeden Fall, war durch die Schritte des Papstes nicht
überrascht. Sein Schwiegervater, Lord Minto, befand sich zu Rom,
als die "Römische Zeitung" 1*) 1848 die Ernennung Wisemans ver-
öffentlichte. Ja, wir ersehen aus Kardinal Wisemans "Brief an das
englische Volk", daß der Papst schon 1848 dem Lord Minto die
Bulle zur Errichtung der Hierarchie in England mitgeteilt hatte.
Russell selbst tat einige vorbereitende Schritte, indem er in Ir-
land und den Kolonien die Titel der katholischen Geistlichkeit
von Clarendon und Grey offiziell anerkennen ließ. Jetzt jedoch,
in Anbetracht der Schwäche seines Kabinetts, beunruhigt von der
historischen Erinnerung, daß das Antipapstgeschrei die Whigs 1807
aus der Regierung warf, fürchtend, daß Stanley dem Perceval nach-
ahmen und ihn selbst während der Abwesenheit des Parlaments anti-
zipieren möge, wie er Sir Robert Peel mit der Korngesetz-Repeal
zu antizipieren gesucht hatte - von all diesen Ahnungen und Ge-
spenstern verfolgt, sprang der kleine Mann mit einem Salto mor-
tale in zügellose protestantische Leidenschaft. Am
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1*) "Gazzetta di Roma"
#400# Karl Marx
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4. November 1850 veröffentlichte er den berüchtigten "Brief an
den Bischof von Durham", worin er dem Bischof beteuert:
"Ich stimme mit Ihnen dahin überein, den letzten Angriff des Pap-
stes auf unsern Protestantismus als insolent und heimtückisch zu
betrachten, und ich fühle mich daher ebenso entrüstet, wie Sie es
nur sein können, über diese Angelegenheit."
Er spricht von "den tätigen Versuchen, die in diesem Moment auf
Beschränkung des Geistes und Knechtung der Seele hinarbeiten". Er
nennt die katholischen Zeremonien "Mummenschanz des Aberglaubens,
auf den die große Masse der Nation mit Verachtung blickt", und er
verspricht schließlich dem Bischof, neue Gesetze gegen die päpst-
liche Usurpation zu veranlassen, sollten die alten unzureichend
sein. Derselbe Lord John hatte 1845, damals allerdings außer Amt,
erklärt:
"Ich glaube, daß wir jene Klauseln aufheben können, die einen rö-
misch-katholischen Bischof verhindern, sich Titel beizulegen, die
Bischöfe der Staatskirche führen. Nichts kann absurder und kindi-
scher sein, als solche Unterscheidungen aufrechtzuerhalten."
1851 brachte er seine Geistliche-Titel-Bill ein zur Behauptung
dieser "absurden und kindischen Unterscheidungen". Da er aber
während dieses Jahres durch eine Kombination der Irischen Brigade
[24] mit Peeliten, Manchestermen [45] usw. geschlagen ward - bei
Gelegenheit von Locke Kings Motion für Ausdehnung des Wahlrechts
-, verdunstete sein protestantischer Eifer, er versprach eine Ab-
änderung der Bill, die in der Tat totgeboren zur Welt kam.
Wie sein Antipapsteifer falscher Vorwand, so sein Eifer für die
Judenemanzipation. Alle Welt weiß, daß seine Jewish Disabilities
Bill 1*) eine jährliche Farce ist - Köder für die Wahlstimmen,
worüber der österreichische Baron Rothschild in der City verfügt.
Falscher Vorwand seine Antisklaverei-Deklarationen.
"Ihre Opposition", schreibt ihm Lord Brougham, "gegen alle An-
träge zugunsten der Neger und Ihr Widerstand selbst gegen den
bloßen Versuch, den neuerrichteten Sklavenhandel zu hemmen, er-
weiterte den Bruch zwischen Ihnen und dem Lande. Die Einbildung,
daß Sie, die Gegner aller Antisklaverei-Motionen im Jahre 1838,
die Feinde jeder Einmischung mit den aus Sklavenhaltern bestehen-
den Assemblées der Kolonien, daß Sie plötzlich sich so sehr in
die Neger verliebt, um auf eine Bill zu deren Frommen Ihre Posten
im Jahi, 1839 zu riskieren, würde eine merkwürdige Anlage zur
Selbstprellerei verraten."
Falscher Vorwand seine G e s e t z r e f o r m e n. Als das
Parlament 1841 ein Mißtrauensvotum über das Whig-Kabinett ver-
hängte und die bevorstehende
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1*) Bill über die Aufhebung der Rechtsunfähigkeit der Juden
#401# Lord John Russell - VI
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Auflösung des Unterhauses wenig Erfolg versprach, versuchte Rus-
sell eine Chancery Bill 1*) durch das Haus zu jagen, um
"eins der drängendsten Übel unseres Systems zu heilen, die Ver-
schleppung in den Courts of Equity 2*), vermittelst der Schöpfung
von zwei neuen judges of equity" (Richter, die nicht das strenge
Recht, sondern die Billigkeit zur Richtschnur nehmen).
Russell nannte diese seine Bill "eine große Gesetzreformab-
schlagszahlung". Sein wirklicher Zweck war, zwei Whig-Freunde in
die neugeschaffenen Posten zu schmuggeln, v o r der voraus-
sichtlichen Bildung eines Tory-Kabinetts. Sir Edward Sugden
(jetzt Baron St. Leonards), der ihn durchschaute, stellte das
Amendement, daß die Bill erst am 10. Oktober (also nach der
Versammlung des neuerwählten Hauses) in Gesetzeskraft treten
solle. Obgleich nicht die geringste Änderung im Inhalt der Bill,
die Russell für so "dringend" hielt, vorgenommen wurde, zog er
sie sofort zurück nach Annahme des Amendements. Sie war eine
"Farce" geworden und hatte ihr Salz eingebüßt.
Kolonialreformen, Erziehungsschemata, "Freiheiten der Unterta-
nen", öffentliche Presse und öffentliche Meetings, Kriegsenthusi-
asmus und Friedenssehnsucht - alles falsche Vorwände für Lord
John Russell. Der ganze Mann ist ein falscher Vorwand, sein gan-
zes Leben eine Lüge, seine ganze Tätigkeit eine fortlaufende
Kette kleinlicher Intrigen zur Erreichung schäbiger Zwecke - des
Verschlingens öffentlicher Gelder und der Usurpation des bloßen
Scheines der Macht. Niemand hat je so schlagend den Bibelspruch
bewahrheitet, daß kein Mensch seiner Größe einen Zoll zusetzen
kann. Durch Geburt, Verbindungen, gesellschaftliche Zufälle auf
ein ungeheures Piedestal gestellt, blieb er stets derselbe Homun-
kulus - ein Zwerg, tanzend auf der Spitze einer Pyramide. Die Ge-
schichte hat vielleicht nie einen andern Mann zur Schau gestellt
- so groß im Kleinsein.
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1*) Bill über das Kanzleigericht - 2*) Billigkeitsgerichten für
Zivilklagen
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