Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       #409#
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       FRIEDRICH ENGELS
       
       Die Armeen Europas [224]
       
       #410#
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       Geschrieben von Ende Juni bis September 1855.
       Aus dem Englischen.
       
       Aus: "Putnam's Monthly. A Magazine of Literatur, Science and Art"
       August 1855     Die französische Armee
                       Die englische Armee
                       Die österreichische Armee
       September 1855  Die preußische Armee
                       Die russische Armee
                       Die kleineren Armeen Deutschlands
       Dezember 1855   Die türkische Armee
                       Die sardinische Armee
                       Die kleineren italienischen Armeen
                       Die Schweizer Armee
                       Die skandinavischen Armeen
                       Die holländische Armee
                       Die belgische Armee
                       Die portugiesische Armee
                       Die spanische Armee
       
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       Erster Artikel
       
       ["Putnam's Monthly" Nr. XXXII, August 1855]
       Der Krieg, der seit zwei Jahren an der Küste des Schwarzen Meeres
       tobt, hat  die besondere  Aufmerksamkeit auf  die zwei  Millionen
       Soldaten unter Waffen gelenkt, die Europa sogar mitten im Frieden
       unterhält und  deren Zahl  vielleicht sehr bald verdoppelt werden
       soll. Falls  der Krieg  andauert, was  so gut wie gewiß ist, dann
       können wir  damit rechnen,  diese vier Millionen in aktive Opera-
       tionen auf  einem Kriegsschauplatz  verwickelt zu sehen, der sich
       von Meer  zu Meer  über die  ganze Breite des europäischen Konti-
       nents erstreckt.
       Aus diesem  Grunde dürfte eine Einschätzung nicht nur der Armeen,
       die bisher  in den  östlichen Konflikt  einbezogen sind,  sondern
       auch der  bedeutenderen übrigen  Armeen Europas  für unsere Leser
       nicht uninteressant  sein, besonders da sich diesseits des Atlan-
       tiks glücklicherweise nichts gezeigt hat, was in irgendeinem Maße
       selbst an die Größe der zweitrangigen Armeen Europas heranreicht;
       deshalb ist  die Organisation solcher Truppenkörper den Laien bei
       uns nur ungenügend bekannt.
       Das Mißtrauen,  aus dem heraus jeder Staat seine Armee früher mit
       mysteriöser Geheimhaltung  umgab, existiert  nicht mehr.  Es  ist
       seltsam, selbst  in den  Staaten, die  kaum eine Veröffentlichung
       zulassen, wo  alle Zweige  der Zivilverwaltung  bis heute  in das
       Dunkel gehüllt  sind, dessen  der Absolutismus  bedurfte, ist die
       Organisation der  Armee der  Allgemeinheit völlig zugänglich. Ar-
       meelisten werden  veröffentlicht, die  nicht nur die Untergliede-
       rung der bewaffneten Kräfte in Korps, Divisionen, Brigaden, Regi-
       menter, Bataillone  und  Eskadronen  angeben,  sondern  auch  die
       Standortverteilung dieser  Truppen, deren  Zahl und die Namen der
       sie befehligenden  Offiziere.  Immer  wenn  große  Militärparaden
       stattfinden, wird die Anwesenheit ausländischer
       
       #412# Friedrich Engels
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       Offiziere nicht  nur geduldet,  sondern sogar  gewünscht,  Kritik
       wird erbeten, Beobachtungen werden ausgetauscht, die spezifischen
       Institutionen und Einrichtungen jeder Armee werden ernsthaft dis-
       kutiert, und  es herrscht eine Publizität, die mit vielen anderen
       charakteristischen Merkmalen desselben Systems in allzu seltsamem
       Widerspruch steht. Die eigentlichen Geheimnisse, die ein europäi-
       sches Kriegsministerium  für sich zu behalten vermag, sind einige
       Rezepte chemischer  Zusammensetzungen, zum  Beispiel für  Raketen
       oder Zünder,  und selbst diese werden sehr bald publik oder durch
       den Fortschritt an Erfindungen überholt, wie zum Beispiel die Zu-
       sammensetzung der  britischen Congrevischen  Rakete  durch  Herrn
       Haies Kriegsraketen, die von der USA-Armee und jetzt auch von der
       britischen Armee übernommen wurden.
       Diese Publizität  veranlaßt die  verschiedenen  Kriegsministerien
       der zivilisierten  Welt, in  Friedenszeiten sozusagen  ein großes
       Militärkomitee zu  bilden, um  die Vorzüge  aller vorgeschlagenen
       Neuerungen zu  diskutieren und  jedem Mitglied die Möglichkeit zu
       geben, die  Erfahrungen der  anderen auszunützen.  So kam es, daß
       der Aufbau,  die Organisation und die allgemeine Ökonomie in fast
       allen europäischen Armeen nahezu gleich sind, und in diesem Sinne
       kann man  sagen, daß  eine Armee  ungefähr so  gut wie die andere
       ist. Aber  Nationalcharakter, historische Traditionen und vor al-
       lem der unterschiedliche Grad der Zivilisation verursachen ebenso
       viele Unterschiede  und bilden  bei jeder  Armee deren starke und
       schwache Seiten.  Der Franzose  und der  Ungar, der Engländer und
       der Italiener,  der Russe  und der  Deutsche mögen unter gewissen
       Umständen gleich  gute und tüchtige Soldaten sein, aber trotz ei-
       nes gleichen  Ausbildungssystems, das alle Unterschiede zu nivel-
       lieren scheint, wird jeder auf seine Weise gut sein, da jeder be-
       sondere, von seinem Rivalen unterschiedliche Qualitäten besitzt.
       Das bringt uns auf eine Frage, die nur zu oft unter militärischen
       Patrioten der verschiedenen Nationalitäten diskutiert wurde: Wel-
       ches Volk  hat die  besten Soldaten?  Natürlich  ist  jedes  Volk
       ängstlich auf  seinen eigenen Ruf bedacht, und nach der allgemei-
       nen öffentlichen  Meinung - genährt von Erzählungen, die, was im-
       mer ihnen  an kritischer Exaktheit fehlen mag, durch patriotische
       Schönfärberei reichlich  ausgeschmückt sind  - kann  ein Regiment
       der eigenen Nation beliebig zwei oder drei Regimenter einer ande-
       ren "dreschen".  Kriegsgeschichte als  Wissenschaft, in  der eine
       korrekte Würdigung  der Tatsachen  das einzige und höchste Krite-
       rium darstellt,  ist noch  sehr jung  und hat  bis jetzt nur eine
       sehr geringe  Literatur aufzuweisen. Sie ist jedoch ein anerkann-
       ter Zweig  der Wissenschaft  und fegt immer mehr wie der Wind die
       Spreu, das unverschämte und dumme Prahlen hinweg, das
       
       #413# Die Armeen Europas
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       allzu lange  für Werke  charakteristisch war, die als historische
       Werke galten,  weil sie  die Aufgabe hatten, jede von ihnen ange-
       führte Tatsache zu verdrehen. Die Zeit ist vorbei, da Leute, wäh-
       rend sie die Geschichte eines Krieges schreiben, diesen Krieg so-
       zusagen auf eigene Faust fortsetzen und den ehemaligen Gegner un-
       gestraft mit  Schmutz bewerfen können, nachdem der Friedensschluß
       ihnen verbietet,  ihn mit  Eisen zu beschießen. Und obwohl manche
       weniger wichtige  Frage in der Kriegsgeschichte noch geklärt wer-
       den muß,  so ist  doch so  viel sicher, daß es keine zivilisierte
       Nation gibt,  die sich nicht rühmen könnte, in der einen oder an-
       deren Periode  die besten  Soldaten ihrer  Zeit hervorgebracht zu
       haben. Die  deutschen Landsknechte  1*) des  späten Mittelalters,
       die Schweizer  Soldaten des  16. Jahrhunderts waren eine Zeitlang
       ebenso unbesiegbar  wie die  großartigen spanischen Soldaten, die
       ihnen den Rang abliefen, die "beste Infanterie der Welt" zu sein;
       die Franzosen  Ludwigs XIV.  und die Österreicher Eugens stritten
       miteinander um  diesen Ehrenplatz, bis die Preußen Friedrichs des
       Großen diese  Frage entschieden, indem sie beide besiegten; diese
       wiederum wurden durch einen einzigen Schlag bei Jena in äußersten
       Mißkredit gebracht, und wieder einmal waren die Franzosen als die
       besten Soldaten  Europas allgemein  anerkannt. Zur  gleichen Zeit
       konnten sie die Engländer nicht daran hindern, sich ihnen in Spa-
       nien unter  gewissen Umständen  und in  bestimmten Momenten einer
       Schlacht als überlegen zu erweisen. Ohne Zweifel waren die Legio-
       nen, die  Napoleon im  Jahre 1805 aus dem Lager von Boulogne nach
       Austerlitz [225]  führte, die besten Truppen ihrer Zeit; zweifel-
       los wußte Wellington, was er sagte, als er seine Soldaten bei der
       Beendigung des  Krieges auf der Pyrenäenhalbinsel [226] "eine Ar-
       mee" nannte,  "mit der  er überall hingehen und alles unternehmen
       könnte". Und  doch wurde die Blüte dieser britischen Pyrenäen-Ar-
       mee bei  New Orleans  [227] lediglich durch Milizmannschaften und
       Freiwillige geschlagen,  die weder  ausgebildet waren  noch  eine
       richtige Organisation besaßen.
       Die Erfahrung  aller Feldzüge der Vergangenheit führt uns also zu
       dem gleichen Ergebnis, und jeder einsichtige langgediente Soldat,
       der von  Vorurteilen frei  ist, wird  es bestätigen: Militärische
       Qualitäten, sowohl  in bezug auf Tapferkeit als auch auf Kampffä-
       higkeit, sind  im allgemeinen ziemlich gleichmäßig unter die ver-
       schiedenen Nationen der Welt verteilt; die Soldaten der verschie-
       denen Nationalitäten  unterscheiden sich  nicht so sehr durch den
       Grad der  Qualifikation, sondern  vielmehr durch  deren spezielle
       Art; und auf Grund der Publizität, die sich heutzutage in militä-
       rischen Dingen durch
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       1*) Landsknechte: in "Putnam's Monthly" deutsch
       
       #414# Friedrich Engels
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       gesetzt hat,  kommt es darauf an, wie beharrlich Ideen, Verbesse-
       rungen und  Erfindungen für  die militärischen  Einrichtungen und
       Hilfsmittel eines  Staates genutzt und wie die militärischen Qua-
       litäten entwickelt  werden, die eine Nation besonders auszeichnen
       - allein dadurch kann eine Armee dazu gebracht werden, eine Zeit-
       lang an der Spitze ihrer Rivalen zu rangieren. Daher erkennen wir
       sofort, was  für ein  Vorteil im  militärischen Sinne einem Lande
       durch die  höhere Entwicklung  der Zivilisation  gegenüber seinen
       weniger entwickelten  Nachbarn erwächst.  Als Beispiel können wir
       anführen, daß  sich die  russische Armee,  obwohl sie  sich durch
       viele erstklassige  soldatische Qualitäten  auszeichnet,  niemals
       einer anderen  Armee des zivilisierten Europas überlegen erweisen
       konnte. Bei  gleichen Möglichkeiten würden die Russen verzweifelt
       kämpfen; aber  zumindest bis  zum gegenwärtigen  Krieg wurden sie
       mit Sicherheit  geschlagen, gleichviel, ob ihre Gegner Franzosen,
       Preußen, Polen oder Engländer waren.
       Bevor wir die verschiedenen Armeen gesondert betrachten, sind ein
       paar allgemeine Bemerkungen nötig, die sie alle betreffen:
       Eine Armee, besonders eine große von 300 000 bis 500 000 Mann und
       mehr, mit all den notwendigen Unterteilungen, ihren verschiedenen
       Waffen und ihren Erfordernissen an Mannschaften, Material und Or-
       ganisation, ist ein so komplizierter Körper, daß die höchstmögli-
       che Vereinfachung  unentbehrlich ist. Es gibt so viele unvermeid-
       liche Verschiedenheiten,  daß man  erwarten  könnte,  sie  würden
       durch künstliche und nichtssagende Vielfarbigkeit nicht noch ver-
       größert werden.  Nichtsdestoweniger haben  Gewohnheit  und  jener
       Geist des  Gepränges und der Paraden, das Verderben der alten Ar-
       meen, die Dinge in fast jeder europäischen Armee unglaublich kom-
       pliziert.
       Die Unterschiede in Größe, Stärke und Temperament, die sowohl bei
       den Menschen  als auch  bei den  Pferden in jedem Lande vorhanden
       sind, verlangen  eine Trennung der leichten Infanterie und Kaval-
       lerie von  der schweren  Infanterie und  Kavallerie. Der Versuch,
       dieses Trennende  vollständig zu  verwischen, hieße Individuen zu
       einem Ganzen  zusammenzubringen, deren militärische Eigenschaften
       von Natur  aus entgegengesetzt  sind und  die sich daher in einem
       gewissen Grade  gegenseitig neutralisieren  würden,  wodurch  die
       Leistungsfähigkeit des  Ganzen geschwächt  wird. So zerfällt jede
       der beiden  Waffengattungen natürlicherweise  in zwei  gesonderte
       Teile -  der eine umfaßt die schwereren und plumperen Männer (und
       die entsprechenden  Pferde) und ist hauptsächlich für große, ent-
       scheidende Angriffe  und für  den Kampf  in geschlossener Ordnung
       bestimmt; der  andere wird  aus den leichteren, behenderen Leuten
       gebildet, die  besonders für  Geplänkel, für  den Vorposten-  und
       Vorhutdienst, für schnelle Manöver und dergleichen geeignet
       
       #415# Die Armeen Europas
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       sind. Soweit ist die Unterteilung völlig berechtigt. Aber zusätz-
       lich zu dieser natürlichen Einteilung ist in fast jeder Armee je-
       der Teil  wieder in  Zweige gegliedert,  welche sich durch nichts
       als durch phantasievolle Unterschiede in der Bekleidung und durch
       theoretische Sophisterei  auszeichnen, die ständig durch die Pra-
       xis und die Erfahrung widerlegt werden.
       So gibt  es in  jeder europäischen Armee ein Korps, das Garde ge-
       nannt wird  und vorgibt, die élite der Armee zu sein, aber das in
       Wirklichkeit lediglich  aus den größten Kerlen besteht, deren man
       habhaft werden  kann. Die  russischen und  die englischen  Garden
       zeichnen sich  in dieser Hinsicht besonders aus, obwohl es keinen
       Beweis dafür  gibt, daß  sie an Tapferkeit und Leistungsfähigkeit
       die anderen  Regimenter beider  Heere übertreffen. Napoleons Alte
       Garde war  eine ganz  andere Einrichtung;  sie war  die wirkliche
       élite der  Armee, und die Körpergröße hatte nichts mit ihrer For-
       mierung zu  tun. Aber  selbst diese  Garde schwächte  den anderen
       Teil der  Armee, indem  sie die  besten Elemente absorbierte. Die
       Rücksicht auf solche, mit anderen nicht zu vergleichenden Truppen
       verleitete Napoleon  manchmal zu Fehlern, wie bei Borodino [228],
       wo er  seine Garde  nicht im entscheidenden Moment vorwärtsführte
       und dadurch  die Gelegenheit  verpaßte, die  russischen Kräfte an
       ihrem geordneten  Rückzug zu  hindern. Die  Franzosen haben außer
       ihrer Kaisergarde noch in jedem Bataillon eine Art élite, die aus
       zwei Kompanien besteht - eine Grenadier- und eine Voltigeurkompa-
       nie; dadurch werden die taktischen Evolutionen des Bataillons un-
       nötig kompliziert.  Bei anderen  Nationen ist  es  ähnlich.  Alle
       diese auserlesenen Truppen erhalten neben ihrer besonderen Forma-
       tion und  Kleidung höhere  Löhnung. Man sagt, daß ein solches Sy-
       stem das  Streben des  gemeinen Soldaten  ansporne, besonders bei
       heißblütigen Nationen,  wie die  Franzosen und Italiener es sind.
       Aber man  würde dasselbe erreichen und vielleicht noch vollkomme-
       ner, wenn  die Soldaten, die eine derartige Auszeichnung verdient
       haben, in  den Reihen  ihrer entsprechenden Kompanien blieben und
       nicht als  Entschuldigung für  die gestörte Einheit und Symmetrie
       der taktischen Bewegungen des Bataillons benutzt würden.
       Noch auffälliger  ist der  Humbug bei der Kavallerie. Hier bildet
       die Unterscheidung  zwischen leichter und schwerer Reiterei einen
       Vorwand für  Unterteilungen aller Art - Kürassiere, Dragoner, Ka-
       rabiniere, Ulanen,  Jäger, Husaren  usw. All diese Unterteilungen
       sind nicht nur wertlos, sie sind völlig widersinnig, denn sie ru-
       fen Komplikationen hervor. Husaren und Ulanen sind den Ungarn und
       Polen nachgeahmt;  doch in  Ungarn und  Polen haben diese Truppen
       ihren Sinn  - sie waren die Nationaltruppe, und die Kleidung, die
       sie trugen, war die Nationaltracht des Landes. Solche Eigenheiten
       in
       
       #416# Friedrich Engels
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       anderen Ländern  zu kopieren, wo der Nationalgeist fehlt, der ih-
       nen Leben  gab, ist,  gelinde gesagt,  lächerlich; und so mag der
       ungarische Husar aus dem Jahre 1814, wenn er von einem russischen
       Husaren mit  "Kamerad" angesprochen  wurde, sehr wohl geantwortet
       haben: "Nix  Kamerad - ich Husar, du Hanswurst!" 1*) Ein anderes,
       ebenso lächerliches  Gebilde in fast allen Armeen sind die Küras-
       siere - Männer, die durch das Gewicht ihrer Kürasse für den wirk-
       lichen Kampf  unbrauchbar sind  und auch  ihre Pferde  dadurch in
       Mitleidenschaft ziehen  (ein französischer Küraß wiegt 22 Pfund);
       bei all dem schützen die Kürasse sie nicht einmal vor der Wirkung
       einer Gewehrkugel,  die aus 150 Yards Entfernung abgefeuert wird!
       Den Küraß  war man in fast allen europäischen Armeen losgeworden,
       bis Napoleons  Liebe für  Gepränge und monarchische Tradition ihn
       bei den  Franzosen wieder  einführte, und diesem Beispiel folgten
       bald alle Nationen Europas.
       Neben unserer  eigenen kleinen Armee ist die sardinische die ein-
       zige unter  denen der zivilisierten Nationen, in der die Kavalle-
       rie ohne jede weitere Unterteilung aus leichter und schwerer Rei-
       terei besteht  und wo  der Küraß  vollständig abgeschafft  worden
       ist.
       Bei der  Feldartillerie findet  man in jeder Armee einen Wirrwarr
       verschiedener Kaliber.  Theoretisch gesehen herrscht bei den Eng-
       ländern die größte Mannigfaltigkeit, denn sie haben 8 Kaliber und
       12 verschiedene  Geschützmodelle; doch  in der  Praxis können sie
       durch ihr  umfangreiches Material  die Artillerie  auf die größte
       Einfachheit beschränken.  In der Krim zum Beispiel sind fast aus-
       schließlich die  Neunpfünder und die vierundzwanzigpfündigen Hau-
       bitzen in  Gebrauch. Die Franzosen haben während der letzten paar
       Jahre ihre  Artillerie soweit  als möglich vereinfacht, indem sie
       die 4  verschiedenen Kaliber  durch eines  ersetzten,  durch  die
       leichte zwölfpfündige  Haubitze, von  der wir an gegebener Stelle
       sprechen werden. In den meisten anderen Armeen gibt es noch 3 bis
       4 Kaliber,  von der Verschiedenartigkeit der Lafetten, Munitions-
       wagen, Räder und dergleichen abgesehen.
       Die technischen  Truppen der verschiedenen Armeen, die Genietrup-
       pen usw.,  den Stab  mag man  noch mit hinzunehmen, sind in allen
       Armeen auf  ziemlich gleiche Weise organisiert, außer daß bei den
       Briten, zu  ihrem großen Nachteil, der Stab überhaupt kein geson-
       dertes Korps bildet. Andere kleine Unterschiede werden an gegebe-
       ner Stelle erwähnt werden.
       Wir beginnen mit jener Armee, die durch ihre Organisation während
       der Revolution  und unter  Napoleon als  eine Art Muster für alle
       europäischen Armeen seit Anfang dieses Jahrhunderts gedient hat.
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       1*) Diese Antwort in "Putnam's Monthly" englisch und deutsch
       
       #417# Die Armeen Europas - Die französische Armee
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       I. Die französische Armee
       
       Als der  gegenwärtige Krieg  ausbrach, hatte Frankreich 100 Regi-
       menter Linieninfanterie  (das 76.  bis 100.  wurde bis vor kurzem
       als "leichte Infanterie" bezeichnet, doch ihre Ausbildung und Or-
       ganisation unterschied  sich in  keiner Weise von den Linienregi-
       mentern). Jedes Regiment besteht aus 3 Bataillonen,
       2 Feldbataillonen  und das  dritte als  Reserve. In  Kriegszeiten
       kann das  dritte Bataillon jedoch sehr schnell für den Felddienst
       organisiert werden,  und ein viertes Bataillon, das durch die be-
       sondere Depotkompanie eines jeden der
       3 Bataillone  gebildet wird, übernimmt den Depotdienst. So war es
       während der  Kriege Napoleons,  der sogar  fünfte und  in manchen
       Fällen sechste  Bataillone bildete. Gegenwärtig können wir jedoch
       nur 3 Bataillone pro Regiment rechnen. Jedes Bataillon hat 8 Kom-
       panien (1  Grenadier- und  1 Voltigeurkompanie,  6 Füsilierkompa-
       nien) und  jede Kompanie  bei Kriegsstärke  3 Offiziere sowie 115
       Unteroffiziere und Soldaten. Deshalb umfaßt ein französisches Li-
       nienbataillon bei  Kriegsstärke ungefähr  960 Mann, von denen ein
       Achtel  (dieVoltigeurkompanie)  besonders  für  den  Einsatz  als
       leichte Infanterie vorgesehen ist.
       Die für  den Dienst  als leichte Infanterie bestimmten speziellen
       Truppen bestehen  aus den  chasseurs-à-pied 1*) und den Afrikani-
       schen Truppen. Die Jäger, vor dem Krieg nur 10 Bataillone, wurden
       im Jahre  1853 auf  20 Bataillone  verstärkt, so daß beinahe jede
       Infanteriedivision der  Armee (4 Regimenter) bei ihrer Formierung
       ein Jägerbataillon  erhalten kann.  Diese Bataillone bestehen aus
       10 Kompanien  bzw. nahezu 1300 Mann. Die speziell für den Afrika-
       dienst bestimmten  Truppen sind gebildet aus: 3 Regimentern mit 9
       Bataillonen Zuaven, 2 Regimentern oder 6 Bataillonen der Fremden-
       legion, 6  Bataillonen leichter  Infanterie (davon  3  Bataillone
       einheimische Jäger),  insgesamt 21 Bataillone oder ungefähr 22000
       Mann.
       Die Kavallerie besteht aus vier unterschiedlichen Teilen:
       1. schwere oder  Reservekavallerie: 12 Regimenter - davon 2 Regi-
       menter Karabiniers (mit Gewehren bewaffnete Kürassiere), 10 Regi-
       menter Kürassiere = 72 Eskadronen;
       2. Linienkavallerie: 20  Regimenter -  12 Regimenter  Dragoner, 8
       Regimenter Lanciers = 120 Eskadronen;
       3. leichte Kavallerie: 21 Regimenter - 12 Regimenter chasseurs-à-
       cheval 2*), 9 Regimenter Husaren = 126 Eskadronen;
       4. afrikanische leichte  Kavallerie: 7  Regimenter - 4 Regimenter
       Chasseurs d'Afrique 3*), 3 Regimenter Spahis = 42 Eskadronen.
       -----
       1*) Jägern zu  Fuß -  2*) Jäger zu  Pferd - 3*) für den Dienst in
       Afrika bestimmte leichte Reiterei
       
       #418# Friedrich Engels
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       Die Eskadronen  der Reserve-  und Linienkavallerie bestehen - bei
       Kriegsstärke -  aus 190  Mann und die der leichten Kavallerie aus
       200 Mann.  In Friedenszeiten  sind kaum  4 Eskadronen  von je 120
       Mann voll  ausgerüstet, so  daß bei  jeder Mobilmachung der Armee
       eine große  Anzahl beurlaubter Soldaten einberufen und Pferde für
       sie aufgebracht  werden müssen,  was in einem an Pferden so armen
       Lande wie  Frankreich ohne  umfangreiche Einfuhr  aus dem Ausland
       niemals erreicht werden kann.
       Die kürzlich reorganisierte Artillerie ist in 17 Regimentern for-
       miert: 5  Regimenter Fußartillerie  für den Garnison- und Belage-
       rungsdienst, 7  Linienregimenter (den  Infanteriedivisionen zuge-
       teilt), 4  Regimenter reitende  Artillerie und  1 Regiment Ponto-
       niere. Die  Fußartillerie ist wahrscheinlich nur in Notfällen für
       den Kampf  im Felde  bestimmt. Bei  der Linienartillerie sind die
       Geschützlafetten und  Protzen so  konstruiert, daß  die Kanoniere
       während schneller  Bewegungen aufsitzen  können. Die reitende Ar-
       tillerie ist  wie in  anderen Heeren organisiert. Die Linien- und
       die reitende  Artillerie umfassen  137 Batterien zu je 6 Geschüt-
       zen, zu denen 60 Batterien Fußartillerie als Reserve hinzukommen,
       insgesamt 1182 Geschütze. Außerdem gehören zur Artillerie 13 Kom-
       panien Handwerker.
       Die Sonderabteilungen der Armee umfassen: den Generalstab mit 560
       Offizieren; Stäbe  für die  Festungen, die Artillerie und das Ge-
       niekorps mit  ungefähr 1200 Offizieren; 3 Regimenter Sappeure und
       Mineure, 5  Packeskadronen, 5 Traineskadronen; 1187 Sanitätsoffi-
       ziere usw. Die Gesamtzahlen sind folgende:
       
       Infanterie
       Linie, 300 Bataillone und 300 Depotkompanien   335 000
       Jäger, 20 Bataillone                            26 000
       Afrikanische Truppen, 21 Bataillone             22 000    383 000
                                                      ------------------
       Kavallerie
       Reserve, 72 Eskadronen und 12 Depoteskadronen   16 300
       Linie, 120 Eskadronen und 20 Depoteskadronen    28 400
       Leichte, 126 Eskadronen und 21 Depoteskadronen  31 300
       Afrikanische, 42 Eskadronen                     10 000     86 000
                                                      ------------------
       Artillerie und Spezialkorps  1200 Geschütze und            70 000
                                    ------------------------------------
                                    1200 Geschütze und           539 000
                                    ====================================
       
       Zu diesen  müssen hinzugerechnet werden die neuformierte Garde in
       der Stärke  einer Infanteriedivision  (2  Grenadierregimenter,  2
       Voltigeurregimenter),
       
       #419# Die Armeen Europas - Die französische Armee
       -----
       1 Brigade  Kavallerie (1 Regiment Kürassiere, 1 Regiment Guiden),
       1 Bataillon  Jäger und  4 oder 5 Batterien Artillerie sowie 25000
       Mann Gendarmerie,  von denen  14000 Berittene sind. 2 weitere In-
       fanterieregimenter, das 101. und das 102., sind kürzlich gebildet
       worden, und  eine neue Brigade der Fremdenlegion (Schweizer) wird
       gerade gebildet.  Also besitzt  die französische  Armee bei ihrer
       gegenwärtigen Organisation  in ihrem  Gesamtbestand rund  600 000
       Mann;  das   wird  eine  ziemlich  genaue  Schätzung  der  augen-
       blicklichen Stärke sein.
       Die Armee  wird durch Auslosung unter allen jungen Männern rekru-
       tiert, die  das 20. Lebensjahr erreicht haben. Man kann annehmen,
       daß jährlich  ungefähr 140000  Mann zur  Verfügung stehen;  davon
       werden jedoch  in Friedenszeiten nur 60 000-80 000 in den Heeres-
       dienst übernommen.  Die übrigen  können während  der 8 Jahre, die
       ihrer Auslosung  folgen, jederzeit  einberufen werden. Eine große
       Anzahl Soldaten  wird außerdem  in Friedenszeiten  für lange Zeit
       beurlaubt, so daß die eigentliche Dienstzeit, selbst der Einberu-
       fenen, 4  oder 5 Jahre nicht übersteigt. Durch dieses System ste-
       hen keine  ausgebildeten Reserven für den Notfall bereit, während
       die wirklich  diensttuenden Truppen  einen hohen  Grad  der  Lei-
       stungsfähigkeit erhalten.  Ein großer kontinentaler Krieg, in dem
       Frankreich mit  zwei oder drei großen Armeen kämpfen müßte, würde
       es dazu  zwingen, schon in der zweiten Kampagne viele unausgebil-
       dete Rekruten  ins Feld  zu schicken, und in der dritten Kampagne
       würde sich die Armee offensichtlich verschlechtern. Tatsache ist:
       daß die  Franzosen das  Soldatenhandwerk  sehr  leicht  erlernen;
       warum wird  aber dann  die lange  Dienstzeit beibehalten, die den
       größeren Teil  der zur  Verfügung stehenden jungen Männer von dem
       Vorteil einer Schule der militärischen Erziehung ausschließt?
       Wo immer  der Militärdienst  obligatorisch und  von langer  Dauer
       ist, führten  die Lebensbedürfnisse der europäischen Gesellschaft
       für die  wohlhabenden Klassen  zu dem  Privileg, sich  durch eine
       Geldzahlung in  der einen  oder anderen Form von der persönlichen
       Dienstpflicht freizukaufen.  So ist  in  Frankreich  das  System,
       einen Ersatzmann  zu stellen,  rechtlich anerkannt,  und  in  der
       französischen Armee dienen ständig ungefähr 80 000 dieser Ersatz-
       leute. Sie kommen zumeist aus den sogenannten "gefährlichen Klas-
       sen" und sind ziemlich schwierig zu behandeln, doch wenn sie ein-
       mal eingewöhnt sind, geben sie großartige Soldaten ab. Sie können
       nur durch  eine strenge  Disziplin im  Zaume gehalten werden, und
       ihre Ansichten  über Ordnung und Unterordnung sind manchmal ziem-
       lich ungewöhnlich.  Wo immer eine große Anzahl von ihnen in einem
       Regiment ist, werden sie bestimmt Schwierigkeiten in der Garnison
       verursachen. Deshalb ist man der Meinung, daß sie vor
       
       #420# Friedrich Engels
       -----
       dem Feind  am besten aufgehoben sind, und daher werden die leich-
       ten Truppen  Afrikas speziell  aus ihnen rekrutiert; zum Beispiel
       traten beinahe  alle Zuaven  der Armee als "Remplaçants" 1*) bei.
       Der Krimfeldzug  hat im  vollen Umfange  bewiesen, daß die Zuaven
       ihre afrikanischen  Gewohnheiten überall  mit hinnehmen  - sowohl
       ihre Liebe zum Plündern als auch ihr disziplinloses Verhalten bei
       Fehlschlägen; und  möglicherweise spricht  der gleiche  Geist aus
       den Worten  einer verwandten Seele, nämlich des verstorbenen Mar-
       schalls Saint-Arnaud, wenn er in seinem Bericht über die Schlacht
       an der Alma sagt: "Die Zuaven sind die besten Soldaten der Welt!"
       Die Ausrüstung  der französischen  Armee ist im allgemeinen erst-
       klassig. Die  Waffen sind  gut konstruiert, und besonders der Ka-
       valleriesäbel ist ein sehr gutes Modell, obwohl er vielleicht ein
       bißchen zu lang ist. Die Infanterie ist dem neuen System entspre-
       chend ausgerüstet,  das in Frankreich und in Preußen zur gleichen
       Zeit eingeführt  wurde; dadurch  wurde das  kreuzweise  getragene
       Bandelier für Patronentasche und Säbel oder Bajonett abgeschafft;
       beide werden  an einem  Leibriemen, unterstützt durch zwei Leder-
       riemen über  den Schultern, getragen, der Tornister hingegen wird
       locker an  zwei über  die Schultern gehende Riemen getragen, ohne
       den altmodischen Verbindungsriemen quer über der Brust. Auf diese
       Weise wird  die Brust  völlig frei  gelassen, und der Soldat wird
       ein ganz und gar anderer Mensch als der unglückliche Mann, der in
       einen Lederküraß  eingeschnürt und geschnallt ist, in den ihn das
       alte System zwängte. Die Uniform ist einfach, aber geschmackvoll;
       man muß wirklichanerkennen, daß die Franzosen sowohl in militäri-
       schen wie  in zivilen  Moden mehr Geschmack gezeigt haben als ir-
       gendeine andere  Nation. Ein blauer Waffenrock oder Überrock, die
       Oberschenkel bis  zu den  Knien bedeckend,  mit einem vorn ausge-
       schnittenen, niedrigen  Stehkragen; scharlachfarbene, mäßig weite
       Hosen; ein  leichtes Käppi,  die soldatischste Kopfbedeckung, die
       bisher erfunden  wurde; Schuhe, Gamaschen und ein bequemer grauer
       Mantel;  sie   bilden  zusammen   eine  so  einfache  und  zweck-
       entsprechende Ausstattung, wie sie in keiner anderen europäischen
       Armee bekannt  ist. In Afrika ist der Kopf gegen die Sonnenstrah-
       len durch  eine weiße Flanellkapuze geschützt; auch Flanellunter-
       kleidung wird  an die Truppen ausgegeben. In der Krim wurden wäh-
       rend des  letzten Winters Kapuzen aus schwerem Tuch getragen, die
       Kopf, Hals  und Schultern  bedeckten. Die  chasseurs-à-pied  sind
       ganz in Grau mit grünen Einfassungen gekleidet; die Zuaven tragen
       eine Art  türkisches Phantasiekostüm,  das dem  Klima  und  ihrem
       Dienst gut angepaßt zu sein scheint. Die Jäger und einige andere
       -----
       1*) Ersatzleute
       
       #421# Die Armeen Europas - Die französische Armee
       -----
       afrikanische Bataillone  sind mit  Minié-Gewehren bewaffnet,  der
       übrige Teil  der Infanterie mit einfachen Perkussionsgewehren. Es
       scheint jedoch  die Absicht zu bestehen, den Anteil der mit gezo-
       genen Gewehren ausgerüsteten Truppen zu erhöhen.
       Die Kavallerie  ist eine  gut aussehende  Truppe, leichter im Ge-
       wicht als  in vielen anderen Armeen, aber darum nicht schlechter.
       In Friedenszeiten  ist sie  im ganzen  recht gut mit Pferden ver-
       sorgt, die  im Ausland  beschafft wurden oder aus den staatlichen
       Gestüten und  den Bezirken  stammen, in denen man erfolgreich die
       einheimische Zucht  verbessern konnte,  um die  es bis vor kurzem
       sehr schlecht  bestellt war.  Doch im Kriegsfall, wenn die Anzahl
       der Pferde  plötzlich verdoppelt  werden muß, sind die Ressourcen
       des Landes  völlig ungenügend, und Tausende von Pferden müssen im
       Ausland gekauft  werden, von denen viele für den Kavalleriedienst
       kaum tauglich  sind. So wird die französische Kavallerie in jedem
       langen Krieg  bald nichts  mehr taugen,  wenn die  Regierung ihre
       Hand nicht  auf die  Ressourcen von Ländern legen kann, die reich
       an Pferden sind, wie sie es in den Jahren 1805, 1806 und 1807 ge-
       tan hat.
       Die Artillerie  ist jetzt  ausschließlich mit  dem neuen leichten
       Zwölfpfünder ausgerüstet,  der sogenannten  Erfindung Louis-Napo-
       leons. Doch da der leichte, für eine Ladung von einem Viertel des
       Kugelgewichts eingerichtete  Zwölfpfünder bereits  in der  engli-
       schen und  der holländischen Armee existierte, da die Belgier be-
       reits bei  ihren Haubitzen  die Kammer  abgeschafft hatten und da
       Preußen und  Österreicher in gewissen Fällen Granaten aus gewöhn-
       lichen Zwölf-  und Vierundzwanzigpfündern  zu feuern  pflegen, so
       reduziert sich  die angebliche  Erfindung darauf, diesen leichten
       Zwölfpfünder der  gewöhnlichen  französischen  Achtpfünderlafette
       angepaßt zu  haben. Die  französische Artillerie hat jedoch durch
       den Wandel  offensichtlich an  Einfachheit und Wirksamkeit gewon-
       nen; ob  ihre Beweglichkeit  gelitten hat,  muß sich erst heraus-
       stellen, ebenso,  ob der  Zwölfpfünder bei Hohlgeschossen wirksam
       genug ist.  Zumindest haben  wir schon  Hinweise gefunden, daß es
       bereits als  notwendig erachtet wurde, Haubitzen eines schwereren
       Kalibers zur Armee im Osten zu schicken.
       Das Exerzierreglement der französischen Armee ist eine sonderbare
       Mischung von  soldatischer Vernunft und altmodischen Traditionen.
       Es gibt  schwerlich eine andere Sprache, die besser für die knap-
       pen, bestimmten  und gebieterischen  militärischen Kommandos  ge-
       eignet wäre  als die  französische; das  Kommando wird  jedoch im
       allgemeinen mit  außerordentlicher Weitschweifigkeit gegeben - wo
       zwei oder  drei Worte genügen würden, muß der Offizier einen gan-
       zen Satz ausrufen oder sogar zwei. Die Manöver sind
       
       #422# Friedrich Engels
       -----
       kompliziert, und  das Exerzieren  enthält ein  gut Teil  altmodi-
       schen, mit  dem heutigen Stand der Taktik überhaupt nicht zu ver-
       einbarenden Unsinns.  Im Tiraillieren, was den Franzosen geradezu
       angeboren zu  sein scheint, werden die Leute mit einer Pedanterie
       gedrillt, die in Rußland kaum übertreffen wird. Dasselbe gilt für
       manche Kavallerie- und Artilleriebewegungen. Doch immer, wenn die
       Franzosen in  den Krieg  ziehen müssen,  enthebt sie die sich aus
       der Lage  ergebende Notwendigkeit  dieser veralteten und pedanti-
       schen Bewegungen.  Neue taktische Methoden, die sich neuen Situa-
       tionen anpassen, werden von keinem so schnell festgelegt und ein-
       geführt wie von den Franzosen.
       Insgesamt gesehen ist der Dienst als leichte Truppe die forte 1*)
       der Franzosen.  Sie sind  buchstäblich die leichtesten Truppen in
       Europa. Nirgendwo ist die durchschnittliche Körpergröße der Armee
       so gering  wie in Frankreich. Im Jahre 1836 waren von rund 80 000
       Mann in  der französischen  Armee nur  743 Mann 5 Fuß 8 Zoll groß
       oder darüber,  und nur   s i e b e n   maßen 6 Fuß, während volle
       38 000 Mann 4 Fuß 10 1/2 Zoll bis 5 Fuß 2 Zoll groß waren. Trotz-
       dem kämpfen  diese kleinen  Männer nicht nur außerordentlich gut,
       sondern halten  auch den schwersten Strapazen stand und übertref-
       fen an  Beweglichkeit fast  jede andere Armee. General Napier be-
       hauptet, daß  der britische  Soldat das  am  schwersten  beladene
       Kampftier der  Welt sei;  aber er  hat niemals diese französisch-
       afrikanischen Feldzugteilnehmer  gesehen, die  außer ihren Waffen
       und dem persönlichen Gepäck Zelte, Feuerholz und Lebensmittel auf
       ihrem Rücken  so aufgehäuft  tragen, daß diese Last ihre Tschakos
       überragt, und  die damit  30 oder  40 Meilen  am Tagin tropischer
       Hitze marschieren. Und dann vergleiche man den großen, schwerfäl-
       ligen britischen Soldaten, der in Friedenszeiten wenigstens 5 Fuß
       6 Zoll  mißt, mit  dem winzigen, kurzbeinigen Franzosen von 4 Fuß
       10 Zoll,  der dem  Schneider im Märchen gleicht! Dabei bleibt der
       kleine Franzose unter seiner ganzen Last ein großartiger leichter
       Infanterist; er  schwärmt  aus,  trabt,  rennt,  legt  sich  hin,
       springt auf,  während er zur gleichen Zeit ladet, feuert, vormar-
       schiert, sich zurückzieht, sich zerstreut, sich sammelt, sich neu
       formiert. Er zeigt sich nicht nur doppelt so behend, sondern auch
       doppelt so  intelligent wie sein knochiger Konkurrent von der In-
       sel des  "rosbif" 2*). Dieser Dienst als leichte Infanterie wurde
       in den  20 Bataillonen  der chasseurs-à-pied  zu hoher Vollendung
       gebracht. Diese  unvergleichliche Truppe,  unvergleichlich im Be-
       reich ihres  besonderen Dienstes, wird darin geübt, in Reichweite
       des Feindes  jede Bewegung  in einer Art leichtem Trott auszufüh-
       ren, der pas
       ----
       1*) Stärke - 2*) "Roastbeef"
       
       #423# Die Armeen Europas - Die französische Armee
       -----
       gymnastique 1*)  genannt wird,  wobei sie 160-180 Schritte in der
       Minute machen  Aber sie können nicht nur, mit kurzen Pausen, eine
       halbe Stunde  und länger laufen, sondern auch kriechen, springen,
       klettern und  schwimmen; jede  Bewegungsart,  die  möglicherweise
       verlangt werden kann, ist ihnen gleichermaßen geläufig, wobei sie
       erstklassige Schützen  sind. Wer  kann unter gleichen Bedingungen
       im Tirailleurkampf diesen sicheren Schützen standhalten, die hin-
       ter der geringsten Unebenheit des Bodens Deckung finden?
       Beim Masseneinsatz  der französischen  Infanterie  erwachsen  den
       Franzosen aus  ihrem leidenschaftlichen  Charakter  sowohl  große
       Vorteile als  auch große Nachteile. Allgemein wird ihr erster An-
       griff durchdacht,  schnell, entschlossen,  wenn nicht  gar heftig
       sein. Ist  er erfolgreich, so kann ihnen nichts widerstehen. Wird
       er zurückgeschlagen,  so werden  sie sich  schnell sammeln und in
       der Lage  sein, wieder  vorzugehen; doch  in einem  unglücklichen
       oder selbst  in einem  wechselvollen Kampf  wird die französische
       Infanterie bald  ihre Festigkeit  verlieren. Erfolg brauchen alle
       Armeen, doch  besonders jene der romanisch-keltischen Völker. Die
       Teutonen sind  ihnen in  dieser Hinsicht  entschieden  überlegen.
       Nachdem Napoleon  die französische Armee einmal in Marsch gesetzt
       hatte, vermochten  die Franzosen  15 Jahre  lang alles  auf ihrem
       Wege niederzuwerfen,  bis Rückschläge sie niederzwangen; doch ein
       Siebenjähriger Krieg  [229], wie  ihn Friedrich der Große führte,
       ein Krieg,  in dem er oft genug dem Ruin nahe, oft geschlagen und
       schließlich doch  siegreich war - ein solcher Krieg hätte niemals
       mit französischen  Truppen gewonnen  werden können.  Der Krieg in
       Spanien 1809-1814 gibt dafür ein aufschlußreiches Beispiel.
       Unter Napoleon  war die französische Kavallerie, im Gegensatz zur
       Infanterie, wegen  ihres Einsatzes in Massen weit angesehener als
       wegen ihre?  Dienstes als leichte Truppe. Sie wurde für unbesieg-
       bar gehalten,  und selbst Napier gibt ihre Überlegenheit über die
       englische Kavallerie  jener Zeit  zu Wellington  tat bis zu einem
       gewissen Grade  dasselbe. Und seltsam, diese unwiderstehliche Ka-
       vallerie bestand aus solch miserablen Reitern, daß alle, ihre An-
       griffe im Trab gemacht wurden oder allerhöchstens in einem leich-
       ter Galopp! Aber sie ritten dicht beieinander und wurden nie ein-
       gesetzt, ohne  daß die  Artillerie ihnen durch ein schweres Feuer
       den Weg bereitet hatte, und dann nur in großen Massen. Tapferkeit
       und der  Siegestaumel taten  das übrige. Die heutige französische
       Kavallerie, besonders  die algerischen Regimenter, sind eine sehr
       gute Truppe, sie können im allgemeinen gut reiten und wissen sich
       noch besser zu schlagen, obwohl sie den Briten, Preußen und
       -----
       1*) gymnastischer Schritt
       
       #424# Friedrich Engels
       -----
       besonders den  Österreichern an reiterlichem Können noch unterle-
       gen sind.  Aber da die Armee, wenn sie auf den Kriegsfuß gebracht
       wird, ihre  Kavallerie verdoppeln  muß, besteht kein Zweifel, daß
       die Qualität  absinken wird. Es ist jedoch eine Tatsache, daß die
       Franzosen in  hohem Maße die notwendige Eigenschaft eines Reiter-
       soldaten besitzen,  die wir   S c h n e i d   nennen und die eine
       ganze Reihe  Mängel wieder wettmacht. Andrerseits geht kein ande-
       rer Soldat so sorglos mit seinen Pferden um wie der Franzose.
       Die französische  Artillerie stand  immer in  sehr hohem Ansehen.
       Beinahe alle  Verbesserungen, die  während der  letzten drei oder
       vier Jahrhunderte  in der  Geschützkunst gemacht  wurden, stammen
       von Franzosen.  Während der napoleonischen Kriege war die franzö-
       sische Artillerie besonders gefürchtet, denn sie war außerordent-
       lich geschickt  in der  Wahl der  Stellungen für  ihre Geschütze,
       eine Kunst,  die damals  in anderen  Armeen nur sehr unvollkommen
       beherrscht wurde. Alle Zeugnisse stimmen überein, daß niemand den
       Franzosen darin  gleichkommt, die  Geschütze so aufzustellen, daß
       das Gelände  vor ihnen  sie vor dem Feuer des Feindes deckt, wäh-
       rend es  die Wirkung  des eigenen Feuers begünstigt. Auch war der
       theoretische Zweig  der Artillerie schon immer eine von den Fran-
       zosen bevorzugte Wissenschaft; ihr Sinn für Mathematik begünstigt
       das; Genauigkeit  der  Sprache,  wissenschaftliche  Methode,  Ge-
       diegenheit der  Ansichten charakterisieren  ihre artilleristische
       Literatur und  zeigen, wie sehr dieser Zweig der Wissenschaft ih-
       rer nationalen Eigenart entspricht.
       Von den  Spezialtruppen, dem  Geniekorps, dem Stab, dem Sanitäts-
       personal und  den Traintruppen  können wir  nur  sagen,  daß  sie
       höchst leistungsfähig  sind. Die  Militärschulen  sind  Vorbilder
       ihrer Art.  Von dem französischen Offizier wird nicht die gleiche
       Allgemeinbildung verlangt  wie in  Preußen, doch  geben  ihm  die
       Schulen, die er absolvieren muß, eine erstklassige Ausbildung für
       seinen  Beruf,   einschließlich  gründlicher  Kenntnisse  in  den
       Hilfswissenschaften und  einer gewissen  Fertigkeit in  zumindest
       einer lebenden  Sprache. Es  gibt jedoch  eine andere  Gruppe von
       Offizieren in  der französischen  Armee, nämlich die, die aus den
       Reihen  der   alten  Unteroffiziere   hervorgegangen  ist.  Diese
       letzteren avancieren  selten höher  als bis zum Hauptmann, so daß
       die Franzosen  oft junge  Generale  und  alte  Hauptleute  haben;
       dieses System bewährt sich außerordentlich gut.
       Im großen  und ganzen  zeigt die  französische Armee in all ihren
       Teilen, daß  sie einer kriegerischen und temperamentvollen Nation
       angehört, die  auf ihre  Verteidiger stolz ist. Daß die Disziplin
       und die  Leistungsfähigkeit dieser  Armee den  Verführungen Louis
       Bonapartes widerstanden  hat und daß die Prätorianer des Dezember
       1851 [49] so schnell in die Helden der Krim verwandelt
       
       #425# Die Armeen Europas - Die englische Armee
       -----
       werden konnten,  spricht gewiß  sehr für sie. Niemals wurde einer
       Armee durch eine Regierung mehr geschmeichelt und mehr gehuldigt,
       wurde sie  offener zu  aller Art Ausschweifungen aufgefordert als
       die französische  Armee im  Herbst 1851. Niemals wurde ihr solche
       Zügellosigkeit erlaubt wie während des Bürgerkrieges im Dezember,
       doch die  Soldaten haben  sich zur  Disziplin zurückgefunden  und
       versehen ihren  Dienst sehr  gut. Zugegeben,  das  prätorianische
       Element ist in der Krim mehrmals an die Oberfläche gekommen, doch
       Canrobert konnte es immer wieder unterdrücken.
       
       II. Die englische Armee [230]
       
       Die britische  Armee bildet  einen  vollständigen  Gegensatz  zur
       französischen. Nicht  zwei Berührungspunkte  existieren  zwischen
       beiden. Wo  die Franzosen stark sind, sind die Briten schwach und
       vice versa  1*). Wie  Alt-England selbst eine Masse schleichender
       Mißbräuche, ist  die Organisation  der englischen  Armee faul bis
       zum Herzen.  Alles scheint so geordnet, um jede Möglichkeit abzu-
       schneiden, daß  es seinen  Zweck erfülle. Durch einen unerklärli-
       chen Glücksfall  nehmen die kühnsten Neuerungen - nicht zahlreich
       in der Tat - ihren Platz ein mitten unter den Ruinen überjährigen
       Blödsinns; und  dennoch, sooft  die schwerfällige,  knarrende Ma-
       schine ins  Werk gesetzt  wird, vollbringt  sie in der einen oder
       andern Weise ihre Arbeit.
       Die Organisation  der britischen  Armee ist bald beschrieben. Die
       Infanterie besteht aus 3 Regimentern Garde, 85 Linienregimentern,
       13 Regimentern  leichte Infanterie,  2 Regimentern Schützen. Wäh-
       rend des gegenwärtigen Kriegs zählen die Garden, die Schützen und
       einige andere  Regimenter 3  Bataillone, der  Rest hat nur 2. Ein
       Depot wird  in jedem  durch eine Kompanie gebildet. Die Rekrutie-
       rung reicht  jedoch kaum  hin, die  durch den  Krieg verursachten
       Lücken zu  füllen, und  deshalb kann von der Existenz der zweiten
       Bataillone kaum die Rede sein. Die gegenwärtige Effektivkraft der
       britischen Armee überbietet sicher nicht 120 000 Mann.
       Neben den regelmäßigen Truppen bildet die Miliz einen Bestandteil
       der Infanterie, als eine Art von Reserve oder Zuchtschule für die
       Armee. Ihre  Zahl, gemäß  einem Parlamentsbeschluß,  darf bis  zu
       80 000 Mann  betragen, zählt aber augenblicklich kaum 60 000, ob-
       wohl in  Lancashire allein  6 Bataillone  ausgehoben wurden. Nach
       den Bestimmungen  des Gesetzes kann die Miliz freiwilligen Dienst
       nehmen in den Kolonien, aber nicht auf ausländische
       -----
       1*) umgekehrt
       
       #426# Friedrich Engels
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       Kriegstheater geführt  werden. Sie  kann also  nur benutzt werden
       zur Freisetzung  der Liniensoldaten  in den Garnisonen von Korfu,
       Malta und  Gibraltar oder vielleicht später von entlegenen briti-
       schen Niederlassungen.
       Die Kavallerie  hat 3 Regimenter Garde (Kürassiere), 6 Regimenter
       Gardedragoner (schwere),  4 schwere sowie 4 leichte Dragonerregi-
       menter, 5  Husaren- und  4 Ulanenregimenter.  Jedes Regiment, auf
       dem Kriegsfuß,  ist zu  1000 Säbeln  zu erheben (4 Eskadronen von
       250 Mann  nebst einem  Depot).  Einige  Regimenter  hatten  diese
       Stärke, als  sie England verließen, aber die Unglücksfälle in der
       Krim während  des Winters, die sinnlose Attacke bei Balaklawa [3]
       und der Rekrutenmangel haben im ganzen den alten Friedensfuß wie-
       derhergestellt. Wir  glauben nicht, daß die Gesamtzahl der 26 Re-
       gimenter in diesem Augenblick 10 000 Säbel beträgt, das heißt 400
       Säbel im Durchschnitt pro Regiment.
       Die Artillerie  besteht aus  einem Regiment Fußartillerie (12 Ba-
       taillone mit 96 Batterien) und einer Brigade reitender Artillerie
       (7 Batterien  und 1 Raketenbatterie). Jede Batterie hat 5 Kanonen
       und 1  Haubitze; die  Kaliber der  Kanonen  sind  Drei-,  Sechs-,
       Neun-, Zwölf-  und Achtzehnpfünder, die der Haubitzen 4 2/5 Zoll,
       4 1/2 Zoll,  5 1/2 Zoll  und 8  Zoll. Jede  Batterie hat außerdem
       auch 2  Modelle von  Kanonen von  fast jedem Kaliber, schwere und
       leichte. In  der Tat  jedoch bilden  jetzt der  leichte Neun- und
       Zwölfpfünder sowie  die viereinhalb-  und fünfeinhalbzöllige Hau-
       bitze das Feldkaliber, und im ganzen kann der Neunpfünder nun als
       die allgemein  gebräuchliche Kanone der britischen Artillerie be-
       trachtet werden,  mit  der  viereinhalbzölligen  (vierundzwanzig-
       pfündigen) Haubitze  zur Unterstützung.  Neben diesen sind Sechs-
       und Zwölfpfünderraketen in Gebrauch.
       Da die  englische Armee  auf Friedensfuß  nur eine Kaderarmee für
       den Kriegsfuß  bildet und gänzlich durch freiwillige Rekrutierung
       ergänzt wird,  kann ihre wirkliche Stärke für einen gegebenen Mo-
       ment nie  exakt angegeben  werden. Wir glauben jedoch, wir können
       ihre jetzige  Stärke ungefähr  schätzen auf 120 000 Mann Infante-
       rie, 10 000  Mann Kavallerie  und 12 000  Mann Artillerie mit 600
       Kanonen (davon  ist nicht  einmal der  fünfte Teil bespannt). Von
       diesen 142 000  Mann befinden sich etwa 32 000 auf der Krim, etwa
       50 000 in  Indien und den Kolonien und die übrigbleibenden 60 000
       (eine Hälfte  davon Rekruten,  die andere Exerziermeister der Re-
       kruten) in  der Heimat.  Zu diesen  kommen etwa 60 000 Milizleute
       hinzu. Die  Pensionäre, Yeomanry-cavalry  1*) und andere nutzlose
       und für den auswärtigen Dienst nicht verwendbare Korps lassen wir
       natürlich ganz außer Rechnung.
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       1*) berittene Freiwillige (oder Landmiliz)
       
       #427# Die Armeen Europas - Die englische Armee
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       Das Rekrutiersystem durch freiwillige Werbung macht es in Kriegs-
       zeiten sehr  schwer, die Armee vollzählig zu halten, wie die Eng-
       länder jetzt  erneut erfahren.  Wir sehen  wieder, wie unter Wel-
       lington, daß  30 000 bis 40 000 Mann das Maximum ist, was sie auf
       einem bestimmten  Kriegstheater konzentrieren und vollzählig hal-
       ten können,  und da  sie jetzt nicht Spanier zu Alliierten haben,
       sondern Franzosen,  verschwindet "die heroische kleine Bande" der
       Briten fast ganz in der Mitte der alliierten Armee.
       Eine einzige  Institution der  britischen Armee reicht völlig hin
       zur Charakteristik der Klasse, woraus der britische Soldat rekru-
       tiert wird.  Wir meinen die Strafe des Auspeitschens. Körperliche
       Züchtigung existiert  nicht mehr in der französischen und preußi-
       schen Armee  sowie in mehreren kleineren Armeen. Selbst in Öster-
       reich, wo der größere Teil der Rekruten aus Halbbarbaren besteht,
       strebt man  offenbar -  nach ihrer  Beseitigung; so wurde neulich
       die  Strafe   des  Spießrutenlaufens   aus  dem  österreichischen
       Militärgesetz ausgemerzt.  In England dagegen ist die neunschwän-
       zige Katze  in voller Wirksamkeit erhalten - ein Torturinstrument
       ganz ebenbürtig der russischen Knute in ihrer Glanzzeit. Seltsam,
       sooft eine  Reform der  Kriegsgesetzgebung im  Parlament angeregt
       wurde, ereiferten  sich alle  alten Martinets 1*) für die "Katze"
       und keiner  leidenschaftlicher als  der alte  Wellington. Für sie
       war ein  ungepeitschter Soldat ein unbegreifliches Wesen. Tapfer-
       keit, Disziplin und Unbesiegbarkeit waren in ihren Augen die aus-
       schließlichen Attribute  von Männern,  die die  Narben von minde-
       stens 50 Hieben auf ihren Rücken tragen.
       Die neunschwänzige  Katze, das  darf nicht  vergessen werden, ist
       nicht nur  ein Peinigungsinstrument, sie läßt unvergängliche Nar-
       ben zurück,  sie brandmarkt  einen Mann für Lebenszeit. Selbst in
       der englischen  Armee ist  eine solche  körperliche Strafe,  eine
       solche Brandmarkung,  eine ewige Schmach. Der ausgepeitschte Sol-
       dat verliert bei seinen Kameraden an Ansehen. Aber gemäß dem bri-
       tischen Militärkodex  besteht die Strafe vor dem Feinde fast aus-
       schließlich in  der Auspeitschung, und so ist die Strafe, die von
       ihren Verteidigern  als das  einzige Mittel  zum Aufrechterhalten
       der Disziplin  im entscheidenden Augenblick gerühmt wird, das si-
       cherste Mittel  zur Zerstörung  der Disziplin, indem es die Moral
       und den Point d'honneur 2*) des Soldaten bricht.
       Dies erklärt  zwei sehr  sonderbare Tatsachen. Erstens: Die große
       Zahl der englischen Deserteure vor Sewastopol. Im Winter, als die
       britischen Soldaten
       -----
       1*) (nach dem  Namen des französischen Generals Martinet, der zur
       Zeit Ludwigs  XIV. lebte  und als "strenger Vorgesetzter" berüch-
       tigt war; hier im Sinne von:) Zuchtmeister - 2*) Ehrgefühl
       
       #428# Friedrich Engels
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       übermenschliche Anstrengungen  zu machen hatten, um die Gräben zu
       bewachen, wurden diejenigen, welche sich nicht 48-60 Stunden hin-
       tereinander wachhalten  konnten, ausgepeitscht.  Man  denke  nur,
       solche Heroen  wie die britischen Soldaten, die sich bewährt hat-
       ten in  den Laufgräben vor Sewastopol und die Schlacht bei Inker-
       man [111]  trotz ihrer  Generale gewonnen hatten, auszupeitschen!
       Aber die  Kriegsartikel ließen  keine Wahl.  Die besten Männer in
       der Armee,  wenn von  Ermüdung überwältigt, wurden ausgepeitscht,
       und entehrt, wie sie waren, desertierten sie zu den Russen. Wahr-
       lich, es kann kein schärferes Verdammungsurteil für dieses System
       geben als  das. In keinem früheren Krieg sind Truppen irgendeiner
       Nation in nennenswerter Anzahl zu den Russen desertiert; sie wuß-
       ten, daß  sie schlechter behandelt werden würden als in der eige-
       nen Armee.  Es war  der englischen  Armee vorbehalten,  das erste
       starke Kontingent  solcher Deserteure  zu stellen,  und nach  dem
       Zeugnis der  Engländer selbst  war es  das Auspeitschen,  das die
       Soldaten desertieren ließ. Die andere Tatsache ist die Schwierig-
       keit, worauf England bei jedem Versuch zur Bildung von Fremdenle-
       gionen im  Rahmen der  britischen Kriegsgesetzgebung  stößt.  Die
       Festlandbewohner sind  in bezug  auf ihre Rücken sehr eigenartig.
       Die Aussicht,  geprügelt zu werden, hat die Versuchung, die große
       Beute und gute Löhnung darstellen, überwunden. Bis Ende Juni hat-
       ten sich  nicht mehr  als 1000 Mann gemeldet, wo 15 000 gebraucht
       wurden, und soviel ist gewiß, wenn die Behörden versuchen, selbst
       unter diesen  1000 Anwärtern das Prügeln einzuführen, dann werden
       sie einen  Sturm erleben,  der sie  dazu zwingen  wird,  entweder
       nachzugeben oder die Fremdenlegion sofort aufzulösen.
       Uniformierung und  Equipierung des  britischen Soldaten  sind ein
       Beispiel dafür,  wie sie  nicht sein  sollten. Bis  heute ist die
       Uniform, wie  sie die  Armeen bis  1815 zu  tragen pflegten,  die
       gleiche geblieben.  Eine Verbesserung wurde nicht zugelassen. Der
       alte, kurze  Schwalbenschwanzrock, entstellt  durch häßliche Auf-
       schläge, unterscheidet  den britischen immer noch von jedem ande-
       ren Soldaten.  Die Hosen  sind eng  und unbequem. Das alte System
       des kreuzweise getragenen Bandeliers zum Befestigen von Bajonett-
       scheide, Patronentasche und Tornister herrscht uneingeschränkt in
       fast allen  Regimentern. Die  Bekleidung der Kavallerie hat einen
       besseren Sitz und ist auch sonst weit besser als die der Infante-
       rie; aber  sie ist  trotz allem viel zu eng und unbequem. England
       allein hat  in seiner  Armee den  roten Waffenrock,  den "stolzen
       roten Rock",  wie ihn Napier nennt, beibehalten. Dieser Rock, der
       den Soldaten  das Aussehen von dressierten Affen gibt, soll durch
       seinen Glanz  unter den  Feinden Schrecken hervorrufen. Doch ach!
       Wer je  einen der ziegelfarbenen britischen Infanteristen gesehen
       hat, muß zugeben, daß ihre
       
       #429# Die Armeen Europas - Die englische Armee
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       Röcke nach  vierwöchigem Tragen in jedem Beobachter unbestreitbar
       nicht den  Gedanken der  Furcht, sondern  der Schäbigkeit erregen
       und daß  jede andere Farbe weit furchterregender sein würde, wenn
       sie nur  Staub, Schmutz  und Nässe  widerstehen könnte! Die Dänen
       und die  Hannoveraner haben  einmal den roten Rock getragen, aber
       sie ließen  ihn sehr bald fallen. Die erste Kampagne in Schleswig
       zeigte den  Dänen, was  für ein  großartiges Ziel dem Feind durch
       den roten Rock und die weißen Kreuzbandeliers geboten wird.
       Die neue  Bekleidungsordnung hat einen roten Rock vom Schnitt des
       preußischen herausgebracht. Die Infanterie trägt den österreichi-
       schen Tschako  oder das  Käppi, die  Kavallerie  den  preußischen
       Helm. Die  Kreuzbandelierausrüstung, die  rote Farbe,  die  engen
       Hosen sind mehr oder weniger geblieben. So kommt die Neuerung auf
       ein Nichts  heraus; der britische Soldat wird sich so seltsam wie
       bisher unter  den anderen  europäischen Armeen ausnehmen, die ein
       wenig mehr  dem gesunden  Menschenverstand entsprechend gekleidet
       und ausgerüstet sind.
       Trotzdem ist in der britischen Armee eine Verbesserung eingeführt
       worden, die  alles, was in anderen Ländern getan wurde, weit hin-
       ter sich zurückläßt. Das ist die Bewaffnung der gesamten Infante-
       rie mit  dem durch  Pritchett verbesserten  Minié-Gewehr. Wie die
       alten Männer an der Spitze der Armee, Männer, die in ihren Vorur-
       teilen gewöhnlich  so hartnäckig sind, zu einem solch kühnen Ent-
       schluß kommen  konnten, kann man sich schwer vorstellen; doch ha-
       ben sie  es getan  und damit  die  Wirksamkeit  ihrer  Infanterie
       verdoppelt. Es  unterliegt keinem  Zweifel, daß  das Minié-Gewehr
       durch die außerordentliche Zielsicherheit und große Durchschlags-
       kraft den  Tag von  Inkerman zugunsten  der Engländer  entschied.
       Wann immer eine englische Infanterielinie ihr Feuer eröffnet, muß
       ihre Wirkung  auf jeden  mit der gewöhnlichen Muskete bewaffneten
       Feind  überwältigend  sein,  da  das  englische  Minié-Gewehr  so
       schnell geladen wird wie nur irgendein glattläufiges Gewehr.
       Die Kavallerie  besteht aus prächtigen Leuten, sie ist gut berit-
       ten und  mit Säbeln  von ausgezeichnetem Muster versehen; was sie
       leisten kann, hat sie bei Balaklawa gezeigt. Aber im Durchschnitt
       sind die Leute zu schwer für ihre Pferde, und einige Monate akti-
       ver Kampfhandlungen  müssen  die  britische  Kavallerie  auf  ein
       Nichts reduzieren.  Die Krim  hat davon ein neues Beispiel gelie-
       fert. Wenn  das durchschnittliche  Maß für die schwere Kavallerie
       auf 5  Fuß 6 Zoll herabgesetzt würde und für die leichte Kavalle-
       rie auf 5 Fuß 4 oder gar 2 Zoll, wie es unseres Wissens jetzt der
       Infanterie entspricht,  so könnte  ein Mannschaftskörper gebildet
       werden, der  für den  eigentlichen Felddienst der Kavallerie weit
       geeigneter wäre. Da die Pferde zu schwer
       
       #430# Friedrich Engels
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       belastet sind,  müssen sie  zusammenbrechen, bevor sie mit Erfolg
       gegen den Feind gebraucht werden können.
       Die Artillerie  besteht  ebenfalls  aus  zu  großen  Leuten.  Die
       durchschnittliche Größe  eines Artilleristen  sollte so sein, daß
       er in  der Lage  ist, einen Zwölfpfünder abzuprotzen; und 5 Fuß 2
       Zoll bis  5 Fuß  6 Zoll sind für diesen Zweck mehr als genug, wie
       wir aus reicher persönlicher Erfahrung und Beobachtung wissen. In
       der Tat  sind Männer  von ungefähr 5 Fuß 5 oder auch 6 Zoll, wenn
       sie kräftig  gebaut sind,  im allgemeinen  die besten  Kanoniere.
       Doch wollen  die Briten  ein Paradekorps,  und deshalb haben ihre
       Männer, obwohl  sie groß sind und gut aussehen, nicht jenen kräf-
       tigen Körperbau, der für einen wirklich brauchbaren Artilleristen
       so notwendig ist. Das Artilleriematerial ist erstklassig. Die Ka-
       nonen sind  die besten  in Europa,  das Pulver  ist anerkannt das
       stärkste in  der Welt,  die Kugeln  und  Granaten  besitzen  eine
       Glattheit der  Oberfläche wie  nirgendwo sonst.  Doch bei alledem
       haben keine  Geschütze der  Welt eine derartige Streuung, und das
       zeigt, welche  Männer sie  bedienen. Es gibt kaum eine Artillerie
       in Europa, die von Männern mit einer so unzureichenden fachlichen
       Ausbildung wie  die Briten  befehligt wird.  Ihre Ausbildung geht
       selten über  die Grundelemente der Artilleriewissenschaft hinaus,
       und in  der Praxis handhaben sie die Feldgeschütze, so gut sie es
       verstehen, und  das nur unvollkommen. Zwei Eigenschaften zeichnen
       die britische Artillerie aus, Gemeine wie Offiziere: ungewöhnlich
       scharfes Auge und große Ruhe während des Kampfes.
       Im ganzen  ist die  Wirksamkeit der  britischen Armee  wesentlich
       beeinträchtigt durch die theoretische und praktische Unwissenheit
       der Offiziere.  Die Examination,  der sie  sich neuerdings unter-
       werfen müssen, ist in der Tat lächerlich - ein Kapitän examiniert
       in den  drei ersten  Büchern des Euklid [231]! Aber die britische
       Armee ist hauptsächlich dazu da, die Jüngern Söhne der Aristokra-
       tie und der Gentry in respektablen Stellungen unterzubringen. Da-
       her kann  das Maß der Ausbildung für ihre Offiziere nicht den Er-
       fordernissen des  Dienstes entsprechen,  sondern muß dem geringen
       Wissen angepaßt werden, das man durchschnittlich von einem engli-
       schen "Gentleman"  erwarten kann.  Was die  praktischen militäri-
       schen Kenntnisse des Offiziers betrifft, so sind sie ebenso unge-
       nügend. Der  britische Offizier  kennt nur  eine  Pflicht:  seine
       Leute am  Tage der  Schlacht direkt gegen den Feind zu führen und
       ihnen ein  Beispiel an  Bravour zu geben. Geschick in der Führung
       der Truppen,  Ergreifen günstiger  Gelegenheiten und  dergleichen
       wird nicht  von ihm  erwartet, und nun gar nach seinen Leuten und
       ihren Bedürfnissen sich umschauen, solche Idee würde ihm kaum je-
       mals in  den Sinn  kommen. Die Hälfte des Mißgeschicks der briti-
       schen Armee in der Krim entsprang dieser
       
       #431# Die Armeen Europas - Die englische Armee
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       allgemeinen Unfähigkeit  der Offiziere. Sie haben jedoch eine Ei-
       genschaft, die  sie für  ihre Funktionen  befähigt: Meist leiden-
       schaftliche Jäger,  besitzen sie jene instinktive und rasche Auf-
       fassung der  Terrainvorteile, die  die Praxis  der Jagd mehr oder
       minder mit sich bringt.
       Die Unfähigkeit  der Offiziere  bringt nirgendwo größeren Schaden
       als im  Stabe. Da  kein regelrecht  ausgebildetes Stabskorps exi-
       stiert, bildet jeder General seinen eigenen Stab aus Regimentsof-
       fizieren, und  diese sind auf allen Gebieten ihres Dienstes Igno-
       ranten. Ein  solcher Stab  ist übler als gar kein Stab. Insbeson-
       dere der  Aufklärungsdienst muß  daher stets  mangelhaft bleiben,
       wie es  nicht anders sein kann bei Menschen, die kaum wissen, was
       von ihnen erwartet wird.
       Die Ausbildung  der anderen  Spezialkorps ist  etwas besser, aber
       tief unter  dem Niveau anderer Nationen; im allgemeinen würde ein
       englischer Offizier  in jedem  andern Lande  unter Leuten  seines
       Standes als Ignorant gelten. Zeuge ist die britische MilitärIite-
       ratur. Die meisten Werke sind voll von groben Schnitzern, die an-
       derswo einem  Kandidaten für  den Leutnantsgrad  nicht  verziehen
       werden würden.  Jede Darstellung  von  Tatsachen  wird  in  einer
       schludrigen, unsachlichen  und unsoldatischen  Art gegeben, wobei
       die wichtigsten  Punkte ausgelassen  werden und  es  sich  sofort
       zeigt, daß  der Schreiber sein Fach nicht beherrscht. Den lächer-
       lichsten Behauptungen  ausländischer Bücher  wird daher ohne wei-
       teres Glauben  geschenkt. *)  Wir dürfen  jedoch nicht vergessen,
       daß es  einige ehrenwerte  Ausnahmen gibt,  unter denen W[illiam]
       Napiers "Krieg  auf der  Pyrenäenhalbinsel" und  Howard  Douglas'
       "Seeartillerie" an erster Stelle stehen [233].
       Die Verwaltungs-, Sanitäts-, Kommissariats-, Transport- und ande-
       ren Nebendepartements  sind in einem jämmerlichen Zustand und ha-
       ben einen gründlichen Zusammenbruch erlitten, als sie in der Krim
       ausprobiert wurden.  Es werden  Anstrengungen gemacht,  diese  zu
       verbessern und  ebenso die Administration zu zentralisieren, aber
       es kann wenig Gutes erwartet werden, solange die Ziviladministra-
       tion oder  vielmehr die  gesamte Regierungsgewalt  überhaupt  die
       gleiche bleibt.
       Mit all  diesen ungeheuren  Mängeln erreicht es die britische Ar-
       mee, sich  recht und  schlecht durch  jede Kampagne  zu schlagen,
       wenn nicht mit Erfolg, mindestens ohne Schmach. Wir finden Verlu-
       ste an Menschenleben, ein gut Teil von Mißverwaltung, ein Konglo-
       merat von  Irrtümern und Schnitzern, die uns in Erstaunen setzen,
       wenn wir sie mit dem Stand anderer Armeen
       ---
       *) Als ein  Beispiel beziehen wir uns auf das Werk über Feuerwaf-
       fen von  Oberst Chesney  [232], der als einer der besten Artille-
       rieoffiziere in Großbritannien gilt.
       
       #432# Friedrich Engels
       -----
       unter denselben Umständen vergleichen; aber keinen Verlust an mi-
       litärischer Ehre,  seltenes Zurückgeschlagen  wer den,  gänzliche
       Niederlage fast  nie. Es ist die große persönliche Tapferkeit und
       Zähigkeit der  Truppen, ihre Disziplin und ihr unbedingter Gehor-
       sam, denen  dieses Resultat geschuldet wird. Schwerfällig, verle-
       gen und  hilflos, wie der britische Soldat ist, wenn er auf seine
       eigenen Hilfsquellen  angewiesen ist  oder  wenn  er  den  Dienst
       leichter Truppen verrichten soll, übertrifft ihn niemand in einer
       regulären Schlacht,  wo er  in Massen agiert. Seine forte 1*) ist
       der Kampf  in Linie.  Eine englische  Schlachtlinie tut, was kaum
       von einer  anderen Infanterie je geleistet worden ist: Kavallerie
       i n   L i n i e   empfangen, ihre Musketen bis zum letzten Augen-
       blick geladen  halten und  erst einen  Kugelregen abfeuern,  wenn
       sich der  Feind auf 30 Yards genähert hat, und fast immer mit dem
       größten Erfolg. Die britische Infanterie feuert mit einer solchen
       Kaltblütigkeit selbst  im kritischsten  Augenblick  so,  daß  ihr
       Feuer in  seiner Wirkung  das aller andern Truppen übertrifft. So
       trieben die  Hochländer, in  Linie formiert, die russische Kaval-
       lerie bei  Balaklawa zurück.  Die unbezwingbare  Zähigkeit dieser
       Infanterie zeigte  sich niemals  in höherem Glänze als bei Inker-
       man, wo  die Franzosen  unter denselben Umständen sicher überwäl-
       tigt worden  wären; aber andrerseits würden die Franzosen nie zu-
       gelassen haben, daß man sie ohne Sicherung in einer solchen Posi-
       tion überrascht.  Diese Festigkeit  und Zähigkeit  in Angriff und
       Verteidigung  bilden  die  große  ausgleichende  Eigenschaft  der
       britischen Armee,  und sie allein rettete sie vor mancher Nieder-
       lage, die  wohlverdient und  beinahe absichtlich  provoziert  war
       durch die  Unfähigkeit ihrer Offiziere, die Absurdität ihrer Füh-
       rung und die Schwerfälligkeit ihrer Bewegungen.
       
       III. Die österreichische Armee
       
       Österreich nutzte  die erste Zeit der Ruhe nach den schweren Prü-
       fungen der  Jahre 1848  und 1849,  seine Armee auf einen modernen
       Stand zu bringen. Beinahe jedes Ressort ist vollständig umgeformt
       worden, und die Armee ist jetzt weit leistungsfähiger denn je.
       Zuerst wollen  wir uns mit der Infanterie beschäftigen. Die Linie
       besteht aus 62 Regimentern, daneben gibt es 1 Regiment und 25 Ba-
       taillone Schützen sowie 14 Regimenter und 1 Bataillon Grenzinfan-
       terie. Letztere  bilden zusammen mit den Schützen die leichte In-
       fanterie.
       Ein Infanterieregiment  der Linie  besteht aus  5 Feldbataillonen
       und 1 Depotbataillon - zusammen 32 Kompanien -, jede Feldkompanie
       220 Mann
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       1*) Stärke
       
       #433# Die Armeen Europas - Die österreichische Armee
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       stark und  die Depotkompanien  je 130 Mann. So umfaßt das Feldba-
       taillon ungefähr  1300 und  das ganze  Regiment nahezu  6000 Mann
       oder soviel  wie eine britische Division. Die ganze Linie hat da-
       her bei Kriegsstärke ungefähr 370 000 Mann.
       Die Grenzinfanterie  hat pro  Regiment  2  Feldbataillone  und  1
       Depotbataillon, zusammen  16 Kompanien;  insgesamt 3850 Mann; die
       gesamte Grenzinfanterie umfaßt 55 000 Mann.
       Die Jäger  oder Schützen  sind insgesamt  32 Bataillone stark von
       ungefähr je 1000 Mann; insgesamt 32 000 Mann.
       Die schwere  Kavallerie der  Armee besteht aus 8 Kürassier- und 8
       Dragonerregimentern, die leichte aus 12 Husaren- und 12 Ulanenre-
       gimentern (7  davon waren früher leichte Dragoner oder Chevauxlé-
       gers 1*),  wurden neuerdings  jedoch in Ulanenregimenter umgewan-
       delt).
       Die schweren  Regimenter bestehen aus 6 Eskadronen und 1 Depotes-
       kadron -  die leichten  aus 8 Eskadronen und 1 Depoteskadron. Die
       schweren Regimenter  haben 1200 Mann, die leichten 1600 Mann. Die
       gesamte Kavallerie beträgt bei Kriegsstärke ungefähr 67 000 Mann.
       Die Artillerie  hat 12 Regimenter Feldartillerie, von denen jedes
       aus 4  Fußbatterien Sechspfünder  und 3 Fußbatterien Zwölfpfünder
       sowie 6  Kavalleriebatterien  und  1  Haubitzenbatterie  besteht,
       insgesamt 1344 Geschütze bei Kriegsstärke; 1 Küstenregiment und 1
       Regiment von  20 Raketenbatterien  mit 160 Rohren. Insgesamt 1500
       Geschütze und Raketenrohre sowie 53 000 Mann
       Das ergibt  bei Kriegsstärke  einen Effektivbestand von insgesamt
       522 000 Soldaten.
       Diesen müssen  ungefähr 16 000  Sappeure, Mineure  und Pontoniere
       hinzugezählt werden,  20 000 Gendarmen,  der Personalbestand  des
       Transportdienstes und  dergleichen, was die Gesamtsumme auf unge-
       fähr 590 000 Mann erhöht.
       Durch die  Einberufung der  Reserve kann die Armee um 100 000 bis
       120 000 Mann erhöht, und durch die Inanspruchnahme der Hilfsquel-
       len der  Grenztruppen bis  zum äußersten  können weitere 100 000-
       120 000 Mann  zur Verfügung gestellt werden. Aber da diese Kräfte
       nicht zu einem gegebenen Zeitpunkt zusammengebracht werden können
       und nur  nach und  nach eintreffen, dienen sie deshalb hauptsäch-
       lich dazu,  die Reihen  der Mannschaften  aufzufüllen.  Mehr  als
       650 000 Mann auf einmal kann Österreich kaum aufbieten.
       Die Armee  ist in  zwei ganz  unterschiedliche Truppenkörper  ge-
       teilt, die reguläre Armee und die Grenztruppen. Bei der Armee be-
       trägt die  Dienstzeit 8 Jahre, danach bleiben die Leute 2 weitere
       Jahre in der Reserve. Jedoch
       -----
       1*) leichte Reiter
       
       #434# Friedrich Engels
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       werden die  Soldaten auf lange Zeit beurlaubt - wie in Frankreich
       -, und 5 Jahre dürften der Zeit eher entsprechen, in der die Män-
       ner wirklich unter Waffen stehen.
       Für die  Grenztruppen gilt ein ganz anderes Prinzip. Sie sind die
       Nachkommen südslawischer  (Kroaten oder Serben), walachischer und
       teilweise deutscher Siedler, die ihr Land als militärisches Lehen
       von der  Krone besitzen  und die früher zum Schutz der Grenze von
       Dalmatien bis Transsylvanien gegen die Einfälle der Türken einge-
       setzt waren.  Dieser Dienst  ist jetzt zu einer leeren Formalität
       herabgesunken, doch  dessenungeachtet ist die österreichische Re-
       gierung nicht  geneigt, diese  großartige Soldatenzuchtschule  zu
       opfern. Es  war die bestehende Organisation der Grenztruppen, die
       1848 Radetzkys  Armee in Italien rettete und 1849 die erste Inva-
       sion Ungarns  unter Windischgrätz  ermöglichte. Franz Joseph ver-
       dankt seinen  Thron nach  Rußland den südslawischen Grenzregimen-
       tern. In  dem langen  von ihnen  besetzten Landstreifen ist jeder
       Besitzer eines  Kronlehens (das  heißt fast  jeder Einwohner) von
       seinem 20.  bis zu seinem 50. Lebensjahr dienstpflichtig, wenn er
       einberufen  wird.   Natürlich  füllen  die  jüngeren  Männer  die
       Regimenter auf;  die älteren  Leute wechseln  sich im allgemeinen
       nur in den Grenzwachhäusern ab, bis sie zum Kriegsdienst aufgebo-
       ten werden.  Das  erklärt,  wie  eine  Bevölkerung  von  ungefähr
       1500000-2000000, wenn  nötig, ein  Kontingent  von  150000-170000
       Mann oder 10 bis 12 Prozent der Gesamtzahl stellen kann.
       Die österreichische Armee ähnelt in vielen Punkten der britischen
       Armee, In  beiden Armeen  sind viele Nationalitäten zusammen, ob-
       wohl sich im allgemeinen jedes Regiment aus Angehörigen nur einer
       Nation zusammensetzt.  Der schottische  Hochländer, der  Waliser,
       der Ire  und der  Engländer unterscheiden  sich voneinander  kaum
       mehr als  der Deutsche, der Italiener, der Kroate und der Magyar.
       In beiden  Armeen gibt es Offiziere verschiedener Völker, und so-
       gar sehr  viele Ausländer  sind dort  zu finden. In beiden Armeen
       ist die  theoretische Ausbildung  der Offiziere  höchst  unzurei-
       chend. In  beiden Armeen ist in der Taktik ein Großteil der alten
       Linearformation beibehalten  und nur in einem begrenzten Maße die
       Kolonnentaktik und  der Kampf in gelöster Ordnung übernommen wor-
       den. In  beiden Armeen  hat die Uniform eine ungewöhnliche Farbe:
       bei den  Engländern rot,  bei den  Österreichern weiß.  Doch hin-
       sichtlich der  Gesamtorganisation, der  praktischen Erfahrung und
       der Fähigkeiten  der Offiziere sowie der taktischen Beweglichkeit
       über treffen die Österreicher die Briten bei weitem.
       Die Uniform  der Soldaten,  wenn wir  von dem unsinnigen Weiß des
       Infanterierocks absehen, wurde im Schnitt dem modernen System an-
       gepaßt.
       
       #435# Die Armeen Europas - Die österreichische Armee
       -----
       Ein kurzer Waffenrock wie bei den Preußen, himmelblaue Hosen, ein
       grauer Mantel, ein leichtes Käppi, dem französischen ähnlich, er-
       geben eine  sehr gute  und zweckdienliche Kleidung, von den engen
       Hosen der ungarischen und kroatischen Regimenter stets abgesehen,
       die zwar  zur Nationaltracht gehören, doch bei alledem sehr unbe-
       quem sind. Die Ausrüstung ist nicht das, was sie sein sollte. Das
       System des  kreuzweise getragenen Bandeliers ist beibehalten wor-
       den. Die Grenztruppen und die Artillerie tragen braune Röcke, die
       Kavallerie entweder  weiße, braune  oder blaue. Die Musketen sind
       ziemlich plump,  und die  Büchsen, mit denen sowohl die Jäger als
       auch ein  bestimmter Teil  jeder Kompanie  bewaffnet  sind,  sind
       ziemlich veraltete  Modelle und weit schlechter als das Minié-Ge-
       wehr. Das übliche Gewehr ist die alte Flinte, die in unzureichen-
       der Weise in ein Perkussionsgewehr umgewandelt wurde und sehr oft
       versagt.
       Die Infanterie, und in dieser Hinsicht ähnelt sie der englischen,
       zeichnet sich mehr durch ihren Kampf in geschlossener Ordnung als
       durch die  Beweglichkeit der  leichten Infanterie aus. Wir müssen
       jedoch die  Grenztruppen und die Jäger ausnehmen. Die ersten sind
       zum größten  Teil sehr  tüchtig beim  Scharmützeln, besonders die
       Serben, die es bevorzugen, aus dem Hinterhalt heraus anzugreifen.
       Die Jäger  sind hauptsächlich  Tiroler und  erstklassige  Scharf-
       schützen. Die deutsche und die ungarische Infanterie jedoch impo-
       nieren gewöhnlich  durch ihre  Standhaftigkeit, und  während  der
       napoleonischen Kriege  bewiesen sie  oft, daß  sie in dieser Hin-
       sicht in  eine Reihe  mit den Briten gestellt werden müssen. Auch
       sie haben  mehr als  einmal Kavallerie  in Linie  empfangen, ohne
       erst noch  Karrees zu  bilden, und wo sie Karrees gebildet haben,
       konnte die  feindliche Kavallerie diese selten durchbrechen - der
       Beweis dafür ist Aspern [103].
       Die Kavallerie ist ausgezeichnet. Die schwere oder "deutsche" Ka-
       vallerie, die aus Deutschen und Böhmen besteht, ist gut beritten,
       gut bewaffnet  und immer  kampffähig. Die  leichte Kavallerie hat
       vielleicht dadurch  verloren, daß die deutschen Chevauxlégers mit
       den polnischen  Ulanen vereinigt  wurden,  doch  die  ungarischen
       Husaren werden  immer das Vorbild jeder leichten Kavallerie blei-
       ben.
       Die Artillerie,  die größtenteils aus den deutschen Provinzen re-
       krutiert wurde,  hatte immer einen guten Ruf, nicht so sehr, weil
       sie früh  und einsichtig Neuerungen übernahm, als durch die prak-
       tische Leistungsfähigkeit der Leute. Besonders die Unteroffiziere
       werden mit großer Sorgfalt ausgebildet und sind denen jeder ande-
       ren Armee überlegen. Was die Offiziere anbetrifft, so ist die An-
       eignung theoretischer  Kenntnisse viel zu sehr ihnen selbst über-
       lassen geblieben,  jedoch hat  Österreich einige der besten Mili-
       tärschriftsteller
       
       #436# Friedrich Engels
       -----
       hervorgebracht. In  Österreich ist  das Studium zumindest bei den
       Subalternen die  Regel, während  in England ein Offizier der sein
       Fach studiert,  als eine  Schande für  sein  Regiment  betrachtet
       wird. Die  Spezialkorps, der  Stab und das Geniekorps sind ausge-
       zeichnet, wie  die guten Karten beweisen, die sie durch ihre Auf-
       nahmen, besonders  der Lombardei,  gemacht haben.  Die britischen
       Generalstabskarten sind, obwohl gut, nicht damit zu vergleichen.
       Das große  Durcheinander der  Nationalitäten ist  ein ernsthaftes
       Übel. In  der britischen Armee kann jeder Mann zumindest englisch
       sprechen, aber bei den Österreichern können selbst die Unteroffi-
       ziere der  nichtdeutschen Regimenter  kaum deutsch  sprechen. Das
       bringt natürlich  sehr viel  Verwechslungen,  Schwierigkeiten  im
       Verstehen selbst  zwischen Offizier und Soldat mit sich. Das wird
       teilweise dadurch  überwunden, daß die Offiziere durch den häufi-
       gen Quartierwechsel  wenigstens etwas  von jeder  Sprache  lernen
       müssen, die  in Österreich gesprochen wird. Aber trotzdem ist der
       Schwierigkeit damit nicht abgeholfen.
       Die strenge  Disziplin, die  den Männern durch ständige Anwendung
       eines Haselstockes  auf ihrem  Hintern eingebleut  wird, und  die
       lange Dienstzeit  verhindert den  Ausbruch  ernsthaften  Streites
       zwischen den  verschiedenen Nationalitäten  innerhalb der  Armee,
       wenigstens in  Friedenszeiten. Doch das Jahr 1848 zeigte, wie we-
       nig innere Festigkeit dieser Truppenkörper besitzt. Bei Wien wei-
       gerten sich  die deutschen Truppen, gegen die Revolution zu kämp-
       fen. In  Italien und  Ungarn gingen  die Nationaltruppen kampflos
       auf die  Seite der  Aufständischen über.  Hier liegt der schwache
       Punkt dieser  Armee. Niemand  kann sagen,  wie weit und wie lange
       sie zusammenhalten  wird oder wie viele Regimenter sie in irgend-
       einem besonderen  Falle verlassen  werden, um gegen ihre früheren
       Kameraden zu  kämpfen. Sechs  verschiedene Nationen und zwei oder
       drei verschiedene Glaubensbekenntnisse sind in dieser einen Armee
       vertreten, und  in einer  Zeit  wie  der  heutigen,  in  der  die
       Nationen selbst  über ihre  Kräfte verfügen wollen, müssen die in
       der Armee  vorhandenen unter schiedlichen Sympathien notwendiger-
       weise aufeinanderstoßen.  Würde in  einem Krieg  mit Rußland  der
       griechisch-katholische  Serbe,  durch  panslawistische  Agitation
       beeinflußt, gegen  die Russen,  seine Bluts-  und  Glaubensbrüder
       kämpfen? Würden  die Italiener  und Ungarn  in einem Revolutions-
       krieg ihr  Vaterland verlassen,  um für  einen Kaiser zu kämpfen,
       der ihnen  in Sprache  und Nationalität fremd ist ? Das ist nicht
       zu erwarten,  und deshalb,  wie stark  die österreichische  Armee
       auch sein  mag, sind  ganz besondere  Umstände notwendig, um ihre
       ganze Kraft aufzubieten.
       
       #437#
       -----
       Zweiter Artikel
       
       ["Putnam's Monthly" Nr. XXXIII, September 1855]
       
       I. Die preußische Armee
       
       Die preußische  Armee verdient wegen der ihr eigenen Organisation
       besondere Beachtung. Während in jeder anderen Armee der Friedens-
       bestand für  die Gesamtstärke des Heeres die Grundlage bildet und
       keine Kader  für die  neuen Formationen  vorgesehen sind, die bei
       einem großen  Krieg sofort notwendig sind, heißt es, daß in Preu-
       ßen alles  bis in  die kleinsten  Einzelheiten auf  den Kriegsfuß
       ausgerichtet ist.  So stellt  das Friedensheer  bloß eine  Schule
       dar, in der die Bevölkerung an den Waffen und für taktische Bewe-
       gungen ausgebildet  wird. Dieses System, das, wie behauptet wird,
       im Falle  eines Krieges  sämtliche kriegstauglichen Männer in die
       Reihen der  Armee einbezieht,  würde das  Land, das dieses System
       anwendet, scheinbar  vor jedem Angriff sichern; aber das ist kei-
       neswegs der  Fall. Man hat nur erreicht, daß das Land militärisch
       um ungefähr  50 Prozent  stärker ist  als durch  das französische
       oder österreichische  Rekrutierungssystem. Dadurch ist es für ein
       Agrarland mit  etwa 17 Millionen Einwohnern, einem kleinen Terri-
       torium, ohne eine Flotte oder unmittelbaren Überseehandel und mit
       verhältnismäßig wenig  Industrie in  gewissem Maße  möglich,  die
       Stellung einer europäischen Großmacht zu behaupten.
       Die preußische Armee besteht aus zwei großen Teilen: den Soldaten
       im stehenden Heer, der Linie, und den ausgebildeten Soldaten, die
       sozusagen für  unbestimmte Zeit auf Urlaub geschickt worden sind,
       der Landwehr 1*).
       Die Dienstzeit in der Linie beträgt 5 Jahre, und zwar vom 20. bis
       zum
       -----
       1*) Landwehr: in "Putnam's Monthly" deutsch
       
       #438# Friedrich Engels
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       25. Lebensjahr.  Man hält  allerdings 3  Jahre aktiven Dienst für
       ausreichend; danach  wird der Soldat nach Hause entlassen und für
       die restlichen  2 Jahre  in die  sogenannte Kriegsreserve  einge-
       stuft. Während  dieser Zeit bleibt er in den Reservelisten seines
       Bataillons oder  seiner Eskadron  und kann  jederzeit  einberufen
       werden.
       Nach 2  Jahren in  der Reserve kommt er in das erste Aufgebot der
       Landwehr 1*),  wo er bis zu seinem 32. Lebensjahr verbleibt. Wäh-
       rend dieser  Zeit kann er jedes zweite Jahr zu den Truppenübungen
       seines Korps einberufen werden, die gewöhnlich in ziemlich großem
       Umfang und  zusammen mit den Linientruppen stattfinden. Die Manö-
       ver dauern  meistens einen  Monat, und  sehr oft werden zu diesem
       Zweck 50 000-60 000  Mann zusammengezogen.  Die  Landwehr  ersten
       Aufgebots ist dazu bestimmt, im Feld zusammen mit den Linientrup-
       pen zu kämpfen. Sie bildet eigene, mit der Linie übereinstimmende
       Regimenter, Bataillone  und Eskadronen, welche die gleichen Regi-
       mentsnummern  tragen.   Die  Artillerie  jedoch  bleibt  bei  den
       entsprechenden Regimentern der Linie.
       Vom 32.  bis einschließlich  39. Lebensjahr gehört der Soldat zum
       zweiten Aufgebot  der Landwehr  2*); während  dieser Zeit wird er
       nicht mehr  zum aktiven Dienst einberufen, ausgenommen im Kriegs-
       fall; dann  hat das zweite Aufgebot Garnisondienst in den Festun-
       gen zu  leisten; dadurch  werden alle Linientruppen und das erste
       Aufgebot für Feldoperationen frei.
       Nach dem 40. Lebensjahr wird er nicht mehr einberufen, wenn nicht
       jene mysteriöse  Einrichtung, genannt Landsturm 3*) oder Aufgebot
       en masse,  zu den Waffen gerufen wird. Zum Landsturm gehören alle
       Männer vom  16. bis  zum 60.  Lebensjahr, die nicht unter die ge-
       nannten Kategorien  fallen,  einschließlich  derjenigen,  die  zu
       klein oder zu schwach oder aus anderen Gründen vom Dienst befreit
       sind. Aber man kann nicht einmal davon sprechen, daß dieser Land-
       sturm auf dem Papier besteht, denn für ihn sind nicht die gering-
       sten organisatorischen Maßnahmen getroffen, weder Waffen noch an-
       dere Ausrüstungsgegenstände  sind vorhanden,  und wenn  er jemals
       zusammentreten sollte,  würde er  sich für nichts anderes als für
       den Polizeidienst  im Innern  und für  reichlichsten Alkoholgenuß
       tauglich erweisen.
       Da in  Preußen nach  dem Gesetz  jeder Bürger vom 20. bis zum 40.
       Lebensjahr Soldat  ist, so  kann man von einer Bevölkerung von 17
       Millionen erwarten,  daß sie ein Truppenkontingent von mindestens
       eineinhalb Millionen  Mann liefert.  In Wirklichkeit  wird  nicht
       einmal die Hälfte davon auf-
       -----
       1*) erste Aufgebot  der Landwehr: in "Putnam's Monthly" deutsch -
       2*) ebenso: zweiten  Aufgebot [...]  Landwehr - 3*) ebenso: Land-
       sturm
       
       #439# Die Armeen Europas - Die preußische Armee
       -----
       gebracht. Tatsache ist, daß die Ausbildung einer solche Masse bei
       dreijähriger Dienstzeit in den Regimentern ein stehendes Heer von
       wenigstens 300 000 Mann voraussetzt, während Preußen nur ungefähr
       130 000 unterhält.  So wird  auf verschiedene  Art und Weise eine
       Anzahl von  Leuten freigestellt, die sonst dienstpflichtig wären:
       Männer, die  durchaus für den Militärdienst geeignet sind, werden
       für zu  schwach erklärt; die untersuchenden Ärzte wählen entweder
       nur die  besten aus oder lassen sich durch Bestechung in der Aus-
       wahl der Diensttauglichen beeinflussen usw. Früher war die Herab-
       setzung der aktiven Dienstzeit auf nur 2 Jahre bei der Infanterie
       das Mittel,  um die  Friedensstärke auf etwa 100 000 oder 110 000
       Mann zu  verringern. Aber seit der Revolution, nachdem die Regie-
       rung dahintergekommen ist, was ein zusätzliches Dienstjahr bedeu-
       tet, damit die Soldaten ihren Offizieren gefügig und für den Fall
       eines Aufstandes  zuverlässig werden, ist die dreijährige Dienst-
       zeit wieder allgemein eingeführt worden.
       Das stehende  Heer, das  heißt die Linie, setzt sich aus 9 Armee-
       korps zusammen  - 1  Gardekorps und 8 Linienkorps. Ihr besonderer
       Aufbau soll kurz erklärt werden. Sie umfassen im ganzen 36 Infan-
       terieregimenter (Garde  und Linie) von je 3 Bataillonen; 8 Reser-
       veregimenter von  je 2  Bataillonen; 8 kombinierte Reservebatail-
       lone und  10 Bataillone  Chasseurs (Jäger 1*)); insgesamt 142 In-
       fanteriebataillone, das sind 150 000 Mann.
       Die Kavallerie setzt sich aus 10 Kürassier-, 5 Dragoner-, 10 Ula-
       nen- und  13 Husarenregimentern  zusammen zu je 4 Eskadronen oder
       800 Mann; insgesamt 30 000 Mann.
       Die Artillerie  besteht aus  9 Regimentern,  von denen sich jedes
       bei Kriegsstärke  zusammensetzt aus  4 Batterien  Sechspfünder, 3
       Batterien Zwölfpfünder und 1 Batterie Haubitzen, alle zu Fuß, und
       3 reitenden  Batterien  sowie  1  Reservekompanie,  die  in  eine
       zwölfte Batterie  umgewandelt werden  kann; außerdem  gehören zum
       Regiment 4 Garnisonkompanien und 1 Handwerkskompanie. Aber da die
       ganze  Kriegsreserve   und  das   erste  Aufgebot   der  Landwehr
       (Artillerie) erforderlich  sind, um  diese Geschütze  zu bemannen
       und die  Kompanien zu  vervollständigen, kann  man sagen, daß die
       Linienartillerie aus  9 Regimentern  besteht, jedes  aus ungefähr
       2500 Mann mit etwa 30 Geschützen, voll bespannt und ausgerüstet.
       So würde  sich die  Gesamtzahl der  preußischen Linientruppen auf
       rund 200 000  Mann belaufen; aber 60 000 bis 70 000 Mann kann man
       ohne weiteres  für die Kriegsreserven abziehen, die nach dreijäh-
       riger Dienstzeit nach Hause entlassen werden.
       -----
       1*) Jäger: in "Putnam's Monthly" deutsch
       
       #440# Friedrich Engels
       -----
       Beim ersten  Aufgebot der  Landwehr kommt  auf jedes  Garde-  und
       Linienregiment, abgesehen von den 8 Reserveregimentern, ein Regi-
       ment der  Landwehr; außerdem  hat es 8 Reservebataillone; das er-
       gibt eine  Gesamtzahl von 116 Bataillonen oder rund 100 000 Mann.
       Die Kavallerie besteht aus 2 Garde-und 32 Linienregimentern mit 8
       Reserveeskadronen; insgesamt  136  Eskadronen  oder  rund  20 000
       Mann. Die  Artillerie gehört, wie bereits erwähnt, zu den Linien-
       regimentern.
       Das zweite  Aufgebot zählt ebenfalls 116 Bataillone, 167 Eskadro-
       nen (die  unter anderem  mehrere Reserve- und Depoteskadronen um-
       fassen, deren  Aufgaben denen des zweiten Aufgebots entsprechen),
       hinzu kommt die Garnisonartillerie; insgesamt rund 150 000 Mann.
       Zusammen mit  den 9 Sappeurbataillonen in verschiedenen kleineren
       Abteilungen, etwa  30 000 Pensionären  und einem  Armeetrain, der
       sich bei  Kriegsstärke auf nicht weniger als 45 000 Mann beläuft,
       wird die Gesamtzahl der preußischen Streitkräfte auf 580 000 Mann
       geschätzt. Davon  sind 300 000  Mann für den Felddienst bestimmt,
       54 000 für  die Depots,  170 000 für  die Garnisonen  und als Re-
       serve, dazu  ungefähr 60 000 Nichtkombattanten. Die Zahl der die-
       ser Armee  zugeteilten Feldgeschütze  soll zwischen  800 und  850
       liegen, aufgeteilt  in Batterien  mit je  8 Geschützen (6 Kanonen
       und 2 Haubitzen).
       Für alle diese Truppen sind nicht nur die Kader vollständig, son-
       dern auch die Waffen und sonstigen Ausrüstungen gesichert worden,
       so daß  im Falle  einer   M o b i l m a c h u n g   der Armee nur
       noch die  Pferde herbeigeschafft  werden müssen. Da Preußen reich
       an Pferden ist und sowohl die Tiere als auch die Männer jederzeit
       zum Kriegsdienst  herangezogen werden  können,  entstehen  daraus
       keine besonderen  Schwierigkeiten. So steht es in der Verordnung.
       Aber wie die Dinge wirklich liegen, zeigte sich 1850, als die Ar-
       mee mobilgemacht  wurde. Das  erste Aufgebot  der Landwehr  wurde
       ausgerüstet, wenn auch nicht ohne große Schwierigkeiten; aber für
       das zweite Aufgebot waren weder Kleidungsstücke noch Schuhe, noch
       Waffen vorhanden,  und deshalb  bot es  das denkbar lächerlichste
       Schauspiel. Schon  lange vorher hatten gute Kenner, die selbst in
       der preußischen  Armee gedient hatten, dies vorausgesagt, und daß
       Preußen im  Notfall tatsächlich nur mit den Linientruppen und ei-
       nem Teil  des ersten  Aufgebots rechnen könne. Ihre Meinung wurde
       von den  Ereignissen vollauf bestätigt. Zweifellos ist die Ausrü-
       stung für  das zweite  Aufgebot inzwischen  beschafft worden, und
       sollte es  jetzt einberufen  werden, dann würde sich dieser Trup-
       penkörper in 4 bis 6 Wochen zu einer recht brauchbaren Truppe für
       den Garnisondienst  und sogar für den Felddienst entwickeln . Da-
       gegen hält man während des Krieges eine vierteljährige Ausbildung
       
       #441# Die Armeen Europas - Die preußische Armee
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       für ausreichend,  um einen Rekruten für das Feld auszubilden; und
       deshalb sichert  diese umständliche  in Preußen übliche Organisa-
       tion keineswegs  so große Vorteile, wie man meist annimmt. Außer-
       dem wird  in einigen  Jahren die  für das  zweite Aufgebot reser-
       vierte Ausrüstung  wieder auf  die gleiche  Art verschwunden sein
       wie die  bestimmt einmal  vorhanden gewesene, die aber nicht mehr
       aufzufinden war, als man sie 1850 brauchte.
       Als Preußen zu dem Prinzip überging, daß jeder Bürger Soldat wer-
       den müßte, blieb es auf halbem Wege stehen und verfälschte dieses
       Prinzip, wodurch  es seine gesamte militärische Organisation ent-
       stellte. Nachdem das System der Konskription zugunsten der allge-
       meinen Dienstpflicht einmal aufgegeben worden war, hätte das ste-
       hende Heer  als solches  abgeschafft werden müssen. Man hätte nur
       die Offiziers- und Unteroffizierskader beibehalten sollen, in de-
       ren Händen  die Ausbildung  der jungen  Leute liegt;  die Ausbil-
       dungszeit sollte  nicht länger  dauern als  notwendig. In  diesem
       Falle hätte  die Dienstzeit  im Frieden auf ein Jahr herabgesetzt
       werden müssen,  zumindest für  die gesamte  Infanterie. Aber  das
       hätte weder  der Regierung  noch den  militärischen Martinets der
       alten Schule gepaßt. Die Regierung wollte eine einsatzbereite und
       verläßliche Armee  haben, die  notfalls gegen  Unruhen im  Innern
       eingesetzt werden  konnte; die  Martinets wollten eine Armee, die
       sich aus  altgedienten Soldaten  zusammensetzte und  die es  hin-
       sichtlich der Pedanterie des Drills, des allgemeinen äußeren Bil-
       des und der Gediegenheit mit den anderen europäischen Armeen auf-
       nehmen konnte.  Junge Truppen, die nicht länger als ein Jahr die-
       nen, wären  weder für  das eine  noch für  das andere  brauchbar.
       Folglich  wurde  der  Mittelweg  eingeschlagen,  die  dreijährige
       Dienstzeit, und  hieraus erklären  sich alle Fehler und Schwächen
       der preußischen Armee.
       Wie wir  gesehen haben, steht mindestens die Hälfte der verfügba-
       ren Männer  außerhalb der  Armee. Sie werden sofort in die Listen
       des zweiten  Aufgebots eingetragen; dieser Truppenkörper, der da-
       durch nominell  enorm anschwillt,  wird - welche Potenzen er auch
       haben mag  - von einer Masse von Männern überlaufen, die noch nie
       eine Muskete  in der  Hand gehabt haben und nicht besser sind als
       unausgebildete Rekruten. Diese Reduzierung der wirklichen militä-
       rischen Stärke des Landes auf wenigstens die Hälfte ist die erste
       negative Auswirkung, die sich aus der verlängerten Dienstzeit er-
       gibt.
       Aber selbst die Linientruppen und das erste Aufgebot der Landwehr
       leiden unter  diesem System.  Von jedem  Regiment hat ein Drittel
       weniger als  3, ein  weiteres Drittel weniger als 2 Jahre und das
       letzte Drittel  weniger als 1 Jahr gedient. Nun kann nicht erwar-
       tet werden, daß eine derartig zusammengesetzte
       
       #442# Friedrich Engels
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       Armee jene  militärischen Eigenschaften,  jene strikte  Unterord-
       nung, jene  Standhaftigkeit in  den Reihen, jenen Esprit du corps
       1*) besitzen  kann, die die altgedienten Soldaten der englischen,
       österreichischen, russischen  und sogar  der französischen  Armee
       auszeichnen. Die  Engländer können auf Grund der langen Zeit, die
       ihre Soldaten dienen müssen, in diesen Dingen sachkundig urteilen
       und sind  der Meinung,  daß es  3 Jahre dauert, um einen Rekruten
       voll und ganz abzurichten. *) Da also in Friedenszeiten die preu-
       ßische Armee aus Leuten zusammengesetzt ist, von denen keiner je-
       mals 3  Jahre gedient hat, ist es unumgänglich, daß diese militä-
       rischen Eigenschaften  des altgedienten  Soldaten oder wenigstens
       etwas, das dem ähnlich ist, dem jungen preußischen Rekruten durch
       einen unerträglichen  Kasernenhofdrill eingebleut  werden. Da  es
       dem preußischen  Subalternoffizier und  dem Sergeanten  unmöglich
       ist, die  ihnen übertragene  Aufgabe zu lösen, behandeln sie ihre
       Untergebenen mit einer Roheit und Brutalität, die wegen des damit
       verbundenen pedantischen  Geistes doppelt abstoßend wirken. Diese
       Pedanterie ist um so unsinniger, weil sie in krassem Gegensatz zu
       dem klaren  und vernünftigen  System der vorgeschriebenen Ausbil-
       dung steht und weil sich die Pedanten ständig auf die Traditionen
       Friedrichs des  Großen berufen,  der eine  ganz andere  Sorte von
       Männern für  ein ganz anderes taktisches System zu drillen hatte.
       So wird  die wirkliche  Schlagkraft im  Felde der Genauigkeit auf
       dem Paradeplatz  geopfert; und  die preußische  Linie als  Ganzes
       kann gegenüber den alten Bataillonen und Eskadronen, die jede eu-
       ropäische Großmacht  ihnen beim  ersten  Ansturm  entgegenstellen
       kann, als nicht gleichwertig betrachtet werden.
       Trotz einiger  Vorzüge, die  keine andere Armee besitzt, ist dies
       der Fall. Die Preußen wie die Deutschen überhaupt geben gute Sol-
       daten ab. Ein Land, das aus ausgedehnten Ebenen, unterbrochen von
       langen Höhenzügen,  besteht, liefert  Material für jede beliebige
       Waffengattung in  Hülle und Fülle. Die allgemeine körperliche Be-
       fähigung sowohl  für den  Dienst in der leichten als auch für den
       in der  Linieninfanterie, die den meisten Deutschen gleichermaßen
       eigen ist,  wird von anderen Nationen kaum erreicht. Das an Pfer-
       den reiche  Land liefert viele Männer für die Kavallerie, die von
       Kindheit an  im Sattel  zu Hause sind. Überlegtes Handeln und Be-
       harrlichkeit befähigen  die Deutschen  besonders für den Artille-
       riedienst. Außerdem  gehören sie  zu den  kampflustigsten Völkern
       der Welt, sie lieben den Krieg um des Krieges willen
       ---
       *) Siehe Sir W[illiam] Napier, Krieg auf der Pyrenäenhalbinsel
       -----
       1*) Korpsgeist
       
       #443# Die Armeen Europas - Die preußische Armee
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       und suchen  ihn oft genug im Ausland, wenn sie ihn nicht im eige-
       nen Lande  haben können.  Von den Landsknechten 1*) des Mittelal-
       ters bis zu den heutigen Fremdenlegionen Frankreichs und Englands
       haben die Deutschen immer die große Masse jener Söldner gestellt,
       die nur  um des  Kampfes willen  kämpfen. Wenn  die Franzosen die
       Deutschen an  Behendigkeit und Lebhaftigkeit im Angriff übertref-
       fen, die  Engländer ihnen  an Zähigkeit beim Widerstand überlegen
       sind, so  übertreffen die Deutschen doch alle anderen Nationen in
       jener allgemeinen Tauglichkeit für den Militärdienst, die sie auf
       jeden Fall zu guten Soldaten macht.
       Die preußischen  Offiziere geben  bei weitem das am besten ausge-
       bildete Offizierkorps der Welt ab. Die Prüfungen hinsichtlich des
       Allgemeinwissens, denen  sie sich  unterziehen müssen, haben eine
       weit höheres  Niveau als  die einer jeden anderen Armee. Brigade-
       und Divisionsschulen  werden unterhalten,  um  ihre  theoretische
       Ausbildung zu  vervollkommnen; für gründliche und speziellere mi-
       litärische Kenntnisse  wird in zahlreichen Einrichtungen gesorgt.
       Die preußische  Militärliteratur hat ein sehr hohes Niveau. Werke
       dieser Art  aus den  letzten 25  Jahren beweisen  zur Genüge, daß
       ihre Verfasser  nicht nur  ihr eigenes  Fach völlig  beherrschen,
       sondern daß  sie auf  dem Gebiet  allgemeiner  wissenschaftlicher
       Kenntnisse die  Offiziere jeder  Armee herausfordern könnten. Ei-
       gentlich haben  einige von ihnen fast zuviel oberflächliches Wis-
       sen in  der Metaphysik;  das erklärt sich daraus, daß man in Ber-
       lin, Breslau oder Königsberg an den Universitäten bei Vorlesungen
       Offiziere unter  den Studenten findet. Clausewitz gehört auf sei-
       nem Gebiet  ebenso zu den Klassikern der Welt wie Jomini, und die
       Werke des Ingenieurs Aster bedeuten eine neue Epoche in der Befe-
       stigungskunst. Doch  der Ausdruck  "preußischer Leutnant"  ist in
       ganz Deutschland  sprichwörtlich, und  der lächerliche  Esprit du
       corps, die  Pedanterie und  die impertinenten Manieren, die durch
       den üblichen  Umgangston in der Armee geprägt wurden, rechtferti-
       gen das  vollauf; denn  nirgends gibt es so viele alte, halsstar-
       rige, schikanierende Martinets unter den Offizieren und Generalen
       wie in Preußen - im übrigen sind die meisten von ihnen Überbleib-
       sel von  1813 und  1815. Nach alldem muß man feststellen, daß der
       absurde Versuch,  das preußische  Heer zu  dem zu  machen, was es
       niemals sein  kann - eine Armee altgedienter Soldaten -, die Qua-
       lität des  Offiziers ebenso verdirbt wie die des Soldaten und so-
       gar noch mehr.
       Die Exerzierreglements  der preußischen Armee sind zweifellos die
       weitaus besten  in der Welt. Einfach, folgerichtig, basierend auf
       einigen Grundsätzen
       -----
       1*) Landsknechten: in "Putnam's Monthly" deutsch
       
       #444# Friedrich Engels
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       des gesunden  Menschenverstands,lassen sie  wenig zu wünschen üb-
       rig. Sie  sind von  Scharnhorstschem Geiste;  Scharnhorst war der
       vielleicht größte  Militärorganisator seit Moritz von Nassau. Die
       Grundsätze für  die Führung  großer Truppenkörper  sind ebenfalls
       gut. Die  wissenschaftlichen Handbücher  für den Artilleriedienst
       jedoch, die  den Offizieren offiziell empfohlen werden, sind ver-
       altet und  entsprechen keineswegs  den Erfordernissen  der Gegen-
       wart. Aber  dieser Mangel  ist auf  mehr oder  weniger offizielle
       Werke beschränkt  und bezieht sich durchaus nicht auf die preußi-
       sche Artillerieliteratur im allgemeinen.
       Das Ingenieurkorps erfreut sich mit Recht eines sehr guten Rufes.
       Aus seinen  Reihen ging Aster hervor, der bedeutendste Militärin-
       genieur seit  Montalembert. Die  Preußen haben von Königsberg und
       Posen bis  Köln und Koblenz eine Reihe von Festungen erbaut, wel-
       che die Bewunderung Europas hervorgerufen haben.
       Seit den  1843 und  1844 durchgeführten  Veränderungen sieht  die
       Ausrüstung der  preußischen Truppen nicht gerade sehr ansprechend
       aus, aber  sie ist  für die Soldaten sehr bequem. Der Helm bietet
       einen recht  wirksamen Schutz  gegen Sonne und Regen, die Uniform
       sitzt locker  und bequem;  die Ausrüstung  ist besser aufeinander
       abgestimmt als bei den Franzosen. Die Gardetruppen und die leich-
       ten Bataillone (eins in jedem Regiment) sind mit dem Zündnadelge-
       wehr bewaffnet; für den übrigen Teil der Linientruppen wurden die
       Musketen durch ein sehr einfaches Verfahren in gute Minié-Gewehre
       umgeändert. Auch  die Landwehr  wird in 2 bis 3 Jahren das Minié-
       Gewehr erhalten,  aber vorläufig  trägt sie  noch  Perkussionsge-
       wehre. Der  Säbel der  Kavallerie ist zu breit und gekrümmt - die
       meisten Hiebe  fallen flach.  Das Material  der Artillerie sowohl
       hinsichtlich der  Geschütze als  auch der  Lafetten und Pferdege-
       schirre läßt viel zu wünschen übrig.
       Im ganzen  stellt die preußische Armee, das heißt die Linientrup-
       pen und das erste Aufgebot, eine ansehnliche Truppe dar, die aber
       keineswegs den Ruhm verdient, mit dem preußische patriotische Au-
       toren prahlen. Wenn die Linie erst auf dem Schlachtfeld ist, wird
       sie sehr  bald die  Fesseln des Paradeplatzes abstreifen und nach
       einigen Treffen  ihren Gegnern gewachsen sein. Das erste Aufgebot
       der Landwehr  wird, sobald der alte soldatische Kampfgeist wieder
       wach geworden  und wenn der Krieg populär ist, den besten langge-
       dienten Truppen  in Europa ebenbürtig sein. Was Preußen zu fürch-
       ten hat,  ist ein  in der  ersten Periode  eines Krieges offensiv
       vorgehender Feind, der ihm besser organisierte Truppen mit länge-
       rer Erfahrung  entgegenwerfen wird;  aber bei einem länger andau-
       ernden Kampf  wird Preußen  mehr erfahrene Soldaten in seinen Ar-
       meen haben als irgendein anderer europäischer
       
       #445# Die Armeen Europas - Die russische Armee
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       Staat. Zu  Beginn eines Feldzuges wird die Linie den Kern der Ar-
       mee bilden,  aber das erste Aufgebot wird sie bald durch die grö-
       ßere physische Kraft und die höheren militärischen Qualitäten der
       Leute in  den Schatten  stellen. Sie sind die wirklich erfahrenen
       Soldaten Preußens,  nicht die  bartlosen Jünglinge der Linie. Vom
       zweiten Aufgebot  sprechen wir  nicht; es muß erst zeigen, was es
       kann.
       
       II. Die russische Armee
       
       Auch in  Rußland ist  in gewisser  Hinsicht dafür gesorgt worden,
       Kader für  den Fall  des Kriegszustandes  aufzustellen, und  zwar
       durch ein  dem preußischen Landwehrsystem in einigen Punkten ähn-
       liches Reservesystem.  Aber im  allgemeinen umfaßt  die russische
       Reserve eine  so begrenzte Zahl von Mannschaften, und die Schwie-
       rigkeit, sie aus allen Teilen des unendlichen Reiches zusammenzu-
       bringen, ist  so groß,  daß es  schon 6 Monate nach der englisch-
       französischen Kriegserklärung  und noch ehe ein einziger Schuß in
       der Krim  abgefeuert worden  war, notwendig  wurde, dieses System
       aufzugeben und neue Truppen zu formieren, denen dann weitere For-
       mierungen folgten.  Deshalb müssen  wir in Rußland die Armee, wie
       sie bei  Ausbruch des  Krieges war,  von der Armee, wie sie heute
       ist, unterscheiden.
       Die russische Armee ist in Friedenszeiten wie folgt gegliedert:
       1. die aktive Armee - 6 Linienkorps, Nr. 1 bis 6;
       2. die Reservearmee  - 1 Gardekorps, 1 Korps Grenadiere, 2 Reser-
       vekorps der Kavallerie;
       3. die Sonderkorps  - das  Kaukasische,  das  Finnländische,  das
       Orenburger, das Sibirische;
       4. die Truppen  für den  Dienst im Innern - Veteranen, innere Wa-
       che, Invaliden und so weiter;
       5. die irregulären Truppen.
       Hinzu kommt  die Reserve,  Soldaten, die  als beurlaubt entlassen
       wurden.
       Jedes der  6 Linienkorps  setzt sich  folgendermaßen zusammen:  3
       Infanteriedivisionen, von  denen jede  aus 1  Linienbrigade und 1
       Brigade leichte  Infanterie besteht,  jede Brigade wiederum hat 2
       Regimenter und  jedes Regiment  4 Linienbataillone;  insgesamt  6
       Brigaden oder  12 Regimenter,  die 48 Bataillone umfassen, dazu 1
       Schützenbataillon und  1 Bataillon Sappeure; insgesamt 50 Batail-
       lone. Außerdem  gehört dazu  1 Division  leichte Kavallerie mit I
       Brigade Ulanen und 1 Brigade Husaren, von denen jede 2 Regimenter
       bzw. 16  Eskadronen umfaßt; insgesamt 32 Eskadronen. Die Artille-
       rie besteht
       
       #446# Friedrich Engels
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       aus 1  Division mit  3 Brigaden  zu Fuß  und 1 reitenden Brigade;
       insgesamt 14 Batterien oder 112 Geschütze; pro Korps insgesamt 50
       Bataillone, 32  Eskadronen, 112  Geschütze; Gesamtsumme:  300 Ba-
       taillone, 192 Eskadronen, 672 Geschütze.
       Die Garden  umfassen 3  Divisionen bzw.  6 Brigaden,  das sind 12
       Regimenter (9  Grenadier- und  3 Karabinierregimenter,  das heißt
       leichte Infanterie);  insgesamt 36  Bataillone, da die Garde- und
       Grenadierregimenter nur  3 Linienbataillone  haben. Außerdem gibt
       es 1  Bataillon Schützen und 1 Bataillon Sappeure und Mineure ne-
       ben 3 Kavalleriedivisionen (1 Kürassier-, 1 Ulanen-, 1 Husarendi-
       vision), die 6 Brigaden bzw. 12 Regimenter umfassen und insgesamt
       72 Kavallerieeskadronen  ausmachen.  Hinzu  kommt  1  Artillerie-
       division mit  5 Brigaden bzw. 15 Batterien (9 Batterien Fußartil-
       lerie, 5  reitende und  1  Raketenbatterie);  insgesamt  135  Ge-
       schütze. Das  Grenadierkorps besteht aus 3 Divisionen bzw. 6 Bri-
       gaden, die 12 Regimenter bzw. 36 Bataillone Infanterie, 1 Batail-
       lon Schützen  sowie 1 Bataillon Sappeure und Mineure umfassen. Zu
       diesem Korps  gehört auch  1 Division  Kavallerie mit  2 Brigaden
       (Ulanen und  Husaren), die  aus 4  Regimentern bzw. 32 Eskadronen
       zusammengesetzt sind.  Die Artillerie  besteht aus  3 Brigaden zu
       Fuß und  1 reitenden  Brigade mit 14 Batterien; insgesamt 112 Ge-
       schütze.
       Die Reservekavallerie  ist wie folgt organisiert: erstes Korps: 3
       Divisionen (2  Kürassierdivisionen, 1 Ulanendivision), die 6 Bri-
       gaden bzw.  12 Regimenter  umfassen; insgesamt  80 Eskadronen (48
       Kürassier-, 32  Ulaneneskadronen). Dazu kommt 1 Division reitende
       Artillerie, bestehend  aus 3  Brigaden mit 6 Batterien; insgesamt
       48 Geschütze.  Zweites Korps:  3 Divisionen  (1 Ulanendivision, 2
       Dragonerdivisionen) bzw.  6 Brigaden; das sind 12 Regimenter bzw.
       112 Eskadronen (32 Ulanen-, 80 Dragonereskadronen). Außerdem gibt
       es 2  Eskadronen reitende  Sappeure und Pontoniere sowie 6 Batte-
       rien reitende Artillerie mit 48 Geschützen.
       Das Kaukasische  Korps setzt  sich zusammen  aus 1  Reservegrena-
       dierbrigade mit  2 Regimentern bzw. 6 Bataillonen; aus 3 Divisio-
       nen Infanterie,  die 12  Regimenter bzw.  48 Bataillone umfassen;
       dazu 1 Bataillon Schützen,
       1  Bataillon  Sappeure  sowie  47  Bataillone  Kaukasische  Linie
       (Landwehr); insgesamt  103 Bataillone. Die Kavallerie besteht aus
       1 Regiment Dragoner mit 10 Eskadronen. Die Artillerie ist 1 Divi-
       sion stark,  10 gewöhnliche und 6 Gebirgsbatterien, insgesamt 180
       Geschütze.
       Das Finnländische  Korps besteht  aus 1  Division, die 2 Brigaden
       bzw. 12  Bataillone Infanterie umfaßt; das Orenburger aus 1 Divi-
       sion mit ebenfalls 2 Brigaden, aber nur 10 Bataillonen; das Sibi-
       rische aus 1 Division mit 3 Brigaden bzw. 15 Bataillonen.
       
       #447# Die Armeen Europas - Die russische Armee
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       Somit kann  die Endsumme  der regulären Truppen, die in Friedens-
       zeiten tatsächlich  unter Waffen stehen, wie folgt angegeben wer-
       den:
       
                              Bataillone    Eskadronen    Geschütze
       
       6 Linienkorps             300           192           672
       Garden                     38            72           135
       Grenadiere                 38            32           112
       Reservekavallerie           -           194            96
       Kaukasisches Korps        103            10           180
       Finnländisches Korps       12             -             -
       Orenburger Korps           10             -             -
       Sibirisches Korps          15             -             -
                                 -------------------------------
                                 516           500          1195
       
       Die Truppen  für den Dienst im Innern bestehen aus 52 Bataillonen
       der inneren  Wache, 800 Kompanien Veteranen und Invaliden, 11 1/2
       Eskadronen Gendarmen  und 98  Kompanien Artillerie. Diese Truppen
       können bei einer Schätzung der verfügbaren Kräfte des Landes kaum
       mitgerechnet werden.
       Die irregulären  Truppen, meist  Kavallerie, bilden die folgenden
       Divisionen:
       1. Donkosaken: 56  Regimenter, jedes 6 Sotnien 1*); insgesamt 336
       Sotnien, 13 Batterien;
       2. Schwarzmeerkosaken: 72 Sotnien, 9 Bataillone, 3 Batterien;
       3. Kaukasische Linienkosaken  (am Kuban  und Terek):  120 Sotnien
       und 3 Batterien;
       4. Astrachaner Kosaken: 18 Sotnien und 1 Batterie;
       5. Orenburger Kosaken: 60 Sotnien, 3 Batterien;
       6. Uralkosaken: 60 Sotnien;
       7. Baschkirisches Aufgebot:  85 Sotnien,  fast nur Baschkiren und
       Kalmücken;
       8. Sibirische Kosaken:  24 Bataillone,  84 Sotnien,  3 Batterien,
       diese Truppen  setzen sich  teilweise aus Tungusen, Burjaten usw.
       zusammen;
       9. Asowkosaken, die im Marinedienst stehen;
       10. Donaukosaken in Bessarabien: 12 Sotnien;
       11. Baikalsee-Kosaken, erst  kürzlich  gebildet,  Gliederung  und
       Stärke unbekannt.
       Die Gesamtsumme  würde 847  Sotnien (Eskadronen  von je 100 Mann,
       von sto,  einhundert), 33  Bataillone und  26 Batterien betragen.
       Das wären
       -----
       1*) Hundertschaften
       
       #448# Friedrich Engels
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       etwa 90 000  Mann Kavallerie und 30 000 Mann Infanterie. Aber für
       wirkliche Kriegszwecke  sind an  der Westgrenze vielleicht 40 000
       bis 50 000 Mann Kavallerie und einige wenige Batterien verfügbar,
       aber keine Infanterie.
       So dürfte  die russische  Armee (mit Ausnahme der Truppen für den
       Dienst im  Innern) in Friedenszeiten aus 360 000 Mann Infanterie,
       70 000 Mann  Kavallerie  und  90 000  Mann  Artillerie  bestehen;
       insgesamt rund 500 000 Mann; außerdem Kosaken, deren Zahl je nach
       den Umständen  verschieden groß ist. Doch von diesen 500 000 Mann
       können die im Kaukasus, in Orenburg und in Sibirien stationierten
       Korps für  einen Krieg  an der  Westgrenze des Reiches nicht frei
       gemacht werden,  so daß  gegen Westeuropa  nicht mehr als 260 000
       Mann Infanterie,  70 000 Mann Kavallerie und 50 000 Mann Artille-
       rie mit etwa 1000 Geschützen eingesetzt werden können, außer etwa
       30 000 Kosaken.
       Soviel über  den Friedensbestand. Für den Fall eines Krieges sind
       folgende Vorkehrungen  getroffen worden: Die volle Dienstzeit be-
       trug je nach den Umständen 20, 22 oder 25 Jahre. Aber nach entwe-
       der 10  oder 15 Jahren, je nachdem, werden die Soldaten als beur-
       laubt entlassen  und gehören  dann zur  Reserve. Die Organisation
       dieser Reserve  war sehr  unterschiedlich, aber es scheint jetzt,
       daß die  beurlaubten Soldaten  entsprechend ihrer jeweiligen Waf-
       fengattung während  der ersten 5 Jahre einer Reserveeskadron, ei-
       ner Reservebatterie  oder einem  Reservebataillon angehörten (dem
       4. eines jeden Regiments in der Garde und bei den Grenadieren und
       dem 5.  in der Linie). Nach Ablauf von 5 Jahren kamen sie zum De-
       potbataillon ihres  Regiments (dem 5. bzw. 6.), zur Depoteskadron
       oder Depotbatterie.  So würde die Einberufung der Reserve die Ef-
       fektivstärke der Infanterie und Artillerie um ungefähr 50 Prozent
       steigern, die der Kavallerie um ungefähr 20 Prozent. Diese Reser-
       ven sollten  von verabschiedeten Offizieren befehligt werden, und
       die Kader der Reserve waren, wenn auch nicht bis ins einzelne or-
       ganisiert, dennoch bis zu einem gewissen Grade vorbereitet.
       Doch als der Krieg ausbrach, wurde das alles geändert. Obwohl die
       aktive Armee  für den  Kampf an  der Westgrenze  vorgesehen  war,
       mußte sie  2 Divisionen  in den Kaukasus schicken. Bevor sich die
       englisch-französischen  Truppen   nach  dem  Osten  einschifften,
       kämpften 3 Korps der aktiven Armee (das 3., 4. und 5.) im Feldzug
       gegen die  Türken. In dieser Zeit wurden die Reserven zwar zusam-
       mengezogen, aber es nahm ungeheuer viel Zeit in Anspruch, bis die
       Mannschaften aus allen Teilen des Reiches zu ihren entsprechenden
       Sammelpunkten gebracht werden konnten. Die Armeen und Flotten der
       Alliierten in  der Ostsee und im Schwarzen Meer sowie die schwan-
       kende Politik Österreichs erforderten energischere Maßnahmen. Die
       Aushebungen wurden verdoppelt und verdreifacht, und die so zusam-
       mengeholte,
       
       #449# Die Armeen Europas - Die russische Armee
       -----
       buntscheckige Masse  der Rekruten wurde gemeinsam mit der Reserve
       zum 4.,  5., 6., 7. und 8. Bataillon bei allen Infanterieregimen-
       tern formiert; gleichzeitig wurde in der Kavallerie eine ähnliche
       Verstärkung vorgenommen.  So hatten  die 8  Korps der  Garde, der
       Grenadiere und  der Linie  statt 376  jetzt etwa  800 Bataillone,
       während für  je 2 Eskadronen oder Batterien des Friedensbestandes
       mindestens 1 der Reserve hinzugefügt wurde. Alle diese Zahlen se-
       hen jedoch  auf dem  Papier furchterregender aus als in Wirklich-
       keit, weil  durch die Korruption der russischen Beamten, die Miß-
       wirtschaft in  der Armee  und durch  die enorm langen Märsche von
       den Wohnorten  der Mannschaften  zu den Depots, von diesen zu den
       Konzentrationspunkten der Korps und von dort aus zum Kriegsgebiet
       ein großer  Teil der  Mannschaften  ausfällt  oder  dienstunfähig
       wird, bevor  sie auf den Feind stoßen. Außerdem waren während der
       beiden letzten  Feldzüge die verheerenden Auswirkungen der Krank-
       heiten und  die Verluste in den Schlachten sehr ernst. All dieser
       Tatsachen wegen  glauben wir  nicht, daß die 1000 Bataillone, 800
       Eskadronen und  200 Batterien  der russischen Armee zur Zeit eine
       Stärke von 600 000 Mann weit übersteigen können.
       Doch die  Regierung gab  sich damit  nicht zufrieden.  Mit  einer
       Schnelligkeit, die zeigt, wie sehr sie sich der Schwierigkeit be-
       wußt ist, Mannschaften in beträchtlicher Stärke aus den verschie-
       denen Teilen dieses gewaltigen Reiches zusammenzubringen, ordnete
       sie die  Aushebung der  Landwehr an. sobald die 7. und 8. Batail-
       lone aufgestellt  waren. Die Landwehr oder Opoltschenie sollte in
       Drushinas (Bataillonen)  zu je  1000 Mann organisiert werden, und
       zwar im  Verhältnis zur  Bevölkerungszahl jeder  Provinz; 23 Mann
       auf je  1000 männliche Personen, das heißt nahezu 1/4 Prozent der
       Bevölkerung, mußten  dienen. Vorläufig wurde die Opoltschenie nur
       in den  Westprovinzen aufgeboten. Dieses Aufgebot müßte bei einer
       Bevölkerung von 18 000 000, davon ungefähr 9 000 000 Männer, etwa
       120000 Mann  ergeben haben,  und das stimmt mit den Berichten aus
       Rußland überein.  Ohne Zweifel  wird sich  die Landwehr  in jeder
       Hinsicht selbst  der neugebildeten  Reserve gegenüber als minder-
       wertig erweisen,  doch sie  ist auf jeden Fall ein wertvoller Zu-
       wachs der Kräfte Rußlands, und wenn sie für den Garnisondienst in
       Polen eingesetzt  wird, können dadurch eine ganze Reihe Linienre-
       gimenter frei werden.
       Andrerseits sind nicht nur viele Kosaken, sondern selbst eine be-
       trächtliche Zahl  Baschkiren, Kalmücken,  Kirgisen, Tungusen  und
       andere mongolische  Aufgebote an der Westgrenze eingetroffen. Das
       zeigt, wie  frühzeitig sie westwärts dirigiert wurden, denn viele
       von ihnen  mußten einen  Marsch von  über 12 Monaten zurücklegen,
       bevor sie in St. Petersburg oder an der Weichsel eintreffen konn-
       ten.
       
       #450# Friedrich Engels
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       So hat  Rußland seine  militärischen Hilfsquellen beinahe bis zum
       äußersten beansprucht,  und nach  zweijährigem Kampf,  in dem  es
       keine entscheidende Schlacht verloren hat, kann es mit nicht mehr
       als 600 000 bis 650 000 Mann regulärer Truppen sowie 100 000 Mann
       Landwehr und  vielleicht 50000  Mann irregulärer Kavallerie rech-
       nen. Wir  wollen damit nicht sagen, daß Rußland seine Kräfte aus-
       geschöpft habe,  aber es  besteht kein  Zweifel darüber,  daß ihm
       jetzt, nach 2 Jahren Krieg, nicht das möglich ist, was Frankreich
       nach 20  Jahren Krieg und nach dem völligen Verlust seiner besten
       Armee im  Jahre 1812  möglich war:  einen neuen Truppenkörper von
       300 000 Mann  Stärke hervorzubringen  und wenigstens für eine ge-
       wisse Zeit  den Ansturm  des Feindes  aufzuhalten. Das zeigt, wie
       gewaltig der  Unterschied zwischen der militärischen Stärke eines
       dichtbevölkerten  und  eines  dünnbevölkerten  Landes  ist.  Wenn
       Frankreich an  Rußland grenzte, so wären die 66 Millionen Einwoh-
       ner Rußlands schwächer als die 38 Millionen Franzosen. Daß die 44
       Millionen Deutschen  den 66 Millionen Untertanen des rechtgläubi-
       gen Zaren  mehr als  ebenbürtig sind, daran besteht nicht der ge-
       ringste Zweifel.
       Die russische  Armee wird  auf verschiedene Weise rekrutiert. Der
       größte Teil  der Mannschaften  wird durch  die reguläre Aushebung
       gestellt, die in dem einen Jahr in den westlichen und das nächste
       in den östlichen Provinzen des europäischen Rußlands stattfindet.
       Der allgemeine  Prozentsatz beträgt  4 oder  5 Mann  auf je  1000
       (männliche) "Seelen",  denn in  der russischen  Volkszählung gilt
       nur die  männliche Bevölkerung,  da die  Frauen, entsprechend dem
       orthodoxen Glauben  des Ostens, keine "Seelen" sind. Die Soldaten
       aus der westlichen Hälfte des Reiches dienen 20, die aus der öst-
       lichen Hälfte  des Reiches  25 Jahre.  Die Garde  dient 22 Jahre,
       junge Leute  aus den  militärischen Ansiedlungen  20 Jahre. Neben
       diesen Aushebungen  sind die  Söhne von  Soldaten eine  ergiebige
       Quelle für  Rekruten. Jeder Sohn, der einem Soldaten während sei-
       ner Dienstzeit  geboren wird, ist zum Militärdienst verpflichtet.
       Dieser Grundsatz  geht so  weit, daß  der Staat  die neugeborenen
       Kinder von der Frau eines Soldaten auch dann fordert, wenn dieser
       schon 5  oder 10  Jahre am anderen Ende des Reiches sein mag. Man
       nennt diese Soldatenkinder Kantonisten, und die meisten von ihnen
       werden auf Kosten des Staates erzogen; aus ihren Reihen gehen die
       meisten Unteroffiziere hervor. Schließlich werden Verbrecher, Va-
       gabunden und  andere Taugenichtse  von den  Gerichten dazu verur-
       teilt, in  der Armee  zu dienen. Ein Adliger hat das Recht, einen
       Leibeigenen, wenn  er nur  diensttauglich ist,  in die  Armee  zu
       schicken; und  auch jeder  Vater, der mit seinem Sohn unzufrieden
       ist, kann  das tun.  "S'bogom idi  pod krasnuju  schapku!" - Pack
       dich mit Gott und setz die rote Mütze
       
       #451# Die Armeen Europas - Die russische Armee
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       auf! -  das heißt,  geh in die Armee - ist eine gebräuchliche Re-
       densart des russischen Bauern gegenüber einem ungehorsamen Sohn.
       Die Unteroffiziere werden, wie wir schon sagten, meistens aus den
       Soldatensöhnen rekrutiert,  die in  staatlichen Anstalten erzogen
       werden. Diese Jungen, die von frühester Kindheit an der militäri-
       schen Disziplin  unterworfen sind, haben überhaupt nichts mit den
       Männern gemein,  die sie  später ausbilden und leiten sollen. Sie
       bilden eine  vom Volk  gesonderte Klasse.  Sie gehören dem Staat,
       sie können  ohne ihn nicht existieren; einmal auf sich selbst an-
       gewiesen, taugen  sie zu  nichts. Unter der Regierung vorwärtszu-
       kommen ist  also ihr  einziges Ziel. Was in der russischen Zivil-
       verwaltung die unterste Klasse der Beamten ist, die sich aus Söh-
       nen der  Beamten zusammensetzt,  das sind diese Männer in der Ar-
       mee: eine  Bande  hinterlistiger,  niedriggesinnter,  engstirnig-
       egoistischer Untergebener mit einer oberflächlichen Schulbildung,
       die sie  beinahe noch verabscheuungswürdiger macht; ehrgeizig aus
       Eitelkeit  und   Gewinnsucht,  mit  Leib  und  Seele  dem  Staate
       verkauft, versuchen  sie dennoch täglich und stündlich, den Staat
       stückweise zu verkaufen, wann immer sie daraus Profit ziehen kön-
       nen. Ein  schönes Exemplar  dieser Klasse  ist der  Feldjäger 1*)
       oder Kurier,  der Herrn  de Custine während seiner Reisen in Ruß-
       land begleitete  und der  in dem  Rußlandbericht dieses  Herrn so
       treffend geschildert wird. [234] Diese Kategorie von Menschen ist
       es, die  auf zivilem wie auf militärischem Gebiet in erster Linie
       die gewaltige  Korruption schürt, die in diesem Lande alle Zweige
       des öffentlichen Dienstes durchdringt. Doch wie die Dinge liegen,
       besteht kein  Zweifel, daß  Rußland -  würde es auf dieses System
       der völligen  Besitznahme der Kinder durch den Staat verzichten -
       nicht die  genügende Anzahl ziviler Subalternbeamter und Unterof-
       fiziere für die Armee finden könnte.
       Mit der  Offiziersklasse steht  es vielleicht noch schlimmer. Die
       Ausbildung für einen zukünftigen Korporal oder Feldwebel ist eine
       verhältnismäßig billige  Sache; aber Offiziere für eine Armee von
       einer Million  Mann auszubilden  (das ist  die Zahl, für die nach
       offiziellen Angaben  die russischen  Kader vorbereitet sein soll-
       ten), ist  eine kostspielige Angelegenheit. Nichtöffentliche Ein-
       richtungen unternehmen  dafür nichts  oder nur  wenig. Wieder muß
       der Staat allein für alles aufkommen. Aber er kann offensichtlich
       nicht eine  solche Menge junger Leute ausbilden, wie sie für die-
       sen Zweck  gebraucht wird. Infolgedessen sind die Söhne des Adels
       durch direkten  moralischen Zwang verpflichtet, mindestens 5 oder
       10 Jahre  in der  Armee oder in der Zivilverwaltung zu dienen, da
       jede Familie, in der drei aufeinanderfolgende
       -----
       1*) Feldjäger: in "Putnam's Monthly" deutsch
       
       #452# Friedrich Engels
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       Generationen nicht  "gedient" haben,  ihr Adelsprivileg  verliert
       und besonders  das Recht,  Leibeigene zu halten - ein Recht, ohne
       das ausgedehnter  Landbesitz in Rußland mehr als wertlos ist. Da-
       durch wird  eine Unmenge  junger Männer  mit dem Rang eines Fähn-
       richs oder Leutnants in die Armee aufgenommen, deren gesamte Bil-
       dung bestenfalls  in einer  gewissen Fertigkeit  in französischer
       Konversation über  die gewöhnlichsten  Gemeinplätze  und  einigen
       oberflächlichen Allgemeinkenntnissen  in der elementaren Mathema-
       tik, Geographie  und Geschichte  besteht -  wobei ihnen das Ganze
       lediglich eingebleut  wurde, um  zu renommieren.  Ihnen  ist  der
       Dienst eine  widerwärtige Notwendigkeit,  der man  sich wie einer
       langwierigen ärztlichen Behandlung mit ungeheucheltem Abscheu un-
       terziehen muß,  und sobald  die vorgeschriebene Dienstzeit vorbei
       oder der  Rang eines  Majors erreicht ist, ziehen sie sich zurück
       und werden  in die  Stammrollen der  Depotbataillone eingetragen.
       Was die Zöglinge der Militärschulen anbelangt, so werden sie auch
       nur soweit vollgepfropft, daß sie gerade das Examen bestehen kön-
       nen, und  selbst im reinen Fachwissen bleiben sie weit hinter den
       jungen Leuten  der österreichischen,  preußischen oder  französi-
       schen Militärschulen  zurück. Andrerseits  sind junge  Männer mit
       Talent, Hingabe  und Liebe  zu ihrer  Fachrichtung in  Rußland so
       selten, daß  man sich  auf sie  stürzt, wo immer sie sich zeigen,
       ganz gleich,  ob sie  Ausländer oder  Einheimische sind.  Mit der
       größten Freizügigkeit  versorgt sie  der Staat mit allen Mitteln,
       damit  sie   ihr  Studium   abschließen,  und  läßt  sie  schnell
       aufrücken. Man  braucht solche  Männer, um  Europa die  russische
       Zivilisation vorzuführen.  Wenn sie literarischen Neigungen nach-
       gehen, so  erhalten sie  jegliche Ermunterung,  solange sie nicht
       die Grenzen  der russischen  Staatsinteressen überschreiten,  und
       sie sind  es, die  das Wenige  hervorgebracht haben,  das  es  an
       Wertvollem in  der russischen Militärliteratur gibt. Aber bis zur
       heutigen Zeit  sind die  Russen aller Klassen viel zu barbarisch,
       um an  wissenschaftlicher oder  geistiger Tätigkeit irgendwelcher
       Art (außer  Intrigen) Gefallen  zu finden. Deshalb sind fast alle
       ihre hervorragenden  Leute im  Militärdienst  entweder  Ausländer
       oder,  was   beinahe  auf  dasselbe  herauskommt,  "Ostseiskije",
       Deutsche aus  den baltischen  Provinzen. Der letzte hervorragende
       Vertreter dieser Klasse war General Todtleben, der Hauptingenieur
       von Sewastopol,  der im Juli an den Folgen einer Verwundung starb
       [235]. Er  war gewiß während der ganzen Belagerung der tüchtigste
       Mann seines  Faches, sowohl  im russischen als auch im alliierten
       Lager, doch er war ein Baltendeutscher von preußischer Herkunft.
       Unter diesen  Umständen besitzt  die russische  Armee unter ihren
       Offizieren die  allerbesten und die allerschlechtesten Leute, nur
       daß erstere  in einem  unendlich kleineren  Verhältnis  vorhanden
       sind. Was die russische Regierung
       
       #453# Die Armeen Europas - Die russische Armee
       -----
       von ihren  Offizieren hält, hat sie klar und unmißverständlich in
       ihren eigenen  taktischen Vorschriften  gezeigt. Diese  schreiben
       nicht nur  vor, wie  eine Brigade,  eine Division oder ein Armee-
       korps generell  für den  Kampf aufgestellt  wird, eine sogenannte
       "Normaldisposition", die der Befehlshaber dem Gelände und anderen
       Verhältnissen entsprechend  abändern muß,  sondern sie  schreiben
       verschiedene Normaldispositionen  für die  verschiedensten  Fälle
       vor, die  auftreten könnten,  dem General  dadurch keinerlei Wahl
       lassend und ihn in einer Weise bindend, die ihn von einer Verant-
       wortung fast  völlig entbindet.  Zum Beispiel kann ein Armeekorps
       den Vorschriften  entsprechend in der Schlacht auf 5 verschiedene
       Arten aufgestellt  werden; an  der Alma  [46]  waren  die  Russen
       tatsächlich nach  einer von  diesen -  der dritten  Disposition -
       aufgestellt und  wurden  verständlicherweise  geschlagen.  Dieser
       Wahnsinn, abstrakte  Regeln für alle möglichen Fälle vorzuschrei-
       ben, läßt dem Kommandierenden so wenig Handlungsfreiheit und ver-
       bietet ihm in einem solchen Maße selbst die Ausnutzung der Gelän-
       devorteile, daß ein preußischer General kritisierend sagte:
       
       "Ein solches  System von Vorschriften kann nur in einer Armee ge-
       duldet werden, in der die meisten Generale so blöde sind, daß die
       Regierung ihnen  weder ohne  weiteres ein  uneingeschränktes Kom-
       mando übertragen  noch sie ihrem eigenen Urteilsvermögen überlas-
       sen kann."
       
       Der russische  Soldat gehört  zu den  tapfersten Männern Europas.
       Seine Zähigkeit  kommt fast der der Engländer und gewisser öster-
       reichischer Bataillone  gleich. Auch  er kann  sich wie John Bull
       rühmen, nicht zu merken, wenn er geschlagen ist. Russische Infan-
       teriekarrees haben,  nachdem die  Kavallerie sie gesprengt hatte,
       noch eine  ganze Zeitlang im Kampf von Mann gegen Mann Widerstand
       geleistet, und  es hat sich immer als leichter erwiesen, die rus-
       sischen Soldaten  niederzuschießen, als  sie zurückzutreiben. Sir
       George Cathcart,  der sie  1813 und  1814 [236] als Alliierte und
       1854 in der Krim als Feinde kennenlernte, stellt ihnen das ehren-
       volle Zeugnis aus, daß sie "zur Panik unfähig" sind. Außerdem ist
       der russische  Soldat kräftig  gebaut, gesund  und ein guter Mar-
       schierer, ein  genügsamer Mensch,  der beinahe  alles  essen  und
       trinken kann  und seinen  Offizieren gehorsamer ist als irgendein
       anderer Soldat  auf der  Welt. Dennoch  ist die  russische  Armee
       nicht sehr  rühmenswert. Niemals,  seitdem von  einem Rußland ge-
       sprochen werden  kann, haben die Russen eine einzige Schlacht ge-
       gen die Deutschen, Franzosen, Polen oder Engländer gewonnen, ohne
       ihnen zahlenmäßig  gewaltig überlegen  gewesen zu sein. Bei glei-
       cher Stärke  wurden sie  stets von  jeder Armee geschlagen, außer
       von der türkischen oder der preußischen. Bei Cetate und
       
       #454# Friedrich Engels
       -----
       Silistria [237]  wurden sie  sogar von den Türken geschlagen, ob-
       wohl diese ihnen zahlenmäßig unterlegen waren.
       Die Russen sind vor allem die schwerfälligsten Soldaten der Welt.
       Sie sind weder für den Dienst in der leichten Infanterie noch für
       den der leichten Kavallerie geeignet. So hervorragend die Kosaken
       als leichte Kavallerie in mancher Beziehung sind, zeigen sie sich
       doch im allgemeinen als so unzuverlässig, daß vor dem Feind immer
       eine zweite  Vorpostenlinie hinter der Vorpostenlinie der Kosaken
       aufgestellt wird.  Außerdem sind  die Kosaken  zur Attacke völlig
       ungeeignet. Die regulären Truppen, sowohl die Infanterie als auch
       die Kavallerie, sind nicht fähig, in aufgelöster Ordnung zu kämp-
       fen. Der  Russe, der  in allem  nachahmt, wird immer das tun, was
       ihm befohlen wird oder wozu er gezwungen ist, aber er wird nichts
       tun, wenn  er auf  eigene Verantwortung  handeln soll. In der Tat
       kann man  das schwerlich von einem Menschen erwarten, der niemals
       wußte, was Verantwortung heißt, und der zu seiner Erschießung mit
       demselben passiven  Gehorsam gehen  würde, als  wenn ihm befohlen
       wäre, Wasser  zu pumpen  oder einen Kameraden auszupeitschen. Den
       schnellen Blick  des Franzosen  oder den  klaren Menschenverstand
       des Deutschen  von dem  russischen Soldaten  zu erwarten, wenn er
       auf Vorposten steht oder in aufgelöster Ordnung kämpft, hieße ihn
       verhöhnen. Er  braucht den Befehl - einen klaren, eindeutigen Be-
       fehl -,  und wenn  er ihn  nicht erhält, wird er vielleicht nicht
       zurückgehen, aber  gewiß wird er nicht vorgehen oder seinen eige-
       nen Verstand benutzen.
       Die Kavallerie war nie ausgezeichnet, obwohl beträchtliche Kosten
       und viel Sorgfalt für sie aufgewandt wurden. Weder in den Kriegen
       gegen die  Franzosen noch  in dem  Krieg gegen Polen hat sich die
       Kavallerie hervorgetan.  Der passive,  geduldige, ausdauernde Ge-
       horsam der  Russen ist nicht das, was von der Kavallerie verlangt
       wird.  Die   hervorstechendste  Eigenschaft  eines  Reiters,  der
       "Schneid", ist  gerade das, was den Russen meistenteils fehlt. So
       ritten die  600 englischen Dragoner mit all der Waghalsigkeit und
       all dem Mut wirklicher Reiter die russische Artillerie, die Kosa-
       ken, Husaren  und Ulanen  nieder, als  sie die  zahlenmäßig  weit
       überlegenen Russen  bei Balaklawa  attackierten, bis  sie auf die
       festen Kolonnen  der Infanterie stießen; dann mußten sie sich zu-
       rückziehen;  doch   es  ist   noch  zweifelhaft,  wer  in  dieser
       Kavallerieschlacht den Namen des Siegers verdient. Hätte man eine
       solch sinnlose Attacke gegen irgendeine andere Armee unternommen,
       nicht ein  Mann wäre zurückgekehrt; der Feind wäre den Angreifern
       in die  Flanke und  in den  Rücken gefallen und hätte sie einzeln
       niedergehauen. Doch  die russischen Reiter rührten sich in Erwar-
       tung der  Angreifer tatsächlich  nicht vom Fleck, sie wurden nie-
       dergeritten, bevor sie daran dachten, ihre Pferde in Bewegung
       
       #455# Die Armeen Europas - Die russische Armee
       -----
       zu setzen!  Wenn irgend etwas das Urteil über die reguläre russi-
       sche Kavallerie  sprechen könnte,  so ist  es gewiß eine Tatsache
       wie diese.
       Die Artillerie  ist mit einem Material unterschiedlicher Qualität
       ausgerüstet, aber  da, wo  sie gute  Geschütze hat, wird sie ihre
       Aufgabe gut  erfüllen. Sie  wird im Felde große Tapferkeit bewei-
       sen, aber es wird ihr immer an Intelligenz fehlen. Eine russische
       Batterie, die  ihre Offiziere  verloren hat, taugt zu nichts; so-
       lange die Offiziere leben, kann sie nur solche Stellungen einneh-
       men, die  durch das Reglement vorgeschrieben und damit oft unsin-
       nig sind.  In einer belagerten Festung, wo man geduldig ausharren
       und sich  ständig der  Gefahr aussetzen muß, wird sich die russi-
       sche Artillerie  hervortun, und  zwar nicht so sehr durch genaues
       Zielen wie durch Pflichteifer und durch Standhaftigkeit im Feuer.
       Die gesamte Belagerung Sewastopols beweist das.
       Bei der  Artillerie und im Geniewesen jedoch sind jene gut ausge-
       bildeten Offiziere zu finden, mit denen Rußland vor Europa prahlt
       und die wirklich ermutigt werden, ihre Talente frei zu entfalten.
       Während zum  Beispiel in  Preußen den  besten Leuten,  sobald sie
       Subalterne sind,  gewöhnlich von  ihren Vorgesetzten  derart viel
       Hindernisse in den Weg gelegt und während alle ihre vorgeschlage-
       nen Verbesserungen  als vermessene Versuche, Neuerungen einzufüh-
       ren, abgetan worden sind, so daß viele von ihnen gezwungen waren,
       in der  Türkei ihren Dienst zu suchen, wo sie die türkische regu-
       läre Artillerie  zu einer  der besten Europas gemacht haben -, so
       werden in  Rußland all  diese Leute ermutigt und machen, wenn sie
       sich hervortun,  eine schnelle  und glänzende Karriere. Diebitsch
       und Paskewitsch  waren im  Alter von  29 bzw. 30 Jahren Generale,
       und Todtleben  avancierte bei Sewastopol in weniger als 8 Monaten
       vom Hauptmann zum Generalmajor.
       Der große  Stolz der Russen ist ihre Infanterie. Sie ist außeror-
       dentlich zuverlässig, und es wird immer unangenehm sein, sich mit
       ihr zu schlagen, wenn sie in Linie, in Kolonne oder hinter Brust-
       wehren eingesetzt  ist. Aber  hier enden ihre gute Eigenschaften.
       Die Russen  sind für den Dienst der leichten Infanterie fast völ-
       lig ungeeignet  (die sogenannten  Jäger sind  nur dem  Namen nach
       leichte Infanterie  und die  dem leichten  Korps  beigegebenen  8
       Schützenbataillone die  einzige wirkliche  leichte Infanterie  im
       Heer), sie  sind gewöhnlich  schlechte Scharfschützen, gute, aber
       langsame Marschierer,  und ihre Kolonnen werden im allgemeinen so
       schlecht placiert, daß es immer möglich sein wird, sie mit schwe-
       rem Artilleriefeuer  wirkungsvoll zu  belegen, bevor  man sie an-
       greift. Die  "Normaldispositionen", von  denen die Generale nicht
       abzuweichen wagen,  tragen wesentlich  dazu bei.  An der Alma zum
       Beispiel richtete  die britische Artillerie fürchterliche Verhee-
       rungen unter den russischen
       
       #456# Friedrich Engels
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       Kolonnen an,  lange bevor sich die gleichfalls schwerfällige bri-
       tische Linie  entwickelt, den Fluß überschritten und sich für den
       Angriff erneut  formiert hatte.  Aber selbst der Ruhm einer nicht
       zu erschütternden Hartnäckigkeit muß mit beträchtlichem Vorbehalt
       aufgenommen werden,  seitdem bei  Inkerman [111] 8000 Mann briti-
       sche Infanterie  in einer  nicht fertig ausgebauten und nur nach-
       lässig besetzten Stellung überrascht, im Nahkampf den 15 000 Rus-
       sen länger  als 4 Stunden widerstanden und jeden erneuten Angriff
       zurückgewiesen hatten.  Diese Schlacht muß den Russen gezeigt ha-
       ben, daß  sie auf ihrem ureigensten Gebiet ihren Meister gefunden
       hatten. Es  waren die  Tapferkeit der britischen Soldaten und die
       Intelligenz und Geistesgegenwart der Unteroffiziere und Soldaten,
       die alle  Angriffe der Russen zurückschlugen, und dieser Schlacht
       wegen müssen  wir anerkennen,  daß die  Briten mit Recht die Ehre
       für sich  in Anspruch nehmen, die beste Linieninfanterie der Welt
       zu sein.
       Die Bekleidung  der russischen Armee lehnt sich ziemlich stark an
       die preußische  an. Ihre Ausrüstung ist sehr schlecht aufeinander
       abgestimmt; nicht  nur das Lederzeug für das Bajonett und für die
       Patronentaschen ist  über der  Brust gekreuzt,  sondern auch  die
       Tragriemen für  den Tornister.  Allerdings werden gegenwärtig ei-
       nige Änderungen  vorgenommen, aber ob sie diesen Punkt betreffen,
       wissen wir  nicht. Die  Handfeuerwaffen sind  sehr plump und sind
       lediglich vor  kurzem mit  Perkussionskappen versehen worden; das
       russische Gewehr  ist das schwerste und unhandlichste Ding seiner
       Art. Das  Modell des  Kavalleriesäbels ist  schlecht, und  er ist
       auch schlecht gehärtet. Die neuen Geschütze, die in der Krim ein-
       gesetzt worden  sind, sollen sehr gut und eine ausgezeichnete Ar-
       beit sein; aber ob das für alle zutrifft, ist sehr zweifelhaft.
       Im Grunde  trägt die russische Armee noch immer den Stempel einer
       Einrichtung, die  dem allgemeinen  Entwicklungsstand  des  Landes
       voraus ist,  und hat  alle Nachteile  und Schattenseiten  solcher
       Treibhausprodukte. Im  Kleinkrieg sind  die Kosaken  die einzigen
       Truppen, die wegen ihrer Aktivität und Unermüdlichkeit gefürchtet
       werden müssen,  aber wegen  ihrer Vorliebe fürs Trinken und Plün-
       dern sind  sie für  ihre  Befehlshaber  sehr  unzuverlässig.  Bei
       großen kriegerischen  Auseinandersetzungen sind  durch die  lang-
       samen Bewegungen  der Russen  deren strategische Manöver wenig zu
       fürchten, es  sei denn, daß sie es mit solch sorglosen Gegnern zu
       tun haben,  wie es  die Engländer  im vergangenen  Herbst gewesen
       sind. In  einer regulären Schlacht werden die Russen den Soldaten
       hartnäckige Gegner  sein, aber  den Generalen,  die einen Angriff
       gegen sie  führen, keine  großen Sorgen  bereiten. Die russischen
       Aufstellungen sind  im allgemeinen  sehr einfach; sie beruhen auf
       den
       
       #457# Die Armeen Europas - Die kleineren Armeen Deutschlands
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       vorgeschriebenen Normaldispositionen  und sind leicht zu erraten,
       während der  Mangel an  Intelligenz sowohl bei Generalen als auch
       bei Feldoffizieren  und die  Schwerfälligkeit der Truppen schwie-
       rige Manöver  auf dem Schlachtfeld zu einem großen Risiko für sie
       werden lassen.
       
       III. Die kleineren Armeen Deutschlands
       
       Bayern hat 2 Armeekorps mit je 2 Divisionen; jede Division umfaßt
       2 Infanteriebrigaden  (4 Infanterieregimenter  und 1  Schützenba-
       taillon),
       1 Kavalleriebrigade mit 2 Regimentern, dazu 3 Brigaden zu Fuß und
       1 reitende  Batterie. Jedes  Armeekorps hat  außerdem eine allge-
       meine Artilleriereserve,  bestehend aus  6 Fußbatterien,  sowie 1
       Abteilung Sappeure und Mineure. So besteht die ganze Armee aus 16
       Regimentern mit  je 3  Bataillonen, dazu  6 Bataillone  Schützen,
       also insgesamt  54 Bataillone;  2 Kürassierregimenter und 6 Regi-
       menter leichte Dragoner, insgesamt 48 Eskadronen;
       2 Regimenter  Fußartillerie (aus  je 6 Sechspfünder- und 6 Zwölf-
       pfünderbatterien) sowie  1 Regiment reitende Artillerie (4 Sechs-
       pfünderbatterien), insgesamt  28 Batterien  mit je  8 Geschützen,
       macht 224  Geschütze neben  6 Kompanien Garnisonartillerie und 12
       Trainkompanien; hinzu  kommen 1 Ingenieurregiment mit 8 Kompanien
       sowie  2  Sanitätskompanien.  Die  gesamte  Kriegsstärke  beträgt
       72 000 Mann  neben einer  Reserve und  Landwehr, die jedoch keine
       Kader besitzen.
       Für die  Armee des  Deutschen Bundes  [238] stellt Österreich das
       1., 2. und 3. Korps, Preußen das 4., 5. und 6., Bayern das 7. Das
       8. Korps  wird von  Württemberg, Baden  und Hessen-Darmstadt  ge-
       stellt.
       Württemberg hat  8 Regimenter Infanterie (16 Bataillone), 4 Regi-
       menter Kavallerie  (16 Eskadronen), 1 Regiment Artillerie (4 Fuß-
       und 3  reitende Batterien  mit  48  Geschützen);  insgesamt  etwa
       19 000 Mann bei Kriegsstärke.
       Baden unterhält  4 Regimenter  (8 Bataillone),  2 Füsilierbatail-
       lone, 1  Schützenbataillon, insgesamt  11 Infanteriebataillone, 3
       Regimenter oder  12 Eskadronen Kavallerie sowie 4 Fuß- und 5 rei-
       tende Batterien,  die  zusammen  40  Geschütze  haben;  insgesamt
       15 000 Mann bei Kriegsstärke.
       Hessen-Darmstadt hat 4 Regimenter oder 8 Bataillone Infanterie, 1
       Regiment oder  6 Eskadronen  leichte Reiterei und 3 Batterien Ar-
       tillerie (1 reitende) mit 18 Geschützen; insgesamt 10 000 Mann.
       Das einzig  Besondere beim  7. und 8. Armeekorps ist, daß sie für
       die Artillerie  die französischen Geschützlafetten übernommen ha-
       ben. Das
       
       #458# Friedrich Engels
       -----
       9. Armeekorps des  Bundes wird  vom Königreich  Sachsen, das eine
       Division stellt,  und von  Kurhessen und Nassau gebildet, die die
       zweite aufbringen.
       Das Kontingent  Sachsens beträgt  4 Brigaden  Infanterie mit je 4
       Bataillonen und  1 Brigade  Schützen zu  4 Bataillonen; daneben 4
       Linienbataillone und  1 Schützenbataillon  als Reserve,  die noch
       nicht aufgestellt  sind; 4  Regimenter leichte  Reiterei mit je 5
       Eskadronen; 1  Artillerieregiment gleich  6 Fuß-  und 2  reitende
       Batterien; insgesamt  20 Bataillone Infanterie, 20 Eskadronen und
       50 Geschütze,  also 24 500 Mann bei Kriegsstärke. Kurhessen hat 4
       Regimenter oder  8 Bataillone,  dazu je 1 Bataillon Füsiliere und
       Schützen; 2 Eskadronen Kürassiere, 7 Eskadronen Husaren; 3 Batte-
       rien, davon 1 reitende. Insgesamt sind das 10 Bataillone, 9 Eska-
       dronen, 19  Geschütze bzw.  12 000 Mann  bei Kriegsstärke. Nassau
       bringt bei  Kriegsstärke 7 Bataillone, 2 Batterien oder 7000 Mann
       und 12 Geschütze auf.
       Hannover und  Braunschweig stellen  für das 10. Armeekorps die 1.
       und Mecklenburg, Holstein, Oldenburg sowie die Hansestädte die 2.
       Division. Hannover stellt 8 Regimenter bzw. 16 Bataillone sowie 4
       Bataillone leichte Infanterie, 6 Regimenter mit 24 Eskadronen Ka-
       vallerie sowie  4 Fuß- und 2 reitende Batterien; insgesamt 22 000
       Mann und  36 Geschütze.  Seine Artillerie  entspricht der  engli-
       schen. Braunschweig  trägt 5  Bataillone bei, 4 Eskadronen und 12
       Geschütze; insgesamt  5300 Mann.  Die kleinen Staaten, die die 2.
       Division stellen, sind nicht erwähnenswert.
       Schließlich bilden die kleinsten der deutschen Duodezstaaten eine
       Reservedivision. Die  gesamte  Armee  des  Deutschen  Bundes  bei
       Kriegsstärke kann somit wie folgt in einer Tabelle zusammengefaßt
       werden:
       
       I. Kontingente
       
                         Infanterie   Kavallerie   Geschütze   insgesamt
       
       Österreich          73 501       13 546          192       94 822
       Preußen             61 629       11 355          160       79 484
       Bayern              27 566        5 086           72       35 600
        8. Korps           23 369        4 308           60       30 150
        9. Korps           19 294        2 887           50       24 254
       10. Korps           22 246        3 572           58       28 067
       Reservedivision     11 116            -            -       11 116
                          ----------------------------------------------
       insgesamt          238 721       40 754          592      303 493
       
       #459# Die Armeen Europas - Die kleineren Armeen Deutschlands
       -----
       II. Reservekontingente
       
                         Infanterie   Kavallerie   Geschütze   insgesamt
       
       Österreich          36 750        6 773           96       47 411
       Preußen             30 834        5 660           80       39 742
       Bayern              13 793        2 543           36       17 800
        8. Korps           11 685        2 154           32       15 075
        9. Korps            9 702        1 446           25       12 136
       10. Korps           11 107        1 788           29       14 019
       Reservedivision      5 584            -            -        5 584
                          ----------------------------------------------
       insgesamt          119 455       20 364          298      151 767
       
       Das sind natürlich nicht die tatsächlichen bewaffneten Kräfte des
       Bundes, da  Preußen, Österreich  und Bayern  im Notfall weit mehr
       als die  oben angegebenen  Kontingente bereitstellen  würden. Die
       Truppen des  10. Korps  und der  Reservedivision, vielleicht auch
       des 9.  Korps, würden  die Garnisonen bilden, um nicht durch ihre
       mannigfaltigen Organisationsformen und Eigenheiten die Schnellig-
       keit der  Feldoperationen zu  beeinträchtigen. Die  militärischen
       Eigenschaften dieser  Armeen sind  mehr oder weniger die gleichen
       wie die  der österreichischen  und preußischen Soldaten; aber na-
       türlich bieten diese kleinen Truppenkörper keine Gelegenheit, mi-
       litärische Talente zu entwickeln, und es gibt eine Menge veralte-
       ter Einrichtungen.
       In einem dritten und abschließenden Artikel werden wir die spani-
       schen, sardinischen, türkischen und anderen Armeen Europas behan-
       deln.
       
       #460#
       -----
       Dritter Artikel
       
       ["Putnam's Monthly" Nr. XXXVI, Dezember 1855]
       I. Die türkische Armee
       
       Die türkische  Armee war  zu Beginn  des gegenwärtigen Krieges in
       einem Zustand  der Kampffähigkeit,  den sie  nie vorher  erreicht
       hatte. Die verschiedenen Reorganisations- und Reformversuche seit
       dem Regierungsantritt  Machmuds, seit dem Massaker der Janitscha-
       ren [239]  und besonders seit dem Frieden von Adrianopel [19] wa-
       ren zusammengefaßt  und in  ein System gebracht worden. Das erste
       und größte Hindernis - die Unabhängigkeit der Paschas, die entle-
       gene Provinzen  beherrschten -  war weitgehend  beseitigt, und im
       großen und  ganzen waren  die Paschas  auf eine Stellung herabge-
       drückt worden, die etwa der eines militärischen Befehlshabers ei-
       nes Bezirks entspricht. Doch ihre Ignoranz, Anmaßung und Raubgier
       hatte sich in voller Lebenskraft erhalten wie in den besten Tagen
       der Herrschaft  der asiatischen  Satrapen. Wenn  wir auch  in den
       letzten 20 Jahren wenig von Revolten der Paschas gehört haben, so
       doch genug von solchen Provinzen, die gegen ihre habgierigen Gou-
       verneure  revoltierten,   die  aus  den  Reihen  der  niedrigsten
       Haussklaven und  der "Männer  für jede  Arbeit" stammten  und die
       ihre neue  Stellung dazu ausnutzten, sich durch Erpressungen, Be-
       stechungsgelder und  Riesenunterschlagungen  öffentlicher  Gelder
       Vermögen anzuhäufen. Es ist klar, daß bei einem solchen Stand der
       Dinge die Organisation der Armee zu einem großen Teil nur auf dem
       Papier stehen kann.
       Die türkische  Armee besteht  aus  der  regulären  aktiven  Armee
       (Nisam), der  Reserve (Redif),  den irregulären  Truppen und  den
       Hilfskorps der Vasallenstaaten.
       
       #461# Die Armeen Europas - Die türkische Armee
       -----
       Die Nisam besteht aus 6 Korps (Ordus), die in den Bezirken ausge-
       hoben werden,  in denen  die Korps  stationiert sind, ähnlich den
       Armeekorps in Preußen, die jeweils in der Provinz liegen, aus der
       sie rekrutiert werden. Insgesamt gesehen ist die Organisation der
       türkischen Nisam und Redif, wie wir sehen werden, dem preußischen
       Vorbild nachgeahmt. Die 6 Ordus haben ihre Hauptquartiere in Kon-
       stantinopel, Schumla,  Toli-Monastir, Erzerum, Bagdad und Aleppo.
       Jedes sollte von einem Muschir (Feldmarschall) kommandiert werden
       und aus  2 Divisionen  bzw. 6  Brigaden bestehen,  die von  6 In-
       fanterie-, 4  Kavallerieregimentern und  1 Artillerieregiment ge-
       bildet werden.
       Die Infanterie  und Kavallerie sind nach dem französischen System
       organisiert, die Artillerie nach dem preußischen.
       Ein Infanterieregiment  besteht aus 4 Bataillonen mit je 8 Kompa-
       nien und  sollte bei  voller Stärke, einschließlich der Offiziere
       und des  Stabes, 3250  Mann betragen oder 800 Mann pro Bataillon.
       Vor dem  Krieg jedoch  überstieg die allgemeine Stärke selten 700
       Mann, und in Asien war sie fast immer viel geringer.
       Ein Kavallerieregiment  besteht aus  4 Eskadronen  Ulanen  und  2
       Eskadronen Jäger,  wobei jede  Eskadron 151 Mann haben sollte. Im
       allgemeinen lag  die Effektivstärke  hier sogar noch weiter unter
       der Sollstärke als bei der Infanterie.
       Jedes Artillerieregiment  besteht aus 6 reitenden und 9 Fußbatte-
       rien zu je 4 Geschützen, so daß es insgesamt 60 Geschütze besaß.
       Jedes Korps  (Ordu) sollte also 19 500 Mann Infanterie, 3700 Mann
       Kavallerie und  60 Geschütze stark sein. In Wirklichkeit sind je-
       doch 20 000  bis 21 000  Mann insgesamt  das äußerste, was je er-
       reicht worden war.
       Neben den  6 Ordus  gibt es 4 Artillerieregimenter (1 der Reserve
       und 3  der Festungsartillerie), 2 Regimenter Sappeure und Mineure
       und 3  Sonderdetachements der  Infanterie, die nach Candia, Tunis
       und Tripolis  geschickt wurden, mit einer Gesamtstärke von 16 000
       Mann.
       Die Gesamtstärke  der Nisam  oder des  regulären stehenden Heeres
       müßte daher vor dem Kriege folgende gewesen sein:
       
       36 Regimenter Infanterie mit durchschnittl.
          2500 Mann                                  90 000 Mann
       24 Regimenter Kavallerie mit durchschnittl.
          660-670 Mann                               16 000 Mann
        7 Regimenter Feldartillerie                   9 000 Mann
        3 Regimenter Festungsartillerie               3 400 Mann
        2 Regimenter Sappeure und Mineure             1 600 Mann
       Detachierte Truppen                           16 000 Mann
                                                    ------------
                                                    136 000 Mann
       
       #462# Friedrich Engels
       -----
       Nachdem die  Soldaten 5  Jahre in der Nisam gedient haben, werden
       sie nach Hause entlassen und bilden für die folgenden 7 Jahre die
       Redif oder Reserve. Diese Reserve zählt ebenso viele Ordus, Divi-
       sionen, Brigaden,  Regimenter usw.  wie das stehende Heer; in der
       Tat ist  sie für die Nisam das, was in Preußen das erste Aufgebot
       der Landwehr für die Linie ist, mit der einzigen Ausnahme, daß in
       Preußen in  größeren Truppenkörpern  als der  Brigade  Linie  und
       Landwehr immer zusammengehören, während sie in der türkischen Or-
       ganisation getrennt  gehalten werden.  Die Offiziere  und  Unter-
       offiziere der  Redif bleiben  ständig in den Depots zusammen, und
       einmal im  Jahr wird die Redif zur Übung einberufen, dabei erhält
       sie die gleiche Entlohnung und Verpflegung wie die Linie. Da aber
       eine solche  Organisation eine  gut eingespielte  Zivilverwaltung
       und eine  zivilisierte Stufe  der Gesellschaft  voraussetzt,  von
       denen die  Türkei weit  entfernt ist,  kann die  Redif zum großen
       Teil nur  auf dem Papier existieren, und wenn wir deshalb für sie
       die gleiche Stärke wie für die Nisam rechnen, so werden wir damit
       sicherlich die höchstmögliche Zahl annehmen.
       Die Hilfskontingente umfassen die Truppen aus:
       
       1. den Donaufürstentümern        6 000 Mann
       2. Serbie                       20 000 Mann
       3. Bosnien und der Herzegowina  30 000 Mann
       4. Oberalbanien                 10 000 Mann
       5. Ägypten                      40 000 Mann
       6. Tunis und Tripolis           10 000 Mann
                                      ------------
                 insgesamt ungefähr:  116 000 Mann
       
       Diesen Truppen müssen die freiwilligen Baschi-Bosuks hinzugezählt
       werden, die  Kleinasien, Kurdistan  und Syrien  in großer  Anzahl
       aufbringen kann. Sie sind die letzten Überbleibsel jener Schwärme
       irregulärer Truppen,  die  in  vergangenen  Jahrhunderten  Ungarn
       überfluteten und  zweimal vor Wien erschienen [240]. Zumeist Rei-
       terei, haben  sie in  2 Jahrhunderten  fast ständiger Niederlagen
       bewiesen, daß sie auch dem am schlechtesten ausgerüsteten europä-
       ischen Reiter unterlegen sind. Ihr Selbstvertrauen ist verschwun-
       den, und  jetzt sind  sie zu nichts anderem zu gebrauchen als die
       Armee zu  umschwärmen, wobei  sie die  Vorräte verzehren und ver-
       schwenden, die für die regulären Truppen bestimmt waren. Ihr Hang
       zum Plündern  und ihre unzuverlässige Natur machen sie selbst für
       jenen aktiven  Vorpostendienst unfähig,  den die Russen von ihren
       Kosaken erwarten;  denn die  Baschi-Bosuks sind dann, wenn sie am
       dringendsten gebraucht werden, am wenigsten zu finden.
       
       #463# Die Armeen Europas - Die türkische Armee
       -----
       Im gegenwärtigen  Kriege wurde  es als zweckmäßig angesehen, ihre
       Stärke zu beschränken, und wir glauben nicht, daß jemals mehr als
       50 000 Mann zusammengefaßt wurden.
       So kann  also die zahlenmäßige Stärke der türkischen Armee zu Be-
       ginn des Krieges wie folgt geschätzt werden:
       
       Nisam                                             136 000 Mann
       Redif.                                            136 000 Mann
       reguläre Hilfstruppen aus Ägypten und Tunis        50 000 Mann
       irreguläre Hilfstruppen aus Bosnien und Albanien   40 000 Mann
       Baschi-Bosuks                                      50 000 Mann
                                                         ------------
                                              insgesamt: 412 000 Mann
       
       Von dieser Gesamtsumme muß jedoch wiederum einiges abgezogen wer-
       den. Daß die in Europa stationierten Ordus in ziemlich guter Ver-
       fassung waren  und so  vollzählig, wie  man es in der Türkei eben
       erwarten kann, scheint ziemlich sicher zu sein; aber in Asien, in
       den entlegeneren  Provinzen,  wo  die  muselmanische  Bevölkerung
       überwiegt, mögen  zwar die Mannschaften bereitstehen, während je-
       doch weder  Waffen noch Ausrüstung, noch Munitionslager vorhanden
       sind. Die  Donauarmee wurde  hauptsächlich aus den 3 europäischen
       Ordus gebildet. Sie waren der Kern dieser Armee, zu dem die euro-
       päischen Redifs,  das syrische Korps oder zumindest ein beträcht-
       licher Teil davon sowie eine Anzahl Arnauten [241], Bosniaken und
       Baschi-Bosuks hinzukamen.  Dennoch ist  die  übermäßige  Vorsicht
       Omer Paschas - seine noch heute vorhandene Abneigung, die Truppen
       im Felde  zu exponieren  - der beste Beweis dafür, daß er nur ein
       begrenztes Vertrauen in die Fähigkeiten dieser einzigen guten re-
       gulären Armee setzt, die die Türkei je besessen hat. In Asien je-
       doch, wo  das alte  türkische System der Unterschlagung und Träg-
       heit noch  in voller  Blüte stand, konnten die 2 Ordus der Nisam,
       sämtliche Redif  s und die Masse der Irregulären zusammengenommen
       nicht einmal  einer russischen Armee widerstehen, die zahlenmäßig
       weit unterlegen  war; sie wurden in jeder Schlacht geschlagen, so
       daß am  Ende des Feldzuges von 1854 die asiatische Armee der Tür-
       kei fast  aufgehört hatte  zu existieren. Daraus geht hervor, daß
       nicht nur  die Organisation  in ihren  Details, sondern  auch ein
       großer Teil  der Truppen  selbst in Wirklichkeit nicht bestanden.
       Die ausländischen  Offiziere und  Zeitungskorrespondenten in Kars
       und Erzerum beanstandeten immer wieder den Mangel an Waffen, Aus-
       rüstungsgegenständen, Munition  und Lebensmitteln  und  erklärten
       unmißverständlich, daß  die Ursache  in nichts anderem als in der
       Trägheit, Unfähigkeit und Raubgier der Paschas
       
       #464# Friedrich Engels
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       lag. Die  Gelder wurden  diesen regelmäßig  zugewiesen, aber  sie
       steckten sie stets in ihre eigene Tasche.
       Die gesamte  Ausrüstung des türkischen regulären Soldaten ist von
       den westlichen  Armeen entlehnt.  Den einzigen Unterschied bildet
       der rote  Fes oder  das Käppchen, das vielleicht die am wenigsten
       geeignete Kopfbedeckung  für dieses  Klima ist,  weil sie während
       der Sommerhitze  häufig Sonnenstiche verursacht. Die Qualität der
       Ausrüstungsstücke ist  schlecht, und  die Bekleidung  muß  länger
       halten, als  vorgesehen ist, da die Offiziere gewöhnlich das Geld
       einstecken, das  für Neuanschaffungen  bestimmt ist.  Die  Waffen
       sowohl für  die Infanterie  als auch für die Kavallerie sind min-
       derwertig; nur die Artillerie hat sehr gute Feldgeschütze, die in
       Konstantinopel unter der Leitung europäischer Offiziere und Zivi-
       lingenieure gegossen worden sind.
       An sich  ist der  Türke kein  schlechter Soldat. Er ist von Natur
       aus tapfer, außerordentlich abgehärtet, geduldig und unter gewis-
       sen Umständen  auch gehorsam.  Europäische Offiziere,  die einmal
       sein Vertrauen gewonnen haben, können sich auf ihn verlassen, wie
       Grach und  Butler bei Silistria und Iskender Beg (Ilinski) in der
       Walachei feststellten.  Aber das  sind Ausnahmen.  Im allgemeinen
       ist der  angeborene Haß  des Türken  gegen den  "Giaur" so unaus-
       löschlich und seine Gewohnheiten und Vorstellungen sind von denen
       eines Europäers so verschieden, daß er sich, solange er als herr-
       schende Nation  im Lande  verbleibt, keinem  Menschen unterwerfen
       wird, den  er im  Innersten als unermeßlich tiefer stehend verab-
       scheut. Diesen Widerwillen haben die Türken auch auf die Armeeor-
       ganisation ausgedehnt,  seitdem diese  nach europäischem  Vorbild
       umgestellt wurde. Der einfache Türke haßt die Giaur-Institutionen
       ebensosehr, wie er die Giaurs selbst haßt. Außerdem sind dem trä-
       gen, beschaulichen,fatalistischen  Türken die  strenge Disziplin,
       die geregelte  Tätigkeit, die ständige Aufmerksamkeit, die in ei-
       ner modernen Armee verlangt werden, äußerst verhaßte Dinge. Sogar
       die Offiziere  werden eher  zulassen, daß  die  Armee  geschlagen
       wird, als  daß sie  sich anstrengen  und ihren Verstand benutzen.
       Das ist  einer der schlimmsten Charakterzüge der türkischen Armee
       und würde allein genügen, um sie für jeden offensiven Feldzug un-
       brauchbar zu machen.
       Die Gemeinen und Unteroffiziere werden aus Freiwilligen und durch
       das Los  rekrutiert; für  die unteren  Dienstgrade der  Offiziere
       werden manchmal Leute aus dem Mannschaftsstand befördert, doch in
       der Regel  werden sie  aus den  Leibdienern und den Offiziersbur-
       schen der  höheren Offiziere,  den Tschibukschis und Kafeidschis,
       gewählt. Die  Militärschulen in  Konstantinopel, die nicht einmal
       sehr gut sind, können nicht genügend junge Leute für
       
       #465# Die Armeen Europas - Die türkische Armee
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       die vakanten  Stellen  hervorbringen.  Hinsichtlich  der  höheren
       Dienstgrade existiert  eine  Günstlingswirtschaft,  von  der  die
       westlichen Nationen keine Vorstellung haben. Die meisten Generale
       sind ehemalige  tscherkessische Sklaven,  die  M i g n o n s  ir-
       gendeines großen  Mannes in den Tagen ihrer Jugend. Völlige Igno-
       ranz, Unfähigkeit und Selbstzufriedenheit herrschen unumschränkt,
       und Hofintrigen  sind das  Hauptmittel, um zu avancieren. Im Heer
       wären selbst  die wenigen europäischen Generale (Renegaten) nicht
       akzeptiert worden,  wenn man sie nicht unbedingt gebraucht hätte,
       um zu  verhüten, daß  die ganze  Maschinerie auseinanderfällt. So
       wie die  Dinge liegen,  wurden  sie  unterschiedslos  angenommen,
       sowohl Männer  mit wirklichen Verdiensten als auch reine Abenteu-
       rer.
       Gegenwärtig, nach  drei Feldzügen,  kann man  sagen, daß  von der
       Existenz einer türkischen Armee keine Rede sein kann, ausgenommen
       die 80 000  Mann der eigentlichen Armee Omer Paschas, von der ein
       Teil an  der Donau  und der andere in der Krim steht. Die asiati-
       sche Armee besteht aus einem lärmenden Haufen von ungefähr 25 000
       Mann, für  das Feld  untauglich und  durch Niederlagen  demorali-
       siert. Der  übrige Teil  der 400 000 Mann ist wer weiß wohin ver-
       schwunden: im  Felde oder  durch Krankheiten  getötet, verwundet,
       verabschiedet oder  zu Räubern geworden. Sehr wahrscheinlich wird
       dies überhaupt die letzte türkische Armee sein, denn sich von dem
       Schock zu  erholen, den  sie durch  ihre Allianz  mit England und
       Frankreich erlitten  hat, ist mehr, als man von der Türkei erwar-
       ten kann.
       Die Zeit ist vorbei, da die Kämpfe von Oltenitza [242] und Cetate
       eine übertriebene  Begeisterung für die türkische Tapferkeit her-
       vorriefen. Das  untätige Verharren  Omer Paschas genügte, um auch
       über weitere  militärische Fähigkeiten der Türken Zweifel zu wec-
       ken, die  nicht einmal  die glänzende  Verteidigung von Silistria
       völlig zerstreuen  konnte. Die  Niederlagen in  Asien, die Flucht
       aus Balaklawa, die völlig defensive Haltung der Türken in Eupato-
       ria und  ihre absolute Untätigkeit im Lager' von Sewastopol haben
       die allgemeine  Einschätzung ihrer  militärischen Fähigkeiten auf
       ein richtiges  Maß gebracht. Der Zustand der türkischen Armee war
       derart, daß bis dahin ein Urteil über ihren allgemeinen Wert völ-
       lig unmöglich  war. Es  gab ohne  Zweifel einige sehr tapfere und
       gutgeführte Regimenter, die zu jedem Dienst fähig waren, aber sie
       waren in beträchtlicher Minderheit. Der großen Masse der Infante-
       rie fehlte  der Zusammenhalt,  und sie war deshalb zum Felddienst
       untauglich, obwohl  sie hinter  Verschanzungen ihren  Mann stand.
       Die reguläre  Kavallerie war  der jeder  europäischen Macht  ent-
       schieden unterlegen. Die Artillerie war bei weitem der beste Teil
       des Heeres,  und die  Regimenter der  Feldartillerie hatten einen
       hohen Stand der Leistungsfähigkeit erreicht,
       
       #466# Friedrich Engels
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       die Leute  waren wie für ihre Aufgabe geboren, obwohl bei den Of-
       fizieren  zweifellos   vieles  zu  wünschen  übrigblieb.  Wie  es
       scheint, haben  die Redifs allgemein an organisatorischen Mängeln
       gelitten, obwohl die Leute ohne Zweifel willens waren, ihr Bestes
       zu tun.  Von den  Irregulären waren  die Arnauten  und  Bosniaken
       großartige Guerillas,  aber nichts  weiter; sie  eigneten sich am
       besten zur Verteidigung von Befestigungen, während die Baschi-Bo-
       suks geradezu  wertlos waren  und sogar mehr als das. Das ägypti-
       sche Kontingent  scheint ungefähr auf dem gleichen Niveau gewesen
       zu sein wie die türkische Nisam, das tunesische beinahe für alles
       unbrauchbar.  Bei   einer  solch  buntscheckigen  Armee,  die  so
       schlecht geführt  wurde und  in der  eine derartige Mißwirtschaft
       herrschte, ist es kein Wunder, daß sie in drei Feldzügen fast zu-
       grunde gerichtet wurde.
       
       II. Die sardinische Armee
       
       Diese Armee  besteht aus  10 Brigaden  Infanterie, 10 Bataillonen
       Schützen, 4  Brigaden Kavallerie, 3 Regimentern Artillerie, 1 Re-
       giment   Sappeure    und   Mineure,   einem   Korps   Karabiniers
       (Polizeitruppen) und  der leichten  Reiterei auf der Insel Sardi-
       nien.
       Die 10  Infanteriebrigaden bestehen aus 1 Brigade Garde mit 4 Ba-
       taillonen Grenadiere und 2 Bataillonen Jäger sowie aus 9 Brigaden
       der Linie, das sind 18 Regimenter zu je 3 Bataillonen. Hinzu kom-
       men 10 Bataillone Schützen (Bersaglieri), eines für jede Brigade;
       damit hat  die sardinische  Armee einen weit stärkeren Anteil gut
       ausgebildeter leichter Infanterie als jede andere Armee.
       Außerdem gehört zu jedem Regiment 1 Depotbataillon.
       Seit 1849  wurde die Stärke der Bataillone aus finanziellen Grün-
       den sehr  vermindert. Bei Kriegsstärke sollte ein Bataillon unge-
       fähr 1000  Mann stark  sein, doch bei Friedensstärke hat es nicht
       mehr als  400 Mann.  Die übrigen  sind auf unbegrenzte Zeit beur-
       laubt worden.
       Die Kavallerie  umfaßt 4  schwere und 5 leichte Regimenter. Jedes
       Regiment hat  4 Feldeskadronen  und 1 Ersatzeskadron. Bei Kriegs-
       stärke sollten  die 4 Feldeskadronen eines Regiments ungefähr 800
       Mann umfassen, doch bei Friedensstärke sind es kaum 600.
       Die 3  Regimenter Artillerie  bestehen aus 1 Regiment Handwerkern
       und Artilleriespezialisten,  1  Regiment  Garnisonartillerie  (12
       Kompanien) und 1 Feldartillerieregiment (6 Fuß-, 2 reitende und 2
       schwere Batterien,  jede zu 8 Geschützen). Die Kanonen der leich-
       ten Batterien sind Achtpfünder
       
       #467# Die Armeen Europas - Die sardinische Armee
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       und die Haubitzen Vierundzwanzigpfünder, die Kanonen der schweren
       Batterien Sechzehnpfünder; insgesamt 80 Geschütze.
       Das Sappeur-  und Mineurregiment hat 10 Kompanien, das sind unge-
       fähr 1100  Mann. Die  Karabiniers (beritten  und zu Fuß) sind für
       ein so  kleines Königreich  sehr zahlreich, sie betragen ungefähr
       3200 Mann.  Die für  den Dienst  als Polizeitruppe  auf der Insel
       Sardinien eingesetzte  leichte Reiterei  ist ungefähr  1100  Mann
       stark.
       Die sardinische  Armee erreichte  in  dem  ersten  Feldzug  gegen
       Österreich im  Jahre 1848 sicherlich eine Stärke von 70 000 Mann.
       Im Jahre  1849 waren es nahezu 130 000 Mann. Später wurde sie auf
       ungefähr 45 000  Mann herabgesetzt. Wie stark sie heute ist, kann
       man unmöglich  sagen, aber  es besteht kein Zweifel, daß sie seit
       dem Abschluß  des Vertrages mit England und Frankreich [243] wie-
       der verstärkt wurde.
       Diese große Elastizität der piemontesischen Armee, die es ihr er-
       laubt, die  Anzahl der  unter Waffen stehenden Leute jederzeit zu
       erhöhen oder  zu vermindern, ergibt sich aus einem Rekrutierungs-
       system, das  dem preußischen sehr ähnlich ist, und Sardinien kann
       tatsächlich in vieler Beziehung das Preußen Italiens genannt wer-
       den. In  den Ländern  Sardiniens besteht eine ähnliche Verpflich-
       tung für  jeden Bürger,  in der  Armee zu dienen, wie in Preußen,
       wenn auch im Unterschied dazu Ersatzleute gestellt werden können.
       Die gesamte  Dienstpflicht umfaßt  wie  in  Preußen  den  aktiven
       Dienst und  eine folgende  Periode, in  der der Soldat in die Re-
       serve entlassen  wird und  dort verbleibt;  im Kriegsfall kann er
       jederzeit wieder eingezogen werden. Das System ist ein Mittelding
       zwischen dem  preußischen einerseits  und dem  Belgiens sowie der
       kleineren deutschen  Staaten andrerseits. So kann bei Einberufung
       der Reserve  die Infanterie  von ungefähr  30 000 Mann auf 80 000
       Mann und  noch darüber  erhöht werden. Die Kavallerie und Feldar-
       tillerie würde nur wenig verstärkt werden, da die Soldaten dieser
       Waffengattungen im  allgemeinen während  der gesamten  Dienstzeit
       bei ihren Regimentern bleiben müssen.
       Die piemontesische  Armee ist  ebensogut und  kampfstark wie jede
       andere europäische  Armee. Die  Piemontesen sind  klein  wie  die
       Franzosen, besonders  die Infanteristen. Die Gardesoldaten errei-
       chen im  Durchschnitt nicht  einmal 5 Fuß 4 Zoll, aber durch ihre
       ansprechende Uniform,  ihre militärische Haltung, ihre kräftigen,
       aber agilen  Gestalten und  durch ihre  feinen italienischen  Ge-
       sichtszüge machen sie einen besseren Eindruck als manche aus grö-
       ßeren Leuten  bestehende Armee. Die Uniformierung und Equipierung
       der Linien-  und Gardeinfanterie  richtet sich nach dem französi-
       schen Vorbild,  mit Ausnahme  einiger weniger,  von den Österrei-
       chern übernommener
       
       #468# Friedrich Engels
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       Details. Die  Bersaglieri haben  eine besondere  Uniform -  einen
       kleinen flachen  Filzhut mit  einem lang wallenden Federbusch aus
       Hahnenfedern und  einen braunen  Waffenrock. Die Kavallerie trägt
       kurze braune,  bis zu  den Hüften reichende Röcke. Die Infanterie
       ist zum  größten Teil  mit dem  Perkussionsgewehr bewaffnet;  die
       Bersaglieri haben  kurze Tiroler  Büchsen, das sind zwar gute und
       brauchbare Waffen,  aber dem  Minié-Gewehr in jeder Beziehung un-
       terlegen. Das  erste Glied  der Kavallerie war mit Lanzen bewaff-
       net; ob  das heute bei der leichten Kavallerie noch der Fall ist,
       können wir nicht sagen. Die reitenden Batterien und leichten Fuß-
       batterien haben durch ihr Geschützkaliber von 8 Pfund den anderen
       europäischen Armeen gegenüber den gleichen Vorteil, den die Fran-
       zosen hatten,  solange sie dieses Kaliber beibehielten; doch ihre
       schweren Sechzehnpfünderbatterien machten die sardinische Feldar-
       tillerie zur schwersten des Kontinents. Daß diese Geschütze, ein-
       mal in  Stellung gebracht, ausgezeichnete Dienste leisten können,
       haben sie  an der  Tschornaja bewiesen,  wo ihr exaktes Feuer be-
       trächtlich zu  dem Erfolg  der Alliierten beitrug und überall be-
       wundert wurde.
       Von allen italienischen Staaten ist Piemont am besten dazu in der
       Lage, eine gute Armee zu schaffen. Aus den Ebenen des Po und sei-
       ner Nebenflüsse kommen vorzügliche Pferde, und dort leben schöne,
       hochgewachsene Menschen,  die größten  aller Italiener, hervorra-
       gend für den Dienst in der Kavallerie und der schweren Artillerie
       geeignet. In  den Bergen,  die diese Ebenen von drei Seiten umge-
       ben, im  Norden, Westen  und Süden,  wohnt ein abgehärtetes Volk,
       das zwar  kleiner an Körpergröße, aber kräftig und beweglich ist,
       fleißig und  scharfsinnig wie alle Bergbewohner. Sie sind es, die
       die Masse  der Infanterie  und besonders  der Bersaglieri bilden,
       einer Truppe,  die den  Vincenner Jägern  im Grad  der Ausbildung
       fast gleichkommt, sie aber an körperlicher Kraft und Ausdauer si-
       cherlich übertrifft.
       Die Militäranstalten Piemonts sind im großen und ganzen sehr gut,
       und deshalb  haben die  Offiziere eine  hohe Qualifikation.  Noch
       1846 hatten  jedoch die  Aristokratie und der Klerus einen großen
       Einfluß auf ihre Ernennung. Bis zu dieser Zeit kannte Karl Albert
       nur zwei  Mittel des Regierens - den Klerus und die Armee. In an-
       deren Teilen Italiens war es sogar eine allgemeine Redensart, daß
       von drei  Leuten, denen  man in Piemont auf der Straße begegnete,
       einer ein  Soldat, der  zweite ein Mönch und nur jeder dritte ein
       Zivilist war. Heute ist das natürlich vorbei, die Priester besit-
       zen überhaupt  keinen Einfluß; die Kriege von 1848 und 1849 haben
       der Armee  gewisse demokratische  Züge aufgeprägt,  die nicht  so
       leicht zerstört  werden können,  obwohl der Adel noch viele Offi-
       ziersstellen besetzt. Einige britische Krim-Korrespondenten haben
       in den Zeitungen berichtet, daß die piemontesischen
       
       #469# Die Armeen Europas - Die sardinische Armee
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       Offiziere beinahe  alle "geborene Gentlemen" seien, aber dies ist
       durchaus nicht der Fall, und wir kennen persönlich mehr als einen
       piemontesischen Offizier,  der vom Gemeinen aufgestiegen ist, und
       können mit  Sicherheit behaupten,  daß sich  die Masse der Haupt-
       leute und  Leutnants jetzt  aus Leuten  zusammensetzt,  die  ihre
       Epauletten entweder durch Tapferkeit im Kampf gegen die Österrei-
       cher erworben haben oder die zumindest nicht mit der Aristokratie
       verbunden sind.
       Das größte  Kompliment, das nach unserer Auffassung der piemonte-
       sischen Armee  gezollt werden kann, kommt in der Meinung zum Aus-
       druck, die  einer ihrer ehemaligen Gegner, General Schönhals, Ge-
       neralquartiermeister der  österreichischen Armee  in  den  Jahren
       1848/49, ausgesprochen  hat. In seinen "Erinnerungen aus dem ita-
       lienischen Krieg"  behandelt dieser General, einer der besten Of-
       fiziere der  österreichischen Armee  und ein  heftiger Gegner all
       dessen, was  in irgendeiner  Weise nach italienischer Unabhängig-
       keit riecht,  die piemontesische  Armee durchweg mit dem höchsten
       Respekt.
       
       "Ihre Artillerie",  sagt er, "besteht aus gewählten Leuten, guten
       und unterrichteten  Offizieren, hat ein gutes Material und ist im
       Kaliber der  unsrigen überlegen...  Die Kavallerie ist keine ver-
       ächtliche Waffe.  Ihr erstes  Glied ist mit Lanzen bewaffnet. Der
       Gebrauch dieser Waffe erfordert aber einen sehr gewandten Reiter,
       wir möchten daher nicht gerade sagen, daß diese Einführung direkt
       eine Verbesserung bedeutet. Ihre Schule der Equitation ist jedoch
       eine sehr  gute... Bei  Santa Lucia  wurde von  beiden Seiten mit
       großer Tapferkeit  gefochten. Die  Piemontesen griffen mit großer
       Lebhaftigkeit und  Ungestüm an  -  sowohl  Piemontesen  als  auch
       Österreicher vollbrachten  viele Taten  großen  persönlichen  Mu-
       tes... Die piemontesische Armee hat das Recht, den Tag von Novara
       in Erinnerung  zu bringen, ohne erröten zu müssen", und so weiter
       [244].
       
       Auch der  preußische General  Willisen, der  einige Zeit  an  dem
       Feldzug von 1848 teilnahm und kein Freund der italienischen Unab-
       hängigkeit ist,  spricht mit  Achtung von der piemontesischen Ar-
       mee.
       Schon seit  1848 hat eine gewisse Partei in Italien den König von
       Sardinien als das zukünftige Oberhaupt der gesamten Halbinsel an-
       gesehen. Obwohl  wir weit  davon entfernt  sind, diese Meinung zu
       teilen, glauben wir doch, daß, wenn Italien einmal seine Freiheit
       wiedergewinnen wird,  die piemontesischen Kräfte das bedeutendste
       militärische Instrument sein werden, um dieses Ziel zu erreichen,
       und daß sie zugleich den Kern der zukünftigen italienischen Armee
       bilden werden.  Bevor das  geschieht, wird  die sardinische Armee
       wahrscheinlich mehr  als eine innere Revolution durchmachen, doch
       ihre ausgezeichneten  militärischen  Elemente  werden  das  alles
       überdauern und  werden sogar  noch gewinnen,  wenn sie  in  einer
       wirklichen Nationalarmee aufgehen.
       
       #470# Friedrich Engels
       -----
       III. Die kleineren italienischen Armeen
       
       Die päpstliche  Armee existiert  fast nur auf dem Papier. Die Ba-
       taillone und  Eskadronen sind  niemals vollständig und bilden nur
       eine schwache Division. Außer dieser gibt es ein Regiment Schwei-
       zer Garde,  die einzigen  Truppen, welchen der Staat einiges Ver-
       trauen schenken  kann. Die  Armeen Toskanas,  Parmas und  Modenas
       sind zu  unbedeutend, um  hier erwähnt zu werden; es möge genügen
       zu sagen,  daß sie im ganzen gesehen nach österreichischem Muster
       organisiert sind.  Außerdem existiert  die neapolitanische Armee,
       für die  es auch  um so  besser ist,  je  weniger  man  über  sie
       spricht. Sie  hat sich  niemals vor dem Feind hervorgetan; ob sie
       für den König kämpfte wie 1799 oder für eine Verfassung wie 1821,
       sie hat  sich immer  dadurch ausgezeichnet, daß sie davongelaufen
       ist [245].  Selbst in den Jahren 1848 und 1849 wurde der aus Ein-
       heimischen bestehende Teil der neapolitanischen Armee überall von
       den Aufständischen  geschlagen, und wären die Schweizer nicht ge-
       wesen, so  säße König Bomba heute nicht auf seinem Thron. Während
       der Belagerung Roms rückte Garibaldi mit einer Handvoll Leute ge-
       gen die  neapolitanische Division  vor  und  schlug  sie  zweimal
       [246]. Die  Friedensstärke der  Armee Neapels  wird  auf  26 000-
       27 000 Mann  geschätzt, aber 1848 soll sie Berichten zufolge fast
       49 000 betragen  haben, und bei voller Stärke sollte sie sich auf
       64 000 erhöhen.  Von allen diesen Truppen sind allein die Schwei-
       zer erwähnenswert.  Sie bilden  4 Regimenter zu je 2 Bataillonen,
       und ein  vollständiges Bataillon  sollte 600 Mann stark sein, das
       sind 4800  Mann insgesamt. Doch der Kaderbestand ist jetzt so an-
       gewachsen, daß  jedes Bataillon ungefähr 1000 Mann stark ist (das
       4. oder Berner Regiment hat allein 2150 Mann), und die Gesamtzahl
       kann auf  nahezu 9000  Mann geschätzt  werden. Das  sind wirklich
       erstklassige Truppen, die von Offizieren ihres eigenen Landes be-
       fehligt werden  und in  ihrer inneren Organisation und Verwaltung
       von der  neapolitanischen Regierung  unabhängig sind.  Sie wurden
       erstmals 1824  oder 1825  in Sold genommen, als der König der Ar-
       mee, die kurz vorher revoltiert hatte, nicht länger vertraute und
       es für  notwendig erachtete,  sich mit einer starken Leibgarde zu
       umgeben. Die  Verträge, "Kapitulationen"  genannt, wurden mit den
       verschiedenen Kantonen  auf 30  Jahre abgeschlossen;  den Truppen
       wurden die Schweizer Kriegsgesetze sowie die Schweizer Militäror-
       ganisation zugebilligt.  Der Sold war dreimal so hoch wie der ei-
       nes einheimischen  neapolitanischen Soldaten.  Die Truppen rekru-
       tierten sich aus Freiwilligen aller Kantone; dort waren Rekrutie-
       rungsbüros eingerichtet. Den ausscheidenden Offizieren, den Vete-
       ranen und  den Verwundeten waren Pensionen sicher. Falls der Ver-
       trag nach Ablauf von 30 Jahren nicht erneuert werden sollte,
       
       #471# Die Armeen Europas - Die Schweizer Armee
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       waren die Regimenter aufzulösen. Die jetzige Schweizer Verfassung
       verbietet die  Rekrutierungen für  ausländische Dienste, und des-
       halb wurden  die Kapitulationen nach 1848 aufgehoben; man stellte
       das Anwerben  zumindest dem  Schein nach in der Schweiz ein, aber
       in Chiasso  und anderen  Orten der Lombardei wurden Depots einge-
       richtet, und mancher Werbeagent setzte sein Geschäft heimlich auf
       Schweizer Boden fort. Der neapolitanische Staat war so auf Rekru-
       ten erpicht,  daß er  sich nicht  scheute, den Abschaum der poli-
       tischen Flüchtlinge  aufzunehmen, die  sich damals in der Schweiz
       aufhielten. Unter  diesen Umständen bestätigte der König von Nea-
       pel die Privilegien, die den Schweizer Soldaten durch die Kapitu-
       lationen garantiert  worden waren, und im August vergangenen Jah-
       res, als  die 30  Jahre abgelaufen  waren, verlängerte  er  durch
       einen besonderen Erlaß diese Privilegien für die gesamte Zeit, in
       der die Schweizer in seinen Diensten stehen.
       
       IV. Die Schweizer Armee
       
       Die Schweiz  hat kein  stehendes nationales Heer. Jeder Schweizer
       muß, wenn  er diensttauglich  ist, in der Miliz dienen, und diese
       Masse ist  dem Alter  entsprechend in  drei Aufgebote  unterteilt
       (Auszug, erstes und zweites Aufgebot 1*)). Die jungen Männer wer-
       den während  der ersten Dienstjahre gesondert zur Ausbildung ein-
       gezogen und  von Zeit  zu Zeit in Lagern zusammengefaßt; aber je-
       der, der  das unbeholfene  Marschieren und das unerfreuliche Bild
       einer noch  unausgebildeten Schweizer  Abteilung gesehen oder sie
       mit ihrem  Sergeanten während  der Ausbildung Witze reißen gehört
       hat, wird gewiß sofort erkennen, daß die militärischen Qualitäten
       der Leute  nur sehr  schwach entwickelt sind. Um die soldatischen
       Eigenschaften dieser  Miliz beurteilen  zu können,  haben wir nur
       ein Beispiel, den Sonderbundskrieg 2*) 1847 [247], dessen Verlauf
       sich durch  außerordentlich geringe Verluste im Verhältnis zu den
       beteiligten Kräften  auszeichnete.  Die  Organisation  der  Miliz
       liegt fast völlig in den Händen der verschiedenen Kantonregierun-
       gen, und obwohl ihre allgemeine Organisationsform durch Bundesge-
       setze festgelegt  ist und ein Bundesstab an der Spitze des Ganzen
       steht, kann bei diesem System ein gewisses Durcheinander und man-
       gelnde Einheitlichkeit  nicht ausbleiben, indem es fast unumgäng-
       lich verhindert,  daß genügend  Vorräte angelegt,  Verbesserungen
       eingeführt und wichtige Punkte besonders an der schwachen schwei-
       zerisch-deutschen Grenze ständig befestigt werden.
       -----
       1*) Auszug, erstes  und zweites  Aufgebot: in  "Putnam's Monthly"
       deutsch - 2 ebenso: Sonderbund
       
       
       #472# Friedrich Engels
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       Die militärisch  ausgebildeten Schweizer sind wie alle Bergbewoh-
       ner ausgezeichnete Soldaten, und wo sie auch als reguläre Truppen
       unter fremder  Fahne gedient  haben, kämpften sie außerordentlich
       gut. Da  sie aber  ziemlich schwer von Begriff sind, brauchen sie
       die Ausbildung  wirklich weit  nötiger als die Franzosen oder die
       Norddeutschen, um  Selbstvertrauen und  Zusammenhalt zu bekommen.
       Es ist möglich, daß im Falle eines ausländischen Angriffs auf die
       Schweiz das  Nationalgefühl dies vielleicht wettmachen wird, aber
       selbst das  ist sehr  zweifelhaft. Eine reguläre Armee von 80 000
       Mann und weniger wäre einer Masse von 160 000 und mehr gewachsen,
       die die  Schweizer vorgeben  aufstellen zu  können. Im Jahre 1798
       besiegten die Franzosen sie mit ein paar Regimentern [248].
       Die Schweizer  bilden sich  auf ihre Scharfschützen viel ein. Si-
       cherlich gibt  es in der Schweiz verhältnismäßig mehr gute Schüt-
       zen als  in jedem anderen europäischen Land, die österreichischen
       alpinen Besitzungen  ausgenommen. Aber  wenn man sieht, daß diese
       sicheren Schützen,  wenn sie  einberufen werden,  fast  alle  mit
       plumpen, gewöhnlichen  Perkussionsgewehren bewaffnet  sind,  wird
       der Respekt  vor den  Schweizer Scharfschützen  beträchtlich  ge-
       mindert. Die  wenigen Schützenbataillone  mögen gute Schützen ha-
       ben, aber ihre kurzen schweren Gewehre (Stutzen 1*)) sind im Ver-
       gleich zum  Minié-Gewehr veraltet  und wertlos,  und die unbehol-
       fene, langsame Art, sie mit losem Pulver aus einem Horn zu laden,
       würde den  Schweizern nur  eine geringe  Chance geben,  wenn  sie
       Truppen gegenüberstehen sollten, die mit moderneren Waffen ausge-
       rüstet sind.
       Kurz gesagt: Waffen, Ausrüstung, Organisation und Ausbildung, al-
       les ist  bei den  Schweizern altmodisch  und wird  es sehr  wahr-
       scheinlich solange  bleiben, wie  die Kantonregierungen in diesen
       Dingen etwas zu sagen haben.
       
       V. Die skandinavischen Armeen
       
       Obwohl unter  einer Krone  vereinigt, sind  die  schwedische  und
       norwegische Armee  so unabhängig  voneinander wie die beiden Län-
       der, zu  denen sie  gehören. Im  Gegensatz zur Schweiz sind beide
       das Beispiel  für ein  alpines Land mit einem stehenden Heer; die
       skandinavische Halbinsel ist jedoch insgesamt durch den Charakter
       der Landschaft und die sich daraus ergebende Kargheit sowie durch
       die dünne  Besiedlung des  Gebietes der  Schweiz so verwandt, daß
       selbst in  der militärischen Organisation beider Länder das glei-
       che System, und zwar das Milizsystem, vorherrscht.
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       1*) Stutzen: in "Putnam's Monthly" deutsch
       
       
       #473# Die Armeen Europas - Die skandinavischen Armeen
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       Schweden hat  drei Truppenarten,  und zwar  Regimenter, die durch
       Freiwilligenwerbung gebildet werden (värfvade truppar), Provinzi-
       alregimenter (indelta  truppar) und die Reserve. Die värfvade be-
       stehen aus 3 Regimentern Infanterie mit 6 Bataillonen, 2 Regimen-
       tern Kavallerie  und 3  Regimentern Artillerie  mit 13 Fuß- und 4
       reitenden Batterien  und zusammen 96 Sechspfündern, 24 Zwölfpfün-
       dern und  16 Vierundzwanzigpfündern. Das sind insgesamt 7700 Mann
       und 136  Geschütze. In  diesen Truppen ist die Artillerie für die
       gesamte Armee enthalten.
       Die indelta  bilden 20  Provinzregimenter mit  je 2  Bataillonen,
       einschließlich  5   gesonderten  Infanteriebataillonen,   und   6
       Regimenter, die in ihrer Stärke zwischen I und 8 Eskadronen vari-
       ieren. Die indelta werden auf 33 000 Mann geschätzt.
       Die Reserve  bildet die  Masse der  Armee. Falls  sie  einberufen
       wird, soll sie eine Stärke von 95 000 Mann erreichen.
       In der Provinz Gotland gibt es außerdem eine Art Miliz, die stän-
       dig unter Waffen steht und 7850 Mann stark ist. Sie hat 21 Kompa-
       nien und  16 Geschütze. Die gesamte schwedische Armee umfaßt also
       ungefähr 140 000 Mann und 150 Feldgeschütze.
       Die Freiwilligen für die angeworbenen Regimenter werden im allge-
       meinen auf  14 Jahre verpflichtet, aber das Gesetz läßt auch Ver-
       pflichtungen auf 3 Jahre zu. Die indelta sind eine Art Miliz, die
       nach ihrer ersten Ausbildung auf den ihnen und ihren Familien zu-
       geteilten Gehöften  leben und nur einmal im Jahr für 4 Wochen zur
       Ausbildung einberufen werden. Ihre Löhnung besteht aus den Erträ-
       gen ihrer  Gehöfte, aber wenn sie zusammengefaßt werden, erhalten
       sie eine besondere Entschädigung. Die Offiziere bekommen in ihren
       Bezirken liegende  Kronländereien als  Lehen. Die  Reserve  setzt
       sich aus  allen diensttauglichen  Schweden im Alter von 20 bis zu
       25 Jahren  zusammen. Sie  werden eine  kurze Zeit ausgebildet und
       danach in  jedem Jahr 14 Tage einberufen. So trägt also, mit Aus-
       nahme der  wenigen värfvade-  und der  Gotlandtruppen, der größte
       Teil der Armee - indelta und Reserve - in jeder Hinsicht den Cha-
       rakter einer Miliz.
       Die Schweden  spielen in  der Kriegsgeschichte eine Rolle, die in
       gar keinem Verhältnis zu der geringen Bevölkerungszahl steht, aus
       der sich  ihre berühmten Armeen rekrutierten. Gustav Adolf eröff-
       nete durch  seine Verbesserungen  im Dreißigjährigen  Krieg [142]
       eine neue  Ära der Taktik; Karl XII., der mit seiner abenteuerli-
       chen Tollkühnheit  sein großes militärisches Talent verdarb, ließ
       diese Armeen  direkt Wunder vollbringen - so zum Beispiel mit der
       Kavallerie Verschanzungen  nehmen. In  den späteren Kriegen gegen
       Rußland bewährten sich die schwedischen Truppen sehr gut.
       
       #474# Friedrich Engels
       -----
       1813 ließ  Bernadotte die  Schweden soweit wie möglich die Gefahr
       meiden; sie waren kaum im Feuer, es sei denn ungewollt, eine Aus-
       nahme war Leipzig, und dort machten sie nur einen unendlich klei-
       nen Teil  der Alliierten aus. Die värfvade und selbst die indelta
       werden zweifellos  immer den  Ruf des  schwedischen  Namens  auf-
       rechterhalten, doch  die Reserve,  wenn sie nicht lange vor ihrem
       Einsatz einberufen  und ausgebildet wird, kann nur als eine Armee
       von Rekruten gelten.
       Norwegen hat  5 Brigaden Infanterie, die 22 Bataillone mit 12 000
       Mann umfassen,  1 Brigade  Kavallerie, bestehend aus 3 Divisionen
       reitende Jäger mit 1070 Mann, und 1 Regiment Artillerie von unge-
       fähr 1300 Mann, neben einer Milizreserve von 9000 Mann; insgesamt
       rund 24 000  Mann. Der  Charakter dieser Armee unterscheidet sich
       nicht sehr  von dem  der schwedischen;  ihre einzige Besonderheit
       sind einige  Kompanien Jäger,  die mit  flachen Schneeschuhen und
       mit Hilfe eines langen Stockes auf lappländische Art sehr schnell
       über den Schnee laufen.
       Die dänische  Armee besteht  aus  23  Bataillonen  Infanterie  (1
       Gardebataillon, 12  Linien-, 5  leichte, 5  Jägerbataillone) in 4
       Brigaden, jedes  Bataillon hat einen Friedensbestand von ungefähr
       700 Mann, 3 Brigaden Kavallerie (3 Gardeeskadronen, 6 Dragonerre-
       gimenter mit je 4 Eskadronen, wobei eine Eskadron in Friedenszei-
       ten 140  Mann hat);  1 Brigade  Artillerie (2  Regimenter bzw. 12
       Batterien mit 80 Sechspfündern und 16 Zwölfpfündern) sowie 3 Kom-
       panien Sappeure.  Insgesamt sind  das 16630 Mann Infanterie, 2900
       Mann Kavallerie,  2900 Mann  Artillerie und Sappeure sowie 96 Ge-
       schütze.
       Für den Kriegsstand wird jede Kompanie auf 200, das heißt das Ba-
       taillon auf  800 und  jede Eskadron  auf 180 Mann erhöht, und die
       Linie wächst  auf insgesamt 25500 Mann an. Außerdem können 32 Ba-
       taillone, 24  Eskadronen und  6 Batterien  der Reserve einberufen
       werden, die eine Stärke von 31500 Mann repräsentieren und die Ge-
       samtstärke auf  ungefähr 56000  oder 57000  Mann bringen.  Selbst
       diese können  jedoch im  Notfall noch verstärkt werden, so konnte
       das eigentliche  Dänemark allein,  ohne Holstein  und  Schleswig,
       während des  letzten Krieges  50000-60000  Mann  aufbringen,  und
       jetzt sind  die Herzogtümer  wieder der Aushebung durch die Dänen
       unterworfen.
       Die Armee  wird durch das Los aus den jungen Männern im Alter von
       22 Jahren  aufwärts rekrutiert.  Die Dienstzeit  beträgt 8 Jahre,
       aber in  Wirklichkeit bleiben  die Artilleristen 6 Jahre, die In-
       fanteristen der  Linie nur 4 Jahre beim Regiment, während sie für
       den Rest  der Zeit  zur Reserve  gehören. Vom 30. bis zum 38. Le-
       bensjahr bleiben die Soldaten im ersten und dann bis zum 45. Jahr
       im zweiten Aufgebot der Miliz. Das ist alles sehr schön
       
       #475# Die Armeen Europas - Die holländische Armee
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       gedacht, aber  in einem Krieg gegen Deutschland würde sich nahezu
       die Hälfte  der Truppen - die aus den Herzogtümern - auflösen und
       die Waffen  gegen ihre  jetzigen Kameraden  erheben. Gerade diese
       starke Durchsetzung  mit Schleswig-Holsteinern schwächt die däni-
       sche Armee so sehr und macht sie bei Zusammenstößen mit Dänemarks
       mächtigstem Nachbar in Wirklichkeit beinahe null und nichtig.
       Die dänische Armee ist seit ihrer Reorganisation 1848/49 gut aus-
       gerüstet, gut bewaffnet und insgesamt auf einen sehr respektablen
       Stand gebracht worden. Der Däne aus dem eigentlichen Dänemark ist
       ein guter  Soldat und zeigte in fast jedem Treffen des dreijähri-
       gen Krieges eine sehr gute Haltung; doch der Schleswig-Holsteiner
       ist ihm  entschieden überlegen.  Das Offizierskorps ist im großen
       und ganzen  gut, aber  es hat  zu viel  Aristokratie und zu wenig
       wissenschaftliche Ausbildung.  Ihre Berichte  sind liederlich und
       ähneln denen der britischen Armee, der die dänischen Truppen auch
       in ihrer mangelnden Beweglichkeit verwandt zu sein scheinen; doch
       haben sie  in letzter  Zeit nicht  bewiesen, daß sie solche uner-
       schütterliche Standhaftigkeit  besitzen wie die Sieger von Inker-
       man. Die  Schleswig-Holsteiner gehören ohne Zweifel zu den besten
       Soldaten in  Europa. Sie sind ausgezeichnete Artilleristen und so
       kaltblütig im  Kampf wie  die Engländer, ihre Vettern. Obwohl sie
       aus dem  Flachland stammen, sind sie sehr gute leichte Infanteri-
       sten; ihr  erstes Schützenbataillon  hätte sich im Jahre 1850 mit
       jeder Trunoe seiner Art messen können.
       
       VI. Die holländische Armee
       
       Die holländische Armee umfaßt 36 Bataillone Infanterie in 9 Regi-
       mentern mit  insgesamt 44 000 Mann; 4 Regimenter Dragoner, aus 20
       Eskadronen zusammengesetzt;  2 Eskadronen  reitende Jäger sowie 2
       Eskadronen Gendarmen, das sind insgesamt 24 Eskadronen Kavallerie
       mit 4400 Mann; 2 Regimenter Feldartillerie (5 Fußbatterien Sechs-
       pfünder, 6 Fußbatterien Zwölfpfünder, 2 reitende Batterien Sechs-
       pfünder und  2 reitende  Batterien Zwölfpfünder mit insgesamt 120
       Geschützen) und  1 Bataillon  Sappeure, zusammen 58 000 Mann, au-
       ßerdem einige  Regimenter in  den Kolonien. Aber diese Stärke hat
       die Armee  in Friedenszeiten nicht immer. Unter Waffen bleibt nur
       ein Stamm,  der aus  Offizieren, Subalternen  und einigen wenigen
       Freiwilligen besteht.  Die große  Masse wird,  trotz  ihrer  Ver-
       pflichtung, 5  Jahre zu  dienen, in ein paar Monaten ausgebildet,
       dann entlassen  und jedes  Jahr nur für wenige Wochen einberufen.
       Außerdem gibt  es eine  Art Reserve  in drei Aufgeboten, die alle
       dienstfähigen Männer im Alter von 20 bis 35 Jahren
       
       #476# Friedrich Engels
       -----
       umfaßt. Das erste Aufgebot besteht aus ungefähr 53 und das zweite
       aus 29  Bataillonen Infanterie und Artillerie. Aber diese Truppen
       sind überhaupt nicht organisiert und können selbst kaum als Miliz
       angesehen werden.
       
       VII. Die belgische Armee
       
       Die belgische  Armee hat  16 Regimenter  Infanterie, die  außer 1
       Reservebataillon für  jedes Regiment 49 Bataillone umfassen; ins-
       gesamt 46 000  Mann. Die  Kavallerie besteht aus 2 Jäger-, 2 Ula-
       nen-, 2  Kürassierregimentern und 1 Regiment Guiden 1*), das sind
       zusammen 38 Eskadronen, außer 7 Reserveeskadronen; insgesamt 5800
       Mann. Die Artillerie umfaßt 4 Regimenter (4 reitende, 15 Fuß- und
       4 Depotbatterien  sowie 24 Garnisonkompanien) mit 152 Geschützen,
       und zwar  Sechs- und  Zwölfpfündern; die  Sappeure und Mineure, 1
       Regiment, sind 1700 Mann stark. Die Gesamtstärke ohne Reserve be-
       trägt 62 000 Mann; durch die Reserve kann sie, wie eine kürzliche
       Einberufung erwies,  auf 100 000  erhöht werden.  Die Armee  wird
       durch das  Los rekrutiert,  und die  Dienstzeit beträgt  8 Jahre,
       aber ungefähr  die Hälfte der Zeit wird der Soldat beurlaubt. Die
       wirkliche Friedensstärke wird deshalb kaum 30 000 Mann erreichen.
       
       VIII. Die portugiesische Armee
       
       Die portugiesische  Armee bestand  im Jahre  1850  aus  folgenden
       Truppen:
       
                            Friedensstärke   Kriegsstärke
       
       Infanterie               18 738          40 401
       Kavallerie                3 508           4 676
       Artillerie                2 707           4 098
       Genietruppen und Stab       728             495
                                ----------------------
                                25 681          49 670
       
       Die Artillerie  besteht aus 1 Feldregiment mit 1 reitenden Batte-
       rie und  7 Fußbatterien, 3 Regimentern Positions- und Festungsar-
       tillerie und  3 detachierten  Bataillonen auf den Inseln. Sie hat
       ein Kaliber von 6 und 12 Pfund.
       -----
       1*) eine Art Feldjäger
       
       #477# Die Armeen Europas - Die spanische Armee
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       IX. Die spanische Armee
       
       Von allen  europäischen Armeen wird der spanischen aus besonderen
       Gründen von  den Vereinigten Staaten großes Interesse entgegenge-
       bracht. Wir behandeln daher zum Abschluß dieser Übersicht der mi-
       litärischen Kräfte  Europas diese  Armee detaillierter,  als dies
       ihrer Bedeutung  nach im  Vergleich zur  Armee ihrer Nachbarn auf
       der anderen Seite des Atlantik gerechtfertigt zu sein scheint.
       Die spanischen  Streitkräfte bestehen  aus der Festlandsarmee und
       den Kolonialarmeen.
       Die Festlandsarmee  umfaßt 1  Regiment Grenadiere,  45 Regimenter
       der Linie mit je 3 Bataillonen, 2 Regimenter mit je 2 Bataillonen
       in Céuta  und 18  Bataillone cazadores,  das heißt Schützen. Alle
       diese 160 Bataillone hatten im Jahre 1852 eine Effektivstärke von
       72 670 Mann,  die  dem  Staat  jährlich  82 692 651  Realen  oder
       10 336 581 Dollar  kosteten. Die Kavallerie bestand im Jahre 1851
       aus 16 Regimentern Karabiniers oder Dragonern und Ulanen mit je 4
       Eskadronen, dazu  11 Eskadronen  cazadores oder leichte Reiterei.
       Insgesamt sind  das  12 000  Mann,  die  17 549 562  Realen  oder
       2 193 695 Dollar kosten.
       Die Artillerie  besteht aus  5 Regimentern Fußartillerie mit je 3
       Brigaden, 1  für jeden  Bezirk der Monarchie, außerdem 5 Brigaden
       schwere, 3  Brigaden reitende  und 3  Brigaden Gebirgsartillerie,
       zusammen 26  Brigaden oder, wie sie jetzt genannt werden, Batail-
       lone. Bei  der reitenden  Artillerie hat das Bataillon 2, bei der
       Gebirgs- und  Fußartillerie 4  Batterien; insgesamt 92 Fuß- und 6
       reitende Batterien mit 588 Feldgeschützen.
       Die Sappeure und Mineure bilden 1 Regiment von 1240 Mann.
       Die Reserve  besteht  aus  einem  Bataillon  (Nr.  4)  für  jedes
       Infanterieregiment und einer Ersatzeskadron für jedes Kavallerie-
       regiment.
       Die Gesamtstärke - wie sie auf dem Papier stand - betrug im Jahre
       1851   103 000 Mann; im Jahre 1843, als Espartero gestürzt wurde,
       erreichte sie nur 50 000, aber Narváez vergrößerte sie einmal auf
       über 100 000 Mann. Im Durchschnitt werden 90000 Mann unter Waffen
       das Höchste sein.
       Die Kolonialarmeen sind folgende:
       1. Die Armee  von Kuba: 16 Regimenter kampferprobte Infanterie, 4
       Kompanien Freiwillige,  2 Regimenter Kavallerie, 2 Bataillone mit
       4 Fußbatterien und I Bataillon mit 4 Batterien Gebirgsartillerie,
       1 Bataillon reitende Artillerie mit 2 Batterien sowie 1 Bataillon
       Sappeure und Mineure. Außer diesen Linientruppen gibt es eine mi-
       licia disciplinada 1*) mit 4 Bataillonen und 4 Eskadronen
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       1*) Disziplinarmiliz (bestehend aus Strafabteilungen)
       
       #478# Friedrich Engels
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       sowie eine milicia urbana 1*) mit 8 Eskadronen, das sind zusammen
       37 Bataillone,  20 Eskadronen und 84 Geschütze. Während der letz-
       ten Jahre  wurde diese stehende kubanische Armee durch zahlreiche
       Truppen aus  Spanien verstärkt,  und wenn  wir ihre ursprüngliche
       Stärke mit  16 000 oder  18 000 Mann  annehmen, so  werden  jetzt
       vielleicht 25 000 oder 28 000 Mann in Kuba sein. Doch ist das le-
       diglich eine Schätzung.
       2. Die Armee  von Portorico:  3 Bataillone kampferprobte Infante-
       rie, 7  Bataillone Disziplinarmiliz,  2  Bataillone  einheimische
       Freiwillige, 1  Eskadron dieser Freiwilligen und 4 Batterien Fuß-
       artillerie. Der  vernachlässigte Zustand  der meisten  spanischen
       Kolonien erlaubt keine Schätzung der Stärke dieses Korps.
       3. Die Philippinen  haben 5 Regimenter Infanterie mit je 8 Kompa-
       nien; 1  Regiment Jäger von Luzon; 9 Fußbatterien, 1 reitende und
       1 Gebirgsbatterie.  9 Abteilungen  mit 5 Bataillonen einheimische
       Infanterie und  andere Provinzialabteilungen,  die vorher bestan-
       den, wurden im Jahre 1851 aufgelöst.
       Die Armee  wird durch das Los rekrutiert, und es ist erlaubt, Er-
       satzleute zu  stellen. Jedes  Jahr wird ein Kontingent von 25 000
       Mann ausgehoben,  doch 1848  wurden drei  Kontingente, das  heißt
       75 000 Mann, einberufen.
       Die spanische  Armee verdankt ihre jetzige Organisation vor allem
       Narváez, obwohl das Reglement Karls III. aus dem Jahre 1768 immer
       noch ihre  Grundlage bildet.  Narváez hatte  den Regimentern ihre
       alten Provinzialfahnen,  die alle  verschieden waren, weggenommen
       und die  spanische Fahne  in der  Armee eingeführt!  Auf dieselbe
       Weise hatte  er die alte provinzielle Organisation zerstört, [die
       Armee] zentralisiert  und die Einheit wiederhergestellt. Er wußte
       aus Erfahrung  allzugut, daß  in einer Armee, die beinahe nie be-
       zahlt, sogar  selten eingekleidet  und verpflegt  worden war, das
       Geld der Hauptangelpunkt ist, und deshalb versuchte er auch, eine
       größere Regelmäßigkeit  in die  Besoldung und finanzielle Verwal-
       tung der  Armee zu  bringen. Ob  er alles  das erreichte, was ihm
       vorschwebte, ist  unbekannt; aber  jede Verbesserung, die von ihm
       in dieser  Hinsicht durchgeführt wurde, ging unter der Verwaltung
       durch Sartorius  und dessen Nachfolger schnell verloren. Der nor-
       male Zustand "keine Löhnung, keine Verpflegung, keine Bekleidung"
       wurde in  seinem vollen Glanz wiederhergestellt, und die Soldaten
       liefen in  Lumpen und  ohne Schuhe herum, während die höheren und
       die Stabsoffiziere in Röcken einherstolzierten, die von Gold- und
       Silberlitzen strotzten,  oder sogar  Phantasieuniformen anlegten,
       die man in keinem Reglement finden konnte.
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       1*) städtische Miliz
       
       #479# Die Armeen Europas - Die spanische Armee
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       Wie der  Zustand dieser  Armee vor  10 oder  12 Jahren  war,  be-
       schreibt ein englischer Autor folgendermaßen [249]:
       
       "Das Auftreten  der spanischen  Truppen ist im höchsten Grade un-
       soldatisch. Der Posten schlendert seine Runde auf und ab, und der
       Tschako fällt  ihm beinahe  vom Hinterkopf, das Gewehr nachlässig
       über die  Schultern gehängt, singt er eine heitere Seguidilla 1*)
       mit der  größten sans  facon 2*) der Welt frei heraus. Ihm fehlen
       nicht selten  ganze Uniformstücke,  oder sein  Regimentsrock  und
       dessen untere  Fortsetzung sind so hoffnungslos zerfetzt, daß der
       schieferfarbene Soldatenmantel  selbst  im  schwülen  Sommer  als
       Hülle dienen muß; bei jedem Dritten lösen sich die Schuhe in ihre
       Bestandteile auf, und die nackten Zehen der Männer schauen hervor
       - so herrlich sieht in Spanien das vida militar 3*) aus."
       
       Eine von  Serrano erlassene  Verordnung  vom  9.  September  1843
       schreibt vor:
       
       "Alle Offiziere  und Kommandeure  der Armee haben sich künftig in
       der Öffentlichkeit in der Uniform ihres Regiments und mit dem dem
       Reglement entsprechenden  Degen zu  zeigen, wenn sie nicht in Zi-
       vilkleidern erscheinen.  Alle Offiziere  dürfen auch nur die ent-
       sprechenden  Rangabzeichen  tragen  und  keine  anderen  als  die
       vorgeschriebenen und  niemals wieder  diese  eigenmächtigen  Aus-
       zeichnungen und  den lächerlichen  Aufputz zur Schau stellen, mit
       dem sich einige auszuschmücken beliebten."
       
       Soviel zu den Offizieren. Jetzt zu den Soldaten.
       
       "Brigadegeneral Cordova  hat in  Cadiz unter  seinem  Namen  eine
       Geldsammlung begonnen,  um einen  Fonds zu  schaffen, damit jedem
       der tapferen  Soldaten des asturischen Regiments ein Paar Tuchho-
       sen geschenkt werden kann!"
       
       Diese finanzielle  Unordnung erklärt, wie es möglich war, daß die
       spanische Armee  seit 1808  fast ununterbrochen  rebelliert  hat.
       Doch die wahren Ursachen liegen tiefer. Durch den langen und ohne
       Unterbrechung geführten  Krieg mit  Napoleon erlangten  die  ver-
       schiedenen Armeen  und ihre  Befehlshaber wirklichen, politischen
       Einfluß, und  das gab  ihnen zunächst  einen prätorianischen Zug.
       Aus der revolutionären Periode waren noch viele energische Männer
       in der  Armee; die  Einbeziehung der  Guerillas in  die regulären
       Streitkräfte verstärkte dieses Element sogar. So waren die Solda-
       ten und die niedrigen Ränge durchaus noch von revolutionären Tra-
       ditionen durchdrungen, während die Offiziere an ihren prätoriani-
       schen Ansprüchen  festhielten. Unter  diesen Umständen  wurde der
       Aufstand 1819  bis 1823  regulär vorbereitet,  und später, in den
       Jahren 1833  bis 184312501, brachte der Bürgerkrieg die Armee und
       ihre Führer erneut in den Vordergrund. Da die spanische Armee von
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       1*) Tanzlied  -  2*) (ohne  Umstände;  hier:)  Unbekümmertheit  -
       3*) Leben des Soldaten
       
       #480# Friedrich Engels
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       allen Parteien  als Werkzeug  benutzt worden  war, wäre  es nicht
       verwunderlich, würde  sie selbst  eine  Zeitlang  die  Herrschaft
       übernehmen.
       "Die Spanier  sind  ein  kriegerisches,  aber  kein  soldatisches
       Volk", erklärte  Abbé de  Pradt [251]. Von allen europäischen Na-
       tionen haben  sicherlich sie die größte Abneigung gegen militäri-
       sche Disziplin.  Dennoch ist es möglich, daß die Nation, die mehr
       als hundert Jahre lang wegen ihrer Infanterie berühmt war, einmal
       wieder eine  Armee haben  wird, auf die sie stolz sein kann. Doch
       um das  zu erreichen, muß nicht nur das militärische System, son-
       dern mehr noch das Öffentliche Leben reformiert werden.

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