Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       Karl Marx
       
       Polenmeeting
       
       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 379 vom 16. August 1855]
       London, 13.  August. Die  wiederholten ärgerlichen  Ausfälle  der
       Regierungsblätter auf  das große  Polenmeeting,  das  vergangenen
       Mittwoch in  St. Martins  Hall abgehalten wurde [253], machen ei-
       nige Randglossen nötig. Die Initiative des Meetings ging offenbar
       vom Ministerium  selbst aus.  Vorgeschoben war  die "Literarische
       Gesellschaft der Freunde Polens" [254], eine Gesellschaft, gebil-
       det aus  Anhängern Czartoryskis einerseits und der polenfreundli-
       chen englischen  Aristokratie andererseits.  Seit ihrem Entstehen
       war diese  Gesellschaft ein  blindes Werkzeug in der Hand Palmer-
       stons, der  sie vermittelst des kürzlich verstorbenen Lord Dudley
       Stuart handhabte und kontrollierte. Die Polenadressen und Deputa-
       tionen, die  sie jährlich  Palmerston zusandte,  waren  eins  der
       großen Mittel,  seinen "antirussischen" Ruf am Leben zu erhalten.
       Die Anhänger  Czartoryskis zogen ihrerseits aus dieser Verbindung
       wichtige  Vorteile:   Als  die   einzig  respektablen,  sozusagen
       "offiziellen" Repräsentanten der polnischen Auswanderung zu figu-
       rieren, die  demokratische Partei  der Emigration  niederzuhalten
       und über die bedeutenden materiellen Hilfsmittel der Gesellschaft
       als Werbegelder  für ihre  eigne Partei  zu verfügen.  Heftig und
       langwährend ist der Zwist zwischen der Literarischen Gesellschaft
       und der  "Zentralisation" [255]  der demokratischen  Polengesell-
       schaft. Im Jahre 1839 hielt letztere ein großes öffentliches Mee-
       ting zu  London, worin  sie die  Intrigen der "Literarischen" Ge-
       sellschaft enthüllte,  die historische  Vergangenheit der Czarto-
       ryskis entrollte  (dies geschah  von Ostrowski,  Verfasser  einer
       englisch geschriebenen  Geschichte Polens [256]) und ihren Gegen-
       satz zu den diplomatisch-aristokratischen "Wiederherstellern" Po-
       lens laut  kundgab. Von  diesem Augenblicke  war  die  usurpierte
       Stellung der "Literarischen" Gesellschaft erschüttert. Im Vorbei-
       gehen sei  noch bemerkt,  daß die  Ereignisse der  Jahre 1846 und
       1848/1849 [257] ein drittes
       
       #487# Polenmeeting
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       Element  der  Polenemigration  hinzufügten,  eine  sozialistische
       Fraktion, die  indes mit  der demokratischen gemeinschaftlich der
       Czartoryski-Partei entgegenwirkt.
       Der Zweck  des von  der Regierung  veranlaßten Meetings  war  ein
       dreifacher: Bildung  einer Polenlegion, um sich in der Krim eines
       Teils des  "polnischen Auslandes"  zu  entledigen;  Wiederauffri-
       schung von  Palmerstons Popularität;  endlich Überlieferung jeder
       etwaigen Polenbewegung  in seine und Bonapartes Hände. Die Regie-
       rungsblätter behaupten,  eine tief gelegte Konspiration, von rus-
       sischen Agenten ausgehend, habe den Zweck des Meetings vereitelt.
       Nichts lächerlicher  als diese Behauptung. Die Mehrzahl der Audi-
       enz in  St. Martins Hall bestand aus Londoner Chartisten. Das re-
       gierungsfeindliche Amendement  *) wurde  von einem  Urquhartisten
       gestellt und  von einem  Urquhartisten unterstützt  - von Collett
       und Hart. Die im Saale verteilten Druckzettel  d e s  Inhalts:
       
       "Das Meeting sei von englischen Aristokraten berufen, die nur das
       alte britische  Regierungssystem zu halten strebten usw.", "Polen
       verdamme jede Allianz mit den jetzigen Machthabern Europas, wolle
       von keiner  der bestehenden  Regierungen hergestellt  sein, nicht
       zum Werkzeug diplomatischer Intrigen herabsinken usw."
       
       Diese Druckzettel  waren unterzeichnet vom Präsidenten und Sekre-
       tär des  "polnisch-demokratischen Komitees". Bedenkt man nun, daß
       zu London  Chartisten, Urquhartisten  und die  eigentlich  "demo-
       kratisch"-polnische Emigration,  alle drei  zueinander in  nichts
       weniger als freundschaftlichen Beziehungen stehen, so fällt jeder
       Verdacht einer  "Verschwörung" weg. Die lärmenden Unterbrechungen
       des  Meetings   wurden  ausschließlich  hervorgerufen  durch  des
       Vorsitzenden,  Lord  Harringtons,  unparlamentarische  Weigerung,
       Colletts Amendement zu verlesen und zur Abstimmung vorzuschlagen.
       Sie wurden  vermehrt durch  den Einfall des Obersten Szulszewski,
       des Sekretärs  der "Literarischen Gesellschaft der Polenfreunde",
       nach einem  Konstabler zu  rufen, um Collett verhaften zu lassen.
       Der Tumult erreichte
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       *) Colletts vom  Meeting adoptiertes Amendement lautete wörtlich:
       "Daß dies  Meeting, herzlich die Wiederherstellung der polnischen
       Nationalität wünschend,  nicht vergessen kann, daß die Zerstörung
       dieser Nationalität  hauptsächlich dem  perfiden Betragen Palmer-
       stons von  1830-1846 geschuldet ist ; daß, solange Palmerston ein
       Diener der  Krone bleibt, jeder Vorschlag für die Herstellung Po-
       lens bloß Falle und Betrug sein kann. Daß die Wahrheit dieser Be-
       hauptung auch  dadurch bewiesen,  daß er  den Krieg  so führt, um
       Rußland möglichst  wenig zu beschädigen, während die von ihm vor-
       geschlagenen Friedensbedingungen  die Integrität  und Unabhängig-
       keit der Türkei völlig vernichten würden."
       
       #488# Karl Marx
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       natürlich seine  Höhe, als  Lord Harrington,  Sir Robert Peel und
       ihre Freunde  von der Plattform flohen und den Platz räumten. So-
       bald George  Thompson an  Harringtons Stelle  zum Präsidenten er-
       nannt, stellte sich die Ruhe augenblicklich wieder her.
       Die Exemplare  der regierenden  Klasse Englands,  die auf  diesem
       Polenmeeting hervorragten,  waren  keineswegs  darauf  berechnet,
       sonderlichen Respekt für das Patriziat einzuflößen. Graf Harring-
       ton ist  vielleicht ein sehr guter Mann, aber er ist zweifelsohne
       ein sehr  schlechter Redner. Es war unmöglich, einer peinlicheren
       Schaustellung beizuwohnen.  Nur mit  der höchsten  Mühe vermochte
       Seine Lordschaft  zwei zusammenhängende  Worte  herauszustammeln.
       Bis zu diesem Augenblick hat er nicht eine einzige Sentenz seiner
       Rede beendigt.  Das ist  unterdes für  ihn geschehen  - durch die
       Stenographen. Seine  Lordschaft ist Militär und zweifelsohne tap-
       fer, aber  von seiner  Führung des Polenmeetings zu schließen, zu
       allem mehr geschaffen als zum Führer. Als Redner ist Lord Ebring-
       ton, der  Geburtshelfer der  Sonntagsbill, dem  Grafen Harrington
       nur wenig  überlegen. Seine  Physiognomie verrät Starrsinn, seine
       Schädelform ist  die eines Mauerbrechers. Er hat ein unstreitiges
       Verdienst. Er kann nicht durch Argumente geschlagen werden. Napo-
       leon erklärte  einmal, die  Engländer wüßten  nicht, wann sie ge-
       schlagen seien.  In dieser  Hinsicht ist Ebrington ein Mustereng-
       länder.
       Nach den Lords kamen die Baronets. Lord Ebrington brachte die Re-
       gjerungsmotion zur  Wiederherstellung Polens vor; Sir Robert Peel
       folgte ihm  und sprach  als sein  Sekundant. In  vieler Rücksicht
       kein größerer Kontrast denkbar als der zwischen dem "Mitglied für
       Tamworth" (Peel)  und dem  "Mitglied für Marylebone" (Ebrington).
       Der erstere  ist ein  loser und  natürlicher Humbug, der letztere
       ein verkünstelter  und puritanischer Hasenfuß. Der eine amüsiert,
       der andere  ekelt an. Sir Robert Peel macht den Eindruck eines in
       den Adelstand  erhobenen Weinreisenden,  Lord Ebrington eines zum
       Protestantismus bekehrten Inquisitors. Tony Lumpkins und Beau 1*)
       Brummeil in  eine Person zusammengerollt würden ungefähr eine Un-
       gereimtheit ergeben,  wie sie  sich in der Person, Tracht und Ma-
       nier Peels zur Schau stellt. Es ist ein außerordentliches Gemisch
       von Clown  und Dandy. Palmerston ist sehr parteilich für die Tam-
       worth-Sonderbarkeit. Er  findet sie nutzbar. Wenn er wissen will,
       nach welcher  Seite der  Volkswind bläst, hißt er Sir Robert Peel
       als Wetterfahne auf. Als er zu wissen verlangte, ob die öffentli-
       che Meinung Englands die Ausweisung Victor Hugos usw. sanktionie-
       ren werde,  ließ er Sir Robert Peel sprechen, die Flüchtlinge de-
       nunzierend und Bonaparte
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       1*) Stutzer
       
       #489# Polenmeeting
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       apologisierend [258].  So wieder  in bezug auf Polen. Er vernutzt
       ihn als "Fühlhorn". Für diese nicht überwürdevolle Rolle ist Peel
       außerordentlich geeignet.  Er ist, was die Engländer "a chartered
       libertine" nennen,  ein patentierter Wildfang, ein privilegierter
       Sonderling, für  dessen Ein-  und Ausfälle,  Kreuz-und  Querzüge,
       Worte und Taten kein Ministerium verantwortlich gehalten wird und
       keine Partei. Sir Robert kam zum Polenmeeting gepolstert und, wie
       es heißt,  geschminkt in  der artistischen  Manier. Er schien ge-
       schnürt, trug eine hochrote Rose im Knopfloch, war parfümiert wie
       eine Putzmacherin  und schwenkte in seiner Rechten einen ungeheu-
       ren Regenschirm,  womit er  den Takt zu seiner Rede schlug. Durch
       einen höchst  ironischen Zufall folgte den Lords und Baronets di-
       rekt auf dem Fuß nach Herr Tite, Ex-Vizepräsident der Administra-
       tivreform-Assoziation [140]. Seit er durch den Einfluß dieser As-
       soziation zum  Solon von  Bath ernannt worden, hat er bekanntlich
       seine parlamentarische Laufbahn damit eröffnet,  g e g e n  Scul-
       lys Antrag  für ein Stück Administrativreform und  f ü r  Palmer-
       stons türkische  Anleihen zu  stimmen, während er bei der Abstim-
       mung über Roebucks Antrag mit großer Mäßigung sich des Abstimmens
       e n t h i e l t.   Die Lords  und Baronets  schienen kichernd auf
       ihn hinzuweisen: Seht da unsern Ersatzmann! Es ist unnötig, Herrn
       Tite näher  zu schildern. Shakespeare tat es, als er den unsterb-
       lichen Shallow  erfand, den  Falstaff vergleicht  mit  einem  der
       Männlein, die man beim Nachtisch aus Käserinden schnitzelt [259].
       Im Gegensatz  zu all  diesen Herren  machte Hart, ein unbekannter
       junger Plebejer,  gleich mit  den ersten Worten den Eindruck, daß
       er ein  Mann sei,  berufen Massen hinzureißen und zu beherrschen.
       Man begreift  jetzt den  Verdruß der Regierung über das Polenmee-
       ting. Es  war eine  Niederlage nicht  nur für Palmerston, sondern
       noch mehr für die Klasse, die er vertritt.

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