Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Karl Marx
Österreich und der Krieg
["New-York Daily Tribune" Nr. 4493 vom 13. September 1855,
Leitartikel]
Wir bringen auf einer anderen Seite unseren Lesern den Bericht
eines österreichischen Offiziers über eine Inspektionsreise Kai-
ser Franz Josephs zur galizischen Armee. Die vom Verfasser er-
zählten Begebenheiten dieser Reise und seine Bemerkungen über die
Standorte der kaiserlichen Streitkräfte bestätigen unsere bei
früheren Gelegenheiten dargelegte Meinung, daß Österreich, als es
im vergangenen Jahr Kriegsvorbereitungen traf, keineswegs eine
Komödie aufgeführt hat zur Täuschung der Westmächte. Es konnte
sicherlich nicht auf ein solches Opfer eingehen, nur um der Welt
Sand in die Augen zu streuen [262].
Es ist wahr, daß Österreich nur durch die äußerste Notwendigkeit
dazu gebracht wurde, sich gegen Rußland zu bewaffnen; und
tatsächlich klammerte sich Österreich, solange ein Aufschub mög-
lich war, an den Spinnfaden eines in Aussicht gestellten Frie-
dens, den die russische Diplomatie als Köder hinhielt. Schließ-
lich war seine Geduld jedoch erschöpft, und St. Petersburg erfuhr
überrascht und nicht ohne Schrecken, daß an der galizischen
Grenze österreichische Kolonnen aufgestellt wurden. Das geschah
zu einer Zeit, als die Russen nicht einmal die bloße Möglichkeit
einer solchen Kriegsrüstung gelten ließen und es völlig außer
Frage stand, eine Armee von gleicher Stärke auf russischer Seite
in ebenso kurzer Zeit zu konzentrieren. Deshalb mußte wieder zur
Kunst der Diplomatie gegriffen werden. Es braucht nicht wieder-
holt zu werden, auf welche Weise und mit welchem Erfolg das un-
ternommen wurde. Die ganze gewaltige Armee, die noch unlängst an
den galizischen Grenzen zusammengezogen worden war, wurde sofort
aufgelöst [263] und damit die Befürchtungen Rußlands für diesen
Raum teilweise zerstreut. Wir sagen teilweise, weil mit dieser
Armee zwei wichtige Elemente in Erscheinung
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getreten sind, die mit der Auflösung der Armee nicht verschwin-
den. Das sind die Befestigungen und Eisenbahnen, die während des
Aufenthalts der Armee in Galizien errichtet, erneuert oder ver-
vollständigt wurden.
Während in allen anderen Teilen des Reiches die Regierung sich
von dem Prinzip leiten ließ, Eisenbahnunternehmen privaten Speku-
lanten zu überlassen, während die Westeisenbahn, die Wien mit
München verbinden sollte, sogar auffallend vernachlässigt wurde,
beschäftigte Baron Heß, der Oberkommandierende in Galizien, tau-
sende Soldaten bei dem Bau einer Linie, die, wie groß auch immer
ihr strategischer Wert sein mag, wenigstens gegenwärtig von zwei-
felhaftem kommerziellen Nutzen ist. Das Projekt zum Bau dieser
Linie hätte unter anderen Umständen auch noch in den nächsten
dreißig Jahren in den Schreibtischen privater Ingenieure verblei-
ben können. Für Rußland konnte nichts unangenehmer sein als der
Bau dieser Schienenwege, durch die Österreich jetzt in der Lage
ist, die gerade aufgelöste Armee in nicht einmal dem fünften Teil
der Zeit wieder zu sammeln, die Rußland brauchen würde, um eine
ähnliche Armee aufzustellen. Wer immer sich die Mühe machen will,
die Statistiken des österreichischen Eisenbahnunternehmens zu
durchforschen, und das, was zu rein politischen Zwecken im Osten
getan wurde, vergleicht mit der geringen Aufmerksamkeit, die den
Handelsinteressen im Westen gezollt wird, kann nicht daran glau-
ben, daß der Bau dieser galizischen Schienenwege so beschleunigt
wurde, um lediglich die Welt irrezuführen. Es ist in der Tat
klar, daß eine schnelle Vollendung der westlichen Linien, die
Österreich mit Bayern verbinden, einem solchen Zweck weit besser
entsprochen hätte.
Unsere Meinung bestätigt sich in noch höherem Maße durch die
kürzlich vorgenommenen ausgedehnten Verbesserungen und die Ver-
mehrung der Befestigungen in den östlichen Provinzen Österreichs.
Wenn der Bau von Eisenbahnen erklärt werden kann aus strategi-
schen oder aus anderen Erwägungen, so erlauben die Errichtung und
Vollendung eines Befestigungssystems und die durch solche Werke
entstehenden unproduktiven Ausgaben gewiß keine Erklärung, die
über das unmittelbare Bedürfnis derselben hinausgeht. Was wir
über die verhältnismäßige Ausdehnung der Eisenbahnbauten im Osten
und Westen Österreichs gesagt haben, trifft in einem noch viel
höheren Maße auf diese Befestigungen zu. Von den sechsunddreißig
Festungen des österreichischen Imperiums gehören sieben direkt
und neun indirekt zu der östlichen Verteidigungslinie, wovon die
meisten erst kürzlich zu einer hohen Vollkommenheit entwickelt
wurden, wie zum Beispiel Krakau, Przemysl und Zaleszczyki. Die
beiden ersteren beherrschen gemeinsam mit Lemberg, das wegen sei-
ner Lage nicht stärker befestigt werden kann, die
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Straße nach Warschau; letztere liegt am östlichsten Ende Galizi-
ens gegenüber der wichtigen russischen Festung Chotin. Krakau ist
zu einer Festung erster Ordnung gemacht worden, und alle seine
Werke, ebenso wie die der anderen galizischen Festungen, sind in
völlige Kriegsbereitschaft versetzt worden. Es war einmal in der
österreichischen Armee Brauch, das Kommando der Festungen alten
ausgedienten Generalen zu übertragen, als eine Art ehrenhafter
Ruhestellung, und solche Plätze wurden als eine Art Exil für Of-
fiziere angesehen, die beim Hof in Ungnade gefallen sind; doch
jetzt finden wir im ganzen Osten und Nordosten wirklich fähige
Männer, verdienstvolle Generale und hervorragende Stabsoffiziere
beim Kommando der Festungen. Krakau wird von Feldmarschall Wolter
kommandiert, Przemysl von Generalmajor Ebner, Zaleszczyki von Ge-
neralmajor Gläser, Karlsburg in Transsylvanien von General Sedl-
mayer und Olmütz, an der nordwestlichen Flanke, von General von
Böhm. In derselben Zeit ist es im Westen gerade umgekehrt - dort
sind Männer und Dinge nahezu Ruinen, die ruhig weiterem Verfall
überlassen werden. Wie aber würde sich das Bild dort verändern,
würden die Westmächte sich herausnehmen, Österreichs Politik als
zweideutig zu bezeichnen! Wie würde sich die österreichische Ob-
rigkeit beeilen, Linz mit seinen vierzig Maximilian-Türmen, das
jetzt kaum als Festung betrachtet wird, und Salzburg, einst eine
Feste erster Ordnung, wiederherzustellen! Was sehen wir statt
dessen? Völlige Tatenlosigkeit und völliges Fehlen irgendwelcher
Kriegsvorbereitungen. Sogar die Soldaten, die vom Osten zurück-
kehren, wo sie erhofften, Lorbeeren zu ernten, verlieren ihren
Kampfgeist, sobald sie sich der bayrischen Grenze nähern.
Da das Tatsachen sind, die für sich selbst sprechen, bleibt nur
noch eine Frage, die geklärt werden muß, nämlich: durch wessen
Schuld wurde die österreichische Politik vereitelt und diesem
Land eine gewaltige zusätzliche Schuld auferlegt, ohne unmittel-
baren Vorteil für es selbst oder für seine offensichtlichen Alli-
ierten? Wir wissen, daß in Wien die Meinung verbreitet ist und
überall in Deutschland wiederholt wird, nach der Österreich
zurückgewichen ist aus Furcht, in Preußen einen zweiten Gegner zu
finden, und weil ein ohne die Hilfe Deutschlands unternommener
Krieg keine Garantie für seine schnelle Beendigung geben würde,
wie es die außergewöhnliche Lage des Reiches erheischt. Wir müs-
sen jedoch auf der gegenteiligen Ansicht bestehen. Wir meinen,
hätte Österreich die russische Armee kühn angegriffen, dann wäre
Preußen und das übrige Deutschland, mehr oder weniger langsam
oder zögernd, gezwungen gewesen, seinen Spuren zu folgen.
Wer muß also für die gegenwärtige österreichische Politik verant-
wortlich gemacht werden? England unter der Führung jenes glänzen-
den Zauderers
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und redseligen Aufschneiders Lord Palmerston. Um diese Behauptung
zu beweisen, muß man das militärische Lager verlassen und sich in
das diplomatische Labyrinth begeben. Am 23. Juli fragte Herr Dis-
reali den Lord John Russell nach der Autorität seiner Erklärung,
daß "eine der Hauptursachen der Krimexpedition Österreichs Wei-
gerung war, den Pruth zu überschreiten". Lord John konnte sich
nicht erinnern, das heißt, er sagte, seine "Autorität sei eine
Erinnerung im allgemeinen". Herr Disreali richtete dann dieselbe
Frage an Lord Palmerston, der
"keine derartigen Fragen beantworten wollte, die bruchstückweise
aus einer langen Reihe von Verhandlungen zwischen Ihrer Majestät
Regierung und der Regierung eines der Souveräne, der zu einem ge-
wissen Grade ein Alliierter Ihrer Majestät sei, herausgerissen
wären. Alles, was er in bezug auf sich selbst sagen könne, war,
daß er immer der Ansicht gewesen sei, daß die Krim der Ort wäre,
wo der wirksamste Schlag gegen das Übergewicht Rußlands auf dem
Schwarzen Meer geführt werden könne; und wenn es keinen andern
Grund geben sollte, so wäre das nach seiner Meinung für einen
Feldzug völlig ausreichend." "Meine Meinung", erklärte er, "war,
daß die Krimexpedition der beste Schritt war, der unternommen
werden konnte."
So erfahren wir durch Lord Palmerston, daß der Krimfeldzug nicht
durch Österreich, nicht durch Bonaparte, sondern durch ihn selbst
begonnen habe. Am 26. Juni erklärte Lord Lyndhurst, als er einen
heftigen Angriff gegen Österreich führte, daß Österreich
"zu Beginn des Juni sich entschlossen hätte, Rußland zur Räumung
der Fürstentümer aufzufordern. Die Aufforderung sei in sehr har-
ten Ausdrücken erfolgt, die eine Art von Drohung einschlössen,
zur Waffengewalt zu greifen, wenn der Forderung keine Genüge ge-
schehe."
Nach einigen historischen Bemerkungen fuhr der gelehrte Lord
fort:
"Setzte Österreich unmittelbar irgendeinen Angriff auf Rußland
ins Werk? Versuchte es, in die Fürstentümer einzurücken? Weit
entfernt! Es enthielt sich jeder Handlung mehrere Wochen lang,
bis die Belagerung von Silistria aufgehoben und die russische Ar-
mee im Rückzug begriffen war, und nachdem Rußland selbst erklärt
hatte, es werde innerhalb einer bestimmten Zeit die Fürstentümer
räumen und sich hinter den Pruth zurückziehen."
Damit wirft Lord Lyndhurst Österreich vor, eine Sache zu sagen
und eine andere zu tun. Ihm folgte Lord Clarendon in der Debatte,
und von ihm können wir einen Begriff von dem Genius bekommen, der
das Österreich von Mai und Juni in das Österreich von Juli und
August verwandelte. Er sagt,
"als Österreich seine sukzessiven Verpflichtungen gegen England
und Frankreich übernahm und seine ausgedehnten und kostspieligen
Kriegsvorbereitungen traf - als es
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ferner vorschlug, daß Militärkommissionen von Frankreich und Eng-
land in das Hauptquartier des Generals Heß gesandt würden, beab-
sichtigte und erwartete es ohne Zweifel "den Krieg. Aber es er-
wartete ebenfalls, daß, lange bevor die Jahreszeit für den Beginn
von Kriegsoperationen eingetroffen, die alliierten Armeen ent-
scheidende Siege in der Krim erfochten haben, daß sie frei und
fähig sein würden, andere Operationen im Bunde mit seinen eigenen
Streitkräften zu unternehmen. Das war unglücklicherweise nicht
der Fall, und hätte Österreich auf unsere Einladung den Krieg er-
klärt, so würde es ihn aller Wahrscheinlichkeit nach allein zu
führen gehabt haben."
Damit steht die Erklärung Lord John Russells im direkten Gegen-
satz zu der Darlegung Lord Clarendons. Lord John erklärt, daß die
Krimexpedition in See ging, weil Österreich sich weigerte, den
Pruth zu überschreiten - das heißt, an dem Krieg gegen Rußland
teilzunehmen. Lord Clarendon sagt uns, daß Österreich an dem
Krieg gegen Rußland nicht teilnehmen konnte wegen der Krimexpedi-
tion.
Als nächstes können wir mit Nutzen eine unwiderlegte Erklärung
Lord Ellenboroughs in Erwägung ziehen:
"Bevor die Krimexpedition abgesandt wurde, machte Österreich den
Vorschlag, mit den alliierten Mächten über zukünftige Kriegsope-
rationen Verbindung aufzunehmen; die Alliierten jedoch, nach vor-
gefaßten Meinungen handelnd, entsandten jene Expedition, und nun
erklärte Österreich sofort, es könne isoliert die Russen nicht
angreifen, und die Krimexpedition zwinge es, eine andere Verfah-
rungsart einzuschlagen. In einer späteren Periode, gerade beim
Beginn der Wiener Konferenzen [17], als es von der höchsten Wich-
tigkeit war, daß Österreich mit uns handeln sollte - zu dieser
Zeit, stets noch ausschließlich beschäftigt mit dem Erfolg Ihrer
Operationen in der Krim, zogen Sie aus der unmittelbaren Nachbar-
schaft Österreichs 50000 gute türkische Truppen zurück und be-
raubten es so des einzigen Beistandes, worauf es im Falle einer
Kriegsexpedition gegen Rußland rechnen konnte. Es ist daher klar,
meine Herren Lords, wie auch aus den Erklärungen des edlen Grafen
folgt, daß es unsere übelberatene Krimexpedition war, die Öster-
reichs Politik lähmte und die es in eine solch schwierige Posi-
tion drängte, daß es sofort daran gehindert wurde, einen Kurs zu
verfolgen, der seiner Ehre, seiner Würde und seinen Interessen
gemäß wäre. Ehe diese Expedition nach der Krim segelte, wagte ich
es der Regierung anzuzeigen, welches seine notwendigen Folgen
sein würden. Ich wies auf die Wirkung hin, die diese Expedition
auf Österreichs Politik hervorbringen würde."
Der Rat Lord Ellenboroughs wurde nicht befolgt. Palmerston ent-
sandte die Krimexpedition in dem gleichen Augenblick, als deren
Abreise am besten geeignet war, Österreichs Feindseligkeiten ge-
gen Rußland zu verhindern und zu verhüten. Es sieht beinahe so
aus, als ob er beabsichtigt hätte, dem großen Feinde Englands
Hilfe zu leisten, und als ob er absichtlich Österreich in seine
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gegenwärtige zweideutige Lage in den Fürstentümern gebracht habe,
um es der russischen Diplomatie auszuliefern und es noch näher an
den Rand des Abgrundes zu drängen, in den es schließlich sinken
muß. In dieser Angelegenheit, wie in so vielen anderen während
seiner langen und unrühmlichen Laufbahn, hat Palmerston glänzende
Erfolge gehabt in der Verteidigung der Interessen Rußlands, was
auch immer sein wirklicher Vorsatz gewesen ist.
Geschrieben Ende August 1855.
Aus dem Englischen.
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