Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Karl Marx
Zur Kritik der österreichischen Politik im Krimfeldzuge
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 383 vom 18. August 1855]
London, 15. August. Bratiano richtete neulich einen Brief an die
"Daily News", worin er die Leiden der Bewohner der Donaufürsten-
tümer unter dem Druck der österreichischen Okkupationsarmee
schildert, auf die zweideutige Haltung der französischen und eng-
lischen Konsuls anspielt, und dann die Frage stellte:
"Handelt Österreich in der Rolle eines Alliierten oder auch nur
eines N e u t r a l e n, wenn es eine Armee von 80 000 Mann in
den Fürstentümern unterhält, vermittelst deren es, wie in offi-
ziellen Depeschen bewiesen, den Einmarsch der Türken in Bessara-
bien und die Bildung einer rumänischen Armee verhindert, die tä-
tigen Anteil an dem Krieg genommen haben würde, während es von
Calizien 200 000 Mann zurückzieht und so Rußland befähigt, eine
gleiche Anzahl nach der Krim zu senden?"
Österreichs zweideutige Stellung begann von dem Augenblick, wo
es, weder neutral, noch alliiert, sich zum V e r m i t t l e r
aufwarf. Daß England es zum Teil in diese Rolle hineindrängte,
scheint folgender Auszug aus einer an das Wiener Kabinett gerich-
teten Depesche Lord Clarendons, datiert vom 14. Juni 1853, zu be-
weisen:
"Wenn die russische Armee die Fürstentümer überschritte und an-
dere Provinzen der Türkei invadiert würden, stände wahrscheinlich
eine allgemeine Erhebung der christlichen Bevölkerung bevor,
nicht zugunsten Rußlands, noch zur Unterstützung des Sultans,
sondern für ihre eigene Unabhängigkeit; es ist überflüssig, hin-
zuzufügen, daß eine solche Revolte sich bald über die
ö s t e r r e i c h i s c h e n Donauprovinzen erstrecken würde;
aber es ist Sache der österreichischen Regierung, die Wirkung zu
beurteilen, die solche Ereignisse in Ungarn und Italien hervorru-
fen möchten, und die Ermutigung, so gegeben den europäischen Un-
ruhstiftern, die Österreich zu fürchten Grund hat, und die eben
jetzt den Moment für die Verwirklichung ihrer Pläne nahe zu glau-
ben scheinen. Es sind diese Rücksichten, die die Regierung Ihrer
Majestät wünschen lassen, sich mit
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Österreich für einen Zweck zu vereinen, der so wesentlich für die
besten Interessen der Gesellschaft ist, und mit ihm irgendeine
Methode zu entdecken, wodurch die gerechten Ansprüche Rußlands
mit den souveränen Rechten des Sultans versöhnt werden können."
Eine andere Frage in bezug auf die österreichische Politik bleibt
am Schlüsse der Parlamentssitzung ebenso unbeantwortet wie am Be-
ginn derselben. Welche Stellung nahm Österreich zur K r i m-
e x p e d i t i o n ein? Am 23. Juli dieses Jahres fragte
Disraeli den Lord John Russell, auf welche Autorität hin er
erklärt habe, daß "eine der Hauptursachen der Krimexpedition
Österreichs Weigerung war, den Pruth zu überschreiten".
Lord John Russell konnte sich nicht erinnern - d.h. er sagte,
"seine Autorität sei eine unbestimmte Erinnerung, eine Erinnerung
im allgemeinen". Disraeli richtete dann dieselbe Frage an Palmer-
ston, der
"keine d e r a r t i g e Fragen beantworten wollte, die bruch-
stückweis aus einer langen Reihe von Verhandlungen zwischen Ihrer
Majestät Regierung und der Regierung eines der Souveräne, der
z u e i n e m g e w i s s e n G r a d e ein Alliierter Ihrer
Majestät sei, herausgerissen wären".
Palmerston, mit dieser scheinbar ausweichenden Antwort, bestä-
tigte offenbar Russells Behauptung nur indirekt, Delikatesse für
den "Alliierten zu einem gewissen Grade" vorschützend. Begeben
wir uns jetzt aus dem Hause der Gemeinen in das Haus der Lords.
Am 26. Juni dieses Jahres hielt Lord Lyndhurst seine Philippika
gegen Österreich:
"Im Beginn des Juni" (1854) "hätte Österreich sich entschlossen,
Rußland zur Räumung der Fürstentümer aufzufordern. Die Aufforde-
rung sei in sehr starken Ausdrücken erfolgt, die eine Art von
Drohung einschlössen, zur Waffengewalt zu greifen, wenn der For-
derung kein Genüge geschehe."
Nach einigen historischen Bemerkungen fährt Lyndhurst fort:
"Nun wohl, setzte Österreich unmittelbar irgendeinen Angriff auf
Rußland ins Werk? Versuchte es, in die Fürstentümer einzurücken?
Weit entfernt. Es enthielt sich jeder Handlung mehre Wochen lang,
und erst nachdem die Belagerung von Silistria aufgehoben und die
russische Armee im Rückzug begriffen war, nachdem Rußland selbst
erklärt hatte, es werde innerhalb einer bestimmten Zeit die
Fürstentümer räumen und sich hinter den Pruth zurückziehen - erst
dann erinnerte sich Österreich wieder seiner Verpflichtung."
In Antwort auf diese Rede erklärte Lord Clarendon:
"Als Österreich seine sukzessiven Verpflichtungen gegen England
und Frankreich übernahm und seine ausgedehnten und kostspieligen
Kriegsvorbereitungen traf, als es
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ferner dringend vorschlug, daß Militärkommissare von Frankreich
und England in das Hauptquartier des Generals Heß gesandt würden,
beabsichtigte und erwartete es zweifelsohne Krieg. Aber es erwar-
tete ebenfalls, daß, lange bevor die Jahreszeit für den Beginn
von Kriegsoperationen eingetroffen, die alliierte Armee entschei-
dende Siege in der Krim erfochten haben, daß sie frei und fähig
sein würde, andere Operationen im Bunde mit seinen eigenen
Streitkräften zu unternehmen. Das war unglücklicherweise nicht
der Fall, und hätte Österreich auf unsere Einladung den Krieg er-
klärt, so würde es ihn aller Wahrscheinlichkeit nach a l l e i n
zu führen gehabt haben."
Noch befremdlicher ist die spätere Erklärung Ellenboroughs im
Hause der Lords, die bis zu diesem Augenblicke von keinem Mini-
ster bestritten worden ist.
"B e v o r die Kriegsexpedition absegelte, machte Österreich den
Vorschlag, sich mit den alliierten Mächten über künftige Kriegs-
operationen zu beraten. Die Alliierten jedoch, nach vorgefaßten
Meinungen handelnd, entsandten die Expedition, und n u n er-
klärte Österreich sofort, es könne isoliert die Russen nicht an-
greifen und d i e K r i m e x p e d i t i o n z w i n g e
e s, e i n e a n d e r e V e r f a h r u n g s a r t e i n-
z u s c h l a g e n. In einer späteren Periode, gerade beim
Beginn der Wiener Konferenz [17], als es von der höchsten
Wichtigkeit war, daß Österreich mit uns handeln sollte - zu die-
ser Zeit, stets noch ausschließlich beschäftigt mit dem Erfolg
neuer Operationen in der Krim, entzogt ihr aus der unmittelbaren
Nachbarschaft Österreichs 50 000 gute türkische Truppen und be-
raubtet es so des einzigen Beistandes, worauf es im Falle einer
Kriegsexpedition gegen Rußland rechnen konnte. Es ist daher klar,
meine Lords, wie auch aus den neulichen Erklärungen des Grafen
Clarendon folgt, daß es eure übelberatene Krimexpedition war, die
Österreichs Politik lähmte und es in seine jetzige schwierige Po-
sition drängte. E h e die Expedition nach der Krim segelte,
warnte ich die Regierung. Ich warnte sie wegen der Wirkung, die
diese Expedition auf Österreichs Politik hervorbringen müsse."
Hier denn haben wir direkten Widerspruch zwischen der Erklärung
Clarendons, des Ministers des Auswärtigen, zwischen der Erklärung
Clarendons und der Erklärung Lord John Russells und der Erklärung
Lord Ellenboroughs. Russell sagt: Die Krimexpedition segelte ab,
weil Österreich verweigerte, den Pruth zu überschreiten, d.h.
Partei gegen Rußland, die Waffen in der Hand, zu ergreifen. Nein,
sagt Clarendon. Österreich konnte nicht Partei gegen Rußland er-
greifen, weil die Krimexpedition nicht nach Wunsch ausfiel. End-
lich Lord Ellenborough: Die Krimexpedition wurde gegen den Willen
Österreichs unternommen und zwang es, vom Kriege mit Rußland ab-
zustehen. Diese Widersprüche - wie man sie immer deuten mag - be-
weisen jedenfalls, daß die Zweideutigkeit nicht bloß auf öster-
reichischer Seite stand.
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