Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       #381#
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       KARL MARX
       
       Lord John Russell [209]
       
       #382#
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       Geschrieben vom 25. Juli bis 12. August 1855.
       
       #383#
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       I
       
       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 347 vom 28. Juli 1855]
       London, 25.Juli.  Es ist ein altes Whig-Axiom, das Lord John Rus-
       sell zu  zitieren liebte,  daß "Parteien  den Schnecken gleichen,
       bei denen  es der  Schwanz ist,  der den Kopf bewegt". Schwerlich
       ahnte ihm, daß der Schweif, um sich zu retten, das Haupt abschla-
       gen werde. Wenn nicht das Haupt des "letzten der Whig-Kabinetts",
       war er unstreitig das Haupt der Whig-Partei. Burke sagte einmal:
       
       "Die Zahl  der Güter,  Landsitze, Schlösser,  Waldungen usw., die
       dem englischen  Volke von den Russells abgepreßt worden, sei völ-
       lig unglaublich" (quite incredible). [210]
       
       Unglaublicher würde  der Ruf sein, den Lord John Russell genießt,
       und die  hervorragende Rolle,  die er seit länger als einem Vier-
       teljahrhundert zu  spielen gewagt,  böte nicht  die "Zahl der Gü-
       ter", die seine Familie usurpiert hat, den Schlüssel zum Rätsel.
       Während  seines   ganzen  Lebens   schien  Lord   John  nur  nach
       S t e l l e n   zu jagen und an den erjagten Stellen so verstockt
       festzuhalten, um jeden Anspruchs auf  M a c h t  verlustig zu ge-
       hen. So  1836-1841, wenn  ihm die Stelle des Führers der Gemeinen
       zugefallen war.  So 1846  bis 1852,  als er  sich Premierminister
       nannte. Der  Schein von  Gewalt, der ihn als Leiter einer staats-
       schatz-stürmerischen Opposition  umgab, verschwand  jedesmal  mit
       dem Tage, wo er zur Macht kam. Sobald er aus einem Out 1*) ein In
       2*) wurde,  war es  aus mit  ihm. Bei  keinem anderen  englischen
       Staatsmanne ward  je in  demselben Grade  die Macht zur Ohnmacht.
       Aber kein  anderer wußte  auch je  so seine Ohnmacht zur Macht zu
       erheben.
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       1*) (der nicht  im Amt, nicht im Ministerium ist) Oppositionellen
       - 2*) (im Amt, im Ministerium befindlicher) Regierungsmitglied
       
       #384# Karl Marx
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       Außer vom Einfluß der herzoglich Bedfordschen Familie, deren jün-
       gerer Sohn  Lord John,  war die  Scheingewalt, über  die er peri-
       odisch verfügte,  unterstützt von dem Mangel aller Eigenschaften,
       die im allgemeinen einen Menschen befähigen, über andere Menschen
       zu herrschen.  Seine diminutive  Ansicht von  allen Dingen teilte
       sich wie  durch Ansteckung andern mit und trug mehr dazu bei, das
       Urteil seiner  Hörer zu  verwirren, als  die genialste Verdrehung
       vermocht hätte.  Sein wahres Talent besteht in der Fähigkeit, al-
       les, was  er berührt,  auf seine eigenen zwergartigen Dimensionen
       zu reduzieren, die Außenwelt auf einen infinitesimal kleinen Maß-
       stab zusammenzuziehen  und in einen vulgären Mikrokosmos von sei-
       ner eigenen  Erfindung zu  verwandeln. Sein Instinkt, das Großar-
       tige zu  verkleinern, wird  nur übertroffen von seiner Kunst, das
       Kleinliche groß aussehn zu machen.
       Lord John.  Russells ganzes  Leben war ein Leben auf falsche Vor-
       wände -  falsche Vorwände  von Parlamentsreform, falsche Vorwände
       von Religionsfreiheit,  falsche Vorwände  von Freihandel. So auf-
       richtig war  sein Glauben in das Genüge falscher Vorwände, daß er
       es für  durchaus tunlich  hielt, nicht  nur britischer Staatsmann
       auf falsche  Vorwände zu werden, sondern auch Dichter, Denker und
       Geschichtschreiber auf  falsche Vorwände.  Nur so ist es möglich,
       Rechenschaft abzulegen  von der  Existenz solcher  Lappalien  wie
       seine Tragödie  "Don  Carlos,  oder  die  Verfolgung"  oder  sein
       "Versuch einer  Geschichte der englischen Regierung und Konstitu-
       tion von  der Herrschaft  Heinrichs VII.  bis zur Jetztzeit" oder
       seine "Memoiren über die Angelegenheiten Europas seit dem Frieden
       von Utrecht"  [211]. Der  egoistischen Enge  seines Gemüts bietet
       jeder Gegenstand  nichts als eine  T a b u l a  r a s a  1*), wo-
       rauf es  ihm freisteht,  seinen eigenen Namen zu schreiben. Seine
       Meinungen hingen  nie von  der Realität der Tatsachen ab, sondern
       für ihn  hängen die Tatsachen selbst von der Ordnung ab, worin er
       sie in Redensarten rangiert. Als Redner hat er nicht einen erwäh-
       nenswerten Einfall  hinterlassen, nicht  eine tiefe Maxime, keine
       solide Beobachtung,  keine gewaltige Beschreibung, keinen schönen
       Gedanken, keine  lebendige Anspielung,  kein  humoristisches  Ge-
       mälde, keine wahre Empfindung. Die "zahmste Mittelmäßigkeit", wie
       Roebuck  in  seiner  Geschichte  des  Reformministeriums  gesteht
       [212], überraschte  seine Zuhörer,  selbst als er den größten Akt
       seines öffentlichen  Lebens beging,  als er  seine sogenannte Re-
       formbill ins Haus der Gemeinen brachte. Er besitzt eine eigentüm-
       liche Manier,  seinen trocknen,  schleppenden, monotonen, auktio-
       närartigen Vortrag  zu verbinden mit schülerhaften Illustrationen
       aus der  Historie und mit einem gewissen feierlichen Kauderwelsch
       über "die
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       1*) unbeschriebenes Blatt
       
       #385# Lord John Russell - I
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       Schönheiten der  Konstitution", die  "allgemeinen Freiheiten  des
       Landes", die  "Zivilisation" und  den "Fortschritt". In wirkliche
       Wärme fällt er nur, wenn nicht persönlich gereizt oder von seinen
       Gegnern aus  der geheuchelten  Haltung von Arroganz und Selbstge-
       nüge in  alle Symptome  leidenschaftlicher Schwäche  hineingesta-
       chelt. Man  ist in England allgemein übereingekommen, seine zahl-
       losen Fehlsprünge  aus einer  gewissen instinktiven  Raschheit zu
       erklären. In  der Tat  ist auch diese Raschheit nur falscher Vor-
       wand. Sie  reduziert sich auf die unvermeidliche Reibung von Aus-
       flüchten und  Notmitteln, die nur für die gegenwärtige Stunde be-
       rechnet sind,  mit der  ungünstigen Konstellation  der  folgenden
       Stunde. Russell  ist nicht  instinktiv, sondern  berechnend; aber
       klein, wie  der Mann, ist seine Berechnung - stets nur Behelf für
       die nächste Stunde. Daher beständige Schwankungen und Winkelzüge,
       rasche Avancen,  schmähliche  Retiraden,  herausfordernde  Worte,
       weislich wieder  verschluckt. Stolze  Pfänder  schäbig  ausgelöst
       und, wenn sonst nichts helfen will, Tränen und Schluchzen, um die
       Welt zu erweichen. Daher kann sein ganzes Leben betrachtet werden
       entweder als  ein  systematischer  sham  1*)  oder  als  ein  un-
       unterbrochener Schnitzer.
       Es mag wunderbar erscheinen, daß irgendein öffentlicher Charakter
       solche Armeen  von totgebornen  Maßregeln, erschlagenen Projekten
       und abortierten  Schemas überlebt  hat. Aber  wie der Polyp durch
       Amputation gedeiht,  so Lord  John Russell  durch  Abortion.  Die
       Mehrzahl seiner  Pläne wurde  nur vorgebracht  zu dem  Behuf, den
       Mißmut seiner  Alliierten, der  sog. Radikalen,  zu  besänftigen,
       während ein Einverständnis mit seinen Gegnern, den Konservativen,
       ihm das  "Burken" 2*)  dieser Pläne  sicherte. Seit den Tagen des
       reformierten Parlaments,  wer könnte  eine einzige seiner "weiten
       und liberalen  Maßregeln", seiner  "großen Reform-Abschlagzahlun-
       gen" nennen,  von deren  Schicksal er  das Schicksal seines Kabi-
       netts abhängig  gemacht hätte?  Umgekehrt. Was mehr als alles an-
       dere beitrug,  sein Ministerium  zu halten und zu verlängern, war
       das Vorschlagen  von Maßregeln zur Befriedigung der Liberalen und
       ihre Zurücknahme  zur Befriedigung der Konservativen. Es gibt Pe-
       rioden in  seinem Leben,  wo Peel ihn absichtlich am Ruder hielt,
       um nicht gezwungen zu sein, Dinge zu  t u n,  von denen er wußte,
       daß Russell nur  s c h w a t z e n  werde. In solchen Epochen ge-
       heimen Einverständnisses  mit dem  offiziellen Gegner entwickelte
       Russell Frechheit  gegen seine  offiziellen Verbündeten.  Er ward
       tapfer - auf falsche Vorwände..
       Wir werden  auf seine  Leistungen von  1830 bis jetzt einen Rück-
       blick werfen. Das verdient dieses  G e n i e  d e r  A l l t ä g-
       l i c h k e i t.
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       1*) Schwindel - 2*) "Unterdrücken"
       
       #386# Karl Marx
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       II
       
       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 359 vom 4. August 1855]
       
       London, 1. August.
       
       "Wenn ich  ein Maler  wäre", sagte  Cobbett, "dort  würde ich die
       englische Konstitution hinstellen, unter dem Bild einer alten Ei-
       che, verfault  an der  Wurzel, ihre  Wurzel tot,  ihr Stamm hohl,
       wackelnd an  der Grundlage,  hin- und hergeworfen von jedem Wind-
       stoß, und hier würde ich Lord John Russell hinsetzen, in der Per-
       son eines  Zaunkönigs, bemüht, alles in Ordnung zu bringen, indem
       er nach  einem Rest  von Insektchen auf der halbvermoderten Rinde
       eines der niedrigsten Zweige pickt. Einige vermuten sogar, daß er
       an den Knospen nagt, unter dem Vorwand, die Rinde von schädlichen
       Insekten zu säubern."
       
       So diminutiv waren Russells Reformversuche in seiner antediluvia-
       nischen Periode von 1813-1830, aber diminutiv, wie sie waren, wa-
       ren sie  nicht einmal aufrichtig. Er schwankte keinen Augenblick,
       sie zu verleugnen, auf den bloßen Geruch eines Ministerpostens.
       Seit 1807  hatten die  Whigs vergeblich  nach  Teilnahme  an  der
       steuerverzehrenden Funktion  geschmachtet, als  1827 die  Bildung
       von Cannings  Kabinett, mit  dem sie in bezug auf Gegenstände des
       Handels und  der auswärtigen Politik zu sympathisieren vorschütz-
       ten, ihnen  die lang  gesuchte Gelegenheit zu bieten schien. Rus-
       sell hatte  damals eine seiner Zaunkönig-Motionen für parlamenta-
       rische Reform auf der Tagesordnung stehen, als Canning seinen fe-
       sten Entschluß  erklärte, bis zum Ende seines Lebens jeder Parla-
       mentsreform zu  widerstehen. Auf  stand Lord  John, seine  Motion
       zurückzuziehen.
       
       "Parlamentsreform", sagte er, "sei eine Frage, worüber große Ver-
       schiedenheit der Ansicht unter denen herrsche, die sie verteidig-
       ten, und  die Führer  der Whigs seien stets unwillig gewesen, sie
       als Parteifrage  anzuerkennen. Es  sei nun  das Utztemal,  daß er
       diese Frage vorbringe."
       
       Er endete seine Rede mit der insolenten Erklärung: "Das Volk wün-
       sche die Parlamentsreform nicht länger." Er, der stets renommiert
       hatte mit seiner geräuschvollen Opposition gegen Castlereaghs be-
       rüchtigte 6  Zwangsakte von  1819 [213],  enthielt sich nun aller
       Abstimmung über  einen Antrag Humes für den Widerruf einer dieser
       Akte, die  einen Mann  lebenslänglicher Transportation  aussetzte
       für jede  Druckschrift, worin auch nur  d i e  T e n d e n z  ge-
       funden werde, eines der Häuser des Parlaments der Verachtung aus-
       zusetzen.
       
       #387# Lord John Russell - II
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       So, am  Schlüsse der  ersten Periode seines parlamentarischen Le-
       bens, finden  wir Lord  John Russell  seine mehr als zehnjährigen
       Reformbekenntnisse Lügen  strafend und völlig übereinstimmend mit
       Horace Walpoles,  dieses Prototyps  der Whigs, Äußerung gegenüber
       Conway:
       
       "Populäre Bills werden nie ernsthaft vorgeschlagen, sondern stets
       nur als  Parteiinstrument, aber  nicht als ein Pfand für die Ver-
       wirklichung solcher extravaganten Ideen!"
       
       Es war  also keinenfalls  Russells Fehler, wenn er, statt die Re-
       formmotion im Mai 1827 zum  l e t z t e n  M a l e  vorzubringen,
       sie 4 Jahre später, am 1. März 1831, in der Gestalt der berühmten
       Reformbill zu wiederholen hatte. Diese Bill, worauf er noch immer
       seinen Anspruch  auf die  Bewunderung der Welt im allgemeinen und
       Englands im  besondern gründet,  hatte ihn keineswegs zum Verfas-
       ser. In  ihren Hauptzügen,  dem Aufbrechen des größern Teiles der
       Wahl-Boroughs 1*),  der Zufügung  der Grafschaftsmitglieder,  dem
       Wahlrecht für  Copyholders, Leaseholders  [214] und 24 der bedeu-
       tendsten englischen Handels- und Fabrikstädte, war sie eine Kopie
       der Bill,  die Graf  Grey (der  Chef des  Reformministeriums  von
       1830) 1797, wenn in der Opposition, dem Hause der Gemeinen vorge-
       legt, aber weislich vergessen hatte, als er sich 1806 im Kabinett
       befand. Es ist dieselbe Bill, oberflächlich modifiziert. Welling-
       tons Vertreibung aus dem Kabinett, weil er sich gegen Parlaments-
       reform erklärt,  die französische  Julirevolution, die  drohenden
       großen politischen  Unionen, von  den Mittel- und Arbeiterklassen
       in Birmingham,  Manchester, London usw. gebildet, der Bauernkrieg
       in den Ackerbaugrafschaften, der rote Hahn, der in den fruchtbar-
       sten Distrikten  Englands sein Feuer umhertrug [215] - alle diese
       Umstände zwangen  die Whigs, irgendeine Reformbill vorzuschlagen.
       Sie gaben nach, verdrießlich, zögernd, nach vergeblich wiederhol-
       ten Versuchen, ihre Stellen durch ein Kompromiß mit den Tories zu
       sichern. Sie  wurden daran  verhindert zugleich durch die furcht-
       bare Haltung  des Volks  und die starre Unversöhnlichkeit der To-
       ries. Kaum  war indes  die Reformbill  zum Gesetz  erhoben und in
       Praxis getreten, als, um Brights Worte zu gebrauchen (vom 6. Juni
       1849), das Volk "zu fühlen begann, daß es geprellt war".
       Nie vielleicht  hat eine mächtige und allem Anschein nach erfolg-
       reiche Volksbewegung sich in winzigere Scheinresultate verlaufen.
       Nicht nur  wurden die  Arbeiterklassen von allem politischen Ein-
       fluß ausgeschlossen,  die Mittelklassen  selbst entdeckten  bald,
       daß es  nicht Redefigur war, wenn Lord Althorp, die Seele des Re-
       formkabinetts, seinen Tory-Gegnern zurief:
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       1*) Wahlflecken
       
       #388# Karl Marx
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       "Die Reformbill  sei die  aristokratischste Maßregel,  die jemals
       der Nation geboten worden."
       
       Die  neue   Landrepräsentation  überwog   weit  den  den  Städten
       eingeräumten Zuwachs  von Stimmen. Dies Stimmrecht, das den Päch-
       tern 1*)  auf Kündigung  gegeben wurde,  machte die  Grafschaften
       noch vollständiger  zu Werkzeugen  der Aristokratie.  Die  Unter-
       schiebung von  Hausbesitzern, deren  Haus jährlich  10  Pfd.  St.
       trägt für die Zahler von Schoß und Zoll, entzog einem großen Teil
       der städtischen  Bevölkerung ihr  Stimmrecht. Die  Verleihung und
       Entziehung des  Wahlrechts war im ganzen berechnet nicht auf Ver-
       mehrung des  Einflusses der Mittelklassen, sondern auf Ausschlie-
       ßung des  Tory- und  Förderung des  Whig-Einflusses.  Durch  eine
       Reihe der außerordentlichsten Winkelzüge, Pfiffe und Betrügereien
       wurde die  Ungleichheit der  Wahlbezirke erhalten,  das ungeheure
       Mißverhältnis zwischen  Zahl der  Repräsentanten und  Bevölkerung
       und Wichtigkeit  der Wahlkörperschaften  wiederhergestellt.  Wenn
       ungefähr 56  faule Flecken,  jeder mit einer Handvoll Einwohnern,
       aufgehoben, wurden  ganze Grafschaften  und volkreiche  Städte in
       faule Flecken  verwandelt. John  Russell gesteht  selbst in einem
       Briefe an  seine Wähler  von Stroud  "über die Prinzipien der Re-
       formbill" (1839), daß das "10-Pfund-Stimmrecht durch Regulationen
       aller Art  gefesselt und die jährliche Registration der Wahlfähi-
       gen zu  einer Quelle von Schikanen und Unkosten gemacht" ward. Wo
       Einschüchterung und  traditioneller Einfluß nicht verewigt werden
       konnten, wurden  sie ersetzt  durch  Bestechung,  die,  seit  dem
       Durchgehn der  Reformbill, der  Eckstein der britischen Konstitu-
       tion wurde.  Dieses war  die Reformbill,  deren Trompete  Russell
       war, ohne  ihr Urheber zu sein. Die einzigen Klauseln, die erwie-
       senermaßen seiner  Erfindung geschuldet werden, sind die Klausel,
       die von  allen Freeholders  [216], mit  Ausnahme der Geistlichen,
       einjährigen Besitz  ihres Grundstücks  erheischt, und  die andere
       Klausel, wodurch  Tavistock, der "faule Flecken" der Familie Rus-
       sell, seine Privilegien unversehrt erhält.
       Russell war  nur subalternes Mitglied des Reformministeriums (von
       1830 bis  November 1834),  nämlich  Zahlmeister  der  Armee  ohne
       Stimme im  Kabinett. Er  war vielleicht  der unbedeutendste unter
       seinen Kollegen, aber trotz alledem der jüngste Sohn des einfluß-
       reichen Herzogs von Bedford. Man kam daher über ein, ihm die Ehre
       der Einführung  der Reformbill  in das Haus der Gemeinen zu über-
       lassen. Ein  Hindernis stand  diesem Familienarrangement im Wege.
       Während der Reformbewegung vor 1830 hatte Russell stets
       -----
       1*) In der  "New-York Daily Tribune" Nr. 4479 vom 28. August 1855
       folgen hier  die Worte:  "die jährlich  einen Pachtvertrag von 50
       Pfd. St. zahlen"
       
       #389# Lord John Russell - III
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       figuriert als  "Henry Broughams  little man"  (Heinrich Broughams
       kleiner Mann).  Russell konnte  die Reformbill  nicht zum Vortrag
       überlassen werden,  solange Brougham neben ihm im Unterhause saß.
       Das Hindernis  wurde beseitigt, indem man den eitlen Plebejer ins
       Haus der  Lords auf  den Wollsack  [217] warf. Da die bedeutendem
       Mitglieder des  ursprünglichen Reformkabinetts  bald ins Oberhaus
       traten (so  Althorp 1834), ausstarben oder zu den Tories übergin-
       gen, fiel Russell nicht nur das Gesamterbe des Reformministeriums
       zu, sondern er galt bald für den Vater des Kindes, bei dem er zur
       Taufe gestanden  hatte. Er  gedieh auf  den falschen Vorwand, der
       Verfasser einer  Reformbill zu sein, die selbst eine Verfälschung
       und eine  Eskamotage war.  Sonst zeichnete  er sich  während  der
       Jahre 1830-1834 nur durch die ärgerliche Bitterkeit aus, womit er
       jeder Untersuchung der Pensionsliste widerstand.
       
       III
       
       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 363 vom 7. August 1855]
       London, 3.  August. Wir  kehren zur   C h a r a k t e r i s t i k
       R u s s e l l s   zurück. Wir  werden länger  bei ihm  verweilen,
       einmal weil  er   d e r   k l a s s i s c h e    R e p r ä s e n-
       t a n t  d e s  m o d e r n e n  W h i g g i s m u s,  dann, weil
       seine  Geschichte,  wenigstens  nach  einer  Seite  hin,    d i e
       G e s c h i c h t e   d e s   r e f o r m i e r t e n  P a r l a-
       m e n t s  bis zur Jetztzeit einschließt.
       In seiner Bevorwortung der Reformbill machte Russell in bezug auf
       das   B a l l o t   (Wahl durch  Kugelung) und  k u r z e  P a r-
       l a m e n t e   - die  Whigs haben  bekanntlich  die  einjährigen
       Parlamente Englands 1694 in dreijährige und 1717 in siebenjährige
       verwandelt - folgende Erklärung:
       
       "Es unterliegt keinem Zweifel, daß das  B a l l o t  viel Empfeh-
       lungswertes für  sich hat.  Die zu  seinen Gunsten  vorgebrachten
       Gründe sind  so scharfsinnig  und schlagend wie irgendwelche, die
       ich je in bezug auf irgendeinen Streitpunkt vorbringen hörte. In-
       des muß das Haus sich hüten, zu einem übereilten Beschluß zu kom-
       men... Die  Frage der   k u r z e n  P a r l a m e n t e  ist von
       der äußersten Wichtigkeit. Ich überlasse es einem andern Mitglied
       des Hauses,  sie künftig  vorzubringen, da ich meinen großen Vor-
       wurf nicht mit Details überhäufen darf."
       
       Am 6. Juni 1833 behauptete er,
       
       "sich enthalten  zu haben der Beantragung dieser zwei  M a ß r e-
       g e l n,  um eine Kollision mit dem Hause der Lords zu vermeiden,
       obgleich  M e i n u n g e n  (!) tief in seiner Brust
       
       #390# Karl Marx
       -----
       wurzelnd. Er sei überzeugt, daß sie wesentlich für das Glück, den
       Wohlstand und  die Wohlfahrt  des Landes  seien." (Man  hat  hier
       zugleich ein Beispiel von seiner Art Rhetorik.)
       
       Infolge dieser  "tiefgewurzelten Überzeugung" zeigte er sich wäh-
       rend seiner  ganzen ministeriellen  Laufbahn als  beständigen und
       unerbittlichen Feind des Bailots und kurzer Parlamente. Zur Zeit,
       wo diese  Erklärungen gemacht  wurden, dienten  sie als doppelter
       Notbehelf. Sie  beschwichtigten die  mißtrauischen Demokraten des
       Unterhauses; sie verschüchterten die widerspenstigen Aristokraten
       des Oberhauses. Sobald sich indes Russell des neuen Hofes der Kö-
       nigin Victoria versichert hatte (siehe Broughams Antwort auf Rus-
       sells Brief  an die  Wähler von  Stroud, 1839) und sich nun einen
       unsterblichen Stelleneigentümer dünkte, trat er hervor mit seiner
       Erklärung vom  November 1837,  worin er  "die extreme Länge, wozu
       die Reformbill  fortgegangen", damit  rechtfertigte, daß  sie die
       Möglichkeit jeden Weitergehens absperre.
       
       "D e r   Z w e c k   der Reformbill",  sagte  er,  "war,    d a s
       Ü b e r g e w i c h t   d e s    G r a n d e i g e n t u m s i n-
       t e r e s s e s  z u  v e r m e h r e n,  und sie war gemeint als
       die   p e r m a n e n t e  L ö s u n g  einer großen konstitutio-
       nellen Frage."
       
       Kurz, er  trat hervor  mit seiner  Abschlußerklärung, die ihm den
       Titel "Finality-John"  eintrug. Es war ihm indes nicht mehr Ernst
       mit der  "Finality" 1*), dem Stehenbleiben, als mit dem Weiterge-
       hen. Es  ist wahr.  Er widersetzte  sich 1848 Humes Parlamentsre-
       form-Antrag. Mit der vereinten Macht der Whigs, Tories und Peeli-
       ten [11] schlug er Hume wieder, als dieser 1849 eine ähnliche Mo-
       tion stellte,  mit einer Majorität von 268 gegen 82. Kühn gemacht
       durch die konservative Reserve, forderte er trotzig heraus:
       
       "Als wir  die Reformbill entwarfen und vorschlugen, wünschten wir
       die  Repräsentation   dieses  Hauses  den  andern  Staatsgewalten
       a n z u p a s s e n   und es  in Harmonie mit der Konstitution zu
       halten.  Herr   Bright  und   seine  Meinungsgenossen   sind   so
       a u ß e r o r d e n t l i c h   e n g g e i s t i g,    ihre  Ur-
       teilskraft und  ihr Verstand  sind in  so enge Schranken gebannt,
       daß es  förmlich unmöglich  ist, ihnen  die großen Prinzipien be-
       greiflich zu machen, worauf unsere Vorfahren die Konstitution des
       Landes begründet  haben, und  die wir,  ihre Nachfolger, in Demut
       bewundern und  nachzuahmen suchen.  Das Haus der Gemeinen, in den
       17 Jahren, die seit der Reformbill verflossen, hat alle gerechten
       Erwartungen befriedigt.  Das bestehende System, obgleich einiger-
       maßen unregelmäßig,  wirkt gut  und gerade wegen seiner Regelwid-
       rigkeit gut."
       -----
       1*) "Abschluß"
       
       #391# Lord John Russell - III
       -----
       Da Russell  indes 1851 eine Niederlage erlitt bei Gelegenheit von
       Locke Kings  Motion, das Wahlrecht in den Grafschaften auf Besit-
       zer zu  einem Jahresertrag  von 10  Pfd. St. auszudehnen -, da er
       sich selbst gezwungen sah, für einige Tage zu resignieren, leuch-
       tete seinem "weitgeistigen" Verstände plötzlich die Notwendigkeit
       einer   n e u e n   R e f o r m b i l l  ein. Er verpfändete sich
       dem  Hause,   sie  einzubringen.   Er  verschwieg,   worin  seine
       "Maßregel" bestehen sollte, aber er stellte einen Wechsel auf sie
       aus, z a h l b a r   i n   d e r   n ä c h s t e n  S i t z u n g
       d e s  P a r l a m e n t s.
       
       "Der Anspruch  des gegenwärtigen Ministeriums auf die Stelle, die
       es einnimmt",  erklärte damals die "Westminister Review", das Or-
       gan der  mit Russell  verbündeten sog. Radikalen, "war zum Stich-
       wort des  Hohnes und  des Vorwurfs geworden, und schließlich, als
       sein  Sturz  und  die  Vernichtung  seiner  Partei  unvermeidlich
       schien, rückte  Lord John  heraus mit dem Versprechen einer neuen
       Reformbill für 1852. Haltet euch am Posten, ruft er, bis zu jener
       Frist, und  ich werde  eure Sehnsucht durch eine breite und libe-
       rale Reformmaßregel befriedigen."
       
       1852 schlug er in der Tat eine Reformbill vor, diesmal seiner ei-
       gensten Erfindung,  aber von so wunderlich liliputanischen Umris-
       sen, daß  weder die  Konservativen es  der Mühe wert hielten, sie
       anzugreifen, noch  die Liberalen,  sie zu verteidigen. Jedenfalls
       bot der  Reformabort dem kleinen Mann den Vorwand, als er endlich
       vom Ministerium  scheiden mußte,  seinem siegreichen  Nachfolger,
       dem Grafen  Derby, einen skythischen Pfeil im Fliehen zuzuschleu-
       dern. Er  machte seinen  Exit mit  der pomphaften Drohung, daß er
       "auf  der     A u s d e h n u n g    d e s    W a h l r e c h t s
       b e s t e h e n   w e r d e".   Die Ausdehnung des Wahlrechts war
       ihm nun  zur "Herzenssache"  geworden. Kaum aus dem Kabinett her-
       ausgeworfen, lud dieses Kind des Notbehelfs, jetzt von seinen ei-
       genen Anhängern  "Foul weather  Jack" (Schlecht-Wetter-Hans)  be-
       namst, zu  seiner Privatresidenz  in Chesham  Place die verschie-
       denen Fraktionen  ein, aus  deren Ehe  das schwächliche Ungeheuer
       der   Koalition    entsprang.   Er   vergaß   nicht,   nach   den
       "außerordentlich enggeistigen"  Brights und  Cobdens zu schicken,
       in feierlicher Versammlung vor ihnen seine eigene Weitgeistigkeit
       abzubitten, und  ihnen einen  neuen Wechsel  auf einen  "größern"
       Reformbetrag auszustellen.  Als Mitglied des Koalitionskabinetts,
       1854, belustigte er die Gemeinen mit einem abermaligen Reformpro-
       jekt, wovon er wußte, daß es bestimmt sei, eine andere Iphigenie,
       von ihm, einem anderen Agamemnon, zum Frommen eines andern Troja-
       zuges geopfert zu werden. Er vollführte das Opfer in dem melodra-
       matischen Stile  Metastasios, die  Augen gefüllt  mit Tränen, die
       indes trockneten,  sobald der  "gehaltlose" Sitz, den er im Kabi-
       nett einnahm,  durch eine  armselige Intrige  gegen Herrn Strutt,
       einen seiner
       
       #392# Karl Marx
       -----
       eigenen Parteigänger,  vertauscht war  mit der Kabinettspräsiden-
       tenschaft, Gehalt 2000 Pfd. St.
       Der zweite Reformplan sollte sein fallendes Kabinett stützen, der
       dritte das  Tory-Kabinett fällen.  Der zweite war eine Ausflucht,
       der dritte  eine Schikane.  Den zweiten  richtete er  so ein, daß
       niemand zugreifen wollte; den dritten brachte er vor in einem Au-
       genblick, wo  niemand zugreifen konnte. In beiden bewies er, daß,
       wenn ihn  das Schicksal  zum Minister,  die Natur  ihn  zum  Kes-
       selflicker bestimmt  hat, wie  den Christopher  Sly [218]. Selbst
       von der  ersten und  allein verwirklichten  Reformbill begriff er
       nur den oligarchischen Kniff, nicht den historischen Pfiff.
       
       IV
       
       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 365 vom 8. August 1855)
       London, 4. August. Mit dem Ausbruch des Anti-Jakobinerkrieges be-
       gann der Einfluß der Whigs in England in eine Periode der Ebbe zu
       treten, die  tiefer und tiefer fiel. Sie wandten daher ihre Augen
       nach Irland,  beschlossen, es  in die  Waagschale zu  werfen, und
       schrieben auf  ihr Parteibanner:  Irische Emanzipation.  Als  sie
       1806 für  einen Augenblick zur Regierung kamen, legten sie in der
       Tat eine  kleine irische Emanzipationsbill dem Hause der Gemeinen
       vor, brachten  sie durch  die zweite  Lesung und  zogen sie  dann
       freiwillig wieder  zurück, um dem bigotten Idiotismus Georgs III.
       zu schmeicheln.  1812 suchten  sie sich dem Prinzregenten (später
       Georg IV.), wenn auch umsonst, als die einzig möglichen Werkzeuge
       der Aussöhnung  mit Irland  aufzudrängen. Vor und während der Re-
       formagitation  krochen   sie  vor   und  um  O'Connell,  und  die
       "Hoffnungen Irlands"  dienten ihnen  als mächtige Kriegsmaschine.
       Dennoch, bei  der ersten Versammlung des ersten reformierten Par-
       laments, bestand  der erste  Akt des  Reformministeriums in einer
       Kriegserklärung gegen Irland, in der "brutalen und blutigen" Maß-
       regel der  "Zwangsbill", die Irland dem Standrecht unterwarf 1*).
       Die Whigs erfüllten ihre alten Versprechen "mit Feuer, Gefängnis,
       Transportation und  selbst mit Tod". O'Connell wurde verfolgt und
       verurteilt wegen Aufstandes. Indessen hatten die Whigs die
       -----
       1*) In der  "New-York Daily  Tribune" wird das Ende dieses Satzes
       so gebracht:  "... in einer Erklärung des Bürgerkrieges gegen Ir-
       land, in  einer 'brutalen und blutigen Maßregel', der Zwangsbill,
       der 'Bill  über das Tribunal der Roten Röcke', nach der in Irland
       an Stelle  der Richter und Geschworenen Offiziere eingesetzt wur-
       den."
       
       #393# Lord John Russell - IV
       -----
       Zwangsbill gegen Irland nur eingebracht und nur durchgebracht auf
       die ausdrückliche  Verpflichtung hin, eine andere Bill, eine Bill
       über die  englische Staatskirche in Irland vorzulegen. Diese Bill
       - hatten  sie sich  weiter verpflichtet - solle eine Klausel ent-
       halten, die  gewisse   Ü b e r s c h ü s s e   aus den Einkünften
       der Staatskirche  in Irland  zur Verfügung des Parlaments stelle.
       Das Parlament  seinerseits solle  über sie  verfügen im Interesse
       Irlands. Die  Wichtigkeit dieser  Klausel bestand in der Anerken-
       nung des  Prinzips, daß das Parlament die Macht zur Expropriation
       der Staatskirche  besitzt -  ein Prinzip, wovon Lord John Russell
       um so  sicherer überzeugt  sein sollte,  als das  ganze ungeheure
       Vermögen seiner Familie aus ehemaligen Kirchengütern besteht. Die
       Whigs versprachen,  mit jener  Kirchenbill zu stehen oder zu fal-
       len. Sobald  aber die Zwangsbill votiert war, zogen sie unter dem
       Vorwande, eine  Kollision mit  dem Hause  der Lords zu vermeiden,
       die obenerwähnte Klausel, die einzige, die ihrer Kirchenbill Wert
       gab, zurück.  Sie überstimmten  und schlugen  ihren eigenen  Vor-
       schlag. Dies  geschah 1834.  Gegen  E n d e  desselben Jahres je-
       doch schien  ein elektrischer  Stoß die  irischen Sympathien  der
       Whigs neu belebt zu haben. Sie hatten nämlich vor Sir Robert Peel
       im Herbst  1834 das  Kabinett räumen  müssen. Sie  waren auf  die
       Oppositionsbänke zurückgeschleudert. Und sofort finden wir unsern
       John Russell  eifrig tätig  am Aussöhnungswerk mit Irland. Er war
       Hauptagent in den Negotiationen zum Lichfield-House-Vertrag [97],
       der Januar  1835 abgeschlossen  wurde. Die Whigs überlassen darin
       dem O'Connell  die Patronage  (Vergebung von  Ämtern etc.) in Ir-
       land, während  O'Connell ihnen die irischen Stimmen innerhalb und
       außerhalb des  Parlaments sichert.  Aber ein   V o r w a n d  war
       nötig zur  Vertreibung der  Tories aus Downing Street [153]. Rus-
       sell,  mit   charakteristischer  "Unverschämtheit",   wählte  die
       K i r c h e n e i n k ü n f t e   Irlands als  Schlachtfeld,  und
       als Kampfparole  dieselbe  K l a u s e l  - unter dem Namen  A p-
       p r o p r i a t i o n s k l a u s e l  berüchtigt geworden -, die
       er und  seine Kollegen  vom Reformministerium   s e l b s t  kurz
       vorher zurückgezogen  und aufgeopfert  hatten. Peel  wurde in der
       Tat geschlagen unter der Parole der "Appropriations-klausel". Das
       Melbourne-Kabinett ward  gebildet,  und  Lord  John  Russell  in-
       stallierte sich als Minister des Innern und Führer des Hauses der
       Gemeinen. Jetzt  pries er  sich selbst,  einerseits wegen  seiner
       geistigen Festigkeit,  weil er,  obgleich nun im Amte, fortfahre,
       an seinen   M e i n u n g e n    über  die  Appropriationsklausel
       festzuhalten; andrerseits wegen seiner moralischen Mäßigung, weil
       er davon abstehe, auf diese Meinungen hin zu  h a n d e l n. Nie-
       mals hat  er sie aus Worten in Handlungen übersetzt. Als Premier-
       minister, 1846,  siegte seine  moralische Mäßigung  so weit  über
       seine geistige Festigkeit, daß er auch die "Meinung" verleugnete.
       Er kenne, rief er aus, keine fataleren
       
       #394# Karl Marx
       -----
       Maßregeln als  solche, die die Staatskirche in ihrer substantiel-
       len Wurzel, ihren Einnahmen, bedrohten.
       Im Februar 1833 denunzierte John Russell im Namen des Reformmini-
       steriums die irische  R e p e a l a g i t a t i o n  [98].
       
       "Ihr wirklicher Zweck", rief er den Gemeinen zu, "sei, das verei-
       nigte Parlament  ohne Umstände  über den  Haufen zu werfen und an
       die Stelle  von König,  Lords und Gemeinen des Vereinigten König-
       reichs ein Parlament zu setzen, dessen Leiter und Haupt O'Connell
       wäre."
       
       Im Februar  1834 wurde die Repealagitation abermals in der Thron-
       rede denunziert,  und das  Reformministerium schlug  eine Adresse
       vor, um
       
       "in der feierlichsten Weise zu erklären, daß es der unwiderrufli-
       che Beschluß  des Parlaments  sei, die legislative Union der drei
       Königreiche unverletzt und ungestört aufrechtzuerhalten".
       
       Kaum aber  auf die  Oppositions-Sandbänke  verschlagen,  erklärte
       John Russell:
       
       "Was die  Repeal der  Union betreffe, so unterliege dieser Gegen-
       stand dem  Amendement und  der Frage wie jeder andere Akt der Le-
       gislatur",
       
       also nicht mehr noch minder als jede Bierbill.
       Im März  1846 stürzt John Russell Peels Verwaltung durch eine Ko-
       alition mit  den Tories,  die die Abtrünnigkeit ihres Führers von
       den Korngesetzen  zu züchtigen  brannten. Den  Vorwand lieh Peels
       irische "Waffenbill",  gegen die Russell, sittlich entrüstet, un-
       bedingten Protest  einlegte. Er wird Premier. Sein erster Akt be-
       steht darin,  dieselbe "Waffenbill"  zu beantragen.  Er  blamiert
       sich indes  nutzlos. O'Connell  hatte eben  Monstermeetings gegen
       Peels Bill  heraufbeschworen, er  hatte Petitionen von 50 000 Un-
       terschriften zeichnen lassen; er befand sich zu Dublin, von wo er
       alle Springfedern  der Agitation  spielen ließ.  King Dan  (König
       Dan, der  populäre Titel  Daniel  O'Connells)  verlor  Reich  und
       Rente, wenn  er in  diesem Augenblicke als Russells Mitschuldiger
       erschien. Er gab daher dem kleinen Mann drohend Notiz, seine Waf-
       fenbill sofort zurückzuziehen. Russell zog sie zurück. O'Connell,
       wie er  trotz seines  geheimen Spiels  mit den  Whigs meisterhaft
       verstand, fügte ihrer Niederlage die Demütigung hinzu. Damit kein
       Zweifel übrigbleibe,  auf   w e s s e n  G e h e i ß  der Rückzug
       geblasen werde,  zeigte er  zu Dublin den Repealern in der Conci-
       liation-Hall die  Rücknahme der  Waffenbill am  17. August an, an
       d e m s e l b e n  Tage, wo John Russell sie dem Hause der Gemei-
       nen anzeigte.  1844 denunzierte Russell den Sir Robert Peel, weil
       er "Irland  mit Truppen  gefüllt und das Land nicht regiere, son-
       dern militärisch besetze".
       
       #395# Lord John Russell - V
       -----
       1848 besetzte  Russell Irland  militärisch, verhing  die Hochver-
       ratsakte über  es, proklamierte  die Suspension der Habeaskorpus-
       akte  [219]  und  renommierte  mit  den  "energischen  Maßregeln"
       Ciarendons. Auch  diese Energie  war falscher  Vorwand. In Irland
       standen auf der einen Seite die O'Connelliten und die Pfaffen, im
       geheimen Einverständnis  mit den  Whigs;  auf  der  andern  Smith
       O'Brien und seine Anhänger. Letztere waren einfach dupes 1*), die
       das Repealspiel  für ernst  hielten und darum ein spaßhaftes Ende
       nahmen.  Die   von  Russells  Regierung  ergriffnen  "energischen
       Maßregeln" und  ins Werk gesetzten Brutalitäten waren daher nicht
       durch die  Umstände geboten. Sie bezweckten, statt der Behauptung
       der englischen  Herrschaft in  Irland, die Verlängerung des Whig-
       Regimes in England.
       
       V
       
       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 369 vom 10. August 1855]
       London, 6.  August. Die   K o r n g e s e t z e   wurden  1815 in
       England eingeführt,  weil Tories und Whigs übereingekommen waren,
       ihre Grundrente  durch eine  Steuer auf die Nation zu erhöhen. Es
       wurde dies  nicht nur dadurch erreicht, daß die Korngesetze - die
       Gesetze gegen Korneinfuhr vom Ausland - in manchen Jahren die Ge-
       treidepreise künstlich  steigerten. Die  Durchschnittsperiode von
       1815-1846 betrachtet,  war vielleicht noch wichtiger die Illusion
       der Pächter, Korngesetze seien imstande, die Getreidepreise unter
       allen Umständen  auf einer  a priori  bestimmten Höhe  zu halten.
       Diese Illusion  wirkte auf  die Pachtkontrakte.  Um sie beständig
       aufzufrischen, finden  wir das  Parlament beständig mit neuen und
       verbesserten Ausgaben  des  Korngesetzes  von  1815  beschäftigt.
       Zeigten sich  die Kornpreise  widerspenstig, fielen sie trotz der
       Diktate der  Korngesetze, so wurden parlamentarische Komitees er-
       nannt, um  die Ursachen  der "agricultural  distress" (der Not in
       den  Agrikulturdistrikten)   zu  erforschen.   Die  "agricultural
       distress" beschränkte sich, soweit sie Gegenstand der Parlaments-
       untersuchungen war, in der Tat nur auf das Mißverhältnis zwischen
       den Preisen,  die der  Pächter für  den Boden dem Grundeigentümer
       zahlte, und den Preisen, wozu er seine Bodenprodukte dem Publikum
       verkaufte -  auf das   M i ß v e r h ä l t n i s  z w i s c h e n
       G r u n d r e n t e   u n d   G e t r e i d e p r e i s e n.  Sie
       war also  einfach zu lösen durch Herabsetzung der Grundrente, der
       Einnahmequelle der Grundaristokratie. Statt
       -----
       1*) Betrogene; Angeführte
       
       #396# Karl Marx
       -----
       dessen zog  letztere natürlich vor, auf legislativem Wege die Ge-
       treidepreise  "herabzusetzen";  ein  Korngesetz  wurde  verdrängt
       durch ein  anderes leicht modifiziertes; die Fehlwirkung ward aus
       unwesentlichen Details  erklärt, die ein neuer Parlamentsakt kor-
       rigieren könne.  Wenn so  der Preis  des Getreides unter gewissen
       Umständen, ward  der Preis  der  G r u n d r e n t e  unter allen
       Umständen über  dem natürlichen  Niveau erhalten. Da es sich hier
       um "die heiligsten Interessen" der Grundaristokratie handelte, um
       die bare  Einnahme, waren  ihre  beiden  Fraktionen,  Tories  und
       Whigs, gleich  willig, "die  Korngesetze" als    ü b e r    ihren
       Parteikampf erhabene  Fixsterne zu verehren. Die Whigs widerstan-
       den sogar der Versuchung, liberale "Ansichten" über diesen Gegen-
       stand zu  hegen, um so mehr, als damals die Aussicht fern schien,
       durch Wiedergewinnung  der Erbpacht  auf den Regierungsposten al-
       lenfallsige Ausfälle  in der Grundpacht zu decken. Beide Fraktio-
       nen, um  sich die  Stimme der  Finanzaristokratie zu sichern, vo-
       tierten das  Bankgesetz von  1819, wodurch Staatsschulden, die in
       depreziiertem Gelde  kontrahiert waren,  in vollgültigem verzinst
       werden mußten.  Die Nation,  die vielleicht  50 Pfd. St. geliehen
       erhalten, hatte 100 wieder zu zahlen. So wurde die Zustimmung der
       Finanzaristokratie  zu  den  Korngesetzen  erhandelt.  Fraudulöse
       Steigerung der  Staatsrente für  fraudulöse Steigerung der Grund-
       rente -  so lautete  das Abkommen zwischen Finanzaristokratie und
       Grundaristokratie. Man  wird dann  nicht erstaunt sein, wenn Lord
       John Russell  in den  Parlamentswahlen von  1835  und  1837  alle
       K o r n g e s e t z r e f o r m   als schädlich,  absurd, unprak-
       tisch und  unnötig verketzert. Von Anbeginn seiner ministeriellen
       Karriere verwarf  er jeden  solchen Vorschlag, erst vornehm, dann
       leidenschaftlich. In  seiner Verteidigung hoher Kornzölle ließ er
       Sir Robert  Peel weit hinter sich. Die Aussicht auf Hungersnot in
       den Jahren  1838 und  1839 vermochte  weder ihn  noch die übrigen
       Mitglieder des  Melbourne-Kabinetts zu erschüttern. Was nicht der
       Notzustand der  Nation, vermochte  der Notzustand  des Kabinetts.
       Ein Defizit  im Staatsschatze  von 7 500 000 Pfd. St. und Palmer-
       stons auswärtige  Politik, die einen Krieg mit Frankreich herbei-
       zuführen drohte, veranlaßten das Haus der Gemeinen, auf Peels An-
       trag ein  Mißtrauensvotum über  das Melbourne-Kabinett zu verhän-
       gen. Dies  ereignete sich am 4. Juni 1841 Die Whigs, stets ebenso
       gierig, nach  Stellen zu  haschen, als  unfähig, sie auszufüllen,
       und unwillig,  sie aufzugeben,  versuchten, obgleich  vergeblich,
       ihrem Schicksal durch eine Auflösung des Parlaments zu entrinnen.
       Da erwachte  in John  Russells tiefer  Seele die  Idee, die Anti-
       Korngesetz-Agitation zu  eskamotieren, wie er geholfen hatte, die
       Reformbewegung zu  eskamotieren. Er erklärte sich daher plötzlich
       zugunsten eines "mäßigen fixen Zolles" statt der gleitenden Zoll-
       skala - Freund, wie er
       
       #397# Lord John Russell - V
       -----
       ist, von  "mäßiger" politischer  Keuschheit und von "mäßigen" Re-
       formen. Er  entblödete sich  nicht, durch  die Straßen Londons zu
       paradieren in einer Prozession der Regierungs-Wahlkandidaten, von
       Standartenträgern begleitet,  die auf  ihren Stangen  zwei  Brote
       aufgespießt hatten, in schreiendem Kontrast miteinander, das eine
       ein Zwei-Pence-Brot  mit der Überschrift "Peel Laib", und das an-
       dere Ein-Shilling-Brot  mit der  Überschrift "Russell  Laib". Die
       Nation ließ  sich indes diesmal nicht täuschen. Sie wußte aus Er-
       fahrung, daß  die Whigs  Brote versprachen  und  Steine  zahlten.
       Trotz Russells  lächerlichem Faschingszug  gab  die  Neuwahl  der
       Whig-Regierung eine Minorität von 76. Sie mußte endlich ihr Lager
       aufbrechen. Russell rächte sich an dem schlechten Dienst, den ihm
       der mäßige  fixe Zoll  1841 geleistet,  dadurch, daß  er im Jahre
       1842 Peels  "gleitende Skala"  ruhig zum  Gesetz  kristallisieren
       ließ. Er  verachtete nun  den "mäßigen fixen Zoll"; er drehte ihm
       den Rücken;  er ließ ihn fallen, ohne ein Wort über ihn fallenzu-
       lassen.
       Während der  Jahre 1841-1845 wuchs die Anti-Corn-Law League [137]
       zu kolossalen Dimensionen. Der alte Vertrag zwischen Grundaristo-
       kratie und Finanzaristokratie sicherte die Korngesetze nicht län-
       ger, da die industrielle Bourgeoisie mehr und mehr, statt der Fi-
       nanzaristokratie, zum leitenden Bestandteil der Mittelklassen ge-
       worden war.  Für die  industrielle Bourgeoisie  aber war  die Ab-
       schaffung der Korngesetze Lebensfrage. Verminderung der Produkti-
       onskosten, Erweiterung  des auswärtigen  Handels, Vermehrung  des
       Profits, Verminderung der Haupteinnahmequelle und darum der Macht
       der Grundaristokratie, Steigen der eignen politischen Macht - die
       Korngesetz-Repeal der  industriellen Bourgeoisie.  Im Herbst 1845
       fand sie  furchtbare Verbündete  in der Kartoffelkrankheit in Ir-
       land, der Getreideteuerung in England und einer Mißernte im größ-
       ten Teil  von Europa.  Sir Robert  Peel, eingeschüchtert  von den
       drohenden Konjunkturen,  hielt daher  Ende Oktober und in den er-
       sten Wochen  des November 1845 eine Reihe von Kabinettssitzungen,
       worin er  die Suspension der Korngesetze vorschlug und selbst auf
       die Notwendigkeit ihres definitiven Widerrufs anspielte. Ein Ver-
       zug in  den Entschließungen des Kabinetts ward durch den hartnäc-
       kigen Widerstand  seines Kollegen Stanley (jetzt Lord Derby) ver-
       ursacht.
       John Russell,  damals, zur  Zeit der  Parlamentsferien auf  einer
       Vergnügungsreise in  Edinburgh, erhielt Wind von den Vorgängen in
       Peels Kabinett.  Er beschloß, den durch Stanley verursachten Ver-
       zug zu  benutzen, Peel  in einer populären Position zu antizipie-
       ren, sich  selbst den Schein zu geben, als habe er Peel bestimmt,
       und so  dessen voraussichtliche Tat allen moralischen Gewichts zu
       berauben. Demgemäß richtete er den 22.November 1845 von Edinburgh
       aus an seine Citywähler einen Brief voll ärgerlicher und bösarti-
       ger
       
       #398# Karl Marx
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       Anspielungen auf Peel, unter dem Vorwand, die Minister säumten zu
       lange, zu  einem Entschluß  über den irischen Notstand zu kommen.
       Die periodische  Hungersnot Irlands  in den  Jahren 1831, [18]35,
       [18]37 und  [18]39 hatte nie vermocht, Russells und seiner Kolle-
       gen Glauben  an die Korngesetze zu erschüttern. Aber jetzt war er
       ganz Feuer.  Selbst ein  so ungeheurer Unstern wie die Hungersnot
       zweier Nationen  beschwor vor die Augen des kleinen Mannes nichts
       als Visionen von Mausefallen für den Rivalen "am Posten". In sei-
       nem Briefe  suchte er  das wirkliche Motiv seiner plötzlichen Be-
       kehrung zum  Freihandel unter  folgendem Armensünderbekenntnis zu
       verstecken:
       
       "Ich gestehe,  daß über  den Gegenstand  im allgemeinen meine An-
       sichten im  Laufe von  20 Jahren  eine große Veränderung erfahren
       haben. Ich  pflegte der  Ansicht zu  sein, daß Korn eine Ausnahme
       bilde zu  den allgemeinen  Regeln der  politischen Ökonomie; aber
       Beobachtung und  Erfahrung haben  mich  überzeugt,  daß  wir  uns
       j e d e r   E i n m i s c h u n g  in die Zufuhr von Nahrungsmit-
       teln zu enthalten haben."
       In   d e m s e l b e n    Brief  warf  er  Peel  vor,  sich  noch
       n i c h t   in die  Zufuhr von Nahrungsmitteln nach Irland einge-
       mischt zu  haben. Peel  fing den  kleinen Mann  in seiner eigenen
       Falle. Er  resignierte, hinterließ  der Königin aber ein Billett,
       worin er  Russell seine Unterstützung versprach, falls dieser die
       Abschaffung der  Korngesetze durchzuführen übernehme. Die Königin
       entbot Russell  zu sich  und forderte ihn zur Bildung eines neuen
       Kabinetts auf.  Er kam,  sah -  und erklärte  sich  u n f ä h i g
       selbst   m i t  der Unterstützung seines Rivalen. So hatte er die
       Sache nicht  gemeint.  Für  ihn  war  sie  nur    f a l s c h e r
       V o r w a n d,   und man  drohte, ihn  beim Worte zu nehmen! Peel
       trat wieder  ein und schaffte die Korngesetze ab. Die Tory-Partei
       ward durch  seinen Akt  zerbrochen und aufgelöst. Russell verband
       sich mit  ihr, um  Peel zu  stürzen. Dies seine Ansprüche auf den
       Titel "Freihandelsminister",  womit er  noch vor einigen Tagen im
       Parlament prunkte.
       
       VI
       
       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 377 vom 15. August 1855]
       London, 12.  August. Wir  kehren noch einmal zu Lord John Russell
       zurück, um  seine Charakteristik  abzuschließen. Im Beginn seiner
       Laufbahn erwarb  er eine  Art von Namen auf den Vorwand der Tole-
       ranz und  am Ende seiner Laufbahn auf den Vorwand der Bigotterie;
       das eine  Mal durch seine Motion für "Repeal der Test- und Korpo-
       rationsakte", das andere Mal durch seine
       
       #399# Lord John Russell - VI
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       "Ecclesiastical Titles  Bill" (Bill über geistliche Titel) [220].
       Die Test-  und Korporationsakte  hinderte Dissenter  an der Über-
       nahme von  Staatsämtern. Sie war längst toter Buchstabe geworden,
       als Russell  im Jahre 1828 seinen bekannten Repealantrag stellte.
       Er verteidigte  ihn auf den Grund, daß er überzeugt sei, "der Wi-
       derruf der Akte werde die Sicherheit der Staatskirche vermehren".
       Ein gleichzeitiger  Schriftsteller berichtet  uns:  "Niemand  war
       mehr erstaunt  über das  Durchgehen des  Antrags, als der Antrag-
       steller selbst."  Das Rätsel  löst sich  einfach durch die Bemer-
       kung, daß  das Tory-Ministerium ein Jahr später (1829) selbst die
       katholische Emanzipationsbill  vorschlug, also  durchaus wünschen
       mußte, vorläufig  der "Test-  und Korporationsakte"  entledigt zu
       sein. Im  übrigen haben die Dissenter nichts von Lord John erhal-
       ten außer Versprechen, sooft er sich in der Opposition befand. Im
       Ministerium widersetzte er sich selbst der Aufhebung der Kirchen-
       steuer (church rates).
       Sein  A n t i p a p s t g e s c h r e i  ist indes noch charakte-
       ristischer für  die Hohlheit  des Mannes und die Kleinheit seiner
       Motive. Wir haben gesehen, daß er in den Jahren 1848 und 1849 die
       Reformanträge seiner eignen Alliierten durch eine Vereinigung der
       Whigs mit  den Peeliten  und Tories niederschlug. So abhängig von
       der konservativen  Opposition, war  sein  Ministerium  sehr  hin-
       fällig, schwankend  geworden im  Jahre 1850,  als die  päpstliche
       Bulle zur  Errichtung einer  römisch-katholischen  Hierarchie  in
       England und  die Ernennung  des Kardinals  Wiseman zum Erzbischof
       von Westminster  eine oberflächliche Aufregung unter dem heuchle-
       rischsten und  albernsten Teil  des englischen  Volks hervorrief.
       Russell, auf jeden Fall, war durch die Schritte des Papstes nicht
       überrascht. Sein  Schwiegervater, Lord Minto, befand sich zu Rom,
       als die  "Römische Zeitung"  1*) 1848 die Ernennung Wisemans ver-
       öffentlichte. Ja, wir ersehen aus Kardinal Wisemans "Brief an das
       englische Volk",  daß der  Papst schon  1848 dem  Lord Minto  die
       Bulle zur  Errichtung der Hierarchie in England mitgeteilt hatte.
       Russell selbst tat einige vorbereitende Schritte, indem er in Ir-
       land und  den Kolonien  die Titel  der katholischen Geistlichkeit
       von Clarendon  und Grey  offiziell anerkennen ließ. Jetzt jedoch,
       in Anbetracht  der Schwäche  seines Kabinetts, beunruhigt von der
       historischen Erinnerung, daß das Antipapstgeschrei die Whigs 1807
       aus der Regierung warf, fürchtend, daß Stanley dem Perceval nach-
       ahmen und ihn selbst während der Abwesenheit des Parlaments anti-
       zipieren möge,  wie er  Sir Robert Peel mit der Korngesetz-Repeal
       zu antizipieren  gesucht hatte  - von all diesen Ahnungen und Ge-
       spenstern verfolgt,  sprang der  kleine Mann mit einem Salto mor-
       tale in zügellose protestantische Leidenschaft. Am
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       1*) "Gazzetta di Roma"
       
       #400# Karl Marx
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       4. November  1850 veröffentlichte  er den  berüchtigten "Brief an
       den Bischof von Durham", worin er dem Bischof beteuert:
       
       "Ich stimme mit Ihnen dahin überein, den letzten Angriff des Pap-
       stes auf  unsern Protestantismus als insolent und heimtückisch zu
       betrachten, und ich fühle mich daher ebenso entrüstet, wie Sie es
       nur sein können, über diese Angelegenheit."
       
       Er spricht  von "den  tätigen Versuchen, die in diesem Moment auf
       Beschränkung des Geistes und Knechtung der Seele hinarbeiten". Er
       nennt die katholischen Zeremonien "Mummenschanz des Aberglaubens,
       auf den die große Masse der Nation mit Verachtung blickt", und er
       verspricht schließlich dem Bischof, neue Gesetze gegen die päpst-
       liche Usurpation  zu veranlassen,  sollten die alten unzureichend
       sein. Derselbe Lord John hatte 1845, damals allerdings außer Amt,
       erklärt:
       
       "Ich glaube, daß wir jene Klauseln aufheben können, die einen rö-
       misch-katholischen Bischof verhindern, sich Titel beizulegen, die
       Bischöfe der Staatskirche führen. Nichts kann absurder und kindi-
       scher sein, als solche Unterscheidungen aufrechtzuerhalten."
       
       1851 brachte  er seine  Geistliche-Titel-Bill ein  zur Behauptung
       dieser "absurden  und kindischen  Unterscheidungen". Da  er  aber
       während dieses Jahres durch eine Kombination der Irischen Brigade
       [24] mit  Peeliten, Manchestermen [45] usw. geschlagen ward - bei
       Gelegenheit von  Locke Kings Motion für Ausdehnung des Wahlrechts
       -, verdunstete sein protestantischer Eifer, er versprach eine Ab-
       änderung der Bill, die in der Tat totgeboren zur Welt kam.
       Wie sein  Antipapsteifer falscher  Vorwand, so sein Eifer für die
       Judenemanzipation. Alle  Welt weiß, daß seine Jewish Disabilities
       Bill 1*)  eine jährliche  Farce ist  - Köder für die Wahlstimmen,
       worüber der österreichische Baron Rothschild in der City verfügt.
       Falscher Vorwand seine Antisklaverei-Deklarationen.
       
       "Ihre Opposition",  schreibt ihm  Lord Brougham,  "gegen alle An-
       träge zugunsten  der Neger  und Ihr  Widerstand selbst  gegen den
       bloßen Versuch,  den neuerrichteten  Sklavenhandel zu hemmen, er-
       weiterte den  Bruch zwischen Ihnen und dem Lande. Die Einbildung,
       daß Sie,  die Gegner  aller Antisklaverei-Motionen im Jahre 1838,
       die Feinde jeder Einmischung mit den aus Sklavenhaltern bestehen-
       den Assemblées  der Kolonien,  daß Sie  plötzlich sich so sehr in
       die Neger verliebt, um auf eine Bill zu deren Frommen Ihre Posten
       im Jahi,  1839 zu  riskieren, würde  eine merkwürdige  Anlage zur
       Selbstprellerei verraten."
       
       
       Falscher Vorwand  seine   G e s e t z r e f o r m e n.   Als  das
       Parlament 1841  ein Mißtrauensvotum  über das  Whig-Kabinett ver-
       hängte und die bevorstehende
       -----
       1*) Bill über die Aufhebung der Rechtsunfähigkeit der Juden
       
       #401# Lord John Russell - VI
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       Auflösung des  Unterhauses wenig Erfolg versprach, versuchte Rus-
       sell eine Chancery Bill 1*) durch das Haus zu jagen, um
       "eins der  drängendsten Übel  unseres Systems zu heilen, die Ver-
       schleppung in den Courts of Equity 2*), vermittelst der Schöpfung
       von zwei  neuen judges of equity" (Richter, die nicht das strenge
       Recht, sondern die Billigkeit zur Richtschnur nehmen).
       
       Russell nannte  diese  seine  Bill  "eine  große  Gesetzreformab-
       schlagszahlung". Sein  wirklicher Zweck war, zwei Whig-Freunde in
       die neugeschaffenen  Posten zu  schmuggeln,   v o r   der voraus-
       sichtlichen  Bildung  eines  Tory-Kabinetts.  Sir  Edward  Sugden
       (jetzt Baron  St. Leonards),  der ihn  durchschaute, stellte  das
       Amendement, daß  die Bill  erst am  10. Oktober  (also  nach  der
       Versammlung des  neuerwählten  Hauses)  in  Gesetzeskraft  treten
       solle. Obgleich  nicht die geringste Änderung im Inhalt der Bill,
       die Russell  für so  "dringend" hielt,  vorgenommen wurde, zog er
       sie sofort  zurück nach  Annahme des  Amendements. Sie  war  eine
       "Farce" geworden und hatte ihr Salz eingebüßt.
       Kolonialreformen, Erziehungsschemata,  "Freiheiten  der  Unterta-
       nen", öffentliche Presse und öffentliche Meetings, Kriegsenthusi-
       asmus und  Friedenssehnsucht -  alles falsche  Vorwände für  Lord
       John Russell.  Der ganze Mann ist ein falscher Vorwand, sein gan-
       zes Leben  eine Lüge,  seine ganze  Tätigkeit  eine  fortlaufende
       Kette kleinlicher  Intrigen zur Erreichung schäbiger Zwecke - des
       Verschlingens öffentlicher  Gelder und  der Usurpation des bloßen
       Scheines der  Macht. Niemand  hat je so schlagend den Bibelspruch
       bewahrheitet, daß  kein Mensch  seiner Größe  einen Zoll zusetzen
       kann. Durch  Geburt, Verbindungen,  gesellschaftliche Zufälle auf
       ein ungeheures Piedestal gestellt, blieb er stets derselbe Homun-
       kulus - ein Zwerg, tanzend auf der Spitze einer Pyramide. Die Ge-
       schichte hat  vielleicht nie einen andern Mann zur Schau gestellt
       - so groß im Kleinsein.
       
                                    ---
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       1*) Bill über  das Kanzleigericht  - 2*) Billigkeitsgerichten für
       Zivilklagen

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