Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Karl Marx
Über die Ereignisse auf den Kriegsschauplätzen
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 395 vom 25. August 1855]
London, 22. August. Die Berichte der Admirale Penaud und Dundas
bestätigen das Urteil, das wir über die "glorreiche Zerstörung
Sweaborgs, des Gibraltar des Nordens" ("Times"-Terminologie) ge-
fällt haben. Heute lesen wir denn auch in einem Londoner Tages-
blatt:
"Derart ist das große Bombardement von Sweaborg beschaffen, daß
nur davon gesagt werden kann, daß dem Feinde in der Ausbreitung
des Brandes möglicherweise bedeutender Schaden erwachsen ist. Es
scheint indes nicht, daß wir viel gewonnen haben. Der Erfolg war
weder brillant noch solid. Nach wie vor bleibt alles zu tun in
der Ostsee übrig."
Die "Times" allerdings, die während des Aufenthalts der Königin
in Frankreich gutes Wetter und gute Neuigkeiten braucht, die seit
einigen Tagen nur couleur de rose 1*) malt und an optimistischer
Fallsucht zu leiden heuchelt, die "Times" besteht hartnäckig dar-
auf, von einer Zerstörung der "Stadt" Sweaborg zu träumen.
Was die Tschornaja-Affäre betrifft, bedarf es zu ihrer Würdigung
vor allem näherer Berichte. Es kommt nämlich alles darauf an, in-
wiefern der Kampf sich um Defileepassagen der Tschornaja drehte
und inwiefern der Wasserstand den Fluß zu einem wirklichen Hin-
dernis machte. Fand die Schlacht ohne ein solches Hindernis vor
der französischen Front statt, so wirft sie großen Makel auf die
Russen. Handelt es sich dagegen um das Forcieren von Defileen,
die nicht zu umgehen waren, so ist der große russische Verlust
erklärt, und die Schlacht kann für beide Teile ehrenvoll sein.
Immer jedoch bleibt es unklar, warum die Russen ihrerseits keine
Umgehung
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1*) rosenfarbig
#499# Über die Ereignisse auf den Kriegsschauplätzen
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durchs Baidartal versuchten. Das aber ist sicher, daß, wenn die
Alliierten nicht freiwillig weggehen, die Russen jetzt ihre Unfä-
higkeit bewiesen haben, sie vom Plateau und der Tschornajalinie
zu vertreiben. So ist die alte Zwickmühle wiederhergestellt.
Der Sturm auf Majachow kann jeden Tag erwartet werden. Mißlingt
er, so befinden sich die Alliierten in einer schlimmen Lage. Ge-
lingt er, was immerhin möglich, wenn auch mit ungeheuren Verlu-
sten, so ist darum die Südseite noch nicht verloren, es sei denn,
daß man sie räumen müßte aus Mangel an Lebensmitteln. Jedenfalls
aber hätten die Alliierten dann die Aussicht gewonnen, die Russen
vor dem Winter daraus zu vertreiben. Die Nachrichten über den Ge-
sundheitszustand der englischen Armee in der Krim lauten wider-
sprechend. Nach einem Berichte würden monatlich 1000 englische
Soldaten in den Laufgräben dienstunfähig. Positiv ist, daß von
einem einzigen Regiment, dem 1.0. Husarenregiment, 676 Mann
stark, sich 161 krank befinden. Dr. Sutherland, Haupt der von der
Regierung nach der Krim gesandten Gesundheitskommission, schreibt
in einem an den Grafen Shaftesbury gerichteten Brief u.a.:
"Woche endend 7. Juli: Stärke der englischen Armee 41 593, Ge-
samt-Todesfälle 150, Tod an Cholera 71, an Fieber 17, an Diarrhoe
19, an der roten Ruhr 2. Woche endend 14. Juli : Stärke der Armee
42 513, Gesamt-Todesfälle 123, Tod an Cholera 55, an Fieber 18,
an Diarrhoe 10, an der roten Ruhr 5. An Wunden starben in der er-
sten Woche 44, in der zweiten 30, zusammen 74."
Die Todesfälle infolge von Krankheiten verhalten sich also zu den
Todesfällen infolge von Wunden während der zwei ersten Wochen des
Juli beinahe wie 4:1. Dr. Sutherland zieht folgenden Kontrast
zwischen dem Gesundheitszustand der Armee im vergangenen Winter
und im gegenwärtigen Sommer:
"Die Wintersterblichkeit hat einen ganz andern Charakter als die
Sommersterblichkeit. Kaum eine der Ursachen - nämlich schlechte
Nahrung, Mangel an Ruhe, Überarbeit, Mangel an Kleidung und Ob-
dach, Unbeschütztheit gegen die Elemente, die fast in der ganzen
Armee scorbutis hervorriefen - existiert jetzt. Damals waren alle
Krankheitsfälle skorbutisch und daher die greuliche Sterblichkeit
in den Spitälern zu Skutari; es war nur zu vergleichen mit der
Hungerpest in Irland (1847); jetzt dagegen haben wir Fieber und
Cholera, deren Intensivität in unserem Lager zweifelsohne durch
große Sorgfalt für die Soldaten gemildert worden ist."
Der Gesundheitszustand der belagerten Armee ist in diesem Augen-
blick unstreitig schlechter als der der Belagerer. Dr. Suther-
lands Brief kann indes um so weniger unbedingtes Vertrauen bean-
spruchen, als ein neulicher Vorfall
#500# Karl Marx
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beweist, daß die Kritik im englischen Lager b e s t r a f t
wird. Ungefähr vor sechs Wochen brachte die "Times" nämlich ein
anonymes Schreiben, worin die unverzeihliche Behandlung der Ver-
wundeten, nach dem blutigen Gemetzel vom 18. Juni, denunziert
war. Das Kriegsdepartement verlangte, den Namen des Korresponden-
ten von der "Times" zu erhalten. Die Forderung ward abgeschlagen,
es sei denn, daß Herr Friedrich Peel ausdrücklich verspreche, den
Korrespondenten wegen seiner Enthüllungen nicht heimzusuchen.
Peel ging auf diese Bedingung nicht ein, denunzierte aber die
Weigerung der "Times" im Parlament. Herr Bakewell (Assistent-Sur-
geon 1*)), der Verfasser des fraglichen Briefes, war unterdes
krankheitshalber nach Skutari beurlaubt worden. Dies geschah
Mitte Juli. Die Behörden im Lager entdeckten durch ein oder das
andere Mittel seine Autorschaft. Hinter seinem Rücken und w ä h-
r e n d s e i n e r A b w e s e n h e i t wurde aus den höhe-
ren Medizinalbeamten, großenteils selbst durch Bakewells Brief
kompromittiert, ein Untersuchungsgericht niedergesetzt, das ihn
verurteilte, ohne Gelegenheit zur Selbstverteidigung oder zum
Beweis seiner Anklage gewährt zu haben. Am 3. August ward seine
Absetzung in einer allgemeinen Ordre du Jour 2*) der Armee be-
kanntgemacht. An diesem Vorfall ist die Glaubwürdigkeit der eng-
lischen offiziellen oder halboffiziellen Berichte über den Ge-
sundheitszustand der Armee, Pflege der Verwundeten usw. zu mes-
sen.
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1*) Assistenzarzt - 2*) Tagesbefehl
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