Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Karl Marx
Zwei Krisen
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 67 vom 9. Februar 1855]
London, 6. Februar. Zwei Krisen absorbieren in diesem Augenblicke
die öffentliche Meinung - die Krise der Krimarmee und die Mini-
sterkrise. Die erste beschäftigt das Volk, die zweite die Klubs
und Salons. Die letzten Briefe von der Krim, grau in grau gemalt,
lassen die englische Streitmacht von 14 000 auf 12 000 Mann zu-
sammenschmelzen und stellen die baldige Aufhebung der Belagerung
von Sewastopol in Aussicht. Unterdessen wird die Salonskabale im
Unterhause verhandelt. Lord [John] Russell und Herr Gladstone
füllen eine ganze Sitzung abermals mit breiten Erörterungen über,
für und gegen den Austritt des großen Russell aus einem nicht
mehr existierenden Kabinett. Neue Tatsachen werden von keiner
Seite vorgebracht, aber die alten werden plädiert. Lord John ist
sein eigener Advokat, Gladstone der Advokat des Herzogs von New-
castle. Die tiefen Untersuchungen über die Brauchbarkeit des
letztern zum Kriegsminister empfangen neues Lustre von dem Um-
stände, daß keine Armee mehr vorhanden ist, die administriert zu
werden braucht. Selbst dieses Haus der Gemeinen indes machte sei-
nem Unwillen in dem bekannten traditionellen Grunzen Luft, als
Gladstone am Schlüsse seiner wohlgesetzten Rede die Worte fallen
ließ: "Er wünsche, das ganze Mißverständnis" (zwischen Russell
und Newcastle) "könne rückgängig gemacht werden."
Also nicht das Mißtrauensvotum des Hauses, noch weniger der Un-
tergang einer englischen Armee, nichts als ein "Mißverständnis"
zwischen einem alten Lord und einem jungen Herzog - darauf redu-
ziert sich die Ministerkrise. Die Krim ist bloß ein Vorwand für
die Salonskabale. Das Mißverständnis zwischen Ministerium und den
Gemeinen verdient nicht einmal die Ehre der Erwähnung. Das war
selbst diesen Gemeinen zu stark. Russell fiel durch, Gladstone
fiel durch, die ganze Sitzung fiel durch.
#48# Karl Marx
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Beiden Häusern ward angezeigt, daß Lord Palmerston mit der Bil-
dung eines Ministeriums beauftragt sei. Er ist jedoch auf uner-
wartete Hindernisse gestoßen. Lord Grey verweigerte, die Leitung
eines Krieges zu übernehmen, den er von Anfang an mißbilligte und
noch mißbilligt. Ein Glück dies für die Armee, deren Disziplin er
ebenso sicher gebrochen haben würde, wie er zu seiner Zeit die
Disziplin der Kolonien brach. Aber auch Gladstone, Sidney Herbert
und Graham zeigten sich widerstrebend. Sie verlangten die Re-
stauration der Peeliten [11] mit Haut und Haar. Diese Staatsmän-
ner sind sich bewußt, eine sehr kleine Clique zu bilden, die un-
gefähr 32 Stimmen im Unterhause kommandiert. Nur durch Zusammen-
halten ihrer "großen" Talente kann die kleine Clique hoffen, ihre
Selbständigkeit zu konservieren. Ein Teil der leitenden Peeliten
im, ein anderer a u ß e r h a l b des Kabinetts wäre gleichbe-
deutend mit dem Verschwinden dieses gediegenen Staatsmännerklubs.
Palmerston versucht unterdes das äußerste, sich dem Parlamente,
wo er keine Partei besitzt, ebenso zu oktroyieren, wie er sich
der Königin oktroyiert hat. Noch ist sein Kabinett nicht gebil-
det, und schon droht er in der "Morning Post", von der Legislatur
an das Volk zu appellieren. Er droht mit Auflösung des Hauses,
sollte es wagen, "ihm nicht die Schätzung angedeihen zu lassen,
deren er außerhalb des Westminster-Palastes, im Volke, genieße".
Dieses "Volk" beschränkt sich auf die ihm halb oder ganz angeho-
rigen Journale. Wo das Volk sich neuerdings hat hören lassen,
z.B. im Meeting zu Newcastle-upon-Tyne - von wo Petitionen an das
Parlament gerichtet sind, das Ministerium in Anklagezustand zu
versetzen -, wurde Palmerston als der geheime Leiter der verstor-
benen Koalition auf das heftigste denunziert.
Noch einiges Nachträgliches, um den Nekrolog des "Kabinetts aller
Talente" zu vervollständigen. Am 30. November 1853 fiel das Er-
eignis von Sinope vor; am 3. Dezember ward es zu Konstantinopel
bekannt; am 12. Dezember reichten die Repräsentanten der Pforte
eine Note ein, die größere Zugeständnisse an Rußland verlangte
als die berufene Wiener Note. Am 14. Dezember telegraphiert das
englische Ministerium nach Wien, daß Sinope die Wiener Friedens-
konferenzen nicht unterbrechen solle. Lord Palmerston wohnte dem
Kabinettsrat bei, worin dieser Beschluß gefaßt wurde. Er billigte
ihn, trat aber den nächsten Tag aus dem Kabinett aus unter dem
Vorwande, Russells beabsichtigte Reformbill widerspreche seiner
konservativen Ansicht. Der wirkliche Zweck war, sich vor dem Pu-
blikum die Hände in Unschuld zu waschen wegen des Sinope-Ereig-
nisses. Sobald dieser Zweck erreicht, trat er ohne weiteres in
das Kabinett zurück.
Anfang Februar 1854 wird das Parlament wieder eröffnet. Die
diplomatischen Dokumente über die orientalischen Wirren werden
ihm angeblich vorgelegt.
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gelegt. Die wichtigsten Papiere fehlen. Das Parlament erhält sie
vom Kaiser Nikolaus statt von den britischen Ministern via Pe-
tersburg. Die dort veröffentlichte "Geheime und vertrauliche Kor-
respondenz" [31] beweist dem erstaunten Parlament sonnenklar, daß
es während seiner ganzen bisherigen Sitzung 1853 wie 1854 ab-
sichtlich von seinen Ministern über die auswärtige Politik
düpiert ward. Sie zwingt die Minister den 27. März zur Kriegser-
klärung. Am 6. Februar hatte Palmerston angezeigt, daß er eine
Bill für Einberufung der Milizen in Schottland und Irland ein-
bringen werde. Sobald aber der Krieg erklärt ist, vertagt er
seine Bill und bringt sie nicht vor Ende Juni ein. Am 13. Februar
legt Russell seine Reformbill vor, vertagt die zweite Lesung bis
Ende April, nimmt sie im März pathetisch schluchzend zurück und
wird von seinen Kollegen für dies Opfer belohnt, indem er - bis-
her ohne Departement und ohne Gehalt - sozusagen als außerordent-
licher Minister eine ministerielle Sinekure mit Gehalt erhält,
die Präsidentschaft des Geheimen Rats. Am 6. März legt der große
Finanzier Gladstone sein Budget vor. Er beschränkt sich darauf,
die Einkommensteuer für sechs Monate zu verdoppeln. Er verlangt
"nur die Summe, die hinreicht, um die 25 000 Mann, die im Be-
griffe sind, England zu verlassen, wieder dahin zurückzubringen".
Von dieser Sorge hat ihn jetzt sein Kollege Newcastle befreit.
Schon am 8. Mai ist er gezwungen, ein zweites Budget einzubrin-
gen. Am 12. April erklärt er sich gegen jede Staatsanleihe; am
21. April ersucht er das Haus, eine Anleihe von 6 Millionen zu
sanktionieren, um die Kosten seines unglücklichen Staatsschulden-
Konversionsexperiments zu bestreiten. Am 7. April hält Lord Grey
seine Rede über die Mängel der englischen Kriegsverwaltung. Am 2.
Juni benutzt das Ministerium seinen Reformkasus - wie es die Re-
form von Indien, wie es die Reform [im Zusammenhang mit] der Cho-
lera benutzte - zur Schöpfung eines neuen Postens. Das Kriegsmi-
nisterium wird vom Kolonialministerium getrennt. Alles andere
bleibt beim alten. Die legislativen Leistungen des Ministeriums
in dieser Sitzung fassen sich so zusammen: Es legt 7 wichtige
Bills vor. Es fällt durch mit 3 Stücke: den Bills für Nieder-
lassung, für Erziehung für Schottland, für Änderung der parla-
mentarischen Eidformeln. Es zieht 3 Stücke zurück : die Bills für
Verhinderung von Wahlbestechungen, für die gänzliche Umgestaltung
des Zivildienstes und die Parlamentsreform. Eine Bill passiert,
die für Reform der Universität zu Oxford, aber so mit Amendements
gepflastert, daß ihre ursprüngliche Form nicht mehr erkenntlich.
Die diplomatischen und militärischen Großtaten sind in frischem
Gedächtnis. Das war das "Kabinett aller Talente".
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