Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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FRIEDRICH ENGELS
Die Armeen Europas [224]
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Geschrieben von Ende Juni bis September 1855.
Aus dem Englischen.
Aus: "Putnam's Monthly. A Magazine of Literatur, Science and Art"
August 1855 Die französische Armee
Die englische Armee
Die österreichische Armee
September 1855 Die preußische Armee
Die russische Armee
Die kleineren Armeen Deutschlands
Dezember 1855 Die türkische Armee
Die sardinische Armee
Die kleineren italienischen Armeen
Die Schweizer Armee
Die skandinavischen Armeen
Die holländische Armee
Die belgische Armee
Die portugiesische Armee
Die spanische Armee
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Erster Artikel
["Putnam's Monthly" Nr. XXXII, August 1855]
Der Krieg, der seit zwei Jahren an der Küste des Schwarzen Meeres
tobt, hat die besondere Aufmerksamkeit auf die zwei Millionen
Soldaten unter Waffen gelenkt, die Europa sogar mitten im Frieden
unterhält und deren Zahl vielleicht sehr bald verdoppelt werden
soll. Falls der Krieg andauert, was so gut wie gewiß ist, dann
können wir damit rechnen, diese vier Millionen in aktive Opera-
tionen auf einem Kriegsschauplatz verwickelt zu sehen, der sich
von Meer zu Meer über die ganze Breite des europäischen Konti-
nents erstreckt.
Aus diesem Grunde dürfte eine Einschätzung nicht nur der Armeen,
die bisher in den östlichen Konflikt einbezogen sind, sondern
auch der bedeutenderen übrigen Armeen Europas für unsere Leser
nicht uninteressant sein, besonders da sich diesseits des Atlan-
tiks glücklicherweise nichts gezeigt hat, was in irgendeinem Maße
selbst an die Größe der zweitrangigen Armeen Europas heranreicht;
deshalb ist die Organisation solcher Truppenkörper den Laien bei
uns nur ungenügend bekannt.
Das Mißtrauen, aus dem heraus jeder Staat seine Armee früher mit
mysteriöser Geheimhaltung umgab, existiert nicht mehr. Es ist
seltsam, selbst in den Staaten, die kaum eine Veröffentlichung
zulassen, wo alle Zweige der Zivilverwaltung bis heute in das
Dunkel gehüllt sind, dessen der Absolutismus bedurfte, ist die
Organisation der Armee der Allgemeinheit völlig zugänglich. Ar-
meelisten werden veröffentlicht, die nicht nur die Untergliede-
rung der bewaffneten Kräfte in Korps, Divisionen, Brigaden, Regi-
menter, Bataillone und Eskadronen angeben, sondern auch die
Standortverteilung dieser Truppen, deren Zahl und die Namen der
sie befehligenden Offiziere. Immer wenn große Militärparaden
stattfinden, wird die Anwesenheit ausländischer
#412# Friedrich Engels
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Offiziere nicht nur geduldet, sondern sogar gewünscht, Kritik
wird erbeten, Beobachtungen werden ausgetauscht, die spezifischen
Institutionen und Einrichtungen jeder Armee werden ernsthaft dis-
kutiert, und es herrscht eine Publizität, die mit vielen anderen
charakteristischen Merkmalen desselben Systems in allzu seltsamem
Widerspruch steht. Die eigentlichen Geheimnisse, die ein europäi-
sches Kriegsministerium für sich zu behalten vermag, sind einige
Rezepte chemischer Zusammensetzungen, zum Beispiel für Raketen
oder Zünder, und selbst diese werden sehr bald publik oder durch
den Fortschritt an Erfindungen überholt, wie zum Beispiel die Zu-
sammensetzung der britischen Congrevischen Rakete durch Herrn
Haies Kriegsraketen, die von der USA-Armee und jetzt auch von der
britischen Armee übernommen wurden.
Diese Publizität veranlaßt die verschiedenen Kriegsministerien
der zivilisierten Welt, in Friedenszeiten sozusagen ein großes
Militärkomitee zu bilden, um die Vorzüge aller vorgeschlagenen
Neuerungen zu diskutieren und jedem Mitglied die Möglichkeit zu
geben, die Erfahrungen der anderen auszunützen. So kam es, daß
der Aufbau, die Organisation und die allgemeine Ökonomie in fast
allen europäischen Armeen nahezu gleich sind, und in diesem Sinne
kann man sagen, daß eine Armee ungefähr so gut wie die andere
ist. Aber Nationalcharakter, historische Traditionen und vor al-
lem der unterschiedliche Grad der Zivilisation verursachen ebenso
viele Unterschiede und bilden bei jeder Armee deren starke und
schwache Seiten. Der Franzose und der Ungar, der Engländer und
der Italiener, der Russe und der Deutsche mögen unter gewissen
Umständen gleich gute und tüchtige Soldaten sein, aber trotz ei-
nes gleichen Ausbildungssystems, das alle Unterschiede zu nivel-
lieren scheint, wird jeder auf seine Weise gut sein, da jeder be-
sondere, von seinem Rivalen unterschiedliche Qualitäten besitzt.
Das bringt uns auf eine Frage, die nur zu oft unter militärischen
Patrioten der verschiedenen Nationalitäten diskutiert wurde: Wel-
ches Volk hat die besten Soldaten? Natürlich ist jedes Volk
ängstlich auf seinen eigenen Ruf bedacht, und nach der allgemei-
nen öffentlichen Meinung - genährt von Erzählungen, die, was im-
mer ihnen an kritischer Exaktheit fehlen mag, durch patriotische
Schönfärberei reichlich ausgeschmückt sind - kann ein Regiment
der eigenen Nation beliebig zwei oder drei Regimenter einer ande-
ren "dreschen". Kriegsgeschichte als Wissenschaft, in der eine
korrekte Würdigung der Tatsachen das einzige und höchste Krite-
rium darstellt, ist noch sehr jung und hat bis jetzt nur eine
sehr geringe Literatur aufzuweisen. Sie ist jedoch ein anerkann-
ter Zweig der Wissenschaft und fegt immer mehr wie der Wind die
Spreu, das unverschämte und dumme Prahlen hinweg, das
#413# Die Armeen Europas
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allzu lange für Werke charakteristisch war, die als historische
Werke galten, weil sie die Aufgabe hatten, jede von ihnen ange-
führte Tatsache zu verdrehen. Die Zeit ist vorbei, da Leute, wäh-
rend sie die Geschichte eines Krieges schreiben, diesen Krieg so-
zusagen auf eigene Faust fortsetzen und den ehemaligen Gegner un-
gestraft mit Schmutz bewerfen können, nachdem der Friedensschluß
ihnen verbietet, ihn mit Eisen zu beschießen. Und obwohl manche
weniger wichtige Frage in der Kriegsgeschichte noch geklärt wer-
den muß, so ist doch so viel sicher, daß es keine zivilisierte
Nation gibt, die sich nicht rühmen könnte, in der einen oder an-
deren Periode die besten Soldaten ihrer Zeit hervorgebracht zu
haben. Die deutschen Landsknechte 1*) des späten Mittelalters,
die Schweizer Soldaten des 16. Jahrhunderts waren eine Zeitlang
ebenso unbesiegbar wie die großartigen spanischen Soldaten, die
ihnen den Rang abliefen, die "beste Infanterie der Welt" zu sein;
die Franzosen Ludwigs XIV. und die Österreicher Eugens stritten
miteinander um diesen Ehrenplatz, bis die Preußen Friedrichs des
Großen diese Frage entschieden, indem sie beide besiegten; diese
wiederum wurden durch einen einzigen Schlag bei Jena in äußersten
Mißkredit gebracht, und wieder einmal waren die Franzosen als die
besten Soldaten Europas allgemein anerkannt. Zur gleichen Zeit
konnten sie die Engländer nicht daran hindern, sich ihnen in Spa-
nien unter gewissen Umständen und in bestimmten Momenten einer
Schlacht als überlegen zu erweisen. Ohne Zweifel waren die Legio-
nen, die Napoleon im Jahre 1805 aus dem Lager von Boulogne nach
Austerlitz [225] führte, die besten Truppen ihrer Zeit; zweifel-
los wußte Wellington, was er sagte, als er seine Soldaten bei der
Beendigung des Krieges auf der Pyrenäenhalbinsel [226] "eine Ar-
mee" nannte, "mit der er überall hingehen und alles unternehmen
könnte". Und doch wurde die Blüte dieser britischen Pyrenäen-Ar-
mee bei New Orleans [227] lediglich durch Milizmannschaften und
Freiwillige geschlagen, die weder ausgebildet waren noch eine
richtige Organisation besaßen.
Die Erfahrung aller Feldzüge der Vergangenheit führt uns also zu
dem gleichen Ergebnis, und jeder einsichtige langgediente Soldat,
der von Vorurteilen frei ist, wird es bestätigen: Militärische
Qualitäten, sowohl in bezug auf Tapferkeit als auch auf Kampffä-
higkeit, sind im allgemeinen ziemlich gleichmäßig unter die ver-
schiedenen Nationen der Welt verteilt; die Soldaten der verschie-
denen Nationalitäten unterscheiden sich nicht so sehr durch den
Grad der Qualifikation, sondern vielmehr durch deren spezielle
Art; und auf Grund der Publizität, die sich heutzutage in militä-
rischen Dingen durch
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1*) Landsknechte: in "Putnam's Monthly" deutsch
#414# Friedrich Engels
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gesetzt hat, kommt es darauf an, wie beharrlich Ideen, Verbesse-
rungen und Erfindungen für die militärischen Einrichtungen und
Hilfsmittel eines Staates genutzt und wie die militärischen Qua-
litäten entwickelt werden, die eine Nation besonders auszeichnen
- allein dadurch kann eine Armee dazu gebracht werden, eine Zeit-
lang an der Spitze ihrer Rivalen zu rangieren. Daher erkennen wir
sofort, was für ein Vorteil im militärischen Sinne einem Lande
durch die höhere Entwicklung der Zivilisation gegenüber seinen
weniger entwickelten Nachbarn erwächst. Als Beispiel können wir
anführen, daß sich die russische Armee, obwohl sie sich durch
viele erstklassige soldatische Qualitäten auszeichnet, niemals
einer anderen Armee des zivilisierten Europas überlegen erweisen
konnte. Bei gleichen Möglichkeiten würden die Russen verzweifelt
kämpfen; aber zumindest bis zum gegenwärtigen Krieg wurden sie
mit Sicherheit geschlagen, gleichviel, ob ihre Gegner Franzosen,
Preußen, Polen oder Engländer waren.
Bevor wir die verschiedenen Armeen gesondert betrachten, sind ein
paar allgemeine Bemerkungen nötig, die sie alle betreffen:
Eine Armee, besonders eine große von 300 000 bis 500 000 Mann und
mehr, mit all den notwendigen Unterteilungen, ihren verschiedenen
Waffen und ihren Erfordernissen an Mannschaften, Material und Or-
ganisation, ist ein so komplizierter Körper, daß die höchstmögli-
che Vereinfachung unentbehrlich ist. Es gibt so viele unvermeid-
liche Verschiedenheiten, daß man erwarten könnte, sie würden
durch künstliche und nichtssagende Vielfarbigkeit nicht noch ver-
größert werden. Nichtsdestoweniger haben Gewohnheit und jener
Geist des Gepränges und der Paraden, das Verderben der alten Ar-
meen, die Dinge in fast jeder europäischen Armee unglaublich kom-
pliziert.
Die Unterschiede in Größe, Stärke und Temperament, die sowohl bei
den Menschen als auch bei den Pferden in jedem Lande vorhanden
sind, verlangen eine Trennung der leichten Infanterie und Kaval-
lerie von der schweren Infanterie und Kavallerie. Der Versuch,
dieses Trennende vollständig zu verwischen, hieße Individuen zu
einem Ganzen zusammenzubringen, deren militärische Eigenschaften
von Natur aus entgegengesetzt sind und die sich daher in einem
gewissen Grade gegenseitig neutralisieren würden, wodurch die
Leistungsfähigkeit des Ganzen geschwächt wird. So zerfällt jede
der beiden Waffengattungen natürlicherweise in zwei gesonderte
Teile - der eine umfaßt die schwereren und plumperen Männer (und
die entsprechenden Pferde) und ist hauptsächlich für große, ent-
scheidende Angriffe und für den Kampf in geschlossener Ordnung
bestimmt; der andere wird aus den leichteren, behenderen Leuten
gebildet, die besonders für Geplänkel, für den Vorposten- und
Vorhutdienst, für schnelle Manöver und dergleichen geeignet
#415# Die Armeen Europas
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sind. Soweit ist die Unterteilung völlig berechtigt. Aber zusätz-
lich zu dieser natürlichen Einteilung ist in fast jeder Armee je-
der Teil wieder in Zweige gegliedert, welche sich durch nichts
als durch phantasievolle Unterschiede in der Bekleidung und durch
theoretische Sophisterei auszeichnen, die ständig durch die Pra-
xis und die Erfahrung widerlegt werden.
So gibt es in jeder europäischen Armee ein Korps, das Garde ge-
nannt wird und vorgibt, die élite der Armee zu sein, aber das in
Wirklichkeit lediglich aus den größten Kerlen besteht, deren man
habhaft werden kann. Die russischen und die englischen Garden
zeichnen sich in dieser Hinsicht besonders aus, obwohl es keinen
Beweis dafür gibt, daß sie an Tapferkeit und Leistungsfähigkeit
die anderen Regimenter beider Heere übertreffen. Napoleons Alte
Garde war eine ganz andere Einrichtung; sie war die wirkliche
élite der Armee, und die Körpergröße hatte nichts mit ihrer For-
mierung zu tun. Aber selbst diese Garde schwächte den anderen
Teil der Armee, indem sie die besten Elemente absorbierte. Die
Rücksicht auf solche, mit anderen nicht zu vergleichenden Truppen
verleitete Napoleon manchmal zu Fehlern, wie bei Borodino [228],
wo er seine Garde nicht im entscheidenden Moment vorwärtsführte
und dadurch die Gelegenheit verpaßte, die russischen Kräfte an
ihrem geordneten Rückzug zu hindern. Die Franzosen haben außer
ihrer Kaisergarde noch in jedem Bataillon eine Art élite, die aus
zwei Kompanien besteht - eine Grenadier- und eine Voltigeurkompa-
nie; dadurch werden die taktischen Evolutionen des Bataillons un-
nötig kompliziert. Bei anderen Nationen ist es ähnlich. Alle
diese auserlesenen Truppen erhalten neben ihrer besonderen Forma-
tion und Kleidung höhere Löhnung. Man sagt, daß ein solches Sy-
stem das Streben des gemeinen Soldaten ansporne, besonders bei
heißblütigen Nationen, wie die Franzosen und Italiener es sind.
Aber man würde dasselbe erreichen und vielleicht noch vollkomme-
ner, wenn die Soldaten, die eine derartige Auszeichnung verdient
haben, in den Reihen ihrer entsprechenden Kompanien blieben und
nicht als Entschuldigung für die gestörte Einheit und Symmetrie
der taktischen Bewegungen des Bataillons benutzt würden.
Noch auffälliger ist der Humbug bei der Kavallerie. Hier bildet
die Unterscheidung zwischen leichter und schwerer Reiterei einen
Vorwand für Unterteilungen aller Art - Kürassiere, Dragoner, Ka-
rabiniere, Ulanen, Jäger, Husaren usw. All diese Unterteilungen
sind nicht nur wertlos, sie sind völlig widersinnig, denn sie ru-
fen Komplikationen hervor. Husaren und Ulanen sind den Ungarn und
Polen nachgeahmt; doch in Ungarn und Polen haben diese Truppen
ihren Sinn - sie waren die Nationaltruppe, und die Kleidung, die
sie trugen, war die Nationaltracht des Landes. Solche Eigenheiten
in
#416# Friedrich Engels
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anderen Ländern zu kopieren, wo der Nationalgeist fehlt, der ih-
nen Leben gab, ist, gelinde gesagt, lächerlich; und so mag der
ungarische Husar aus dem Jahre 1814, wenn er von einem russischen
Husaren mit "Kamerad" angesprochen wurde, sehr wohl geantwortet
haben: "Nix Kamerad - ich Husar, du Hanswurst!" 1*) Ein anderes,
ebenso lächerliches Gebilde in fast allen Armeen sind die Küras-
siere - Männer, die durch das Gewicht ihrer Kürasse für den wirk-
lichen Kampf unbrauchbar sind und auch ihre Pferde dadurch in
Mitleidenschaft ziehen (ein französischer Küraß wiegt 22 Pfund);
bei all dem schützen die Kürasse sie nicht einmal vor der Wirkung
einer Gewehrkugel, die aus 150 Yards Entfernung abgefeuert wird!
Den Küraß war man in fast allen europäischen Armeen losgeworden,
bis Napoleons Liebe für Gepränge und monarchische Tradition ihn
bei den Franzosen wieder einführte, und diesem Beispiel folgten
bald alle Nationen Europas.
Neben unserer eigenen kleinen Armee ist die sardinische die ein-
zige unter denen der zivilisierten Nationen, in der die Kavalle-
rie ohne jede weitere Unterteilung aus leichter und schwerer Rei-
terei besteht und wo der Küraß vollständig abgeschafft worden
ist.
Bei der Feldartillerie findet man in jeder Armee einen Wirrwarr
verschiedener Kaliber. Theoretisch gesehen herrscht bei den Eng-
ländern die größte Mannigfaltigkeit, denn sie haben 8 Kaliber und
12 verschiedene Geschützmodelle; doch in der Praxis können sie
durch ihr umfangreiches Material die Artillerie auf die größte
Einfachheit beschränken. In der Krim zum Beispiel sind fast aus-
schließlich die Neunpfünder und die vierundzwanzigpfündigen Hau-
bitzen in Gebrauch. Die Franzosen haben während der letzten paar
Jahre ihre Artillerie soweit als möglich vereinfacht, indem sie
die 4 verschiedenen Kaliber durch eines ersetzten, durch die
leichte zwölfpfündige Haubitze, von der wir an gegebener Stelle
sprechen werden. In den meisten anderen Armeen gibt es noch 3 bis
4 Kaliber, von der Verschiedenartigkeit der Lafetten, Munitions-
wagen, Räder und dergleichen abgesehen.
Die technischen Truppen der verschiedenen Armeen, die Genietrup-
pen usw., den Stab mag man noch mit hinzunehmen, sind in allen
Armeen auf ziemlich gleiche Weise organisiert, außer daß bei den
Briten, zu ihrem großen Nachteil, der Stab überhaupt kein geson-
dertes Korps bildet. Andere kleine Unterschiede werden an gegebe-
ner Stelle erwähnt werden.
Wir beginnen mit jener Armee, die durch ihre Organisation während
der Revolution und unter Napoleon als eine Art Muster für alle
europäischen Armeen seit Anfang dieses Jahrhunderts gedient hat.
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1*) Diese Antwort in "Putnam's Monthly" englisch und deutsch
#417# Die Armeen Europas - Die französische Armee
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I. Die französische Armee
Als der gegenwärtige Krieg ausbrach, hatte Frankreich 100 Regi-
menter Linieninfanterie (das 76. bis 100. wurde bis vor kurzem
als "leichte Infanterie" bezeichnet, doch ihre Ausbildung und Or-
ganisation unterschied sich in keiner Weise von den Linienregi-
mentern). Jedes Regiment besteht aus 3 Bataillonen,
2 Feldbataillonen und das dritte als Reserve. In Kriegszeiten
kann das dritte Bataillon jedoch sehr schnell für den Felddienst
organisiert werden, und ein viertes Bataillon, das durch die be-
sondere Depotkompanie eines jeden der
3 Bataillone gebildet wird, übernimmt den Depotdienst. So war es
während der Kriege Napoleons, der sogar fünfte und in manchen
Fällen sechste Bataillone bildete. Gegenwärtig können wir jedoch
nur 3 Bataillone pro Regiment rechnen. Jedes Bataillon hat 8 Kom-
panien (1 Grenadier- und 1 Voltigeurkompanie, 6 Füsilierkompa-
nien) und jede Kompanie bei Kriegsstärke 3 Offiziere sowie 115
Unteroffiziere und Soldaten. Deshalb umfaßt ein französisches Li-
nienbataillon bei Kriegsstärke ungefähr 960 Mann, von denen ein
Achtel (dieVoltigeurkompanie) besonders für den Einsatz als
leichte Infanterie vorgesehen ist.
Die für den Dienst als leichte Infanterie bestimmten speziellen
Truppen bestehen aus den chasseurs-à-pied 1*) und den Afrikani-
schen Truppen. Die Jäger, vor dem Krieg nur 10 Bataillone, wurden
im Jahre 1853 auf 20 Bataillone verstärkt, so daß beinahe jede
Infanteriedivision der Armee (4 Regimenter) bei ihrer Formierung
ein Jägerbataillon erhalten kann. Diese Bataillone bestehen aus
10 Kompanien bzw. nahezu 1300 Mann. Die speziell für den Afrika-
dienst bestimmten Truppen sind gebildet aus: 3 Regimentern mit 9
Bataillonen Zuaven, 2 Regimentern oder 6 Bataillonen der Fremden-
legion, 6 Bataillonen leichter Infanterie (davon 3 Bataillone
einheimische Jäger), insgesamt 21 Bataillone oder ungefähr 22000
Mann.
Die Kavallerie besteht aus vier unterschiedlichen Teilen:
1. schwere oder Reservekavallerie: 12 Regimenter - davon 2 Regi-
menter Karabiniers (mit Gewehren bewaffnete Kürassiere), 10 Regi-
menter Kürassiere = 72 Eskadronen;
2. Linienkavallerie: 20 Regimenter - 12 Regimenter Dragoner, 8
Regimenter Lanciers = 120 Eskadronen;
3. leichte Kavallerie: 21 Regimenter - 12 Regimenter chasseurs-à-
cheval 2*), 9 Regimenter Husaren = 126 Eskadronen;
4. afrikanische leichte Kavallerie: 7 Regimenter - 4 Regimenter
Chasseurs d'Afrique 3*), 3 Regimenter Spahis = 42 Eskadronen.
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1*) Jägern zu Fuß - 2*) Jäger zu Pferd - 3*) für den Dienst in
Afrika bestimmte leichte Reiterei
#418# Friedrich Engels
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Die Eskadronen der Reserve- und Linienkavallerie bestehen - bei
Kriegsstärke - aus 190 Mann und die der leichten Kavallerie aus
200 Mann. In Friedenszeiten sind kaum 4 Eskadronen von je 120
Mann voll ausgerüstet, so daß bei jeder Mobilmachung der Armee
eine große Anzahl beurlaubter Soldaten einberufen und Pferde für
sie aufgebracht werden müssen, was in einem an Pferden so armen
Lande wie Frankreich ohne umfangreiche Einfuhr aus dem Ausland
niemals erreicht werden kann.
Die kürzlich reorganisierte Artillerie ist in 17 Regimentern for-
miert: 5 Regimenter Fußartillerie für den Garnison- und Belage-
rungsdienst, 7 Linienregimenter (den Infanteriedivisionen zuge-
teilt), 4 Regimenter reitende Artillerie und 1 Regiment Ponto-
niere. Die Fußartillerie ist wahrscheinlich nur in Notfällen für
den Kampf im Felde bestimmt. Bei der Linienartillerie sind die
Geschützlafetten und Protzen so konstruiert, daß die Kanoniere
während schneller Bewegungen aufsitzen können. Die reitende Ar-
tillerie ist wie in anderen Heeren organisiert. Die Linien- und
die reitende Artillerie umfassen 137 Batterien zu je 6 Geschüt-
zen, zu denen 60 Batterien Fußartillerie als Reserve hinzukommen,
insgesamt 1182 Geschütze. Außerdem gehören zur Artillerie 13 Kom-
panien Handwerker.
Die Sonderabteilungen der Armee umfassen: den Generalstab mit 560
Offizieren; Stäbe für die Festungen, die Artillerie und das Ge-
niekorps mit ungefähr 1200 Offizieren; 3 Regimenter Sappeure und
Mineure, 5 Packeskadronen, 5 Traineskadronen; 1187 Sanitätsoffi-
ziere usw. Die Gesamtzahlen sind folgende:
Infanterie
Linie, 300 Bataillone und 300 Depotkompanien 335 000
Jäger, 20 Bataillone 26 000
Afrikanische Truppen, 21 Bataillone 22 000 383 000
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Kavallerie
Reserve, 72 Eskadronen und 12 Depoteskadronen 16 300
Linie, 120 Eskadronen und 20 Depoteskadronen 28 400
Leichte, 126 Eskadronen und 21 Depoteskadronen 31 300
Afrikanische, 42 Eskadronen 10 000 86 000
------------------
Artillerie und Spezialkorps 1200 Geschütze und 70 000
------------------------------------
1200 Geschütze und 539 000
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Zu diesen müssen hinzugerechnet werden die neuformierte Garde in
der Stärke einer Infanteriedivision (2 Grenadierregimenter, 2
Voltigeurregimenter),
#419# Die Armeen Europas - Die französische Armee
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1 Brigade Kavallerie (1 Regiment Kürassiere, 1 Regiment Guiden),
1 Bataillon Jäger und 4 oder 5 Batterien Artillerie sowie 25000
Mann Gendarmerie, von denen 14000 Berittene sind. 2 weitere In-
fanterieregimenter, das 101. und das 102., sind kürzlich gebildet
worden, und eine neue Brigade der Fremdenlegion (Schweizer) wird
gerade gebildet. Also besitzt die französische Armee bei ihrer
gegenwärtigen Organisation in ihrem Gesamtbestand rund 600 000
Mann; das wird eine ziemlich genaue Schätzung der augen-
blicklichen Stärke sein.
Die Armee wird durch Auslosung unter allen jungen Männern rekru-
tiert, die das 20. Lebensjahr erreicht haben. Man kann annehmen,
daß jährlich ungefähr 140000 Mann zur Verfügung stehen; davon
werden jedoch in Friedenszeiten nur 60 000-80 000 in den Heeres-
dienst übernommen. Die übrigen können während der 8 Jahre, die
ihrer Auslosung folgen, jederzeit einberufen werden. Eine große
Anzahl Soldaten wird außerdem in Friedenszeiten für lange Zeit
beurlaubt, so daß die eigentliche Dienstzeit, selbst der Einberu-
fenen, 4 oder 5 Jahre nicht übersteigt. Durch dieses System ste-
hen keine ausgebildeten Reserven für den Notfall bereit, während
die wirklich diensttuenden Truppen einen hohen Grad der Lei-
stungsfähigkeit erhalten. Ein großer kontinentaler Krieg, in dem
Frankreich mit zwei oder drei großen Armeen kämpfen müßte, würde
es dazu zwingen, schon in der zweiten Kampagne viele unausgebil-
dete Rekruten ins Feld zu schicken, und in der dritten Kampagne
würde sich die Armee offensichtlich verschlechtern. Tatsache ist:
daß die Franzosen das Soldatenhandwerk sehr leicht erlernen;
warum wird aber dann die lange Dienstzeit beibehalten, die den
größeren Teil der zur Verfügung stehenden jungen Männer von dem
Vorteil einer Schule der militärischen Erziehung ausschließt?
Wo immer der Militärdienst obligatorisch und von langer Dauer
ist, führten die Lebensbedürfnisse der europäischen Gesellschaft
für die wohlhabenden Klassen zu dem Privileg, sich durch eine
Geldzahlung in der einen oder anderen Form von der persönlichen
Dienstpflicht freizukaufen. So ist in Frankreich das System,
einen Ersatzmann zu stellen, rechtlich anerkannt, und in der
französischen Armee dienen ständig ungefähr 80 000 dieser Ersatz-
leute. Sie kommen zumeist aus den sogenannten "gefährlichen Klas-
sen" und sind ziemlich schwierig zu behandeln, doch wenn sie ein-
mal eingewöhnt sind, geben sie großartige Soldaten ab. Sie können
nur durch eine strenge Disziplin im Zaume gehalten werden, und
ihre Ansichten über Ordnung und Unterordnung sind manchmal ziem-
lich ungewöhnlich. Wo immer eine große Anzahl von ihnen in einem
Regiment ist, werden sie bestimmt Schwierigkeiten in der Garnison
verursachen. Deshalb ist man der Meinung, daß sie vor
#420# Friedrich Engels
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dem Feind am besten aufgehoben sind, und daher werden die leich-
ten Truppen Afrikas speziell aus ihnen rekrutiert; zum Beispiel
traten beinahe alle Zuaven der Armee als "Remplaçants" 1*) bei.
Der Krimfeldzug hat im vollen Umfange bewiesen, daß die Zuaven
ihre afrikanischen Gewohnheiten überall mit hinnehmen - sowohl
ihre Liebe zum Plündern als auch ihr disziplinloses Verhalten bei
Fehlschlägen; und möglicherweise spricht der gleiche Geist aus
den Worten einer verwandten Seele, nämlich des verstorbenen Mar-
schalls Saint-Arnaud, wenn er in seinem Bericht über die Schlacht
an der Alma sagt: "Die Zuaven sind die besten Soldaten der Welt!"
Die Ausrüstung der französischen Armee ist im allgemeinen erst-
klassig. Die Waffen sind gut konstruiert, und besonders der Ka-
valleriesäbel ist ein sehr gutes Modell, obwohl er vielleicht ein
bißchen zu lang ist. Die Infanterie ist dem neuen System entspre-
chend ausgerüstet, das in Frankreich und in Preußen zur gleichen
Zeit eingeführt wurde; dadurch wurde das kreuzweise getragene
Bandelier für Patronentasche und Säbel oder Bajonett abgeschafft;
beide werden an einem Leibriemen, unterstützt durch zwei Leder-
riemen über den Schultern, getragen, der Tornister hingegen wird
locker an zwei über die Schultern gehende Riemen getragen, ohne
den altmodischen Verbindungsriemen quer über der Brust. Auf diese
Weise wird die Brust völlig frei gelassen, und der Soldat wird
ein ganz und gar anderer Mensch als der unglückliche Mann, der in
einen Lederküraß eingeschnürt und geschnallt ist, in den ihn das
alte System zwängte. Die Uniform ist einfach, aber geschmackvoll;
man muß wirklichanerkennen, daß die Franzosen sowohl in militäri-
schen wie in zivilen Moden mehr Geschmack gezeigt haben als ir-
gendeine andere Nation. Ein blauer Waffenrock oder Überrock, die
Oberschenkel bis zu den Knien bedeckend, mit einem vorn ausge-
schnittenen, niedrigen Stehkragen; scharlachfarbene, mäßig weite
Hosen; ein leichtes Käppi, die soldatischste Kopfbedeckung, die
bisher erfunden wurde; Schuhe, Gamaschen und ein bequemer grauer
Mantel; sie bilden zusammen eine so einfache und zweck-
entsprechende Ausstattung, wie sie in keiner anderen europäischen
Armee bekannt ist. In Afrika ist der Kopf gegen die Sonnenstrah-
len durch eine weiße Flanellkapuze geschützt; auch Flanellunter-
kleidung wird an die Truppen ausgegeben. In der Krim wurden wäh-
rend des letzten Winters Kapuzen aus schwerem Tuch getragen, die
Kopf, Hals und Schultern bedeckten. Die chasseurs-à-pied sind
ganz in Grau mit grünen Einfassungen gekleidet; die Zuaven tragen
eine Art türkisches Phantasiekostüm, das dem Klima und ihrem
Dienst gut angepaßt zu sein scheint. Die Jäger und einige andere
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1*) Ersatzleute
#421# Die Armeen Europas - Die französische Armee
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afrikanische Bataillone sind mit Minié-Gewehren bewaffnet, der
übrige Teil der Infanterie mit einfachen Perkussionsgewehren. Es
scheint jedoch die Absicht zu bestehen, den Anteil der mit gezo-
genen Gewehren ausgerüsteten Truppen zu erhöhen.
Die Kavallerie ist eine gut aussehende Truppe, leichter im Ge-
wicht als in vielen anderen Armeen, aber darum nicht schlechter.
In Friedenszeiten ist sie im ganzen recht gut mit Pferden ver-
sorgt, die im Ausland beschafft wurden oder aus den staatlichen
Gestüten und den Bezirken stammen, in denen man erfolgreich die
einheimische Zucht verbessern konnte, um die es bis vor kurzem
sehr schlecht bestellt war. Doch im Kriegsfall, wenn die Anzahl
der Pferde plötzlich verdoppelt werden muß, sind die Ressourcen
des Landes völlig ungenügend, und Tausende von Pferden müssen im
Ausland gekauft werden, von denen viele für den Kavalleriedienst
kaum tauglich sind. So wird die französische Kavallerie in jedem
langen Krieg bald nichts mehr taugen, wenn die Regierung ihre
Hand nicht auf die Ressourcen von Ländern legen kann, die reich
an Pferden sind, wie sie es in den Jahren 1805, 1806 und 1807 ge-
tan hat.
Die Artillerie ist jetzt ausschließlich mit dem neuen leichten
Zwölfpfünder ausgerüstet, der sogenannten Erfindung Louis-Napo-
leons. Doch da der leichte, für eine Ladung von einem Viertel des
Kugelgewichts eingerichtete Zwölfpfünder bereits in der engli-
schen und der holländischen Armee existierte, da die Belgier be-
reits bei ihren Haubitzen die Kammer abgeschafft hatten und da
Preußen und Österreicher in gewissen Fällen Granaten aus gewöhn-
lichen Zwölf- und Vierundzwanzigpfündern zu feuern pflegen, so
reduziert sich die angebliche Erfindung darauf, diesen leichten
Zwölfpfünder der gewöhnlichen französischen Achtpfünderlafette
angepaßt zu haben. Die französische Artillerie hat jedoch durch
den Wandel offensichtlich an Einfachheit und Wirksamkeit gewon-
nen; ob ihre Beweglichkeit gelitten hat, muß sich erst heraus-
stellen, ebenso, ob der Zwölfpfünder bei Hohlgeschossen wirksam
genug ist. Zumindest haben wir schon Hinweise gefunden, daß es
bereits als notwendig erachtet wurde, Haubitzen eines schwereren
Kalibers zur Armee im Osten zu schicken.
Das Exerzierreglement der französischen Armee ist eine sonderbare
Mischung von soldatischer Vernunft und altmodischen Traditionen.
Es gibt schwerlich eine andere Sprache, die besser für die knap-
pen, bestimmten und gebieterischen militärischen Kommandos ge-
eignet wäre als die französische; das Kommando wird jedoch im
allgemeinen mit außerordentlicher Weitschweifigkeit gegeben - wo
zwei oder drei Worte genügen würden, muß der Offizier einen gan-
zen Satz ausrufen oder sogar zwei. Die Manöver sind
#422# Friedrich Engels
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kompliziert, und das Exerzieren enthält ein gut Teil altmodi-
schen, mit dem heutigen Stand der Taktik überhaupt nicht zu ver-
einbarenden Unsinns. Im Tiraillieren, was den Franzosen geradezu
angeboren zu sein scheint, werden die Leute mit einer Pedanterie
gedrillt, die in Rußland kaum übertreffen wird. Dasselbe gilt für
manche Kavallerie- und Artilleriebewegungen. Doch immer, wenn die
Franzosen in den Krieg ziehen müssen, enthebt sie die sich aus
der Lage ergebende Notwendigkeit dieser veralteten und pedanti-
schen Bewegungen. Neue taktische Methoden, die sich neuen Situa-
tionen anpassen, werden von keinem so schnell festgelegt und ein-
geführt wie von den Franzosen.
Insgesamt gesehen ist der Dienst als leichte Truppe die forte 1*)
der Franzosen. Sie sind buchstäblich die leichtesten Truppen in
Europa. Nirgendwo ist die durchschnittliche Körpergröße der Armee
so gering wie in Frankreich. Im Jahre 1836 waren von rund 80 000
Mann in der französischen Armee nur 743 Mann 5 Fuß 8 Zoll groß
oder darüber, und nur s i e b e n maßen 6 Fuß, während volle
38 000 Mann 4 Fuß 10 1/2 Zoll bis 5 Fuß 2 Zoll groß waren. Trotz-
dem kämpfen diese kleinen Männer nicht nur außerordentlich gut,
sondern halten auch den schwersten Strapazen stand und übertref-
fen an Beweglichkeit fast jede andere Armee. General Napier be-
hauptet, daß der britische Soldat das am schwersten beladene
Kampftier der Welt sei; aber er hat niemals diese französisch-
afrikanischen Feldzugteilnehmer gesehen, die außer ihren Waffen
und dem persönlichen Gepäck Zelte, Feuerholz und Lebensmittel auf
ihrem Rücken so aufgehäuft tragen, daß diese Last ihre Tschakos
überragt, und die damit 30 oder 40 Meilen am Tagin tropischer
Hitze marschieren. Und dann vergleiche man den großen, schwerfäl-
ligen britischen Soldaten, der in Friedenszeiten wenigstens 5 Fuß
6 Zoll mißt, mit dem winzigen, kurzbeinigen Franzosen von 4 Fuß
10 Zoll, der dem Schneider im Märchen gleicht! Dabei bleibt der
kleine Franzose unter seiner ganzen Last ein großartiger leichter
Infanterist; er schwärmt aus, trabt, rennt, legt sich hin,
springt auf, während er zur gleichen Zeit ladet, feuert, vormar-
schiert, sich zurückzieht, sich zerstreut, sich sammelt, sich neu
formiert. Er zeigt sich nicht nur doppelt so behend, sondern auch
doppelt so intelligent wie sein knochiger Konkurrent von der In-
sel des "rosbif" 2*). Dieser Dienst als leichte Infanterie wurde
in den 20 Bataillonen der chasseurs-à-pied zu hoher Vollendung
gebracht. Diese unvergleichliche Truppe, unvergleichlich im Be-
reich ihres besonderen Dienstes, wird darin geübt, in Reichweite
des Feindes jede Bewegung in einer Art leichtem Trott auszufüh-
ren, der pas
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1*) Stärke - 2*) "Roastbeef"
#423# Die Armeen Europas - Die französische Armee
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gymnastique 1*) genannt wird, wobei sie 160-180 Schritte in der
Minute machen Aber sie können nicht nur, mit kurzen Pausen, eine
halbe Stunde und länger laufen, sondern auch kriechen, springen,
klettern und schwimmen; jede Bewegungsart, die möglicherweise
verlangt werden kann, ist ihnen gleichermaßen geläufig, wobei sie
erstklassige Schützen sind. Wer kann unter gleichen Bedingungen
im Tirailleurkampf diesen sicheren Schützen standhalten, die hin-
ter der geringsten Unebenheit des Bodens Deckung finden?
Beim Masseneinsatz der französischen Infanterie erwachsen den
Franzosen aus ihrem leidenschaftlichen Charakter sowohl große
Vorteile als auch große Nachteile. Allgemein wird ihr erster An-
griff durchdacht, schnell, entschlossen, wenn nicht gar heftig
sein. Ist er erfolgreich, so kann ihnen nichts widerstehen. Wird
er zurückgeschlagen, so werden sie sich schnell sammeln und in
der Lage sein, wieder vorzugehen; doch in einem unglücklichen
oder selbst in einem wechselvollen Kampf wird die französische
Infanterie bald ihre Festigkeit verlieren. Erfolg brauchen alle
Armeen, doch besonders jene der romanisch-keltischen Völker. Die
Teutonen sind ihnen in dieser Hinsicht entschieden überlegen.
Nachdem Napoleon die französische Armee einmal in Marsch gesetzt
hatte, vermochten die Franzosen 15 Jahre lang alles auf ihrem
Wege niederzuwerfen, bis Rückschläge sie niederzwangen; doch ein
Siebenjähriger Krieg [229], wie ihn Friedrich der Große führte,
ein Krieg, in dem er oft genug dem Ruin nahe, oft geschlagen und
schließlich doch siegreich war - ein solcher Krieg hätte niemals
mit französischen Truppen gewonnen werden können. Der Krieg in
Spanien 1809-1814 gibt dafür ein aufschlußreiches Beispiel.
Unter Napoleon war die französische Kavallerie, im Gegensatz zur
Infanterie, wegen ihres Einsatzes in Massen weit angesehener als
wegen ihre? Dienstes als leichte Truppe. Sie wurde für unbesieg-
bar gehalten, und selbst Napier gibt ihre Überlegenheit über die
englische Kavallerie jener Zeit zu Wellington tat bis zu einem
gewissen Grade dasselbe. Und seltsam, diese unwiderstehliche Ka-
vallerie bestand aus solch miserablen Reitern, daß alle, ihre An-
griffe im Trab gemacht wurden oder allerhöchstens in einem leich-
ter Galopp! Aber sie ritten dicht beieinander und wurden nie ein-
gesetzt, ohne daß die Artillerie ihnen durch ein schweres Feuer
den Weg bereitet hatte, und dann nur in großen Massen. Tapferkeit
und der Siegestaumel taten das übrige. Die heutige französische
Kavallerie, besonders die algerischen Regimenter, sind eine sehr
gute Truppe, sie können im allgemeinen gut reiten und wissen sich
noch besser zu schlagen, obwohl sie den Briten, Preußen und
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1*) gymnastischer Schritt
#424# Friedrich Engels
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besonders den Österreichern an reiterlichem Können noch unterle-
gen sind. Aber da die Armee, wenn sie auf den Kriegsfuß gebracht
wird, ihre Kavallerie verdoppeln muß, besteht kein Zweifel, daß
die Qualität absinken wird. Es ist jedoch eine Tatsache, daß die
Franzosen in hohem Maße die notwendige Eigenschaft eines Reiter-
soldaten besitzen, die wir S c h n e i d nennen und die eine
ganze Reihe Mängel wieder wettmacht. Andrerseits geht kein ande-
rer Soldat so sorglos mit seinen Pferden um wie der Franzose.
Die französische Artillerie stand immer in sehr hohem Ansehen.
Beinahe alle Verbesserungen, die während der letzten drei oder
vier Jahrhunderte in der Geschützkunst gemacht wurden, stammen
von Franzosen. Während der napoleonischen Kriege war die franzö-
sische Artillerie besonders gefürchtet, denn sie war außerordent-
lich geschickt in der Wahl der Stellungen für ihre Geschütze,
eine Kunst, die damals in anderen Armeen nur sehr unvollkommen
beherrscht wurde. Alle Zeugnisse stimmen überein, daß niemand den
Franzosen darin gleichkommt, die Geschütze so aufzustellen, daß
das Gelände vor ihnen sie vor dem Feuer des Feindes deckt, wäh-
rend es die Wirkung des eigenen Feuers begünstigt. Auch war der
theoretische Zweig der Artillerie schon immer eine von den Fran-
zosen bevorzugte Wissenschaft; ihr Sinn für Mathematik begünstigt
das; Genauigkeit der Sprache, wissenschaftliche Methode, Ge-
diegenheit der Ansichten charakterisieren ihre artilleristische
Literatur und zeigen, wie sehr dieser Zweig der Wissenschaft ih-
rer nationalen Eigenart entspricht.
Von den Spezialtruppen, dem Geniekorps, dem Stab, dem Sanitäts-
personal und den Traintruppen können wir nur sagen, daß sie
höchst leistungsfähig sind. Die Militärschulen sind Vorbilder
ihrer Art. Von dem französischen Offizier wird nicht die gleiche
Allgemeinbildung verlangt wie in Preußen, doch geben ihm die
Schulen, die er absolvieren muß, eine erstklassige Ausbildung für
seinen Beruf, einschließlich gründlicher Kenntnisse in den
Hilfswissenschaften und einer gewissen Fertigkeit in zumindest
einer lebenden Sprache. Es gibt jedoch eine andere Gruppe von
Offizieren in der französischen Armee, nämlich die, die aus den
Reihen der alten Unteroffiziere hervorgegangen ist. Diese
letzteren avancieren selten höher als bis zum Hauptmann, so daß
die Franzosen oft junge Generale und alte Hauptleute haben;
dieses System bewährt sich außerordentlich gut.
Im großen und ganzen zeigt die französische Armee in all ihren
Teilen, daß sie einer kriegerischen und temperamentvollen Nation
angehört, die auf ihre Verteidiger stolz ist. Daß die Disziplin
und die Leistungsfähigkeit dieser Armee den Verführungen Louis
Bonapartes widerstanden hat und daß die Prätorianer des Dezember
1851 [49] so schnell in die Helden der Krim verwandelt
#425# Die Armeen Europas - Die englische Armee
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werden konnten, spricht gewiß sehr für sie. Niemals wurde einer
Armee durch eine Regierung mehr geschmeichelt und mehr gehuldigt,
wurde sie offener zu aller Art Ausschweifungen aufgefordert als
die französische Armee im Herbst 1851. Niemals wurde ihr solche
Zügellosigkeit erlaubt wie während des Bürgerkrieges im Dezember,
doch die Soldaten haben sich zur Disziplin zurückgefunden und
versehen ihren Dienst sehr gut. Zugegeben, das prätorianische
Element ist in der Krim mehrmals an die Oberfläche gekommen, doch
Canrobert konnte es immer wieder unterdrücken.
II. Die englische Armee [230]
Die britische Armee bildet einen vollständigen Gegensatz zur
französischen. Nicht zwei Berührungspunkte existieren zwischen
beiden. Wo die Franzosen stark sind, sind die Briten schwach und
vice versa 1*). Wie Alt-England selbst eine Masse schleichender
Mißbräuche, ist die Organisation der englischen Armee faul bis
zum Herzen. Alles scheint so geordnet, um jede Möglichkeit abzu-
schneiden, daß es seinen Zweck erfülle. Durch einen unerklärli-
chen Glücksfall nehmen die kühnsten Neuerungen - nicht zahlreich
in der Tat - ihren Platz ein mitten unter den Ruinen überjährigen
Blödsinns; und dennoch, sooft die schwerfällige, knarrende Ma-
schine ins Werk gesetzt wird, vollbringt sie in der einen oder
andern Weise ihre Arbeit.
Die Organisation der britischen Armee ist bald beschrieben. Die
Infanterie besteht aus 3 Regimentern Garde, 85 Linienregimentern,
13 Regimentern leichte Infanterie, 2 Regimentern Schützen. Wäh-
rend des gegenwärtigen Kriegs zählen die Garden, die Schützen und
einige andere Regimenter 3 Bataillone, der Rest hat nur 2. Ein
Depot wird in jedem durch eine Kompanie gebildet. Die Rekrutie-
rung reicht jedoch kaum hin, die durch den Krieg verursachten
Lücken zu füllen, und deshalb kann von der Existenz der zweiten
Bataillone kaum die Rede sein. Die gegenwärtige Effektivkraft der
britischen Armee überbietet sicher nicht 120 000 Mann.
Neben den regelmäßigen Truppen bildet die Miliz einen Bestandteil
der Infanterie, als eine Art von Reserve oder Zuchtschule für die
Armee. Ihre Zahl, gemäß einem Parlamentsbeschluß, darf bis zu
80 000 Mann betragen, zählt aber augenblicklich kaum 60 000, ob-
wohl in Lancashire allein 6 Bataillone ausgehoben wurden. Nach
den Bestimmungen des Gesetzes kann die Miliz freiwilligen Dienst
nehmen in den Kolonien, aber nicht auf ausländische
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1*) umgekehrt
#426# Friedrich Engels
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Kriegstheater geführt werden. Sie kann also nur benutzt werden
zur Freisetzung der Liniensoldaten in den Garnisonen von Korfu,
Malta und Gibraltar oder vielleicht später von entlegenen briti-
schen Niederlassungen.
Die Kavallerie hat 3 Regimenter Garde (Kürassiere), 6 Regimenter
Gardedragoner (schwere), 4 schwere sowie 4 leichte Dragonerregi-
menter, 5 Husaren- und 4 Ulanenregimenter. Jedes Regiment, auf
dem Kriegsfuß, ist zu 1000 Säbeln zu erheben (4 Eskadronen von
250 Mann nebst einem Depot). Einige Regimenter hatten diese
Stärke, als sie England verließen, aber die Unglücksfälle in der
Krim während des Winters, die sinnlose Attacke bei Balaklawa [3]
und der Rekrutenmangel haben im ganzen den alten Friedensfuß wie-
derhergestellt. Wir glauben nicht, daß die Gesamtzahl der 26 Re-
gimenter in diesem Augenblick 10 000 Säbel beträgt, das heißt 400
Säbel im Durchschnitt pro Regiment.
Die Artillerie besteht aus einem Regiment Fußartillerie (12 Ba-
taillone mit 96 Batterien) und einer Brigade reitender Artillerie
(7 Batterien und 1 Raketenbatterie). Jede Batterie hat 5 Kanonen
und 1 Haubitze; die Kaliber der Kanonen sind Drei-, Sechs-,
Neun-, Zwölf- und Achtzehnpfünder, die der Haubitzen 4 2/5 Zoll,
4 1/2 Zoll, 5 1/2 Zoll und 8 Zoll. Jede Batterie hat außerdem
auch 2 Modelle von Kanonen von fast jedem Kaliber, schwere und
leichte. In der Tat jedoch bilden jetzt der leichte Neun- und
Zwölfpfünder sowie die viereinhalb- und fünfeinhalbzöllige Hau-
bitze das Feldkaliber, und im ganzen kann der Neunpfünder nun als
die allgemein gebräuchliche Kanone der britischen Artillerie be-
trachtet werden, mit der viereinhalbzölligen (vierundzwanzig-
pfündigen) Haubitze zur Unterstützung. Neben diesen sind Sechs-
und Zwölfpfünderraketen in Gebrauch.
Da die englische Armee auf Friedensfuß nur eine Kaderarmee für
den Kriegsfuß bildet und gänzlich durch freiwillige Rekrutierung
ergänzt wird, kann ihre wirkliche Stärke für einen gegebenen Mo-
ment nie exakt angegeben werden. Wir glauben jedoch, wir können
ihre jetzige Stärke ungefähr schätzen auf 120 000 Mann Infante-
rie, 10 000 Mann Kavallerie und 12 000 Mann Artillerie mit 600
Kanonen (davon ist nicht einmal der fünfte Teil bespannt). Von
diesen 142 000 Mann befinden sich etwa 32 000 auf der Krim, etwa
50 000 in Indien und den Kolonien und die übrigbleibenden 60 000
(eine Hälfte davon Rekruten, die andere Exerziermeister der Re-
kruten) in der Heimat. Zu diesen kommen etwa 60 000 Milizleute
hinzu. Die Pensionäre, Yeomanry-cavalry 1*) und andere nutzlose
und für den auswärtigen Dienst nicht verwendbare Korps lassen wir
natürlich ganz außer Rechnung.
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1*) berittene Freiwillige (oder Landmiliz)
#427# Die Armeen Europas - Die englische Armee
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Das Rekrutiersystem durch freiwillige Werbung macht es in Kriegs-
zeiten sehr schwer, die Armee vollzählig zu halten, wie die Eng-
länder jetzt erneut erfahren. Wir sehen wieder, wie unter Wel-
lington, daß 30 000 bis 40 000 Mann das Maximum ist, was sie auf
einem bestimmten Kriegstheater konzentrieren und vollzählig hal-
ten können, und da sie jetzt nicht Spanier zu Alliierten haben,
sondern Franzosen, verschwindet "die heroische kleine Bande" der
Briten fast ganz in der Mitte der alliierten Armee.
Eine einzige Institution der britischen Armee reicht völlig hin
zur Charakteristik der Klasse, woraus der britische Soldat rekru-
tiert wird. Wir meinen die Strafe des Auspeitschens. Körperliche
Züchtigung existiert nicht mehr in der französischen und preußi-
schen Armee sowie in mehreren kleineren Armeen. Selbst in Öster-
reich, wo der größere Teil der Rekruten aus Halbbarbaren besteht,
strebt man offenbar - nach ihrer Beseitigung; so wurde neulich
die Strafe des Spießrutenlaufens aus dem österreichischen
Militärgesetz ausgemerzt. In England dagegen ist die neunschwän-
zige Katze in voller Wirksamkeit erhalten - ein Torturinstrument
ganz ebenbürtig der russischen Knute in ihrer Glanzzeit. Seltsam,
sooft eine Reform der Kriegsgesetzgebung im Parlament angeregt
wurde, ereiferten sich alle alten Martinets 1*) für die "Katze"
und keiner leidenschaftlicher als der alte Wellington. Für sie
war ein ungepeitschter Soldat ein unbegreifliches Wesen. Tapfer-
keit, Disziplin und Unbesiegbarkeit waren in ihren Augen die aus-
schließlichen Attribute von Männern, die die Narben von minde-
stens 50 Hieben auf ihren Rücken tragen.
Die neunschwänzige Katze, das darf nicht vergessen werden, ist
nicht nur ein Peinigungsinstrument, sie läßt unvergängliche Nar-
ben zurück, sie brandmarkt einen Mann für Lebenszeit. Selbst in
der englischen Armee ist eine solche körperliche Strafe, eine
solche Brandmarkung, eine ewige Schmach. Der ausgepeitschte Sol-
dat verliert bei seinen Kameraden an Ansehen. Aber gemäß dem bri-
tischen Militärkodex besteht die Strafe vor dem Feinde fast aus-
schließlich in der Auspeitschung, und so ist die Strafe, die von
ihren Verteidigern als das einzige Mittel zum Aufrechterhalten
der Disziplin im entscheidenden Augenblick gerühmt wird, das si-
cherste Mittel zur Zerstörung der Disziplin, indem es die Moral
und den Point d'honneur 2*) des Soldaten bricht.
Dies erklärt zwei sehr sonderbare Tatsachen. Erstens: Die große
Zahl der englischen Deserteure vor Sewastopol. Im Winter, als die
britischen Soldaten
-----
1*) (nach dem Namen des französischen Generals Martinet, der zur
Zeit Ludwigs XIV. lebte und als "strenger Vorgesetzter" berüch-
tigt war; hier im Sinne von:) Zuchtmeister - 2*) Ehrgefühl
#428# Friedrich Engels
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übermenschliche Anstrengungen zu machen hatten, um die Gräben zu
bewachen, wurden diejenigen, welche sich nicht 48-60 Stunden hin-
tereinander wachhalten konnten, ausgepeitscht. Man denke nur,
solche Heroen wie die britischen Soldaten, die sich bewährt hat-
ten in den Laufgräben vor Sewastopol und die Schlacht bei Inker-
man [111] trotz ihrer Generale gewonnen hatten, auszupeitschen!
Aber die Kriegsartikel ließen keine Wahl. Die besten Männer in
der Armee, wenn von Ermüdung überwältigt, wurden ausgepeitscht,
und entehrt, wie sie waren, desertierten sie zu den Russen. Wahr-
lich, es kann kein schärferes Verdammungsurteil für dieses System
geben als das. In keinem früheren Krieg sind Truppen irgendeiner
Nation in nennenswerter Anzahl zu den Russen desertiert; sie wuß-
ten, daß sie schlechter behandelt werden würden als in der eige-
nen Armee. Es war der englischen Armee vorbehalten, das erste
starke Kontingent solcher Deserteure zu stellen, und nach dem
Zeugnis der Engländer selbst war es das Auspeitschen, das die
Soldaten desertieren ließ. Die andere Tatsache ist die Schwierig-
keit, worauf England bei jedem Versuch zur Bildung von Fremdenle-
gionen im Rahmen der britischen Kriegsgesetzgebung stößt. Die
Festlandbewohner sind in bezug auf ihre Rücken sehr eigenartig.
Die Aussicht, geprügelt zu werden, hat die Versuchung, die große
Beute und gute Löhnung darstellen, überwunden. Bis Ende Juni hat-
ten sich nicht mehr als 1000 Mann gemeldet, wo 15 000 gebraucht
wurden, und soviel ist gewiß, wenn die Behörden versuchen, selbst
unter diesen 1000 Anwärtern das Prügeln einzuführen, dann werden
sie einen Sturm erleben, der sie dazu zwingen wird, entweder
nachzugeben oder die Fremdenlegion sofort aufzulösen.
Uniformierung und Equipierung des britischen Soldaten sind ein
Beispiel dafür, wie sie nicht sein sollten. Bis heute ist die
Uniform, wie sie die Armeen bis 1815 zu tragen pflegten, die
gleiche geblieben. Eine Verbesserung wurde nicht zugelassen. Der
alte, kurze Schwalbenschwanzrock, entstellt durch häßliche Auf-
schläge, unterscheidet den britischen immer noch von jedem ande-
ren Soldaten. Die Hosen sind eng und unbequem. Das alte System
des kreuzweise getragenen Bandeliers zum Befestigen von Bajonett-
scheide, Patronentasche und Tornister herrscht uneingeschränkt in
fast allen Regimentern. Die Bekleidung der Kavallerie hat einen
besseren Sitz und ist auch sonst weit besser als die der Infante-
rie; aber sie ist trotz allem viel zu eng und unbequem. England
allein hat in seiner Armee den roten Waffenrock, den "stolzen
roten Rock", wie ihn Napier nennt, beibehalten. Dieser Rock, der
den Soldaten das Aussehen von dressierten Affen gibt, soll durch
seinen Glanz unter den Feinden Schrecken hervorrufen. Doch ach!
Wer je einen der ziegelfarbenen britischen Infanteristen gesehen
hat, muß zugeben, daß ihre
#429# Die Armeen Europas - Die englische Armee
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Röcke nach vierwöchigem Tragen in jedem Beobachter unbestreitbar
nicht den Gedanken der Furcht, sondern der Schäbigkeit erregen
und daß jede andere Farbe weit furchterregender sein würde, wenn
sie nur Staub, Schmutz und Nässe widerstehen könnte! Die Dänen
und die Hannoveraner haben einmal den roten Rock getragen, aber
sie ließen ihn sehr bald fallen. Die erste Kampagne in Schleswig
zeigte den Dänen, was für ein großartiges Ziel dem Feind durch
den roten Rock und die weißen Kreuzbandeliers geboten wird.
Die neue Bekleidungsordnung hat einen roten Rock vom Schnitt des
preußischen herausgebracht. Die Infanterie trägt den österreichi-
schen Tschako oder das Käppi, die Kavallerie den preußischen
Helm. Die Kreuzbandelierausrüstung, die rote Farbe, die engen
Hosen sind mehr oder weniger geblieben. So kommt die Neuerung auf
ein Nichts heraus; der britische Soldat wird sich so seltsam wie
bisher unter den anderen europäischen Armeen ausnehmen, die ein
wenig mehr dem gesunden Menschenverstand entsprechend gekleidet
und ausgerüstet sind.
Trotzdem ist in der britischen Armee eine Verbesserung eingeführt
worden, die alles, was in anderen Ländern getan wurde, weit hin-
ter sich zurückläßt. Das ist die Bewaffnung der gesamten Infante-
rie mit dem durch Pritchett verbesserten Minié-Gewehr. Wie die
alten Männer an der Spitze der Armee, Männer, die in ihren Vorur-
teilen gewöhnlich so hartnäckig sind, zu einem solch kühnen Ent-
schluß kommen konnten, kann man sich schwer vorstellen; doch ha-
ben sie es getan und damit die Wirksamkeit ihrer Infanterie
verdoppelt. Es unterliegt keinem Zweifel, daß das Minié-Gewehr
durch die außerordentliche Zielsicherheit und große Durchschlags-
kraft den Tag von Inkerman zugunsten der Engländer entschied.
Wann immer eine englische Infanterielinie ihr Feuer eröffnet, muß
ihre Wirkung auf jeden mit der gewöhnlichen Muskete bewaffneten
Feind überwältigend sein, da das englische Minié-Gewehr so
schnell geladen wird wie nur irgendein glattläufiges Gewehr.
Die Kavallerie besteht aus prächtigen Leuten, sie ist gut berit-
ten und mit Säbeln von ausgezeichnetem Muster versehen; was sie
leisten kann, hat sie bei Balaklawa gezeigt. Aber im Durchschnitt
sind die Leute zu schwer für ihre Pferde, und einige Monate akti-
ver Kampfhandlungen müssen die britische Kavallerie auf ein
Nichts reduzieren. Die Krim hat davon ein neues Beispiel gelie-
fert. Wenn das durchschnittliche Maß für die schwere Kavallerie
auf 5 Fuß 6 Zoll herabgesetzt würde und für die leichte Kavalle-
rie auf 5 Fuß 4 oder gar 2 Zoll, wie es unseres Wissens jetzt der
Infanterie entspricht, so könnte ein Mannschaftskörper gebildet
werden, der für den eigentlichen Felddienst der Kavallerie weit
geeigneter wäre. Da die Pferde zu schwer
#430# Friedrich Engels
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belastet sind, müssen sie zusammenbrechen, bevor sie mit Erfolg
gegen den Feind gebraucht werden können.
Die Artillerie besteht ebenfalls aus zu großen Leuten. Die
durchschnittliche Größe eines Artilleristen sollte so sein, daß
er in der Lage ist, einen Zwölfpfünder abzuprotzen; und 5 Fuß 2
Zoll bis 5 Fuß 6 Zoll sind für diesen Zweck mehr als genug, wie
wir aus reicher persönlicher Erfahrung und Beobachtung wissen. In
der Tat sind Männer von ungefähr 5 Fuß 5 oder auch 6 Zoll, wenn
sie kräftig gebaut sind, im allgemeinen die besten Kanoniere.
Doch wollen die Briten ein Paradekorps, und deshalb haben ihre
Männer, obwohl sie groß sind und gut aussehen, nicht jenen kräf-
tigen Körperbau, der für einen wirklich brauchbaren Artilleristen
so notwendig ist. Das Artilleriematerial ist erstklassig. Die Ka-
nonen sind die besten in Europa, das Pulver ist anerkannt das
stärkste in der Welt, die Kugeln und Granaten besitzen eine
Glattheit der Oberfläche wie nirgendwo sonst. Doch bei alledem
haben keine Geschütze der Welt eine derartige Streuung, und das
zeigt, welche Männer sie bedienen. Es gibt kaum eine Artillerie
in Europa, die von Männern mit einer so unzureichenden fachlichen
Ausbildung wie die Briten befehligt wird. Ihre Ausbildung geht
selten über die Grundelemente der Artilleriewissenschaft hinaus,
und in der Praxis handhaben sie die Feldgeschütze, so gut sie es
verstehen, und das nur unvollkommen. Zwei Eigenschaften zeichnen
die britische Artillerie aus, Gemeine wie Offiziere: ungewöhnlich
scharfes Auge und große Ruhe während des Kampfes.
Im ganzen ist die Wirksamkeit der britischen Armee wesentlich
beeinträchtigt durch die theoretische und praktische Unwissenheit
der Offiziere. Die Examination, der sie sich neuerdings unter-
werfen müssen, ist in der Tat lächerlich - ein Kapitän examiniert
in den drei ersten Büchern des Euklid [231]! Aber die britische
Armee ist hauptsächlich dazu da, die Jüngern Söhne der Aristokra-
tie und der Gentry in respektablen Stellungen unterzubringen. Da-
her kann das Maß der Ausbildung für ihre Offiziere nicht den Er-
fordernissen des Dienstes entsprechen, sondern muß dem geringen
Wissen angepaßt werden, das man durchschnittlich von einem engli-
schen "Gentleman" erwarten kann. Was die praktischen militäri-
schen Kenntnisse des Offiziers betrifft, so sind sie ebenso unge-
nügend. Der britische Offizier kennt nur eine Pflicht: seine
Leute am Tage der Schlacht direkt gegen den Feind zu führen und
ihnen ein Beispiel an Bravour zu geben. Geschick in der Führung
der Truppen, Ergreifen günstiger Gelegenheiten und dergleichen
wird nicht von ihm erwartet, und nun gar nach seinen Leuten und
ihren Bedürfnissen sich umschauen, solche Idee würde ihm kaum je-
mals in den Sinn kommen. Die Hälfte des Mißgeschicks der briti-
schen Armee in der Krim entsprang dieser
#431# Die Armeen Europas - Die englische Armee
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allgemeinen Unfähigkeit der Offiziere. Sie haben jedoch eine Ei-
genschaft, die sie für ihre Funktionen befähigt: Meist leiden-
schaftliche Jäger, besitzen sie jene instinktive und rasche Auf-
fassung der Terrainvorteile, die die Praxis der Jagd mehr oder
minder mit sich bringt.
Die Unfähigkeit der Offiziere bringt nirgendwo größeren Schaden
als im Stabe. Da kein regelrecht ausgebildetes Stabskorps exi-
stiert, bildet jeder General seinen eigenen Stab aus Regimentsof-
fizieren, und diese sind auf allen Gebieten ihres Dienstes Igno-
ranten. Ein solcher Stab ist übler als gar kein Stab. Insbeson-
dere der Aufklärungsdienst muß daher stets mangelhaft bleiben,
wie es nicht anders sein kann bei Menschen, die kaum wissen, was
von ihnen erwartet wird.
Die Ausbildung der anderen Spezialkorps ist etwas besser, aber
tief unter dem Niveau anderer Nationen; im allgemeinen würde ein
englischer Offizier in jedem andern Lande unter Leuten seines
Standes als Ignorant gelten. Zeuge ist die britische MilitärIite-
ratur. Die meisten Werke sind voll von groben Schnitzern, die an-
derswo einem Kandidaten für den Leutnantsgrad nicht verziehen
werden würden. Jede Darstellung von Tatsachen wird in einer
schludrigen, unsachlichen und unsoldatischen Art gegeben, wobei
die wichtigsten Punkte ausgelassen werden und es sich sofort
zeigt, daß der Schreiber sein Fach nicht beherrscht. Den lächer-
lichsten Behauptungen ausländischer Bücher wird daher ohne wei-
teres Glauben geschenkt. *) Wir dürfen jedoch nicht vergessen,
daß es einige ehrenwerte Ausnahmen gibt, unter denen W[illiam]
Napiers "Krieg auf der Pyrenäenhalbinsel" und Howard Douglas'
"Seeartillerie" an erster Stelle stehen [233].
Die Verwaltungs-, Sanitäts-, Kommissariats-, Transport- und ande-
ren Nebendepartements sind in einem jämmerlichen Zustand und ha-
ben einen gründlichen Zusammenbruch erlitten, als sie in der Krim
ausprobiert wurden. Es werden Anstrengungen gemacht, diese zu
verbessern und ebenso die Administration zu zentralisieren, aber
es kann wenig Gutes erwartet werden, solange die Ziviladministra-
tion oder vielmehr die gesamte Regierungsgewalt überhaupt die
gleiche bleibt.
Mit all diesen ungeheuren Mängeln erreicht es die britische Ar-
mee, sich recht und schlecht durch jede Kampagne zu schlagen,
wenn nicht mit Erfolg, mindestens ohne Schmach. Wir finden Verlu-
ste an Menschenleben, ein gut Teil von Mißverwaltung, ein Konglo-
merat von Irrtümern und Schnitzern, die uns in Erstaunen setzen,
wenn wir sie mit dem Stand anderer Armeen
---
*) Als ein Beispiel beziehen wir uns auf das Werk über Feuerwaf-
fen von Oberst Chesney [232], der als einer der besten Artille-
rieoffiziere in Großbritannien gilt.
#432# Friedrich Engels
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unter denselben Umständen vergleichen; aber keinen Verlust an mi-
litärischer Ehre, seltenes Zurückgeschlagen wer den, gänzliche
Niederlage fast nie. Es ist die große persönliche Tapferkeit und
Zähigkeit der Truppen, ihre Disziplin und ihr unbedingter Gehor-
sam, denen dieses Resultat geschuldet wird. Schwerfällig, verle-
gen und hilflos, wie der britische Soldat ist, wenn er auf seine
eigenen Hilfsquellen angewiesen ist oder wenn er den Dienst
leichter Truppen verrichten soll, übertrifft ihn niemand in einer
regulären Schlacht, wo er in Massen agiert. Seine forte 1*) ist
der Kampf in Linie. Eine englische Schlachtlinie tut, was kaum
von einer anderen Infanterie je geleistet worden ist: Kavallerie
i n L i n i e empfangen, ihre Musketen bis zum letzten Augen-
blick geladen halten und erst einen Kugelregen abfeuern, wenn
sich der Feind auf 30 Yards genähert hat, und fast immer mit dem
größten Erfolg. Die britische Infanterie feuert mit einer solchen
Kaltblütigkeit selbst im kritischsten Augenblick so, daß ihr
Feuer in seiner Wirkung das aller andern Truppen übertrifft. So
trieben die Hochländer, in Linie formiert, die russische Kaval-
lerie bei Balaklawa zurück. Die unbezwingbare Zähigkeit dieser
Infanterie zeigte sich niemals in höherem Glänze als bei Inker-
man, wo die Franzosen unter denselben Umständen sicher überwäl-
tigt worden wären; aber andrerseits würden die Franzosen nie zu-
gelassen haben, daß man sie ohne Sicherung in einer solchen Posi-
tion überrascht. Diese Festigkeit und Zähigkeit in Angriff und
Verteidigung bilden die große ausgleichende Eigenschaft der
britischen Armee, und sie allein rettete sie vor mancher Nieder-
lage, die wohlverdient und beinahe absichtlich provoziert war
durch die Unfähigkeit ihrer Offiziere, die Absurdität ihrer Füh-
rung und die Schwerfälligkeit ihrer Bewegungen.
III. Die österreichische Armee
Österreich nutzte die erste Zeit der Ruhe nach den schweren Prü-
fungen der Jahre 1848 und 1849, seine Armee auf einen modernen
Stand zu bringen. Beinahe jedes Ressort ist vollständig umgeformt
worden, und die Armee ist jetzt weit leistungsfähiger denn je.
Zuerst wollen wir uns mit der Infanterie beschäftigen. Die Linie
besteht aus 62 Regimentern, daneben gibt es 1 Regiment und 25 Ba-
taillone Schützen sowie 14 Regimenter und 1 Bataillon Grenzinfan-
terie. Letztere bilden zusammen mit den Schützen die leichte In-
fanterie.
Ein Infanterieregiment der Linie besteht aus 5 Feldbataillonen
und 1 Depotbataillon - zusammen 32 Kompanien -, jede Feldkompanie
220 Mann
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1*) Stärke
#433# Die Armeen Europas - Die österreichische Armee
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stark und die Depotkompanien je 130 Mann. So umfaßt das Feldba-
taillon ungefähr 1300 und das ganze Regiment nahezu 6000 Mann
oder soviel wie eine britische Division. Die ganze Linie hat da-
her bei Kriegsstärke ungefähr 370 000 Mann.
Die Grenzinfanterie hat pro Regiment 2 Feldbataillone und 1
Depotbataillon, zusammen 16 Kompanien; insgesamt 3850 Mann; die
gesamte Grenzinfanterie umfaßt 55 000 Mann.
Die Jäger oder Schützen sind insgesamt 32 Bataillone stark von
ungefähr je 1000 Mann; insgesamt 32 000 Mann.
Die schwere Kavallerie der Armee besteht aus 8 Kürassier- und 8
Dragonerregimentern, die leichte aus 12 Husaren- und 12 Ulanenre-
gimentern (7 davon waren früher leichte Dragoner oder Chevauxlé-
gers 1*), wurden neuerdings jedoch in Ulanenregimenter umgewan-
delt).
Die schweren Regimenter bestehen aus 6 Eskadronen und 1 Depotes-
kadron - die leichten aus 8 Eskadronen und 1 Depoteskadron. Die
schweren Regimenter haben 1200 Mann, die leichten 1600 Mann. Die
gesamte Kavallerie beträgt bei Kriegsstärke ungefähr 67 000 Mann.
Die Artillerie hat 12 Regimenter Feldartillerie, von denen jedes
aus 4 Fußbatterien Sechspfünder und 3 Fußbatterien Zwölfpfünder
sowie 6 Kavalleriebatterien und 1 Haubitzenbatterie besteht,
insgesamt 1344 Geschütze bei Kriegsstärke; 1 Küstenregiment und 1
Regiment von 20 Raketenbatterien mit 160 Rohren. Insgesamt 1500
Geschütze und Raketenrohre sowie 53 000 Mann
Das ergibt bei Kriegsstärke einen Effektivbestand von insgesamt
522 000 Soldaten.
Diesen müssen ungefähr 16 000 Sappeure, Mineure und Pontoniere
hinzugezählt werden, 20 000 Gendarmen, der Personalbestand des
Transportdienstes und dergleichen, was die Gesamtsumme auf unge-
fähr 590 000 Mann erhöht.
Durch die Einberufung der Reserve kann die Armee um 100 000 bis
120 000 Mann erhöht, und durch die Inanspruchnahme der Hilfsquel-
len der Grenztruppen bis zum äußersten können weitere 100 000-
120 000 Mann zur Verfügung gestellt werden. Aber da diese Kräfte
nicht zu einem gegebenen Zeitpunkt zusammengebracht werden können
und nur nach und nach eintreffen, dienen sie deshalb hauptsäch-
lich dazu, die Reihen der Mannschaften aufzufüllen. Mehr als
650 000 Mann auf einmal kann Österreich kaum aufbieten.
Die Armee ist in zwei ganz unterschiedliche Truppenkörper ge-
teilt, die reguläre Armee und die Grenztruppen. Bei der Armee be-
trägt die Dienstzeit 8 Jahre, danach bleiben die Leute 2 weitere
Jahre in der Reserve. Jedoch
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1*) leichte Reiter
#434# Friedrich Engels
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werden die Soldaten auf lange Zeit beurlaubt - wie in Frankreich
-, und 5 Jahre dürften der Zeit eher entsprechen, in der die Män-
ner wirklich unter Waffen stehen.
Für die Grenztruppen gilt ein ganz anderes Prinzip. Sie sind die
Nachkommen südslawischer (Kroaten oder Serben), walachischer und
teilweise deutscher Siedler, die ihr Land als militärisches Lehen
von der Krone besitzen und die früher zum Schutz der Grenze von
Dalmatien bis Transsylvanien gegen die Einfälle der Türken einge-
setzt waren. Dieser Dienst ist jetzt zu einer leeren Formalität
herabgesunken, doch dessenungeachtet ist die österreichische Re-
gierung nicht geneigt, diese großartige Soldatenzuchtschule zu
opfern. Es war die bestehende Organisation der Grenztruppen, die
1848 Radetzkys Armee in Italien rettete und 1849 die erste Inva-
sion Ungarns unter Windischgrätz ermöglichte. Franz Joseph ver-
dankt seinen Thron nach Rußland den südslawischen Grenzregimen-
tern. In dem langen von ihnen besetzten Landstreifen ist jeder
Besitzer eines Kronlehens (das heißt fast jeder Einwohner) von
seinem 20. bis zu seinem 50. Lebensjahr dienstpflichtig, wenn er
einberufen wird. Natürlich füllen die jüngeren Männer die
Regimenter auf; die älteren Leute wechseln sich im allgemeinen
nur in den Grenzwachhäusern ab, bis sie zum Kriegsdienst aufgebo-
ten werden. Das erklärt, wie eine Bevölkerung von ungefähr
1500000-2000000, wenn nötig, ein Kontingent von 150000-170000
Mann oder 10 bis 12 Prozent der Gesamtzahl stellen kann.
Die österreichische Armee ähnelt in vielen Punkten der britischen
Armee, In beiden Armeen sind viele Nationalitäten zusammen, ob-
wohl sich im allgemeinen jedes Regiment aus Angehörigen nur einer
Nation zusammensetzt. Der schottische Hochländer, der Waliser,
der Ire und der Engländer unterscheiden sich voneinander kaum
mehr als der Deutsche, der Italiener, der Kroate und der Magyar.
In beiden Armeen gibt es Offiziere verschiedener Völker, und so-
gar sehr viele Ausländer sind dort zu finden. In beiden Armeen
ist die theoretische Ausbildung der Offiziere höchst unzurei-
chend. In beiden Armeen ist in der Taktik ein Großteil der alten
Linearformation beibehalten und nur in einem begrenzten Maße die
Kolonnentaktik und der Kampf in gelöster Ordnung übernommen wor-
den. In beiden Armeen hat die Uniform eine ungewöhnliche Farbe:
bei den Engländern rot, bei den Österreichern weiß. Doch hin-
sichtlich der Gesamtorganisation, der praktischen Erfahrung und
der Fähigkeiten der Offiziere sowie der taktischen Beweglichkeit
über treffen die Österreicher die Briten bei weitem.
Die Uniform der Soldaten, wenn wir von dem unsinnigen Weiß des
Infanterierocks absehen, wurde im Schnitt dem modernen System an-
gepaßt.
#435# Die Armeen Europas - Die österreichische Armee
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Ein kurzer Waffenrock wie bei den Preußen, himmelblaue Hosen, ein
grauer Mantel, ein leichtes Käppi, dem französischen ähnlich, er-
geben eine sehr gute und zweckdienliche Kleidung, von den engen
Hosen der ungarischen und kroatischen Regimenter stets abgesehen,
die zwar zur Nationaltracht gehören, doch bei alledem sehr unbe-
quem sind. Die Ausrüstung ist nicht das, was sie sein sollte. Das
System des kreuzweise getragenen Bandeliers ist beibehalten wor-
den. Die Grenztruppen und die Artillerie tragen braune Röcke, die
Kavallerie entweder weiße, braune oder blaue. Die Musketen sind
ziemlich plump, und die Büchsen, mit denen sowohl die Jäger als
auch ein bestimmter Teil jeder Kompanie bewaffnet sind, sind
ziemlich veraltete Modelle und weit schlechter als das Minié-Ge-
wehr. Das übliche Gewehr ist die alte Flinte, die in unzureichen-
der Weise in ein Perkussionsgewehr umgewandelt wurde und sehr oft
versagt.
Die Infanterie, und in dieser Hinsicht ähnelt sie der englischen,
zeichnet sich mehr durch ihren Kampf in geschlossener Ordnung als
durch die Beweglichkeit der leichten Infanterie aus. Wir müssen
jedoch die Grenztruppen und die Jäger ausnehmen. Die ersten sind
zum größten Teil sehr tüchtig beim Scharmützeln, besonders die
Serben, die es bevorzugen, aus dem Hinterhalt heraus anzugreifen.
Die Jäger sind hauptsächlich Tiroler und erstklassige Scharf-
schützen. Die deutsche und die ungarische Infanterie jedoch impo-
nieren gewöhnlich durch ihre Standhaftigkeit, und während der
napoleonischen Kriege bewiesen sie oft, daß sie in dieser Hin-
sicht in eine Reihe mit den Briten gestellt werden müssen. Auch
sie haben mehr als einmal Kavallerie in Linie empfangen, ohne
erst noch Karrees zu bilden, und wo sie Karrees gebildet haben,
konnte die feindliche Kavallerie diese selten durchbrechen - der
Beweis dafür ist Aspern [103].
Die Kavallerie ist ausgezeichnet. Die schwere oder "deutsche" Ka-
vallerie, die aus Deutschen und Böhmen besteht, ist gut beritten,
gut bewaffnet und immer kampffähig. Die leichte Kavallerie hat
vielleicht dadurch verloren, daß die deutschen Chevauxlégers mit
den polnischen Ulanen vereinigt wurden, doch die ungarischen
Husaren werden immer das Vorbild jeder leichten Kavallerie blei-
ben.
Die Artillerie, die größtenteils aus den deutschen Provinzen re-
krutiert wurde, hatte immer einen guten Ruf, nicht so sehr, weil
sie früh und einsichtig Neuerungen übernahm, als durch die prak-
tische Leistungsfähigkeit der Leute. Besonders die Unteroffiziere
werden mit großer Sorgfalt ausgebildet und sind denen jeder ande-
ren Armee überlegen. Was die Offiziere anbetrifft, so ist die An-
eignung theoretischer Kenntnisse viel zu sehr ihnen selbst über-
lassen geblieben, jedoch hat Österreich einige der besten Mili-
tärschriftsteller
#436# Friedrich Engels
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hervorgebracht. In Österreich ist das Studium zumindest bei den
Subalternen die Regel, während in England ein Offizier der sein
Fach studiert, als eine Schande für sein Regiment betrachtet
wird. Die Spezialkorps, der Stab und das Geniekorps sind ausge-
zeichnet, wie die guten Karten beweisen, die sie durch ihre Auf-
nahmen, besonders der Lombardei, gemacht haben. Die britischen
Generalstabskarten sind, obwohl gut, nicht damit zu vergleichen.
Das große Durcheinander der Nationalitäten ist ein ernsthaftes
Übel. In der britischen Armee kann jeder Mann zumindest englisch
sprechen, aber bei den Österreichern können selbst die Unteroffi-
ziere der nichtdeutschen Regimenter kaum deutsch sprechen. Das
bringt natürlich sehr viel Verwechslungen, Schwierigkeiten im
Verstehen selbst zwischen Offizier und Soldat mit sich. Das wird
teilweise dadurch überwunden, daß die Offiziere durch den häufi-
gen Quartierwechsel wenigstens etwas von jeder Sprache lernen
müssen, die in Österreich gesprochen wird. Aber trotzdem ist der
Schwierigkeit damit nicht abgeholfen.
Die strenge Disziplin, die den Männern durch ständige Anwendung
eines Haselstockes auf ihrem Hintern eingebleut wird, und die
lange Dienstzeit verhindert den Ausbruch ernsthaften Streites
zwischen den verschiedenen Nationalitäten innerhalb der Armee,
wenigstens in Friedenszeiten. Doch das Jahr 1848 zeigte, wie we-
nig innere Festigkeit dieser Truppenkörper besitzt. Bei Wien wei-
gerten sich die deutschen Truppen, gegen die Revolution zu kämp-
fen. In Italien und Ungarn gingen die Nationaltruppen kampflos
auf die Seite der Aufständischen über. Hier liegt der schwache
Punkt dieser Armee. Niemand kann sagen, wie weit und wie lange
sie zusammenhalten wird oder wie viele Regimenter sie in irgend-
einem besonderen Falle verlassen werden, um gegen ihre früheren
Kameraden zu kämpfen. Sechs verschiedene Nationen und zwei oder
drei verschiedene Glaubensbekenntnisse sind in dieser einen Armee
vertreten, und in einer Zeit wie der heutigen, in der die
Nationen selbst über ihre Kräfte verfügen wollen, müssen die in
der Armee vorhandenen unter schiedlichen Sympathien notwendiger-
weise aufeinanderstoßen. Würde in einem Krieg mit Rußland der
griechisch-katholische Serbe, durch panslawistische Agitation
beeinflußt, gegen die Russen, seine Bluts- und Glaubensbrüder
kämpfen? Würden die Italiener und Ungarn in einem Revolutions-
krieg ihr Vaterland verlassen, um für einen Kaiser zu kämpfen,
der ihnen in Sprache und Nationalität fremd ist ? Das ist nicht
zu erwarten, und deshalb, wie stark die österreichische Armee
auch sein mag, sind ganz besondere Umstände notwendig, um ihre
ganze Kraft aufzubieten.
#437#
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Zweiter Artikel
["Putnam's Monthly" Nr. XXXIII, September 1855]
I. Die preußische Armee
Die preußische Armee verdient wegen der ihr eigenen Organisation
besondere Beachtung. Während in jeder anderen Armee der Friedens-
bestand für die Gesamtstärke des Heeres die Grundlage bildet und
keine Kader für die neuen Formationen vorgesehen sind, die bei
einem großen Krieg sofort notwendig sind, heißt es, daß in Preu-
ßen alles bis in die kleinsten Einzelheiten auf den Kriegsfuß
ausgerichtet ist. So stellt das Friedensheer bloß eine Schule
dar, in der die Bevölkerung an den Waffen und für taktische Bewe-
gungen ausgebildet wird. Dieses System, das, wie behauptet wird,
im Falle eines Krieges sämtliche kriegstauglichen Männer in die
Reihen der Armee einbezieht, würde das Land, das dieses System
anwendet, scheinbar vor jedem Angriff sichern; aber das ist kei-
neswegs der Fall. Man hat nur erreicht, daß das Land militärisch
um ungefähr 50 Prozent stärker ist als durch das französische
oder österreichische Rekrutierungssystem. Dadurch ist es für ein
Agrarland mit etwa 17 Millionen Einwohnern, einem kleinen Terri-
torium, ohne eine Flotte oder unmittelbaren Überseehandel und mit
verhältnismäßig wenig Industrie in gewissem Maße möglich, die
Stellung einer europäischen Großmacht zu behaupten.
Die preußische Armee besteht aus zwei großen Teilen: den Soldaten
im stehenden Heer, der Linie, und den ausgebildeten Soldaten, die
sozusagen für unbestimmte Zeit auf Urlaub geschickt worden sind,
der Landwehr 1*).
Die Dienstzeit in der Linie beträgt 5 Jahre, und zwar vom 20. bis
zum
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1*) Landwehr: in "Putnam's Monthly" deutsch
#438# Friedrich Engels
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25. Lebensjahr. Man hält allerdings 3 Jahre aktiven Dienst für
ausreichend; danach wird der Soldat nach Hause entlassen und für
die restlichen 2 Jahre in die sogenannte Kriegsreserve einge-
stuft. Während dieser Zeit bleibt er in den Reservelisten seines
Bataillons oder seiner Eskadron und kann jederzeit einberufen
werden.
Nach 2 Jahren in der Reserve kommt er in das erste Aufgebot der
Landwehr 1*), wo er bis zu seinem 32. Lebensjahr verbleibt. Wäh-
rend dieser Zeit kann er jedes zweite Jahr zu den Truppenübungen
seines Korps einberufen werden, die gewöhnlich in ziemlich großem
Umfang und zusammen mit den Linientruppen stattfinden. Die Manö-
ver dauern meistens einen Monat, und sehr oft werden zu diesem
Zweck 50 000-60 000 Mann zusammengezogen. Die Landwehr ersten
Aufgebots ist dazu bestimmt, im Feld zusammen mit den Linientrup-
pen zu kämpfen. Sie bildet eigene, mit der Linie übereinstimmende
Regimenter, Bataillone und Eskadronen, welche die gleichen Regi-
mentsnummern tragen. Die Artillerie jedoch bleibt bei den
entsprechenden Regimentern der Linie.
Vom 32. bis einschließlich 39. Lebensjahr gehört der Soldat zum
zweiten Aufgebot der Landwehr 2*); während dieser Zeit wird er
nicht mehr zum aktiven Dienst einberufen, ausgenommen im Kriegs-
fall; dann hat das zweite Aufgebot Garnisondienst in den Festun-
gen zu leisten; dadurch werden alle Linientruppen und das erste
Aufgebot für Feldoperationen frei.
Nach dem 40. Lebensjahr wird er nicht mehr einberufen, wenn nicht
jene mysteriöse Einrichtung, genannt Landsturm 3*) oder Aufgebot
en masse, zu den Waffen gerufen wird. Zum Landsturm gehören alle
Männer vom 16. bis zum 60. Lebensjahr, die nicht unter die ge-
nannten Kategorien fallen, einschließlich derjenigen, die zu
klein oder zu schwach oder aus anderen Gründen vom Dienst befreit
sind. Aber man kann nicht einmal davon sprechen, daß dieser Land-
sturm auf dem Papier besteht, denn für ihn sind nicht die gering-
sten organisatorischen Maßnahmen getroffen, weder Waffen noch an-
dere Ausrüstungsgegenstände sind vorhanden, und wenn er jemals
zusammentreten sollte, würde er sich für nichts anderes als für
den Polizeidienst im Innern und für reichlichsten Alkoholgenuß
tauglich erweisen.
Da in Preußen nach dem Gesetz jeder Bürger vom 20. bis zum 40.
Lebensjahr Soldat ist, so kann man von einer Bevölkerung von 17
Millionen erwarten, daß sie ein Truppenkontingent von mindestens
eineinhalb Millionen Mann liefert. In Wirklichkeit wird nicht
einmal die Hälfte davon auf-
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1*) erste Aufgebot der Landwehr: in "Putnam's Monthly" deutsch -
2*) ebenso: zweiten Aufgebot [...] Landwehr - 3*) ebenso: Land-
sturm
#439# Die Armeen Europas - Die preußische Armee
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gebracht. Tatsache ist, daß die Ausbildung einer solche Masse bei
dreijähriger Dienstzeit in den Regimentern ein stehendes Heer von
wenigstens 300 000 Mann voraussetzt, während Preußen nur ungefähr
130 000 unterhält. So wird auf verschiedene Art und Weise eine
Anzahl von Leuten freigestellt, die sonst dienstpflichtig wären:
Männer, die durchaus für den Militärdienst geeignet sind, werden
für zu schwach erklärt; die untersuchenden Ärzte wählen entweder
nur die besten aus oder lassen sich durch Bestechung in der Aus-
wahl der Diensttauglichen beeinflussen usw. Früher war die Herab-
setzung der aktiven Dienstzeit auf nur 2 Jahre bei der Infanterie
das Mittel, um die Friedensstärke auf etwa 100 000 oder 110 000
Mann zu verringern. Aber seit der Revolution, nachdem die Regie-
rung dahintergekommen ist, was ein zusätzliches Dienstjahr bedeu-
tet, damit die Soldaten ihren Offizieren gefügig und für den Fall
eines Aufstandes zuverlässig werden, ist die dreijährige Dienst-
zeit wieder allgemein eingeführt worden.
Das stehende Heer, das heißt die Linie, setzt sich aus 9 Armee-
korps zusammen - 1 Gardekorps und 8 Linienkorps. Ihr besonderer
Aufbau soll kurz erklärt werden. Sie umfassen im ganzen 36 Infan-
terieregimenter (Garde und Linie) von je 3 Bataillonen; 8 Reser-
veregimenter von je 2 Bataillonen; 8 kombinierte Reservebatail-
lone und 10 Bataillone Chasseurs (Jäger 1*)); insgesamt 142 In-
fanteriebataillone, das sind 150 000 Mann.
Die Kavallerie setzt sich aus 10 Kürassier-, 5 Dragoner-, 10 Ula-
nen- und 13 Husarenregimentern zusammen zu je 4 Eskadronen oder
800 Mann; insgesamt 30 000 Mann.
Die Artillerie besteht aus 9 Regimentern, von denen sich jedes
bei Kriegsstärke zusammensetzt aus 4 Batterien Sechspfünder, 3
Batterien Zwölfpfünder und 1 Batterie Haubitzen, alle zu Fuß, und
3 reitenden Batterien sowie 1 Reservekompanie, die in eine
zwölfte Batterie umgewandelt werden kann; außerdem gehören zum
Regiment 4 Garnisonkompanien und 1 Handwerkskompanie. Aber da die
ganze Kriegsreserve und das erste Aufgebot der Landwehr
(Artillerie) erforderlich sind, um diese Geschütze zu bemannen
und die Kompanien zu vervollständigen, kann man sagen, daß die
Linienartillerie aus 9 Regimentern besteht, jedes aus ungefähr
2500 Mann mit etwa 30 Geschützen, voll bespannt und ausgerüstet.
So würde sich die Gesamtzahl der preußischen Linientruppen auf
rund 200 000 Mann belaufen; aber 60 000 bis 70 000 Mann kann man
ohne weiteres für die Kriegsreserven abziehen, die nach dreijäh-
riger Dienstzeit nach Hause entlassen werden.
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1*) Jäger: in "Putnam's Monthly" deutsch
#440# Friedrich Engels
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Beim ersten Aufgebot der Landwehr kommt auf jedes Garde- und
Linienregiment, abgesehen von den 8 Reserveregimentern, ein Regi-
ment der Landwehr; außerdem hat es 8 Reservebataillone; das er-
gibt eine Gesamtzahl von 116 Bataillonen oder rund 100 000 Mann.
Die Kavallerie besteht aus 2 Garde-und 32 Linienregimentern mit 8
Reserveeskadronen; insgesamt 136 Eskadronen oder rund 20 000
Mann. Die Artillerie gehört, wie bereits erwähnt, zu den Linien-
regimentern.
Das zweite Aufgebot zählt ebenfalls 116 Bataillone, 167 Eskadro-
nen (die unter anderem mehrere Reserve- und Depoteskadronen um-
fassen, deren Aufgaben denen des zweiten Aufgebots entsprechen),
hinzu kommt die Garnisonartillerie; insgesamt rund 150 000 Mann.
Zusammen mit den 9 Sappeurbataillonen in verschiedenen kleineren
Abteilungen, etwa 30 000 Pensionären und einem Armeetrain, der
sich bei Kriegsstärke auf nicht weniger als 45 000 Mann beläuft,
wird die Gesamtzahl der preußischen Streitkräfte auf 580 000 Mann
geschätzt. Davon sind 300 000 Mann für den Felddienst bestimmt,
54 000 für die Depots, 170 000 für die Garnisonen und als Re-
serve, dazu ungefähr 60 000 Nichtkombattanten. Die Zahl der die-
ser Armee zugeteilten Feldgeschütze soll zwischen 800 und 850
liegen, aufgeteilt in Batterien mit je 8 Geschützen (6 Kanonen
und 2 Haubitzen).
Für alle diese Truppen sind nicht nur die Kader vollständig, son-
dern auch die Waffen und sonstigen Ausrüstungen gesichert worden,
so daß im Falle einer M o b i l m a c h u n g der Armee nur
noch die Pferde herbeigeschafft werden müssen. Da Preußen reich
an Pferden ist und sowohl die Tiere als auch die Männer jederzeit
zum Kriegsdienst herangezogen werden können, entstehen daraus
keine besonderen Schwierigkeiten. So steht es in der Verordnung.
Aber wie die Dinge wirklich liegen, zeigte sich 1850, als die Ar-
mee mobilgemacht wurde. Das erste Aufgebot der Landwehr wurde
ausgerüstet, wenn auch nicht ohne große Schwierigkeiten; aber für
das zweite Aufgebot waren weder Kleidungsstücke noch Schuhe, noch
Waffen vorhanden, und deshalb bot es das denkbar lächerlichste
Schauspiel. Schon lange vorher hatten gute Kenner, die selbst in
der preußischen Armee gedient hatten, dies vorausgesagt, und daß
Preußen im Notfall tatsächlich nur mit den Linientruppen und ei-
nem Teil des ersten Aufgebots rechnen könne. Ihre Meinung wurde
von den Ereignissen vollauf bestätigt. Zweifellos ist die Ausrü-
stung für das zweite Aufgebot inzwischen beschafft worden, und
sollte es jetzt einberufen werden, dann würde sich dieser Trup-
penkörper in 4 bis 6 Wochen zu einer recht brauchbaren Truppe für
den Garnisondienst und sogar für den Felddienst entwickeln . Da-
gegen hält man während des Krieges eine vierteljährige Ausbildung
#441# Die Armeen Europas - Die preußische Armee
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für ausreichend, um einen Rekruten für das Feld auszubilden; und
deshalb sichert diese umständliche in Preußen übliche Organisa-
tion keineswegs so große Vorteile, wie man meist annimmt. Außer-
dem wird in einigen Jahren die für das zweite Aufgebot reser-
vierte Ausrüstung wieder auf die gleiche Art verschwunden sein
wie die bestimmt einmal vorhanden gewesene, die aber nicht mehr
aufzufinden war, als man sie 1850 brauchte.
Als Preußen zu dem Prinzip überging, daß jeder Bürger Soldat wer-
den müßte, blieb es auf halbem Wege stehen und verfälschte dieses
Prinzip, wodurch es seine gesamte militärische Organisation ent-
stellte. Nachdem das System der Konskription zugunsten der allge-
meinen Dienstpflicht einmal aufgegeben worden war, hätte das ste-
hende Heer als solches abgeschafft werden müssen. Man hätte nur
die Offiziers- und Unteroffizierskader beibehalten sollen, in de-
ren Händen die Ausbildung der jungen Leute liegt; die Ausbil-
dungszeit sollte nicht länger dauern als notwendig. In diesem
Falle hätte die Dienstzeit im Frieden auf ein Jahr herabgesetzt
werden müssen, zumindest für die gesamte Infanterie. Aber das
hätte weder der Regierung noch den militärischen Martinets der
alten Schule gepaßt. Die Regierung wollte eine einsatzbereite und
verläßliche Armee haben, die notfalls gegen Unruhen im Innern
eingesetzt werden konnte; die Martinets wollten eine Armee, die
sich aus altgedienten Soldaten zusammensetzte und die es hin-
sichtlich der Pedanterie des Drills, des allgemeinen äußeren Bil-
des und der Gediegenheit mit den anderen europäischen Armeen auf-
nehmen konnte. Junge Truppen, die nicht länger als ein Jahr die-
nen, wären weder für das eine noch für das andere brauchbar.
Folglich wurde der Mittelweg eingeschlagen, die dreijährige
Dienstzeit, und hieraus erklären sich alle Fehler und Schwächen
der preußischen Armee.
Wie wir gesehen haben, steht mindestens die Hälfte der verfügba-
ren Männer außerhalb der Armee. Sie werden sofort in die Listen
des zweiten Aufgebots eingetragen; dieser Truppenkörper, der da-
durch nominell enorm anschwillt, wird - welche Potenzen er auch
haben mag - von einer Masse von Männern überlaufen, die noch nie
eine Muskete in der Hand gehabt haben und nicht besser sind als
unausgebildete Rekruten. Diese Reduzierung der wirklichen militä-
rischen Stärke des Landes auf wenigstens die Hälfte ist die erste
negative Auswirkung, die sich aus der verlängerten Dienstzeit er-
gibt.
Aber selbst die Linientruppen und das erste Aufgebot der Landwehr
leiden unter diesem System. Von jedem Regiment hat ein Drittel
weniger als 3, ein weiteres Drittel weniger als 2 Jahre und das
letzte Drittel weniger als 1 Jahr gedient. Nun kann nicht erwar-
tet werden, daß eine derartig zusammengesetzte
#442# Friedrich Engels
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Armee jene militärischen Eigenschaften, jene strikte Unterord-
nung, jene Standhaftigkeit in den Reihen, jenen Esprit du corps
1*) besitzen kann, die die altgedienten Soldaten der englischen,
österreichischen, russischen und sogar der französischen Armee
auszeichnen. Die Engländer können auf Grund der langen Zeit, die
ihre Soldaten dienen müssen, in diesen Dingen sachkundig urteilen
und sind der Meinung, daß es 3 Jahre dauert, um einen Rekruten
voll und ganz abzurichten. *) Da also in Friedenszeiten die preu-
ßische Armee aus Leuten zusammengesetzt ist, von denen keiner je-
mals 3 Jahre gedient hat, ist es unumgänglich, daß diese militä-
rischen Eigenschaften des altgedienten Soldaten oder wenigstens
etwas, das dem ähnlich ist, dem jungen preußischen Rekruten durch
einen unerträglichen Kasernenhofdrill eingebleut werden. Da es
dem preußischen Subalternoffizier und dem Sergeanten unmöglich
ist, die ihnen übertragene Aufgabe zu lösen, behandeln sie ihre
Untergebenen mit einer Roheit und Brutalität, die wegen des damit
verbundenen pedantischen Geistes doppelt abstoßend wirken. Diese
Pedanterie ist um so unsinniger, weil sie in krassem Gegensatz zu
dem klaren und vernünftigen System der vorgeschriebenen Ausbil-
dung steht und weil sich die Pedanten ständig auf die Traditionen
Friedrichs des Großen berufen, der eine ganz andere Sorte von
Männern für ein ganz anderes taktisches System zu drillen hatte.
So wird die wirkliche Schlagkraft im Felde der Genauigkeit auf
dem Paradeplatz geopfert; und die preußische Linie als Ganzes
kann gegenüber den alten Bataillonen und Eskadronen, die jede eu-
ropäische Großmacht ihnen beim ersten Ansturm entgegenstellen
kann, als nicht gleichwertig betrachtet werden.
Trotz einiger Vorzüge, die keine andere Armee besitzt, ist dies
der Fall. Die Preußen wie die Deutschen überhaupt geben gute Sol-
daten ab. Ein Land, das aus ausgedehnten Ebenen, unterbrochen von
langen Höhenzügen, besteht, liefert Material für jede beliebige
Waffengattung in Hülle und Fülle. Die allgemeine körperliche Be-
fähigung sowohl für den Dienst in der leichten als auch für den
in der Linieninfanterie, die den meisten Deutschen gleichermaßen
eigen ist, wird von anderen Nationen kaum erreicht. Das an Pfer-
den reiche Land liefert viele Männer für die Kavallerie, die von
Kindheit an im Sattel zu Hause sind. Überlegtes Handeln und Be-
harrlichkeit befähigen die Deutschen besonders für den Artille-
riedienst. Außerdem gehören sie zu den kampflustigsten Völkern
der Welt, sie lieben den Krieg um des Krieges willen
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*) Siehe Sir W[illiam] Napier, Krieg auf der Pyrenäenhalbinsel
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1*) Korpsgeist
#443# Die Armeen Europas - Die preußische Armee
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und suchen ihn oft genug im Ausland, wenn sie ihn nicht im eige-
nen Lande haben können. Von den Landsknechten 1*) des Mittelal-
ters bis zu den heutigen Fremdenlegionen Frankreichs und Englands
haben die Deutschen immer die große Masse jener Söldner gestellt,
die nur um des Kampfes willen kämpfen. Wenn die Franzosen die
Deutschen an Behendigkeit und Lebhaftigkeit im Angriff übertref-
fen, die Engländer ihnen an Zähigkeit beim Widerstand überlegen
sind, so übertreffen die Deutschen doch alle anderen Nationen in
jener allgemeinen Tauglichkeit für den Militärdienst, die sie auf
jeden Fall zu guten Soldaten macht.
Die preußischen Offiziere geben bei weitem das am besten ausge-
bildete Offizierkorps der Welt ab. Die Prüfungen hinsichtlich des
Allgemeinwissens, denen sie sich unterziehen müssen, haben eine
weit höheres Niveau als die einer jeden anderen Armee. Brigade-
und Divisionsschulen werden unterhalten, um ihre theoretische
Ausbildung zu vervollkommnen; für gründliche und speziellere mi-
litärische Kenntnisse wird in zahlreichen Einrichtungen gesorgt.
Die preußische Militärliteratur hat ein sehr hohes Niveau. Werke
dieser Art aus den letzten 25 Jahren beweisen zur Genüge, daß
ihre Verfasser nicht nur ihr eigenes Fach völlig beherrschen,
sondern daß sie auf dem Gebiet allgemeiner wissenschaftlicher
Kenntnisse die Offiziere jeder Armee herausfordern könnten. Ei-
gentlich haben einige von ihnen fast zuviel oberflächliches Wis-
sen in der Metaphysik; das erklärt sich daraus, daß man in Ber-
lin, Breslau oder Königsberg an den Universitäten bei Vorlesungen
Offiziere unter den Studenten findet. Clausewitz gehört auf sei-
nem Gebiet ebenso zu den Klassikern der Welt wie Jomini, und die
Werke des Ingenieurs Aster bedeuten eine neue Epoche in der Befe-
stigungskunst. Doch der Ausdruck "preußischer Leutnant" ist in
ganz Deutschland sprichwörtlich, und der lächerliche Esprit du
corps, die Pedanterie und die impertinenten Manieren, die durch
den üblichen Umgangston in der Armee geprägt wurden, rechtferti-
gen das vollauf; denn nirgends gibt es so viele alte, halsstar-
rige, schikanierende Martinets unter den Offizieren und Generalen
wie in Preußen - im übrigen sind die meisten von ihnen Überbleib-
sel von 1813 und 1815. Nach alldem muß man feststellen, daß der
absurde Versuch, das preußische Heer zu dem zu machen, was es
niemals sein kann - eine Armee altgedienter Soldaten -, die Qua-
lität des Offiziers ebenso verdirbt wie die des Soldaten und so-
gar noch mehr.
Die Exerzierreglements der preußischen Armee sind zweifellos die
weitaus besten in der Welt. Einfach, folgerichtig, basierend auf
einigen Grundsätzen
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1*) Landsknechten: in "Putnam's Monthly" deutsch
#444# Friedrich Engels
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des gesunden Menschenverstands,lassen sie wenig zu wünschen üb-
rig. Sie sind von Scharnhorstschem Geiste; Scharnhorst war der
vielleicht größte Militärorganisator seit Moritz von Nassau. Die
Grundsätze für die Führung großer Truppenkörper sind ebenfalls
gut. Die wissenschaftlichen Handbücher für den Artilleriedienst
jedoch, die den Offizieren offiziell empfohlen werden, sind ver-
altet und entsprechen keineswegs den Erfordernissen der Gegen-
wart. Aber dieser Mangel ist auf mehr oder weniger offizielle
Werke beschränkt und bezieht sich durchaus nicht auf die preußi-
sche Artillerieliteratur im allgemeinen.
Das Ingenieurkorps erfreut sich mit Recht eines sehr guten Rufes.
Aus seinen Reihen ging Aster hervor, der bedeutendste Militärin-
genieur seit Montalembert. Die Preußen haben von Königsberg und
Posen bis Köln und Koblenz eine Reihe von Festungen erbaut, wel-
che die Bewunderung Europas hervorgerufen haben.
Seit den 1843 und 1844 durchgeführten Veränderungen sieht die
Ausrüstung der preußischen Truppen nicht gerade sehr ansprechend
aus, aber sie ist für die Soldaten sehr bequem. Der Helm bietet
einen recht wirksamen Schutz gegen Sonne und Regen, die Uniform
sitzt locker und bequem; die Ausrüstung ist besser aufeinander
abgestimmt als bei den Franzosen. Die Gardetruppen und die leich-
ten Bataillone (eins in jedem Regiment) sind mit dem Zündnadelge-
wehr bewaffnet; für den übrigen Teil der Linientruppen wurden die
Musketen durch ein sehr einfaches Verfahren in gute Minié-Gewehre
umgeändert. Auch die Landwehr wird in 2 bis 3 Jahren das Minié-
Gewehr erhalten, aber vorläufig trägt sie noch Perkussionsge-
wehre. Der Säbel der Kavallerie ist zu breit und gekrümmt - die
meisten Hiebe fallen flach. Das Material der Artillerie sowohl
hinsichtlich der Geschütze als auch der Lafetten und Pferdege-
schirre läßt viel zu wünschen übrig.
Im ganzen stellt die preußische Armee, das heißt die Linientrup-
pen und das erste Aufgebot, eine ansehnliche Truppe dar, die aber
keineswegs den Ruhm verdient, mit dem preußische patriotische Au-
toren prahlen. Wenn die Linie erst auf dem Schlachtfeld ist, wird
sie sehr bald die Fesseln des Paradeplatzes abstreifen und nach
einigen Treffen ihren Gegnern gewachsen sein. Das erste Aufgebot
der Landwehr wird, sobald der alte soldatische Kampfgeist wieder
wach geworden und wenn der Krieg populär ist, den besten langge-
dienten Truppen in Europa ebenbürtig sein. Was Preußen zu fürch-
ten hat, ist ein in der ersten Periode eines Krieges offensiv
vorgehender Feind, der ihm besser organisierte Truppen mit länge-
rer Erfahrung entgegenwerfen wird; aber bei einem länger andau-
ernden Kampf wird Preußen mehr erfahrene Soldaten in seinen Ar-
meen haben als irgendein anderer europäischer
#445# Die Armeen Europas - Die russische Armee
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Staat. Zu Beginn eines Feldzuges wird die Linie den Kern der Ar-
mee bilden, aber das erste Aufgebot wird sie bald durch die grö-
ßere physische Kraft und die höheren militärischen Qualitäten der
Leute in den Schatten stellen. Sie sind die wirklich erfahrenen
Soldaten Preußens, nicht die bartlosen Jünglinge der Linie. Vom
zweiten Aufgebot sprechen wir nicht; es muß erst zeigen, was es
kann.
II. Die russische Armee
Auch in Rußland ist in gewisser Hinsicht dafür gesorgt worden,
Kader für den Fall des Kriegszustandes aufzustellen, und zwar
durch ein dem preußischen Landwehrsystem in einigen Punkten ähn-
liches Reservesystem. Aber im allgemeinen umfaßt die russische
Reserve eine so begrenzte Zahl von Mannschaften, und die Schwie-
rigkeit, sie aus allen Teilen des unendlichen Reiches zusammenzu-
bringen, ist so groß, daß es schon 6 Monate nach der englisch-
französischen Kriegserklärung und noch ehe ein einziger Schuß in
der Krim abgefeuert worden war, notwendig wurde, dieses System
aufzugeben und neue Truppen zu formieren, denen dann weitere For-
mierungen folgten. Deshalb müssen wir in Rußland die Armee, wie
sie bei Ausbruch des Krieges war, von der Armee, wie sie heute
ist, unterscheiden.
Die russische Armee ist in Friedenszeiten wie folgt gegliedert:
1. die aktive Armee - 6 Linienkorps, Nr. 1 bis 6;
2. die Reservearmee - 1 Gardekorps, 1 Korps Grenadiere, 2 Reser-
vekorps der Kavallerie;
3. die Sonderkorps - das Kaukasische, das Finnländische, das
Orenburger, das Sibirische;
4. die Truppen für den Dienst im Innern - Veteranen, innere Wa-
che, Invaliden und so weiter;
5. die irregulären Truppen.
Hinzu kommt die Reserve, Soldaten, die als beurlaubt entlassen
wurden.
Jedes der 6 Linienkorps setzt sich folgendermaßen zusammen: 3
Infanteriedivisionen, von denen jede aus 1 Linienbrigade und 1
Brigade leichte Infanterie besteht, jede Brigade wiederum hat 2
Regimenter und jedes Regiment 4 Linienbataillone; insgesamt 6
Brigaden oder 12 Regimenter, die 48 Bataillone umfassen, dazu 1
Schützenbataillon und 1 Bataillon Sappeure; insgesamt 50 Batail-
lone. Außerdem gehört dazu 1 Division leichte Kavallerie mit I
Brigade Ulanen und 1 Brigade Husaren, von denen jede 2 Regimenter
bzw. 16 Eskadronen umfaßt; insgesamt 32 Eskadronen. Die Artille-
rie besteht
#446# Friedrich Engels
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aus 1 Division mit 3 Brigaden zu Fuß und 1 reitenden Brigade;
insgesamt 14 Batterien oder 112 Geschütze; pro Korps insgesamt 50
Bataillone, 32 Eskadronen, 112 Geschütze; Gesamtsumme: 300 Ba-
taillone, 192 Eskadronen, 672 Geschütze.
Die Garden umfassen 3 Divisionen bzw. 6 Brigaden, das sind 12
Regimenter (9 Grenadier- und 3 Karabinierregimenter, das heißt
leichte Infanterie); insgesamt 36 Bataillone, da die Garde- und
Grenadierregimenter nur 3 Linienbataillone haben. Außerdem gibt
es 1 Bataillon Schützen und 1 Bataillon Sappeure und Mineure ne-
ben 3 Kavalleriedivisionen (1 Kürassier-, 1 Ulanen-, 1 Husarendi-
vision), die 6 Brigaden bzw. 12 Regimenter umfassen und insgesamt
72 Kavallerieeskadronen ausmachen. Hinzu kommt 1 Artillerie-
division mit 5 Brigaden bzw. 15 Batterien (9 Batterien Fußartil-
lerie, 5 reitende und 1 Raketenbatterie); insgesamt 135 Ge-
schütze. Das Grenadierkorps besteht aus 3 Divisionen bzw. 6 Bri-
gaden, die 12 Regimenter bzw. 36 Bataillone Infanterie, 1 Batail-
lon Schützen sowie 1 Bataillon Sappeure und Mineure umfassen. Zu
diesem Korps gehört auch 1 Division Kavallerie mit 2 Brigaden
(Ulanen und Husaren), die aus 4 Regimentern bzw. 32 Eskadronen
zusammengesetzt sind. Die Artillerie besteht aus 3 Brigaden zu
Fuß und 1 reitenden Brigade mit 14 Batterien; insgesamt 112 Ge-
schütze.
Die Reservekavallerie ist wie folgt organisiert: erstes Korps: 3
Divisionen (2 Kürassierdivisionen, 1 Ulanendivision), die 6 Bri-
gaden bzw. 12 Regimenter umfassen; insgesamt 80 Eskadronen (48
Kürassier-, 32 Ulaneneskadronen). Dazu kommt 1 Division reitende
Artillerie, bestehend aus 3 Brigaden mit 6 Batterien; insgesamt
48 Geschütze. Zweites Korps: 3 Divisionen (1 Ulanendivision, 2
Dragonerdivisionen) bzw. 6 Brigaden; das sind 12 Regimenter bzw.
112 Eskadronen (32 Ulanen-, 80 Dragonereskadronen). Außerdem gibt
es 2 Eskadronen reitende Sappeure und Pontoniere sowie 6 Batte-
rien reitende Artillerie mit 48 Geschützen.
Das Kaukasische Korps setzt sich zusammen aus 1 Reservegrena-
dierbrigade mit 2 Regimentern bzw. 6 Bataillonen; aus 3 Divisio-
nen Infanterie, die 12 Regimenter bzw. 48 Bataillone umfassen;
dazu 1 Bataillon Schützen,
1 Bataillon Sappeure sowie 47 Bataillone Kaukasische Linie
(Landwehr); insgesamt 103 Bataillone. Die Kavallerie besteht aus
1 Regiment Dragoner mit 10 Eskadronen. Die Artillerie ist 1 Divi-
sion stark, 10 gewöhnliche und 6 Gebirgsbatterien, insgesamt 180
Geschütze.
Das Finnländische Korps besteht aus 1 Division, die 2 Brigaden
bzw. 12 Bataillone Infanterie umfaßt; das Orenburger aus 1 Divi-
sion mit ebenfalls 2 Brigaden, aber nur 10 Bataillonen; das Sibi-
rische aus 1 Division mit 3 Brigaden bzw. 15 Bataillonen.
#447# Die Armeen Europas - Die russische Armee
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Somit kann die Endsumme der regulären Truppen, die in Friedens-
zeiten tatsächlich unter Waffen stehen, wie folgt angegeben wer-
den:
Bataillone Eskadronen Geschütze
6 Linienkorps 300 192 672
Garden 38 72 135
Grenadiere 38 32 112
Reservekavallerie - 194 96
Kaukasisches Korps 103 10 180
Finnländisches Korps 12 - -
Orenburger Korps 10 - -
Sibirisches Korps 15 - -
-------------------------------
516 500 1195
Die Truppen für den Dienst im Innern bestehen aus 52 Bataillonen
der inneren Wache, 800 Kompanien Veteranen und Invaliden, 11 1/2
Eskadronen Gendarmen und 98 Kompanien Artillerie. Diese Truppen
können bei einer Schätzung der verfügbaren Kräfte des Landes kaum
mitgerechnet werden.
Die irregulären Truppen, meist Kavallerie, bilden die folgenden
Divisionen:
1. Donkosaken: 56 Regimenter, jedes 6 Sotnien 1*); insgesamt 336
Sotnien, 13 Batterien;
2. Schwarzmeerkosaken: 72 Sotnien, 9 Bataillone, 3 Batterien;
3. Kaukasische Linienkosaken (am Kuban und Terek): 120 Sotnien
und 3 Batterien;
4. Astrachaner Kosaken: 18 Sotnien und 1 Batterie;
5. Orenburger Kosaken: 60 Sotnien, 3 Batterien;
6. Uralkosaken: 60 Sotnien;
7. Baschkirisches Aufgebot: 85 Sotnien, fast nur Baschkiren und
Kalmücken;
8. Sibirische Kosaken: 24 Bataillone, 84 Sotnien, 3 Batterien,
diese Truppen setzen sich teilweise aus Tungusen, Burjaten usw.
zusammen;
9. Asowkosaken, die im Marinedienst stehen;
10. Donaukosaken in Bessarabien: 12 Sotnien;
11. Baikalsee-Kosaken, erst kürzlich gebildet, Gliederung und
Stärke unbekannt.
Die Gesamtsumme würde 847 Sotnien (Eskadronen von je 100 Mann,
von sto, einhundert), 33 Bataillone und 26 Batterien betragen.
Das wären
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1*) Hundertschaften
#448# Friedrich Engels
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etwa 90 000 Mann Kavallerie und 30 000 Mann Infanterie. Aber für
wirkliche Kriegszwecke sind an der Westgrenze vielleicht 40 000
bis 50 000 Mann Kavallerie und einige wenige Batterien verfügbar,
aber keine Infanterie.
So dürfte die russische Armee (mit Ausnahme der Truppen für den
Dienst im Innern) in Friedenszeiten aus 360 000 Mann Infanterie,
70 000 Mann Kavallerie und 90 000 Mann Artillerie bestehen;
insgesamt rund 500 000 Mann; außerdem Kosaken, deren Zahl je nach
den Umständen verschieden groß ist. Doch von diesen 500 000 Mann
können die im Kaukasus, in Orenburg und in Sibirien stationierten
Korps für einen Krieg an der Westgrenze des Reiches nicht frei
gemacht werden, so daß gegen Westeuropa nicht mehr als 260 000
Mann Infanterie, 70 000 Mann Kavallerie und 50 000 Mann Artille-
rie mit etwa 1000 Geschützen eingesetzt werden können, außer etwa
30 000 Kosaken.
Soviel über den Friedensbestand. Für den Fall eines Krieges sind
folgende Vorkehrungen getroffen worden: Die volle Dienstzeit be-
trug je nach den Umständen 20, 22 oder 25 Jahre. Aber nach entwe-
der 10 oder 15 Jahren, je nachdem, werden die Soldaten als beur-
laubt entlassen und gehören dann zur Reserve. Die Organisation
dieser Reserve war sehr unterschiedlich, aber es scheint jetzt,
daß die beurlaubten Soldaten entsprechend ihrer jeweiligen Waf-
fengattung während der ersten 5 Jahre einer Reserveeskadron, ei-
ner Reservebatterie oder einem Reservebataillon angehörten (dem
4. eines jeden Regiments in der Garde und bei den Grenadieren und
dem 5. in der Linie). Nach Ablauf von 5 Jahren kamen sie zum De-
potbataillon ihres Regiments (dem 5. bzw. 6.), zur Depoteskadron
oder Depotbatterie. So würde die Einberufung der Reserve die Ef-
fektivstärke der Infanterie und Artillerie um ungefähr 50 Prozent
steigern, die der Kavallerie um ungefähr 20 Prozent. Diese Reser-
ven sollten von verabschiedeten Offizieren befehligt werden, und
die Kader der Reserve waren, wenn auch nicht bis ins einzelne or-
ganisiert, dennoch bis zu einem gewissen Grade vorbereitet.
Doch als der Krieg ausbrach, wurde das alles geändert. Obwohl die
aktive Armee für den Kampf an der Westgrenze vorgesehen war,
mußte sie 2 Divisionen in den Kaukasus schicken. Bevor sich die
englisch-französischen Truppen nach dem Osten einschifften,
kämpften 3 Korps der aktiven Armee (das 3., 4. und 5.) im Feldzug
gegen die Türken. In dieser Zeit wurden die Reserven zwar zusam-
mengezogen, aber es nahm ungeheuer viel Zeit in Anspruch, bis die
Mannschaften aus allen Teilen des Reiches zu ihren entsprechenden
Sammelpunkten gebracht werden konnten. Die Armeen und Flotten der
Alliierten in der Ostsee und im Schwarzen Meer sowie die schwan-
kende Politik Österreichs erforderten energischere Maßnahmen. Die
Aushebungen wurden verdoppelt und verdreifacht, und die so zusam-
mengeholte,
#449# Die Armeen Europas - Die russische Armee
-----
buntscheckige Masse der Rekruten wurde gemeinsam mit der Reserve
zum 4., 5., 6., 7. und 8. Bataillon bei allen Infanterieregimen-
tern formiert; gleichzeitig wurde in der Kavallerie eine ähnliche
Verstärkung vorgenommen. So hatten die 8 Korps der Garde, der
Grenadiere und der Linie statt 376 jetzt etwa 800 Bataillone,
während für je 2 Eskadronen oder Batterien des Friedensbestandes
mindestens 1 der Reserve hinzugefügt wurde. Alle diese Zahlen se-
hen jedoch auf dem Papier furchterregender aus als in Wirklich-
keit, weil durch die Korruption der russischen Beamten, die Miß-
wirtschaft in der Armee und durch die enorm langen Märsche von
den Wohnorten der Mannschaften zu den Depots, von diesen zu den
Konzentrationspunkten der Korps und von dort aus zum Kriegsgebiet
ein großer Teil der Mannschaften ausfällt oder dienstunfähig
wird, bevor sie auf den Feind stoßen. Außerdem waren während der
beiden letzten Feldzüge die verheerenden Auswirkungen der Krank-
heiten und die Verluste in den Schlachten sehr ernst. All dieser
Tatsachen wegen glauben wir nicht, daß die 1000 Bataillone, 800
Eskadronen und 200 Batterien der russischen Armee zur Zeit eine
Stärke von 600 000 Mann weit übersteigen können.
Doch die Regierung gab sich damit nicht zufrieden. Mit einer
Schnelligkeit, die zeigt, wie sehr sie sich der Schwierigkeit be-
wußt ist, Mannschaften in beträchtlicher Stärke aus den verschie-
denen Teilen dieses gewaltigen Reiches zusammenzubringen, ordnete
sie die Aushebung der Landwehr an. sobald die 7. und 8. Batail-
lone aufgestellt waren. Die Landwehr oder Opoltschenie sollte in
Drushinas (Bataillonen) zu je 1000 Mann organisiert werden, und
zwar im Verhältnis zur Bevölkerungszahl jeder Provinz; 23 Mann
auf je 1000 männliche Personen, das heißt nahezu 1/4 Prozent der
Bevölkerung, mußten dienen. Vorläufig wurde die Opoltschenie nur
in den Westprovinzen aufgeboten. Dieses Aufgebot müßte bei einer
Bevölkerung von 18 000 000, davon ungefähr 9 000 000 Männer, etwa
120000 Mann ergeben haben, und das stimmt mit den Berichten aus
Rußland überein. Ohne Zweifel wird sich die Landwehr in jeder
Hinsicht selbst der neugebildeten Reserve gegenüber als minder-
wertig erweisen, doch sie ist auf jeden Fall ein wertvoller Zu-
wachs der Kräfte Rußlands, und wenn sie für den Garnisondienst in
Polen eingesetzt wird, können dadurch eine ganze Reihe Linienre-
gimenter frei werden.
Andrerseits sind nicht nur viele Kosaken, sondern selbst eine be-
trächtliche Zahl Baschkiren, Kalmücken, Kirgisen, Tungusen und
andere mongolische Aufgebote an der Westgrenze eingetroffen. Das
zeigt, wie frühzeitig sie westwärts dirigiert wurden, denn viele
von ihnen mußten einen Marsch von über 12 Monaten zurücklegen,
bevor sie in St. Petersburg oder an der Weichsel eintreffen konn-
ten.
#450# Friedrich Engels
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So hat Rußland seine militärischen Hilfsquellen beinahe bis zum
äußersten beansprucht, und nach zweijährigem Kampf, in dem es
keine entscheidende Schlacht verloren hat, kann es mit nicht mehr
als 600 000 bis 650 000 Mann regulärer Truppen sowie 100 000 Mann
Landwehr und vielleicht 50000 Mann irregulärer Kavallerie rech-
nen. Wir wollen damit nicht sagen, daß Rußland seine Kräfte aus-
geschöpft habe, aber es besteht kein Zweifel darüber, daß ihm
jetzt, nach 2 Jahren Krieg, nicht das möglich ist, was Frankreich
nach 20 Jahren Krieg und nach dem völligen Verlust seiner besten
Armee im Jahre 1812 möglich war: einen neuen Truppenkörper von
300 000 Mann Stärke hervorzubringen und wenigstens für eine ge-
wisse Zeit den Ansturm des Feindes aufzuhalten. Das zeigt, wie
gewaltig der Unterschied zwischen der militärischen Stärke eines
dichtbevölkerten und eines dünnbevölkerten Landes ist. Wenn
Frankreich an Rußland grenzte, so wären die 66 Millionen Einwoh-
ner Rußlands schwächer als die 38 Millionen Franzosen. Daß die 44
Millionen Deutschen den 66 Millionen Untertanen des rechtgläubi-
gen Zaren mehr als ebenbürtig sind, daran besteht nicht der ge-
ringste Zweifel.
Die russische Armee wird auf verschiedene Weise rekrutiert. Der
größte Teil der Mannschaften wird durch die reguläre Aushebung
gestellt, die in dem einen Jahr in den westlichen und das nächste
in den östlichen Provinzen des europäischen Rußlands stattfindet.
Der allgemeine Prozentsatz beträgt 4 oder 5 Mann auf je 1000
(männliche) "Seelen", denn in der russischen Volkszählung gilt
nur die männliche Bevölkerung, da die Frauen, entsprechend dem
orthodoxen Glauben des Ostens, keine "Seelen" sind. Die Soldaten
aus der westlichen Hälfte des Reiches dienen 20, die aus der öst-
lichen Hälfte des Reiches 25 Jahre. Die Garde dient 22 Jahre,
junge Leute aus den militärischen Ansiedlungen 20 Jahre. Neben
diesen Aushebungen sind die Söhne von Soldaten eine ergiebige
Quelle für Rekruten. Jeder Sohn, der einem Soldaten während sei-
ner Dienstzeit geboren wird, ist zum Militärdienst verpflichtet.
Dieser Grundsatz geht so weit, daß der Staat die neugeborenen
Kinder von der Frau eines Soldaten auch dann fordert, wenn dieser
schon 5 oder 10 Jahre am anderen Ende des Reiches sein mag. Man
nennt diese Soldatenkinder Kantonisten, und die meisten von ihnen
werden auf Kosten des Staates erzogen; aus ihren Reihen gehen die
meisten Unteroffiziere hervor. Schließlich werden Verbrecher, Va-
gabunden und andere Taugenichtse von den Gerichten dazu verur-
teilt, in der Armee zu dienen. Ein Adliger hat das Recht, einen
Leibeigenen, wenn er nur diensttauglich ist, in die Armee zu
schicken; und auch jeder Vater, der mit seinem Sohn unzufrieden
ist, kann das tun. "S'bogom idi pod krasnuju schapku!" - Pack
dich mit Gott und setz die rote Mütze
#451# Die Armeen Europas - Die russische Armee
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auf! - das heißt, geh in die Armee - ist eine gebräuchliche Re-
densart des russischen Bauern gegenüber einem ungehorsamen Sohn.
Die Unteroffiziere werden, wie wir schon sagten, meistens aus den
Soldatensöhnen rekrutiert, die in staatlichen Anstalten erzogen
werden. Diese Jungen, die von frühester Kindheit an der militäri-
schen Disziplin unterworfen sind, haben überhaupt nichts mit den
Männern gemein, die sie später ausbilden und leiten sollen. Sie
bilden eine vom Volk gesonderte Klasse. Sie gehören dem Staat,
sie können ohne ihn nicht existieren; einmal auf sich selbst an-
gewiesen, taugen sie zu nichts. Unter der Regierung vorwärtszu-
kommen ist also ihr einziges Ziel. Was in der russischen Zivil-
verwaltung die unterste Klasse der Beamten ist, die sich aus Söh-
nen der Beamten zusammensetzt, das sind diese Männer in der Ar-
mee: eine Bande hinterlistiger, niedriggesinnter, engstirnig-
egoistischer Untergebener mit einer oberflächlichen Schulbildung,
die sie beinahe noch verabscheuungswürdiger macht; ehrgeizig aus
Eitelkeit und Gewinnsucht, mit Leib und Seele dem Staate
verkauft, versuchen sie dennoch täglich und stündlich, den Staat
stückweise zu verkaufen, wann immer sie daraus Profit ziehen kön-
nen. Ein schönes Exemplar dieser Klasse ist der Feldjäger 1*)
oder Kurier, der Herrn de Custine während seiner Reisen in Ruß-
land begleitete und der in dem Rußlandbericht dieses Herrn so
treffend geschildert wird. [234] Diese Kategorie von Menschen ist
es, die auf zivilem wie auf militärischem Gebiet in erster Linie
die gewaltige Korruption schürt, die in diesem Lande alle Zweige
des öffentlichen Dienstes durchdringt. Doch wie die Dinge liegen,
besteht kein Zweifel, daß Rußland - würde es auf dieses System
der völligen Besitznahme der Kinder durch den Staat verzichten -
nicht die genügende Anzahl ziviler Subalternbeamter und Unterof-
fiziere für die Armee finden könnte.
Mit der Offiziersklasse steht es vielleicht noch schlimmer. Die
Ausbildung für einen zukünftigen Korporal oder Feldwebel ist eine
verhältnismäßig billige Sache; aber Offiziere für eine Armee von
einer Million Mann auszubilden (das ist die Zahl, für die nach
offiziellen Angaben die russischen Kader vorbereitet sein soll-
ten), ist eine kostspielige Angelegenheit. Nichtöffentliche Ein-
richtungen unternehmen dafür nichts oder nur wenig. Wieder muß
der Staat allein für alles aufkommen. Aber er kann offensichtlich
nicht eine solche Menge junger Leute ausbilden, wie sie für die-
sen Zweck gebraucht wird. Infolgedessen sind die Söhne des Adels
durch direkten moralischen Zwang verpflichtet, mindestens 5 oder
10 Jahre in der Armee oder in der Zivilverwaltung zu dienen, da
jede Familie, in der drei aufeinanderfolgende
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1*) Feldjäger: in "Putnam's Monthly" deutsch
#452# Friedrich Engels
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Generationen nicht "gedient" haben, ihr Adelsprivileg verliert
und besonders das Recht, Leibeigene zu halten - ein Recht, ohne
das ausgedehnter Landbesitz in Rußland mehr als wertlos ist. Da-
durch wird eine Unmenge junger Männer mit dem Rang eines Fähn-
richs oder Leutnants in die Armee aufgenommen, deren gesamte Bil-
dung bestenfalls in einer gewissen Fertigkeit in französischer
Konversation über die gewöhnlichsten Gemeinplätze und einigen
oberflächlichen Allgemeinkenntnissen in der elementaren Mathema-
tik, Geographie und Geschichte besteht - wobei ihnen das Ganze
lediglich eingebleut wurde, um zu renommieren. Ihnen ist der
Dienst eine widerwärtige Notwendigkeit, der man sich wie einer
langwierigen ärztlichen Behandlung mit ungeheucheltem Abscheu un-
terziehen muß, und sobald die vorgeschriebene Dienstzeit vorbei
oder der Rang eines Majors erreicht ist, ziehen sie sich zurück
und werden in die Stammrollen der Depotbataillone eingetragen.
Was die Zöglinge der Militärschulen anbelangt, so werden sie auch
nur soweit vollgepfropft, daß sie gerade das Examen bestehen kön-
nen, und selbst im reinen Fachwissen bleiben sie weit hinter den
jungen Leuten der österreichischen, preußischen oder französi-
schen Militärschulen zurück. Andrerseits sind junge Männer mit
Talent, Hingabe und Liebe zu ihrer Fachrichtung in Rußland so
selten, daß man sich auf sie stürzt, wo immer sie sich zeigen,
ganz gleich, ob sie Ausländer oder Einheimische sind. Mit der
größten Freizügigkeit versorgt sie der Staat mit allen Mitteln,
damit sie ihr Studium abschließen, und läßt sie schnell
aufrücken. Man braucht solche Männer, um Europa die russische
Zivilisation vorzuführen. Wenn sie literarischen Neigungen nach-
gehen, so erhalten sie jegliche Ermunterung, solange sie nicht
die Grenzen der russischen Staatsinteressen überschreiten, und
sie sind es, die das Wenige hervorgebracht haben, das es an
Wertvollem in der russischen Militärliteratur gibt. Aber bis zur
heutigen Zeit sind die Russen aller Klassen viel zu barbarisch,
um an wissenschaftlicher oder geistiger Tätigkeit irgendwelcher
Art (außer Intrigen) Gefallen zu finden. Deshalb sind fast alle
ihre hervorragenden Leute im Militärdienst entweder Ausländer
oder, was beinahe auf dasselbe herauskommt, "Ostseiskije",
Deutsche aus den baltischen Provinzen. Der letzte hervorragende
Vertreter dieser Klasse war General Todtleben, der Hauptingenieur
von Sewastopol, der im Juli an den Folgen einer Verwundung starb
[235]. Er war gewiß während der ganzen Belagerung der tüchtigste
Mann seines Faches, sowohl im russischen als auch im alliierten
Lager, doch er war ein Baltendeutscher von preußischer Herkunft.
Unter diesen Umständen besitzt die russische Armee unter ihren
Offizieren die allerbesten und die allerschlechtesten Leute, nur
daß erstere in einem unendlich kleineren Verhältnis vorhanden
sind. Was die russische Regierung
#453# Die Armeen Europas - Die russische Armee
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von ihren Offizieren hält, hat sie klar und unmißverständlich in
ihren eigenen taktischen Vorschriften gezeigt. Diese schreiben
nicht nur vor, wie eine Brigade, eine Division oder ein Armee-
korps generell für den Kampf aufgestellt wird, eine sogenannte
"Normaldisposition", die der Befehlshaber dem Gelände und anderen
Verhältnissen entsprechend abändern muß, sondern sie schreiben
verschiedene Normaldispositionen für die verschiedensten Fälle
vor, die auftreten könnten, dem General dadurch keinerlei Wahl
lassend und ihn in einer Weise bindend, die ihn von einer Verant-
wortung fast völlig entbindet. Zum Beispiel kann ein Armeekorps
den Vorschriften entsprechend in der Schlacht auf 5 verschiedene
Arten aufgestellt werden; an der Alma [46] waren die Russen
tatsächlich nach einer von diesen - der dritten Disposition -
aufgestellt und wurden verständlicherweise geschlagen. Dieser
Wahnsinn, abstrakte Regeln für alle möglichen Fälle vorzuschrei-
ben, läßt dem Kommandierenden so wenig Handlungsfreiheit und ver-
bietet ihm in einem solchen Maße selbst die Ausnutzung der Gelän-
devorteile, daß ein preußischer General kritisierend sagte:
"Ein solches System von Vorschriften kann nur in einer Armee ge-
duldet werden, in der die meisten Generale so blöde sind, daß die
Regierung ihnen weder ohne weiteres ein uneingeschränktes Kom-
mando übertragen noch sie ihrem eigenen Urteilsvermögen überlas-
sen kann."
Der russische Soldat gehört zu den tapfersten Männern Europas.
Seine Zähigkeit kommt fast der der Engländer und gewisser öster-
reichischer Bataillone gleich. Auch er kann sich wie John Bull
rühmen, nicht zu merken, wenn er geschlagen ist. Russische Infan-
teriekarrees haben, nachdem die Kavallerie sie gesprengt hatte,
noch eine ganze Zeitlang im Kampf von Mann gegen Mann Widerstand
geleistet, und es hat sich immer als leichter erwiesen, die rus-
sischen Soldaten niederzuschießen, als sie zurückzutreiben. Sir
George Cathcart, der sie 1813 und 1814 [236] als Alliierte und
1854 in der Krim als Feinde kennenlernte, stellt ihnen das ehren-
volle Zeugnis aus, daß sie "zur Panik unfähig" sind. Außerdem ist
der russische Soldat kräftig gebaut, gesund und ein guter Mar-
schierer, ein genügsamer Mensch, der beinahe alles essen und
trinken kann und seinen Offizieren gehorsamer ist als irgendein
anderer Soldat auf der Welt. Dennoch ist die russische Armee
nicht sehr rühmenswert. Niemals, seitdem von einem Rußland ge-
sprochen werden kann, haben die Russen eine einzige Schlacht ge-
gen die Deutschen, Franzosen, Polen oder Engländer gewonnen, ohne
ihnen zahlenmäßig gewaltig überlegen gewesen zu sein. Bei glei-
cher Stärke wurden sie stets von jeder Armee geschlagen, außer
von der türkischen oder der preußischen. Bei Cetate und
#454# Friedrich Engels
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Silistria [237] wurden sie sogar von den Türken geschlagen, ob-
wohl diese ihnen zahlenmäßig unterlegen waren.
Die Russen sind vor allem die schwerfälligsten Soldaten der Welt.
Sie sind weder für den Dienst in der leichten Infanterie noch für
den der leichten Kavallerie geeignet. So hervorragend die Kosaken
als leichte Kavallerie in mancher Beziehung sind, zeigen sie sich
doch im allgemeinen als so unzuverlässig, daß vor dem Feind immer
eine zweite Vorpostenlinie hinter der Vorpostenlinie der Kosaken
aufgestellt wird. Außerdem sind die Kosaken zur Attacke völlig
ungeeignet. Die regulären Truppen, sowohl die Infanterie als auch
die Kavallerie, sind nicht fähig, in aufgelöster Ordnung zu kämp-
fen. Der Russe, der in allem nachahmt, wird immer das tun, was
ihm befohlen wird oder wozu er gezwungen ist, aber er wird nichts
tun, wenn er auf eigene Verantwortung handeln soll. In der Tat
kann man das schwerlich von einem Menschen erwarten, der niemals
wußte, was Verantwortung heißt, und der zu seiner Erschießung mit
demselben passiven Gehorsam gehen würde, als wenn ihm befohlen
wäre, Wasser zu pumpen oder einen Kameraden auszupeitschen. Den
schnellen Blick des Franzosen oder den klaren Menschenverstand
des Deutschen von dem russischen Soldaten zu erwarten, wenn er
auf Vorposten steht oder in aufgelöster Ordnung kämpft, hieße ihn
verhöhnen. Er braucht den Befehl - einen klaren, eindeutigen Be-
fehl -, und wenn er ihn nicht erhält, wird er vielleicht nicht
zurückgehen, aber gewiß wird er nicht vorgehen oder seinen eige-
nen Verstand benutzen.
Die Kavallerie war nie ausgezeichnet, obwohl beträchtliche Kosten
und viel Sorgfalt für sie aufgewandt wurden. Weder in den Kriegen
gegen die Franzosen noch in dem Krieg gegen Polen hat sich die
Kavallerie hervorgetan. Der passive, geduldige, ausdauernde Ge-
horsam der Russen ist nicht das, was von der Kavallerie verlangt
wird. Die hervorstechendste Eigenschaft eines Reiters, der
"Schneid", ist gerade das, was den Russen meistenteils fehlt. So
ritten die 600 englischen Dragoner mit all der Waghalsigkeit und
all dem Mut wirklicher Reiter die russische Artillerie, die Kosa-
ken, Husaren und Ulanen nieder, als sie die zahlenmäßig weit
überlegenen Russen bei Balaklawa attackierten, bis sie auf die
festen Kolonnen der Infanterie stießen; dann mußten sie sich zu-
rückziehen; doch es ist noch zweifelhaft, wer in dieser
Kavallerieschlacht den Namen des Siegers verdient. Hätte man eine
solch sinnlose Attacke gegen irgendeine andere Armee unternommen,
nicht ein Mann wäre zurückgekehrt; der Feind wäre den Angreifern
in die Flanke und in den Rücken gefallen und hätte sie einzeln
niedergehauen. Doch die russischen Reiter rührten sich in Erwar-
tung der Angreifer tatsächlich nicht vom Fleck, sie wurden nie-
dergeritten, bevor sie daran dachten, ihre Pferde in Bewegung
#455# Die Armeen Europas - Die russische Armee
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zu setzen! Wenn irgend etwas das Urteil über die reguläre russi-
sche Kavallerie sprechen könnte, so ist es gewiß eine Tatsache
wie diese.
Die Artillerie ist mit einem Material unterschiedlicher Qualität
ausgerüstet, aber da, wo sie gute Geschütze hat, wird sie ihre
Aufgabe gut erfüllen. Sie wird im Felde große Tapferkeit bewei-
sen, aber es wird ihr immer an Intelligenz fehlen. Eine russische
Batterie, die ihre Offiziere verloren hat, taugt zu nichts; so-
lange die Offiziere leben, kann sie nur solche Stellungen einneh-
men, die durch das Reglement vorgeschrieben und damit oft unsin-
nig sind. In einer belagerten Festung, wo man geduldig ausharren
und sich ständig der Gefahr aussetzen muß, wird sich die russi-
sche Artillerie hervortun, und zwar nicht so sehr durch genaues
Zielen wie durch Pflichteifer und durch Standhaftigkeit im Feuer.
Die gesamte Belagerung Sewastopols beweist das.
Bei der Artillerie und im Geniewesen jedoch sind jene gut ausge-
bildeten Offiziere zu finden, mit denen Rußland vor Europa prahlt
und die wirklich ermutigt werden, ihre Talente frei zu entfalten.
Während zum Beispiel in Preußen den besten Leuten, sobald sie
Subalterne sind, gewöhnlich von ihren Vorgesetzten derart viel
Hindernisse in den Weg gelegt und während alle ihre vorgeschlage-
nen Verbesserungen als vermessene Versuche, Neuerungen einzufüh-
ren, abgetan worden sind, so daß viele von ihnen gezwungen waren,
in der Türkei ihren Dienst zu suchen, wo sie die türkische regu-
läre Artillerie zu einer der besten Europas gemacht haben -, so
werden in Rußland all diese Leute ermutigt und machen, wenn sie
sich hervortun, eine schnelle und glänzende Karriere. Diebitsch
und Paskewitsch waren im Alter von 29 bzw. 30 Jahren Generale,
und Todtleben avancierte bei Sewastopol in weniger als 8 Monaten
vom Hauptmann zum Generalmajor.
Der große Stolz der Russen ist ihre Infanterie. Sie ist außeror-
dentlich zuverlässig, und es wird immer unangenehm sein, sich mit
ihr zu schlagen, wenn sie in Linie, in Kolonne oder hinter Brust-
wehren eingesetzt ist. Aber hier enden ihre gute Eigenschaften.
Die Russen sind für den Dienst der leichten Infanterie fast völ-
lig ungeeignet (die sogenannten Jäger sind nur dem Namen nach
leichte Infanterie und die dem leichten Korps beigegebenen 8
Schützenbataillone die einzige wirkliche leichte Infanterie im
Heer), sie sind gewöhnlich schlechte Scharfschützen, gute, aber
langsame Marschierer, und ihre Kolonnen werden im allgemeinen so
schlecht placiert, daß es immer möglich sein wird, sie mit schwe-
rem Artilleriefeuer wirkungsvoll zu belegen, bevor man sie an-
greift. Die "Normaldispositionen", von denen die Generale nicht
abzuweichen wagen, tragen wesentlich dazu bei. An der Alma zum
Beispiel richtete die britische Artillerie fürchterliche Verhee-
rungen unter den russischen
#456# Friedrich Engels
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Kolonnen an, lange bevor sich die gleichfalls schwerfällige bri-
tische Linie entwickelt, den Fluß überschritten und sich für den
Angriff erneut formiert hatte. Aber selbst der Ruhm einer nicht
zu erschütternden Hartnäckigkeit muß mit beträchtlichem Vorbehalt
aufgenommen werden, seitdem bei Inkerman [111] 8000 Mann briti-
sche Infanterie in einer nicht fertig ausgebauten und nur nach-
lässig besetzten Stellung überrascht, im Nahkampf den 15 000 Rus-
sen länger als 4 Stunden widerstanden und jeden erneuten Angriff
zurückgewiesen hatten. Diese Schlacht muß den Russen gezeigt ha-
ben, daß sie auf ihrem ureigensten Gebiet ihren Meister gefunden
hatten. Es waren die Tapferkeit der britischen Soldaten und die
Intelligenz und Geistesgegenwart der Unteroffiziere und Soldaten,
die alle Angriffe der Russen zurückschlugen, und dieser Schlacht
wegen müssen wir anerkennen, daß die Briten mit Recht die Ehre
für sich in Anspruch nehmen, die beste Linieninfanterie der Welt
zu sein.
Die Bekleidung der russischen Armee lehnt sich ziemlich stark an
die preußische an. Ihre Ausrüstung ist sehr schlecht aufeinander
abgestimmt; nicht nur das Lederzeug für das Bajonett und für die
Patronentaschen ist über der Brust gekreuzt, sondern auch die
Tragriemen für den Tornister. Allerdings werden gegenwärtig ei-
nige Änderungen vorgenommen, aber ob sie diesen Punkt betreffen,
wissen wir nicht. Die Handfeuerwaffen sind sehr plump und sind
lediglich vor kurzem mit Perkussionskappen versehen worden; das
russische Gewehr ist das schwerste und unhandlichste Ding seiner
Art. Das Modell des Kavalleriesäbels ist schlecht, und er ist
auch schlecht gehärtet. Die neuen Geschütze, die in der Krim ein-
gesetzt worden sind, sollen sehr gut und eine ausgezeichnete Ar-
beit sein; aber ob das für alle zutrifft, ist sehr zweifelhaft.
Im Grunde trägt die russische Armee noch immer den Stempel einer
Einrichtung, die dem allgemeinen Entwicklungsstand des Landes
voraus ist, und hat alle Nachteile und Schattenseiten solcher
Treibhausprodukte. Im Kleinkrieg sind die Kosaken die einzigen
Truppen, die wegen ihrer Aktivität und Unermüdlichkeit gefürchtet
werden müssen, aber wegen ihrer Vorliebe fürs Trinken und Plün-
dern sind sie für ihre Befehlshaber sehr unzuverlässig. Bei
großen kriegerischen Auseinandersetzungen sind durch die lang-
samen Bewegungen der Russen deren strategische Manöver wenig zu
fürchten, es sei denn, daß sie es mit solch sorglosen Gegnern zu
tun haben, wie es die Engländer im vergangenen Herbst gewesen
sind. In einer regulären Schlacht werden die Russen den Soldaten
hartnäckige Gegner sein, aber den Generalen, die einen Angriff
gegen sie führen, keine großen Sorgen bereiten. Die russischen
Aufstellungen sind im allgemeinen sehr einfach; sie beruhen auf
den
#457# Die Armeen Europas - Die kleineren Armeen Deutschlands
-----
vorgeschriebenen Normaldispositionen und sind leicht zu erraten,
während der Mangel an Intelligenz sowohl bei Generalen als auch
bei Feldoffizieren und die Schwerfälligkeit der Truppen schwie-
rige Manöver auf dem Schlachtfeld zu einem großen Risiko für sie
werden lassen.
III. Die kleineren Armeen Deutschlands
Bayern hat 2 Armeekorps mit je 2 Divisionen; jede Division umfaßt
2 Infanteriebrigaden (4 Infanterieregimenter und 1 Schützenba-
taillon),
1 Kavalleriebrigade mit 2 Regimentern, dazu 3 Brigaden zu Fuß und
1 reitende Batterie. Jedes Armeekorps hat außerdem eine allge-
meine Artilleriereserve, bestehend aus 6 Fußbatterien, sowie 1
Abteilung Sappeure und Mineure. So besteht die ganze Armee aus 16
Regimentern mit je 3 Bataillonen, dazu 6 Bataillone Schützen,
also insgesamt 54 Bataillone; 2 Kürassierregimenter und 6 Regi-
menter leichte Dragoner, insgesamt 48 Eskadronen;
2 Regimenter Fußartillerie (aus je 6 Sechspfünder- und 6 Zwölf-
pfünderbatterien) sowie 1 Regiment reitende Artillerie (4 Sechs-
pfünderbatterien), insgesamt 28 Batterien mit je 8 Geschützen,
macht 224 Geschütze neben 6 Kompanien Garnisonartillerie und 12
Trainkompanien; hinzu kommen 1 Ingenieurregiment mit 8 Kompanien
sowie 2 Sanitätskompanien. Die gesamte Kriegsstärke beträgt
72 000 Mann neben einer Reserve und Landwehr, die jedoch keine
Kader besitzen.
Für die Armee des Deutschen Bundes [238] stellt Österreich das
1., 2. und 3. Korps, Preußen das 4., 5. und 6., Bayern das 7. Das
8. Korps wird von Württemberg, Baden und Hessen-Darmstadt ge-
stellt.
Württemberg hat 8 Regimenter Infanterie (16 Bataillone), 4 Regi-
menter Kavallerie (16 Eskadronen), 1 Regiment Artillerie (4 Fuß-
und 3 reitende Batterien mit 48 Geschützen); insgesamt etwa
19 000 Mann bei Kriegsstärke.
Baden unterhält 4 Regimenter (8 Bataillone), 2 Füsilierbatail-
lone, 1 Schützenbataillon, insgesamt 11 Infanteriebataillone, 3
Regimenter oder 12 Eskadronen Kavallerie sowie 4 Fuß- und 5 rei-
tende Batterien, die zusammen 40 Geschütze haben; insgesamt
15 000 Mann bei Kriegsstärke.
Hessen-Darmstadt hat 4 Regimenter oder 8 Bataillone Infanterie, 1
Regiment oder 6 Eskadronen leichte Reiterei und 3 Batterien Ar-
tillerie (1 reitende) mit 18 Geschützen; insgesamt 10 000 Mann.
Das einzig Besondere beim 7. und 8. Armeekorps ist, daß sie für
die Artillerie die französischen Geschützlafetten übernommen ha-
ben. Das
#458# Friedrich Engels
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9. Armeekorps des Bundes wird vom Königreich Sachsen, das eine
Division stellt, und von Kurhessen und Nassau gebildet, die die
zweite aufbringen.
Das Kontingent Sachsens beträgt 4 Brigaden Infanterie mit je 4
Bataillonen und 1 Brigade Schützen zu 4 Bataillonen; daneben 4
Linienbataillone und 1 Schützenbataillon als Reserve, die noch
nicht aufgestellt sind; 4 Regimenter leichte Reiterei mit je 5
Eskadronen; 1 Artillerieregiment gleich 6 Fuß- und 2 reitende
Batterien; insgesamt 20 Bataillone Infanterie, 20 Eskadronen und
50 Geschütze, also 24 500 Mann bei Kriegsstärke. Kurhessen hat 4
Regimenter oder 8 Bataillone, dazu je 1 Bataillon Füsiliere und
Schützen; 2 Eskadronen Kürassiere, 7 Eskadronen Husaren; 3 Batte-
rien, davon 1 reitende. Insgesamt sind das 10 Bataillone, 9 Eska-
dronen, 19 Geschütze bzw. 12 000 Mann bei Kriegsstärke. Nassau
bringt bei Kriegsstärke 7 Bataillone, 2 Batterien oder 7000 Mann
und 12 Geschütze auf.
Hannover und Braunschweig stellen für das 10. Armeekorps die 1.
und Mecklenburg, Holstein, Oldenburg sowie die Hansestädte die 2.
Division. Hannover stellt 8 Regimenter bzw. 16 Bataillone sowie 4
Bataillone leichte Infanterie, 6 Regimenter mit 24 Eskadronen Ka-
vallerie sowie 4 Fuß- und 2 reitende Batterien; insgesamt 22 000
Mann und 36 Geschütze. Seine Artillerie entspricht der engli-
schen. Braunschweig trägt 5 Bataillone bei, 4 Eskadronen und 12
Geschütze; insgesamt 5300 Mann. Die kleinen Staaten, die die 2.
Division stellen, sind nicht erwähnenswert.
Schließlich bilden die kleinsten der deutschen Duodezstaaten eine
Reservedivision. Die gesamte Armee des Deutschen Bundes bei
Kriegsstärke kann somit wie folgt in einer Tabelle zusammengefaßt
werden:
I. Kontingente
Infanterie Kavallerie Geschütze insgesamt
Österreich 73 501 13 546 192 94 822
Preußen 61 629 11 355 160 79 484
Bayern 27 566 5 086 72 35 600
8. Korps 23 369 4 308 60 30 150
9. Korps 19 294 2 887 50 24 254
10. Korps 22 246 3 572 58 28 067
Reservedivision 11 116 - - 11 116
----------------------------------------------
insgesamt 238 721 40 754 592 303 493
#459# Die Armeen Europas - Die kleineren Armeen Deutschlands
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II. Reservekontingente
Infanterie Kavallerie Geschütze insgesamt
Österreich 36 750 6 773 96 47 411
Preußen 30 834 5 660 80 39 742
Bayern 13 793 2 543 36 17 800
8. Korps 11 685 2 154 32 15 075
9. Korps 9 702 1 446 25 12 136
10. Korps 11 107 1 788 29 14 019
Reservedivision 5 584 - - 5 584
----------------------------------------------
insgesamt 119 455 20 364 298 151 767
Das sind natürlich nicht die tatsächlichen bewaffneten Kräfte des
Bundes, da Preußen, Österreich und Bayern im Notfall weit mehr
als die oben angegebenen Kontingente bereitstellen würden. Die
Truppen des 10. Korps und der Reservedivision, vielleicht auch
des 9. Korps, würden die Garnisonen bilden, um nicht durch ihre
mannigfaltigen Organisationsformen und Eigenheiten die Schnellig-
keit der Feldoperationen zu beeinträchtigen. Die militärischen
Eigenschaften dieser Armeen sind mehr oder weniger die gleichen
wie die der österreichischen und preußischen Soldaten; aber na-
türlich bieten diese kleinen Truppenkörper keine Gelegenheit, mi-
litärische Talente zu entwickeln, und es gibt eine Menge veralte-
ter Einrichtungen.
In einem dritten und abschließenden Artikel werden wir die spani-
schen, sardinischen, türkischen und anderen Armeen Europas behan-
deln.
#460#
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Dritter Artikel
["Putnam's Monthly" Nr. XXXVI, Dezember 1855]
I. Die türkische Armee
Die türkische Armee war zu Beginn des gegenwärtigen Krieges in
einem Zustand der Kampffähigkeit, den sie nie vorher erreicht
hatte. Die verschiedenen Reorganisations- und Reformversuche seit
dem Regierungsantritt Machmuds, seit dem Massaker der Janitscha-
ren [239] und besonders seit dem Frieden von Adrianopel [19] wa-
ren zusammengefaßt und in ein System gebracht worden. Das erste
und größte Hindernis - die Unabhängigkeit der Paschas, die entle-
gene Provinzen beherrschten - war weitgehend beseitigt, und im
großen und ganzen waren die Paschas auf eine Stellung herabge-
drückt worden, die etwa der eines militärischen Befehlshabers ei-
nes Bezirks entspricht. Doch ihre Ignoranz, Anmaßung und Raubgier
hatte sich in voller Lebenskraft erhalten wie in den besten Tagen
der Herrschaft der asiatischen Satrapen. Wenn wir auch in den
letzten 20 Jahren wenig von Revolten der Paschas gehört haben, so
doch genug von solchen Provinzen, die gegen ihre habgierigen Gou-
verneure revoltierten, die aus den Reihen der niedrigsten
Haussklaven und der "Männer für jede Arbeit" stammten und die
ihre neue Stellung dazu ausnutzten, sich durch Erpressungen, Be-
stechungsgelder und Riesenunterschlagungen öffentlicher Gelder
Vermögen anzuhäufen. Es ist klar, daß bei einem solchen Stand der
Dinge die Organisation der Armee zu einem großen Teil nur auf dem
Papier stehen kann.
Die türkische Armee besteht aus der regulären aktiven Armee
(Nisam), der Reserve (Redif), den irregulären Truppen und den
Hilfskorps der Vasallenstaaten.
#461# Die Armeen Europas - Die türkische Armee
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Die Nisam besteht aus 6 Korps (Ordus), die in den Bezirken ausge-
hoben werden, in denen die Korps stationiert sind, ähnlich den
Armeekorps in Preußen, die jeweils in der Provinz liegen, aus der
sie rekrutiert werden. Insgesamt gesehen ist die Organisation der
türkischen Nisam und Redif, wie wir sehen werden, dem preußischen
Vorbild nachgeahmt. Die 6 Ordus haben ihre Hauptquartiere in Kon-
stantinopel, Schumla, Toli-Monastir, Erzerum, Bagdad und Aleppo.
Jedes sollte von einem Muschir (Feldmarschall) kommandiert werden
und aus 2 Divisionen bzw. 6 Brigaden bestehen, die von 6 In-
fanterie-, 4 Kavallerieregimentern und 1 Artillerieregiment ge-
bildet werden.
Die Infanterie und Kavallerie sind nach dem französischen System
organisiert, die Artillerie nach dem preußischen.
Ein Infanterieregiment besteht aus 4 Bataillonen mit je 8 Kompa-
nien und sollte bei voller Stärke, einschließlich der Offiziere
und des Stabes, 3250 Mann betragen oder 800 Mann pro Bataillon.
Vor dem Krieg jedoch überstieg die allgemeine Stärke selten 700
Mann, und in Asien war sie fast immer viel geringer.
Ein Kavallerieregiment besteht aus 4 Eskadronen Ulanen und 2
Eskadronen Jäger, wobei jede Eskadron 151 Mann haben sollte. Im
allgemeinen lag die Effektivstärke hier sogar noch weiter unter
der Sollstärke als bei der Infanterie.
Jedes Artillerieregiment besteht aus 6 reitenden und 9 Fußbatte-
rien zu je 4 Geschützen, so daß es insgesamt 60 Geschütze besaß.
Jedes Korps (Ordu) sollte also 19 500 Mann Infanterie, 3700 Mann
Kavallerie und 60 Geschütze stark sein. In Wirklichkeit sind je-
doch 20 000 bis 21 000 Mann insgesamt das äußerste, was je er-
reicht worden war.
Neben den 6 Ordus gibt es 4 Artillerieregimenter (1 der Reserve
und 3 der Festungsartillerie), 2 Regimenter Sappeure und Mineure
und 3 Sonderdetachements der Infanterie, die nach Candia, Tunis
und Tripolis geschickt wurden, mit einer Gesamtstärke von 16 000
Mann.
Die Gesamtstärke der Nisam oder des regulären stehenden Heeres
müßte daher vor dem Kriege folgende gewesen sein:
36 Regimenter Infanterie mit durchschnittl.
2500 Mann 90 000 Mann
24 Regimenter Kavallerie mit durchschnittl.
660-670 Mann 16 000 Mann
7 Regimenter Feldartillerie 9 000 Mann
3 Regimenter Festungsartillerie 3 400 Mann
2 Regimenter Sappeure und Mineure 1 600 Mann
Detachierte Truppen 16 000 Mann
------------
136 000 Mann
#462# Friedrich Engels
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Nachdem die Soldaten 5 Jahre in der Nisam gedient haben, werden
sie nach Hause entlassen und bilden für die folgenden 7 Jahre die
Redif oder Reserve. Diese Reserve zählt ebenso viele Ordus, Divi-
sionen, Brigaden, Regimenter usw. wie das stehende Heer; in der
Tat ist sie für die Nisam das, was in Preußen das erste Aufgebot
der Landwehr für die Linie ist, mit der einzigen Ausnahme, daß in
Preußen in größeren Truppenkörpern als der Brigade Linie und
Landwehr immer zusammengehören, während sie in der türkischen Or-
ganisation getrennt gehalten werden. Die Offiziere und Unter-
offiziere der Redif bleiben ständig in den Depots zusammen, und
einmal im Jahr wird die Redif zur Übung einberufen, dabei erhält
sie die gleiche Entlohnung und Verpflegung wie die Linie. Da aber
eine solche Organisation eine gut eingespielte Zivilverwaltung
und eine zivilisierte Stufe der Gesellschaft voraussetzt, von
denen die Türkei weit entfernt ist, kann die Redif zum großen
Teil nur auf dem Papier existieren, und wenn wir deshalb für sie
die gleiche Stärke wie für die Nisam rechnen, so werden wir damit
sicherlich die höchstmögliche Zahl annehmen.
Die Hilfskontingente umfassen die Truppen aus:
1. den Donaufürstentümern 6 000 Mann
2. Serbie 20 000 Mann
3. Bosnien und der Herzegowina 30 000 Mann
4. Oberalbanien 10 000 Mann
5. Ägypten 40 000 Mann
6. Tunis und Tripolis 10 000 Mann
------------
insgesamt ungefähr: 116 000 Mann
Diesen Truppen müssen die freiwilligen Baschi-Bosuks hinzugezählt
werden, die Kleinasien, Kurdistan und Syrien in großer Anzahl
aufbringen kann. Sie sind die letzten Überbleibsel jener Schwärme
irregulärer Truppen, die in vergangenen Jahrhunderten Ungarn
überfluteten und zweimal vor Wien erschienen [240]. Zumeist Rei-
terei, haben sie in 2 Jahrhunderten fast ständiger Niederlagen
bewiesen, daß sie auch dem am schlechtesten ausgerüsteten europä-
ischen Reiter unterlegen sind. Ihr Selbstvertrauen ist verschwun-
den, und jetzt sind sie zu nichts anderem zu gebrauchen als die
Armee zu umschwärmen, wobei sie die Vorräte verzehren und ver-
schwenden, die für die regulären Truppen bestimmt waren. Ihr Hang
zum Plündern und ihre unzuverlässige Natur machen sie selbst für
jenen aktiven Vorpostendienst unfähig, den die Russen von ihren
Kosaken erwarten; denn die Baschi-Bosuks sind dann, wenn sie am
dringendsten gebraucht werden, am wenigsten zu finden.
#463# Die Armeen Europas - Die türkische Armee
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Im gegenwärtigen Kriege wurde es als zweckmäßig angesehen, ihre
Stärke zu beschränken, und wir glauben nicht, daß jemals mehr als
50 000 Mann zusammengefaßt wurden.
So kann also die zahlenmäßige Stärke der türkischen Armee zu Be-
ginn des Krieges wie folgt geschätzt werden:
Nisam 136 000 Mann
Redif. 136 000 Mann
reguläre Hilfstruppen aus Ägypten und Tunis 50 000 Mann
irreguläre Hilfstruppen aus Bosnien und Albanien 40 000 Mann
Baschi-Bosuks 50 000 Mann
------------
insgesamt: 412 000 Mann
Von dieser Gesamtsumme muß jedoch wiederum einiges abgezogen wer-
den. Daß die in Europa stationierten Ordus in ziemlich guter Ver-
fassung waren und so vollzählig, wie man es in der Türkei eben
erwarten kann, scheint ziemlich sicher zu sein; aber in Asien, in
den entlegeneren Provinzen, wo die muselmanische Bevölkerung
überwiegt, mögen zwar die Mannschaften bereitstehen, während je-
doch weder Waffen noch Ausrüstung, noch Munitionslager vorhanden
sind. Die Donauarmee wurde hauptsächlich aus den 3 europäischen
Ordus gebildet. Sie waren der Kern dieser Armee, zu dem die euro-
päischen Redifs, das syrische Korps oder zumindest ein beträcht-
licher Teil davon sowie eine Anzahl Arnauten [241], Bosniaken und
Baschi-Bosuks hinzukamen. Dennoch ist die übermäßige Vorsicht
Omer Paschas - seine noch heute vorhandene Abneigung, die Truppen
im Felde zu exponieren - der beste Beweis dafür, daß er nur ein
begrenztes Vertrauen in die Fähigkeiten dieser einzigen guten re-
gulären Armee setzt, die die Türkei je besessen hat. In Asien je-
doch, wo das alte türkische System der Unterschlagung und Träg-
heit noch in voller Blüte stand, konnten die 2 Ordus der Nisam,
sämtliche Redif s und die Masse der Irregulären zusammengenommen
nicht einmal einer russischen Armee widerstehen, die zahlenmäßig
weit unterlegen war; sie wurden in jeder Schlacht geschlagen, so
daß am Ende des Feldzuges von 1854 die asiatische Armee der Tür-
kei fast aufgehört hatte zu existieren. Daraus geht hervor, daß
nicht nur die Organisation in ihren Details, sondern auch ein
großer Teil der Truppen selbst in Wirklichkeit nicht bestanden.
Die ausländischen Offiziere und Zeitungskorrespondenten in Kars
und Erzerum beanstandeten immer wieder den Mangel an Waffen, Aus-
rüstungsgegenständen, Munition und Lebensmitteln und erklärten
unmißverständlich, daß die Ursache in nichts anderem als in der
Trägheit, Unfähigkeit und Raubgier der Paschas
#464# Friedrich Engels
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lag. Die Gelder wurden diesen regelmäßig zugewiesen, aber sie
steckten sie stets in ihre eigene Tasche.
Die gesamte Ausrüstung des türkischen regulären Soldaten ist von
den westlichen Armeen entlehnt. Den einzigen Unterschied bildet
der rote Fes oder das Käppchen, das vielleicht die am wenigsten
geeignete Kopfbedeckung für dieses Klima ist, weil sie während
der Sommerhitze häufig Sonnenstiche verursacht. Die Qualität der
Ausrüstungsstücke ist schlecht, und die Bekleidung muß länger
halten, als vorgesehen ist, da die Offiziere gewöhnlich das Geld
einstecken, das für Neuanschaffungen bestimmt ist. Die Waffen
sowohl für die Infanterie als auch für die Kavallerie sind min-
derwertig; nur die Artillerie hat sehr gute Feldgeschütze, die in
Konstantinopel unter der Leitung europäischer Offiziere und Zivi-
lingenieure gegossen worden sind.
An sich ist der Türke kein schlechter Soldat. Er ist von Natur
aus tapfer, außerordentlich abgehärtet, geduldig und unter gewis-
sen Umständen auch gehorsam. Europäische Offiziere, die einmal
sein Vertrauen gewonnen haben, können sich auf ihn verlassen, wie
Grach und Butler bei Silistria und Iskender Beg (Ilinski) in der
Walachei feststellten. Aber das sind Ausnahmen. Im allgemeinen
ist der angeborene Haß des Türken gegen den "Giaur" so unaus-
löschlich und seine Gewohnheiten und Vorstellungen sind von denen
eines Europäers so verschieden, daß er sich, solange er als herr-
schende Nation im Lande verbleibt, keinem Menschen unterwerfen
wird, den er im Innersten als unermeßlich tiefer stehend verab-
scheut. Diesen Widerwillen haben die Türken auch auf die Armeeor-
ganisation ausgedehnt, seitdem diese nach europäischem Vorbild
umgestellt wurde. Der einfache Türke haßt die Giaur-Institutionen
ebensosehr, wie er die Giaurs selbst haßt. Außerdem sind dem trä-
gen, beschaulichen,fatalistischen Türken die strenge Disziplin,
die geregelte Tätigkeit, die ständige Aufmerksamkeit, die in ei-
ner modernen Armee verlangt werden, äußerst verhaßte Dinge. Sogar
die Offiziere werden eher zulassen, daß die Armee geschlagen
wird, als daß sie sich anstrengen und ihren Verstand benutzen.
Das ist einer der schlimmsten Charakterzüge der türkischen Armee
und würde allein genügen, um sie für jeden offensiven Feldzug un-
brauchbar zu machen.
Die Gemeinen und Unteroffiziere werden aus Freiwilligen und durch
das Los rekrutiert; für die unteren Dienstgrade der Offiziere
werden manchmal Leute aus dem Mannschaftsstand befördert, doch in
der Regel werden sie aus den Leibdienern und den Offiziersbur-
schen der höheren Offiziere, den Tschibukschis und Kafeidschis,
gewählt. Die Militärschulen in Konstantinopel, die nicht einmal
sehr gut sind, können nicht genügend junge Leute für
#465# Die Armeen Europas - Die türkische Armee
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die vakanten Stellen hervorbringen. Hinsichtlich der höheren
Dienstgrade existiert eine Günstlingswirtschaft, von der die
westlichen Nationen keine Vorstellung haben. Die meisten Generale
sind ehemalige tscherkessische Sklaven, die M i g n o n s ir-
gendeines großen Mannes in den Tagen ihrer Jugend. Völlige Igno-
ranz, Unfähigkeit und Selbstzufriedenheit herrschen unumschränkt,
und Hofintrigen sind das Hauptmittel, um zu avancieren. Im Heer
wären selbst die wenigen europäischen Generale (Renegaten) nicht
akzeptiert worden, wenn man sie nicht unbedingt gebraucht hätte,
um zu verhüten, daß die ganze Maschinerie auseinanderfällt. So
wie die Dinge liegen, wurden sie unterschiedslos angenommen,
sowohl Männer mit wirklichen Verdiensten als auch reine Abenteu-
rer.
Gegenwärtig, nach drei Feldzügen, kann man sagen, daß von der
Existenz einer türkischen Armee keine Rede sein kann, ausgenommen
die 80 000 Mann der eigentlichen Armee Omer Paschas, von der ein
Teil an der Donau und der andere in der Krim steht. Die asiati-
sche Armee besteht aus einem lärmenden Haufen von ungefähr 25 000
Mann, für das Feld untauglich und durch Niederlagen demorali-
siert. Der übrige Teil der 400 000 Mann ist wer weiß wohin ver-
schwunden: im Felde oder durch Krankheiten getötet, verwundet,
verabschiedet oder zu Räubern geworden. Sehr wahrscheinlich wird
dies überhaupt die letzte türkische Armee sein, denn sich von dem
Schock zu erholen, den sie durch ihre Allianz mit England und
Frankreich erlitten hat, ist mehr, als man von der Türkei erwar-
ten kann.
Die Zeit ist vorbei, da die Kämpfe von Oltenitza [242] und Cetate
eine übertriebene Begeisterung für die türkische Tapferkeit her-
vorriefen. Das untätige Verharren Omer Paschas genügte, um auch
über weitere militärische Fähigkeiten der Türken Zweifel zu wec-
ken, die nicht einmal die glänzende Verteidigung von Silistria
völlig zerstreuen konnte. Die Niederlagen in Asien, die Flucht
aus Balaklawa, die völlig defensive Haltung der Türken in Eupato-
ria und ihre absolute Untätigkeit im Lager' von Sewastopol haben
die allgemeine Einschätzung ihrer militärischen Fähigkeiten auf
ein richtiges Maß gebracht. Der Zustand der türkischen Armee war
derart, daß bis dahin ein Urteil über ihren allgemeinen Wert völ-
lig unmöglich war. Es gab ohne Zweifel einige sehr tapfere und
gutgeführte Regimenter, die zu jedem Dienst fähig waren, aber sie
waren in beträchtlicher Minderheit. Der großen Masse der Infante-
rie fehlte der Zusammenhalt, und sie war deshalb zum Felddienst
untauglich, obwohl sie hinter Verschanzungen ihren Mann stand.
Die reguläre Kavallerie war der jeder europäischen Macht ent-
schieden unterlegen. Die Artillerie war bei weitem der beste Teil
des Heeres, und die Regimenter der Feldartillerie hatten einen
hohen Stand der Leistungsfähigkeit erreicht,
#466# Friedrich Engels
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die Leute waren wie für ihre Aufgabe geboren, obwohl bei den Of-
fizieren zweifellos vieles zu wünschen übrigblieb. Wie es
scheint, haben die Redifs allgemein an organisatorischen Mängeln
gelitten, obwohl die Leute ohne Zweifel willens waren, ihr Bestes
zu tun. Von den Irregulären waren die Arnauten und Bosniaken
großartige Guerillas, aber nichts weiter; sie eigneten sich am
besten zur Verteidigung von Befestigungen, während die Baschi-Bo-
suks geradezu wertlos waren und sogar mehr als das. Das ägypti-
sche Kontingent scheint ungefähr auf dem gleichen Niveau gewesen
zu sein wie die türkische Nisam, das tunesische beinahe für alles
unbrauchbar. Bei einer solch buntscheckigen Armee, die so
schlecht geführt wurde und in der eine derartige Mißwirtschaft
herrschte, ist es kein Wunder, daß sie in drei Feldzügen fast zu-
grunde gerichtet wurde.
II. Die sardinische Armee
Diese Armee besteht aus 10 Brigaden Infanterie, 10 Bataillonen
Schützen, 4 Brigaden Kavallerie, 3 Regimentern Artillerie, 1 Re-
giment Sappeure und Mineure, einem Korps Karabiniers
(Polizeitruppen) und der leichten Reiterei auf der Insel Sardi-
nien.
Die 10 Infanteriebrigaden bestehen aus 1 Brigade Garde mit 4 Ba-
taillonen Grenadiere und 2 Bataillonen Jäger sowie aus 9 Brigaden
der Linie, das sind 18 Regimenter zu je 3 Bataillonen. Hinzu kom-
men 10 Bataillone Schützen (Bersaglieri), eines für jede Brigade;
damit hat die sardinische Armee einen weit stärkeren Anteil gut
ausgebildeter leichter Infanterie als jede andere Armee.
Außerdem gehört zu jedem Regiment 1 Depotbataillon.
Seit 1849 wurde die Stärke der Bataillone aus finanziellen Grün-
den sehr vermindert. Bei Kriegsstärke sollte ein Bataillon unge-
fähr 1000 Mann stark sein, doch bei Friedensstärke hat es nicht
mehr als 400 Mann. Die übrigen sind auf unbegrenzte Zeit beur-
laubt worden.
Die Kavallerie umfaßt 4 schwere und 5 leichte Regimenter. Jedes
Regiment hat 4 Feldeskadronen und 1 Ersatzeskadron. Bei Kriegs-
stärke sollten die 4 Feldeskadronen eines Regiments ungefähr 800
Mann umfassen, doch bei Friedensstärke sind es kaum 600.
Die 3 Regimenter Artillerie bestehen aus 1 Regiment Handwerkern
und Artilleriespezialisten, 1 Regiment Garnisonartillerie (12
Kompanien) und 1 Feldartillerieregiment (6 Fuß-, 2 reitende und 2
schwere Batterien, jede zu 8 Geschützen). Die Kanonen der leich-
ten Batterien sind Achtpfünder
#467# Die Armeen Europas - Die sardinische Armee
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und die Haubitzen Vierundzwanzigpfünder, die Kanonen der schweren
Batterien Sechzehnpfünder; insgesamt 80 Geschütze.
Das Sappeur- und Mineurregiment hat 10 Kompanien, das sind unge-
fähr 1100 Mann. Die Karabiniers (beritten und zu Fuß) sind für
ein so kleines Königreich sehr zahlreich, sie betragen ungefähr
3200 Mann. Die für den Dienst als Polizeitruppe auf der Insel
Sardinien eingesetzte leichte Reiterei ist ungefähr 1100 Mann
stark.
Die sardinische Armee erreichte in dem ersten Feldzug gegen
Österreich im Jahre 1848 sicherlich eine Stärke von 70 000 Mann.
Im Jahre 1849 waren es nahezu 130 000 Mann. Später wurde sie auf
ungefähr 45 000 Mann herabgesetzt. Wie stark sie heute ist, kann
man unmöglich sagen, aber es besteht kein Zweifel, daß sie seit
dem Abschluß des Vertrages mit England und Frankreich [243] wie-
der verstärkt wurde.
Diese große Elastizität der piemontesischen Armee, die es ihr er-
laubt, die Anzahl der unter Waffen stehenden Leute jederzeit zu
erhöhen oder zu vermindern, ergibt sich aus einem Rekrutierungs-
system, das dem preußischen sehr ähnlich ist, und Sardinien kann
tatsächlich in vieler Beziehung das Preußen Italiens genannt wer-
den. In den Ländern Sardiniens besteht eine ähnliche Verpflich-
tung für jeden Bürger, in der Armee zu dienen, wie in Preußen,
wenn auch im Unterschied dazu Ersatzleute gestellt werden können.
Die gesamte Dienstpflicht umfaßt wie in Preußen den aktiven
Dienst und eine folgende Periode, in der der Soldat in die Re-
serve entlassen wird und dort verbleibt; im Kriegsfall kann er
jederzeit wieder eingezogen werden. Das System ist ein Mittelding
zwischen dem preußischen einerseits und dem Belgiens sowie der
kleineren deutschen Staaten andrerseits. So kann bei Einberufung
der Reserve die Infanterie von ungefähr 30 000 Mann auf 80 000
Mann und noch darüber erhöht werden. Die Kavallerie und Feldar-
tillerie würde nur wenig verstärkt werden, da die Soldaten dieser
Waffengattungen im allgemeinen während der gesamten Dienstzeit
bei ihren Regimentern bleiben müssen.
Die piemontesische Armee ist ebensogut und kampfstark wie jede
andere europäische Armee. Die Piemontesen sind klein wie die
Franzosen, besonders die Infanteristen. Die Gardesoldaten errei-
chen im Durchschnitt nicht einmal 5 Fuß 4 Zoll, aber durch ihre
ansprechende Uniform, ihre militärische Haltung, ihre kräftigen,
aber agilen Gestalten und durch ihre feinen italienischen Ge-
sichtszüge machen sie einen besseren Eindruck als manche aus grö-
ßeren Leuten bestehende Armee. Die Uniformierung und Equipierung
der Linien- und Gardeinfanterie richtet sich nach dem französi-
schen Vorbild, mit Ausnahme einiger weniger, von den Österrei-
chern übernommener
#468# Friedrich Engels
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Details. Die Bersaglieri haben eine besondere Uniform - einen
kleinen flachen Filzhut mit einem lang wallenden Federbusch aus
Hahnenfedern und einen braunen Waffenrock. Die Kavallerie trägt
kurze braune, bis zu den Hüften reichende Röcke. Die Infanterie
ist zum größten Teil mit dem Perkussionsgewehr bewaffnet; die
Bersaglieri haben kurze Tiroler Büchsen, das sind zwar gute und
brauchbare Waffen, aber dem Minié-Gewehr in jeder Beziehung un-
terlegen. Das erste Glied der Kavallerie war mit Lanzen bewaff-
net; ob das heute bei der leichten Kavallerie noch der Fall ist,
können wir nicht sagen. Die reitenden Batterien und leichten Fuß-
batterien haben durch ihr Geschützkaliber von 8 Pfund den anderen
europäischen Armeen gegenüber den gleichen Vorteil, den die Fran-
zosen hatten, solange sie dieses Kaliber beibehielten; doch ihre
schweren Sechzehnpfünderbatterien machten die sardinische Feldar-
tillerie zur schwersten des Kontinents. Daß diese Geschütze, ein-
mal in Stellung gebracht, ausgezeichnete Dienste leisten können,
haben sie an der Tschornaja bewiesen, wo ihr exaktes Feuer be-
trächtlich zu dem Erfolg der Alliierten beitrug und überall be-
wundert wurde.
Von allen italienischen Staaten ist Piemont am besten dazu in der
Lage, eine gute Armee zu schaffen. Aus den Ebenen des Po und sei-
ner Nebenflüsse kommen vorzügliche Pferde, und dort leben schöne,
hochgewachsene Menschen, die größten aller Italiener, hervorra-
gend für den Dienst in der Kavallerie und der schweren Artillerie
geeignet. In den Bergen, die diese Ebenen von drei Seiten umge-
ben, im Norden, Westen und Süden, wohnt ein abgehärtetes Volk,
das zwar kleiner an Körpergröße, aber kräftig und beweglich ist,
fleißig und scharfsinnig wie alle Bergbewohner. Sie sind es, die
die Masse der Infanterie und besonders der Bersaglieri bilden,
einer Truppe, die den Vincenner Jägern im Grad der Ausbildung
fast gleichkommt, sie aber an körperlicher Kraft und Ausdauer si-
cherlich übertrifft.
Die Militäranstalten Piemonts sind im großen und ganzen sehr gut,
und deshalb haben die Offiziere eine hohe Qualifikation. Noch
1846 hatten jedoch die Aristokratie und der Klerus einen großen
Einfluß auf ihre Ernennung. Bis zu dieser Zeit kannte Karl Albert
nur zwei Mittel des Regierens - den Klerus und die Armee. In an-
deren Teilen Italiens war es sogar eine allgemeine Redensart, daß
von drei Leuten, denen man in Piemont auf der Straße begegnete,
einer ein Soldat, der zweite ein Mönch und nur jeder dritte ein
Zivilist war. Heute ist das natürlich vorbei, die Priester besit-
zen überhaupt keinen Einfluß; die Kriege von 1848 und 1849 haben
der Armee gewisse demokratische Züge aufgeprägt, die nicht so
leicht zerstört werden können, obwohl der Adel noch viele Offi-
ziersstellen besetzt. Einige britische Krim-Korrespondenten haben
in den Zeitungen berichtet, daß die piemontesischen
#469# Die Armeen Europas - Die sardinische Armee
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Offiziere beinahe alle "geborene Gentlemen" seien, aber dies ist
durchaus nicht der Fall, und wir kennen persönlich mehr als einen
piemontesischen Offizier, der vom Gemeinen aufgestiegen ist, und
können mit Sicherheit behaupten, daß sich die Masse der Haupt-
leute und Leutnants jetzt aus Leuten zusammensetzt, die ihre
Epauletten entweder durch Tapferkeit im Kampf gegen die Österrei-
cher erworben haben oder die zumindest nicht mit der Aristokratie
verbunden sind.
Das größte Kompliment, das nach unserer Auffassung der piemonte-
sischen Armee gezollt werden kann, kommt in der Meinung zum Aus-
druck, die einer ihrer ehemaligen Gegner, General Schönhals, Ge-
neralquartiermeister der österreichischen Armee in den Jahren
1848/49, ausgesprochen hat. In seinen "Erinnerungen aus dem ita-
lienischen Krieg" behandelt dieser General, einer der besten Of-
fiziere der österreichischen Armee und ein heftiger Gegner all
dessen, was in irgendeiner Weise nach italienischer Unabhängig-
keit riecht, die piemontesische Armee durchweg mit dem höchsten
Respekt.
"Ihre Artillerie", sagt er, "besteht aus gewählten Leuten, guten
und unterrichteten Offizieren, hat ein gutes Material und ist im
Kaliber der unsrigen überlegen... Die Kavallerie ist keine ver-
ächtliche Waffe. Ihr erstes Glied ist mit Lanzen bewaffnet. Der
Gebrauch dieser Waffe erfordert aber einen sehr gewandten Reiter,
wir möchten daher nicht gerade sagen, daß diese Einführung direkt
eine Verbesserung bedeutet. Ihre Schule der Equitation ist jedoch
eine sehr gute... Bei Santa Lucia wurde von beiden Seiten mit
großer Tapferkeit gefochten. Die Piemontesen griffen mit großer
Lebhaftigkeit und Ungestüm an - sowohl Piemontesen als auch
Österreicher vollbrachten viele Taten großen persönlichen Mu-
tes... Die piemontesische Armee hat das Recht, den Tag von Novara
in Erinnerung zu bringen, ohne erröten zu müssen", und so weiter
[244].
Auch der preußische General Willisen, der einige Zeit an dem
Feldzug von 1848 teilnahm und kein Freund der italienischen Unab-
hängigkeit ist, spricht mit Achtung von der piemontesischen Ar-
mee.
Schon seit 1848 hat eine gewisse Partei in Italien den König von
Sardinien als das zukünftige Oberhaupt der gesamten Halbinsel an-
gesehen. Obwohl wir weit davon entfernt sind, diese Meinung zu
teilen, glauben wir doch, daß, wenn Italien einmal seine Freiheit
wiedergewinnen wird, die piemontesischen Kräfte das bedeutendste
militärische Instrument sein werden, um dieses Ziel zu erreichen,
und daß sie zugleich den Kern der zukünftigen italienischen Armee
bilden werden. Bevor das geschieht, wird die sardinische Armee
wahrscheinlich mehr als eine innere Revolution durchmachen, doch
ihre ausgezeichneten militärischen Elemente werden das alles
überdauern und werden sogar noch gewinnen, wenn sie in einer
wirklichen Nationalarmee aufgehen.
#470# Friedrich Engels
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III. Die kleineren italienischen Armeen
Die päpstliche Armee existiert fast nur auf dem Papier. Die Ba-
taillone und Eskadronen sind niemals vollständig und bilden nur
eine schwache Division. Außer dieser gibt es ein Regiment Schwei-
zer Garde, die einzigen Truppen, welchen der Staat einiges Ver-
trauen schenken kann. Die Armeen Toskanas, Parmas und Modenas
sind zu unbedeutend, um hier erwähnt zu werden; es möge genügen
zu sagen, daß sie im ganzen gesehen nach österreichischem Muster
organisiert sind. Außerdem existiert die neapolitanische Armee,
für die es auch um so besser ist, je weniger man über sie
spricht. Sie hat sich niemals vor dem Feind hervorgetan; ob sie
für den König kämpfte wie 1799 oder für eine Verfassung wie 1821,
sie hat sich immer dadurch ausgezeichnet, daß sie davongelaufen
ist [245]. Selbst in den Jahren 1848 und 1849 wurde der aus Ein-
heimischen bestehende Teil der neapolitanischen Armee überall von
den Aufständischen geschlagen, und wären die Schweizer nicht ge-
wesen, so säße König Bomba heute nicht auf seinem Thron. Während
der Belagerung Roms rückte Garibaldi mit einer Handvoll Leute ge-
gen die neapolitanische Division vor und schlug sie zweimal
[246]. Die Friedensstärke der Armee Neapels wird auf 26 000-
27 000 Mann geschätzt, aber 1848 soll sie Berichten zufolge fast
49 000 betragen haben, und bei voller Stärke sollte sie sich auf
64 000 erhöhen. Von allen diesen Truppen sind allein die Schwei-
zer erwähnenswert. Sie bilden 4 Regimenter zu je 2 Bataillonen,
und ein vollständiges Bataillon sollte 600 Mann stark sein, das
sind 4800 Mann insgesamt. Doch der Kaderbestand ist jetzt so an-
gewachsen, daß jedes Bataillon ungefähr 1000 Mann stark ist (das
4. oder Berner Regiment hat allein 2150 Mann), und die Gesamtzahl
kann auf nahezu 9000 Mann geschätzt werden. Das sind wirklich
erstklassige Truppen, die von Offizieren ihres eigenen Landes be-
fehligt werden und in ihrer inneren Organisation und Verwaltung
von der neapolitanischen Regierung unabhängig sind. Sie wurden
erstmals 1824 oder 1825 in Sold genommen, als der König der Ar-
mee, die kurz vorher revoltiert hatte, nicht länger vertraute und
es für notwendig erachtete, sich mit einer starken Leibgarde zu
umgeben. Die Verträge, "Kapitulationen" genannt, wurden mit den
verschiedenen Kantonen auf 30 Jahre abgeschlossen; den Truppen
wurden die Schweizer Kriegsgesetze sowie die Schweizer Militäror-
ganisation zugebilligt. Der Sold war dreimal so hoch wie der ei-
nes einheimischen neapolitanischen Soldaten. Die Truppen rekru-
tierten sich aus Freiwilligen aller Kantone; dort waren Rekrutie-
rungsbüros eingerichtet. Den ausscheidenden Offizieren, den Vete-
ranen und den Verwundeten waren Pensionen sicher. Falls der Ver-
trag nach Ablauf von 30 Jahren nicht erneuert werden sollte,
#471# Die Armeen Europas - Die Schweizer Armee
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waren die Regimenter aufzulösen. Die jetzige Schweizer Verfassung
verbietet die Rekrutierungen für ausländische Dienste, und des-
halb wurden die Kapitulationen nach 1848 aufgehoben; man stellte
das Anwerben zumindest dem Schein nach in der Schweiz ein, aber
in Chiasso und anderen Orten der Lombardei wurden Depots einge-
richtet, und mancher Werbeagent setzte sein Geschäft heimlich auf
Schweizer Boden fort. Der neapolitanische Staat war so auf Rekru-
ten erpicht, daß er sich nicht scheute, den Abschaum der poli-
tischen Flüchtlinge aufzunehmen, die sich damals in der Schweiz
aufhielten. Unter diesen Umständen bestätigte der König von Nea-
pel die Privilegien, die den Schweizer Soldaten durch die Kapitu-
lationen garantiert worden waren, und im August vergangenen Jah-
res, als die 30 Jahre abgelaufen waren, verlängerte er durch
einen besonderen Erlaß diese Privilegien für die gesamte Zeit, in
der die Schweizer in seinen Diensten stehen.
IV. Die Schweizer Armee
Die Schweiz hat kein stehendes nationales Heer. Jeder Schweizer
muß, wenn er diensttauglich ist, in der Miliz dienen, und diese
Masse ist dem Alter entsprechend in drei Aufgebote unterteilt
(Auszug, erstes und zweites Aufgebot 1*)). Die jungen Männer wer-
den während der ersten Dienstjahre gesondert zur Ausbildung ein-
gezogen und von Zeit zu Zeit in Lagern zusammengefaßt; aber je-
der, der das unbeholfene Marschieren und das unerfreuliche Bild
einer noch unausgebildeten Schweizer Abteilung gesehen oder sie
mit ihrem Sergeanten während der Ausbildung Witze reißen gehört
hat, wird gewiß sofort erkennen, daß die militärischen Qualitäten
der Leute nur sehr schwach entwickelt sind. Um die soldatischen
Eigenschaften dieser Miliz beurteilen zu können, haben wir nur
ein Beispiel, den Sonderbundskrieg 2*) 1847 [247], dessen Verlauf
sich durch außerordentlich geringe Verluste im Verhältnis zu den
beteiligten Kräften auszeichnete. Die Organisation der Miliz
liegt fast völlig in den Händen der verschiedenen Kantonregierun-
gen, und obwohl ihre allgemeine Organisationsform durch Bundesge-
setze festgelegt ist und ein Bundesstab an der Spitze des Ganzen
steht, kann bei diesem System ein gewisses Durcheinander und man-
gelnde Einheitlichkeit nicht ausbleiben, indem es fast unumgäng-
lich verhindert, daß genügend Vorräte angelegt, Verbesserungen
eingeführt und wichtige Punkte besonders an der schwachen schwei-
zerisch-deutschen Grenze ständig befestigt werden.
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1*) Auszug, erstes und zweites Aufgebot: in "Putnam's Monthly"
deutsch - 2 ebenso: Sonderbund
#472# Friedrich Engels
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Die militärisch ausgebildeten Schweizer sind wie alle Bergbewoh-
ner ausgezeichnete Soldaten, und wo sie auch als reguläre Truppen
unter fremder Fahne gedient haben, kämpften sie außerordentlich
gut. Da sie aber ziemlich schwer von Begriff sind, brauchen sie
die Ausbildung wirklich weit nötiger als die Franzosen oder die
Norddeutschen, um Selbstvertrauen und Zusammenhalt zu bekommen.
Es ist möglich, daß im Falle eines ausländischen Angriffs auf die
Schweiz das Nationalgefühl dies vielleicht wettmachen wird, aber
selbst das ist sehr zweifelhaft. Eine reguläre Armee von 80 000
Mann und weniger wäre einer Masse von 160 000 und mehr gewachsen,
die die Schweizer vorgeben aufstellen zu können. Im Jahre 1798
besiegten die Franzosen sie mit ein paar Regimentern [248].
Die Schweizer bilden sich auf ihre Scharfschützen viel ein. Si-
cherlich gibt es in der Schweiz verhältnismäßig mehr gute Schüt-
zen als in jedem anderen europäischen Land, die österreichischen
alpinen Besitzungen ausgenommen. Aber wenn man sieht, daß diese
sicheren Schützen, wenn sie einberufen werden, fast alle mit
plumpen, gewöhnlichen Perkussionsgewehren bewaffnet sind, wird
der Respekt vor den Schweizer Scharfschützen beträchtlich ge-
mindert. Die wenigen Schützenbataillone mögen gute Schützen ha-
ben, aber ihre kurzen schweren Gewehre (Stutzen 1*)) sind im Ver-
gleich zum Minié-Gewehr veraltet und wertlos, und die unbehol-
fene, langsame Art, sie mit losem Pulver aus einem Horn zu laden,
würde den Schweizern nur eine geringe Chance geben, wenn sie
Truppen gegenüberstehen sollten, die mit moderneren Waffen ausge-
rüstet sind.
Kurz gesagt: Waffen, Ausrüstung, Organisation und Ausbildung, al-
les ist bei den Schweizern altmodisch und wird es sehr wahr-
scheinlich solange bleiben, wie die Kantonregierungen in diesen
Dingen etwas zu sagen haben.
V. Die skandinavischen Armeen
Obwohl unter einer Krone vereinigt, sind die schwedische und
norwegische Armee so unabhängig voneinander wie die beiden Län-
der, zu denen sie gehören. Im Gegensatz zur Schweiz sind beide
das Beispiel für ein alpines Land mit einem stehenden Heer; die
skandinavische Halbinsel ist jedoch insgesamt durch den Charakter
der Landschaft und die sich daraus ergebende Kargheit sowie durch
die dünne Besiedlung des Gebietes der Schweiz so verwandt, daß
selbst in der militärischen Organisation beider Länder das glei-
che System, und zwar das Milizsystem, vorherrscht.
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1*) Stutzen: in "Putnam's Monthly" deutsch
#473# Die Armeen Europas - Die skandinavischen Armeen
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Schweden hat drei Truppenarten, und zwar Regimenter, die durch
Freiwilligenwerbung gebildet werden (värfvade truppar), Provinzi-
alregimenter (indelta truppar) und die Reserve. Die värfvade be-
stehen aus 3 Regimentern Infanterie mit 6 Bataillonen, 2 Regimen-
tern Kavallerie und 3 Regimentern Artillerie mit 13 Fuß- und 4
reitenden Batterien und zusammen 96 Sechspfündern, 24 Zwölfpfün-
dern und 16 Vierundzwanzigpfündern. Das sind insgesamt 7700 Mann
und 136 Geschütze. In diesen Truppen ist die Artillerie für die
gesamte Armee enthalten.
Die indelta bilden 20 Provinzregimenter mit je 2 Bataillonen,
einschließlich 5 gesonderten Infanteriebataillonen, und 6
Regimenter, die in ihrer Stärke zwischen I und 8 Eskadronen vari-
ieren. Die indelta werden auf 33 000 Mann geschätzt.
Die Reserve bildet die Masse der Armee. Falls sie einberufen
wird, soll sie eine Stärke von 95 000 Mann erreichen.
In der Provinz Gotland gibt es außerdem eine Art Miliz, die stän-
dig unter Waffen steht und 7850 Mann stark ist. Sie hat 21 Kompa-
nien und 16 Geschütze. Die gesamte schwedische Armee umfaßt also
ungefähr 140 000 Mann und 150 Feldgeschütze.
Die Freiwilligen für die angeworbenen Regimenter werden im allge-
meinen auf 14 Jahre verpflichtet, aber das Gesetz läßt auch Ver-
pflichtungen auf 3 Jahre zu. Die indelta sind eine Art Miliz, die
nach ihrer ersten Ausbildung auf den ihnen und ihren Familien zu-
geteilten Gehöften leben und nur einmal im Jahr für 4 Wochen zur
Ausbildung einberufen werden. Ihre Löhnung besteht aus den Erträ-
gen ihrer Gehöfte, aber wenn sie zusammengefaßt werden, erhalten
sie eine besondere Entschädigung. Die Offiziere bekommen in ihren
Bezirken liegende Kronländereien als Lehen. Die Reserve setzt
sich aus allen diensttauglichen Schweden im Alter von 20 bis zu
25 Jahren zusammen. Sie werden eine kurze Zeit ausgebildet und
danach in jedem Jahr 14 Tage einberufen. So trägt also, mit Aus-
nahme der wenigen värfvade- und der Gotlandtruppen, der größte
Teil der Armee - indelta und Reserve - in jeder Hinsicht den Cha-
rakter einer Miliz.
Die Schweden spielen in der Kriegsgeschichte eine Rolle, die in
gar keinem Verhältnis zu der geringen Bevölkerungszahl steht, aus
der sich ihre berühmten Armeen rekrutierten. Gustav Adolf eröff-
nete durch seine Verbesserungen im Dreißigjährigen Krieg [142]
eine neue Ära der Taktik; Karl XII., der mit seiner abenteuerli-
chen Tollkühnheit sein großes militärisches Talent verdarb, ließ
diese Armeen direkt Wunder vollbringen - so zum Beispiel mit der
Kavallerie Verschanzungen nehmen. In den späteren Kriegen gegen
Rußland bewährten sich die schwedischen Truppen sehr gut.
#474# Friedrich Engels
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1813 ließ Bernadotte die Schweden soweit wie möglich die Gefahr
meiden; sie waren kaum im Feuer, es sei denn ungewollt, eine Aus-
nahme war Leipzig, und dort machten sie nur einen unendlich klei-
nen Teil der Alliierten aus. Die värfvade und selbst die indelta
werden zweifellos immer den Ruf des schwedischen Namens auf-
rechterhalten, doch die Reserve, wenn sie nicht lange vor ihrem
Einsatz einberufen und ausgebildet wird, kann nur als eine Armee
von Rekruten gelten.
Norwegen hat 5 Brigaden Infanterie, die 22 Bataillone mit 12 000
Mann umfassen, 1 Brigade Kavallerie, bestehend aus 3 Divisionen
reitende Jäger mit 1070 Mann, und 1 Regiment Artillerie von unge-
fähr 1300 Mann, neben einer Milizreserve von 9000 Mann; insgesamt
rund 24 000 Mann. Der Charakter dieser Armee unterscheidet sich
nicht sehr von dem der schwedischen; ihre einzige Besonderheit
sind einige Kompanien Jäger, die mit flachen Schneeschuhen und
mit Hilfe eines langen Stockes auf lappländische Art sehr schnell
über den Schnee laufen.
Die dänische Armee besteht aus 23 Bataillonen Infanterie (1
Gardebataillon, 12 Linien-, 5 leichte, 5 Jägerbataillone) in 4
Brigaden, jedes Bataillon hat einen Friedensbestand von ungefähr
700 Mann, 3 Brigaden Kavallerie (3 Gardeeskadronen, 6 Dragonerre-
gimenter mit je 4 Eskadronen, wobei eine Eskadron in Friedenszei-
ten 140 Mann hat); 1 Brigade Artillerie (2 Regimenter bzw. 12
Batterien mit 80 Sechspfündern und 16 Zwölfpfündern) sowie 3 Kom-
panien Sappeure. Insgesamt sind das 16630 Mann Infanterie, 2900
Mann Kavallerie, 2900 Mann Artillerie und Sappeure sowie 96 Ge-
schütze.
Für den Kriegsstand wird jede Kompanie auf 200, das heißt das Ba-
taillon auf 800 und jede Eskadron auf 180 Mann erhöht, und die
Linie wächst auf insgesamt 25500 Mann an. Außerdem können 32 Ba-
taillone, 24 Eskadronen und 6 Batterien der Reserve einberufen
werden, die eine Stärke von 31500 Mann repräsentieren und die Ge-
samtstärke auf ungefähr 56000 oder 57000 Mann bringen. Selbst
diese können jedoch im Notfall noch verstärkt werden, so konnte
das eigentliche Dänemark allein, ohne Holstein und Schleswig,
während des letzten Krieges 50000-60000 Mann aufbringen, und
jetzt sind die Herzogtümer wieder der Aushebung durch die Dänen
unterworfen.
Die Armee wird durch das Los aus den jungen Männern im Alter von
22 Jahren aufwärts rekrutiert. Die Dienstzeit beträgt 8 Jahre,
aber in Wirklichkeit bleiben die Artilleristen 6 Jahre, die In-
fanteristen der Linie nur 4 Jahre beim Regiment, während sie für
den Rest der Zeit zur Reserve gehören. Vom 30. bis zum 38. Le-
bensjahr bleiben die Soldaten im ersten und dann bis zum 45. Jahr
im zweiten Aufgebot der Miliz. Das ist alles sehr schön
#475# Die Armeen Europas - Die holländische Armee
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gedacht, aber in einem Krieg gegen Deutschland würde sich nahezu
die Hälfte der Truppen - die aus den Herzogtümern - auflösen und
die Waffen gegen ihre jetzigen Kameraden erheben. Gerade diese
starke Durchsetzung mit Schleswig-Holsteinern schwächt die däni-
sche Armee so sehr und macht sie bei Zusammenstößen mit Dänemarks
mächtigstem Nachbar in Wirklichkeit beinahe null und nichtig.
Die dänische Armee ist seit ihrer Reorganisation 1848/49 gut aus-
gerüstet, gut bewaffnet und insgesamt auf einen sehr respektablen
Stand gebracht worden. Der Däne aus dem eigentlichen Dänemark ist
ein guter Soldat und zeigte in fast jedem Treffen des dreijähri-
gen Krieges eine sehr gute Haltung; doch der Schleswig-Holsteiner
ist ihm entschieden überlegen. Das Offizierskorps ist im großen
und ganzen gut, aber es hat zu viel Aristokratie und zu wenig
wissenschaftliche Ausbildung. Ihre Berichte sind liederlich und
ähneln denen der britischen Armee, der die dänischen Truppen auch
in ihrer mangelnden Beweglichkeit verwandt zu sein scheinen; doch
haben sie in letzter Zeit nicht bewiesen, daß sie solche uner-
schütterliche Standhaftigkeit besitzen wie die Sieger von Inker-
man. Die Schleswig-Holsteiner gehören ohne Zweifel zu den besten
Soldaten in Europa. Sie sind ausgezeichnete Artilleristen und so
kaltblütig im Kampf wie die Engländer, ihre Vettern. Obwohl sie
aus dem Flachland stammen, sind sie sehr gute leichte Infanteri-
sten; ihr erstes Schützenbataillon hätte sich im Jahre 1850 mit
jeder Trunoe seiner Art messen können.
VI. Die holländische Armee
Die holländische Armee umfaßt 36 Bataillone Infanterie in 9 Regi-
mentern mit insgesamt 44 000 Mann; 4 Regimenter Dragoner, aus 20
Eskadronen zusammengesetzt; 2 Eskadronen reitende Jäger sowie 2
Eskadronen Gendarmen, das sind insgesamt 24 Eskadronen Kavallerie
mit 4400 Mann; 2 Regimenter Feldartillerie (5 Fußbatterien Sechs-
pfünder, 6 Fußbatterien Zwölfpfünder, 2 reitende Batterien Sechs-
pfünder und 2 reitende Batterien Zwölfpfünder mit insgesamt 120
Geschützen) und 1 Bataillon Sappeure, zusammen 58 000 Mann, au-
ßerdem einige Regimenter in den Kolonien. Aber diese Stärke hat
die Armee in Friedenszeiten nicht immer. Unter Waffen bleibt nur
ein Stamm, der aus Offizieren, Subalternen und einigen wenigen
Freiwilligen besteht. Die große Masse wird, trotz ihrer Ver-
pflichtung, 5 Jahre zu dienen, in ein paar Monaten ausgebildet,
dann entlassen und jedes Jahr nur für wenige Wochen einberufen.
Außerdem gibt es eine Art Reserve in drei Aufgeboten, die alle
dienstfähigen Männer im Alter von 20 bis 35 Jahren
#476# Friedrich Engels
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umfaßt. Das erste Aufgebot besteht aus ungefähr 53 und das zweite
aus 29 Bataillonen Infanterie und Artillerie. Aber diese Truppen
sind überhaupt nicht organisiert und können selbst kaum als Miliz
angesehen werden.
VII. Die belgische Armee
Die belgische Armee hat 16 Regimenter Infanterie, die außer 1
Reservebataillon für jedes Regiment 49 Bataillone umfassen; ins-
gesamt 46 000 Mann. Die Kavallerie besteht aus 2 Jäger-, 2 Ula-
nen-, 2 Kürassierregimentern und 1 Regiment Guiden 1*), das sind
zusammen 38 Eskadronen, außer 7 Reserveeskadronen; insgesamt 5800
Mann. Die Artillerie umfaßt 4 Regimenter (4 reitende, 15 Fuß- und
4 Depotbatterien sowie 24 Garnisonkompanien) mit 152 Geschützen,
und zwar Sechs- und Zwölfpfündern; die Sappeure und Mineure, 1
Regiment, sind 1700 Mann stark. Die Gesamtstärke ohne Reserve be-
trägt 62 000 Mann; durch die Reserve kann sie, wie eine kürzliche
Einberufung erwies, auf 100 000 erhöht werden. Die Armee wird
durch das Los rekrutiert, und die Dienstzeit beträgt 8 Jahre,
aber ungefähr die Hälfte der Zeit wird der Soldat beurlaubt. Die
wirkliche Friedensstärke wird deshalb kaum 30 000 Mann erreichen.
VIII. Die portugiesische Armee
Die portugiesische Armee bestand im Jahre 1850 aus folgenden
Truppen:
Friedensstärke Kriegsstärke
Infanterie 18 738 40 401
Kavallerie 3 508 4 676
Artillerie 2 707 4 098
Genietruppen und Stab 728 495
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25 681 49 670
Die Artillerie besteht aus 1 Feldregiment mit 1 reitenden Batte-
rie und 7 Fußbatterien, 3 Regimentern Positions- und Festungsar-
tillerie und 3 detachierten Bataillonen auf den Inseln. Sie hat
ein Kaliber von 6 und 12 Pfund.
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1*) eine Art Feldjäger
#477# Die Armeen Europas - Die spanische Armee
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IX. Die spanische Armee
Von allen europäischen Armeen wird der spanischen aus besonderen
Gründen von den Vereinigten Staaten großes Interesse entgegenge-
bracht. Wir behandeln daher zum Abschluß dieser Übersicht der mi-
litärischen Kräfte Europas diese Armee detaillierter, als dies
ihrer Bedeutung nach im Vergleich zur Armee ihrer Nachbarn auf
der anderen Seite des Atlantik gerechtfertigt zu sein scheint.
Die spanischen Streitkräfte bestehen aus der Festlandsarmee und
den Kolonialarmeen.
Die Festlandsarmee umfaßt 1 Regiment Grenadiere, 45 Regimenter
der Linie mit je 3 Bataillonen, 2 Regimenter mit je 2 Bataillonen
in Céuta und 18 Bataillone cazadores, das heißt Schützen. Alle
diese 160 Bataillone hatten im Jahre 1852 eine Effektivstärke von
72 670 Mann, die dem Staat jährlich 82 692 651 Realen oder
10 336 581 Dollar kosteten. Die Kavallerie bestand im Jahre 1851
aus 16 Regimentern Karabiniers oder Dragonern und Ulanen mit je 4
Eskadronen, dazu 11 Eskadronen cazadores oder leichte Reiterei.
Insgesamt sind das 12 000 Mann, die 17 549 562 Realen oder
2 193 695 Dollar kosten.
Die Artillerie besteht aus 5 Regimentern Fußartillerie mit je 3
Brigaden, 1 für jeden Bezirk der Monarchie, außerdem 5 Brigaden
schwere, 3 Brigaden reitende und 3 Brigaden Gebirgsartillerie,
zusammen 26 Brigaden oder, wie sie jetzt genannt werden, Batail-
lone. Bei der reitenden Artillerie hat das Bataillon 2, bei der
Gebirgs- und Fußartillerie 4 Batterien; insgesamt 92 Fuß- und 6
reitende Batterien mit 588 Feldgeschützen.
Die Sappeure und Mineure bilden 1 Regiment von 1240 Mann.
Die Reserve besteht aus einem Bataillon (Nr. 4) für jedes
Infanterieregiment und einer Ersatzeskadron für jedes Kavallerie-
regiment.
Die Gesamtstärke - wie sie auf dem Papier stand - betrug im Jahre
1851 103 000 Mann; im Jahre 1843, als Espartero gestürzt wurde,
erreichte sie nur 50 000, aber Narváez vergrößerte sie einmal auf
über 100 000 Mann. Im Durchschnitt werden 90000 Mann unter Waffen
das Höchste sein.
Die Kolonialarmeen sind folgende:
1. Die Armee von Kuba: 16 Regimenter kampferprobte Infanterie, 4
Kompanien Freiwillige, 2 Regimenter Kavallerie, 2 Bataillone mit
4 Fußbatterien und I Bataillon mit 4 Batterien Gebirgsartillerie,
1 Bataillon reitende Artillerie mit 2 Batterien sowie 1 Bataillon
Sappeure und Mineure. Außer diesen Linientruppen gibt es eine mi-
licia disciplinada 1*) mit 4 Bataillonen und 4 Eskadronen
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1*) Disziplinarmiliz (bestehend aus Strafabteilungen)
#478# Friedrich Engels
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sowie eine milicia urbana 1*) mit 8 Eskadronen, das sind zusammen
37 Bataillone, 20 Eskadronen und 84 Geschütze. Während der letz-
ten Jahre wurde diese stehende kubanische Armee durch zahlreiche
Truppen aus Spanien verstärkt, und wenn wir ihre ursprüngliche
Stärke mit 16 000 oder 18 000 Mann annehmen, so werden jetzt
vielleicht 25 000 oder 28 000 Mann in Kuba sein. Doch ist das le-
diglich eine Schätzung.
2. Die Armee von Portorico: 3 Bataillone kampferprobte Infante-
rie, 7 Bataillone Disziplinarmiliz, 2 Bataillone einheimische
Freiwillige, 1 Eskadron dieser Freiwilligen und 4 Batterien Fuß-
artillerie. Der vernachlässigte Zustand der meisten spanischen
Kolonien erlaubt keine Schätzung der Stärke dieses Korps.
3. Die Philippinen haben 5 Regimenter Infanterie mit je 8 Kompa-
nien; 1 Regiment Jäger von Luzon; 9 Fußbatterien, 1 reitende und
1 Gebirgsbatterie. 9 Abteilungen mit 5 Bataillonen einheimische
Infanterie und andere Provinzialabteilungen, die vorher bestan-
den, wurden im Jahre 1851 aufgelöst.
Die Armee wird durch das Los rekrutiert, und es ist erlaubt, Er-
satzleute zu stellen. Jedes Jahr wird ein Kontingent von 25 000
Mann ausgehoben, doch 1848 wurden drei Kontingente, das heißt
75 000 Mann, einberufen.
Die spanische Armee verdankt ihre jetzige Organisation vor allem
Narváez, obwohl das Reglement Karls III. aus dem Jahre 1768 immer
noch ihre Grundlage bildet. Narváez hatte den Regimentern ihre
alten Provinzialfahnen, die alle verschieden waren, weggenommen
und die spanische Fahne in der Armee eingeführt! Auf dieselbe
Weise hatte er die alte provinzielle Organisation zerstört, [die
Armee] zentralisiert und die Einheit wiederhergestellt. Er wußte
aus Erfahrung allzugut, daß in einer Armee, die beinahe nie be-
zahlt, sogar selten eingekleidet und verpflegt worden war, das
Geld der Hauptangelpunkt ist, und deshalb versuchte er auch, eine
größere Regelmäßigkeit in die Besoldung und finanzielle Verwal-
tung der Armee zu bringen. Ob er alles das erreichte, was ihm
vorschwebte, ist unbekannt; aber jede Verbesserung, die von ihm
in dieser Hinsicht durchgeführt wurde, ging unter der Verwaltung
durch Sartorius und dessen Nachfolger schnell verloren. Der nor-
male Zustand "keine Löhnung, keine Verpflegung, keine Bekleidung"
wurde in seinem vollen Glanz wiederhergestellt, und die Soldaten
liefen in Lumpen und ohne Schuhe herum, während die höheren und
die Stabsoffiziere in Röcken einherstolzierten, die von Gold- und
Silberlitzen strotzten, oder sogar Phantasieuniformen anlegten,
die man in keinem Reglement finden konnte.
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1*) städtische Miliz
#479# Die Armeen Europas - Die spanische Armee
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Wie der Zustand dieser Armee vor 10 oder 12 Jahren war, be-
schreibt ein englischer Autor folgendermaßen [249]:
"Das Auftreten der spanischen Truppen ist im höchsten Grade un-
soldatisch. Der Posten schlendert seine Runde auf und ab, und der
Tschako fällt ihm beinahe vom Hinterkopf, das Gewehr nachlässig
über die Schultern gehängt, singt er eine heitere Seguidilla 1*)
mit der größten sans facon 2*) der Welt frei heraus. Ihm fehlen
nicht selten ganze Uniformstücke, oder sein Regimentsrock und
dessen untere Fortsetzung sind so hoffnungslos zerfetzt, daß der
schieferfarbene Soldatenmantel selbst im schwülen Sommer als
Hülle dienen muß; bei jedem Dritten lösen sich die Schuhe in ihre
Bestandteile auf, und die nackten Zehen der Männer schauen hervor
- so herrlich sieht in Spanien das vida militar 3*) aus."
Eine von Serrano erlassene Verordnung vom 9. September 1843
schreibt vor:
"Alle Offiziere und Kommandeure der Armee haben sich künftig in
der Öffentlichkeit in der Uniform ihres Regiments und mit dem dem
Reglement entsprechenden Degen zu zeigen, wenn sie nicht in Zi-
vilkleidern erscheinen. Alle Offiziere dürfen auch nur die ent-
sprechenden Rangabzeichen tragen und keine anderen als die
vorgeschriebenen und niemals wieder diese eigenmächtigen Aus-
zeichnungen und den lächerlichen Aufputz zur Schau stellen, mit
dem sich einige auszuschmücken beliebten."
Soviel zu den Offizieren. Jetzt zu den Soldaten.
"Brigadegeneral Cordova hat in Cadiz unter seinem Namen eine
Geldsammlung begonnen, um einen Fonds zu schaffen, damit jedem
der tapferen Soldaten des asturischen Regiments ein Paar Tuchho-
sen geschenkt werden kann!"
Diese finanzielle Unordnung erklärt, wie es möglich war, daß die
spanische Armee seit 1808 fast ununterbrochen rebelliert hat.
Doch die wahren Ursachen liegen tiefer. Durch den langen und ohne
Unterbrechung geführten Krieg mit Napoleon erlangten die ver-
schiedenen Armeen und ihre Befehlshaber wirklichen, politischen
Einfluß, und das gab ihnen zunächst einen prätorianischen Zug.
Aus der revolutionären Periode waren noch viele energische Männer
in der Armee; die Einbeziehung der Guerillas in die regulären
Streitkräfte verstärkte dieses Element sogar. So waren die Solda-
ten und die niedrigen Ränge durchaus noch von revolutionären Tra-
ditionen durchdrungen, während die Offiziere an ihren prätoriani-
schen Ansprüchen festhielten. Unter diesen Umständen wurde der
Aufstand 1819 bis 1823 regulär vorbereitet, und später, in den
Jahren 1833 bis 184312501, brachte der Bürgerkrieg die Armee und
ihre Führer erneut in den Vordergrund. Da die spanische Armee von
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1*) Tanzlied - 2*) (ohne Umstände; hier:) Unbekümmertheit -
3*) Leben des Soldaten
#480# Friedrich Engels
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allen Parteien als Werkzeug benutzt worden war, wäre es nicht
verwunderlich, würde sie selbst eine Zeitlang die Herrschaft
übernehmen.
"Die Spanier sind ein kriegerisches, aber kein soldatisches
Volk", erklärte Abbé de Pradt [251]. Von allen europäischen Na-
tionen haben sicherlich sie die größte Abneigung gegen militäri-
sche Disziplin. Dennoch ist es möglich, daß die Nation, die mehr
als hundert Jahre lang wegen ihrer Infanterie berühmt war, einmal
wieder eine Armee haben wird, auf die sie stolz sein kann. Doch
um das zu erreichen, muß nicht nur das militärische System, son-
dern mehr noch das Öffentliche Leben reformiert werden.
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