Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       Karl Marx
       
       Kommentar zu den Parlamentsverhandlungen
       
       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 371 vom 11. August 1855]
       London, 8.  August. Die  Debatte über   I n d i e n  im gestrigen
       Unterhause, veranlaßt  durch Vernon Smiths (gegenwärtig Großmogul
       und Manu  in einer Person) Finanzbericht über das britische Reich
       in Asien  und durch  Brights Antrag,  diesen wichtigen Gegenstand
       künftig zu einer "debattierbaren" Zeit den Gemeinen vorzuführen -
       diese Debatte  schieben wir  einstweilen beiseite, da wir während
       der Parlamentsvertagung  eine  ausführliche  Skizze  ostindischer
       Verhältnisse zu geben gedenken.
       Den bevorstehenden- Schluß der Parlamentssitzung dürfte Lord John
       Russell nicht  herannahen lassen,  ohne einen Versuch, aus seiner
       mißlichen Situation  politisches  Kapital  zu  schlagen.  Er  ist
       n i c h t   m e h r   im Ministerium,  er ist  n o c h  n i c h t
       in der  Opposition - dies die mißliche Situation. In der Tory-Op-
       position ist die Führerstelle besetzt, und Russell hat auf dieser
       Seite nichts  zu finden.  In der liberalen Opposition drängt sich
       Gladstone an  die Spitze.  Gladstone in seiner letzten von seinem
       Standpunkte aus  musterhaften Rede  - bei  Gelegenheit der türki-
       schen Anleihe  - plädierte geschickt den Frieden mit Rußland, in-
       dem er  den Krieg  nachwies als einen Krieg auf Kosten der Türkei
       und der  ringenden Nationalitäten,  besonders  Italiens.  Russell
       ahnt furchtbare  Mißgeschicke während  der  Vertagung  und  darin
       Friedensgeschrei bei  der Wiederversammlung  des  Parlaments.  Er
       ahnt, daß  der Friede  auf liberale Vorwände hin erschrien werden
       muß, um  so mehr, als die Tories sich in die Stellung der Kriegs-
       partei par excellence verrannt haben. Italien - Vorwand zum Frie-
       densschluß mit Rußland! Russell beneidet Gladstone um diesen Ein-
       fall,  und   da  er  ihn  in  dieser  plausiblen  Position  nicht
       a n t i z i p i e r e n   kann, beschließt er, ihn zu  a b s o r-
       b i e r e n,   indem er Gladstones Rede aus dem hohen Stil in den
       platten übersetzt.  Der Umstand,  daß er  nicht  mehr,  wie  Pal-
       merston, im  Ministerium und  noch nicht,  wie Gladstone,  in der
       Opposition ist,
       
       #483# Kommentar zu den Parlamentsverhandlungen
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       verspricht das  Plagiat gewinnbringend  zu machen.  Russell erhob
       sich daher  gestern abend  und begann  mit der  Versicherung: "er
       wolle die  Verantwortlichkeit des  Ministeriums weder  vermindern
       noch erschweren".  Groß aber sei diese Verantwortlichkeit. Dieses
       Jahr allein  seien 45 000 000 Pfd. St. für den Krieg votiert wor-
       den, und  die Zeit  der Rechenschaftsablegung  über diese  enorme
       Summe nahe  heran. In der Ostsee habe die Flotte nichts getan und
       werde wahrscheinlich  noch weniger  tun. In  dem  Schwarzen  Meer
       seien die Aussichten nicht versprechender. Österreichs veränderte
       Politik gestatte  Rußland, seine  Heere von-Polen  usw. nach  der
       Krim zu  wälzen. Auf der asiatischen Küste ständen der türkischen
       Armee Katastrophen  bevor. Die  Aussicht, eine  Fremdenlegion von
       20 000-30 000 Mann  dahin zum Ersatz zu senden, sei verschwunden.
       Er bedaure, daß seine Wiener Depeschen dem Parlament nicht vorge-
       legt wurden.  Der türkische Gesandte habe ganz mit ihm übereinge-
       stimmt über  die Zulässigkeit  eines Friedens  auf Grundlage  der
       letzten österreichischen Vorlagen. Führe man den Krieg weiter ge-
       gen den  Willen der  Türkei, so handle es sich künftig nicht mehr
       um Garantien  von Anleihen,  sondern um  Subsidien. Piemont  habe
       sich den  Westmächten angeschlossen,  aber es verlange dafür auch
       mit Recht  eine Änderung  in den Zuständen Italiens . Rom sei von
       den Franzosen,  der Kirchenstaat  von den  Österreichern besetzt,
       eine Besetzung, die die Despotie hier und in beiden Sizilien auf-
       rechthalte und  das italienische Volk hindere, dem Beispiele Spa-
       niens zu  folgen. Rußlands  Besetzung der  Donaufürstentümer  sei
       Vorwand des  jetzigen Krieges.  Wie damit  zu reimen  die franzö-
       sisch-österreichische Besetzung  Italiens? Die Unabhängigkeit des
       Papstes und  damit das  europäische Gleichgewicht  sei gefährdet.
       Könne man  sich nicht mit Österreich und Frankreich über Änderun-
       gen in  der päpstlichen Regierungsform verständigen, die die Räu-
       mung des  Kirchenstaates ermöglichen  würden? Schließlich der ge-
       meinplätzliche Rat:  die  Minister  sollen  keinen  unehrenvollen
       Frieden schließen,  aber auch  keine Gelegenheit  zu Friedensver-
       handlungen entschlüpfen lassen.
       Palmerston antwortete,  "er sei  nicht wie  andere Leute, die die
       große Verantwortlichkeit übernähmen, einen Krieg zu erklären, und
       dann vor  der Verantwortlichkeit  zurückbebten,  ihn  zu  führen.
       Solch ein Mann sei er nicht." (Er weiß in der Tat, was es mit der
       "Verantwortlichkeit" auf  sich hat.) Die Friedensbedingungen hin-
       gen von Kriegsresultaten und die Kriegsresultate von allerlei Um-
       ständen, d.h.  vom Zufall ab. (Der Zufall also ist verantwortlich
       für die Kriegsresultate, und die Kriegsresultate sind verantwort-
       lich für  die Friedensbedingungen.) Soviel er (Palmerston) wisse,
       stimme die Türkei ganz mit den Ansichten Frankreichs und Englands
       überein. Sei  dem aber  auch nicht so, so sei die Türkei  b l o ß
       M i t t e l,  nicht Zweck in dem Kampfe gegen
       
       #484# Karl Marx
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       Rußland. Die  "erleuchteten" Westmächte müßten besser wissen, was
       fromme, als  die verfallende Ostmacht. (Ein trefflicher Kommentar
       dies zu  der Kriegserklärung  gegen Rußland,  worin der Krieg als
       bloßer "Defensivkrieg" für die Türkei bezeichnet wird; zu der be-
       rüchtigten Wiener  Note, die  die "erleuchteten"  Westmächte  der
       Türkei aufdringen  wollten usw.) Was Italien betreffe, so sei das
       ein delikater Punkt. In Neapel herrsche ein scheußlicher Zustand,
       aber warum?  Weil es  der Alliierte  Rußlands sei,  eines  d e s-
       p o t i s c h e n  Staats. Was den Zustand des von Österreich und
       Frankreich  (nicht   despotischen  Staaten?)  besetzten  Italiens
       betreffe, so  "stimme die  dortige Regierung  zwar nicht  mit den
       Gefühlen des  Volkes überein",  aber die  Besatzung sei nötig, um
       "Ordnung" zu  erhalten. Übrigens  habe Frankreich die Truppenzahl
       in  Rom   vermindert  und   Österreich  Toskana   ganz   geräumt.
       Schließlich gratulierte  Palmerston zur  Allianz mit  Frankreich,
       die nun  so innig  sei, daß diesseits und jenseits des Kanals ei-
       gentlich nur  "ein Kabinett" regiere. Und eben hatte er noch Nea-
       pel denunziert wegen seiner Allianz mit einem despotischen Staat!
       Und nun  gratuliert er England dazu! Der Witz in Palmerstons Rede
       war, daß er mit Kriegstiraden eine Sitzung zu schließen verstand,
       die er von Kriegstaten so frei zu halten wußte.
       Russell kam  es natürlich  nicht darauf  an,  jetzt  Italien  zum
       falschen Vorwand des Friedens zu machen, wie er nach seiner Rück-
       kehr von  Wien Polen  und Ungarn  zum falschen Vorwand des Kriegs
       gemacht hatte.  Er genierte  sich nicht, zu vergessen, daß er als
       Premier 1847-1852  dem Palmerston  erlaubt  hatte,  erst  Italien
       durch falsche Versprechen aufrütteln zu helfen, um es dann an Bo-
       naparte und König Ferdinand, an den Papst und den Kaiser zu über-
       lassen. Das  kümmerte ihn  nicht.  Was  ihn  kümmerte,  war,  den
       "italienischen Vorwand" dem Gladstone zu entreißen und sich anzu-
       eignen.

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