Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       Karl Marx/Friedrich Engels
       
       Der englisch-französische Krieg gegen Rußland [268]
       
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       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 385 vom 20. August 1855]
       London, 17. August. Der englisch-französische Krieg gegen Rußland
       wird  unstreitig   stets  in   der  Kriegsgeschichte   als   "der
       u n b e g r e i f l i c h e   Krieg" figurieren. Großrederei ver-
       bunden mit  winzigster Aktion,  enorme Vorbereitungen  und bedeu-
       tungslose Resultate,  Vorsicht, streifend  an Ängstlichkeit,  ge-
       folgt von Tollkühnheit, wie sie aus Unwissenheit entspringt, mehr
       als Mittelmäßigkeit in den Generalen gepaart mit mehr als Tapfer-
       keit in  den Truppen,  gleichsam absichtliche Niederlagen auf dem
       Fuß von  Siegen, die durch Mißverständnisse gewonnen, Armeen rui-
       niert durch  Nachlässigkeit und  wieder gerettet durch sonderbar-
       sten Zufall  - ein großes Ensemble von Widersprüchen und Inkonse-
       quenzen. Und dies zeichnet die Russen beinahe ebensosehr wie ihre
       Feinde. Wenn  die Engländer eine Musterarmee zerstört haben durch
       Mißverwaltung von  Zivilbeamten und  träge Unfähigkeit  der Offi-
       ziere; wenn  die Franzosen  sich in nutzlose Gefahren begeben und
       enorme Verluste  zu ertragen  haben, nur  weil Louis-Napoleon den
       Krieg von  Paris aus  zu leiten  affektierte, so haben die Russen
       ähnliche Verluste  erlitten infolge von Mißverwaltung und törich-
       ter, aber peremtorischer Befehle von Petersburg. Das militärische
       Talent des  Kaisers Nikolaus  ist seit  dem Türkenkriege  1828/29
       selbst von seinen servilsten Lobrednern sorglichst "verschwiegen"
       worden. Wenn die Russen Todtieben aufzuweisen haben, der  k e i n
       R u s s e   ist, so  haben sie  andererseits Gortschakow und [an-
       dere]...   o w s,  die in keiner Hinsicht den S[ain]t-Arnauds und
       Raglans an Unfähigkeit nachstehn.
       Man sollte  denken, daß  mindestens jetzt,  wo so viele Köpfe be-
       schäftigt sind,  plausible Pläne  für Angriff und Verteidigung zu
       entwerfen, mit  solchen täglich  anwachsenden Massen  von Truppen
       und Material,  irgendeine überwältigende  Idee zur  Geburt kommen
       müsse. Aber  nichts der  Art. Der Krieg kriecht voran, aber seine
       größere Dauer hilft nur den Raum ausdehnen,
       
       #494# Karl Marx/Friedrich Engels
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       worauf er  geführt wird. Je mehr neue Kriegstheater eröffnet wer-
       den, desto  weniger geschieht  auf jedem derselben. Wir haben nun
       ihrer sechs:   d a s   W e i ß e   M e e r,   d i e  O s t s e e,
       d i e   D o n a u,   d i e  K r i m,  d e n  K a u k a s u s  und
       A r m e n i e n.   Was auf  diesem erstaunlichen  Flächenraum ge-
       schieht, läßt sich auf dem Raum einer Spalte sagen.
       Vom   W e i ß e n  M e e r  sprechen die Anglo-Franzosen weislich
       gar nicht.  Sie haben hier nur zwei mögliche militärische Zwecke:
       den Küsten-  und sonstigen  Handel der Russen in diesen Gewässern
       zu verhindern  und womöglich  Archangelsk zu  nehmen. Das erstere
       ist versucht worden, aber nur teilweise; die alliierten Schwadro-
       nen, sowohl  vergangenes Jahr  als dieses, kamen stets zu spät an
       und segelten  dann zu  früh ab.  Der zweite Gegenstand - die Weg-
       nahme von Archangelsk - ist nie in Angriff genommen worden. Statt
       diese ihre eigentliche Aufgabe zu verfolgen, hat sich die Blocka-
       deschwadron zerstreut mit liederlichen Attacken auf russische und
       lappische Dörfer  und der  Zerstörung der  kleinen Habe dürftiger
       Fischer. Dies  schmähliche Verfahren  wird von  englischen Korre-
       spondenten entschuldigt  mit der verdrießlichen Gereiztheit einer
       Schwadron, die sich unfähig fühle, etwas Ernsthaftes zu tun! Wel-
       che Verteidigung!
       An der   D o n a u   geschieht  nichts. Das  Delta dieses Flusses
       wird nicht  einmal gesäubert von den Räubern, die es unsicher ma-
       chen. Österreich  hält den  Schlüssel zum  Tore, der  von  dieser
       Seite nach  Rußland  führt,  und  es  scheint  entschlossen,  ihn
       festzuhalten.
       Im  K a u k a s u s  ist alles still. Die furchtbaren Zirkassier,
       gleich allen  wilden  und  unabhängigen  Bergbewohnern,  scheinen
       vollständig befriedigt mit dem Rückzug der russischen mobilen Ko-
       lonne von  ihren Tälern und kein Verlangen zu haben, in die Ebene
       herabzusteigen, außer für Plünderungszüge. Sie wissen nur auf ih-
       rem eigenen  Grund und  Boden zu  kämpfen, und  zudem scheint die
       Aussicht auf  Annexation an  die Türkei  sie keineswegs zu begei-
       stern.
       In   A s i e n   erscheint die  Türkei, wie  sie wesentlich ist -
       ihre Armee spiegelt hier ganz den verfallenden Zustand des Reichs
       ab. Es  war nötig,  den fränkischen Giaur zu Hilfe zu rufen; aber
       die Franken  konnten hier  nichts tun, außer Feldwerke aufwerfen.
       Alle ihre  Versuche, die  Truppen zu  zivilisierter Kriegsart  zu
       zwingen,  scheiterten   durchaus.  Die  Russen  haben  Kars  ein-
       geschlossen und  scheinen vorbereitet, es regelmäßig anzugreifen.
       Es ist schwer, eine Chance des Entsatzes für die Stadt zu entdec-
       ken, es sei denn, daß Omer Pascha mit 20 000 Mann bei Batum lande
       und den  Russen in  die Flanke falle. Unbegreiflich bleibt es und
       keineswegs schmeichelhaft  für die Russen, daß sie so zögernd und
       vorsichtig einem  so  schlecht  disziplinierten  Feind  gegenüber
       agiert haben, während 20 000-30 000 gute Truppen zu ihrer
       
       #495# Der englisch-französische Krieg gegen, Rußland
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       eigenen Verfügung  standen. Welche  Erfolge immer  sie auf diesem
       Kriegstheater davontragen,  Resultat kann  höchstens die Einnahme
       von Kars  und Erzerum  sein, denn  ein Marsch  auf Konstantinopel
       durch Kleinasien ist ganz außer Frage. Der Krieg in Asien hat da-
       her einstweilen  ein mehr  lokales Interesse, und da es kaum mög-
       lich, bei  der Ungenauigkeit  der existierenden  Karten, von  der
       Ferne ein  richtiges taktisches oder strategisches Urteil zu fäl-
       len, gehen  wir nicht  näher darauf  ein. Bleiben die zwei Haupt-
       kriegstheater, die Krim und die Ostsee.
       
       II
       
       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 387 vom 21. August 1855]
       London, 18.  August. In  der Krim  schleppt die  Belagerung  sich
       schlaftrunken weiter.  Während des  ganzen Monats  Juli haben die
       Franzosen und  Engländer an ihren neuen  A v a n c e n  gegen den
       Redan und  Malachow gearbeitet, und obgleich wir fortwährend ver-
       nahmen, daß  sie "ganz  dicht" an die Russen herangerückt, lernen
       wir jetzt,  daß am  4. August  der Kopf  der Sappe dem russischen
       Hauptgraben nicht  näher war als 115 Metres, und vielleicht nicht
       einmal so nahe. Es ist sicher genugtuend, Heißsporn Pélissier zum
       Bekenntnis getrieben zu sehen, daß sein "System der Stürme" fehl-
       geschlagen, und daß reguläre Belagerungswerke seinen Kolonnen die
       Bahn brechen  müssen. Nichtsdestoweniger bleibt es eine eigentüm-
       liche Kriegsart, 200 000 Mann ruhig in ihren Zelten liegen und in
       Erwartung auf Vollendung der Trancheen einstweilen an Cholera und
       Fieber sterben  zu lassen. Wenn die Tschornaja nicht überschreit-
       bar ist, in Anbetracht der jenseits liegenden uneinnehmbaren rus-
       sischen Position  - wie  die Pariser  Blätter behaupten -, könnte
       eine Expedition  nach Eupatoria zur See und ein Versuch, die Rus-
       sen auf  dieser Seite  ins freie  Feld zu  zwingen und ihre reale
       Stärke und  den Stand ihrer Hilfsmittel auszufinden, immerhin ei-
       niges Ersprießliches  bewirken. Wie es jetzt steht, sind die tür-
       kischen, sardinischen und zur Hälfte die französischen und engli-
       schen Armeen  reduziert auf  die Rolle  passiver  Zuschauer.  Ein
       großer Teil  davon könnte  daher zu  Diversionen verwandt werden.
       Die einzigen  Diversionen aber, von denen wir erfahren, werden in
       Astley's Amphitheater,  in Surrey  Gardens und  Cremorne  Gardens
       aufgeführt, wo  die Russen  jeden Abend,  unter dem Beifallssturm
       der patriotischen Cockneys 1*), entsetzliche Schlappen erleben.
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       1*) ein Spottname der Londoner
       
       #496# Karl Marx/Friedrich Engels
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       Die Russen  müssen in diesem Augenblicke ihre sämtlichen Verstär-
       kungen erhalten und, für die nächstkommende Zeit, das Maximum ih-
       rer Stärke  erreicht haben.  Die Engländer entsenden einige Regi-
       menter mehr,  die Franzosen  haben 10 000-15 000  Mann expediert,
       mehr folgen  nach, und  alles zusammen  sollen 50 000-60 000 Mann
       frische Truppen den alliierten Streitkräften in der Krim zugefügt
       werden. Außerdem  hat die  französische Regierung eine große Zahl
       von Flußdampfschiffen registriert oder angekauft (verschieden an-
       gegeben von 50 zu 100), die alle zu einer Expedition im Schwarzen
       Meere verwandt  werden sollen.  Ob sie  für das Asowsche Meer be-
       stimmt sind oder für die Einfahrt in Dnepr und Bug, wo Otschakow,
       Kinburn, Cherson  und Nikolajew  die  Angriffsgegenstände  bieten
       würden, bleibt  zu sehn. Wir haben früher darauf vorbereitet, daß
       es gegen  Mitte August  zu blutigen Schlägereien kommen werde, da
       um diese  Zeit die  Russen nach  Empfang der Verstärkungen wieder
       die   I n i t i a t i v e  ergreifen würden. 1*) Sie haben in der
       Tat, unter General Liprandi, einen Ausfall auf die an der Tschor-
       naja stehenden  Franzosen und  Sardinier  gemacht  und  sind  mit
       großem Verlust  zurückgeschlagen worden. Der Verlust der Alliier-
       ten ist   n i c h t  angegeben und muß daher sehr bedeutend gewe-
       sen sein.  Es bedarf mehr als telegraphischer Nachrichten, um nä-
       her auf diese Affäre einzugehn.
       In der   O s t s e e  endlich ist "ein großer Schlag geführt wor-
       den". A  great blow  has been  struck! Sieh die englische Presse.
       Bombardement von Sweaborg! Zerstörung von Sweaborg! Alle Erd- und
       andere Werke  liegen in Trümmern! In der Tat, Sweaborg hat aufge-
       hört zu  existieren!  Glorreicher  Triumph  der  Alliierten!  Die
       Flotte befindet  sich in  einem unbeschreiblichen Zustand von En-
       thusiasmus! Und  nun betrachte man die Tatsache selbst. Die alli-
       ierten  Flotten,  6  Linienschiffe,  4  oder  5  große  Fregatten
       (blockships) und  ungefähr 30  Mörserschiffe und Kanonenboote se-
       gelten am  7. August  von Reval  nach Sweaborg.  Am 8. nahmen sie
       ihre Positionen  ein. Die niedrigergehenden Geschwader passierten
       die Sandbänke  und Felsen  westlich von  der Festung,  wo größere
       Schiffe  nicht  passieren  können,  und  stellten  sich,  wie  es
       scheint, in weiter Schußferne von den Inseln auf, worauf Sweaborg
       liegt. Die  großen Schiffe  blieben außerhalb und, soweit wir ur-
       teilen können,  außer dem  Schußrayon der Festungswerke. Dann er-
       öffneten die  Kanonenboote und  Mörserschiffe ihr Feuer. Direktes
       Feuer scheint nicht versucht worden zu sein, sondern bloß Bomben-
       werfen in  der höchsten  Richtung, die  die Kanonen  zuließen. 45
       Stunden währte  das Bombardement. Ein gewisser Schaden ward ange-
       richtet, den  es jedoch  unmöglich ist  zu schätzen  ohne detail-
       lierte Berichte
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 373/374
       
       #497# Der englisch-französische Krieg gegen Rußland
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       von beiden  Seiten. Das  Arsenal und  verschiedene Pulvermagazine
       (offenbar kleinere) wurden zerstört. Die "Stadt" Sweaborg (soviel
       wir wissen  nur ein  paar Häuser,  bewohnt von Leuten, die an der
       Flotte oder  den Festungswerken beschäftigt) ward niedergebrannt.
       Der den  Befestigungen selbst zugefügte Schaden kann nur unbedeu-
       tend sein, denn die Flotten, wie beide Admirale erklären, zählten
       k e i n e n   e i n z i g e n  T o t e n,  nur einige wenige Ver-
       wundete und  gar keinen Verlust in ihrem Material. Bester Beweis,
       daß sie sich auf der sichern Seite hielten, und da dies der Fall,
       konnten sie  zwar bombardieren,  aber nicht  durch direktes Feuer
       wirken, wodurch  allein  Festungswerke  zerstört  werden  können.
       Dundas, bei  weitem anständiger und gehaltener in seiner Depesche
       als der  französische Admiral  (wenigstens nach ihrem Wortlaut im
       "Moniteur", der  vielleicht zu  Paris koloriert  worden) gesteht,
       daß der  zugefügte Schaden  sich von  den 7  Inseln, die Sweaborg
       bilden, auf die 3 beschränkt, die westlich vom Haupteingangskanal
       zur Bucht  von Helsingfors  gelegen sind.  Kein Angriff  auf  den
       Haupteingang scheint auch nur versucht worden zu sein. Die großen
       Schiffe scheinen  untätig zugeschaut  zu haben, und die entschei-
       dende Tat  in einer  solchen Attacke,  das Landen von Truppen zur
       Besitzergreifung und  Zerstörung der  Werke,  kam  gar  nicht  in
       Frage. So  fällt der angerichtete Schaden ausschließlich auf Vor-
       räte und  Magazine, d.h.  auf leicht wiederersetzbare Dinge. Wenn
       die Russen Zeit und Mittel anspannen, kann Sweaborg sich in 3 Wo-
       chen in  so gutem  Zustand befinden  wie je zuvor. Militärisch zu
       sprechen, hat es gar nicht gelitten, und die ganze Geschichte be-
       läuft sich  auf einen Akt, dessen materielle Resultate kaum seine
       Produktionskosten wert  sind und der nur unternommen wurde, teils
       weil die baltische Flotte irgend etwas getan haben muß, bevor sie
       heimkehrt, teils  weil Palmerston die Parlamentssession mit einem
       Feuerwerk schließen  wollte. Leider  ereignete es sich für diesen
       Zweck 24 Stunden zu spät. Das ist die glorreiche Zerstörung Swea-
       borgs durch  die alliierten Flotten. Wir kommen auf diesen Gegen-
       stand zurück, sobald detaillierte Berichte vorliegen.

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