Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Friedrich Engels
Der Kampf auf der Krim
["New-York Daily Tribune" Nr. 4323 vom 26. Februar 1855,
Leitartikel]
Unmittelbar nach der Schlacht an der Alma und dem Marsch der Al-
liierten nach Balaklawa gaben wir der Meinung Ausdruck, daß das
endgültige Ergebnis der Krimkampagne davon abhängen dürfte, wel-
che der kämpfenden Seiten zuerst genügend neue Truppen heranbrin-
gen wird, um sie in Anzahl und Schlagkraft ihrem Gegner überlegen
zu machen [46]. Seit dieser Zeit hat sich die Lage der Dinge be-
trächtlich verändert, und viele Illusionen sind zerstört worden.
Doch während der ganzen Zeit waren sowohl die Russen als auch die
Alliierten in einer Art Hindernisrennen um Verstärkungen enga-
giert, und wir müssen sagen, daß die Russen in diesem Kampf im
Vorteil sind. Trotz all der gepriesenen Fortschritte auf dem Ge-
biet der Technik und der Transportmittel durchquert eine Armee
russischer Barbaren dreihundert oder fünfhundert Meilen Straßen
viel leichter als eine Armee hochzivilisierter Franzosen und Eng-
länder zweitausend Seemeilen, insbesondere dann, wenn es sich die
letzteren zur Aufgabe machen, alle ihnen von ihrer hohen Zivili-
sation gebotenen Vorteile außer acht zu lassen, und die russi-
schen Barbaren es sich leisten können, zwei Soldaten auf einen
der Alliierten zu verlieren, ohne ihre schließliche Überlegenheit
einzubüßen.
Was kann jedoch den Alliierten bevorstehen, wenn eine ihrer Ar-
meen - die britische - in der Verzweiflung, von den Russen ver-
nichtet zu werden, absichtlich darauf aus ist, sich selbst mit
einer systematischen Beharrlichkeit, einem Eifer und einem Erfolg
zu vernichten, der alle ihre früheren Heldentaten, auf welchem
Gebiet auch immer, in den Schatten stellt. Aber das ist der Fall.
Die britische Streitkraft, so informiert man uns jetzt, hat auf-
gehört als Armee zu bestehen. Von 54 000 sind noch einige wenige
tausend Mann unter Waffen, und selbst sie werden nur deshalb als
"dienstfähig" aufgeführt, weil
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in den Hospitälern kein Raum für sie zum Sterben vorhanden ist.
Von den Franzosen mögen jetzt noch einige 50 000 von der doppel-
ten Anzahl unter Waffen stehen. Auf alle Fälle haben sie es fer-
tiggebracht, im Verhältnis zu den Briten mindestens fünfmal so-
viel Soldaten in einem kampffähigen Zustand zu halten. Was aber
sind schon fünfzig- oder sechzigtausend Mann, um den Herakleati-
schen Chersones den Winter über zu halten, Sewastopol auf der
Südseite zu blockieren, die Laufgräben zu verteidigen und - mit
dem, was von ihnen noch übriggeblieben sein mag - im Frühling die
Offensive zu ergreifen?
Einstweilen haben die Briten aufgehört, Verstärkungen zu schic-
ken. Tatsächlich scheint Raglan, der seine Armee aufgegeben hat,
auch keine zu wünschen, da er nicht weiß, wieder selbst den ihm
verbliebenen Rest verpflegen, unterbringen und beschäftigen soll.
Die Franzosen mögen neue Divisionen für Verschiffung im März be-
reithalten, aber sie haben hinreichend zu tun, um im Falle einer
großen Frühlingskampagne auf dem Kontinent gerüstet zu sein. Üb-
rigens stehen zehn Chancen gegen eine, daß das, was sie schicken,
entweder zu schwach sein oder zu spät anlangen wird. Diesem Um-
stand abzuhelfen, wurden zwei Schritte unternommen, und beide
zeugen von der völligen Hilflosigkeit der Alliierten, das Ver-
hängnis abzuwenden, das langsam, aber unausweichlich auf ihre Ar-
meen auf der Krim zukommt. Erstens, um den kolossalen Fehler,
diese Expedition vier Monate zu spät unternommen zu haben, wie-
dergutzumachen, begehen sie den unvergleichlich größeren Fehler,
vier Monate nach ihrem eigenen Eintreffen, im tiefsten Winter den
einzigen Überrest einer anständigen Armee, den die Türkei noch
besitzt, nach der Krim zu senden. Diese Armee, schon ruiniert und
in der Auflösung begriffen zu Schumla infolge der Nachlässigkeit,
Unfähigkeit und Korruption der türkischen Regierung, wird, einmal
auf der Krim gelandet, durch Kälte und Hunger in einem Verhältnis
zusammenschmelzen, das selbst die Leistungen des englischen
Kriegsministeriums auf diesem Gebiet verblassen läßt - d.h., wenn
die Russen die Vernunft aufbringen, die Türken, ohne sie an-
zugreifen, eine Zeitlang sich selbst zu überlassen. Erlaubt das
Wetter einen Angriff, werden die Türken sofort vernichtet werden,
wenn auch um einen höheren Preis und wohl kaum mit einem Vorteil
für die Russen, es sei denn einem moralischen.
Alsdann haben die Alliierten 15 000-20 000 Piemontesen in ihren
Sold genommen - nur so kann man das ausdrücken -, die die dünnen
Reihen der britischen Armee auffüllen und von dem britischen Kom-
missariat genährt werden sollen. Die Piemontesen haben sich als
tapfere und gute Soldaten während 1848 und 1849 gezeigt. Meist
Gebirgsbewohner, besitzen sie eine
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Infanterie, die für das Plänkeln und Fechten auf durchbrochenem
Grunde sogar in einem höheren Grade als die der Franzosen ge-
eignet ist, während die Ebenen des Po eine Kavallerie liefern,
deren hochgewachsene, wohlproportionierte Gestalten einen an die
Eliteregimenter der britischen Horse Guards [38] erinnern. Über-
dies haben sie die harten Revolutionsfeldzüge nicht ohne Gewinn
mitgemacht. Ohne Zweifel werden sich diese beiden piemontesischen
Divisionen als eine gute "Fremdenlegion" in diesem Kriege erwei-
sen. Was sollen aber diese leichtfüßigen, beweglichen, gewandten,
kleinen Kerle unter dem Kommando eines alten britischen Martinet
1*) tun, der vom Manövrieren keine Ahnung hat und von seinen Sol-
daten nur die verbissene Starrköpfigkeit erwartet, die die Glorie
und gleichzeitig die einzige militärische Qualität des britischen
Soldaten ist? Man wird sie in Stellungen bringen, die für ihre
Kampfesweise ungeeignet sind und sie daran hindern, das zu tun,
wofür sie tauglich sind, während man von ihnen Dinge erwartet,
die ein vernünftiger Mensch ihnen niemals zumuten würde. Eine
britische Armee so sinnlos, geradewegs und dumm, wie das an der
Alma geschehen ist, ins Schlachthaus zu führen, mag der kürzeste
Weg für sie sein, die vor ihr stehenden Aufgaben zu lösen. Der
alte Herzog 2*) nahm die Dinge gewöhnlich genauso leicht. Viel-
leicht kann man deutsche Truppen das gleiche tun lassen, obwohl
die hohe militärische Ausbildung der deutschen Offiziere einen
solchen Mangel an Feldherrnkunst auf die Dauer nicht ertragen
wird. Doch so etwas mit einer französischen, italienischen oder
spanischen Armee zu wagen - mit Truppen, die hauptsächlich für
leichten Infanteriedienst, für das Manövrieren und für die Aus-
nutzung der Vorteile des Bodens geeignet sind, d.h. mit Truppen,
deren Kampffähigkeit in einem bedeutenden Maße von der Behendig-
keit und dem schnellen Blick jedes einzelnen Soldaten abhängt -,
ist unmöglich; solch eine plumpe Methode der Kriegführung wird
niemals angehen. Die armen Piemontesen werden jedoch wahrschein-
lich von der Prüfung, auf englische Weise zu kämpfen, verschont
bleiben. Verpflegt werden sollen sie von jener berüchtigten Kör-
perschaft, dem britischen Kommissariat, das niemals jemanden denn
sich selbst zu verpflegen vermochte. So werden sie also das
Schicksal der neu eintreffenden britischen Truppen teilen. Genau
wie bei diesen werden hundert Mann in einer Woche sterben, und
dreimal soviel wird man in die Hospitäler schaffen. Wenn Lord
Raglan glaubt, daß die Piemontesen seine Unfähigkeit und die sei-
ner Kommissäre so ruhig wie die britischen Truppen hinnehmen wer-
den, so dürfte er sich in einem schweren Irrtum
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1*) Name eines französischen Generals unter Ludwig XIV.; (hier:)
strengen Vorgesetzten (gemeint ist Raglan) - 2*) Wellington
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befinden. Nur die Briten und Russen würden unter solchen Umstän-
den in Gehorsam verharren, und wir müssen sagen, es gereicht ih-
rem Nationalcharakter nicht zur Ehre.
Dieser melancholische Feldzug - so melancholisch und rauh wie die
sumpfige Hochebene von Sewastopol - wird vermutlich diesen Ver-
lauf nehmen: Sobald die Russen völlig konzentriert sind und das
Wetter es erlaubt, werden sie wahrscheinlich zuerst die Türken
unter Omer Pascha angreifen. Dies wird erwartet von Briten, Fran-
zosen und Türken, so gut kennen sie die wenig beneidenswerte
Stellung, die man den letzteren angewiesen hat; auf alle Fälle
zeigt es, daß die Türken völlig bewußt nach dem Norden geschickt
werden. Für die verzweifelte Lage der Alliierten kann man sich
keinen besseren Beweis denken, als er in diesem unfreiwilligen
Eingeständnis ihrer eigenen Generale enthalten ist. Daß die Tür-
ken geschlagen werden, kann man als sicher annehmen. Was wird
dann das Schicksal der alliierten Armeen und der piemontesischen
Truppen sein? Das Renommieren von einem Sturm auf Sewastopol hat
man jetzt fast ganz eingestellt. In der Londoner "Times" finden
wir über dieses Kapitel einen Brief des Obersten E[dward] Napier
vom 3. Februar des Inhalts, daß, wenn die Alliierten die Südseite
Sewastopols attackieren, sie sehr wahrscheinlich in die Stadt
eindringen werden; aber das überwältigende Feuer der nördlichen
Forts und Batterien wird sie zu Brei zerstampfen, während sie
gleichzeitig von der russischen Armee im Felde belagert werden.
Diese Armee, sagt Oberst Napier, sollte erst geschlagen werden,
und dann sollte man sowohl die Nord- wie auch die Südseite der
Stadt einschließen. Als ein treffendes Beispiel erinnert er an
die Tatsache, daß der Herzog von Wellington zweimal die Belage-
rung von Badajoz aufhob, um gegen eine Entsatzarmee zu marschie-
ren. [47] Oberst Napier hat ganz recht, und "The Tribune" sagte
das gleiche zur Zeit des berühmten Flankenmarsches auf Bala-
klawa'481. Was jedoch das Eindringen der Alliierten in Sewastopol
betrifft, so scheint er die besondere Beschaffenheit der russi-
schen Verteidigungswerke zu übersehen, die es unmöglich machen,
den Platz durch einen einzigen Sturm zu nehmen. Da sind zunächst
Außenwerke, dann der Hauptwall und dahinter die in Redouten ver-
wandelten Gebäude der Stadt, verbarrikadierte Straßen, mit
Schießscharten versehene Häuserblöcke und schließlich die mit
Schießscharten versehenen Hinterwälle der Küstenforts, die einer
nach dem andern einen besonderen Angriff erfordern - vielleicht
eine besondere Belagerung und sogar Minieroperationen. Darüber
hinaus haben seit einiger Zeit die erfolgreichen Ausfälle der
Russen hinlänglich bewiesen, daß man sich der Stadt bis zu einem
Punkte genähert hat, wo die Kräfte der Gegner sich völlig die
Waage halten und der Angriff, mit Ausnahme der
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Artillerie, jedes Übergewichts beraubt ist. Solange Ausfälle
nicht vereitelt werden können, ist jeder Gedanke an Stürmung lä-
cherlich. Der Belagerer, der unfähig ist, den Belagerten auf den
Raum der eigentlichen Festung zu beschränken, ist noch weniger
fähig, diese Festung durch einen Nahkampf wegzunehmen.
So werden also die Belagerer in ihrem Lager fortvegetieren. Ge-
fesselt durch ihre Schwäche und durch die russische Armee im
Felde, werden sie fortfahren zusammenzuschmelzen, während die
Russen neue Streitkräfte herbeibringen. Wenn nicht das neue bri-
tische Ministerium einige ganz unerwartete Hilfsquellen in Gang
setzt, wird der Tag kommen, da Briten, Franzosen, Piemontesen und
Türken vom Boden der Krim hinweggefegt werden.
Geschrieben um den 9. Februar 1855.
Aus dem Englischen.
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